Die Schule von Kroton wurde durch den knidischen Asklepiaden

~Kalliphon~ zu hoher Blüte gebracht. Dessen Sohn ~Demokedes~ verließ

526/5 die Heimat, wurde Gemeindearzt in Aigina, hierauf in Athen,

und folgte sodann einem Rufe des Polykrates von Samos. In dessen

Mißgeschick verflochten, geriet er in persische Gefangenschaft,

gelangte aber später zu hohen Ehren, weil er den König Dareios I. von

einer Fußverrenkung, die Königin Atossa von einer Mastitis heilte. Von

Sehnsucht nach der Heimat erfüllt, griff er zur List, ließ sich als

Kundschafter nach Hellas senden und benutzte die günstige Gelegenheit,

um die goldenen Ketten des Perserhofs mit dem Aufenthalt in Kroton zu

vertauschen. Als krotoniatische Aerzte werden genannt die Philosophen

~Philolaos~, ~Alkmaion~ und ~Hippon~, ferner ~Hippasos~ (der nach

anderen aus Metapont stammte).

Die höchste Bedeutung für die Entwicklung der medizinischen Theorie

ist einem jüngeren Zeitgenossen des Pythagoras zuzusprechen, dem

tiefdenkenden Arztphilosophen ~Alkmaion~ von Kroton. ~Mit seiner

Schrift über die Natur~, περὶ φύσεως, welche leider schon früh

verschollen war, ~beginnt das griechische medizinische Schrifttum~.

Er gilt als erster, der ~Sektionen~ anstellte, als Entdecker des

Sehnerven (fälschlich auch der Eustachischen Röhre), er unterschied

(in der Leiche) blutleere Adern (φλεβες) und blutführende Adern

(αἰμόρροοι φλεβες), kannte die Luftröhre (ἀρτηρἰη); die Entstehung

des Geschlechtes führte er auf das Ueberwiegen des männlichen oder

weiblichen Samens zurück und lehrte, daß sich der Kopf zuerst bilde,

damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsaugen könne. Den Schlaf

erklärte Alkmaion aus dem Zurückstauen des Blutes in die blutführenden

Gefäße; wegen der bei Gehirnerschütterung eintretenden Sinnesstörungen

meinte er, daß Blindheit oder Taubheit dann entstehe, wenn das aus

seiner Normallage gerückte Gehirn die Wege der Sinnesempfindung (πόροι)

verschließe; dem allgemein verbreiteten Vorurteil, daß der Same aus

dem Rückenmark stamme, trat er mit dem tatsächlichen Befund entgegen,

daß das Mark der Rückenwirbel bei Tieren, die nach dem Zeugungsakt

getötet werden, keine Verminderung aufweise.

Die bedeutendste Leistung des großen Forschers liegt aber darin,

daß er zuerst im ~Gehirn das Zentralorgan der Geistestätigkeit~

erkannte. ~Gesundheit~ wird nach ihm durch das ~Gleichmaß~ (Isonomie)

der im Körper vorhandenen Stoffqualitäten erhalten (des Kalten, des

Feuchten, des Warmen, des Trockenen, des Süßen, des Bitteren u. s.

w.). ~Krankheit~ entsteht durch das ~Vorherrschen~ (μοναρχἰα) ~einer

Qualität~ (z. B. des Kalten, des Feuchten, des Bitteren, des Süßen

etc.), ~Heilung~ erfolgt durch ~Wiederherstellung des Gleichgewichts~,

indem die entgegengesetzte Qualität (z. B. Wärme beim Vorherrschen des

Kalten, Feuchtigkeit beim Uebermaß der Trockenheit) zugeführt werde.

Ἀλκμαἰων τὴς μὲν ὑγεἰας εἶναι συνεκτικὴν τὴν ἰσονομἰαν των ὀυναμέων,

ὑγροῦ, ξηροῦ, ψυχροῦ, θερμου, πικρου, γλυκεος καἰ των λοιπων, την δ'

ὲν αυτοις μοναρχιαν νοσον ποιητικην: φθοροποιὸν γὰρ έκατέρου μοναρχἰαν

(~Aetius, Plac.~ V, 30). -- Zu den Pythagoreern wird von manchen auch

~Epicharmos~ (etwa 550-460 v. Chr.) gerechnet, bekannt als Dichter

(dorisch-sizilianische Komödie) und Arzt; er schrieb u. a. über den

~Kohl als Heilmittel~.

