Trockenen, Feuchten, Warmen, Kalten, Süßen, Bitteren u. s. w. seit
Empedokles in die kanonische ~Vierzahl~ gebannt wurden, so läßt sich
auch bei den Aerzten allmählich die Tendenz verfolgen, an Stelle von
mannigfachen krankhaften Säften nur die Abnormitäten einer beschränkten
Zahl von lebenswichtigen Körperflüssigkeiten als Krankheitsursachen
anzunehmen. Es kamen hierbei ~das Blut~, ~der Schleim~ (Sputum,
Nasensekret, Speichel), ~das Wasser, die Galle, von welch letzterer
später zwei Arten, gelbe und schwarze, unterschieden wurden~, in
Betracht.
Daß die Begriffe der Humoralpathologie den volksmedizinischen
Anschauungen (wie noch heute!) plausibel erschienen oder aus
der Volksmedizin hervorgingen, beweist ihr Vorkommen in der
nichtmedizinischen Literatur der Griechen. Die ~„schwarze“
Galle~ kennt auch Aristophanes. Zur Annahme einer schwarzen Galle
kam man durch Fehlschlüsse aus realen Beobachtungen, z. B. des
schwarzgefärbten Erbrochenen, des schwarzgefärbten Stuhls. Vielleicht
trug noch mehr der Umstand bei, daß man bei der Beobachtung der
Blutgerinnung (gelegentlich der seit ältester Zeit vorgenommenen
Aderlässe) vier verschiedene Teile unterscheiden konnte, wobei der
Farbe nach, das Blutserum als gelbe Galle, der hochrote Blutkuchen
als Blut, der dunklere, fast schwarze Teil desselben als schwarze
Galle, das Wässerige als Schleim aufgefaßt wurden.
Der nächste Schritt, welchen die medizinische Theorie, um sich mit der
philosophischen Spekulation völlig zu decken, machte, bestand sodann
darin, die Kardinalflüssigkeiten mit den vier Elementen in Beziehung
zu setzen, d. h. ~vier Grundflüssigkeiten~ zu hypostasieren (gewöhnlich
Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), ~welche dem Feuer, der Luft,
dem Wasser und der Erde oder dem Warmen, dem Kalten, dem Feuchten und
dem Trockenen als besondere Modifikationen der Materie~ entsprechen.
Wie sich aus dem obigen ergibt, besitzen wir nur einen dürftigen
Einblick in die vorhippokratische Epoche und entnehmen denselben
lediglich den Zitaten, die sich bei Aristoteles und anderen Autoren
finden. Immerhin läßt sich deutlich erkennen, daß das medizinische
Denken durch den regen Ideenumlauf der Philosophen in ständiger
Bewegung erhalten wurde. Ihren Ausdruck fand diese Regsamkeit in
einer mächtig anschwellenden medizinischen Literatur, welche sogar
populäre Werke umfaßte. Im 5. Jahrhundert -- zu einer Zeit, da die
griechische Fachschriftstellerei sich auf alles menschliche Tun von
der Kochkunst und Landwirtschaft bis zur Theorie des Städtebaues und
zur Technik des Bühnenwesens erstreckte -- gewann nach dem Zeugnis
Xenophons auch das medizinische Schrifttum eine ganz besondere
Ausdehnung. Leider ist davon nichts auf uns gekommen, mit Ausnahme
der ~hippokratischen Schriftensammlung~. Majestätisch ragt sie empor,
als stolzer Bau, während die einst belebten Straßen und Plätze, die
zu ihr führten, verschwunden sind.
Medizinische Schulen.
(Knidos, Kos, Sizilische Schule.)
Die Schriftensammlung, welche dem größten der Aerzte, Hippokrates,
zugeschrieben wird, gewährt uns die Handhabe, um die Hauptrichtungen,
welche das ärztliche Denken bei den Griechen anfangs einschlug,
einigermaßen verfolgen zu können. Abgesehen von den Spuren der
ägyptischen[5] und mesopotamischen Heilkunde und den genialen Ideen
der großen philosophischen Denker, findet man in der hippokratischen
Schriftensammlung die beiden Asklepiadenschulen von ~Knidos~ und ~Kos~
und die unter philosophischem Einfluß stehende italisch-sizilische
Schule vertreten[6]. Auf die Gefahr hin, dem historischen
Entwicklungsgange voranzueilen, wollen wir die hervorstechendsten
Eigentümlichkeiten dieser Schulen, soweit es bei den spärlichen
Nachrichten möglich ist, beleuchten, bevor wir an die Betrachtung des
Hippokratismus im engeren Sinne herantreten.
