Die älteren Historiker der Medizin hielten die Asklepiaden

für identisch mit den Asklepiospriestern. Diese Ansicht hat sich

als unrichtig herausgestellt; man ging später aber so weit, jede

Verbindung zwischen beiden zu leugnen. Gegenwärtig stehen maßgebende

Forscher auf einem vermittelnden Standpunkt, indem sie den

ursprünglichen Zusammenhang der Asklepiaden mit den Priestern, die

Mitwirkung der „Söhne des Gottes“ bei den Kulthandlungen in älterer

Zeit anerkennen, aber besonders in Kos und Knidos eine allmähliche

und tiefgreifende Lostrennung der Asklepiaden von allem Tempelspuk

annehmen. Vielleicht waren die sogenannten Asklepiaden ursprünglich

Familien, in denen sich seit grauer Zeit der ärztliche Beruf forterbte

und die Kunstgeheimnisse als Vermächtnis bewahrt wurden, wie es in

abgelegenen Gegenden noch heute Familien gibt, die ärztliche Kunst

oder nur einzelne Spezialitäten (z. B. Bruchoperationen, Steinschnitt,

Frakturenbehandlung u. s. w.) seit Jahrhunderten pflegen und sich

auf uralte Ueberlieferungen berufen. Ihren symbolischen Ausdruck

fand diese Familienmedizin im Kultus des angeblichen Urahns,

des ἡρως κτἰστης 'Ασκλαπιός, so wie die Schmiede den Hephaistos

verehrten. Infolge des wachsenden Ansehens und der Verbreitung der

Familienangehörigen, zu denen sich allmählich Fremde unter gewissen

Bedingungen gesellen durften, wurde der angebliche Stammesheros

zum allgemein anerkannten Heilgotte erhoben, verwandelte sich der

Stammeskult in einen Staatskult mit besonderen Heiligtümern und

staatlichen Priestern. Es prägt sich dieses Verhältnis darin aus,

daß Asklepios zum Sohn des Heilgotts Apollon gemacht und mit anderen

älteren Heilgottheiten zusammen verehrt wurde, daß seine Statue z.

B. neben der des Apollon, der Hygieia u. s. w. ihren Platz fand; wie

die Ausgrabungen z. B. auf Paros zeigen, wurde Asklepios (vielleicht

nach Erschließung einer neuen Heilquelle) in das Heiligtum des Apollon

Pythios aufgenommen. Die angeblichen Nachkommen des Asklepios gingen

teils in der Tempelmystik auf, teils pflegten sie, z. B. in Kos

rationelle Medizin und beeinflußten sogar die Priesterschaft gegen

den schwindelhaften Wunderbetrieb. (Wie oben erwähnt, weigerte sich,

nachgewiesenermaßen, die koische Priesterschaft, den nach Einheit

strebenden Herrschaftsgelüsten von Epidauros Folge zu leisten!)

Gerade an den Tempelorten bot sich reichliche Gelegenheit, Leiden

aller Art zu sehen, die Wirksamkeit von Kuren und Mitteln zu erfahren,

aus manchen der aufgezeichneten Krankengeschichten die Erfahrung

zu bereichern. Im Tempelarchiv von Rhodos, Kos und Knidos befanden

sich reiche Bibliotheken, in denen der Wissensschatz für Schüler

und Nachfolger niedergelegt war; ihre Praxis übten die Asklepiaden

entweder in den Iatreien oder in den Behausungen der Patienten aus,

manche folgten auch dem Rufe in die Fremde -- ein Zeugnis, wie wenig

sie durch priesterliche Abgeschlossenheit gebunden waren.

Eine Weihinschrift in Athen zeigt, daß schon im 6. Jahrhundert die

koischen Asklepiaden wegen ihrer anerkannten Tüchtigkeit in ferne Teile

Griechenlands berufen wurden; die in jüngster Zeit veranstalteten

Ausgrabungen des koischen Asklepieions beweisen, daß dasselbe als

Archiv für Ehrungen koischer Aerzte diente, und daß die dortigen

Asklepiaden trotz ihrer Verbindung mit der Priesterschaft rationell

gebildete Aerzte waren, welche Berufungen ins Ausland gerne Folge

leisteten.