Von den Anhängern des Pythagoras ist ~Philolaos~, der die Lehre seines

Meisters weiter ausbildete (5 Elemente nach den 5 Sinnesqualitäten und

5 regelmäßigen Körpern), bemerkenswert wegen einiger physiologischer

und pathologischer Grundsätze. Was später durch Plato und Aristoteles

fixiert wurde, die ~Unterscheidung der sensorischen, animalischen

und vegetativen Funktionen~ und deren Lokalisation, findet sich bei

ihm schon angedeutet, indem er das „Menschliche“ ins Gehirn (wo

der Verstand seinen Ursprung hat), das „Tierische“ ins Herz, das

„Pflanzliche“ (Wachstum) in den Nabel, Besamung und Erzeugung in die

Geschlechtsteile verlegt. ~Der Körper bildet sich aus dem Warmen, die

Atmung dient zur Kühlung. Krankheitsursachen sind Galle, Blut und

Schleim.~ Anlässe zum Krankwerden sind zu viel oder zu wenig Wärme

oder Nahrung u. a. Entzündung entsteht durch Anhäufung des (an sich

warmen) Schleims.

Die von den Pythagoreern verfochtene Theorie, daß Gesundheit auf

Harmonie oder, wie ~Alkmaion~ sagt, auf dem fortdauernden Gleichgewicht

differenter Qualitäten beruht, ist nur die spezielle Anwendung des

~Gedankens vom Widerstreit und versöhnenden Ausgleich der Gegensätze

im gesamten Naturleben~. Dieser Gedanke kehrt in den Spekulationen

mehrerer späterer Philosophen wieder und erhält sich mit großer

Konstanz.

Die Tafel der Gegensätze, eine aus ~Babylon~ stammende Lehre,

spielt im System der Pythagoreer eine große Rolle. Ihr zufolge geht

aus dem weltbildenden Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten

eine Reihe von anderen Gegensätzen hervor, jene des Ungeraden und

Geraden, des Einen und Vielen, des Rechts und Links, des Männlichen

und Weiblichen, des Geraden und Krummen, des Lichts und Dunkels, des

Guten und Uebeln, des Quadrates und Rechteckes. -- Es sei hier auch

auf den Dualismus im persischen Religionssystem, in der chinesischen

Naturphilosophie u. s. w., sowie darauf hingewiesen, daß von den

ionischen Philosophen namentlich Herakleitos („der Streit ist der

Vater Dinge“) die Koexistenz der Gegensätze und ihre Vereinigung zur

„unsichtbaren“ Harmonie auf den verschiedensten Gebieten verfolgt hat.

Nach ~Parmenides~, welcher das ~Warme~ als Träger des Lebens (daher

altern = Folge der Wärmeabgabe) betrachtet, hängt das Geschlecht

des Fötus vom Ueberwiegen des männlichen oder „weiblichen“ Samens

ab; Knaben entstehen aus dem rechten Hoden und in der rechten

Gebärmutterhälfte, Mädchen unter den entgegengesetzten Bedingungen;

das weibliche Geschlecht (blutreicher, was aus den Menses geschlossen

wird) ist das wärmere; Männer entstanden im Norden, Frauen im Süden.

In der Kosmologie des Parmenides ist das Zusammenwirken der Gegensätze

des Leeren -- Dichten, des Lichts -- der Finsternis u. s. w. besonders

betont.

