(z. B. der Lungenentzündung) zu, welche durch den Typus ihrer
Symptome, durch den Rhythmus ihres Verlaufs ein Gesetz ahnen ließen,
das an den Zyklus der Sternwelt, an die Zahlenverhältnisse der Töne,
wie sie Pythagoras gefunden, in seiner Regelmäßigkeit erinnerte.
Spekulation und tatsächliche Erfahrungen arbeiteten sich in die Hände.
So bildete sich denn als Folge der Betrachtung des Gesamtverlaufs
typischer Krankheitsbilder, vielleicht auch im Hinblick auf die
Astronomie und die Pythagoreische Zahlenmystik ~die Lehre von den
Krisen~, d. h. von der Krankheitsentscheidung, ~und die Lehre von
den kritischen Tagen aus~, d. h. von den Zeitverhältnissen, an welche
die Wendung der Krankheit zum Guten oder Schlimmen gebunden ist. Die
Richtschnur für die Vorhersage am Krankenbette bildete, abgesehen vom
Allgemeinbefinden und verschiedenen Merkmalen, namentlich das Fieber
und das Verhalten der Exkrete und Sekrete, die nach der herrschenden
Säftelehre als ausgeschiedene Krankheitsstoffe galten und durch den
Wechsel ihrer Konsistenz den Mischungszustand der konstituierenden
Grundflüssigkeiten offenbarten. Ausgehend von Bildern des gemeinen
Lebens und vom Verdauungsprozesse, erblickte man im Zusammentreffen
des ansteigenden und absteigenden Fiebers mit zähflüssigen oder
dünnflüssigen Auswurfstoffen einen Kochungsprozeß der Säfte durch die
Körperwärme und gelangte zur ~Aufstellung dreier Krankheitsstadien,
des Stadiums der Roheit der Säfte (ἀπεψία), der Kochung (πέψις) und
der Krisis~ (Ausscheidung oder Ablagerung der Krankheitsstoffe).
Die Erfahrungen und Anschauungen der koischen Aerzte wurden vor
Hippokrates in den „Koischen Lehrmeinungen“ niedergelegt, welche
höchstwahrscheinlich als Vorlage für die eine oder andere prognostische
Schrift der hippokratischen Sammlung benützt wurden.
Waren die Koer vom Geiste nüchterner, echt klinischer Beobachtung
erfüllt, vertraten die Knidier mehr eine Richtung, welche zwar
treu auf dem Boden der Erfahrung verläuft, aber dennoch dem Idol
temporärer Wissenschaftlichkeit die Naturwahrheit nur allzu leicht
zum Opfer bringt, ~so scheint die sizilische Aerzteschule, die sich
von Empedokles herleitete, ihr Hauptziel darin erblickt zu haben, die
ärztliche Kunst in eine Wissenschaft umzuwandeln~, auf dem Wege der
Naturforschung und philosophischen Spekulation oberste Prinzipien zu
gewinnen, aus denen sich ~deduktiv~ die Theorie der Krankheiten und
die Norm für das ärztliche Handeln ergibt. Aus den kargen Bruchstücken,
welche scharfsinnige Forscher in letzterer Zeit aus der Vergessenheit
emporgezogen haben, erhellt es immer mehr, ~daß die sizilischen
Aerzte~, als deren vornehmste Vertreter die Schüler des Empedokles,
~Akron und Pausanias~, insbesondere aber der Zeitgenosse Platons,
~Philistion aus Lokroi~, genannt werden, ~sich um die Entwicklung
der Anatomie und Physiologie ganz besonders verdient gemacht~ und
die wichtigsten Bausteine zur Krankheitstheorie, wie sie im Corpus
Hippocraticum entwickelt ist, gelegt haben.
