In dem Wirbel der Widersprüche schienen auch alle erfahrungsmäßig

erworbenen Kenntnisse versinken zu müssen, und tatsächlich sahen

sich die Denker vor die Wahl gestellt, entweder auf das Streben nach

wahrer Erkenntnis verzichten oder zum Glauben an die Ueberlieferung

zurückkehren zu müssen. Die befreiende Tat dankt der Intellektualismus

dem weisen Sokrates. Schüler der Sophisten, überwindet er doch die

Sophistik, bei aller Neigung zur Dialektik bewahrt er sich doch

den Sinn für das Wirkliche, bei aller Empfänglichkeit für das Neue

wirft er doch das Alte nicht fort, überall Wissen vom Scheinwissen

trennend, baut er auf, wo die anderen niederreißen. Auch Sokrates,

und noch mehr als seine Vorgänger, erfaßt die Grenzen der Erkenntnis,

die Relativität unserer Wahrnehmung; mit sublimster Disputierkunst

zerfasert auch Sokrates jeden herkömmlichen Begriff, aber er bleibt

nicht auf halbem Wege wie die anderen stehen, sondern beschränkt

die Forschung auf das Studium „der menschlichen Dinge“, findet

Normen des Denkens, entdeckt das Sittengesetz in der menschlichen

Brust und erkennt die Realität der die Erscheinungen beherrschenden

Ideen (Gesetze). In seiner Auffassung wird der Individualismus

zum Altruismus, indem das Glück des einzelnen mit dem Wohl der

Gesamtheit eins wird, und trotz der anerkannten Unlösbarkeit der

naturphilosophischen Probleme mit den Mitteln der zeitgenössischen

Forschung, zieht er nicht die Folgerung, daß alles Bemühen um die

Naturerkenntnis ein erfolgloses sei, sondern empfiehlt sie seinen

Jüngern, soweit ~praktische~ Zwecke in Betracht kommen und wirkliche

Erfahrungen die Grundlage bilden.

~Was Sokrates für die Philosophie, bedeutet Hippokrates für die

Medizin. In beiden verkörpert sich die Reaktion der praktischen

Vernunft gegen Seichtheit und theoretischen Ueberschwang, beide

vertreten inmitten von Unklarheit, Spekulationssucht und unfruchtbarer

Hyperkritik die goldene Mittelstraße der an nüchterne Wirklichkeit

gebundenen Reflexion, beide stecken die Grenzen ihres Gebietes mit

weiser Selbstbeschränkung ab und finden im Sittengesetz, im Prinzip

des idealsten Utilitarismus den Schwerpunkt für ihr Handeln.~

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts war die griechische Medizin an

einem entscheidenden Wendepunkt angelangt, der geradezu gebieterisch

nach einem führenden Genius heischte. Unter der Gunst vollster

Geistesfreiheit, welche dem Subjektivismus breitesten Spielraum

gewährte, hatten in rascher Folge mannigfache, der Naturphilosophie

entlehnte Hypothesen nicht nur von der Krankheitslehre Besitz

ergriffen, sondern auch die praktische ärztliche Tätigkeit in die

gefährliche Abhängigkeit von wandelbaren Systemen gebracht. Der stete

Wechsel sophistisch verteidigter Spekulationen bedrohte den Schatz von

sicheren Kenntnissen und Erfahrungen, welche mühsam erworben worden

waren, erschütterte das Vertrauen in die Heilkunst als solche und

ebnete jenen unberufenen Elementen den Weg, welche, wie die Gymnasten,

einzelne Heilmethoden in maßloser Ueberschätzung zur Panacee erhoben

oder als beifallslüsterne Wanderlehrer (Iatrosophisten) das Publikum

mit einer hohlen, kaum von Sachkenntnis getrübten Rhetorik betörten.

~Iatrosophisten~ einerseits, ~fanatische Empiriker~ anderseits,

stritten um die Palme, und schon schien es unabwendbar, daß die Medizin

in uferlose Spekulation zerrinnen oder in öder Schablone, seichtem

Banausentume versanden müsse.

