Bei akuten Krankheiten -- heißt es im Prognosticon (Kap. II) -- muß

man zunächst das Gesicht des Patienten betrachten, ob es wie das von

gesunden Personen, vorzüglich aber, ob es wie gewöhnlich aussieht.

In diesem Falle stünde es nämlich am besten; würde es sich hingegen

bezüglich seines Aussehens weit davon entfernen, so wäre die größte

Gefahr vorhanden. Die Schrift „Ueber die Einrichtung der Gelenke“

(Kap. X) lehrt, man müsse, um die Luxation zu erkennen, den gesunden

Teil mit dem kranken vergleichen.

Im Anschluß hieran hatte man durch möglichst viele, bis in die

feinsten Einzelheiten vordringende Sinneswahrnehmungen nicht nur

das kranke Organ, sondern das gesamte körperliche Verhalten des

Kranken einer Prüfung zu unterziehen. ~So bewunderungswürdig aber die

Feinheit solcher Beobachtungen war, das Wesen des Hippokratismus,

„die Kunst“~ (der Krankenbeobachtung) ~lag erst darin, daß man in

jedem einzelnen Fall zu beurteilen verstand, welche Wahrnehmungen

in ihrer Zusammenfassung für die Beurteilung des Krankheitszustands

in prognostischer Hinsicht, sowie für den Zeitpunkt und die Art des

therapeutischen Eingriffs Schlüsse zuließen~. Es galt, Wesentliches

vom Unwesentlichen im Symptomenkomplex zu trennen, die Beobachtungen

nicht planlos zu häufen, sondern unter den Gesichtspunkt des Ganzen zu

bringen. Daher werden die Verfasser der „Knidischen Sentenzen“ trotz

ihrer Beobachtungen in der Einleitung zur „Diät bei akuten Krankheiten“

so heftig getadelt, weil sie sich in unwesentliche Einzelheiten

verlieren, die Krankheiten nach zufälligen Merkmalen willkürlich

klassifizieren, über der Analyse die Synthese vergessend, bei ihrer

Betrachtung der Details nicht zum Blick über das Ganze kommen[24].

„Mir aber erscheint es angemessen,“ sagt der Tadler, „den Blick auf

die ganze Kunst zu richten.“ Zwischen knidischer und hippokratischer

Klinik waltet eben derselbe Gegensatz, der in der Geschichtschreibung

des Herodot gegenüber derjenigen des Thukydides erkennbar ist. Bei

ersterem handelt es sich mehr um Geschichten als um Geschichte, aus dem

Mosaik der Schilderungen entsteht keine einheitliche Auffassung der

Vorgänge, daher kein reales Bild der Schlachten, Kriegsoperationen,

der Persönlichkeiten, wie dies bei Thukydides der Fall ist. Und hier

treffen wir auf ein neues Grundelement des Hippokratismus, das eine

ganze Reihe seiner Eigentümlichkeiten, sowohl in denkmethodischer als

in therapeutischer Hinsicht aufklärt, auf den -- •Individualismus•.

[24] Der Denkprozeß, welcher die Krankheitserscheinungen zu einem

Ganzen zusammenfaßt, ist dem Wesen des ~Dramas~ verwandt,

welches die Einzelhandlungen in ~eine~ Handlung auflöst.

~Vielleicht ist es kein Zufall, daß die höchste Stufe des Dramas

mit der höchsten Entwicklung des medizinischen Denkens bei den

Griechen zusammenfällt!~

Wie als Ausfluß des Zeitgeistes die Persönlichkeit im Drama, in

der Plastik und Malerei mehr und mehr hervortritt -- vom Schauen

erhob man sich zum Sehen, an Stelle der älteren Kunst, welche bloß

auf Frontalität berechnet war, entwickelte sich der Sinn für die

Tiefe --, wie Sokrates das Denken auf den Menschen selbst hinlenkte,

wie bei Thukydides die Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt

wird, so nimmt die hippokratische Medizin ihren Ausgang vom Subjekt

des künstlerisch betrachtenden Arztes und findet ihren Zielpunkt

nicht in der Mikrographie der Symptome, in spekulativ ersonnenen

Krankheitsschemen, sondern im -- ~kranken Individuum~. Hippokrates

verknüpft die idealistische und realistische Richtung, die Empirie

und höchste Generalisation in einer Art des Individualismus, welche

mit der individualistischen Willkür der sophistischen Aerzte seines

Zeitalters nur den Namen gemein hat.