Den Spuren des Alkmaion folgend, beschäftigten sich die
hervorragendsten Aerzte der sizilischen Schule eifrig mit der
Tierzergliederung, wobei sie anscheinend den ~Gefäßen~ besonderes
Augenmerk zuwendeten. Hierzu dürfte wohl die Lehre des Empedokles, daß
das Blut Sitz der eingepflanzten Wärme (der Seele) sei, und daß die
•Atmung• nicht allein durch Mund und Nase, sondern auch •vermittels
der Hautporen durch das Röhrensystem des ganzen Körpers• erfolge[12],
den Anlaß gegeben haben. (Es sei hier daran erinnert, daß auch
der philosophische Hauptvertreter der Pneumatheorie, Diogenes von
Apollonia, eine Schilderung des Gefäßsystems hinterlassen hat.) Nach
der Ansicht maßgebender Forscher steht gerade die beste anatomische
Schrift, das Corpus Hippocraticum, welche vom Herzen handelt (περὶ
καρδίης) und eine vortreffliche Beschreibung der Aortenklappen, des
Herzbeutels, Herzbeutelwassers etc. enthält, unter dem Einfluß der
sizilischen Aerzte; ~wie von den Aegyptern, wurde die Lehre vertreten,
daß das Herz Mittelpunkt des Gefäßsystems und Quelle alles Blutes ist.~
[12] Vergl. die Physiologie der Aegypter. Die koischen Aerzte nahmen
nur Atmung durch Mund und Nase an.
Neben allgemein naturwissenschaftlichen Erwägungen über die
Bedeutung der Luft und der Windströmungen[13] mag auch die anatomische
Beobachtung der postmortalen Leerheit der Arterien dazu geführt haben,
daß die sizilischen Aerzte das Pneuma als wichtigsten Regulator des
organischen Lebens betrachteten[14]; das Pneuma sollte sich durch die
Adern verbreiten, mit dem Blute zirkulieren[15], zur Abkühlung der
Körperwärme dienen, alle Sinneswahrnehmungen und Bewegungen, sowie
durch Erregung von Fäulnisvorgängen[16] (zusammenwirkend mit der Wärme)
die Verdauung vermitteln. ~Als Zentralorgan des Pneuma betrachtete
man das Herz[17].~ Gerade diese auf anatomische Kenntnisse (Herz =
Mittelpunkt der Gefäße) begründete Lehre wurde verhängnisvoll für
Physiologie und Pathologie, insofern nämlich die sizilische Schule
dementsprechend -- im Gegensatz zu Alkmaion und den Koern -- den
Sitz der Seele in das Herz verlegte und die Geisteskrankheiten als
Affektionen des Herzens ansah. Ein bedeutender Rückschritt, der wie
bei den Knidiern durch scheinbare Exaktheit verursacht wurde!
[13] ~Akron von Agrigent~ unterschied verschiedene Arten von
Luftströmungen und zog aus ihrer Qualitätenmischung Schlüsse
auf den Gesundheitszustand der Menschen. Damit im Zusammenhang
steht es, daß er bei einer Seuche Feuer anzünden ließ, um die
kalte und feuchte Luft trocken und warm zu machen. Vergl. hierzu
die Seuchenbekämpfung durch Empedokles.
[14] In einzelnen Büchern des Corpus Hippocraticum (namentlich
über die Winde, περὶ φυσῶν, und über die heilige Krankheit
[Epilepsie], περὶ ἰερὴς νούσου) wird ebenfalls (beeinflußt von
Diogenes von Apollonia) dem Pneuma die Hauptrolle zugeschrieben.
-- Bedenkt man, daß, wie noch heute in der Volksmedizin, das
Symptom der Blähungen (Aufstoßen und Flatus) als Abgang eines
krankmachenden Stoffes aufgefaßt wurde (verschlagene Winde),
so liegt es nahe, daß dem verdorbenen ~Pneuma~ auch in der
Pathologie eine große Bedeutung eingeräumt wurde.
[15] In der Lehre vom Pneuma könnte man den ersten Keim der Wahrheit
finden, daß der Sauerstoff eine Hauptrolle im Organismus spielt.
[16] Die gleiche Ansicht vertritt der Verfasser der hippokratischen
Schrift „Ueber die alte Heilkunst“ (περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς).
[17] Nach koischer Anschauung gelangt das Pneuma zuerst in das Gehirn
und wird von dort aus nach dem ganzen Körper verbreitet (περὶ
ἰερὴς νούσου).
In der Krankheitslehre wurde dem ~Pneuma~ und den ~vier Elementen~
oder ~Elementarqualitäten~ gleiche Berücksichtigung zu teil. Solange
die Bewegung des Pneuma (Atmung) ungestört vor sich geht, ist der
Mensch gesund; wird sie gehindert, indem Schleim- oder Gallenanhäufung
die Wege verlegt, so entstehen Krankheiten; neben äußeren Einflüssen
(Verletzungen, Temperatur) oder Diätfehlern führt aber auch das
Uebermaß oder der Mangel einer der Qualitäten (des Warmen, Feuchten
u. s. w.) an sich, zur Erkrankung.