Die nüchterne ärztliche Beobachtung, im Bunde mit vorsichtiger, an

Tatsachen haftender Reflexion, besaß fast nur in den Asklepiadenschulen

eine wahre Pflegestätte; denn dort verschloß sich die altehrwürdige

Tradition zwar keineswegs den zeitgeborenen Neuerungen, wußte aber

den Flug der Spekulation in feste Bahnen zu zwingen. Um ihre große

Mission zu erfüllen, um den Tageslärm ärztlicher Modephilosophen, die

Scharlatanerie gewissenloser Marktschreier in die Schranken weisen

zu können, war es jetzt nötig, daß die von Generationen gesammelte

Asklepiadenweisheit sich ihrer letzten Reste von esoterischer

Engherzigkeit gänzlich entledige und ihre Wissensschätze, ihre Methode,

ihre Ethik zum Gemeingut aller Aerzte mache. Diese Großtat wurde nach

mancherlei vorbereitenden Ereignissen durch den edelsten Sprößling

der Asklepiadenfamilie, durch Hippokrates vollbracht. Erst in ihm hat

der Hellenismus auf medizinischem Gebiete bewiesen, daß er sich nicht

allein von den Fesseln orientalischen Denkzwangs zu befreien vermochte,

sondern auch ohne das leitende Gängelband einer priesterlichen

Kaste die Stufe ~rationeller Wissenschaft~ und ~sittlicher Würde~ zu

erklimmen verstand.

Der Uebergang von der Asklepiadenzunft zum freien Arzttum macht gerade

die wesentlichen Eigentümlichkeiten des Hippokratismus verständlicher.

Gleich Schrittsteinen verraten die beiden ersten Schriften der

hippokratischen Sammlung die Spur: „~Der Eid~“, dieses uralte

Erbstück der koischen Schule, worin die Pflichten des Asklepiaden

gegen Lehrer, Schüler und Kranke enthalten sind, und „~Das Gesetz~“,

dessen Schlußsatz auf die Weihen anspielt, die der Aufnahme in die

Zunft vorangingen[22]. Nicht nur in diesen, sondern auch in einigen

anderen Schriften, welche von der hippokratischen Auffassung des

ärztlichen Berufes durchweht sind („Der Arzt“, „Ueber den Anstand“,

„Vorschriften“, „Aphorismen“) wird der ~Ethik~ und ärztlichen Etikette

ein ganz besonderer Platz eingeräumt und der Deontologie die Rolle

eines integrierenden Bestandteils des medizinischen Unterrichts

zuerkannt. Abgesehen von der Reaktion gegen die Umtriebe mancher

Standesgenossen spricht sich darin die Tatsache aus, ~daß gerade der

freie Arzt~ -- noch mehr als der priesterliche oder halbpriesterliche

Zunftarzt -- ~sich der Verantwortlichkeit seines Tuns und Lassens,

seiner Standespflichten bewußt sein müsse~, um seine schwer zu

begrenzende Berufsfreiheit nicht zu mißbrauchen.

[22] Heilige Dinge aber werden nur geheiligten Männern offenbart,

sie Laien zu verraten, ist nicht eher erlaubt, als bis sie in

die Geheimnisse der Wissenschaft eingeweiht sind.

So heißt es in der Schrift „Der Arzt“ anfangs: „In Bezug auf seine

Geistesverfassung muß er auf folgendes achten. Er muß nicht allein zur

rechten Zeit zu schweigen verstehen, sondern auch ein wohlgeordnetes

Leben führen; denn das trägt viel zu seinem guten Rufe bei. Seine

Gesinnung sei die eines Ehrenmannes, und als solcher zeige er sich

gegenüber allen ehrwürdigen Menschen freundlich und von billiger

Gesinnungsart. Denn Ueberstürzung und Voreiligkeit liebt man auch

dann nicht, wenn sie von Nutzen wären. ... Was seine Haltung angeht,

so zeige er ein verständiges Gesicht und schaue nicht verdrießlich

drein, weil das anmaßend und misanthropisch aussehen würde. Wer

anderseits gern lacht und allzu heiter ist, fällt einem zur Last,

wovon man sich am meisten zu hüten hat. ... Der Arzt aber hat nicht

wenige Beziehungen zu seinen Patienten, geben sich diese doch den

Aerzten ganz in die Hand und kommen jene doch zu jeder Stunde mit

Frauen, jungen Damen und Gegenständen von höchstem Werte in Berührung.

