22. ~περὶ χυμῶν.~ ~de humoribus~ = ~Die Säfte.~ Notizensammlung

vorwiegend über Krankheitsentstehung, Symptomatologie und Prognostik

im Sinne der humoralpathologischen Auffassung.

23. ~περὶ κρίσεων.~ ~de crisibus~ = ~Die Krisen.~ Exzerpte über

kritische Vorgänge.

24. ~περὶ κρισίμων.~ ~de diebus criticis~ = ~Die kritischen Tage.~

Minderwertige Kompilation.

25. ~περὶ ἑβδομάδων.~ ~de hebdomadibus~ = ~Die Wochen~ (Ueber die

Siebenzahl). Nur in barbarischem Latein und in arabischer Umschreibung

erhaltene Schrift knidischen Ursprungs. Aus dem Inhalt besonders

bemerkenswert die Beziehung zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus,

wobei der Siebenzahl in phantastischer Weise die höchste Bedeutung in

kosmischen, physiologischen und pathologischen Vorgängen (Stufenjahre,

Krisen) zugesprochen wird.

26. ~περὶ φυσῶν.~ ~de flatibus~ = ~Die Winde.~ Nach Ansicht

mancher Autoren sophistische Schrift, nach anderen Jugendwerk des

Hippokrates. Der Inhalt steht in schärfstem Gegensatz zur koischen

Humoralpathologie, indem die Luft (innerhalb des Körpers φῦσαι,

Winde) zur primären Ursache aller Krankheiten gestempelt wird. Nach

dem Berichte des Aristotelesschülers Menon (Iatrika, vergl. oben S.

161, das über Anonymus Londinensis Gesagte) habe Hippokrates diese

Anschauung tatsächlich vertreten.

27. ~προγνωστικὸν.~ ~prognosticum~ = ~Das Buch der Prognosen.~

28. ~προῤῥητικὸν α'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) I = ~Die

Vorhersagungen~ I.

29. ~προῤῥητικὸν β'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) II = ~Die

Vorhersagungen~ II.

30. ~Κωακαὶ προγνώσεις.~ ~praenotiones Coacae~ = ~Koische

Prognosen.~

Von diesen vier Schriften, welche den besten Einblick in das Wesen

der koischen Symptomatologie und Prognostik gewähren, enthalten

Prognosticum und Prorrheticum II einen Schatz von klinischen

Erfahrungen, der mit Kennerblick verwertet wird. Prorrheticum I ist

die Arbeit eines wenig gewandten Koers, ein ungeschickter Auszug aus

dem Prognosticum. Die „Koischen Prognosen“ danken ihre Berühmtheit dem

Titel, bilden aber nur einen geordneten Auszug aus anderen verwandten

Schriften.

Zur speziellen Pathologie.

31. ~Ἐπιδημιῶν βιβλία ἑπτἀ.~ ~Epidemiorum libri~ VII = ~Die

epidemischen Krankheiten~ I-VII.

Die Schriften schildern den Verlauf von Krankheiten unter bestimmter

Witterungsgestaltung (Katastase) an bestimmten Orten. Buch I und III

gehörten ursprünglich zusammen, ihr Inhalt besteht in der Beschreibung

der Witterung und der Krankheiten auf der Insel Thasos während

dreier Jahre, sowie eines vierten ohne Angabe des Ortes; im ganzen

werden 42 Krankengeschichten vorgeführt, besonders Malariafieber

der warmen Klimate. Buch II, IV und VI bilden eine von V und VII

geschiedene Gruppe; letztere sind späteren, wahrscheinlich knidischen

Ursprungs. Die Orte, von denen Witterungsgestaltung und Krankenjournal

mitgeteilt werden, sind Kranon, Larissa (Thessalien), Perinthos (an

der thrakischen Propontis) u. a.

32. ~περὶ παθῶν.~ ~de affectionibus~ = ~Die Leiden.~ Populäre

Schrift der knidischen Schule (Schleim und Galle Krankheitsursachen;

Milch -- Molkenkur, Purgiermittel).