Hinsichtlich der Therapie wäre mit Anerkennung hervorzuheben, daß die
sizilische Schule auf die ~Diät~ besonderes Gewicht legte -- eine
Nachwirkung der Pythagoreer; ihre Koryphäen ~Akron und Philistion~
verfaßten eigene Werke über diesen Gegenstand, ja der letztere wurde
von Galen sogar unter den vermutlichen Autoren der hippokratischen
Schrift περὶ διαίτης aufgezählt.
Wir sind in unserer Darstellung mit der sizilischen Lehre zwar nicht
über die Zeit, in der die „hippokratischen“ Schriften entstanden
sind, hinausgeeilt, wohl aber über die Epoche des großen Hippokrates.
Diese Ueberschreitung war nötig, weil es galt, die Grundlagen der
„~hippokratischen~“ Schriften bloßzulegen, zu welchen aber neben
koischen und knidischen nicht zum mindesten auch die Lehrmeinungen
der sizilischen Schule gehören.
Anhangsweise seien noch einige, zur Zeit des Hippokrates lebende
Aerzte erwähnt, welche keiner besonderen Schule zugerechnet werden.
~Meton~ von Athen, als Astronom bekannt, suchte die Medizin mit der
Astronomie in Verbindung zu setzen. ~Bolos~ schrieb über die Heilkraft
der Natur. ~Diagoras von Melos~, Gegner des Opiums, Erfinder eines
Collyriums gegen chronischen Augenkatarrh, wurde wegen Atheismus mit
Verbannung bestraft.
Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum).
Die ehrwürdige ~hippokratische~ Schriftensammlung, welche als ältestes
Denkmal der Glanzepoche hellenischer Heilkunst erhalten blieb,
bezeichnet den Kreuzungspunkt aller früheren Richtungen und verknüpft
in sich die vielverschlungenen Fäden, die einerseits zur grauen Vorzeit
zurück, anderseits bis mitten in die Gegenwart hinein reichen.
~Die Tradition macht einen einzigen zu ihrem Urheber, Hippokrates,
den unvergleichlichen Arzt von Kos~, der seinen Namen in Flammenzügen
an die dunkle Wand der Jahrhunderte hinschrieb; ~vor dem Richterstuhl
prüfender Kritik dagegen sind die „Werke des Hippokrates“ nichts
anderes, als die bunt zusammengewürfelte Arbeit von Generationen~, das
Geistesprodukt sehr verschiedenartiger Verfasser, deren Einzelstimmen
nur der Zufall zu einem, nicht immer zusammenklingenden Chor vereinigt
hat.
Wie es jetzt vorliegt, so wurde im wesentlichen das Corpus
Hippocraticum im Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. von einer
Kommission alexandrinischer Gelehrter im Auftrag der bücherfreundlichen
Ptolemäer zusammengestellt und redigiert[18]. Schon damals war man
in Zweifel, welche Schriften dem großen Hippokrates mit Sicherheit
zugesprochen werden können, und kaum war eines der Bücher frei von
Veränderungen und Zusätzen geblieben. Bemüht, die echten Bücher
in einer Sammlung zu vereinigen, anderseits aber auch bestrebt,
möglichst wenig verloren gehen zu lassen, sichtete die Kommission
zwar die große Zahl von anonymen Dokumenten, welche als angeblich
hippokratisch durch Kaufleute aller Länder herbeigeschafft wurden,
verfuhr aber dabei mit so wenig Kritik, daß neben Meisterwerken
mit dem Stempel echt ärztlichen Geistes und schriftstellerischer
Klassizität auch bloße Kompilationen und dürftige Auszüge oder
Entwürfe, neben koischen auch Schriften anderer Schule, in das Corpus
Hippocraticum aufgenommen wurden. Unter sich zeigen die einzelnen
Schriften die größten Verschiedenheiten hinsichtlich des Dialekts,
des Stils und der Darstellung, ja sogar hinsichtlich der theoretischen
Grundanschauungen; neben vollkommen abgeschlossenen Abhandlungen stehen
bloße Notizensammlungen oder Krankenjournale, neben Fachschriften auch
phrasenhafte Sophistenreden, die sich an das große Publikum richten,
und was den Ursprung anbelangt, so stammt ein nicht unbeträchtlicher
Teil der Schriften gar nicht aus der koischen Schule oder entstand
nicht einmal im Zeitalter des Hippokrates, sondern vor und nach seiner
Schaffensperiode!