In allen diesen Fällen muß man sich zusammenzunehmen wissen.“ In der

Schrift „Ueber den Anstand“ wird das Hineintragen der Philosophie

in die Medizin empfohlen, „~denn ein Arzt, der zugleich Philosoph

ist, steht den Göttern gleich~“. In diesen Worten, die leicht zu

Mißverständnissen Anlaß geben könnten, ist unter Philosophie nicht

etwa die Spekulation, sondern im sokratischen Sinne vornehmlich

die Ethik verstanden, wie aus dem folgenden hervorgeht: „Ist doch

kein großer Unterschied zwischen beiden, weil die Eigenschaften

der Philosophie auch sämtlich in der Medizin enthalten sind:

Uneigennützigkeit, Rücksichtnahme, Schamhaftigkeit, würdevolles

Wesen, Achtung, Urteil, Ruhe, Entschiedenheit, Reinlichkeit, Sprechen

in Sentenzen, Kenntnis des zum Leben Nützlichen und Notwendigen,

Abscheu vor Schlechtigkeit, Freisein von Aberglauben, göttliche

Ergebenheit.“ ... „Beim Eintreten aber erinnere man sich an die Art

des Niedersitzens, an die würdevolle Haltung, an die gute Kleidung, an

den Ernst, an die knappe Sprache, an die Kaltblütigkeit beim Handeln,

an die sorgfältige Wartung des Patienten, an die Fürsorge, an die

Antwort auf die erhobenen Widersprüche, an die Zurückweisung von

Störungen, an die Bereitwilligkeit zu Hilfeleistungen.“ ... „Man mache

häufig Krankenbesuche, untersuche genau, indem man dabei Täuschungen

bei den Veränderungen entgegentritt.“ -- Die „Vorschriften“ empfehlen

unter anderem: „Wenn man von dem Honorare anfängt -- denn das

hat ja einen gewissen Bezug auf das Ganze --, so wird man bei dem

Patienten die Vorstellung erwecken, daß man ihn, wenn es nicht zur

Vereinbarung kommt, im Stiche lassen und davongehen oder aber daß

man ihn vernachlässigen und im Augenblicke keine Ratschläge erteilen

wolle.“ ... „Besser ist es, denen, welche davongekommen sind, Vorwürfe

zu machen, als diejenigen, welche in Gefahr schweben, im voraus

gehörig anzufahren.“ ... „Ich rate, daß man in der Härte nicht zu

weit gehe, sondern auf das Vermögen und Einkommen Rücksicht nehme.“

... „Es hat nichts Ungehöriges an sich, wenn ein Arzt, der sich im

Augenblicke bezüglich eines Patienten in Verlegenheit befindet und

infolge seiner nicht genügenden Erfahrung nicht klar sieht, auch

andere Aerzte zur Konsultation hinzuzieht. ... Niemals sollen die

zu einer gemeinsamen Beratung zusammentretenden Aerzte miteinander

zanken oder sich gegenseitig lächerlich zu machen suchen.“ ...

„Zu vermeiden aber hat man auch den Luxus von Kopfbedeckungen, um

Praxis zu bekommen, desgleichen kostbare Parfüms.“ ... „Beiseite zu

lassen hat man den Gedanken an das Zurschaustellen der Anwendung von

pomphaften Instrumenten und dergleichen.“ ... „Wenn man um der Menge

willen eine öffentliche Vorlesung veranstalten will, so ist das kein

sehr rühmliches Verlangen.“

Die hohe ethische Auffassung des ärztlichen Berufes wird bei

Hippokrates zum Ausgangspunkt der sorgfältigsten Ausbildung, der

genauesten Beobachtung am Krankenbette, der gewissenhaftesten

Krankenbehandlung. Das Wohl des Kranken bildet den einzigen Zielpunkt

des ärztlichen Denkens und Handelns. „~Denn wo Liebe zum Menschen

ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden.~“ In diesem erhabenen

Satze, der in den „Vorschriften“ steht, findet das schöne Verhältnis

der Ethik zum Intellektualismus wahrhaft charakteristischen Ausdruck.