[5] Es sind durch die neueren Forschungen (namentlich des Dr. Felix
Freiherrn v. Oefele) sogar wörtliche (!) Uebereinstimmungen in
Rezepten zwischen dem Corpus Hippocraticum und Papyrus Ebers
nachgewiesen worden.
[6] „Aber einst,“ sagt Galen, „war ein nicht kleiner Streit
unter den Koern und Knidiern, wer den andern an Menge der
Erfindungen übertreffe, denn damals gab es nur noch diese beiden
Asklepiadengeschlechter in Asien, indem das zu Rhodos nicht
mehr vorhanden war. Es stritten aber den trefflichen Streit mit
ihnen die italischen Aerzte: Philistion, Empedokles, Pausanias
und deren Schüler. Die meisten und besten Chorführer wurden
den Koern zu teil, nahe standen ihnen die Knidier, aber auch
die Italer sind nicht geringer Erwähnung würdig.“
~Die Schule von Knidos~ (lakedaimonische Kolonie in der asiatischen
Doris) ist anscheinend älter als ihre Rivalin von Kos. Abgesehen von
Zitaten aus späterer Zeit besitzen wir ein Urteil aus dem Munde eines
Vertreters der koischen Schule[7], der zwar anerkennt, daß die Knidier
richtig beschrieben haben, „was die Patienten bei jeder einzelnen
Krankheit zu leiden haben und welchen Ausgang einige Krankheiten
genommen haben“, aber es mit herben Worten tadelt, daß die Verfasser
der „~Knidischen Sentenzen~“ (Κνἰδιαι γνῶμαι) die subjektiven abnormen
Empfindungen der Kranken gegenüber der objektiven Untersuchung des
Arztes in den Vordergrund stellten, nach unwesentlichen Symptomen und
zufälligen Merkmalen eine ~große Zahl schematischer Krankheitstypen~
statuierten, denen ~ohne Individualisierung~ der einzelne Fall
willkürlich untergeordnet wurde, daß sie die Diät vernachlässigten und
in ganz schablonenhafter Anwendung wenige Heilmittel (bei chronischen
Affektionen ausschließlich Abführmittel, Milch, Molken) benützten.
Streng genommen bezieht sich dieses Urteil einerseits nicht auf die
knidische Schule in toto, sondern nur auf das Hauptwerk derselben, auf
die „Knidischen Sentenzen“, und anderseits sagt der Tadler selbst, daß
„diejenigen, welche ~späterhin~ die ‚Knidischen Sentenzenʻ noch einmal
bearbeitet[8] haben, wohl etwas mehr medizinische Darlegungen bezüglich
der in den einzelnen Fällen anzuwendenden Mittel gegeben haben“. In
Erwägung, daß selbst der wissenschaftliche Gegner einen Fortschritt
der Schule (in der zweiten Auflage der Knidischen Sentenzen) zugibt,
und nach Prüfung derjenigen Schriften der hippokratischen Sammlung,
welche die Forschung als knidische ansieht, dürfen wir über die
medizinische Richtung der Knidier ein wesentlich günstigeres Urteil
fällen und können ungefähr folgendes aussagen. Aehnlich wie die
mesopotamischen und ägyptischen Aerzte differenzierten die Knidier eine
große Anzahl von Symptomenkomplexen als selbständige Krankheitstypen;
ihre Rezepttherapie war sehr reichhaltig, namentlich auf dem Gebiete
der Frauenkrankheiten, die lokale Therapie scheint gegenüber einer
individualisierenden Allgemeinbehandlung den Vorrang behauptet zu
haben.
[7] Einleitung zu der Hippokratischen Schrift περὶ διαίτης ὁξέων =
de diaeta in acutis.
[8] Galen lagen noch beide Auflagen vor.