Jeder einzelne Krankheitsfall ist ihm Naturobjekt, welches mit allen

Hilfsmitteln der Beobachtung unter Heranziehung der eigenen und fremden

Erfahrung, unter Berücksichtigung der besonderen Eigentümlichkeiten und

Beziehungen zur Gesamtnatur studiert werden muß. Frei von Schablone

hat der hippokratische Arzt in jedem einzelnen Falle, je nach dem

besonderen Tatbestande, im Hinblick auf den wahrscheinlichen Verlauf,

sein therapeutisches Vorgehen einzurichten, den richtigen Zeitpunkt

für sein Eingreifen zu wählen und niemals über lokal-pathologischen

Zuständen den Gesamtzustand aus dem Auge zu lassen. ~Nicht so sehr

die Krankheit als das kranke Individuum, weniger die Diagnose als die

Prognose, nicht so sehr die naturwissenschaftliche Pathologie als das

Heilen steht im Mittelpunkt seines Interesses.~ „Man muß ein bestimmtes

Maß zu erlangen suchen; ein Maß aber, sei es ein Gewicht oder eine

Zahl, die als Richtschnur dienen kann, wirst du nicht finden, keine

andere als die körperliche Empfindung“ -- sagt der Verfasser der „alten

Medizin“, d. h. er bestreitet die Möglichkeit einer exakten Begründung

der Medizin und sieht im ~Individualisieren~ das Wesen der Heilkunst.

Weder Rezeptpraktiker noch theoretisierender Systematiker, wird der

Arzt im Geiste des Hippokrates individualisierender Heilkünstler[25].

[25] Darum konnte Hippokrates aus der diätetisch-hygienischen

Therapie der Gymnasten das Gute entnehmen, ohne ihre

Uebertreibungen mitzumachen. ~Es ist besonders bemerkenswert,

daß er im Gegensatz zur Sozialhygiene der alten Gesetzgeber

oder der Pythagoreer auch die Diät der Gesunden und Kranken

zuerst individualisierte.~

Aus der künstlerisch-individualisierenden Richtung erklären sich

manche anscheinende Gegensätzlichkeiten, welche als Widersprüche nur

dann zu Tage treten, wenn sie aus dem Zusammenhang herausgerissen,

von anderem Standpunkt betrachtet werden. Dahin gehört zunächst die

Tatsache, daß Hippokrates allen Scharfsinn bei der Untersuchung

in Anspruch nimmt, ohne aber die überkommenen Krankheitsbilder

schärfer zu sondern oder durch neue Beobachtungen zu mehren[26]

-- sucht er doch nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame der

Krankheiten zu erkennen, um die Prognostik zu sichern. Ebenso wird

es verständlich, weshalb Hippokrates weder bloß kausale noch bloß

symptomatische Therapie einschlägt, zumeist nach dem Grundsatze

Contraria contrariis vorgeht, aber auch in gewissen Fällen das Prinzip:

