Die Prognostik nimmt in den hippokratischen Schriften einen

breiten Raum ein, sind ihr doch mehrere der wichtigsten Schriften

ausschließlich gewidmet[46]. „Es scheint mir am besten zu sein,“ sagte

der Verfasser des Prognosticums, „daß sich der Arzt im Voraussehen des

Krankheitsausganges Uebung erwirbt, denn wenn er bei seinen Patienten

vorher erkennt und vorhersagt den status praesens, das Vorausgegangene

und die Prognose, ferner das, was die Patienten bei dem Berichte über

ihren Krankheitszustand weglassen, so wird man das feste Zutrauen

zu ihm haben, daß er den Zustand der Patienten besser kenne, und es

werden sich infolgedessen die Leute dem Arzte gern anvertrauen. Aber

auch die Behandlung wird er am besten durchführen können, wenn er

den späteren Ausgang der Krankheit voraussieht“[47].

[46] Hinsichtlich der Standesgeschichte ist es bemerkenswert, daß

Hippokrates sowohl an dieser als an anderer Stelle darauf

hinweist, wie der Arzt, „~wenn er den Exitus~ oder die

glückliche Heilung ~vorhererkannt und vorhersagt, frei von

jeder Schuld ist~“.

[47] Anderseits wird an zahlreichen Stellen vor leichtfertigen

Prognosen gewarnt und zur Besonnenheit ermahnt, da man, „wenn

man fehlgeht, nicht bloß dem Hasse anheimfällt, sondern wohl

auch für verrückt angesehen wird“.

Der Weg, um zu einer richtigen Prognose gelangen zu können,

ist ein induktiver und nimmt seinen Ausgangspunkt von der

~Krankengeschichte~[48], deren Bedeutung an der Hand früherer

Eigenerfahrung und fremder Kasuistik[49] zu messen ist, unter

Berücksichtigung des Alters, Geschlechts, der Lebensweise, der Wohnung

des Kranken, der klimatischen und epidemischen Verhältnisse. Von

Krankengeschichten -- die ersten im heutigen Sinne -- finden sich im

Corp. Hipp. bewundernswerte Beispiele, namentlich in den „Epidemien“.

Im 3. Buche Kap. 16 heißt es: „Ich halte es für einen wichtigen Teil

der ärztlichen Kunst, über das schriftlich Niedergelegte ein richtiges

Urteil fällen zu können; denn derjenige, welcher das versteht und

anwendet, scheint mir in Bezug auf die Kunst keinem bedeutenden Irrtum

verfallen zu können.“

[48] „Man muß das vor der Krankheit Gelegene angeben, den

gegenwärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen“ (Epid.

I, 11).

[49] Aus der Kasuistik läßt sich ermitteln, ~welche Symptome in

ihrem Zusammentreffen~ auf günstigen und ungünstigen Ausgang

hindeuten. Solche Zusammenstellungen finden sich besonders in

den Koischen Prognosen, Aphorismen, Vorhersagungen. Am Schluß

des Prognosticums sagt der Autor: „Wenn aber einer richtig

erkennen will, wer davonkommen und wer zu Grunde gehen wird,

bei wem die Krankheit länger oder kürzer anhalten wird, so muß

er, nachdem er die ~Anzeichen~ kennen gelernt hat, alle Fälle

beurteilen können, indem er ihre ~gegenseitigen Wirkungen~

berechnet.“

Mit Aug' und Ohr, ja mit der gesamten Sinnes- und Verstandestätigkeit

suchte man ein Erfahrungsurteil über den Gesamtzustand des Patienten

zu erreichen, und ohne die subjektive Symptomatologie[50] zu

vernachlässigen, wurde die objektive Untersuchung vom Scheitel bis zur

Sohle mit einer Sorgfalt, mit einer Rührigkeit vorgenommen, die einen

hervorstechenden Wesenszug des Hippokratismus ausmacht. Diese peinlich

genaue Beobachtung und Untersuchung hatte aber auch den Zweck, die vom

Grundtypus der Krankheit abweichenden Nüancen des Krankheitsverlaufes

aus den im speziellen Falle zusammenwirkenden äußeren Einflüssen

und individuellen Eigentümlichkeiten zu erklären. ~Darum bildet die

Krankengeschichte als solche, eines der wichtigsten Charakteristika der

hippokratischen Medizin gegenüber dem Schematismus der orientalischen

Heilkunst~, die Krankengeschichte trägt der Individualität Rechnung.