[18] Die Zahl der Bücher wird von den Autoren verschieden angegeben,
je nachdem einzelne derselben als ganz selbständige Abhandlungen
geführt oder nur als Fortsetzungen anderer angesehen werden;
in diesem Sinne schwanken die Angaben zwischen 53 und 72.
Aus gelegentlichen Bemerkungen in den vorhandenen Schriften
und aus den Angaben der Alten ist zu ersehen, daß eine ganze
Reihe von Abhandlungen schon im Altertum verloren gegangen
ist; außerdem fehlen aber in der überkommenen Sammlung auch
Schriften, welche noch im späteren Altertum bekannt waren.
In den älteren Handschriften ist nur ein Teil des Corpus
Hippocraticum enthalten. -- Unter den älteren Ausgaben der
Werke des Hippokrates sind die wichtigsten: die Ausgabe von
~Cornarius~ (Basil. 1538), von •Anutius Foësius• (Francof. ad
M. 1590 u. öfter), von Mercurialis (Venet. 1588), von van der
Linden (Lugd. Batav. 1665) und von Chartier (Paris 1639-1679).
In neuerer Zeit veranstalteten ~Kühn~ (Lips. 1825-1827) und der
um die Hippokratesforschung ganz besonders verdiente ~Emile
Littre~ (Paris 1839-1861) und Franz Zach. Ermerins (Traj. ad
Rhen. 1859-1864), letztere beide kritische Ausgaben. Unter
Benützung neuen handschriftlichen Materials lassen neuerdings
Joh. Ilberg und H. Kühlewein eine neu revidierte Textausgabe
erscheinen. Von den zahllosen Partialeditionen ist namentlich
die Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Pétrequin (Paris 1877)
erwähnenswert. -- Ungemein zahlreiche Kommentare und viele
Uebersetzungen der gesamten Werke oder einzelner Schriften
wurden seit alter Zeit in den verschiedensten Sprachen verfaßt,
sie besitzen großes literarhistorisches Interesse. Die älteren
deutschen Uebersetzungen von Grimm, Lilienhain und Upmann sind
durch die moderne Uebertragung von Robert Fuchs (Hippokrates,
Sämtliche Werke, München 1895-1900) überholt worden.
Seit der Zeit der alexandrinischen Bibliothekare beschäftigen sich
gelehrte Forscher mit der Frage, welche Schriften von Hippokrates
selbst herrühren, welchen Verfassern oder wenigstens welcher Schule
die „unechten“ Bücher zuzuschreiben sind. Da im ganzen Corpus
Hippocraticum kein Autor genannt ist, gleichzeitige zuverlässige Zeugen
für die Echtheit fehlen und die Kommentatoren des Altertums meist
tendenziös verfuhren, indem sie ihre eigenen medizinischen Grundsätze
durch angeblich „echte“ Schriften zu stützen suchten, so wird der
subjektiven Kritik ein um so größerer Spielraum eingeräumt, als leider
auch textkritische, etymologische und sogar reale (medizinische)
Unterscheidungsmomente keine genügenden exakten Anhaltspunkte geben,
oder doch sehr häufig versagen. Das Schlimmste liegt noch darin, daß
gerade dasjenige, was wir der Schriftensammlung nicht entnehmen können,
nämlich die persönlichen theoretischen Ansichten und Kenntnisse des
Hippokrates selbst, einen ausschlaggebenden Faktor bei der Beurteilung
bildet, weshalb die Kritiker unter der Voraussetzung der idealen Größe
des koischen Arztes nur zu leicht der Versuchung unterliegen, dasjenige
als echt hippokratisch anzusehen, was den temporären Vorstellungen
von medizinischer Vollkommenheit entspricht. Trotzdem das Problem der
Echtheit seit 2000 Jahren von einer Unzahl von Forschern mittels der
verschiedenartigsten Kriterien angegangen wurde, konnte kaum in der
Kritik der einen oder anderen Schrift volle Einigkeit erzielt werden,
und wie sehr das Urteil schwankt, zeigt, daß die Zahl der „echten“
