knidischen Schriften, z. B. de morbis I, de affectionibus, de
affectionibus internis u. a. Galle, Wasser, Schleim und Blut
z. B. de morbis IV. Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle de
nat. homin.
[38] Sitz des Pneumas im Gehirn de morb. sacro, im Herzen de corde.
[39] Nach dem Anonymus Lond. (resp. Menons Iatrika) Kap. IX war
Hippokrates Anhänger der pneumatischen Theorie, was vielleicht
für den Beginn seiner Laufbahn gelten könnte; wie wenig sicher
diese Angabe aber ist, erhellt schon daraus, daß Menon im
darauffolgenden Kapitel anhebt: „~Wie aber Hippokrates selbst
sagt~“ und sodann die humorale Lehre entwickelt.
[40] Weder die Anomalien der Säfte, noch diejenigen des Pneumas oder
die Fehler der Ernährung bilden allein für sich den Schwerpunkt
der hippokratischen Krankheitsauffassung; worauf Hippokrates
das Hauptgewicht legt, das ist die Störung der harmonischen
Einheit des Organismus, welche zur Norm wieder zurückgeführt
werden muß.
[41] Im XXII. Kap. der Schrift de prisca medicina wird jedoch im
einzelnen ausgeführt, ~wie sehr die Beschaffenheit der Organe
an sich bestimmend auf die Krankheitsformen~ wirkt. Weiter geht
noch die Einleitung von de locis in homine, wo gesagt wird:
„Das von Natur Trockene scheint mir von Krankheiten befallen zu
werden und mehr Schmerz zu empfinden, das Feuchte hingegen in
geringerem Grade; denn die Krankheit, welche in dem Trockenen
ihren Sitz hat, nistet sich dort fest und hört nicht wieder
auf, diejenige hingegen, welche im Feuchten ihren Sitz hat,
zerfließt gleichsam und sucht bald diesen bald jenen Körperteil
in höchstem Grade heim.“ Hier, wo also auf die Festteile des
Körpers besonderer Nachdruck gelegt wird, ist schon die spätere
„~Solidarpathologie~“ vorgezeichnet!
Im IV. Kap. heißt es dort: „Der Körper des Menschen hat in sich
Blut, Schleim und zweierlei Galle, die gelbe und die schwarze. Diese
Qualitäten sind die Natur seines Körpers und durch sie wird er krank
und gesund. Am gesündesten aber ist er, wenn diese Qualitäten in Bezug
auf Mischung, Wirkung und Menge in einem angemessen gegenseitigen
Verhältnisse stehen und am innigsten miteinander vermengt sind,
krank hingegen, wenn eines von diesen in geringerer oder größerer
Menge vorhanden ist oder sich im Körper absondert und nicht mit der
Gesamtheit der übrigen vermischt ist.“
Das Leben ist an die vier Grundflüssigkeiten gebunden, welche durch
ihre Qualitäten den vier Elementen entsprechen. Das (aus dem Herzen
stammende) ~Blut~ repräsentiert das ~Warm-Feuchte~, die ~gelbe Galle~
(welche von der Leber abgesondert wird) das ~Warm-Trockene~, die
~schwarze Galle~ (mit dem Ursprung in der Milz) das ~Kalt-Trockene~,
der ~Schleim~ (welcher im Gehirn bereitet wird) das ~Kalt-Feuchte~.
Mittels der Ernährung findet eine stetige Zufuhr von Stoffen statt,
welche die Kardinalflüssigkeiten erneuern.
~Von dem Gleichgewichte, von der normalen Mischung (εὐκρασία) der
Säfte, von der Harmonie der ihnen innewohnenden Kräfte hängt die
Gesundheit ab. Fehlerhafte Mischung~ (δυσκρασία), ~übermäßiges
Vorwiegen und abnorme Anhäufung der einen oder anderen Grundflüssigkeit
bedeuten Krankheit~. Lokale Affektionen ergreifen den gesamten
Organismus und rufen, entsprechend den Wechselbeziehungen der Organe,
auch in entfernten Körperteilen Erkrankungen hervor[42].
