die Ausscheidung der krankmachenden Stoffe zu unterstützen,
bald zu steigern, bald zu mäßigen oder von abnorm ungünstigen
Durchbruchsstellen abzulenken. Bevor das Fieber seinen Typus nicht
verriet, im Stadium der „Roheit der Säfte“ nahmen die Hippokratiker
keinen Eingriff vor, sondern erst im Stadium der „Kochung“, wenn
es durch gewisse Erscheinungen angezeigt war. „Abführen und in Fluß
bringen soll man Gekochtes, nicht aber Rohes und auch nicht gleich
zu Anfang, wenn es nicht nach außen drängt“ (Aph. I, 22). „Sich
Abscheidendes oder eben erst Abgeschiedenes soll weder getrieben, noch
von neuem geschärft werden, weder durch Arzneien, noch andere Reize,
sondern in Ruhe gelassen werden“ (Ibid. 20). Mittel zur Unterstützung
stockender Entleerung waren ~milde Abführmittel~, ~Brechmittel~,
~Blutentziehung~, daneben auch Diuretika, keineswegs aber eigentliche
Schwitzmittel. Die Wege, welche die Säfte selbst einschlagen, sollen in
der Regel auch Ziel des ärztlichen Eingriffes sein, d. h. der Abfluß
ist in seiner Richtung zu fördern: „Was man ableiten muß, soll man
da, wohin es sich wendet, abführen, durch die dazu geeigneten Stellen“
(Aph. I, 21). Wollen die Säfte aber dahin gehen, wo es nicht förderlich
ist, z. B. der Schleim nach der Lunge, so muß man sie einen Seitenweg
führen oder sogar ihren Strom wenden, indem man diejenigen nach unten
zieht, die nach oben streben und umgekehrt.
Die Wahl von meistens milden Abführ- und Brechmitteln beweist schon,
daß es sich den Hippokratikern zumeist weniger um drastische Entleerung
handelte -- die sie sogar verwarfen --, als vielmehr um Ableitung der
schädlichen Säfte. Hierzu diente, namentlich bei heftigen Entzündungen,
als mächtigstes Mittel der Aderlaß, welcher verhältnismäßig selten,
dann aber in dringenden Fällen auch energisch angewendet wurde. Die
Venäsektion nahm man zumeist am Arme, am Fuß, in der Kniekehle, an der
Zunge u. s. w. vor und trieb sie, je nach dem Kräftezustand, soweit
als möglich, selbst bis zur Ohnmacht[56]; denn „für äußerste Leiden
sind mit Umsicht angewandte äußerste Heilarten am besten“. Aehnliche,
aber weit geringere Wirkung erfolgte durch das Schröpfen[57] oder
Skarifikationen; der Gebrauch der Blutegel war noch nicht bekannt.
Zugleich mit der Ableitung der Säfte wurde bei der Blutentziehung
ebenso wie bei der Kauterisation die Linderung der Schmerzen[58]
beabsichtigt.
[56] Ueber die Ausführung des Aderlasses gaben die Schriften de
medico, de vulnerib. et ulc. und de vict. acut. zweckmäßige
Vorschriften. In der Regel wurden, wenn es der Kräftezustand
erlaubte, bedeutende Blutmengen, je nach der Schwere der
Krankheit, entzogen; bei Kindern, Greisen und Schwangeren
wendete man größere Vorsicht an. Gewöhnlich wählte man zur
Applikation solche Stellen, die dem leidenden Teile so nahe
als möglich sind, oder vermeintlich mit den leidenden Teilen
in Verbindung stehen. -- Prophylaktische Aderlässe sollen nur
im Frühjahre ausgeführt werden.
[57] Der Schröpfkopf (σικύᾳ) war aus Horn, Glas, Bronze oder einem
Flaschenkürbisende verfertigt.
[58] In leichten Fällen kamen Fomente zur Anwendung. -- Das Opium
diente nur als schlafmachendes, nicht aber als schmerzstillendes
Mittel.