33. περὶ νούσων α'. de morbis liber I = Die Krankheiten I.

34. περὶ νούσων β'. de morbis liber II = Die Krankheiten II.

35. περὶ νούσων γ'. de morbis liber III = Die Krankheiten III.

Größtenteils knidischen Ursprungs, enthalten diese Bücher eine

Uebersicht über die Aufgaben des Arztes, über Krankheitsentstehung

und über den Verlauf der wichtigsten Krankheiten; am Schlusse des 3.

Buches Rezepte.

36. ~περὶ τῶν ἑντὸς παθῶν.~ ~de affectionibus internis~

= ~Die inneren Krankheiten~. Für die Kenntnis der knidischen

Schule besonders wichtige Schrift, behandelt die häufigsten

Lungenaffektionen, die verschiedenen Arten der Schwindsucht,

Nierenkrankheiten, der Leber-Milzkrankheiten, die verschiedenen Formen

von Wassersucht, Ikterus, Typhus, Ischias, Tetanus u. s. w.

37. ~περὶ ἱερη̄ς νούσου~. ~de morbo sacro~ = ~Die heilige

Krankheit~. Inhalt: Die Epilepsie ist ebensowenig göttlichen

Ursprungs wie irgend eine andere Krankheit, weshalb die gewöhnlich

verwendeten abergläubischen Mittel nur auf Irrtum oder Betrug beruhen.

Krankheitssitz ist das Gehirn, welches den Sitz der Wahrnehmung bildet

-- nicht das Herz oder Zwerchfell. Einfluß des Pneuma.

38. ~περὶ τόπων τῶν κατ' ἄνθρωπον~. ~de locis in homine~ = ~Die

Stellen am Menschen~. Eine Art von „Kompendium eines italischen

Dorers“, der seine Anschauungen mit den Lehren der Knider vermengte.

Die Krankheitstheorie geht einerseits von den festen Bestandteilen

des Körpers (~Solidarpathologie~) aus und verbreitet sich anderseits

über die Schleimflüsse (Katarrhe).

Zur Therapie.

39. ~περὶ διαίτης ὸξἑων~. ~de ratione victus in acutis~ = ~Die Diät

bei akuten Krankheiten~. Polemik gegen die Verfasser der knidischen

Sentenzen, welche einer symptomatischen Krankheitsauffassung huldigen

und die diätetischen Heilmittel vernachlässigten; Vorschriften über

den Gebrauch des Getreideschleimes (Ptisane), des Weins, des Hydromel,

des Oxymel und des Wassers. Der Appendix der Schrift wurde schon früh

als unecht erkannt.

40. ~περὶ ὑγρῶν χρήσιος~. ~de liquidorum usu~ = ~Ueber den Gebrauch

der Flüssigkeiten~. Notizensammlung über die Anwendung des Wassers,

Salz- und Meerwassers, des Weins und Essigs in kaltem und erwärmtem

Zustande.

Zur Chirurgie.

41. ~κατ' ἰητρεὶον~. ~de officina medici~ = ~Die ärztliche

Werkstätte~. Für fortgeschrittene Schüler bestimmter Abriß über die

wichtigsten allgemeinen Hilfsmittel des Wundarztes.

42. ~περὶ ἑλκῶν~. ~de vulneribus et ulceribus~ = ~Die Wunden

und Geschwüre~. Allgemeine Therapie der Wunden und Geschwüre;

Wundmittelformeln.

43. ~περὶ αιμορροιδων~. ~de haemorrhoidibus~ = ~Die Hämorrhoiden~.

44. ~περὶ συριγγων~. ~de fistulis~ = ~Die Fisteln.~ Diese und die

vorige bildeten ursprünglich ein Ganzes.

45. ~περὶ τῶν ἐν κεφαλῇ τρωμάτων~. ~de capitis vulneribus~ =

~Die Verletzungen am Kopfe~. Eine der vorzüglichsten Schriften des

Hippokrates, welche auf erlesenster Beobachtung basierte. Inhalt:

Deskriptive Schädelanatomie, Verletzungen des Schädels, Trepanation

und andere Heilverfahren.