[42] De loc. in hom: „Es scheint mir keinen Anfang im Körper zu
geben, sondern alles in gleicher Weise Anfang und alles Ende
zu sein. ... Desgleichen scheinen mir auch die Krankheiten in
gleicher Weise von dem gesamten Körper auszugehen. ... Beim
Körper aber rufen alle seine einzelnen Teile der eine bei dem
anderen ... eine Erkrankung hervor, der Leib im Kopfe, der Kopf
in den Fleischteilen und im Leibe und auch alles Uebrige im
entsprechenden Verhältnis. ... Wollte einer den kleinsten Teil
des Körpers nehmen und ihm Schaden zufügen, so würde der gesamte
Körper das Leiden wahrnehmen und zwar aus dem Grunde, weil der
kleinste Teil des Körpers alles enthält, was auch der größte
Teil enthält. Dieser aber überträgt, welches Leiden ihm auch
zustoßen mag, dasselbe in jedem einzelnen Falle immer auf die
ihm verwandten Teile.“ Letzterer Satz beruht auf der Erkenntnis
des ~physiologischen Wechselverhältnisses der Organe~, der
sogen. ~Sympathie.~ De alimento heißt es (Kap. XXIII): ~Ξύρῥοια
μια, ξύμπνοια μια, ξυμπαθέα πάντα~, Ein Zusammenströmen, eine
Vereinigung, eine Sympathie. Die „Sympathie“ der Teile wird
besonders berührt in den Büchern de fracturis, de articulis,
Epid. III, sec. V. Aphorism. V, 50 (Uterus -- Mammae).
Uebermäßig vom Kopfe herabfließender Schleim kann als
„Fluß“ (κατάρῥος, ῥευματισμὸς) je nach den Teilen, wohin er
dringt, verschiedene Krankheiten bewirken, z. B. Lungen- und
Brustfellentzündung, Schwindsucht, Wassersucht, Hüftschmerz, Diarrhöe,
Dysenterie etc. Werden Schleim und Galle (durch das „anschwellende
Fleisch“) abgeschlossen, wodurch die Abkühlung und Ausscheidung
verhindert ist, oder dringen sie ins Blut, so entsteht Fieber, und
zwar Fieberhitze durch die Galle, Fieberfrost durch den Schleim.
Verderbnis des Blutes oder „Schmelzung des Fleisches“ verursacht
Eiterung.
Die Dyskrasie der Säfte macht nach hippokratischer Auffassung das
Wesen der Krankheiten aus; die auslösende ~Krankheitsursache~ ist aber
in ~schädlichen äußeren Einflüssen, Fehlern der Lebensweise~, zum Teil
auch in krankhafter ~Vererbung~ (Same-Produkt des ganzen Körpers) zu
suchen.