Es wäre sehr zu verwundern, wenn man ermangelt hätte, aus den reichen

und zum Teil gründlichen klinischen Beobachtungen auch diagnostische

Schlüsse, in modernem Sinne, zu ziehen. Immerhin ist festzuhalten, daß

nicht rein wissenschaftliches Streben für die Pflege und Ausbildung

der Diagnostik maßgebend war, sondern daß man die Diagnostik nur, wo

die Möglichkeit vorlag, als untergeordnetes, abkürzendes Verfahren

betrachte, um zur Prognose zu gelangen und für die Therapie klare

Leitideen zu erhalten.

[50] Sogar den Träumen wurde in prognostischer Beziehung große

Beachtung geschenkt, wie aus de victu IV (de somniis) erhellt.

Wie schon von Herodot, wurde auch von den Hippokratikern

zwischen „gottgesandten“ und natürlichen Träumen unterschieden.

Nur letztere, als Ausdruck körperlicher Zustände, fesselten

nicht mit Unrecht die Aufmerksamkeit der Aerzte. Darin, wie

in dem ganzen Buch über die Träume hat man keinen Rückschritt

orientalischer Traumdeuterei, sondern eher einen Fortschritt

im Sinne der Aufklärung zu erblicken, wenn die ganze Richtung

im einzelnen auch begreiflicherweise in Phantastik ausartete.

Beispielsweise zählt das Buch de morbis I gewisse Verletzungen

(des Herzens, des Gehirns, der Leber, des Magens, der Blase etc.),

sowie gewisse Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Wassersucht, Erysipel

des schwangeren Uterus) auf, aus denen sich a priori eine infauste

Prognose ergibt; von gewissen Affektionen (Schwindsucht, Ruhr,

Hüftweh, Nierenerkrankungen alter Leute, Blutfluß der Frauen,

Hämorrhoiden) wird gesagt, daß sie langwierig sich hinziehen, während

andere (Lungenentzündung, Brennfieber, Phrenitis, Angina etc.) rasch

zur Entscheidung kommen.

Prognostisch wichtig war auch die Kenntnis von Folgezuständen,

die nach bestimmten Affektionen notwendig eintreten: „Wenn einen

Starrfrost befällt, muß ihn hinterher notwendig Fieber befallen;

wenn ein Nerv durchschnitten wird, Konvulsionen -- auch wächst ein

durchschnittener Nerv nicht wieder zusammen und führt zu heftiger

Entzündung --; wenn das Gehirn erschüttert wird oder bei einem

Schlage leidet, so muß der Betreffende alsbald die Sprache verlieren

und kann weder sehen noch hören, falls es aber verletzt wird, so muß

Fieber und Erbrechen von Galle hinzutreten, der Körper irgendwo vom

Schlagfluß betroffen werden und der Betreffende sterben. Wenn das

Netz herausfällt, muß es vereitern“ (l. c. Kap. IV).

In demselben Buche wird es auch als Kunstfehler getadelt, wenn

jemand z. B. ein Empyem nicht erkennt, weil dann der rettende

therapeutische Eingriff versäumt wird.

Ohne prinzipiell Diagnostik und Prognostik zu trennen, enthalten

die hippokratischen Schriften allgemeine Vorschriften über die

Untersuchungsmethode und eine ~Semiotik~ von geradezu unübersehbarem

Reichtum.

Wurde schon eine äußerliche Lokalaffektion aufs genaueste

besichtigt und betastet, um deren Lage, Größe, Form, Konsistenz,

Schmerzhaftigkeit, Temperatur, Färbung u. s. w. zu ermitteln, so kam

bei inneren („unsichtbaren“) Erkrankungen eine ganze Summe von Sinnes-

und Verstandestätigkeiten zur Anwendung.