46. ~περὶ ὰγμῶν~. ~de fracturis~ = ~Die Knochenbrüche~ und

47. ~περὶ ᾰρθρων ὲμβολης~. ~de articulis~ (reponendis) = ~Die

Einrichtung der Gelenke~, zwei Bücher von besonderer Bedeutung, welche

den hohen Stand der griechischen Chirurgie beweisen.

48. ~μοχλικός~. ~vectiarius~ = ~Ueber die Einrenkung~ (Das Buch

vom Hebel). Auszug aus de fracturis und de articulis.

Zur Augenheilkunde.

49. ~περὶ ὄψιος~. ~de visu~ = ~Vom Sehen~.

Wahrscheinlich knidische Schrift.

Zur Gynäkologie, Geburtshilfe und Kinderheilkunde.

50. ~περὶ παρθενίων~. de his, quae (ad) virgines spectant = Die

Krankheiten der Jungfrauen. Behandelt die psychischen Störungen

hysterischer Art bei Mädchen. Auch in dieser Schrift wird der Verstand

in das Herz verlegt.

51. ~περὶ γυναικείης φύσιος~. ~de natura muliebri~ = ~Die Natur

der Frau~. Knidisches Kompendium der Frauenkrankheiten, stammt aus

den folgenden beiden Büchern.

52. περὶ γυναικείων α'. de morbis mulierum I = Die Frauenkrankheiten

I (knidisch).

53. περὶ γυναικείων β'. de morbis mulierum II = Die

Frauenkrankheiten II. Am Schlusse Rezepte für gynäkologische und

kosmetische Zwecke. Rohe physikalische Vergleiche deuten auf den

knidischen Ursprung.

54. ~περὶ ὰφόρων~. ~de sterilitate~ = ~Die Unfruchtbarkeit

der Frauen~. Gehört wahrscheinlich als 3. Buch zu den beiden eben

genannten. Aus dem Inhalt wären hervorzuheben: Versuchsmittel zur

Feststellung der Sterilität, Symptomatologie der Schwangerschaft,

Mittel zur Konzeption. Im 2. Kapitel (Mittel zur Feststellung der

Gravidität) finden sich ~wörtliche Uebereinstimmungen mit Papyrus

Ebers~!

55. ~περὶ ἑπικυήσιος~. ~de superfoetatione~ = ~Die Ueberfruchtung~.

Außer dem im Titel angegebenen Thema Auszug aus den früher genannten

gynäkologischen Schriften der Knidier.

56. ~περὶ ἑπταμήνου~. ~de septimestri partu~ = ~Das

Siebenmonatskind~ und

57. ~περὶ ὸκταμήνου~. ~de octimestri partu~ = ~Das Achtmonatskind~

bildeten einst ein Buch.

58. ~περὶ ἑγκατατοη̄ς ἑμβρύου~. ~de embryonis in utero excisione~

= ~Die Zerstückelung des Kindes im Mutterleibe~. Entlehnung aus den

anderen knidischen Schriften.

59. ~περὶ ὸδοντοφυίης~. ~de dentitione~ = ~Ueber das Zahnen~.

Aphorismen über Kinderkrankheiten, namentlich in der Zahnungsperiode.

Außer diesen 59 Büchern enthält die Sammlung noch unechte Schriften,

darunter solche, welche auf den Legenden über die Lebensgeschichte

des Hippokrates basieren. ~Die Briefe~ beziehen sich hauptsächlich

auf die Berufung des H. an den Perserhof und auf seinen Verkehr mit

dem vermeintlich geisteskranken Demokrit, ~der Beschluß der Athener,

die Rede am Altar, die Gesandtschaftsrede~ des ~Thessalos~ berühren

die angeblichen Dienste des H. in der Pest von Athen.

Hippokrates.

~Motto:~

Die Theorie ist nicht die Wurzel, sondern die Blüte der Praxis.

Ernst von Feuchtersleben.