Wie die Behandlung des Schmerzes zeigt, war die Denkweise der
Hippokratiker auf die Beseitigung der Krankheitsgrundlage gerichtet,
nicht bloß auf die Beseitigung der Symptome, sie erfüllten zum
mindesten die Indicatio morbi, wie man in späterer Terminologie sagt.
Darum wird es auch in de victu acut. (Kap. 44) als Fehler betrachtet,
wenn ein Arzt einem Kranken eine zu große Menge von Nahrung zuführt,
in der Meinung, er sei krank durch Leerheit der Gefäße, oder umgekehrt
einen anderen, der wirklich infolge von Leerheit der Gefäße erkrankt
ist, mit knapper Diät herunterbringt. ~Erscheint im Lichte unserer
heutigen Krankheitsauffassung das tatsächliche therapeutische Wirken
der Hippokratiker zumeist symptomatologisch, ihr Denken war im Rahmen
der zeitgenössischen Pathologie ätiologisch.~
Es entging ihrer Reflexion keineswegs, daß bisweilen zufällige
Nebenwirkungen der Heilmittel von Erfolg begleitet sind[59]; dieselben
Arzneien bei verschiedenen Kranken oder bei demselben Patienten
in verschiedenen Zeiten ungleich, oft sogar gegensätzlich wirken;
Substanzen, die anscheinend entgegengesetzte Eigenschaften besitzen,
denselben Effekt hervorbringen[60]. Bei dieser Betrachtung kam man
auch zu dem Ergebnis, daß Krankheiten zwar stets nur durch Aufhebung
ihrer Ursache schwinden[61], die Behebung der Ursache aber zuweilen
durch solche Heilmittel zu stande kommt, welche (bei Gesunden) Symptome
erzeugen, die den behobenen Krankheitsphänomenen ähnlich sind[62].
Darum liegt es den Hippokratikern fern -- was später geschah -- das
Dogma „Contraria contrariis“ aufzustellen, schon aus dem Grunde, weil
man, wie es in de prisca medicina heißt, die Wirkung eines Mittels
nicht a priori aus einer Elementarqualität (warm, kalt, trocken,
feucht) ableiten kann, vielmehr nur die Erfahrung den Ausschlag gibt.
[59] De morbis I, Kap. 7.
[60] De loc. in hom. Kap. 40.
[61] Z. B. Aph. II, 22. „Alle durch Ueberfüllung kommenden
Krankheiten heilt die Entleerung, alle durch Entleerung
kommenden die Anfüllung und die übrigen ihr Gegenteil.“ De
flatib. Kap. 1: „Mit einem Worte gesagt, ~es ist das Gegenteil
das Heilmittel des Gegenteils~, denn die ärztliche Kunst
ist Hinzufügung und Wegnahme, Wegnahme des Ueberschusses,
Hinzufügung des Mangelnden.“
[62] De loc. in hom. Kap. 40 und 41 wird eine ganze Reihe solcher
Beispiele aufgezählt, welche den Verfasser zu dem an die
Homöopathie anklingenden Satz hinführt: „~Durch das Aehnliche
entsteht die Krankheit und durch die Anwendung des Nämlichen
werden die Menschen statt krank gesund.~“ Auf Grund dieses
Satzes wollte man bei Hippokrates eine Rechtfertigung der
Homöopathie finden. Aber mit Unrecht; denn in demselben Kapitel
heißt es: „Auf beiden entgegengesetzten Wegen wird der Kranke
genesen. Wenn es sich mit allen Fällen so verhielte, so würde
es wohl feststehende Regel geworden sein, auf diese Weise die
einen Zustände mit dem Entgegengesetzten zu behandeln, wie sie
nun sein und woher sie kommen mögen, die anderen hingegen mit
dem Nämlichen.“ ... Ganz richtig erkennt auch derselbe Autor,
~daß das „Homöopathische“ nur in den Symptomen besteht~, wenn
er als Beispiel anführt: „Wenn man einen Menschen, welcher
erbricht, viel Wasser zu trinken geben wollte, so wird das, um
dessentwillen er erbricht, beim Erbrechen mit hinuntergespült.“
Also die causa morbi wird hier durch ein Mittel vertrieben,
welches an sich Erbrechen erregen kann. Deutet man solche Fälle
„homöopathisch“, dann haftet man eben nur an der Oberfläche
der Symptome, ohne das Wesen des Vorganges zu erfassen. Der
homöopathische Schein begleitet eben Heilformen, welche das
contraria contrariis befolgen, ätiologisch wirken, wie z. B. die
Opiumtherapie der Bleivergiftung, die Behandlung der Dysenterie
mit Abführmitteln etc.