Schon in der physiologischen Breite untersteht die Zusammensetzung
der vier Kardinalsäfte dem Einfluß von außen, wie dies besonders
scharf in den verschiedenen Jahreszeiten hervortritt. So überwiegt
im Frühling das Blut, im Sommer die gelbe, im Herbst die schwarze
Galle, im Winter hat der Schleim die Uebermacht. Das Warme, das
Feuchte, das Trockene, das Kalte, die Elementarqualitäten sind das
verknüpfende Band zwischen Grundflüssigkeiten und Jahreszeiten; wie
in diesen bald die eine, bald die andere Qualität die Oberherrschaft
hat, so prävaliert auch im Organismus bald der eine, bald der
andere Kardinalsaft. „Im Frühjahre ist der Schleim noch das stärkere
Element, und das Blut beginnt zuzunehmen, läßt doch auch der Frost
nach und stellen sich Regengüsse ein. Das Blut aber nimmt zu jener
Zeit zu infolge der Regengüsse und der warmen Tage; denn dieser Teil
des Jahres ist ihm am meisten konform, weil er feucht und zugleich
warm ist. ... Im Sommer aber hat das Blut noch die Herrschaft, und
die Galle beginnt sich im Körper zu erheben; ihre Herrschaft dauert
bis zum Herbste an. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut ab, denn der
Herbst ist ihm seiner Natur nach entgegengesetzt. Die Galle hingegen
beherrscht den Körper während des Sommers und des Herbstes. ... Der
Schleim ist dafür im Sommer schwächer als sonst, denn diese Jahreszeit
ist ihm ihrer Natur nach entgegengesetzt, weil sie trocken und heiß
ist. Das Blut aber erreicht im Herbste sein Minimum im menschlichen
Körper, denn der Herbst ist trocken und beginnt bereits den Menschen
abzukühlen. Die schwarze Galle hingegen ist während des Herbstes
in größter Menge vorhanden und am stärksten. Wenn aber der Winter
herannaht, kühlt sich die Galle ab und nimmt ab; während anderseits
der Schleim wieder zunimmt, sowohl infolge der Regengüsse als auch
infolge der Länge der Nächte.“
Der phantastisch angehauchte Schematismus, welchen der Charakter
der Jahreszeit mit der hervorstechenden Grundeigenschaft der
Körperflüssigkeit in Parallele setzte, war nur ein Teil der
Analogisierung kosmischer Erscheinungen mit organischen Vorgängen
(Makrokosmus -- Mikrokosmus), besaß aber eine empirische Stütze in
reellen Beobachtungen über den Wechsel der Krankheiten je nach der
Jahreszeit. „Daß aber der Winter den Körper mit Schleim anfällt,
kann man aus folgenden Beobachtungen entnehmen: Zur Winterszeit
speien und schneuzen die Menschen Sekrete aus, die zum größten Teile
Schleim sind, die weißen Geschwülste entstehen vorzüglich zu dieser
Jahreszeit und nicht minder die übrigen Schleimkrankheiten. ... Im
Frühjahr und im Sommer werden die Menschen am meisten von Dysenterien
befallen, das Blut fließt ihnen aus der Nase hervor, und sie selbst
sind am heißesten und rötesten. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut
ab; die Galle hingegen beherrscht den Körper während des Sommers und
Herbstes. Das kann man aus folgenden Tatsachen entnehmen: Die Menschen
speien von selbst zu jener Jahreszeit Galle, und bei den Purgationen
werden mehr gallige Bestandteile abgeführt. Klar erkennbar ist diese
Tatsache aber auch an den Fiebern und der ~Färbung der Haut~ bei den
Menschen.“
In den „Aphorismen“ finden sich eine Menge von Bemerkungen über das
Vorherrschen gewisser Krankheiten in bestimmten Jahreszeiten. Im 3.
Buche derselben heißt es: „Die Krankheiten entstehen ohne Unterschied
zu jeglicher Jahreszeit, manche hingegen entstehen und verschlimmern
sich in manchen Jahreszeiten mit Vorliebe. So im Frühjahre
Geisteskrankheiten, Melancholie, Epilepsie, Blutflüsse, Halsbräune,
Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Aussatz, Flechten, Vitiligo, viel
verschwärende Ausschläge, Geschwülste und Gelenkschmerzen; im
Sommer außer einigen der eben genannten Krankheiten auch andauernde
Fieber, Brennfieber, die meisten Tertianfieber, Erbrechen,
Diarrhöen, Augenentzündungen, Ohrenleiden, Mundgeschwüre, eitrige
Entzündungen der Genitalien und Schweißfriesel; im Herbste außer
vielen Sommerkrankheiten auch Quartanfieber und Febres erraticae,
Milzleiden, Wassersucht, Schwindsucht, Harnstrenge, Lienterie,
Dysenterie, Hüftweh, Halsbräune, Asthma, Ileus, Epilepsie, Irrsinn
und Melancholie; im Winter Brustfellentzündung, Lungenentzündung,
Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Schmerzen in der Brust, in der Seite,
in den Hüften und im Kopfe, Schwindel und Apoplexie.“
In mustergültiger Weise wird besonders in den Schriften ~de aëre
aquis et locis~, de humoribus, de diaeta und in den Aphorismen
ausgeführt, welchen Einfluß das Klima, die Jahreszeit[43], die
Witterung, der Wohnort auf das Entstehen der Krankheiten hat, welche
Bedeutung einerseits Winde, Wärme und Kälte, Sonnenhitze und Schatten,
ungesundes Wasser und schädliche Ausdünstungen, anderseits Lebensalter,
Lebensweise, Nahrung, Kleidung etc. für die ~Aetiologie~ besitzen,
und wie es Pflicht des Arztes sei, über die endemischen Verhältnisse
bei den Einwohnern Erkundigung einzuziehen, „denn in einer zahlreichen
Bevölkerung gibt es immer viele, welche darüber etwas aussagen können“.