So wenig uns die hippokratische Schriftensammlung darüber Aufschluß

erteilt, wer die Verfasser der einzelnen Schriften gewesen sind, was

die persönlichen Leistungen und Anschauungen des Hippokrates ausmachte,

so widersprechend die verschiedenen Teile des Corpus Hippocraticum

in der Theorie und selbst Praxis oft erscheinen -- die Tatsache steht

doch fest, ~daß die Eigenart, welche den „hippokratischen“ Schriften

eine Sonderstellung in der gesamten medizinischen Literatur verbürgt

und als gemeinsamer Wesenszug innewohnt, direkt oder indirekt auf den

mächtigen Einfluß einer überragenden Persönlichkeit zurückzuführen

ist~.

Es ist nicht der Erfahrungsstoff, es ist nicht der Ideenreichtum,

wodurch sich die hippokratische Heilkunde kennzeichnet gegenüber

allem Vorausgegangenen, gegenüber der weiteren Entwicklung. ~Was den

Hippokratismus zum Gipfel der griechischen Medizin erhebt, ja selbst

zum Jugendbrunnen der medizinischen Wissenschaft aller Zeiten macht,

liegt nicht in Doktrinen oder Kenntnissen, sondern in der Auffassung

des ärztlichen Berufes, in der ewig wahr bleibenden Methode des

ärztlichen Denkens und Handelns!~

Möge daher die immer tiefer schürfende Forschung den Beweis erbringen,

daß die medizinischen Einzelkenntnisse und Handgriffe, wie sie im

Corpus Hippocraticum vorliegen, zum Teile auf jahrtausendelange

Vergangenheit zurückblicken und Lehngut aus fremden Kulturen sind,

möge es auch nie gelingen, das spezielle Wissen und Können der

hippokratischen Schule im engeren Sinne des Wortes zu umgrenzen, die

Monumentalgestalt des großen Hippokrates bleibt unberührt von all

diesen Streitfragen in ihrer lichten Höhe als Verkörperung einer neuen

Entwicklungsepoche im Laufe der medizinischen Geschichte, als Sinnbild

idealster Ethik im ärztlichen Berufe, als Wahrzeichen unbeugsamer

Denkstrenge in der ärztlichen Forschung.

Alles wahrhaft Große verliert sich in seinen Schöpfungen! Wir können

die gewaltige Triebkraft des unsterblichen Arztes an dem Unterschied

der zwischen der hippokratischen Medizin und der Heilkunst vor ihm

in ~prinzipiellen Momenten~ besteht, ermessen; wir erkennen, wie

die Flamme seiner Persönlichkeit durch die seinen Namen tragenden

Schriften hindurchleuchtet; wir spüren seinen belebenden Hauch, der

die Geschichte durchweht -- vom historischen Hippokrates selbst aber

wissen wir weit weniger als vom traditionell festgelegten Begriff des

Hippokratismus, und nur dürftige oder legendenhaft entstellte Kunde

gewähren die Quellen über den Lebensgang des unvergänglichen Meisters.

Nach verbreitetster Annahme wurde Hippokrates (zum Unterschied

von seinem gleichnamigen Großvater als der Zweite bezeichnet) 460

oder 459 v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Er war der Sohn des

Asklepiaden Herakleides und der Phainarete (oder Praxithee, Tochter

der Phainarete) und leitete seinen Stammbaum väterlicherseits von

Asklepios, mütterlicherseits von Herakles ab. Den ersten ärztlichen

Unterricht empfing Hippokrates von seinem Vater im Geiste der koischen

Schule -- nach Menons Iatrika[21] wurde er aber auch von einem sonst

unbekannten ~Herodikos von Knidos~ beeinflußt. Um seinen Bildungsdrang

zu befriedigen und sich als Arzt unter verschiedenen Verhältnissen zu

betätigen, unternahm er Reisen durch ganz Hellas, wobei er angeblich

auch zu dem Gymnasten ~Herodikos von Selymbria~, dem berühmten Rhetor

Gorgias und dem Philosophen Demokritos in Beziehung trat. In den

hippokratischen Schriften (z. B. besonders Epidemiorum libri VII)