Die einzelnen medizinischen Wissenszweige im Corpus Hippocraticum.
Die ~anatomischen~ Kenntnisse der Hippokratiker sind zum größten Teile
aus Tierzergliederungen, Erfahrungen bei der Schlachtung und Opferschau
und aus der Beobachtung chirurgischer Fälle geschöpft. Von einer
~planmäßigen~ Sektion menschlicher Leichen konnte bei den strengen
religiösen Vorschriften, welche die sofortige Beerdigung geboten, bei
dem abergläubischen Abscheu vor dem Toten keine Rede sein. Wiewohl
nicht einwandsfrei bewiesen, so doch nicht ganz abzuweisen ist dagegen
die Annahme, daß einzelne hervorragende Forscher, wenn sich die seltene
Gelegenheit darbot, auch vor der Untersuchung menschlicher Körper oder
wenigstens Körperteile (namentlich Knochen) nicht zurückschreckten und
dieselbe zur Korrektur der herrschenden Anschauungen verwendeten. Die
Wahrscheinlichkeit dieser Annahme ergibt sich, abgesehen von manchen
Erzählungen[63] der antiken Autoren, insbesondere aus der Ueberlegung,
daß die Leichen von Barbaren, Vaterlandsverrätern, Verbrechern dem
Bannkreis der religiösen Satzungen entzogen waren und daher ebenso wie
die zufällig angeschwemmten Leichenteile die Neugier wissenschaftlicher
Forscher reizen konnten. Von den oft diskutierten Stellen im Corpus
Hippocraticum, die nach der Auffassung einzelner Historiker für
die Sektion menschlicher Leichen sprechen[64], ist keine absolut
beweisend, und keinesfalls sind in der Pathologie tiefere Spuren von
anatomischen Untersuchungen (an Krankheiten)[65] Verstorbener merkbar,
hingegen wird von den Hippokratikern nicht selten vergleichend auf
die zootomischen Tatsachen oder pathologisch-anatomischen Befunde,
wie sie beim Schlachten der Tiere aufstoßen mußten, hingewiesen[66].
[63] Herodot IX, 83. Da nämlich die Platäer die Gebeine der Perser
auf einen Platz zusammentrugen, fand sich ein Kopf, welcher gar
keine Naht hatte, sondern aus einem einzigen Knochen bestand.
Plinius, Hist. nat. XI, 70. Pausanias IV, 9.
[64] Z. B. de corde X: „Wenn nun einer, der den alten Ritus kennt,
einem Verstorbenen das Herz herausnimmt und von den beiden
Klappen die eine stützt und die andere sich außerdem noch
zurücklehnen läßt, so wird weder Wasser noch Luft in das Innere
des Herzens dringen können.“ De articulis I, 1: „Gesetzt, man
entblößte den oberen Teil der Schulter von Weichteilen ...“
L. c. 46 wird von Wirbelluxation gesprochen und gesagt, die
Einrichtung wäre unmöglich, „man müßte denn dem Betreffenden
die Leibeshöhle aufschneiden, die Hand einführen und von innen
her mit der Hand nach außen drängen, was man zwar an der Leiche,
nicht aber am lebenden Menschen machen kann“.
[65] Epid. V, 26 heißt es allerdings von einem an Rippenbruch mit
konsekutiver Verjauchung Verstorbenen: „Es wurde erkannt, daß
sich die Krankheit weiter erstreckte als unter die Haut. Selbst
wenn der Betreffende die richtige Behandlung erfahren hätte,
wäre er doch nicht mit dem Leben davongekommen.“
[66] De morbo sacro 3: Das Gehirn des Menschen doppelt wie das
der Tiere. Epid. VI, 6: Dickdarm des Menschen gleicht dem des
Hundes. De anatome: Herz des Menschen stärker gerundet als das
der Tiere. De carne 17: Tier- und Menschenauge. Pathologische
Befunde: de morbo sacro: Ziegenhirn. De affect. int. XXIII:
Hydatiden der Lunge beim Hunde, Schwein und Rind.