Während in älterer Zeit der Vater oder ein älterer Verwandter den

Sprößling der Familie in der Heilkunst unterwies, wurden später,

als sich die Zunft den Fremden erschloß, ~Asklepiadenschulen~

eigens eingerichtet, in denen Bürgerssöhne gegen oft bedeutendes

Honorar in allen Kenntnissen und Fertigkeiten theoretischen und

praktischen Unterricht empfingen; für die Söhne der Asklepiaden war

der Unterricht unentgeltlich, da sich die Schüler nach erlangter

Ausbildung verpflichten mußten, die Söhne ihres Meisters ohne Anspruch

auf Entschädigung in der Heilkunst zu unterweisen. Der Unterricht

erstreckte sich auf den Bau und die Funktionen des Körpers -- nach dem

Zeugnis Galens wurden die Asklepiadenjünger schon in früher Jugend

in die Anatomie (Tierzergliederungen) eingeführt --, weiterhin auf

die Lehre von den Krankheitsursachen etc., und fand seine Ergänzung

in ~praktischer~ (klinischer) Unterweisung über die verschiedenen

Leiden und ihre Behandlung (Heilmittel, Operationen etc.) an konkreten

Fällen, wie sie namentlich im Iatreion zur Beobachtung gelangten; die

vorgeschrittenen Schüler durften unter Aufsicht des Lehrers selbst mit

Hand anlegen. Die Aufnahme in die Asklepiadengenossenschaft erfolgte

nach beendeter Ausbildung und nach Ablegung des ~Schwures~, welcher das

neue Mitglied für immer zur Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen

und ethischen Traditionen verpflichtete.

Der auf uns gekommene, in der hippokratischen Schriftensammlung

enthaltene Schwur lautet folgendermaßen: „Ich schwöre bei Apollon,

dem Arzte, bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern

und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daß ich diesen meinen

Eid und diese meine Verpflichtungen erfüllen werde nach Vermögen

und Verständnis, nämlich denjenigen, welcher mich in dieser Kunst

unterwiesen hat, meinen Eltern gleichzuachten, sein Lebensschicksal

zu teilen, ihm auf Verlangen dasjenige, dessen er bedarf, zu gewähren,

das von ihm stammende Geschlecht gleich meinen männlichen Geschwistern

zu halten, sie diese Kunst, wenn sie dieselbe erlernen wollen, ohne

Entgelt und ohne Schein zu lehren und die Vorschriften, Kollegien

und den ganzen übrigen Lernstoff meinen Söhnen sowohl wie denen

meines Lehrers und den Schülern, welche eingetragen und verpflichtet

sind nach ärztlichem Gesetze, mitzuteilen, sonst aber niemand. --

Diätetische Maßnahmen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der

Kranken nach meinem Vermögen und Verständnis, drohen ihnen aber

Fährnis und Schaden, so werde ich sie davor zu bewahren suchen.