Gleiches durch Gleiches (zu bekämpfen) nicht verschmäht, daß er bald

mit heroischen Mitteln eingreift, bald zuwartend einer exspektativen

Behandlung huldigt -- ist doch das Verhalten des einzelnen Falles

dafür entscheidend. Im Lichte der praktischen Tendenzen ist es auch

bedeutungslos, daß die hippokratische Medizin die krankhaften Phänomene

nicht über eine gewisse Grenze hinaus zergliedert, die Spekulation

verwirft und doch von pathologischen Theorien, namentlich von der

Säftelehre, ganz durchsetzt ist. Für den Koer war diese Theorie nicht

das einzig ausschlaggebende, starre Prinzip, aus dem die Therapie

einfach deduziert wurde, sondern ein ~zeitgemäßer Ausdruck empirischer

Tatsachen~, eine Hypothese von außerordentlichem heuristischen

Werte, welche der naiven Betrachtung durch die verschiedenartigsten

Erscheinungen im Krankheitsverlauf hinlänglich gestützt zu sein schien;

hierdurch waren aber auch andere Hypothesen (Pneumalehre) nicht ganz

ausgeschlossen. Dasselbe gilt auch für die Lehre von den kritischen

Tagen, für die Lehre von den Wechselbeziehungen des Makrokosmus und

Mikrokosmus u. a., wobei Hippokrates aus dem Wust von Aberglauben den

Kern von Wahrheit ausschälte[27]. Nicht jeder seiner Schüler folgte

ihm freilich auf diesem Wege der naturwissenschaftlichen Nüchternheit,

ja manche wollten ihn in diesem oder jenem Punkte überbieten und

fielen gerade in solche Irrtümer zurück[28], welche der Meister eben

glücklich überwunden hatte, daher der verschiedene innere Wert der

hippokratischen Schriften, von denen jede, aber manche sehr verzerrt,

die Gedanken des göttlichen Greises widerspiegelt. Das Schicksal,

nur von wenigen Jüngern verstanden zu werden, teilt Hippokrates mit

allen bahnbrechenden Denkern! Nicht im Ideengebiet des Meisters,

sondern zwischen einzelnen der hippokratischen Schriften klafft auch

jener scheinbar fundamentale Widerspruch, der von vornherein darin

besteht, daß Hippokrates die Medizin auf das Studium des kranken

Lebens[29], auf das Heilgeschäft einengt, und anderseits den Blick

auf die Wechselbeziehungen des Individuums zur Gesamtnatur richtet,

daß er die Medizin von der damals rein spekulativen Naturforschung

abzieht und doch das rationelle therapeutische Handeln von der gesamten

Naturerkenntnis abhängig macht. Der Fehlschluß basiert nur auf der

Verwechslung von deduktiver Naturphilosophie mit realer Naturforschung;

erstere verwarf Hippokrates, letztere sollte sich nach seiner Meinung

auf dem Felsgrunde der Erfahrung mit dem Gerüst der Induktion aufbauen.

So wird es klar, wie der Verfasser der „alten Medizin“ die Philosophen,

welche ohne Erfahrung die Einzelkenntnisse aus der Gesamtauffassung der

Natur deduzieren, verspotten darf, und wie doch wiederum, ebenfalls

im Sinne des Koers, gerade in dem Meisterwerke „Ueber Luft, Wasser

und Oertlichkeit“ sogar der „Astronomie“ eine wesentliche Bedeutung

für die ärztliche Kunst zugeschrieben ist[30], wie in der Schrift

„Ueber die Natur des Menschen“ die Kenntnis der Körperbeschaffenheit

zur Basis der Medizin gemacht wird und doch wiederum diejenigen Tadel

finden, die „in der Erörterung über die menschliche Natur weitergehen,

als sie zur ärztlichen Kunst in Beziehung steht“. Denn das Ideal,

welches dem Hippokrates als höchstes vorschwebt, die individualistische

Behandlung im wahrsten Sinne des Wortes, steht am Ende eines Weges,

der gerade mit der Auffassung des Individuums als eines Stückes der

Gesamtnatur parallel läuft, oder wie Platons Phaidros mit Berufung

auf die hippokratische Denkmethodik sagt, nicht betreten werden kann:

ἄνευ τη̄ς τοῦ ὅλου φύσεως.