werden zwar häufig Ortschaften genannt, doch gewähren diese Angaben

deshalb keine ganz verläßliche Auskunft über die Stätten, welche

Hippokrates auf seiner Wanderung besuchte, wo er als Arzt tätig war,

weil viele der Schriften wahrscheinlich unecht sind und anderseits sich

manche der Mitteilungen über medizinische Verhältnisse in bestimmten

Gegenden auch bloß auf fremde Berichte stützen konnten. Jedenfalls kam

Hippokrates nach der Insel Thasos, wo sich ein alter Asklepiostempel

befand und weilte an verschiedenen Orten Thessaliens (besonders

Larissa und Meliboia), Thrakiens (Abdera), an der Propontis (Kyzikos).

Möglich, aber unbewiesen ist der Aufenthalt in Athen und namentlich am

Asowschen Meere, im Lande der Skythen, in Kleinasien, in Nordägypten,

Libyen -- Vermutungen, die sich auf das berühmte Buch de aëre aquis et

locis stützen. In Larissa beendete der große Koer sein inhaltsvolles

Leben, nach wahrscheinlichster Angabe im Jahre 377 v. Chr. Neben seinen

beiden Söhnen, welche ebenfalls auf Wanderungen auszogen, ~Thessalos

und Drakon~, zählen sein Schwiegersohn ~Polybos~, ferner ~Apollonios

und Dexippos von Kos~, wahrscheinlich auch ~Praxagoras von Kos~ zu

seinen berühmtesten Schülern. Erwiesenermaßen nahm ~Polybos~ Anteil

an der hippokratischen Schriftensammlung und wirkte wohl auch als

Stellvertreter in der Schule. Unter den Nachkommen führten noch fünf

den Namen Hippokrates und taten sich als ärztliche Schriftsteller

hervor.

[21] Vergl. S. 161.

Die dankbare Nachwelt hat die Lebensgeschichte des großen Arztes mit

Legenden reichlich ausgeschmückt, und besonders einige tendenziöse

Schriften aus späterer Zeit enthalten davon eine ganze Menge.

Dahin gehört z. B. die Erzählung, daß Hippokrates von den Abderiten

aufgefordert worden sei, den vermeintlich wahnsinnigen Demokritos

auf seinen Geisteszustand zu untersuchen (wobei er den Philosophen

wegen seiner Aeußerung, er studiere die Torheit der Menschen, für

den Weisesten aller Menschen erklärt habe); die Anekdote, daß er

mit Euryphon die „Phthisis“ des Königs Perdikkas von Makedonien

als Liebessehnsucht zu seines Vaters Nebenfrau Phila erkannt habe;

die vom Patriotismus eingegebene schroffe Absage an Artaxerxes I.

Makrocheir; die Geschichte, daß er seine Heimat vor der Eroberungslust

der Athener rettete, indem er die Thessalier zu Hilfe rief. Fabelhaft

sind auch die Behauptungen, daß Hippokrates am persischen Hofe die

größte Auszeichnung erfahren, daß er aus Ehrsucht das Tempelarchiv

von Kos oder Knidos verbrannt habe, um sich den Erfinderruhm zu

sichern und nachher zu den Thrakischen Edonen geflohen sei -- wohl

eine Anspielung auf die kritische Benützung der Weihtafeln und

literarischen Tempelschätze. Unverläßlich ist jedenfalls die Angabe,

daß er in Delphoi ein Skelett gestiftet habe, in die athenischen

Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion gewürdigt worden

sei. Bezüglich seiner angeblich verdienstvollen Leistungen in der

„Pest“ von Athen (430-425) ist es jedenfalls höchst auffallend,

daß Thukydides derselben in seiner glänzenden Schilderung auch

nicht mit einer Silbe gedenkt. In der unterschobenen Schrift de

legatione erklärt Hippokrates seinen Sohn Thessalos als Marinearzt

der sizilischen Expedition des Alkibiades mitgeben zu wollen.