~Empedokles~ beschränkte die Zahl der Gegensätze, indem er nur die

Enantiosen Warm -- Kalt, Feucht -- Trocken in den Vordergrund der

Betrachtung rückte und dementsprechend (statt der ~einen~ Urmaterie

der ionischen Naturphilosophen oder der zahllosen Urstoffe des

Anaxagoras) ~vier Elemente~, ῥιζώματα ~Feuer~, ~Luft~, ~Wasser~ und

~Erde~ hypostasierte, die er sich beseelt, d. h. mit Kraft ausgestattet

dachte. Der qualitative Unterschied der Dinge kommt lediglich durch

die, in den quantitativ mannigfachsten Proportionen vor sich gehende

Vereinigung der vier (an sich unveränderlichen) Grundqualitäten zu

stande. (Fleisch und Blut sollten z. B. gleiche Gewichtsteile der vier

Elemente, Knochen hingegen ½ Feuer, ¼ Erde und ¼ Wasser enthalten.) Da

der menschliche Körper, so wie alle Naturkörper, aus den vier Urstoffen

besteht, ~so wird Gesundheit durch das Gleichgewicht, Krankheit durch

das Mißverhältnis der vier Elemente bedingt~. Diese Anschauung des

Empedokles durchzieht, wenn auch modifiziert, die Physiologie und

Pathologie bis an die Schwelle der Neuzeit.

~Empedokles~ war Philosoph, Arzt, Seher, Priester und Staatsmann in

einer Person. Wie ein Gott von den Zeitgenossen verehrt, erstreckte

sich sein Einfluß auf ganz Hellas; sein Leben, seine Taten und sein

Ende wurden geradezu mythisch ausgeschmückt. „Im goldumgürteten

Purpurgewand, den priesterlichen Lorbeer im lang herabwallenden, das

düstere Antlitz umrahmenden Haare, von Scharen bewundernder Verehrer

und Verehrerinnen umgeben, durchzog er die Gaue Siziliens. Tausende,

ja Zehntausende jubelten ihm zu und hefteten sich an seine Sohlen

und heischten von ihm gewinnbringende Zukunftsverkündigung, nicht

minder Heilung von Krankheit und Gebresten aller Art.“ Die Stadt

Selinunt befreite Empedokles von einer verheerenden Seuche durch

Entsumpfung des Bodens, seiner Vaterstadt Agrigent verschaffte er

günstige klimatische Verhältnisse durch Verstopfen einer Bergspalte,

eine pestähnliche Seuche vertrieb er durch Räucherungen und brennende

Scheiterhaufen, einen Tobenden besänftigte er durch Musik, eine

Scheintote erweckte er aus dem Starrkrampfe. -- Das Selbstgefühl, mit

welchem ihn solche Wundertaten erfüllten, drückt sich in den Worten

aus, die er seinen Getreuen zuruft: „Ich bin euch ein unsterblicher

Gott, nicht mehr ein Sterblicher“. Im Alter von 60 Jahren starb er

auf fremder Erde, im Peloponnes, infolge eines Unfalles -- der Legende

nach soll er sich in den Flammenschlund des Aetna gestürzt haben.

Von den Werken des Empedokles war das dem ~Pausanias~, einem

italischen Arzte, gewidmete Lehrgedicht φυσικά, über die Natur

(Vorbild für Lucretius), das hervorragendste; er verfaßte auch

καθαρμοἰ (Sühnungen) und das Gedicht ἰατρικὸς λόγος (vielleicht

identisch mit den ἰατρικά, die wahrscheinlich einen Bestandteil der

φυσικά bildeten).

~Empedokles~ ist einerseits Mystiker (magische Heilungen),

anderseits nähert er sich in vielem den modernsten Anschauungen

mechanistischer Naturauffassung. Dahin gehören schon in erster Linie

seine Grundprinzipien, welche an chemische Gesetze lebhaft erinnern:

Annahme einer bestimmten Zahl von Elementen, Aufbau aller Körper aus

Verbindungen der Elemente in wechselnder Proportion, Erklärung der

qualitativen Unterschiede aus quantitativer Verschiedenheit.