Ethische Momente sind es neben erkenntnistheoretischen, in denen beim

echt hippokratischen Arzte der ~Glaube an die wahre Heilkunst~ und die

ebenso wichtige ~Erkenntnis ihrer Grenzen~ wurzeln. Beide sind ganz

besonders zu werten in einer Entwicklungsphase, welche durch Sophistik

und Scharlatanerie sogar die Grundlagen der wissenschaftlichen

Erkenntnis und das Vertrauen in die ärztliche Tätigkeit bedenklich

ins Wanken gebracht hatte.

Was die ärztliche Ausbildung anlangt, so fordert das „Gesetz“:

„natürliche Anlage, Schulung, einen geeigneten Ort, Unterweisung von

Kindheit an, Arbeitslust und Zeit.“ Der bewußte Zusammenhang zwischen

Ethik, Standeswürde und Praxis verrät sich auch darin, daß in den

oben genannten deontologischen Schriften zugleich mit den ethischen

Vorschriften zumeist auch gewisse zur therapeutischen Technik gehörige

Kunstgriffe empfohlen werden. So heißt es in der Schrift „Ueber den

Anstand“: „Man muß in der ärztlichen Kunst unter Beobachtung der

nötigen Würde Sorge tragen für alles, was betrifft das Palpieren,

das Einreiben, die Affusionen, die elegante Haltung der Hände, die

Charpie, die Kompressen, die Verbände, die Folgen der Temperatur,

die Purganzen, die Wunden und die Augenleiden, und zwar in diesen

Fällen wieder muß man für das Spezielle Sorge tragen, damit einem

die Instrumente, die Maschinen und das übrige Eisen in gutem Stande

sei. ... Man hat aber auch auf die Lagerstätten zu achten, und zwar

sowohl was die Jahreszeit, als auch was die Art der Lagerung angeht.

Dieses alles soll man mit Ruhe und mit Geschick tun, indem man vor

dem Patienten während der Hilfeleistung das meiste verbirgt. Was zu

geschehen hat, soll man mit freundlicher und ruhiger Miene anordnen,

dem Patienten, indem man sich von seinen eigenen Gedanken losmacht,

bald mit Bitterkeit und ernster Miene Vorwürfe machen, bald ihm

wieder mit Rücksicht und Aufmerksamkeit Trost zusprechen, indem man

ihm nichts von dem, was kommen wird und ihn bedroht, verrät.“

Die Schrift „Ueber die Kunst“ ist eine noch jetzt passende Apologie

der Medizin, welche mit treffenden Argumenten den sophistischen

Widersachern begegnet und die unproduktive Skepsis widerlegt. ~Sehr

richtig sagt der Autor, daß man von der Heilkunst nur fordern dürfe,

was ihre Grenzen nicht übersteigt~: „Denn wenn einer annimmt, daß eine

Kunst oder die Natur, wo sie aufhört, es zu sein, solches vermöchte,

so leidet der an einem eher an Wahnsinn als an Unwissenheit grenzenden

Unverstande.“ Der Hippokratiker zieht übrigens aus der Kenntnis

der Kunstgrenzen eine Konsequenz, die unser Empfinden befremdet, er

nimmt davon Abstand, Unheilbaren Hilfe zu leisten. Die Medizin ist

ihm nämlich die Kunst, „die Kranken von ihren Leiden gänzlich zu

befreien, die schweren Anfälle der Krankheiten zu lindern und ~sich

von der Behandlung derjenigen Personen fernzuhalten, welche von der

Krankheit schon überwältigt sind~, da man wohl weiß, daß hier die

ärztliche Kunst nichts mehr vermag“.