So waren zu beachten: Alter, Temperament, Geisteszustand (Gedächtnis,

Delirien, Flockenlesen etc.), Gesichtsausdruck, Zunge, Stimme, Haltung

oder Bettlage, Ernährungs- und Kräftezustand, Bewegungsfähigkeit,

Schmerzempfindlichkeit, Verhalten des Schlafes, Hungergefühl und Durst,

Temperatur, abnorme Pulsationen, Atmung, Ausdünstung, Beschaffenheit

der Haut, Haare, Nägel, Zustand der Sinnesorgane, besonders der Augen,

etwaige Abnormitäten der Hypochondrien (Milz- oder Leberschwellung),

Auftreibung des Unterleibes, etwaige Tumoren, Abszesse etc., Menge,

Farbe, Konsistenz, Geruch, Geschmack des Blutes und der Exkretionen,

auffallende Symptome, wie Zähneknirschen, Gähnen, Aufstoßen, Niesen,

Nasenbluten, Blähungen, Jucken, Zittern, Zuckungen u. s. w.

Allgemeine Vorschriften über die Untersuchung finden sich namentlich

in de Epid. I, 23 und IV, 43, sowie in de humoribus, Kap. 2-4.

Als bedenkliches Zeichen galt jene Veränderung der Gesichtszüge,

die noch heute mit dem Namen „Facies Hippocratica“ bezeichnet

wird: „Spitze Nase, hohle Augen, eingefallene Schläfen, kalte und

zusammengezogene Ohren, abstehende Ohrläppchen, eine harte, straffe

und trockene Stirnhaut, eine gelbe, schwärzliche, livide oder

blaufarbige Färbung des ganzen Gesichtes (Prognost., Kap. II). Jedoch

wußte man, daß diese Erscheinungen nicht bloß bei Sterbenden, sondern

vorübergehend auch infolge von Erschöpfungszuständen (Hunger, Wachen,

Diarrhöen) auftreten können.

Anhaltende Rückenlage, namentlich wenn zugleich die Extremitäten

gespreizt sind und der Mund offen steht, ebenso Bauchlage, wenn sie

nicht auf Gewohnheit beruht, wurden ungünstig gedeutet.

Bezüglich der äußeren Erscheinung und des Körperbaues wird Epid.

III, 14 als Kennzeichen der Schwindsüchtigen hervorgehoben: ein wenig

behaarter Körper, eine weißliche Haut, ein linsenfarbiger Teint,

gelbe Augen, eine Haut, ähnlich wie bei Anasarka, hervorstehende

Schulterblätter. Günstig ist es dagegen (Prorrhet. II, 7), wenn

der (schwindsüchtige) Patient möglichst wenig mager ist, einen

viereckigen, mit reichlichem Haarwuchs versehenen Brustkasten

besitzt.“

~Die Temperatur wurde mit der auf die Brust gelegten Hand

untersucht. Was den Puls anlangt~ (σφυγμός, παλμός, παλία), so

ist (im Widerspruch gegen manche Angaben) hervorzuheben, daß die

Hippokratiker zwar die regelmäßige Zählung und die Untersuchung mit

all den Feinheiten, worauf später geachtet wurde, nicht pflegten,

aber es keineswegs unterließen, aus der ~Beobachtung~ und ~Betastung~

stärkerer (stürmischer) Pulsationen prognostische Schlüsse zu

ziehen. Nicht wenige Stellen beweisen, daß man Pulsationen in der

Schläfengegend, am Halse, in der Herzgegend, am Bauch, am Arm und am

Handgelenk etc. sowohl inspizierte als palpierte.

Großer prognostischer Wert wurde den Erscheinungen zugesprochen,

die an den Augen zur Wahrnehmung gelangten; Stellung und Beweglichkeit

der Augäpfel (Strabismus, Protusion), Verfärbung der Augenlider; auch

die ungleiche Weite der Pupillen bei Gehirnkrankheiten war bekannt.