~Hippokrates~ stand schon bei Lebzeiten in hohen Ehren -- von Platon

wurde er dem Polykleitos und Pheidias gleichgestellt --, nach seinem

Tode wuchs sein Ruhm in solchem Maße, daß er das Ansehen aller

vorausgehenden und nachfolgenden Aerzte verdunkelte. ~Er wurde der Arzt

κατ' ἑξοχὴν!~ Schon zur Zeit des Aristoteles hieß er der „Große“, bei

Galenos der „Göttliche“, und bis in die Gegenwart galt er als „Vater

der Heilkunde“. Seine Landsleute, die Koer, feierten am 26. des Monats

Agrianos sein Andenken, und noch im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das

Grabmal des Hippokrates zwischen Gyrto und Larissa gezeigt. Die Sage

erzählt, daß sich in demselben ein Schwarm Bienen ansiedelte, deren

Honig gegen den Soor der Kinder sehr heilsam war.

Was die Familie des Hippokrates, was die koische Schule, was viele

der Vorfahren und nächsten Nachfolger geleistet, all dies wurde in

begeistertem Heroenkultus auf das Haupt des Einzigen gehäuft, und

immer mehr entzog sich im Nimbus der Huldigung die historische Person

des Gefeierten. Ungeschwächt, ja stets von neuem verjüngt, überdauert

sein Ruhm den Wandel der Zeiten. Jede Nation zeichnet ihren größten

Arzt mit dem Namen Hippokrates als Ehrentitel aus, die Medizin heißt

nach ihm die hippokratische Kunst, und was das Höchste bedeutet, er

lebt, wie die Literatur aller Völker beweist, im Volksbewußtsein fort

als unvergleichlicher, unerreichbarer Arzt!

Die Wirkungsepoche des Hippokrates fällt mit der höchsten Entfaltung

des politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens in Hellas

zusammen mit der Zeit, wo „am Baume der Menschheit sich Blüt an Blüte

drängte“. Es ist die Epoche, welche die Staatskunst des Perikles,

die Philosophie des Sokrates, die Geschichtschreibung des Thukydides

weckte, es ist das Zeitalter des Sophokles und Euripides, des Pheidias,

Polykleitos und Praxiteles, des Polygnotos, des Zeuxis und Parrhasios!

Niemals zuvor oder nachher ergoß sich über einen so engen Raum während

einer so kurzen Zeitspanne eine solche Fülle von Geist und Schönheit.

Auch die blendendste Schilderung steht hinter einer Wirklichkeit

zurück, welche der Persönlichkeit freieste Entwicklung aller Anlagen

gestattete, nur in den Gesetzen des Ebenmaßes, der Schönheit, des

Wohlklangs Grenzen der Schaffenssphäre anerkannte, das Recht der

Individualität nur durch die Interessen der Gesamtheit beschränkte.

Auf allen Gebieten bildete der ~Individualismus~ den durchbrechenden

Wesenszug.

Unter dem Schutze der Bürgerfreiheit wagte es der Künstler,

losgelöst von den Fesseln des Konventionalismus den Gegenstand

zu gestalten, wie er ihn schaut, erkühnte sich der Dichter, der

philosophische Denker, wie mit tiefgehender Pflugschar, selbst

den geheiligten Boden der Tradition durch rückhaltlose ~Kritik~

aufzuwühlen. An Stelle der geschlossenen Weltanschauung der älteren

Kultur tritt die subjektive Ueberzeugung des einzelnen Individuums

hervor, erscheinen die Typen der Mythologie in neuer Beleuchtung,

erfahren die herkömmlichen Begriffe dialektische Zersetzung,

verkündet sophistische Rhetorik die Relativität aller Erkenntnis,

aller Sittlichkeit. Im Drama, wo der Chor seit Aischylos immer mehr

an Bedeutung einbüßt, und in der Geschichtschreibung erstarkt das

Recht der Persönlichkeit; die Komödie des Aristophanes, die Malerei

erhebt sich zur ~Naturwahrheit~, ja zur Porträtähnlichkeit, und

derselbe freie Kunstgeschmack, welcher die erhabenen Schöpfungen der

Bildhauerkunst mit Leben, Bewegung und Ausdruck erfüllte, verdrängte

selbst die steife Fältelung des Gewandes aus der Mode und verlieh

der Kleidung des einzelnen individuelles Gepräge.