Das zweite Erbgut, welches Hippokrates aus der Asklepiadenmedizin

(Weihinschriften, Tempelarchive) für den freien Arzt herübernimmt,

ist die mit der Ethik innerlich zusammenhängende -- ~Tradition~. ~Wie

alle wahrhaft großen Aerzte ist auch Hippokrates weit davon entfernt,

die Geschichte der Heilkunst zu verleugnen, die Arbeit der Vorgänger,

auf deren Schultern jeder steht, in dünkelhafter Selbstüberschätzung

zu mißachten, weil Irrtümer darin vorhanden sind.~ „Ich behaupte

nicht,“ heißt es in der Schrift „Die alte Medizin“, „daß man die

alte Heilkunde deshalb über Bord werfen soll, als ob sie gar nicht

bestünde oder ihre Untersuchungen nicht richtig anstellte, wenn sie

nicht in jeder Beziehung genau ist, sondern ich meine vielmehr, man

müsse sie, weil sie durch ihre Betrachtungsweise der Wahrheit so nahe

kommen konnte, weiter zu Rate ziehen und die Entdeckungen bewundern,

die trotz vieler Unkenntnis gemacht wurden.“ Diese auch heute noch

sehr beherzigenswerten Worte zeugen nicht bloß von der pietätvollen

Gesinnung, die den Meister persönlich beseelte, sie enthalten auch

geradezu einen Programmpunkt jener großartigen Aktion, mittels welcher

der Hippokratismus die aus den Fugen gerissene Heilkunst des Zeitalters

wieder ins Gleichgewicht brachte. Denn der Hauptschaden, welchen

der naturphilosophische Spekulationsgeist mit seinen willkürlichen

Deduktionen stiftete, lag eben darin, daß man die schon erworbenen

Erfahrungskenntnisse leichtsinnig aufs Spiel setzte, wenn sie nicht

ins System paßten, daß man die ungeschulte Empirie der alten Aerzte im

Selbstgefühl der dialektischen Superiorität geringschätzig verwarf. Ein

Denker, der in tiefster Einsicht den unvergänglichen Spruch münzte:

„~Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist

rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig~“,

ein Arzt, der denjenigen noch laut zu preisen bekennt, „der nur kleine

Fehler macht“, erfaßte jede Einzelleistung, so groß sie auch sein

mag, nur als Glied der langen Entwicklungskette und wußte, daß auch

die anscheinend glänzendsten medizinischen Errungenschaften eines

Zeitalters neben Fragmenten der Wahrheit eine Summe von Irrtümern

enthalten, die erst der Zukunft zu verbessern gegönnt ist.

Hippokrates knüpft die zerrissenen Fäden wieder an die „alte“

Medizin -- aber er geht nicht in ihr auf[23]. Er rettet den Kern

von Tatsachen und entwickelt ihn zu etwas ganz Andersartigem, das

sich zum Ueberkommenen verhält, wie die Reflexion zur Naivität. Den

höchsten Zielen zugewendet und doch stets am Realen haftend, durchgärt

den Erfahrungsstoff fermentartig ein Neues -- die (hippokratische)

~Methode~. Mögen die meisten der erhaltenen Schriften, mögen viele der

Fortschritte im einzelnen nur fälschlich dem Hippokrates zugeschrieben

werden, die charakteristische Forschungsmethode ist das Eigentum des

großen Koers, und hier gewinnt er unbestreitbar dieselbe Bedeutung für

die Medizin, wie Sokrates für die Philosophie, wie Thukydides für die

Geschichtschreibung.

[23] In diesem Sinne heißt es im I. Kap. der Schrift „Die Diät“:

„Es wäre unbillig, wenn man einem von den Vorgängern daraus

einen Vorwurf machen wollte, wenn sie das Richtige nicht finden

konnten, man hat vielmehr alle ohne Ausnahme zu loben, weil

sie überhaupt die Erforschung dieser Fragen versucht haben.