Der Unterricht in der Anatomie -- worauf die Asklepiaden nach Galen so
großen Wert legten -- stützte sich neben mündlicher Ueberlieferung auf
häufige Tierzergliederung; vielleicht wurden hierbei auch Nachbildungen
von Skeletten benützt, nach Art desjenigen, welches in Delphoi als
angebliches Weihgeschenk des Hippokrates verwahrt wurde[67].
[67] Pausanias X, 2, 4.
Aus der Uebertragung zootomischer Forschungsergebnisse auf den
Menschen erklären sich viele Mängel der hippokratischen Anatomie,
z. B. die Lehre vom zweihörnigen Uterus, woran sich eine ganze Reihe
phantastischer Hypothesen knüpft.
Die ~Osteologie~ ist in den hippokratischen Schriften
gründlich behandelt; gute Beschreibung von Knochen und einzelnen
Gelenksverbindungen (z. B. der Rippen mit den Wirbeln und dem
Brustbein, Hüftgelenk, mangelhaft dagegen die Kenntnis des Knie- und
Ellbogengelenks); man kannte Diaphyse und Epiphyse, das Periost, das
Knochenmark, Schädelnähte, die Diploë, die beiden Schädelplatten und
wußte von der Existenz der Synovia. -- Die ~Muskeln~ werden von den
Weichteilen überhaupt nicht scharf getrennt. Der Begriff der Sehnen
(νεῦρα, τένοντες) ist unklar, sie werden mit Nerven und Bändern
zusammengeworfen. Bekannt scheinen Schläfen-, Kau-, Nackenmuskel,
Deltoides, Pectoralis major, Biceps, Triceps, Brachialis int., Hand-
und Fingerbeugen, Psoas, Glutäen, Biceps femoris, Achillessehne,
Rückenmuskeln. -- Die ~Eingeweidelehre~ ist mangelhaft. Erwähnung,
aber keine genauere Beschreibung finden die Einzelheiten der
Mundhöhle, der Rachen, die Speiseröhre, der Magen, die Därme, die
Leber (zweilappig) mit Pforte und Gallenblase, die Milz (ähnlich
der Sohle des Fußes), das Mesenterion, Mesokolon, das Bauchfell,
Nieren (herzförmig), Harnblase, Harnröhre, Hoden, Samenblasen, Ductus
ejaculatorii, Uterus (zweihörnig) und Bänder des Uterus (Ovarien nicht
beschrieben), äußerer und innerer Muttermund (Vagina gilt als Teil
des Uterus, Hymen ist unbekannt). Was den Respirationstrakt anlangt,
so kannten die Hippokratiker die Luftröhre (ἀρτηρίη), die Epiglottis,
die Bronchien und beschrieben an der Lunge fünf Lappen. Von ~Drüsen~
sind die Tonsillen, Lymphdrüsen des Halses, der Achselhöhle und
Inguinalgegend, die Mesenterialdrüsen, die Brustdrüsen genannt.