Wichtig ist ferner die ~Kräftelehre~. Zwei weltbeherrschende

Grundkräfte φιλἰα καἰ νεἰκος, Liebe und Haß, gestalten in wechselnder

Oberherrschaft den Aufbau, die Entwicklung, den Untergang aller

Gebilde und unterhalten die mannigfachen Prozesse des Werdens und der

Zersetzung, indem sie bald Verbindung ungleichartiger Grundstoffe,

bald Zerfall der Formen herbeiführen, wobei dann jedes Grundteilchen

(nach dem Gesetze: Gleiches zieht sich wechselseitig an) seinem

Elemente zustrebt -- Luftiges zur Luft, Erdiges zur Erde etc.[3]. Das

~Gesetz der Anziehung des Gleichartigen~ und die Annahme von ~Poren~

(Kanäle) als Vermittlungswege der Außen- und Innenwelt verwertete

Empedokles ausgiebig in der Sinnesphysiologie[4]. Die Emanationen der

leuchtenden, schallenden, riechenden Dinge strömen in die Poren des

Körpers und werden durch Gleichartiges wahrgenommen, z. B. wird das

Sichtbare (das Helle = Feuer, das Dunkle = Wasser) von den Feuer- und

Wasserteilchen des Auges angezogen, der Schall wird im Ohrlabyrinth,

welches Empedokles entdeckt haben soll, aufgefangen und hängt von

den Poren ab, durch welche er sich bewegt (die Emanationslehre wurde

später durch Demokrit ausgebaut). ~Physikalisch~ gedacht ist auch seine

~Theorie der Atmung~, welche nicht nur durch die Lungen, sondern auch

durch die ~Haut~ erfolge. Hier erinnert er an die Wasseruhr oder daran,

daß ein Gefäß, dessen nach unten gerichtete Oeffnung vorsichtig mit

dem Finger verschlossen und solcherart in ein Wasserbecken getaucht

wird, sich auch nach Entfernung desselben nicht mit Wasser füllt,

weil die Luft ein Hindernis bilde, während sonst das Wasser sofort

einströme. Ebenso dringe die Luft in die Lungen und Poren, wenn sich

das ~Blut als Träger der tierischen Wärme~ (Lebenskraft, ~Seele~) in

die inneren Körperteile zurückziehe und werde bei dem darauffolgenden

Zurückströmen des Blutes an die Oberfläche hinausgetrieben; der

regelmäßige Wechsel dieses Vor- und Rückwärtsströmens bedinge den

Rhythmus der Respiration. -- In überraschender Antizipation moderner

Ideen behauptete Empedokles, daß die Lebewesen aus unvollkommenen

Formen, einzelnen Gliedern, die nachher zusammenwuchsen, hervorgegangen

seien, wobei sich nur innerlich zusammenstimmende Kombinationen als

lebensfähig und fortpflanzungsfähig erhielten -- eine phantastische

Vorstellung, welche im Grunde nicht bloß den Entwicklungsgedanken

enthält, sondern wie der ~Darwinismus~ die Teleologie einfach auf das

„Ueberleben der Tauglichsten“ zurückführt.

[3] Im hippokratischen Buche über die Natur des Menschen, περὶ

φύσεως ἀνθρώπου, heißt es ganz in diesem Sinne: „ ... es ist

eine Naturnotwendigkeit, daß, wenn der Körper des Menschen zu

Grunde geht, ein jedes zu seiner ihm eigentümlichen Qualität

zurückkehrt, das Feuchte zum Feuchten, das Trockene zum

Trockenen, das Warme zum Warmen und das Kalte zum Kalten.“

[4] Γαίη μὲν γαιαν οπώπαμεν, ὑδατι δ' ὑδωρ, αιθέρι δ' αιδερα ὀιον,

ὰτὰρ πυρὶ πῦρ αιὀηλον. Erde sehen wir mit Erde und Wasser mit

Wasser, mit Aether schaun wir den göttlichen Aether, mit Feuer

leuchtendes Feuer.

Was die Embryogenie anbelangt, so glaubte der Philosoph, daß die

Frucht in 40 Tagen im Uterus ausgebildet werde, wobei zuerst das

~Herz~ entstehe. Das Geschlecht richte sich nach dem Ueberwiegen

des männlichen oder „weiblichen“ Samens oder nach dem Vorwiegen der

Kälte oder Wärme seitens der Eltern; nehme die Frau kalte und feuchte

Nahrung, so werde sie eine Tochter gebären (im Gegensatz zu Parmenides

entspricht bei Empedokles das Weib der kalt-feuchten, der Mann der

warm-trockenen Elementarqualität); Zwillinge entstehen, wenn viel

Same in beide Uterushörner gelange.