[26] Am Schlusse der „Prognosen“ heißt es daher: „Man vermisse

aber ja keinen einzigen Namen einer Krankheit, welche sich

hier nicht beschrieben fände, denn alle Krankheiten, welche in

den vorerwähnten Zeilen ihre Entscheidung finden, wird man an

denselben Zeichen erkennen.“

[27] Es zeigt sich dies gerade in der Lehre von den kritischen Tagen

besonders deutlich. Während Hippokrates zwar den rhythmischen

Verlauf akuter Krankheiten, auch das häufige Auftreten der

Krise an bestimmten Tagen beobachtete, so heißt es doch im

Prognosticon (37), daß die Berechnung unsicher ist (ebenso

in der Schrift „Die Krisen“, Kap. VII). Was den Einfluß der

cälestischen Erscheinungen anlangt, so eliminierte Hippokrates

die astrologische Vorstellung vom Einfluß der Gestirne auf das

Einzelindividuum, betonte aber die Wirkung im großen auf den

allgemeinen Gesundheitszustand etc.

[28] Vergl. die Schrift „Die Wochen“ (wo der Siebenzahl eine

phantastische Bedeutung zugeschrieben wird). Im Buche über

die Diät I und über die Träume wird die Analogie zwischen

Makrokosmus und Mikrokosmus in mystischem Schematismus

durchgeführt.

[29] In der „alten Medizin“ heißt es: „Ich bin überzeugt, daß man

bezüglich der Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis

kommen kann, als durch die ärztliche Kunst. ... Mir scheint

die Notwendigkeit vorzuliegen, daß ein jeder Arzt die Natur

kennen lernt und sich alle Mühe gibt, wenn er anders seine

Pflicht recht erfüllen will, kennen zu lernen, wie sich der

Mensch dem Essen und dem Trinken gegenüber verhält, wie sonst

den Lebensgewohnheiten gegenüber.“

[30] Sollte aber einer der Ansicht sein, daß diese Fragen lediglich

in das Gebiet der Himmelskunde gehören, so wird er erfahren, daß

die Astronomie nicht eine geringe, sondern eine sehr wesentliche

Bedeutung für die ärztliche Kunst hat. Denn zugleich mit den

Jahreszeiten ändern sich beim Menschen auch die Verdauung und

die Krankheiten.