Die höchste Aufmerksamkeit richtete man auf die Beschaffenheit der

Absonderungen, wobei nicht bloß das Auge, sondern auch Geschmack und

Geruch in den Dienst der Untersuchung gestellt wurden. Der Geruch

des Schweißes, des Sputums, des Erbrochenen, des Urins, des Stuhles,

der Wundsekrete; der Geschmack der Hautsekrete, des Ohrenschmalzes,

des Nasenschleimes, der Tränen, des Sputums (süß oder widerlich)

und der verschiedensten anderen Körperflüssigkeiten sollte durch den

Arzt, zum Teil auch durch den Patienten selbst ermittelt werden. „Die

Nase,“ heißt es Vorhersagungen I, 3, „gibt bei Fiebernden viele schöne

Anzeichen, denn die Gerüche sind gar sehr voneinander verschieden.“

Die kalte, warme, klebrige Beschaffenheit u. s. w. der Schweiße, ihr

Auftreten an kritischen oder nichtkritischen Tagen, die (der Farbe,

Konsistenz und Menge nach) verschiedenen Arten des Sputums, des

Erbrochenen, des Harnes, des Stuhles bildeten einen Hauptfaktor bei

der Stellung der Prognose.

Es seien hier beispielsweise aus der überreichen Semiotik einige

Notizen angeführt: Das ~Sputum~ muß leicht ausgesondert werden, und

das Gelbe mit dem Sputum innig vermengt erscheinen. ... Schlimm sind

ganz gelbe und schleimige Sputa. Wären sie aber so wenig vermischt,

daß sie schwarz erscheinen, so wäre das noch schlimmer. ... Gelbes

Sputum, mit ein wenig Blut vermischt, ist bei an Lungenentzündung

Erkrankten, wenn es zu Beginn der Krankheit ausgeschieden wird, ein

Zeichen, daß sie davonkommen, und sehr von Nutzen; tritt es erst am

siebenten Tage oder noch später auf, so ist es ein wenig sicheres

Anzeichen. -- Das Erbrochene ist dann im höchsten Grade zuträglich,

wenn Schleim und Galle möglichst miteinander vermengt sind. ... Wenn

das Erbrochene grün wie Lauch, blaß oder schwarz aussieht, so muß

man es für schlecht halten. ... Bricht der Mensch aber in all diesen

Färbungen, dann wird es für ihn sehr gefährlich. ... Der beste ~Stuhl~

ist der weiche und konsistente. ... Der Stuhl muß dick werden, wenn

die Krankheit zur Krisis kommt. ... Geht sehr wässeriger, weißlicher,

gelber, ganz roter oder schaumiger Kot ab, so ist das stets schlimm.

Schlimm ist es auch, wenn der Kot reichlich, zähe und gelblich ist

und keine Klumpen enthält. Sicherer als dieser weist auf den Exitus

hin schwarzer, fetter, blasser, rostfarbener und übelriechender

Kot. ... Der ~Urin~ ist am besten, wenn der Bodensatz weißlich,

ohne Klumpen und gleichmäßig ist während der ganzen Zeit bis zur

Krisis. ... Kleienähnliche Sedimente sind bedenklich, schlimmer

als diese sind die lamellenförmigen; weiße und dünne Sedimente

sind sehr schlecht, gefährlicher noch als sie die schorfartigen.

Wenn Wölkchen im Urin mitgeführt werden, sind sie gut, falls sie

weißlich, schlecht, wenn sie schwarz aussehen. ... Verderblich ist der

übelriechende, wässerige, schwarze und dicke Urin. Bei Erwachsenen

ist der schwarze Urin am gefährlichsten, bei Kindern der wässerige.

~Man lasse sich nicht durch den Fall täuschen, daß die Blase selbst

erkrankt ist~ und dem Urine solche Eigenschaften verleiht, weil

das kein allgemeines Symptom für den ganzen Körper, sondern nur ein

spezielles für die Blase ist. ... Im Urin sind weiße und unter sich

absetzende Wolken von Nutzen, rote, schwarze und blasse Wolken aber

sind etwas Mißliches. ... Wenn die Blase versperrt ist, so deutet

das, zumal bei Kopfschmerz, auf Konvulsionen. ... Bei Epileptischen

kündigt ungewöhnlich dünner und ungekochter Urin einen Anfall an.

... Bei denjenigen, auf deren Urin Blasen stehen, deuten sie auf

eine Erkrankung der Nieren und auf eine lange Dauer des Leidens. ...

Schaumiger Urin in Verbindung mit Bewußtlosigkeit und Schwäche der

Augen deuten auf nahe bevorstehende Konvulsionen.