Als Schüler des Empedokles treten die Aerzte ~Pausanias~, dem er

sein Lehrgedicht ἰατρικά widmete und ~Akron von Agrigent~ hervor;

letzterer schrieb eine Diätetik Gesunder, bekämpfte eine Seuche (nach

Plutarch die athenische „Pest“) durch Anzünden von Scheiterhaufen

und stellte als nüchterner Arzt die ~Empirie~ über die Spekulation.

Diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß Akron von Empedokles

in einer Komödie verspottet und später als Begründer der empirischen

Sekte angesehen wurde.

Der Zeitgenosse des Empedokles, ~Anaxagoras~ von Klazomenä -- Lehrer

des Perikles und bekannt durch seine Homöomerientheorie, sowie durch

die Annahme einer vernünftigen Weltseele -- gehört gleich Herakleitos

zu denjenigen Philosophen, welche, dem leuchtenden Vorbild Alkmaions

folgend, die ~Tierzergliederung~ pflegten. ~Anaxagoras~ legte den

Grund zur ~Gehirnzergliederung~, bemerkte die seitlichen Gehirnhöhlen

und erwähnte als pathologisches Faktum den Befund einer einzigen

Gehirnhöhle bei einem einhörnigen Bocke. Das Gehirn bilde sich zuerst

in der Frucht.

Im Anschluß an die Lehrmeinungen des Herakleitos lehrte Anaxagoras,

daß der Embryo sich allein aus dem Samen des Mannes kraft der

eingepflanzten Wärme entwickle, daß die Knaben -- was schon

~Parmenides~ behauptet hatte -- aus dem rechten Hoden entstehen und

auf der rechten Seite des Uterus liegen, Mädchen aus dem linken Hoden

und auf der linken Seite des Uterus.

In der Krankheitslehre charakterisiert sich der Philosoph durch ein

Theorem, das in der späteren medizinischen Spekulation mit zäher

Lebensdauer immer wieder hervortritt, nämlich durch die ~Behauptung,

daß die meisten akuten Affektionen durch die Galle~ (wobei er zwei

Arten, ~gelbe~ und ~schwarze~, unterschied) ~verursacht würden~, indem

dieselbe ins Blut dringe oder in die Organe (z. B. Lunge) versetzt

werde.

Auch der Hauptgründer der Atomistik, des Leukippos hochberühmter

Schüler, der vielgereiste ~Demokritos~ von Abdera, steht in Beziehung

zur theoretischen und praktischen Medizin.

Abgesehen davon, daß sein System in seinen Ausläufern bis auf den

heutigen Tag den Ausgangspunkt jeder wahren Naturforschung bildet,

erscheint der Philosoph in der Ueberlieferung als der bedeutendste

Vorgänger des Aristoteles auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher

Empirie und erklärte ~die Erfahrung als letzte Quelle unseres Wissens

von der Natur~.

~Demokritos~ beschäftigte sich eifrig mit Zootomie, er verfaßte sogar

eine eigene Abhandlung über den Bau des Chamäleons, erweiterte die

Sinnesphysiologie (im Anschluß an die Erkenntniskritik der Eleaten)

und die Zeugungslehre (Same = Produkt des ganzen Körpers, im Embryo

entsteht zuerst der Nabel, dann Kopf und Bauch). Bemerkenswerterweise

achtete er auf den Puls (φλεβοπαλίη), erklärte die ~Entzündung aus

Anhäufung von Schleim~ und führte die Hundswut auf Nervenentzündung

zurück; das massenhafte Auftreten der epidemischen Krankheiten

sollte nach seiner Theorie durch die versprengten Atome zerstörter

Himmelskörper zu stande kommen.

Die Frage der Echtheit ist bei den Schriften, welche die

Ueberlieferung dem Demokritos zuschreibt -- eine derselben handelt

über ~Seelenheilkunde~, eine andere über die ~Heilwirkung der Musik~

--, noch nicht entschieden; wie weit aber sein Einfluß reichte, ist

daraus zu ersehen, daß der Philosoph durch die Legende und angebliche

Briefe des Hippokrates mit dem „Vater der Heilkunde“ in nahe

Verbindung gebracht wurde, und daß man noch in später Zeit Schriften

magischen und alchimistischen Inhalts auf Demokrit zurückzuführen

bemüht war.