[43] „Man muß wissen, in welchen Jahreszeiten die Säfte gleichsam
in ihrer Blüte stehen, was für Krankheiten sie in jeder
einzelnen Jahreszeit hervorrufen und was für Leiden sie bei
jeder einzelnen Krankheit verursachen“ (de humorib. c. 8).
Die Bücher über „die epidemischen Krankheiten“ enthalten eine
kasuistische Zusammenstellung von nicht ausschließlich epidemischen
Krankheiten, welche zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Orte
unter dem Einfluß bestimmter klimatischer und Witterungsverhältnisse
nebeneinander auftreten (Katastaseologie) und durch gewisse
Grundkrankheiten in ihrem Verlauf und Charakter eine besondere
Modifikation erlitten (Genius epidemicus).
Den endemischen Krankheiten stehen die ~epidemischen~ gegenüber,
welche teils durch den Wechsel der Jahreszeiten, teils durch schädliche
Beschaffenheit der Luft hervorgerufen werden. (Während der letzteren
soll man bei der gewohnten Lebensweise verbleiben, jedoch die Nahrung
vermindern, um das Atembedürfnis zu beschränken.)
Charakteristisch für die hippokratische Medizin bleibt es jedoch
(gegenüber der orientalischen), daß die Erkenntnis der Abhängigkeit
des gesunden und kranken Organismus von den großen kosmischen Agentien
nicht dahin führte, die Selbständigkeit und Eigenart des Individuums
zu übersehen: „Man muß wissen, zu welcher Krankheit die Natur am
meisten neigt. ... Was das Verhältnis der Naturen zu den Jahreszeiten
anlangt, so sind dieselben gegenüber dem Sommer oder gegenüber dem
Winter gut und schlecht disponiert, andere gegenüber den Ländern, den
Altersstufen, den Lebensgewohnheiten und den Zuständen der Krankheiten
gut und schlecht disponiert.“
Die inhaltlich und formell als Meisterwerk zu bezeichnende
Abhandlung „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ enthält in
großzügiger Darstellung die Grundlagen der ~physikalischen
Geographie~ und ~geographischen Pathologie~ und weist die innigen
~Beziehungen~ nach, welche ~zwischen klimatisch-topographischen,
anthropologischen und sozial-ethischen Verhältnissen~ obwalten. Hier
erhebt sich der Arzt zum weitblickenden, aber spekulationsfreien
Naturforscher, gleichsam zur Illustration der Worte, welche in der
„alten Medizin“ stehen: „Ich bin überzeugt, daß man bezüglich der
Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis kommen kann als
durch die ärztliche Kunst.“ Die ersten Kapitel handeln von der
Wichtigkeit der medizinischen Topographie und von dem Einfluß,
den die Lage eines Ortes auf die Gesundheitsverhältnisse ausübt.