Naturerkenntnis ist dem Hippokrates vorwiegend das Verständnis

der Natur des Menschen im gesunden und kranken Zustande, in ihren

Beziehungen zur Außenwelt. Die spärlichen anatomischen Tatsachen,

die spekulative Physiologie der Naturphilosophen erschienen ihm

mit Recht als ungenügende Grundlage, er konnte sie entbehren, da

er rein praktische Tendenzen (die Heilung) verfolgte und sich für

diese die Natur am Krankenbette hinreichend offenbarte, wenn man zu

sehen verstand. Wie die Griechen ohne anatomisches Wissen im heutigen

Sinne auf Grund ihrer Beobachtungen in Gymnasien und Athletenschulen

ihren Kanon formulieren konnten, so erblickte das Künstlerauge des

Hippokrates im Wirrsal der klinischen Erscheinungen, trotz mangelnder

Erfassung der tieferen Zusammenhänge im einzelnen, ~das ordnende

Gesetz, welches die krankhaften Symptome zum Ausdruck der Reaktion

auf krankhafte Reize gestaltet~. Ihm waren die klinischen Phänomene,

namentlich das Fieber, nichts anderes als reaktive Erscheinungen,

als Vorgänge, welche die Heilung anbahnen. Der Inbegriff der den

einzelnen Individuen verliehenen Fähigkeit, je nach dem Maße der

Energie ihrer lebendigen Kräfte krankhafte Zustände auszugleichen,

ist die ~Physis~. „~Die Naturen sind die Aerzte der Krankheiten“ --

„Νούσων φύσεις ἰητροί~“[31]. Den ersten Lichtblick dieser Erkenntnis

mag der Asklepiadensprößling vielleicht gerade aus der kritischen

Vergleichung der Weihinschriften empfangen haben; ließen doch die

Wunder des Asklepios, in Anbetracht der mannigfachen und häufig

absurden Heilarten, das Walten eines großen, gemeinschaftlichen

Heilfaktors ahnen -- der Natur. Daran gemahnt die fast priesterliche

Ehrfurcht, welche Hippokrates der Physis entgegenbringt, die in seiner

Anschauung an Stelle des Heilgottes getreten ist; darauf deutet auch,

daß sich Hippokrates nicht als Meister, sondern als ~Diener der Natur~

betrachtet. Gegründet konnte diese Erkenntnis aber erst werden durch

eine reiche Beobachtung, durch eine Fülle von Krankheitsbildern, in

denen die Heiltätigkeit der Natur zum Vorschein kam, ohne daß der

Blick durch die herkömmliche Polypragmasie getrübt wurde. Solche Bilder

finden sich namentlich im ersten und dritten Buche der „Epidemischen

Krankheiten“, Schriften, welche geradezu als Tagebücher der Natur

bezeichnet werden können.

[31] Epid. VI, 5. Wiewohl diese Stelle in einem „unechten“ Buche

vorkommt, verleiht sie doch dem Hippokratismus den prägnantesten

Ausdruck.

Die erfahrungsmäßig erworbene ~Erkenntnis, daß die Natur viele

Affektionen zur Heilung bringt, ohne aktives Eingreifen von Seite des

Arztes, daß im Grunde jede Kunstheilung nur mittels der zielbewußten

Inanspruchnahme der natürlichen Kräfte zu stande kommt~ -- eine

Lehre, die sich gerade im Lichte der neuesten Medizin bewahrheitet --,

führte den Meister nicht zur Leugnung des medizinischen Könnens, zum

therapeutischen Skeptizismus oder Nihilismus, sondern zur ~scharfen

Begrenzung der ärztlichen Wirkungssphäre~. Wie Sokrates überwindet auch

der Koer die Skepsis durch positive, produktive Kritik. Die Physis,

im Sinne des Hippokrates, handelt nämlich nicht planmäßig, nicht nach

bewußten Zwecken, wenn ihre Aeußerungen in der Regel auch zweckmäßig

für die Restitution des Organismus werden. Wie jede Naturkraft bedarf

sie einer Anregung, Zügelung oder Lenkung in bestimmte Bahnen, denn

nur zu häufig wird die Erhaltung des Organismus durch zu stürmische

oder zu schwache oder durch solche Reaktionserscheinungen in Frage

gezogen, welche an einem ungeeigneten Orte stattfinden. Sache des

denkenden Arztes ist es daher, den Verlauf zu beobachten und ~im

rechten Zeitpunkte~ in den Gang der Ereignisse nach Möglichkeit

hemmend, bahnend oder Richtung gebend einzugreifen. Im Banne der

Anschauungen seiner Zeit versteht Hippokrates darunter besonders die

Beförderung und Mäßigung der Ausscheidung der kranken Säfte bezw. die

Unterdrückung ihres Durchbruchs an gefährlichen Stellen, die Grundsätze

gelten aber für jede pathologische Auffassungsweise. ~Die Therapie des

Hippokrates ist daher beobachtend~ (auf die natürlichen Heilvorgänge

gerichtet) ~und je nach den Vorgängen im Einzelfalle mehr oder minder

eingreifend, vor allem aber zielt sie dahin, die Kräfte des kranken

Individuums zu erhalten~. Letzterem Zwecke dient vornehmlich die

Steigerung, Beschränkung und richtige Auswahl der Nahrungsaufnahme --

die individualisierte Diät.

So steht Hippokrates an der Grenze zweier Weltalter, in der grauesten

Vergangenheit wurzelnd und doch noch für die jüngste Gegenwart

Ziel und Richtung gebend, ein leuchtendes Muster der Menschenliebe

und Berufstreue, ein Wahrheitssucher mit dem Vollbewußtsein der

Unzulänglichkeit. Aus einer gärenden Zeit herausgeboren, überwand er

die Zeit und übt noch über die reifsten Alter des Menschengeschlechts

eine wunderbar ungebrochene Macht aus, durch seine nüchterne

Beobachtung, durch seine weitblickende Methode, durch seine der Natur

abgelauschten therapeutischen Grundsätze, welche keinem Fortschritt

hinderlich entgegenstehen und unübertroffen bleiben. Er gleicht einem

Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten

braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt.