Von den Ausläufern der Naturphilosophie verdienen ~Hippon~,

~Archelaos~, namentlich aber ~Diogenes von Apollonia~ Erwähnung, da

man manchen ihrer Ideen bei den Aerzten dieses Zeitalters begegnet.

~Hippon~ aus Rhegion (zweites Drittel des 5. Jahrhunderts v.

Chr.), von dem Dichter Kratinos als „Allseher“ verspottet, gehörte

nach Aristoteles wegen der Dürftigkeit seiner Gedanken überhaupt

kaum zu den Philosophen -- er war mehr empirischer Forscher. Nach

seinem System, das die Lehren des Thales und Parmenides zu vereinigen

strebte, stand an der Spitze des Weltprozesses „~das Feuchte~“, aus

dem „das Kalte“ und „das Warme“ (Wasser und Feuer) hervorging. Die

Seele war ihm eine aus dem ~Samen~ entwickelte Feuchtigkeit. Die

Krankheiten erklärte er aus dem ~Uebermaß oder der Verminderung~, doch

auch ~aus der Konsistenz~, ~dem Dick- oder Dünnsein der Feuchtigkeit~.

~Archelaos~ von Athen, Schüler des Anaxagoras, kombinierte mit

der Lehre seines Meisters die Spekulationen mehrerer Vorgänger und

ließ aus dem Urstoff Luft (Anaximenes), dem Sitze des geistigen

Prinzips (Anaxagoras), durch Verdünnung und Verdichtung (Anaximander)

das Warme und das Kalte entstehen -- zwei Qualitätsbegriffe,

die in der zeitgenössischen und späteren Physiologie resp.

Pathologie stets wiederkehren. Mehr noch als Archelaos erinnert

~Diogenes von Apollonia~ (etwa 430) an Anaximenes, wenn er von der

~vernunftbegabten~ Luft das körperliche und geistige Leben abhängig

macht. (In den „Wolken“ des Aristophanes, wo Sokrates in einem

Hängekorbe über der Erde schwebt, um die reinste Luft und damit

zugleich die lauterste Intelligenz einzuatmen, wird diese Theorie

lächerlich gemacht.) Die Identifizierung von Leben (das ohne Atmen

nicht bestehen kann) und Denken liegt dieser ~Pneumalehre~ zu Grunde.

Die Luft ist ihm das Vehikel der Sinneswahrnehmung -- die Sinnesnerven

leiten den erhaltenen Eindruck zum eigentlichen Sensorium, zum Gehirn.

Mischt sich die Luft leicht zum Blute, so resultiert wegen dessen

beschleunigter Bewegung ein Lust-, im entgegengesetzten Falle ein

Schmerzgefühl. Diogenes kannte den Puls und wandte den Gefäßen, welche

allen Körperteilen die Luft zuleiten sollten, besondere Aufmerksamkeit

zu. --

An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß wir der Ueberlieferung

des Aristoteles die ~ältesten griechischen Beschreibungen des

Gefäßsystems~ danken; dieselben stammen ~von Syenesis dem Kyprier

und von Diogenes von Apollonia~. Trotz großer Verworrenheit bedeutet

die Beschreibung des letzteren schon einen Fortschritt, jedoch bildet

auch bei ihm das Herz noch nicht den Ausgangspunkt der Gefäße.

Aus dem fruchtbringenden Wechselverkehr von Philosophie und Medizin

gewann die letztere nicht wenige wertvolle theoretische Gesichtspunkte,

welche für die ganze fernere Entwicklung der Lehre von der Krankheit

maßgebend wurden. Die Entstehung der Krankheit wurde ~zumeist auf die

Gleichgewichtsstörung der den Körper konstituierenden Urstoffe, auf das

Uebermaß einer der Elementarqualitäten~ (des Kalten, des Warmen, des

Trockenen, Feuchten etc.), also auf ein ~quantitatives~ Mißverhältnis

zurückgeführt.

Während diese Theorie gleichsam als Konsequenz der naturphilosophischen

Weltanschauung auftrat, stützte sich eine zweite, damit parallel

laufende Hypothese, welche die Krankheiten von Abnormitäten der

Körperflüssigkeiten (Blut, Schleim, Galle u. s. w.) ableitete, mehr

auf empirisch beobachtete Tatsachen. Findet man schon bei einigen

der oben genannten Philosophen ~Qualitätsveränderungen~ (z. B.