Beispielsweise wird als Folge warmer Winde folgendes angeführt:
schwächliche Körperentwicklung, Neigung zu Dysenterie, Diarrhöen,
Hämorrhoiden, langwierige Fieber, Schlaganfälle, Krampfkrankheiten,
Epilepsie, Blutungen, Abortus etc. Die Bewohner von Gegenden, die
kalten Winden ausgesetzt sind, werden dagegen kräftig, erlangen
spät die Pubertät, besitzen längere Lebensdauer, neigen meist zu
akuten Affektionen, aber auch zu Empyemen, Phthisis, Obstipation,
Augenkrankheiten, Nasenbluten; die Frauen sind spärlich menstruiert
und gebären schwer. In den folgenden Abschnitten spricht der Verfasser
ausführlich über die Eigenschaften des Wassers, seine Abhängigkeit vom
Boden und den herrschenden Winden. Der Genuß von schlechtem Wasser
erzeugt Milzschwellung, Hydrops, der Genuß von verschiedenartigem
Wasser (von Flüssen, in welche andere einmünden, von Seen, in welche
sich viele Wasserläufe ergießen) befördert die Bildung von Blasen-
und Nierensteinen, verursacht Harnstrenge, Hernien und Ischias.
Nachdem er auf den Zusammenhang der Jahreszeiten (Gestirnstellung,
Sommersonnenwende, Herbsttag- und Nachtgleiche, Wintersonnenwende,
Frühlingstag- und Nachtgleiche) mit den Krankheiten hingewiesen,
vergleicht Verfasser die Völker Europas mit den asiatischen und leitet
die anthropologisch-ethisch-intellektuellen Eigentümlichkeiten von
klimatischen Verhältnissen ab.
In der Betrachtung des Krankheitsverlaufes schwebt den Hippokratikern
die ~akute, fieberhafte Krankheit~ vor, wo die Schwankungen der
Temperatur, die in Menge und Beschaffenheit wechselnden Ausscheidungen,
die regelmäßige Wiederkehr der Erscheinungen eine Gesetzmäßigkeit
verraten, welche Schlüsse über die Entwicklungshöhe, Schwere und den
Ausgang des Leidens zu ziehen gestattet. ~Die chronischen Affektionen
sind bei den Hippokratikern nur Folgezustände der akuten Krankheiten.~
Der damaligen physiologischen Auffassung mußte das Krankheitsbild,
z. B. der Lungenentzündung, stets von neuem den Anschein erwecken,
daß die „Physis“ gegen die krankmachenden Schädlichkeiten einen
stürmisch auf- und abwogenden Kampf führt, wobei es im Wesen darauf
ankommt, die Materia peccans hinauszutreiben, und daß sich die Phasen
des Kampfes zwischen Naturheilkraft und Krankheit in dem Zustand
der flüssigen Ausscheidungen widerspiegeln, welche unter dem Einfluß
der „eingepflanzten“ Wärme (Fieberhitze) eine Reihe von Umwandlungen
erleiden. Das einfachste, von den Hippokratikern häufig herangezogene
Beispiel bietet der Schnupfen, wo die örtliche Reizung und das Fieber
von der anfangs dünnflüssigen und scharfen Schleimsekretion abgeleitet
werden, und die Besserung erst dann eintritt, wenn der Ausfluß
„dicker, weniger scharf, gleichsam ~gekocht~ und mit dem früheren mehr
gemischt ist“. Die Krankheitsstoffe, so schloß man verallgemeinernd,
bedürfen überall, um ausgeschieden werden zu können, erst der
Konsistenzveränderung „durch Mischung und Kochung“, und mit ihnen
durchläuft jede Krankheit, bald deutlicher, bald mehr verhüllt, ~drei
Stadien~; das der ~ὰπεψία~, d. h. des Nichtgekocht- oder Rohseins,
der Schärfe; das der ~πἑψις~, d. h. der Kochung oder Reifung; das der
~κρίσις~, d. h. der Lösung oder Ausscheidung, womit die Entscheidung
(Heilung oder Tod) verknüpft ist. ~Je nach dem Zeitraum bietet die
Krankheit ein verschiedenes Bild, welches über den Verlauf orientiert.~
Die Krisis[44] kann eine lokale oder allgemeine sein, sie kann sehr
schnell durch gesteigerte Sekretion und Exkretion oder Ablagerung
(ὰπόστασις)[45] der Krankheitsprodukte (im Parenchym namentlich
entfernter Organe) erfolgen; sie kann sich aber auch hinziehen in Form
der ~Lysis~ (wo die Ausscheidungen allmählich zu stande kommen) oder
sich durch den Uebergang einer Fieberform in eine andere manifestieren.