Von allen bewundert, von wenigen wahrhaft verstanden, von vielen

nachgeahmt, von keinem erreicht, wurde er der Meister der Heilkunst

aller Zeiten!

Die Medizin der Hippokratiker im allgemeinen.

Die Schriften des Corpus Hippocraticum enthalten wohl alle etwas von

den Leitgedanken des großen Koers, aber nicht jede derselben ist davon

in ihrer ganzen Tiefe durchsetzt. Die Medizin der Hippokratiker, wie

sie uns in der Sammlung vorliegt, ist daher keineswegs völlig identisch

mit dem -- Hippokratismus. Dieser bleibt ewig jung über alle Zeiten

hinweg, ewig wahr inmitten der fortgeschrittensten wissenschaftlichen

Entwicklung; jene dagegen birgt manches in sich, was aus der Epoche

heraus geboren, mit ihr zu Grabe getragen ist. Es erklärt sich daraus,

daß Schüler, Zeitgenossen und Nachfahren des Meisters dasjenige in

feste Regeln zu bannen suchten, was freiwaltend seine künstlerische

Persönlichkeit in sich trug, und bei solchem Streben wurde nicht

immer die feine Linie eingehalten, welche die sichere Erfahrung von

der wahrscheinlichen Hypothese scheidet. Zudem kommen in der bunt

zusammengewürfelten Schriftensammlung, die ja manches Erzeugnis

literarischer Falschmünzerei in sich schließen mag, auch andere

Schulen neben der koischen zum Wort. Da viele Jahrhunderte lang

die mangelnde Kritik jeden Satz dem Hippokrates selbst zusprach, so

konnten sich im Laufe der Geschichte die mannigfachsten Richtungen

mit ihren Extremen scheinbar mit gleicher Berechtigung auf angeblich

hippokratische Aussprüche berufen, die zwar nebeneinanderstehen, aber

sich oft unversöhnlich widersprechen, ja nicht selten das Prinzip der

Nüchternheit, Mäßigung und Selbstbeschränkung ins Gegenteil verkehren.

~Die Art, wie sich Hippokrates im Geiste der Zeitalter spiegelt und

bald den ertötenden Buchstabenglauben, bald die tiefere Auffassung des

Hippokratismus in den Vordergrund rückte, ist an sich ein Gradmesser

für den medizinischen Fortschritt.~

Die ~Krankheitslehre~ der Hippokratiker entstand aus dem Zusammenfluß

von Erfahrungen mit spekulativen Ideen. ~Da die Induktion klinischer

Beobachtungen zwar über den Tatbestand des Krankheitsbildes aufklärt,

aber über die Ursachen dieses Tatbestandes nichts aussagen kann, so

mußten bei dem Mangel eines anatomisch-physiologischen Unterbaues

Hypothesen herangezogen werden, wollte man auf die Erkenntnis der

Krankheitsursachen nicht gänzlich verzichten.~ So spukt an manchen

Stellen, z. B. in der Einleitung der „Prognosen“ oder in der Schrift

„Ueber die Träume“ noch ein Rest der Theurgie, wenn unbekannte

Krankheitsursachen kurzwegs für göttlich oder übernatürlich erklärt

werden. Solche Rückschläge sind aber bedeutungslos im Hinblick auf

die vorherrschende Auffassung, welche besonders im Buche de aëre

aquis et locis[32] oder in der Schrift de morbo sacro[33] jedweden

medizinischen Aberglauben scharf zurückweist. Wichtiger waren die

naturphilosophischen Krankheitshypothesen. Hatten die Naturphilosophen

-- dies waren alle Naturforscher dieses Zeitraumes -- den Aberglauben

gebannt, so war man umso geneigter, ihren spekulativen Theorien

Gefolgschaft zu leisten, je mehr dieselben an uralte Volksanschauungen

anknüpften und daher gar nicht als Hypothesen erschienen. Daher

finden wir in den hippokratischen Schriften stellenweise Abnormitäten

des ~Pneumas~[34] oder der eingepflanzten Wärme, das Mißverhältnis

der Elemente, Elementarqualitäten[35], Körpersäfte[36], namentlich

aber quantitative, qualitative oder topische Anomalien der sogen.