Das ~Gefäßsystem~ wird in den einzelnen Schriften sehr verworren
geschildert. Als Ausgangspunkt gilt der Kopf, später die Aorta und
Hohlvene, welche von der Milz und Leber entspringen; nach dem Buche
de morbo sacro treten alle Adern des Körpers in das Herz. Unter φλέβες
sind ursprünglich alle Hohlgänge des Körpers, später die blutführenden
Adern zu verstehen: ἀρτηρίη bedeutet zunächst die Luftröhre und
Bronchien, später auch die vorwiegend oder ausschließlich Luft
führenden Arterien. Am besten bekannt sind die großen und die
oberflächlich verlaufenden Gefäße, aber ihre Verästelung ist zumeist
ganz phantastisch[68] dargestellt (Kreuzung, vielleicht aus der
Beobachtung der Kreuzungserscheinungen bei zerebralen Lähmungen
ersonnen). In der Beschreibung des Herzens (pyramidenförmig) wird des
Herzbeutels (eine kleine Menge harnähnlicher Flüssigkeit enthaltend),
der Herzohren, der Scheidewand, der Kammern, der Halbmondklappen, der
Sehnenfäden gedacht. Beide Kammern kommunizieren, die linke nährt
sich vom feinsten Bestandteil des Blutes der rechten Kammer. Ganz
unzureichend ist die ~Neurologie~, da Nerven mit Sehnen, Bändern
und Gefäßen zusammengeworfen werden, das Gehirn aber als eine
mit kalter Flüssigkeit gefüllte Drüse gilt; eine dickere und eine
dünnere Haut umgeben das in zwei Hälften zerfallende Gehirn, aus
dem das gleichfalls umhäutete Rückenmark entspringt. Von Nerven sind
angedeutet der Olfactorius, Opticus, Trigeminus, Vagus, Sympathicus,
Plex. brachialis, Ulnaris, Ischiadicus, Intercostales etc. Von den
~Sinnesorganen~ fehlt jede tiefere Kenntnis. Am ~Auge~ beschrieb
man drei Häute, die weiße, dünnere, spinnwebeartige Haut. Bei der
obersten (weißen) Haut unterschied man die vor der Pupille (κόρη)
gelegene Hornhaut (τὸ διαφανὲς, das Durchsichtige), bei der mittleren
(dünneren) die Regenbogenhaut (τὸ μέλαν). Vom ~Ohre~ kannten die
Hippokratiker den knöchernen Teil und das Trommelfell („dünn wie
Spinngewebe“).
[68] Nach der ältesten von ~Syennesis~ herrührenden Beschreibung
entspringen die Gefäße aus dem Kopfe und kreuzen sich bei ihrem
Uebergang auf den Rumpf; nach ~Diogenes von Apollonia~ sind zwei
große Gefäße des Rumpfes (Aorta und Hohlvene) Ausgangspunkt der
Adern. Die im Corpus Hippocraticum vorhandene Gefäßbeschreibung
(de natura hominis, de natura ossium) stammt nach dem Zeugnis
des Aristoteles von ~Polybos~. Ihr zufolge gibt es vier Paare
von Hauptadern, von denen das erste hinten aus dem Nacken,
ein zweites aus dem Kopfe hinter den Ohren, das dritte aus den
Schläfen, das vierte aus der Stirn entspringt.
Die ~Physiologie~ der Hippokratiker entbehrt strenger Einheitlichkeit
infolge des verschiedenartigen Ursprungs der einzelnen Schriften und
läßt sich nur aus zerstreuten Bemerkungen zusammenstellen, welche
nicht selten miteinander im Widerspruch stehen. Deutlich verrät sich
der naturphilosophische Einfluß in den Grundideen, in der Auffassung
des Lebensprinzips und der konstituierenden Elemente des Körpers,
und nicht zum mindesten zeigen gerade die hippokratischen Schriften,
wie wechselvoll und langwierig der Meinungskampf war, der sich über
diese Fragen im Lager der Spekulation abspielte. Wir finden solche
Schriften, deren Theorie von einzelnen der vier ~Elemente~, der Luft,
oder dem Feuer, oder dem Feuer und Wasser ausgeht, andere, in welchen
der Antagonismus der ~Qualitäten~ des Warmen, Kalten, Trockenen und
Feuchten, des Herben, Süßen, Saueren etc. die Hauptrolle spielt,
endlich solche, wo alle Erscheinungen von den ~Körpersäften~ abgeleitet
werden, in denen man das Analogon oder die besondere Modifikation der
kosmischen Elemente und ihrer Qualitäten erblickte. Bald repräsentieren
~zwei Säfte~: der Schleim und die Galle, den Gegensatz des ~Kalten~
und ~Warmen~, bald sind es ~vier Kardinalflüssigkeiten, welche den vier
Elementen oder vier Qualitäten entsprechen~: das Blut, der Schleim, das
Wasser, die Galle oder das Blut, der Schleim, die gelbe, die schwarze
Galle. In dieser letzten Fassung, wie sie z. B. in der Schrift de
natura hominis hervortritt, gelangt die Vier-Säftetheorie endlich zum
Abschluß. -- Auch der uralte Streit, ob die Luft oder die Blutwärme
das eigentliche Lebensprinzip darstellt, findet bei aller Schwankung
eine Lösung, die einem Kompromiß gleichkommt: ~Die Wärme wird zum
eigentlichen Lebensprinzip erhoben, aber (vom Blute abstrahiert) von
der Zufuhr des Pneuma abhängig gemacht~.