Galen berichtet, daß die knidischen Aerzte sieben Krankheiten der
Galle, zwölf der Harnblase, vier der Nieren, ebensoviele Arten der
Strangurie, drei des Tetanus, drei Gelbsuchten, drei Schwindsuchten,
zwei Krankheiten des Schenkels, fünf des Fußes, vier Bräunen etc.
unterschieden. Aus knidischen Schriften des Corpus Hippocraticum
ersieht man, daß sie drei Formen der Schwindsucht (je nachdem
der vom Kopfe herabfließende Schleim oder Samenverluste oder eine
Ueberfüllung des Rückenmarks mit Blut und Galle beschuldigt wurde),
mehrere Formen der Brustwassersucht (auch eine durch zerplatzende
Hydatiden entstandene), drei Leberleiden, fünf Milzleiden, drei Ileus,
vier „dicke“ Krankheiten nervöser Art voneinander trennten; von der
Wassersucht kannten sie drei Arten (Verhärtung der Leber, der Milz,
durch schlechtes Trinkwasser verursacht), vom Typhus fünferlei Spezies
(z. B. infolge von Indigestion oder durch Samenverluste oder durch
Anhäufung von Galle in den Gelenken hervorgebracht) u. s. w.
~Es lag im Bestreben der knidischen Aerzte, die grob regionäre
Bestimmung des Krankheitssitzes unter dem Einfluß der humoralen
Spekulation und des anatomischen Denkens in eine Lokalpathologie
umzuwandeln, der auch die Vorliebe für örtliche Mittel (auch
chirurgische) entsprach (Lokaltherapie).~
Die ~Krankheitsklassifikation der Knidier~ beruhte auf einzelnen
vortrefflichen Beobachtungen, auf der Berücksichtigung der
ätiologischen Momente und war, was besonders hervorzuheben ist,
~von dem Gedanken geleitet, daß ähnliche Symptome durch ganz
verschiedenartige pathologische Vorgänge hervorgerufen werden können~.
Allerdings bei dem niedrigen Stand der anatomischen Kenntnisse, bei
der mangelhaften Einsicht in den Zusammenhang der physiologischen
Funktionen und ihrer Störungen wurde begreiflicherweise das
vorschwebende Ideal nur zum kleinsten Teile tatsächlich erfüllt;
verleitet durch Spekulationen über Krankheitsentstehung (wobei Schleim
und Galle die Hauptrolle spielten), mit Hilfe einer scheinbar exakten
Akribie der Symptome (wobei wesentliche und unwesentliche nicht
getrennt und die kausalen Zusammenhänge nicht erkannt wurden), kam man
dazu, eine Unzahl von zumeist nur erdichteten Schemen zu konstruieren,
welche nur selten das Wesen der Krankheitstypen in sich schlossen.
~Wie so oft im Laufe der Geschichte der Medizin trübte anscheinende
Wissenschaftlichkeit die unbefangene Beobachtung und führte auf
Irrwege, die gefährlicher waren als die roheste Empirie.~ Schlimmer als
die verzerrten doktrinären Krankheitsbilder, wobei oft nur Formen einer
Krankheit für selbständige Typen galten, war die Vernachlässigung der
individuellen Eigentümlichkeiten des einzelnen Falles. Immerhin gebührt
den Knidiern das große Verdienst, daß sie im Streben nach scharfer
~Diagnostik~ die Sinne in jeder Weise übten und in bewundernswerter
Weise die Untersuchungsmittel am Krankenbette vermehrten: Geht
doch, ganz im Gegensatz zu dem oben erwähnten Tadel der knidischen
Sentenzen, mit Sicherheit aus manchen ihrer Schule angehörigen
Schriften hervor, daß sie der ~objektiven Krankenuntersuchung~ ganz
besonderen Wert beilegten, die ~Auskultation~ bei Brustaffektionen
bereits anwendeten (Kenntnis des pleuritischen Reibens und der
kleinblasigen Rasselgeräusche) und, was bezeichnend ist, gerade in
der ~Gynäkologie~ Hervorragendes leisteten. Dem Lokalisationsgedanken
entsprechend, scheint auch ihre Therapie, vorwiegend örtlich, mehr
radikal als abwartend und individualisierend gewesen zu sein. Mit
Messer und Glüheisen rasch zur Hand, nahmen sie kühn Trepanation
der Rippen beim Empyem, Nephrotomie bei Nierenabszessen vor, und
ebenso scheuten sie nicht vor übermäßigen Purgier- und Diätkuren
oder vor der Anordnung anstrengender Spaziergänge zurück. Zu
ihren Lieblingsmitteln zählten bei chronischen Krankheiten Milch
(namentlich von einer Frau, die einen Knaben geboren hat, ganz wie
in den Rezepten des Papyrus Ebers!), Molken, die „rohe Lösung“ (in
verschiedener Weise zu Mehl verarbeitete Gerste mit oder ohne Zusatz).