Auch werde ich keinem, und sei es auf Bitten, ein tödliches Mittel

verabreichen, noch einen solchen Rat erteilen, desgleichen werde

ich keiner Frau eine abtreibende Bougie geben. Lauter und fromm will

ich mein Leben gestalten und meine Kunst ausüben. Auch will ich bei

Gott keinen Steinschnitt machen, sondern ich werde diese Verrichtung

denjenigen überlassen, in deren Beruf sie fällt. In alle Häuser aber,

in wie viele ich auch gehen mag, will ich kommen zu Nutz und Frommen

der Patienten, mich fernhaltend von jederlei vorsätzlichem und Schaden

bringendem Unrechte, insbesondere aber von geschlechtlichem Verkehre

mit Männern und Weibern, Freien und Sklaven. Was ich aber während

der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im

gewöhnlichen Leben erfahre, das will ich, soweit es außerhalb nicht

weitererzählt werden soll, verschweigen, indem ich derartiges für

ein Geheimnis ansehe. -- Wenn ich nun diesen Eid erfülle, ohne ihn

zu brechen, dann möge mir ein glückliches Leben und eine glückliche

Kunstausübung beschieden sein und ich bei allen Menschen für immer in

Ehren stehen, wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, möge

das Gegenteil geschehen.“

Der Mystizismus der Asklepiaden schwand einerseits in dem Maße,

als Fremde in ihrem Bund Aufnahme fanden, wodurch sich gewiß die

Geheimhaltung der Kunstgeheimnisse lockerte, anderseits infolge der

wachsenden Konkurrenz mit Aerzten, welche den Philosophenschulen

(namentlich der Pythagoreer) eine höhere wissenschaftliche Auffassung

verdankten oder aber beim Volke durch empirische Tüchtigkeit Vertrauen

erworben hatten. Philosophen, die über ärztliche Kenntnisse oder sogar

Fertigkeiten verfügten, wie z. B. Pythagoras, Empedokles und ihre

Schüler, bewiesen, daß auch fern von den Asklepiostempeln Heilung

zu finden ist; philosophisch gebildete Aerzte erweckten durch ihre

Schriften spekulativ-theoretischen Inhaltes -- lange vor Hippokrates

gab es eine ansehnliche medizinische (auch populär-medizinische)

Literatur -- allgemeines wissenschaftliches Interesse, und von

Ruhmsucht oder Geldgier getrieben, ließen es auch Sophisten, die über

alles zu reden wußten, nicht daran fehlen, durch öffentliche Vorträge

ihre dilettantischen Kenntnisse ins hellste Licht beim Publikum

zu setzen, wodurch die ärztliche Tätigkeit, dem Urteil von Laien

preisgegeben, nicht wenig von ihrem einstigen Nimbus einbüßte.

Wie aus dem Eid der Asklepiaden hervorgeht, überließen sie manche

Operationen, die wegen mangelhafter anatomischer Kenntnis und Technik

nur auf die roheste Weise unternommen werden konnten (Kastration,

Steinschnitt), den „Handwerkern“ und versagten ihre Mithilfe bei

gewissen Zumutungen (Fruchtabtreibung), die mit der Standesehre

dieser ärztlichen Elite nicht vereinbar schienen. Gerne ersetzten

herumziehende Quacksalber oder ~Empiriker~, die zumeist mit mehr

Kühnheit als Sachkenntnis zugriffen, ihre Stelle und erwarben durch

die Willfährigkeit, mit der sie sich zu verpönten oder zweifelhaften

Dingen herbeiließen, großen Anhang.