Interessant ist es, daß man bereits zu Hilfsmitteln griff, um

die Untersuchung zu erleichtern. Aphorismen V, 11 lautet: „Bei von

Schwindsucht Befallenen deutet es auf Tod, wenn ihr Auswurf auf Kohlen

geschüttet widrig riecht.“ Epid. VII, 25 heißt es: „Der Urin legte

sich an einem Strohhalme an und war zäh und samenartig.“ De arte XII

wird gesagt: „Wenn die Krankheitszeichen nicht deutlich zu Tage treten

lassen, so hat die Natur Zwangsmaßregeln erfunden.“ Dahin gehörten

z. B. probeweise angewendete Abführmittel, Beobachtung des Kranken

nach anstrengendem Gehen und Laufen.

Nebst der ~Inspektion~, für welche die häufige Beobachtung des Nackten

in den Ringschulen als beste Vorschulung diente, wurde die ~Palpation~

zu einem so erstaunlichen Grade entwickelt, daß man ohne weiteres im

stande war, sich über Lage, Größen- und Konsistenzverhältnisse der

Leber, Milz, der Gebärmutter (hier kam noch Exploration per vaginam

durch die Hebamme hinzu) zu unterrichten. Darüber, ob sich die

Hippokratiker zur Diagnose des Aszites und Meteorismus der Perkussion

bedienten, ist nichts überliefert; die ~Auskultation~[51] hingegen

spielte eine gewisse Rolle bei der Untersuchung von Brustaffektionen.

[51] Vergl. die Medizin der Aegypter.

Es scheint, daß eine von irrtümlichen Voraussetzungen ausgehende,

therapeutische Methode den Anlaß zur Lungenauskultation bildete,

nämlich die ~Sukkussion~, d. h. die Erschütterung des Thorax

vermittelst der auf die Schultern des Patienten gelegten Hände.

Dieses Schütteln (παράσεισμα) sollte den Abfluß des Eiters aus dem

Lungenparenchym in die Bronchien bewirken. Die Wahrnehmung der bei

diesem Verfahren zuweilen auftretenden Plätschergeräusche (bei Pyo-

oder Seropneumothorax, aber auch bei Bronchiektasien und Kavernen)

führte alsbald dahin, die Succussio (heute noch S. Hippocratis genannt)

auch als diagnostisches Mittel anzuwenden, nämlich um festzustellen,

ob und wo sich Eiter in der Pleurahöhle befindet[52], ferner wo die

Inzision für die Thorakozentese am passendsten gemacht werden könne.

[52] Eiteransammlungen in der Bauchhöhle, die auch Empyem genannt

wurden, erkennt man nach de morb. I, 17 nicht durch das

Schütteln, sondern findet die Ansammlungsstelle durch die lokale

Schmerzhaftigkeit, und „wenn man mit Töpfererde einen Umschlag

macht, so trocknet sie binnen kurzem an der Stelle aus“ (wegen

der Hitze).

De morb. II, 47 wird die Succussio zunächst zu therapeutischem

Zwecke bei Empyem erwähnt. Nützt sie nichts und ebensowenig die

Eingießungen in den Schlund, welche Husten erregen und damit den

Eiter herausbefördern sollen, dann tritt die Thorakozentese in ihre

Rechte. „Einem solchen bereite man ein reichliches Warmwasserbad,

setze ihn auf einen Sessel, welcher nicht wackelt, ein anderer halte

ihm die Hände, ~man selbst aber schüttle ihn an den Schultern und

horche, auf welcher Seite sich ein Geräusch vernehmen läßt~. An

eben der Stelle -- es ist aber wünschenswert, daß es die linke sei

-- mache man einen Einschnitt.“ Ebenso wird von den Geräuschen bei

Sukkussion an mehreren anderen Orten (in de morbis I und III, 16, de

loc. in hom. 14) gesprochen. Nach Praenot. Coac. 424 haben diejenigen

Empyemkranken, bei welchen ein starkes Geräusch entsteht, weniger

Eiter als diejenigen, bei welchen bei größeren Atembeschwerden ein

schwaches Geräusch entsteht. Voll von Eiter und in Lebensgefahr

sind jene, bei welchen hochgradigste Dyspnoe und Cyanose, aber kein

Geräusch wahrgenommen wird.