Im lokalisierend-physikalischen Sinne gedacht, waren die folgenden
therapeutischen Methoden: Eingießen von Flüssigkeiten in die Luftröhre,
um Husten zu erregen -- zur Herausbeförderung von Schleim oder Eiter
aus der Lunge, Inhalationen, Aufbinden von ledernen Schläuchen zum
Zwecke der Bähung, Schaukelbewegungen etc.
Die Schule von Knidos dankte gewiß vieles der Berührung mit dem Orient
-- Reste davon waren die Neigung zur Traumauslegung, die symbolischen
Bezeichnungen in ihrer wissenschaftlichen Terminologie[9] --, später
aber scheint sie innige Beziehungen zu den großen Naturphilosophen,
namentlich Großitaliens, gehabt zu haben, woher auch sicherlich die
Vorliebe für anatomische Studien und Probleme über die Zusammensetzung
des Körpers stammte. Dabei ist es charakteristisch, daß die knidischen
Denker von großzügigen Analogieschlüssen ausgiebigen Gebrauch machten,
namentlich die Parallelisierung körperlicher Vorgänge mit kosmischen
Vorgängen oder Erscheinungen des Tier- und Pflanzenlebens verwerteten
und ganz besonders häufig ~physikalische~ Vergleiche heranzogen[10].
[9] Z. B. ὄσχοι = Schößlinge = Zweige = Uterusbänder; ἀλώπηξ = Fuchs
= Lendenmuskel.
[10] Die Hippokratische Schrift περὶ νούσων δ' = de morbis IV ist
geradezu eine Fundgrube für ~physikalische Vergleiche~. Die
~mechanistische~ Schule der Alexandrinerzeit unter Führung des
Erasistratos nahm von dieser Richtung ihren Ursprung.
Unter den zahlreichen Aerzten, die der Schule von Knidos angehörten,
ragen berühmte Zeitgenossen des Hippokrates, ~Euryphon~ und ~Ktesias~,
hervor. ~Euryphon~ hat sicherlich einen tiefgreifenden und lange
nachwirkenden Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde ausgeübt. Mit
größter Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß er an der Abfassung der
„Knidischen Sentenzen“ in besonderem Maße beteiligt war und manche
der knidischen Schriften der hippokratischen Sammlung wenigstens
mittelbar inspirierte. Aus Zitaten in der späteren Literatur erfahren
wir, daß Euryphon Anatomie trieb, ein Buch über das „livide Fieber“
(πελιὴ νόσος) schrieb, die Pleuritis als Lungenaffektion erklärte,
die Schwindsucht mit Esels- oder Frauenmilch und mit dem ~Glüheisen~
behandelte (auf welch letztere Methode sich vielleicht eine Szene bei
dem Komiker Platon bezieht, in der ein Phthisiker Kinesias, auf der
Brust mit Brandschorfen bedeckt, auftritt). Ferner wird angeführt,
daß er ~die Krankheiten von mangelhafter Entleerung und den nach
dem Kopfe aufsteigenden Nahrungsüberschüssen ableitete~ und annahm,
Hämorrhagien könnten nicht nur aus Venen, sondern auch aus Arterien
erfolgen (im Gegensatz zur herrschenden Lehre, die den Arterien
Blutgehalt absprach). ~Für die tiefe Auffassung, welche Euryphon vom
Wesen der ärztlichen Kunst hatte, spricht es, daß er die Zeit seine
Lehrmeisterin~ nannte.
~Euryphon~ beschäftigte sich auch eifrig mit Geburtshilfe und
Gynäkologie. Zur Diagnose der Konzeptionsfähigkeit machte er eine
Räucherung, die Nachgeburt suchte er durch harntreibende Mittel
oder durch Schütteln der an einer Leiter festgebundenen Wöchnerin zu
entfernen, bei Uterusprolaps hing er die Frau kopfüber an einer Leiter
auf und ließ sie dann rücklings fallen. Wie der Gymnast ~Herodikos~,
behandelte er Hydrops durch Schlagen mit gefüllten Blasen.
Von ~Ktesias~, der lange am Perserhof lebte und durch Schriften
über Indien und Persien zur Vermittlung orientalischer Kenntnisse
wohl vieles beitrug, ist es bekannt, daß er eine Arbeit über die
medizinische Verwendung des Helleborus (Nieswurz) verfaßte und in einer
Polemik gegen Hippokrates die Möglichkeit einer dauernden Reposition
des luxierten Oberschenkels leugnete.