... Ich setze aber diese Ausführung als Einleitung voran, weil

gar viele Menschen, wenn sie die Erklärung eines Früheren über

einen Gegenstand angehört haben, die Darlegung eines Späteren

über denselben Gegenstand nicht annehmen wollen, in Unkenntnis

darüber, daß es die Aufgabe derselben Ueberlegung ist, zu

erkennen, was richtig gesagt ist, wie zu finden, was nicht

richtig gesagt ist.“

~Hippokrates ist der erste, welcher die Medizin zur Selbständigkeit

erhebt.~ Diese Selbständigkeit konnte nur durch eine Verzichtleistung

begründet werden, indem sich die ärztliche Forschung in erster

Linie auf das Heilen beschränkte und von allem absah, was nicht

mit dem Verständnis des Krankheitsverlaufs und Heilprozesses in

klarer Beziehung stand. Aehnlich, wie Sokrates die Philosophie

durch Abtrennung von kosmologischer Spekulation und Beschränkung

auf die Ethik zu praktischen Zielen führte, betont Hippokrates

den ausschließlich praktischen Zweck alles ärztlichen Denkens und

Forschens. Wurde nunmehr der ~Tatbestand der Krankheit~ und ~die

Frage des Krankheitsausgangs~ in den Vordergrund gestellt, die

Pathogenie dagegen nur so weit in den Blickpunkt gerückt, als die

~durchsichtigsten ätiologischen Faktoren~ in Betracht kommen, so

war es ermöglicht, von den transzendenten Einflüssen, wie sie die

Priestermedizin aufstellte, und ebenso von den phantastischen Ideen

der Naturphilosophie über die Krankheitsentstehung loszukommen und

somit die Heilkunst nicht nur von der Theurgie, sondern auch von der

philosophischen Spekulation unabhängig zu machen.

Im Buche „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ wird die Ansicht

bekämpft, daß irgend eine Krankheit auf göttlicher Schickung beruhe;

der Verfasser der Schrift „Von der heiligen Krankheit“ erklärt es

als grundlos, eine Krankheit göttlicher als eine andere zu nennen,

insofern alles durch die großen natürlichen Agentien hervorgebracht

werde: „Alles ist göttlich und alles ist menschlich“. -- Die

Opposition gegen die vagen naturphilosophischen Spekulationen kommt

namentlich im Buche „Die alte Medizin“ zur Geltung. Dort heißt es:

„Ich meinerseits glaube, ~daß dasjenige, was dieser oder jener Sophist

oder Arzt über die Natur gesagt oder geschrieben hat, sich weniger

auf die ärztliche Kunst als auf die Malerei bezieht~.“ Die Hypothesen

von unsichtbaren und zweifelhaften Dingen werden zurückgewiesen,

„denn wenn einer behaupten würde, er kenne die Beschaffenheit dieser

Dinge, so wäre doch weder ihm noch seinen Zuhörern deutlich, ob das

Gesagte wahr ist oder nicht, ~weil ja nichts vorhanden ist, auf das

man sich, um Gewißheit zu erlangen, beziehen könnte~“. Die Verwerfung

~unbeweisbarer~ Hypothesen erinnert lebhaft an den Philosophen

Xenophanes (welcher ausruft: Volle Gewißheit über das Wesen der Götter

und dessen, was ich die Gesamtnatur nenne, hat noch keiner erlangt

und wird keiner jemals erlangen. ~Wenn es ihm auch noch so sehr

gelänge, auf das Richtige zu treffen, er wüßte es doch nicht~) und

an Herodot (der bezüglich der Erklärung der Nilschwelle meint: Jener

aber, der den Okeanos herbeizieht und so die Sache auf das Gebiet des

Unergründlichen hinüberspielt, ~entzieht sich jeder Widerlegung~).

Es ergibt sich daraus, wie eine und dieselbe Welle des kritischen

Geistes verschiedene Gefilde der griechischen Wissenschaft bespülte.