Die beiden Hauptideen, welche die hippokratische Physiologie
durchwalten, sind die Idee der ~Zweckmäßigkeit~. -- „Die Natur ist
für alles in jeder Beziehung genügend“ (De alimento XI) und der
Gedanke, ~daß alle Organe~ in ihrer Funktion zusammenwirken, ~zu einem
einheitlichen Ganzen verbunden sind~. -- „Ein Zusammenströmen, ~eine~
Vereinigung, ~eine~ Sympathie“ (De alimento XXIII). Jede Störung
ergreift daher den ganzen Organismus.
Von methodologischem Interesse ist es, daß die Hippokratiker sehr
häufig physiologische Vorgänge durch diejenigen Stoffe und Kräfte
erläutern, auf welche die tägliche Beobachtung hinweist[69]. Der
nächste Schritt wird durch Vergleiche zwischen Makrokosmus und
Mikrokosmus, zwischen Tier- und Pflanzenleben oder, wie namentlich in
den knidischen Schriften, durch ~physikalische Vergleiche~ bezeichnet.
[69] Beispielsweise verglich man die Anziehungskraft der Körperteile
gegenüber den Säften mit der Wirkung der Schröpfköpfe. -- Die
Entstehung des Geschlechtes aus dem Ueberwiegen des männlichen
oder weiblichen Samens erläutert der Verfasser von de semine mit
folgendem Bilde: „Nimmt man mehr Fett als Wachs und schmilzt
beides am Feuer, bis es flüssig geworden, so kann man nicht
sehen, welches überwiegt, wenn es hingegen wieder hart geworden
ist, kann man wahrnehmen, daß das Fett an Menge überlegen ist.
So verhält es sich auch mit dem männlichen und weiblichen
Samen.“ Im Buche de morbis IV findet sich eine ganze Reihe
von Vergleichen krankhafter Vorgänge mit der Milchgerinnung,
Molkenbereitung, der Verdampfung etc. Im Buche de diaeta I (Kap.
32) heißt es: „Das Feinste vom Wasser und das Lockerste vom
Feuer deuten in ihrer Vereinigung auf den gesündesten Zustand im
Körper des Menschen hin.... Das weichste und lockerste Kupfer
läßt die ausgiebigste Mischung (Legierung) zu; so verhält
es sich auch mit der Mischung des Feinsten am Wasser und des
Lockersten am Feuer.“
Auch klinische Erfahrungen und Experimente wurden als Mittel zur
Erkenntnis herangezogen. So weist der Verfasser von de musculis
darauf hin, daß bei Selbstmördern nach Durchschneidung der Luftröhre
Stimmlosigkeit entstehe, woraus hervorgehe, daß die Stimme vom Ertönen
der Luft im Innern der Luftröhre abzuleiten sei. In der Schrift de
corde wird die Behauptung vertreten, daß ein Teil der Flüssigkeit beim
Trinken in die Luftröhre gelange und zum Beweise folgender ~Versuch~
angeführt: „Wenn man Wasser mit blauem Kupferocker oder mit Mennige
verrührt, einem fast verdurstenden Tiere, vorzüglich einem Schweine,
davon zu saufen gibt und ihm darauf, während es noch säuft, die Kehle
durchschneidet, so wird man diese durch den Trunk gefärbt finden.“ In
derselben Schrift wird gesagt, daß man sich durch den Versuch von der
Schlußfähigkeit der halbmondförmigen Klappen überzeugen könne, denn
„wenn einer das Herz herausnimmt und von den beiden Klappen die eine
stützt und die andere sich außerdem noch (von den Wänden) zurücklehnen
läßt, so wird weder Wasser, noch darauf auftreffende Luft hindurch in
das Innere des Herzens dringen können“.