Schriften (von den 31, die der Kommentator Erotianos [zur Zeit Neros]
anerkannte, oder von den 13, die noch Galenos anerkannte) schon auf
zwei, ja auf Null herabgesunken war und sich in der neuesten Kritik
kaum auf sechs erhoben hat. Dasselbe gilt für die Frage, wer die
Autoren der unterschobenen Bücher sind. ~Als sicheres Ergebnis kann es
nur angesehen werden, daß die „hippokratischen“ Schriften fast sämtlich
vor Aristoteles verfaßt wurden und einen Zeitraum von mehr als einem
Jahrhundert umspannen, daß in ihnen die Grundsätze der koischen Schule
zwar überwiegend, so doch nicht ausschließlich hervortreten, und daß
nicht wenige Schriften von den Lehren oder Leistungen, namentlich
der knidischen, aber auch der sizilischen Aerzte mehr oder minder
beeinflußt sind.~
Dieses dürftige Resultat bezeichnet eine klaffende Lücke, welche sich
zwar in der Literaturgeschichte sehr störend bemerkbar macht, aber für
eine historische Betrachtung, welche mehr den Tatsachen, Ideen, der
gesamten wissenschaftlichen Entwicklung als den Personen zugewendet
ist, von wenig Belang ist. •War es doch das Corpus Hippocraticum in
seiner Totalität, das die Wissensquelle für unzählige Aerzte bildete,
Theorie und Praxis im Laufe zweier Jahrtausende beeinflußte und diese
gewaltige Geistessumme von Ideen und Kenntnissen liegt, unbeschadet der
Echtheitsfrage, klar vor uns.• Und entzieht sich auch die historische
Person des Hippokrates unseren Blicken, die geistige Persönlichkeit,
welche die medizinische Forschung von spekulativen Irrwegen abrief
und ins Fahrwasser der nüchternen Beobachtung lenkte, die ärztliche
Berufstätigkeit mit dem Gefühl der Standeswürde erfüllte, sie spricht,
wenn auch nicht mit derselben Reinheit, aus allen, auch aus den
minderwertigen Teilen der Schriftensammlung, gleich wie sich die Sonne
auch im Tümpel spiegelt. Anders erscheint Sokrates in Platons Dialogen,
anders in Xenophons Auffassung; so bergen auch die „hippokratischen“
Schriften bald mehr, bald weniger von echt hippokratischem Geiste,
ganz unbeeinflußt von seinem Genius sind aber wohl nur wenige unter
ihnen. Ohne daher auf die Feinheiten philologischer Kritik einzugehen,
wollen wir zunächst von den Schriften der hippokratischen Sammlung
Kenntnis nehmen, hierauf untersuchen, worin der tiefere Wesenszug
des Hippokratismus besteht und schließlich den materiellen Inhalt der
„hippokratischen Schriften“ in summarischer Uebersicht betrachten.
Schriften allgemeinen Inhalts.
1. ~Ὅρκος.~ ~Jusjurandum~ = ~Eid.~ Eidesformel der Schüler.
Wahrscheinlich von der koischen Schule überkommenes Asklepiadenstatut,
das später dem berühmtesten aller Aerzte, Hippokrates, zugeschrieben
wurde.
2. ~Νόμος.~ ~Lex~ = ~Das Gesetz.~ Behandelt die zur Erlernung der
Medizin nötigen Anlagen und Kenntnisse.
3. ~περὶ τέχνης.~ ~de arte~ = ~Die Kunst.~ Verteidigung der
ärztlichen Kunst gegen ihre Widersacher.
4. ~περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς.~ ~de prisca medicina~ = ~Die alte
Medizin.~ Polemik gegen die Philosopheme der Neueren, Lob der
alten Kunst, welche ihren Ursprung von diätetischen Erfahrungen bei
Gesunden und Kranken nahm. Das Warme und Kalte, Feuchte und Trockene
ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süßeste, Bitterste,
Sauerste, Herbste etc. -- eine Säftetheorie, welche stark von Alkmaion
beeinflußt erscheint.
5. ~περὶ ἰντροῦ.~ ~de medico~ = ~Der Arzt.~ Deontologie und
Vorschriften über die ärztliche Werkstätte. (Für den Anfänger
bestimmte Schrift.)