Diese Empiriker, welche sich zumeist mit Spezialitäten

(Blasenoperationen, Augenleiden, Zahnleiden etc.) abgaben, bilden den

Uebergang zu allerlei Dilettanten, welche, ursprünglich untergeordnete

Gehilfen der Berufsärzte, gerne die Rolle der Aerzte spielten und mit

dem ganzen Fanatismus der Einseitigkeit ihre spärlichen Methoden oder

Handgriffe für unfehlbare Universalmittel ausgaben. Hierher zählen

die ~Gymnasten~, d. h. die Lehrer und Vorturner in den Ringschulen

(Gymnasien), welche als ~Jatrolipten~ auch die Einsalbung des Körpers

vornahmen. In Anbetracht der großen Bedeutung, welche den Ringschulen

im öffentlichen Leben der Griechen zukam, kann es nicht wundernehmen,

daß die Gymnasten, zumal sie bei den Verletzungen, Frakturen oder

Luxationen vor dem Eintreffen des Arztes die erste Hilfe leisten

mußten und über den heilsamen Einfluß der Lebensweise und der

Leibesübungen anscheinend die größte Erfahrung besaßen, geradezu als

Aerzte (ιατροἰ, ὑγιεινοἰ) betrachtet wurden. Von Gesunden und Kranken

über Diät und Gymnastik zu Rate gezogen, überschritten manche von

ihnen ihren Wirkungskreis und gaben vor, durch bestimmte Körperübungen

und diätetische Maßregeln allein, namentlich chronische Krankheiten

heilen zu können. Es soll den Gymnasten gewiß nicht das Verdienst

bestritten werden, daß sie früher als Asklepiaden und sonstige

Berufsärzte die Bedeutung der Leibesbewegung und Stoffwechselkuren

erfaßten; ihre Halbbildung verleitete sie aber kritiklos, diätetische

Mittel, Salbungen, Dampfbäder, Massage, Körperbewegungen bei allen

möglichen Zuständen anzuwenden und mit maßloser Uebertreibung ihre

gläubigen Patienten zu Kuren zu verhalten, die eher zur Trainierung

robuster Athleten als zur Behandlung von Krankheiten ausgesonnen zu

sein scheinen. Wie gewisse moderne Wundertäter, beriefen sich manche

Gymnasten auf die Erfahrung am eigenen Leibe und machten für ihre

Grundsätze in Schriften sophistischer Art erfolgreiche Propaganda,

z. B. ~Ikkos von Tarent~ und ~Herodikos von Selymbria~. Letzterer

verordnete mit Vorliebe ermüdende Spaziergänge (z. B. von Athen bis

Megara und ohne Aufenthalt wieder zurück = 9,2 km) und suchte das

Fieber durch Laufen, Ringen und äußere Wärme zu vertreiben. Seine

Kur der Wassersucht (Abführen, Erbrechen gleich nach dem Essen,

laue Bähungen, Schlagen der Geschwulst mit gefüllten Schläuchen)

fand übrigens noch in späteren Jahrhunderten große Anerkennung. Dem

Heilsystem des ~Herodikos~ und den empirischen Maßnahmen der Gymnasten

lag eine Teilwahrheit zu Grunde, welche später mit Vorsicht von der

rationellen Medizin benützt wurde.

Um ein vollkommenes Bild von dem griechischen Heilpersonal zu erhalten,

müssen wir noch einen Blick auf das üppig wuchernde Kurpfuschertum

werfen, das sich aus Leuten rekrutierte, die in betrügerischer Absicht

auf den Aberglauben der Menge spekulierten und mit kecker Hand

in das Heilgewerbe einzugreifen verstanden. Außer allerlei Hirten

und Quacksalbern (φαρμακοἰ), die namentlich sympathetische Kuren

verrichteten, spielten bei den Griechen die sogenannten ~Rhizotomen~

und ~Pharmakopolen~ die Hauptrolle. Die Aerzte bereiteten in älterer

Zeit die Arzneien selbst, bedurften aber natürlich solcher Handlanger,

die sich mit dem Sammeln von Pflanzen, mit der Zerlegung in die

Bestandteile, mit dem kunstgerechten Aufbewahren der Blätter, Blüten,

Wurzeln, Säfte u. s. w. abgaben. Nach ihrer Hauptbeschäftigung,

dem Wurzelsammeln, hießen solche Personen Rhizotomen. Viele unter

ihnen verblieben aber, wie es stets zu gehen pflegt, keineswegs

bei ihrem eigentlichen Metier, sondern nützten die gelegentlich

aufgelesenen dürftigen pharmazeutischen und medizinischen Kenntnisse

in verwerflicher Weise aus und umgaben sich durch verschiedenartige

abergläubische Prozeduren mit einem Nimbus, der ihren Geschäftszwecken

sehr zu Gute kam. Gefährlicher waren die Arzneihändler (φαρμακοπῶλαἰ),

welche in ihren Buden nicht nur das Rohmaterial feilhielten, sondern

neben Kuriositäten (z. B. Brenngläsern), auch selbstgebraute Medizinen,

Geheimmittel (z. B. Aphrodisiaca), Schönheitsmittel, Gifte etc.

verkauften und dabei fleißig quacksalberten.