Mit der Erkenntnis von der Hinfälligkeit der naturphilosophischen

Prämissen fällt auch die Methode der spekulativen Heilkunst, welche

mittels ~Deduktion~ aus einer fiktiven Grundursache die Krankheiten

ableitete und die Wirkung der Heilmittel aus dem Vorherrschen der

Elementarqualitäten, des Warmen oder Kalten, des Trockenen oder

Feuchten erklärte. An Stelle des deduktiven Verfahrens erhält bei

Hippokrates die ~Empirie~ wieder den Wert, der ihr früher zukam, ja

er erklärt es für unmöglich, auf einem anderen Wege als auf dem der

Erfahrung Fortschritte in der Heilkunde zu erzielen. „Die ärztliche

Kunst,“ meint der Verfasser der „alten Medizin“, „besitzt von alter

Zeit her alles, ein Prinzip sowohl als auch die Methode, der zufolge

die vielen schönen Entdeckungen in geraumer Zeit gemacht sind und

auch das übrige noch entdeckt werden wird, wenn man befähigt und des

bereits Entdeckten kundig von da ausgehend seine Forschungen anstellt.“

Knüpft sich aber an den Namen des großen Koers die Reaktion gegen

leere Hypothesen und deren praktische Konsequenzen, so war er doch

weit davon entfernt, zur rohen Zufallsempirie eines primitiven

Zeitalters zurückzukehren, umsomehr, als schon seine Ahnen, die

koischen Asklepiaden, die zahllosen Einzelerfahrungen durch das Band

der Prognose verknüpften und in weitumspannender Generalisation

die „Koischen Prognosen“ verfaßten. Die Tatsachenbeobachtung, die

Sinneswahrnehmung ist ihm nur der Ausgangspunkt für eine Methode,

welche den verallgemeinernden Denkprozeß durchaus nicht beiseite

schiebt, sondern vielmehr gebieterisch erfordert. Die von Hippokrates

auf die Fahne geschriebene Methode ist die von Tatsachen ausgehende,

im ganzen Verlauf ihrer Beweisführung Tatsachen heranziehende, nach

Gesetzen strebende -- •Induktion•.

In den ersten Kapiteln der „Vorschriften“ sind die Grundsätze

der hippokratischen Methode in lapidarer Fassung niedergelegt.

Dort wird die τριβὴ μετὰ λόγου, d. h. also Praxis und Verstand,

Sinnesempfindung und Geistesarbeit, denkende Beobachtung als Fundament

alles medizinischen Handelns und Wissens hingestellt. „Der Sinn,

zuvor affiziert und die Dinge dem Verstande vermittelnd, besitzt

ein wirkliches Vorstellungsvermögen. Der Verstand aber, welcher oft

Eindrücke aufnimmt, beobachtet das Wodurch, das Wann und das Wie,

nimmt es in Verwahrung bei sich und erinnert sich so. ~Ich lobe

die Ueberlegung, die von dem Ereignis ihren Ausgang nimmt und in

methodischer Weise aus den Ereignissen ihren Schluß zieht.~ Denn wenn

die Ueberlegung ihren Ausgang von den sich wirklich vollziehenden

Ereignissen nimmt, befindet sie sich, wie man leicht erkennen kann,

in der Herrschaft des Verstandes. ... Wenn die Ueberlegung jedoch

nicht von einem tatsächlich vorhandenen Ausgangspunkt (d. h. von

einer Sinneswahrnehmung), sondern von einer plausiblen Vorstellung

ausgeht, so schafft sie oft eine schwierige und unangenehme Lage.

... Aus diesem Grunde muß man sich im allgemeinen an die Tatsachen

halten und sich durchaus nicht wenig mit ihnen abgeben, wenn man sich

jene leichte und unfehlbare Fertigkeit erwerben will, welche wir eben

‚ärztliche Kunstʻ nennen.“

Im IV. Kap. der Schrift „Ueber den Anstand“ heißt es: „Die

Einbildung bringt nämlich vorzüglich in der ärztlichen Kunst denen,

die sie haben, Verschuldung, denen aber, die davon Gebrauch machen,

Verderben.“

Hippokrates, auf dessen Methode kein Geringerer als Platon an mehreren

Stellen anspielt, begnügt sich nicht mit der allgemeinen Formulierung

des Erkenntnisweges, sondern gibt direkte Vorschriften darüber,

wie der Arzt im einzelnen Falle vorzugehen hat. Diese Vorschriften

beziehen sich auf die Kritik, Anordnung und Zusammenfassung der

Sinneswahrnehmungen, welche die Basis für die Urteilsbildung abgeben

sollen. Im Buche „Die ärztliche Werkstätte“ wird gesagt, der Arzt

solle, wenn er zum Kranken komme, zunächst das Aehnliche oder

Unähnliche (gegenüber dem Zustand der Gesundheit) zu erkennen suchen,

d. h. man sollte durch Beobachtung des Kranken vor allem ermitteln,

durch welche Erscheinungen derselbe vom gesunden Zustand abweiche.

Und hierbei sollten wieder zuerst die am leichtesten erkennbaren

Erscheinungen Beachtung finden.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 24 / 54 段