Außer dem Plätschergeräusch bei Sukkussion beobachteten die

Hippokratiker noch andere Schallphänomene: ~Trachealrasseln,

kleinblasige Rasselgeräusche und pleuritisches Reiben~.

Eine gefährliche Erscheinung ist es (de loc. in hom. 16), „wenn im

Innern der Lunge noch blaßgelbe Massen vorhanden sind und dabei der

Auswurf aufhört. An folgendem Merkmal aber hat man daran zu erkennen,

ob noch welche darin sind oder nicht; wenn noch welche darin sind,

so läßt sich beim Atmen in der Kehle ein Geräusch hören“. -- Bei

der Diagnose des „Hydrops der Lunge“ wird (de morb. II, 61) gesagt:

„~Wenn man das Ohr an die Seite hält und während längerer Zeit horcht,

so siedet es innen wie Essig.~“ -- Ein pleuritisches Reibegeräusch

wird wohl de morb. II, 59 beschrieben: „~Es läßt sich ein Knirschen

vernehmen, welches von einem Lederriemen herzurühren scheint.~“

Von all den diagnostischen Methoden, welche die hippokratische Schule

verwendete, wurden gerade die Anfänge der physikalischen Diagnostik

am meisten verkannt und brach liegen gelassen, um erst nach vielen

Jahrhunderten wieder weiter entwickelt zu werden. Historisch verbürgt

ist es immerhin, daß der Begründer der modernen Auskultation, zum

Teil von den hippokratischen Schilderungen angeregt wurde und somit

schlummernde Gedankenkeime der Antike in ungeahnter Höhe zur Entfaltung

brachte!

~Die Therapie~ der Hippokratiker ist von der klaren Einsicht geleitet,

~daß nur innerhalb der Grenzen und durch das Walten der Physis Genesung

erfolgen kann, daß es Aufgabe des Arztes ist, die zumeist aber nicht

immer zweckmäßigen natürlichen Reaktionsvorgänge so zu lenken, daß

die Erhaltung des Organismus angestrebt wird~[53].

[53] Die hippokratische Auffassung ist auch heute, selbst durch

die moderne ätiologische Therapie nicht überholt, sondern nur

vertieft.

Mit dem Vollbewußtsein der Ziele, der Grenzen und Leistungsfähigkeit

seiner Kunst wendet sich der Hippokratiker nur den voraussichtlich

heilbaren Krankheiten zu und tritt ans Krankenbett, erfüllt von dem

Grundsatze, „~zu nützen oder wenigstens nicht zu schaden~“[54].

Bemüht, dem Gange der Ereignisse beobachtend zu folgen, die

Wendungen vorauszusehen, greift er ~unter steter Berücksichtigung

der individuellen Eigentümlichkeiten, im Hinblick auf das Ganze~, nur

dann ~im richtigen Zeitpunkt~[55] tatkräftig ein, wenn die versagende

Energie der organischen Spannkräfte, übermäßige oder dem Gesamtzwecke

nicht entsprechende Reaktionen, den glücklichen Ausgang gefährden.

„~Nichts zwecklos tun, nichts übersehen.~“

[54] ὼφελεὶν ὴ μὴ βλάπτειν. (Epid. I, 11.)