[44] Krisis ist der Inbegriff der natürlichen Anstrengungen zur
Expulsion der schädlichen Massen.
[45] Im weiteren Sinne werden „Apostasen“ auch andere nicht kritische
Wendungen, besonders Nachkrankheiten genannt.
Die gehäufte Beobachtung ließ erkennen, daß bei gewissen fieberhaften
Affektionen der Eintritt der Krise an eine gewisse Regelmäßigkeit
gebunden ist, sofern der atypische Verlauf durch medikamentöse
Eingriffe nicht gestört wird. In voreiligem Streben nach exakten
Angaben fand diese Erfahrung nur allzu leicht den unheilvollen Anschluß
an uralte Zahlenmystik, die auf griechischem Boden im Gewande der
pythagoreischen Philosophie auftrat. So entstand ~die Lehre von den
kritischen Tagen~, welche schon sehr früh zu phantastischen Spielereien
führte, in denen die ~Vierzahl~ und besonders die ~Siebenzahl~
und ihre Vielfachen eine wichtige Rolle spielten. Dort, wo in den
hippokratischen Schriften der echt nüchterne Sinn ihres intellektuellen
Urhebers zum Durchbruch kommt, wird allerdings bei aller prinzipiellen
Anerkennung des zyklischen Verlaufes fieberhafter Krankheiten davor
gewarnt, daß man die Vorhersage der Krise genau auf die Berechnung
ganzer Tage stütze.
Nach Epid. I, 26 tritt die Krise bei Fiebern mit Steigerung an
geraden Tagen am 4., 6., 8., 10., 14., 20., 24., 30., 40., 60.,
80. und 120. Tage, bei solchen mit der Exazerbation an ungeraden
Tagen, am 3., 5., 7., 9., 11., 17., 21., 27. und 31. Tage, auf. Bei
Nichteinhaltung dieser Tage deutet die Krise auf Rückfall oder Tod.
Im 37. Kapitel des Buches der Prognosen heißt es, daß am 4. Tage
gutartige Fieber zur Krisis, bösartige zum Tode führen. „Das ist
also der Endpunkt ihrer ersten Periode, die zweite aber erstreckt
sich bis zum 7., die dritte bis zum 11., die vierte bis zum 14., die
fünfte bis zum 17., die sechste bis zum 20. Tage. Diese am meisten
akuten Krankheiten endigen also, indem sie von vier zu vier Tagen
bis zu zwanzig aufsteigen.“ Aphor. II, 24 lautet: „Von sieben Tagen
gibt der vierte die Erkennung, bei der anderen Woche ist der achte
der Anfangspunkt; achten aber muß man auf den elften, denn dieser ist
der ~vierte Tag~ der anderen Woche; achten aber muß man wieder auf
den siebzehnten Tag, denn dieser ist der ~vierte~ vom vierzehnten an
gerechnet, und der ~siebente~ vom elften an gerechnet.“ Prognostisch
gutartig galt kritischer Fieberausbruch am 3., 5., 7., 9., 11., 14.,
17., 21., 27., 31. und 34. Tage. (Aph. IV, 36.) Die Schrift „Die
kritischen Tage“ gibt als Entscheidungstage der Fieber den 4., 7.,
11., 14., 17., 21., 30., 40. und 60. Tag an. Im Buche de carne wie in
de sept. partu ist die Zahlenspielerei bereits in ein System gebracht.