In der Kunst zur höchsten Blüte führend, zog der ~Individualismus~ in

der Wissenschaft in dem Maße, als es an positiven Tatsachen gebrach,

sehr bald den äußersten ~Skeptizismus~ nach sich; denn unaufhaltsam

mußte sich die ~Kritik~, nachdem sie vergeblich die Tradition mit

den neuen Erkenntnissen zu versöhnen versucht hatte, mit ätzender

Schärfe auch gegen die stets neu auftauchenden, wechselnden Lehren und

Anschauungen wenden, wenn nicht durch den Augenschein das Element der

Willkür von vornherein auszuschalten war.

Nicht minder, als die Geisteswissenschaften, wurde auch die

Naturforschung fortwährend von Schwankungen erschüttert, und gerade

hier, wo die Spekulation trotz mancher überraschender Fortschritte

(besonders in der Astronomie und Mathematik) wahre Orgien feierte,

folgte dem anfänglichen Siegesrausch eine Ernüchterung, welche

allmählich von der Kritik zum ~Relativismus~ und von diesem bis

zur totalen ~Negation der Erkenntnismöglichkeit~ gelangte. Von

den schweren Krisen, welche die darauf fußende Weltanschauung

erschütterten, geben die Dramen des Euripides ergreifende Kunde,

eines Dichters, der als Vorkämpfer der Neuerungen begann und mit der

Proklamation des Bankrotts der Wissenschaft endete. Ein Metrodoros

von Chios, Demokrits berühmtester Schüler, stellte die Möglichkeit

jedes sicheren Wissens in Abrede, der Herakliteer Kratylos wagte

überhaupt kein Urteil auszusprechen, weil das Wesen des Seins nicht

zu erfassen wäre.

~Hauptträger der mächtigen Geistesbewegung, welche auf allen

Gebieten Probleme aufwarf~ -- sittliche, religiöse, wissenschaftliche

--, ~waren die Sophisten~. Diese verstanden es wohl, das Denken

aufzurütteln, mit sublimer Dialektik scharfe Begriffsbestimmungen

vorzunehmen, die wissenschaftliche Phraseologie außerordentlich

zu verfeinern, sie glaubten aber, gleich den mittelalterlichen

Scholastikern, der empirischen Kenntnisse entbehren zu können,

identifizierten ihre spitzfindigen, abstrakten Wortanalysen mit realen

Gegensätzen in der Natur und machten in ihrer Vorliebe für das Formale

die Eristik, die ~Rhetorik~ zur Wissenschaft. Von Männern, welche als

kostspielige Wanderlehrer mit der Virtuosität allumspannenden Wissens

prunkten, ohne über wirkliche Sachkenntnis zu verfügen, ja diese

geringschätzten und beifallslüstern ihren höchsten Ehrgeiz darein

setzten, das Pro und Kontra jeder Frage überzeugend verteidigen zu

können, war keine Rettung aus dem Wirrsal zu erwarten.

Die Zeit der alten Naivität, der ungeschulten Empirie war vorbei,

und umsonst suchten die Altgläubigen und politischen Reaktionäre

im Bunde mit heuchlerischen Demagogen das Rad zurückzudrehen

oder den neuerungsliebenden Geist der Aufklärung durch den Mund

des Aristophanes zu verhöhnen, oder gar durch Verbannung einiger

Philosophen den Fortschritt zu hemmen. Eine Ueberwindung des

Skeptizismus war nur dadurch möglich, daß der Individualismus auf

sittlichem Gebiete das Ich zur Gesamtheit erweiterte, intellektuell

zur phänomenologischen Auffassung der Dinge fortschritt, welche sich

gemäß der Erkenntnis der Grenzen des menschlichen Begriffsvermögens

mit der Sinneserfahrung begnügte und nur das verknüpfende kausale

Band, die Gesetze, aufzudecken strebte. Diesen Weg beschritt Sokrates.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 23 / 54 段