~Ktesias~, Zeitgenosse des Xenophon, diente im Heere des Kyros gegen
dessen Bruder Artaxerxes Mnemon, wurde von diesem in der Schlacht
bei Kunaxa gefangen genommen und stand bei ihm 17 Jahre lang wegen
seiner ärztlichen Tätigkeit in hoher Gunst. Gleichzeitig mit ihm lebte
ein anderer gefangener griechischer Arzt, ~Polykritos von Mende~, am
Perserhofe. Ktesias sammelte während seines Aufenthalts in Persien
ein reiches Material geschichtlicher und geographischer Notizen,
die er in seinen Werken Ἰνδικὰ und Περσικὰ niederlegte; hiervon sind
zahlreiche Bruchstücke auf uns gekommen. -- Vom Helleborus sagt er,
daß man die Dosierung desselben zur Zeit seines Vaters noch wenig
kannte, weshalb die Kranken auf die häufig tödliche Wirkung dieser
Arznei aufmerksam gemacht wurden.
~Die Schule von Kos~ ließ aus ihrer Mitte den größten der Aerzte
hervorgehen. Verdankt sie diesem glücklichen Umstand einen Ruhm, der
alle übrigen Schulen in den Schatten stellt, so werden anderseits
ihre Traditionen und Leistungen durch das Genie des unvergleichlichen
Hippokrates, durch die Verdienste der hippokratischen Aerztefamilie
so sehr erdrückt, daß sich heute nicht mehr mit voller Sicherheit
erkennen läßt, was der koischen Schule an sich angehört.
Kos, eine den Sporaden zugerechnete Insel, den Städten Knidos
und Halikarnassos gegenüber gelegen, im Altertum berühmt durch
ihren Wein, war wegen besonders günstiger klimatischer Verhältnisse
wie geschaffen zum Kultort des Asklepios. Das Heiligtum desselben
befand sich westlich von der Hauptstadt Kos und wurde zur Zeit der
höchsten Blüte mit den Meisterwerken des Apelles und Praxiteles
(Aphroditestatue) ausgeschmückt. In jüngster Zeit wurde die ehrwürdige
Stätte des koischen Asklepieions bloßgelegt, wobei man eine Menge
von Weihgeschenken, sowie eine Reihe von Inschriften (bis zum 3.
Jahrhundert n. Chr. herab) auffand. Es ergibt sich, daß das koische
Asklepieion, wiederholt durch prächtige Neubauten erweitert, zu
den ausgedehntesten heiligen Anlagen des Altertums zählte. Zu den
wiederholten Neubauten und Erweiterungen gab das Erdbeben von 412
v. Chr. oder ein Brand, später die Gunst der Ptolemäer und der
Herrscher von Pergamon, endlich der Römer Anlaß. Wann das Heiligtum
verödete, ist noch nicht festgestellt, niedergeworfen wurden seine
Bauten wahrscheinlich durch das gewaltige Erdbeben vom Jahre 554 n.
Chr. Die an weithin sichtbarer Stelle heute noch gezeigte sogenannte
Hippokratesplatane war Zeuge der alten Herrlichkeit. Auf den
Ausgangspunkt des Asklepioskults von einem Brunnen in einem heiligen
Hain deutet es, daß die Dichter direkt für Asklepieion den Namen der
(fälschlich auch nach Hippokrates bezeichneten) schon bei Theokrit
sagenberühmten Quelle Burinna einsetzten. Die koischen Asklepiaden
erfreuten sich schon im 6. Jahrhundert eines weitreichenden Ansehens;
dafür besitzen wir Zeugnisse in einer historischen Ueberlieferung,
nach welcher die Delphische Priesterschaft, bedrängt von den
Einwohnern Kirrhas, um 584 v. Chr. den Asklepiaden ~Nebros~ und seinen
Sohn ~Krisos~ zu Hilfe riefen, ferner in einer zu Athen aufgefundenen
Weiheinschrift des ~Aineios~, Großoheims des Hippokrates. Unter den
Vorgängern des Hippokrates ist namentlich ~Apollonides~ bekannt,
welcher als Leibarzt des Artaxerxes I. tätig war und wegen Vergehungen
mit der Schwester des Königs, Amytis, hingerichtet wurde. Nach den
kürzlich gefundenen Inschriften in Kos sandte die Schule sehr häufig
ihre besten Vertreter ins Ausland; zahlreiche Ehrendekrete fremder
Staaten, welche im Asklepieion verwahrt wurden, berichten von den
hervorragenden Leistungen der koischen Aerzte. -- Wie die knidischen,
so besaßen auch die koischen Asklepiaden schon im 5. Jahrhundert v.