6. ~περὶ εὐσχημοσύνης.~ ~de habitu decenti~ = ~Ueber den Anstand.~
Aerztliche Ethik. (Wahre und falsche Wissenschaft; Philosophie und
Medizin; Untersuchung und Verhalten am Krankenbette.) Im 5. Kapitel
dieser Schrift findet sich der berühmte Satz: „~denn ein Arzt,
der zugleich Philosoph ist, steht den Göttern gleich~“ (ἰητρος γὰρ
φιλόσοφυς, ἰσόθεος).
7. ~Παραγγελὶαι.~ ~Praecepta~ = ~Vorschriften.~ Aerztliche
Sittenlehre, welche in dem Satze gipfelt: ~Wo Liebe zum Menschen ist,
da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden~.
8. ~Ἀφορισμοί.~ ~Aphorismi~ = ~Die Aphorismen~ (Lehrsätze). Bücher,
deren letztes in viel späterer Zeit verfaßt wurde und nur eine höchst
mangelhaft redigierte Kompilation darstellt. Die Aphorismen sind
der berühmteste Teil der ganzen hippokratischen Schriftensammlung,
wurden in fast alle Sprachen übersetzt und unzählige Male kommentiert,
sie enthalten in zumeist lapidarer Kürze das Resumé der Prognostik
der koischen Schule. Wenn auch dem Werte nach ungleichartig, finden
sich unter den Aphorismen Thesen und Sinnsprüche, welche von echt
hippokratischem Geiste durchweht, in ihrer prägnanten Fassung an
die Aussprüche der sieben Weisen erinnern und zu den Perlen der
Weltliteratur zählen. Zu geflügelten Worten sind namentlich die
folgenden beiden geworden: „~Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang,
der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch,
das Urteil ist schwierig~“ (I, 1)[19] und „~Was Arzneien nicht
heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer,
was das Feuer nicht heilt, das muß man als unheilbar betrachten~“
(VIII, 6)[20]. Das erste Buch betrifft hauptsächlich die diätetische
Therapie; das zweite die Prognostik; das dritte Krankheitsdisposition,
Einfluß der Jahreszeiten und des Lebensalters; das vierte handelt
von Brech- und Abführmitteln und von der Diagnose, insbesondere
fieberhafter Krankheiten; das fünfte von Krämpfen, von der Wirkung
der Wärme und Kälte, namentlich bei chirurgischen Affektionen, von
Frauenkrankheiten; das sechste enthält in seinem sehr bunt gemischten
Inhalt Bemerkungen über die Symptomatologie chirurgischer Krankheiten;
das siebente handelt von Nebenerscheinungen, Komplikationen mit
Prognose und über die Aufeinanderfolge von Krankheiten.
[19] Ὅ μεν βίος βραχύς, ἥ δε τέχνη μακρή. ὅ μεν καιρὸς ὀξύς, ἥ δε
πεῖρα σφαλερή.
[20] Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται· ὄσα σίδηρος οὐκ
ἰῆται, πῦρ ἰῆται ὅσα δε πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρῆ νομίζειν
ἀνίατα.
Zur Anatomie und Physiologie.
9. ~περὶ ἀνατομῆς.~ ~de anatomia~ = ~Die Anatomie.~ Kurzes
Fragment, welches die innerhalb des Rumpfes gelegenen Organe
beschreibt.
10. ~περὶ καρδίης.~ ~de corde~ = ~Das Herz.~ Wahrscheinlich unter
dem Einfluß der sizilischen Schule verfaßte Schrift, enthält eine
genaue Beschreibung des Herzens als Sitz der Seele.
11. ~περὶ σαρκῶν.~ ~de carne~ = ~de musculis~ = ~Das Fleisch.~
Besonders bemerkenswert durch die in Anlehnung des Herakleitos
und Parmenides ausgesponnenen physiologischen Hypothesen, sowie
durch die Theorie von der Bedeutung der Zahl Sieben für die
Entwicklungsgeschichte und den Krankheitsverlauf. (Knidisch.)
12. ~περὶ ἀδένων.~ ~de glandulis~ = ~Die Drüsen.~ In der
Beschreibung der Drüsen wird das Gehirn als die größte bezeichnet
und angeführt, daß von demselben sieben Arten von Flüssen = Katarrhen
ihren Ursprung nehmen. (Wahrscheinlich knidisch.)