Grundprinzip des Lebens ist jedenfalls die dem Körper
~„eingepflanzte“ Wärme~ (ὲμφυτὸν θερμόν), welche ihren Sitz im
linken Herzen hat. Unter dem Einfluß der „eingepflanzten“ Wärme
werden aus den Nahrungsmitteln die flüssigen Grundstoffe und aus
deren verschiedenartiger Mischung wieder die festen Körperteile
gebildet; die Mannigfaltigkeit der Organe erklärt sich aus den
verschiedenen Graden, in denen die Wärme auf das Grundmaterial wirkt.
Das Hauptmaterial zum Organaufbau stellt das Blut dar, welches in der
Leber bereitet wird und im rechten Ventrikel die gehörige Temperatur
erhält. Von dort strömt es, vom pulsierenden Herzen getrieben,
durch die „Adern“ zu allen Körperteilen. Ueber den Inhalt des linken
Ventrikels und der Arterien ist nichts Genaues überliefert; sicher
ist nur, daß man sich denselben entweder nur aus Pneuma oder doch
vorwiegend aus Pneuma (neben den feinsten Blutbestandteilen) bestehend
dachte[70]. Das bei Verletzung der Arterien hörbare Zischen, die
Tatsache, daß in der Leiche der linke Ventrikel blutleer gefunden
wurde, spiegelte wohl einen „exakten“ Beweis für diese irrige Annahme
vor. Ueber den Zweck der Lungen und die ~Respiration~ finden sich
nur unbestimmte und vielfach abweichende Angaben. Nach de anatome
dienen die an sich kalten Lungen dazu, die kalte Luft aufzunehmen
und das Herz abzukühlen. Diese „Abkühlung“ werde auch noch dadurch
unterstützt, daß beim Trinken eine kleine Menge von Flüssigkeit
auf dem Wege der Luftröhre in den Herzbeutel dringe. (Beobachtung
der Herzbeutelflüssigkeit in der Leiche!) Anderseits werde die dem
Herzen eingepflanzte Wärme durch die Luft, welche aus den Lungen
und Lungengefäßen zuströme, bezw. durch das (in der Luft enthaltene,
belebende) Pneuma stetig unterhalten.
[70] Im Buche de corde wird ausdrücklich gesagt, daß sich der linke
Ventrikel nur von dem „reinen und lichten Ueberschusse“ nährt,
„welcher aus einer Blutaussonderung herstammt“, keineswegs
aber von „sichtbarem Blute“. Die Aorta hingegen ist nach
demselben Autor mit Blut gefüllt, welches „aus dem Leibe und
den Eingeweiden“ stammt; der Klappenverschluß habe den Zweck,
den Eintritt des Blutes in den linken Ventrikel zu verhüten!
Bei der Sektion zeige sich das linke Herz völlig leer, die
Arterie dagegen sei ebensowenig als das rechte Herz blutleer.
In gänzlicher Unkenntnis der Bedeutung des Nervensystems
betrachteten die Hippokratiker das ~Pneuma~ als Quelle der Empfindung
und Bewegung. Ueber den Zentralsitz desselben divergieren die
Anschauungen. Nach de morbo verbreitet sich das Pneuma vom Gehirn aus
zu den übrigen Körperteilen (koische Lehre: Atmung bloß durch Mund
und Nase), nach de corde dagegen bildet das Herz den Ausgangspunkt
der Pneumazirkulation (sizil. Lehre: Atmung durch die gesamte
Körperoberfläche); damit hängt es zusammen, wenn in der erstgenannten
Schrift ~das Gehirn als Sitz des Denkens, Fühlens und Wollens gilt~,
während der Verfasser von de corde den Verstand in das linke Herz
verlegt.