[55] Auf den richtigen Zeitpunkt (καιρός) wurde ganz besonderer

Wert gelegt; denn dieser ist rasch enteilt (Aphor. I, 1). Im

5. Kapitel de morb. I wird über die „günstigen Augenblicke“

gehandelt. Am dringendsten ist das rasche ärztliche Eingreifen

bei der Ohnmacht, bei Erstickungsanfall, bei Verhaltung des

Harnes und Stuhles, bei gebärenden oder abortierenden Frauen

etc. Wo es nur auf Schmerzlinderung ankommt, eilt es nicht. Bei

gewissen Fällen ist am Morgen, am Abend, an jedem dritten oder

vierten Tage oder alle drei Monate der Augenblick zum Eingreifen

gekommen. -- ~Bemerkenswert ist es, daß die hippokratische

Medizin auch hier auf die Krankheitserscheinungen oder gewisse

empirisch anscheinend festgestellte Tatsachen Rücksicht nimmt

und sich nicht wie die orientalische Medizin an eine feste

Schablone bindet. Dies zeigt sich besonders darin, daß man sich

bei Vornahme des Aderlasses nicht an bestimmte Tage band.~

Da es vor allem darauf ankommt, das nötige Maß der Körperenergie

zu erhalten oder herzustellen, so bildet nach hippokratischer

Auffassung die Regelung der Lebensweise, die richtige Bestimmung

der Nahrungszufuhr und ihres Verhältnisses zum Kräfteumsatz, die

~diätetische Therapie~ im weitesten Sinne Grundlage der Behandlung. Von

der Diät, auf welche die früheren Aerzte zu wenig Rücksicht genommen,

leitet der Verfasser der „alten Medizin“ die ganze Heilkunst ab.

Bei den akuten Affektionen, besonders zur Zeit ihres Höhepunktes,

ist im allgemeinen Nahrungsverminderung, bei Fieberkranken und

Verwundeten flüssige Nahrung angezeigt. Eine Hauptrolle spielte die

πτισάνη, die Abkochung von Gerstengraupen, wobei wieder, je nach

den individuellen Verhältnissen und dem Krankheitsstadium, eine

bestimmte Quantität zunächst der dünnen, durchgeseihten, dann der

nicht durchgeschlagenen Suppe verabreicht wurde. Als Getränke dienten

Honigwasser, Sauerhonig (Essig, Honig und Wasser, ὁξυμέλι), Milch

und verschiedene Weinsorten. Außer der Ptisane wurden auch andere

Krankensuppen verwendet, die man aus Hirse, Mehl und Weizengraupen

bereitete. -- Mit bewundernswerter Sorgfalt sind namentlich in de

diaeta II die einzelnen Lebensmittel nach ihren Wirkungen abgehandelt.

Bei den chronischen Affektionen regelten die Hippokratiker nicht nur

die Nahrungsaufnahme, sondern entlehnten auch die Erfahrungen der

Gymnasten und verordneten, aber nicht schablonenhaft, Spaziergänge,

Leibesübungen, körperliche Arbeit (z. B. Holzsägen), Bäder,

Massage, lautes Lesen, Reden, Singen etc. Fettleibigkeit erzeugte

man durch anfangs täglich gesteigerte Märsche mit allmählicher

Nahrungsentziehung und darauffolgender anwachsender Nahrungsaufnahme

bei gleichzeitiger Einschränkung der Bewegung.

Wichtig war die Regel, daß man sich bei Verordnung der Lebensweise

von Vorsicht leiten lasse, jedes Uebermaß (Hungerkur, anstrengende

Läufe etc. der Gymnasten) meide, nicht zu rasch die bisherigen

Gewohnheiten ändere, „denn jedes Viel ist der Natur feindlich, das

Allmähliche hingegen ist gefahrlos, besonders wenn man sich von dem

einen zu dem anderen wendet“ (Aph. II, 51). Im Buche de victu in

acut. wird empfohlen, bei der Vermehrung der Nahrungsmittel vorsichtig

vorzugehen und bei Nahrungsentziehung darauf zu sehen, ob die Kräfte

des Patienten es aushalten (vergl. auch Aph. I, 9).

Ganz besonders bei fieberhaften Krankheiten leuchtet der Zweck

hindurch, durch knappe Diät, durch flüssige Nahrungsmittel die Natur

in ihrem Wirken zu unterstützen. Hier sollten nämlich einerseits die

natürlichen Kräfte nicht durch die Verdauungstätigkeit in Anspruch

genommen und von ihrem Heilstreben abgezogen werden -- „je mehr man

ungereinigte Körper nährt, desto mehr schadet man ihnen“ (Aph. II, 10)

--, anderseits beabsichtigte man, durch kühlende, schleimige Getränke

die Wege zur Entleerung der verdorbenen Säfte schlüpfrig zu machen.

Zur Zeit des Höhepunktes, vor der Krisis, schien leichte Diät ein

Gebot der Notwendigkeit zu sein.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 27 / 54 段