Chr. eine große Bibliothek und eine reiche Literatur.
Wenn wir unten das Wissen und Können der Hippokratiker schildern,
so ist darunter implizite auch die koische Schule verstanden. Hier
sei nur ganz im allgemeinen auf ihre wissenschaftliche Auffassung im
Gegensatz zur knidischen verwiesen. ~Daß sich ein solcher Gegensatz in
demselben Zeitalter zwischen zwei Asklepiadenschulen trotz innigster
geistiger Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft schon so
frühzeitig entwickeln konnte, daß Knidos und Kos in ihren Prinzipien
sogar vorbildlich für die ganze weitere medizinische Entwicklung
wirkten -- spricht wohl mehr als vieles andere für die unvergleichliche
Vielseitigkeit des hellenischen Geistes!~
Gleich den Knidiern, vom Streben erfüllt, die Medizin über rohe
Empirie zu erheben, mit mindestens der gleichen Sorgfalt die Symptome
beobachtend, schien den ~Koern nicht so sehr die naturgeschichtliche
Beschreibung der Krankheitsindividuen, sondern vielmehr das Schicksal
des erkrankten Individuums, nicht so sehr die Diagnose, als die
Prognose Hauptobjekt des ärztlichen Denkens zu sein~. Während die
Knidier mittels vager Differenzierung zahlreiche Krankheitstypen
konstruierten, suchten die Koer dieselben durch das Band der Prognose
zu vereinigen, indem sie aus den vom Typus abweichenden Symptomen auf
einen veränderten Verlauf und Ausgang derselben Krankheit schlossen;
~ihre Pathologie und Therapie berücksichtigte nicht so sehr den
Sitz der Krankheit als den Gesamtzustand des Kranken~. Wurden von
beiden Schulen Fehler begangen, von der knidischen durch Fiktion von
Krankheitstypen auf Grund unwesentlicher Merkmale, von der koischen
durch das Zusammenwerfen pathologisch und ätiologisch differenter
Krankheitseinheiten, so gebührt doch den Koern in theoretischer
Beziehung der Vorrang, weil zu ihrer Zeit eine wirkliche Erkenntnis
der zu Grunde liegenden pathologischen Vorgänge eben unmöglich war,
in praktischer Hinsicht, weil ihre Methode zur individualisierenden
Behandlung führte. Mochten die knidischen Krankheitsklassifikationen
den Schein der Wissenschaftlichkeit für sich haben, tatsächlich lag es
damals in den Grenzen wahrer Wissenschaft einzig und allein, auf Grund
kritisch geläuterter Empirie, den Krankheitsausgang aus gewissen, der
Erfahrung nach, günstigen oder ungünstigen Symptomen vorauszusagen[11].
[11] Das Prinzip der knidischen Schule (die Krankheitslokalisation)
konnte erst nach dem Aufschwung der pathologischen Anatomie
mit Erfolg durchgeführt werden. Bemerkenswerterweise erfuhr
die Lokalpathologie und Lokaltherapie, welche in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts fast zur Alleinherrschaft gelangte,
in den letzten Dezennien durch die ätiologische Richtung
und durch zahlreiche, auf den Allgemeinzustand gerichtete
Behandlungsmethoden wieder eine Korrektur, welche lebhaft an
die Reaktion der koischen Schule gegen die knidische erinnert.
Historisch bemerkenswert ist es, daß diese Stufe des medizinischen
Denkens, die Pflege der Prognostik, sich logisch fast ungezwungen aus
der weissagenden Tempelheilkunde ableiten läßt (nur daß an Stelle der
göttlichen Vorzeichen die dem Kundigen viel bedeutenden krankhaften
Lebenserscheinungen getreten sind) und ein Analogon darstellt zur
Vorhersage von Himmelserscheinungen und Vorzeichen durch Babylons
sternkundige Priester. Wie diese aus uralten Aufzeichnungen das
Gesetz der zyklischen Wiederkehr kosmischer Vorgänge aufdeckten, und
ein Thales auf Grund dessen eine Mondfinsternis zum Erstaunen seiner
Mitbürger voraussagen konnte, so war es den Asklepiaden ermöglicht, aus
der Vergleichung zahlreicher in dem Tempelarchiv verwahrter ähnlicher
Krankheitsgeschichten, aus gehäufter Erfahrung Anzeichen des günstigen
oder ungünstigen Ausgangs festzustellen, Gesetze des Krankheitsverlaufs
~empirisch~ zu formulieren.