Es würde überraschen, wenn die „weisen“ Frauen und Hebammen dem

Bunde der Kurpfuscher ferngeblieben wären. War auch das Heilgewerbe

bei den Griechen den Frauen verschlossen, im geheimen konnten sie

ihrem Triebe frönen, umsomehr, als das Schamgefühl der Leidenden

den Weg dazu ebnete. Die „Aerztinnen“ (ἰατρἰναι) beschäftigten

sich zwar hauptsächlich mit der Bereitung von Liebestränken und

Schönheitsmitteln, hielten aber mit ihrem Rat auch bei ernsten

Frauenkrankheiten nicht zurück. Wie zu allen Zeiten beschränkten

sich natürlich auch die Hebammen nicht bloß darauf, die Schwangeren

zu überwachen, Geburten durch Zuspruch, Gesänge, Beschwörungen und

Arzneien zu befördern, die Nabelschnur der Neugeborenen zu durchtrennen

u. s. w., sondern sie nahmen mit sträflichem Vorwitz gynäkologische

oder pädiatrische Eingriffe vor (scheintote Kinder versuchten sie

dadurch zu beleben, daß sie das Blut der Nabelgefäße nach innen

drückten); Abortivmittel, Kuppelei und Heiratsvermittlung bildeten

außerdem ihr lohnendes Nebengewerbe.

Anfänge der medizinischen Theorie.

Sammlung und Beobachtung von Tatsachen bilden die erste Stufe zur

Wissenschaft, nicht diese selbst. Die ökonomische Veranlagung des

menschlichen Geistes erheischt Gruppierung der Einzelfakten unter

ordnende Gesichtspunkte, der Erkenntnistrieb erhebt die Forderung

nach klarer Einsicht in die Gesetze, welche die Erscheinungswelt

beherrschen.

Lange bevor die Bedingungen für eine methodische Ableitung

oberster Prinzipien aus dem medizinischen Erfahrungsstoff auch nur

angedeutet waren, versuchte kühn vorgreifendes Denken die ärmliche

Empirie wissenschaftlich zu durchdringen, indem man ~Elemente der

Weltanschauung~ in die Medizin hineintrug als ~Leitsätze~, aus denen

sich bekannte oder noch unbekannte Tatsachen, wie Folgerungen mit

logischer Notwendigkeit ergeben sollten.

Die Priesterärzte des mesopotamisch-ägyptischen Kulturkreises

verankerten die Theorie der Heilkunst an den Satzungen ihres

religiös-kosmosophischen Dogmatismus, das ~medizinische Denken

der Griechen~ schloß sich vorwiegend an die schwankenden Theoreme

~philosophischer Spekulation~ mit ihren verwegenen weit ausgreifenden

Schlüssen an. Wurde es so zum Spiel der Wogen, welche ein fesselloses

Gedankenmeer vielgestaltig, im beständigen Wechsel emporwarf, so

überwog den Nachteil der Unstetigkeit der unschätzbare Vorteil

beständiger ~Kritik~, die im Wandel der Systeme geboren wurde und

wenigstens mit ~einem~ Ende an ~empirischer Naturforschung~ haftete.

Denn die vorsokratischen ~Philosophen~ verschleierten oft spärliche,

aber sicher gewonnene Erfahrungsergebnisse durch scheinbar rein

intuitive Ideen und richteten ihr Streben nicht bloß auf die Analyse

der Begriffswelt, sondern mit Vorliebe auch auf Naturerkenntnis,

einschließlich des Baues, der Entwicklung und der Lebenstätigkeit

organischer Wesen; sie waren ~Naturforscher~ und manche unter ihnen

selbst ~Aerzte~, welche beherrscht vom Gedanken einer allumspannenden

Regelmäßigkeit einzelne Erfahrungen kühn verallgemeinerten.