Grundflüssigkeiten (Blut, Schleim, Galle, Wasser, bezw. gelbe und

schwarze Galle) als Krankheitsursachen angeführt[37]. Die Ideen der

führenden Naturphilosophen schimmern, bald da, bald dort, deutlich

durch, der Kampf zwischen Pneumatikern und Humoralpathologen, mit ihren

mannigfach abgestuften Spielarten[38], die ganze geistige Bewegung,

welche die Säftelehre mit der Theorie der Elementarqualitäten zur

endgültigen Uebereinstimmung zu bringen trachtete, läßt sich im

farbenfrischen Inhalt des Corpus Hippocraticum ohne Schwierigkeit

wiedererkennen. Zu einem Abschluß ist es darin noch nicht gekommen;

welchem pathologischen System Hippokrates selbst anhing, ist

zweifelhaft[39] und von geringer Bedeutung, da sein ärztliches Handeln

hierdurch am wenigsten bestimmt wurde[40]. Tatsächlich galt aber in

späterer Zeit das Buch de natura hominis, welches in seinem ersten

Teile ~die Theorie von den vier Kardinalsäften Blut, Schleim, gelbe

und schwarze Galle~ dogmatisch formuliert, als Urkunde der koischen

(hippokratischen) ~Humoralpathologie~[41].

[32] Die sexuelle Neurose (νοῦσος θήλεια) der Skythen, welche als

Götterstrafe galt, wird hier auf vieles Reiten zurückgeführt.

[33] „Mit der sogenannten heiligen Krankheit (= Epilepsie) verhält es

sich folgendermaßen.“ Sie scheint mir in keiner Beziehung einen

mehr göttlichen Ursprung zu haben als die übrigen Krankheiten.

... Die Menschen aber haben infolge ihrer Unerfahrenheit und

Verwunderung geglaubt, ihre Beschaffenheit wie ihre Veranlassung

seien etwas Göttliches, weil sie in keinem Punkte den anderen

Krankheiten gleicht. ... Wenn sie aber wegen des Wunderbaren

für etwas Göttliches gehalten werden sollte, so wird es viele

heilige Krankheiten geben und nicht eine einzige. ... Ich

für meine Person jedoch halte nicht dafür, daß der Körper des

Menschen durch einen Gott besudelt wird.

[34] Besonders in der Schrift de flatibus, wo das Pneuma als

primäre Ursache aller Krankheiten erklärt wird. Als entferntere

Krankheitsursache gilt es auch in Kap. X des Buches de nat.

homin., wo es heißt: „Die Krankheiten entstehen teils durch

die Lebensgewohnheiten, teils durch das Pneuma.“

[35] De diaeta z. B. anerkennt zwei Elemente, Feuer (warm -- trocken)

und Wasser (kalt -- feucht); de nat. hom. dagegen die vier

Empedokleischen Qualitäten.

[36] De prisca medicina, Kap. XIV: „Denn es steckt tatsächlich im

Menschen das Bittere, das Salzige, das Süße, das Sauere, das

Herbe, das Fade und noch vieles andere, mannigfaltig in Wirkung,

Menge und Stärke. Dies alles nun tritt miteinander vermischt und

vermengt nicht zu Tage, verursacht auch dem Menschen keinerlei

Beschwerden, wird hingegen eines von ihnen abgesondert und

selbständig, dann tritt es zu Tage und verursacht dem Menschen

auch Beschwerden.“ Vergl. hierzu Alkmaion.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 25 / 54 段