übermäßige Verdünnung oder Verdichtung des Feuchten, ~Hippon~)

oder abnorme Anhäufung der Säfte (Schleimanhäufung = Entzündung,

~Philolaos~, ~Demokritos~) oder endlich Versetzung der Säfte (z. B.

der Galle, ~Anaxagoras~) in Körperteile, wo sie sonst nicht vorkommen

(error loci), als Krankheitsursachen angeführt, so wuchsen solche

~humoralpathologische~ Ideen geradezu mit Notwendigkeit aus der

ärztlichen Erfahrung hervor. Lehrten doch so viele Fälle, daß nach

dem Abgang von Schleim, Eiter etc., nach dem Aufstoßen, Erbrechen von

bitteren, sauren, salzigen Flüssigkeiten, nach Darmentleerungen oder

nach Aderlässen Besserung eintrat, Fieber und Schmerzen aufhörten,

Heilung erfolgte. Wie nahe lag es also, getreu dem post hoc ergo

propter hoc zu schließen: ~Die meisten Krankheiten sind durch

veränderte, vermehrte oder abnorm lokalisierte Säfte bedingt~.

Seit der Entzifferung des Papyrus Nr. 137 des Britischen Museums

(1891 von F. G. Kenyon aus Aegypten nach London gebracht, 1893 von

H. Diels unter dem Titel Anonymi Londinensis ex Aristotelis latricis

Menoniis et aliis medicis Eclogae herausgegeben) können wir sicher

annehmen, ~daß die Humoralpathologie~ mit mancherlei Modifikationen

~einen langen Entwicklungsgang durchzumachen hatte~, bevor sie in der

hippokratischen Schule zur fixen Ausgestaltung gelangte. In diesem

Papyrus liegt nämlich das Geschichtswerk ~Menons~ (eines Schülers des

Aristoteles) fragmentarisch vor und enthält ~damit die pathologischen

Ansichten einiger Vorgänger und Zeitgenossen der Hippokratiker~

in primitivster Form. Den Ausgangspunkt nahm die humorale Doktrin

zum Teile von der Erfahrung, daß ~Verdauungsstörungen~ den meisten

Krankheiten vorangehen oder sie begleiten. Deshalb schrieben manche

Aerzte der älteren Zeit den „Nahrungsüberschüssen“, περισσώματα,

bezw. den subjektiv und objektiv wahrgenommenen ~bitteren, saueren,

scharfen oder salzigen Säften~, die aus ihnen hervorgehen, die

Bedeutung von Krankheitsursachen zu. Nach ~Herodikos von Knidos~

hängen die Krankheiten einerseits von diesen Säften, welche infolge

des Mißverhältnisses zwischen Nahrungsaufnahme und Körperbewegung

entstehen, anderseits von der Stelle ab, an welcher sich dieselben

festsetzen. ~Alkamenes von Abydos~ und ~Timotheos von Metapont~ lassen

die Nahrungsüberschüsse zum Kopfe aufsteigen, der sie dann wieder

überallhin in den Körper versendet; sind die Durchgangswege infolge

von Temperatureinflüssen oder Verletzungen verstopft, so entstehen

bei der Stauung salzige oder scharfe Flüssigkeiten, die irgendwohin

durchbrechen und je nach der Stelle verschiedene Affektionen erzeugen.

~Abas~ erklärte die Krankheiten aus übermäßigen Absonderungen des

Gehirns nach der Nase, den Ohren, Augen, dem Mund, wodurch fünf Arten

von Katarrhen (Flüssen) hervorgerufen werden können. Nach ~Ninyas~,

dem Aegypter, welcher vererbte und erworbene Leiden unterschied,

sind die letzteren Folge der ~Nahrungsüberschüsse~, die im Körper

liegen bleiben. ~Thrasymachos von Sardeis~ meinte, daß ~Umwandlungen

des Blutes in Schleim, Galle oder Fäulnisstoffe~ die Ursache von

Krankheiten bilden, während ~Phaeitas von Tenedos~ die Ablagerung

der Flüssigkeiten an ungeeigneter Stelle beschuldigte.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 20 / 54 段