~Biologische Forschung, Kosmologie und Dialektik schließen sich noch

zu einer Kreislinie, deren Ausgangspunkt beliebig angenommen werden

kann.~

Es sei beispielsweise auf einige empirische Stützen der ältesten

naturphilosophischen Systeme hingewiesen. Wenn ~Thales~ von Milet

(624-548/5 v. Chr.) das ~Wasser~ für den Grundstoff aller Dinge

erklärt, so konnte seine Anschauung aus der Erwägung hervorgehen,

daß Feuchtigkeit für die Vegetation unentbehrlich ist, Regengüsse

und Ueberschwemmungen (Nil) Fruchtbarkeit erzeugen, die Nahrung

von Pflanzen und Tieren feucht ist, Lebendiges aus Flüssigem

(Samenflüssigkeit) entsteht u. s. w. Die Lehre des ~Anaximenes~

(geb. zwischen 528 und 524 v. Chr.) oder später des ~Diogenes von

Apollonia~ (um 430 v. Chr.), daß die ~Luft~ den Urstoff bildet, aus

dem sich alles entwickelt, konnte damit bekräftigt werden, daß die

Luft überall hindringt, die Atmung das Leben unterhält, die Winde

von größtem Einfluß auf Temperatur, Wachstum und Gesundheit sind

-- nach Homer ist Zephyros Erzeuger der Früchte, dem Hesiod ist

Luft überhaupt weizenbringend, dem Boreas wurden in Athen Feste

gefeiert, den Windgöttern brachte man wegen des Kindersegens vor

der Hochzeit Opfer etc. Ebenso beruht es auf einseitiger, aber doch

realer Naturbetrachtung, wenn ~Herakleitos~ aus Ephesos (535-475)

aus dem fortwährenden Wechsel von Aufbau und Zerstörung, in allen

Naturvorgängen (namentlich im Lebendigen) denjenigen „Stoff“, der

niemals zu ruhen scheint, Umwandlungen in den flüssigen, gasförmigen

oder festen Aggregatzustand (Schmelzung, Verdampfung, Asche)

hervorruft und der außerdem auch der Lebenswärme (Beseelung) höher

organisierter Wesen als Prinzip zu Grunde liegt, für die Urmaterie

erklärt -- das ~Feuer~. Die Bedeutung der Lebenswärme kommt auch bei

~Parmenides~ aus Elea (geb. um 540 v. Chr.) zur Geltung, wenn er das

~Warme~ als Grund des Lebens ansieht und die Menschen aus Erdschlamm

vermittels der Sonnenwärme entstehen läßt. -- Die tausendfältige

Beobachtung der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der Sinneswelt,

manche Erfahrung abnormer Sinnesempfindungen (z. B. das Sehen des

Gelbsüchtigen) führte die ~eleatischen~ Philosophen zu ihrem System,

nach welchem „wir das Seiende weder schauen noch erkennen“. -- Die

Pflege der Mathematik, das Studium der Regelmäßigkeiten geometrischer

Körper, die Begründung der wissenschaftlichen Tonlehre (wobei das

bisher Unfaßbare, die Tonhöhe, die Harmonie als Wirkung bestimmter

Zahlenverhältnisse erkannt wurde) erweckten den Gedanken des

~Pythagoras~ von Samos (etwa 575 v. Chr. bis zur Jahrhundertwende),

daß die ~Zahl~ das Wesen der Dinge ausmacht. -- Dem ~Anaxagoras~

aus Klazomenä (geb. um 500 v. Chr.) galten die zu seiner Zeit für

einfach gehaltenen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) als

die kompliziertesten Stoffe, voll von „Samen“ jeder erdenklichen

Art, er glaubte, es gäbe so viele Grundstoffe, als uns die Sinne

Modifikationen der Materie vorführen, bestehend aus unendlich kleinen

unveränderlichen Teilchen (z. B. Gold aus Goldteilchen, Silber aus

Silberteilchen etc.) -- ~Homöomerientheorie~. Die Wurzel dieser

grotesken Verirrung ist darin zu suchen, daß der Philosoph den

~Ernährungsprozeß~ zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nahm und

erwog, wie mannigfache Gebilde, z. B. Haut, Fleisch, Blut, Adern,

Sehnen, Knochen, Haare u. s. w., aus dem Nahrungsstoff hervorgehen; es

müßten daher bereits in der Nahrung, z. B. im Brot, im Wasser u. s.