In ersterem heißt es: „Die akuten Krankheiten entscheiden sich nach
Ablauf von vier Tagen, d. h. von einer halben Woche, an zweiter Stelle
in einer Woche, an dritter Stelle in elf Tagen, d. h. einer ganzen und
einer halben Woche, an vierter Stelle in zwei Wochen und an fünfter
Stelle in zwanzig weniger zwei Tagen, d. h. in zwei Wochen und in
einer halben Woche.“ Nach der letzteren Schrift muß der Arzt auf alle
ungeraden Tage achten, aber auch auf den 14., 28. und 42. Tag. „Denn
dieses ist die Grenze, welche von manchen der Lehre von der Harmonie
gesetzt wird, und die gerade und vollkommene Zahl. Auf diese Weise
aber muß man seine Betrachtungen anstellen, nach Gruppen von dreien
und vieren, nach Gruppen von dreien, indem man alle zusammenfaßt, nach
Gruppen von vieren, indem man die Gruppen auch paarweise zusammenfaßt,
diese Paare jedoch noch obendrein zusammenkuppelt.“ Die Triadenreihe
verläuft also: 1 2 3 / 3 4 5 / 5 6 7 / 7 8 9 u. s. w. bis 42; die
Tetradenreihe hingegen: 1 2 3 4 / 4 5 6 7 / 8 9 10 11 / 11 12 13 14;
15 16 17 18 / 18 19 20 21 / 22 23 24 25 / 25 26 27 28; 29 30 31 32
/ 32 33 34 35 / 36 37 38 39 / 39 40 41 42.
Die Beobachtung der Krisen bildet eine der Säulen, auf welcher die
Vorhersage des Krankheitsausgangs ruhte.
Die ~Prognostik~ verleiht dem ärztlichen Denken der Hippokratiker die
charakteristische Färbung und läßt die ~Diagnostik~ an Bedeutung weit
hinter sich. Dieses Verhältnis -- umgekehrt in der heutigen Medizin
-- wurde durch die damalige Entwicklungshöhe der Untersuchungstechnik
bedingt und stellt den Ausdruck des rein praktischen Strebens
der hippokratischen Heilkunst dar. Ist es doch das Schicksal des
Kranken, nicht so sehr die Erkenntnis des Krankheitswesens, was der
Künstlerarzt zu erfassen sucht, und geben doch tatsächlich kritisch
geeichte klinische Beobachtungen auch ohne tieferes Verständnis ihres
inneren Zusammenhangs manchmal das Mittel an die Hand, die Schwere
und den wahrscheinlichen Krankheitsausgang eines Leidens zu bestimmen,
Anhaltungspunkte für die Behandlung zu gewinnen.
Bei dem Mangel der Hilfswissenschaften und auf der Basis der
damaligen Untersuchungstechnik war es dem schauenden und sehenden
Arzte weit öfter möglich, aus der Zusammenfassung möglichst vieler
Wahrnehmungen am einzelnen Falle und ihrer Vergleichung mit ähnlichen
(selbst beobachteten oder von anderen überlieferten) Symptomgruppen
einen klaren, die Prognose in sich schließenden Gesamteindruck des
Krankheitsverlaufs zu gewinnen, als zu einer realen Diagnose der
Krankheitsspezies zu gelangen. ~Im Lichte der engeren Zwecke des
ärztlichen Berufes ist der Weg des hippokratischen Praktikers~
-- der auch heute dort, wo anatomische Krankheitsbilder fehlen,
beschritten wird -- ~nur der längere, mit größerer Unsicherheit,
mit höheren Anforderungen an das Talent des Individuums verbundene
Weg; aber auch er kann zu dem Ziele hinführen, das die moderne an
anatomisch-physiologische Diagnostik mit ökonomischer Sparung der
individuellen Leistung in kürzerer Zeit und mit weit überlegenerer
Gewißheit erreicht~. Diese Erwägung läßt erst so recht verstehen,
wie wenige, nicht nur dem Worte, sondern der Tat nach, Aerzte
im hippokratischen Sinne werden konnten, und weshalb das
Beobachtungstalent sich auch auf solche ~minutiöse Einzelheiten~
erstrecken mußte, deren Berücksichtigung wir heute überhoben
sind, gleichwie für den Seefahrer vor Erfindung der Bussole die
Sternbeobachtung weit wichtiger war als jetzt.