13. ~περὶ ὀστέων φύσιος.~ ~de natura ossium~ = ~Die Natur der
Knochen.~ Enthält außer einer unvollständigen Aufzählung der Knochen
nichts Osteologisches, sondern eine verworrene Schilderung des
Gefäßsystems.
14. ~περὶ φύσιος ἀνθρώπου.~ ~de natura hominis~ = ~Die Natur des
Menschen.~ Das Buch ist aus verschiedenartigen Stücken zusammengesetzt
und entstand wahrscheinlich nach der Konsolidierung der sizilischen
Schule. Es ist die Haupturkunde der koischen (= hippokratischen)
Humoralpathologie, da es die Zusammensetzung des Körpers aus vier
Qualitäten bezw. den entsprechenden Kardinalflüssigkeiten Blut,
Schleim, gelber und schwarzer Galle verteidigt und die Krankheiten von
einem Mißverhältnis derselben ableitet (Kap. IV). Indes wird (Kap. X)
auch dem Pneuma bei der Entstehung endemisch-epidemischer Krankheiten
eine Hauptrolle zugewiesen, gegenüber den Fehlern der Lebensweise,
welche individuelle Leiden verursachen. Die Venenbeschreibung, welche
das Buch (Kap. XII) enthält, stammt nach Aristoteles von Polybos.
15. ~περὶ γονη̄ς.~ ~de semine~ (~genitura~) = ~Der Samen.~
16. ~περὶ φύσιος παιδίου.~ ~de natura pueri~ = ~Die Entstehung des
Kindes.~
17. ~περὶ νούσων δ'.~ ~de morbis IV~ = ~Die Krankheiten IV.~
Drei Schriften, wahrscheinlich knidischen Ursprungs, welche nach
sehr begründeten Vermutungen maßgebender Autoren ursprünglich ein
einziges Buch bildeten. Inhalt: Theorien über Zeugung und Entwicklung,
über Krankheitsentstehung (aus den Elementarstoffen Schleim, Blut,
Galle, Wasser), Lehre von den Krisen und kritischen Tagen.
18. ~περὶ τροφη̄ς.~ ~de alimento~ = ~Die Nahrung.~ Aphoristische
Sätze über Nahrung und Entwicklung des Menschen, in philosophischem
Geiste gehalten (Herakleitos und Diogenes von Apollonia). Vergleiche
aus dem Pflanzen- und Tierleben, sowie •physikalischer Art•.
Zur Diätetik.
19. ~περὶ διαίτης~ I-III. ~de diaeta~ (~victu~) I-III = ~Die Diät~
I-III; wozu noch als viertes Buch die Schrift ~περὶ ὲνυπνίων~, ~de
somniis~ = ~Die Träume~ hinzukommt. Abhandlung über Diätetik und
Gymnastik, basierend auf dem Grundsatze, daß die Gesundheit von dem
richtigen Verhältnis der Nahrungsaufnahme zu den körperlichen Uebungen
abhänge. Das Buch über die Träume schildert die Vorzeichen, durch
welche sich Gesundheitsstörungen zu erkennen geben.
20. ~περὶ διαίτης ὑγιεινη̄ς.~ ~de diaeta~ (~victu~) ~salubri~ =
~Die Hygiene der Lebensweise.~ Vorschriften über Speisen, Getränke,
Kleidung, Bewegung, je nach der Jahreszeit, der Körperbeschaffenheit,
dem Lebensalter etc.
Zur allgemeinen Pathologie.
21. ~περὶ ἀὲρων, ὑδάτων, τόπων.~ ~de aere, aquis et locis~ = ~Ueber
Luft, Wasser und Oertlichkeit.~ Diese meisterhafte Schrift betont
die Wichtigkeit der Meteorologie, Klimatologie und Astronomie für die
Medizin und schildert in großzügiger Betrachtung den Einfluß von Klima
und Bodenbeschaffenheit auf den Organismus und auf die Entstehung von
Krankheiten -- •medizinische Geographie•. Ueber den Rahmen der Medizin
im engeren Sinne hinausstrebend, zeigt der Verfasser die Abhängigkeit
der geistigen Eigentümlichkeiten und staatlichen Einrichtungen von
topographisch-klimatischen Verhältnissen.