w., die unsichtbaren Teilchen (also Fleisch-, Blut-, Knochenteilchen

u. s. w.) vorhanden sein, um beim Ernährungsprozeß unter günstigen

Umständen zusammentreten zu können. -- ~Empedokles~ von Agrigent

(etwa 495-435 v. Chr.) nahm bekanntlich eine begrenzte Zahl (4)

von Grundstoffen an -- ~Feuer, Wasser, Luft und Erde~ (letztere

bei Parmenides und Xenophanes aus Kolophon [etwa 575-480 v. Chr.]

als Grundstoff erwähnt) -- und ließ aus deren Vereinigung oder

Trennung, aus den quantitativen Verhältnissen ihrer Zusammensetzung

die verschiedenen Dinge der Natur hervorgehen. Um die Lehre von

der ~Mischung der Elemente~ verständlich zu machen, erinnert er

bezeichnenderweise an den Prozeß, der sich auf der Palette des Malers

abspielt. Mit seinen vier Grundstoffen vergleicht er die Grundfarben

(Weiß, Schwarz, Rot, Gelb), deren sich die Malerkunst bediente

und aus deren vielfach abgestufter Mischung unzählige Nüancen zu

stande kommen. Daraus ergibt sich, wie sehr auch dieser Denker von

positiven Wahrnehmungen ausging; deshalb ist gewiß anzunehmen, daß

sein Weltgesetz: „~Gleiches zieht sich wechselseitig an~“ auf der

Beobachtung der Massenansammlung gleichartiger Stoffe (Luft, Erde,

Wolken, Meer) beruht. -- Zum Schlusse möge noch darauf hingedeutet

sein, daß die ~Atomenlehre~ eines ~Leukippos~ oder ~Demokritos~

aus Abdera (geb. 460 v. Chr.) sich anschaulich vorstellen ließ

in der Betrachtung der Sonnenstäubchen, mit ihrer, selbst bei

scheinbar vollständiger Ruhe der Luft, unablässigen Bewegung.

-- An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die verschiedenen

Phasen der hellenischen Spekulation die philosophischen Grundlehren

orientalischer Völker widerspiegeln; so erinnert die mathematische

Weltanschauung des ~Pythagoras~ (Harmonielehre) und manche

Eigentümlichkeit seiner Ethik an die ~chinesische~ Philosophie,

die ~eleatische~ Lehre an die Vedantaphilosophie der ~Inder~, die

Vierelementenlehre des ~Empedokles~ an die ~Aegypter~, das System

des ~Herakleitos~ an ~Zoroaster~.

Unter den Philosophen, welche auf die Medizin den frühesten und

nachhaltigsten Einfluß ausübten, gebührt ~Pythagoras~ die erste Stelle.

Der Weise von Samos, welcher nach langen Studienreisen (in Aegypten

und wahrscheinlich auch Babylon) in Kroton einen religiös-sittlichen

Bund gründete, beschäftigte sich nicht allein in bahnbrechender

Weise mit Mathematik, Astronomie und Akustik, sondern auch mit

Untersuchungen über Körperbau, Zeugung und Entwicklung, Sinnesfunktion

und Seelentätigkeit, sowie mit der Behandlung von Kranken. Von seinen

theoretischen Forschungsergebnissen wäre besonders erwähnenswert, daß

er die Entstehung von Lebewesen aus faulenden Stoffen leugnete und

durchwegs auf Samen zurückführte, ferner daß er die Affekte (θυμός)

vom Verstand (νοῦς) scharf unterschied, wodurch die Lokalisation des

Intellekts im Gehirn vorbereitet wurde.

Mit seinem System, wonach strenge Gesetzmäßigkeit, ein bestimmtes

Zahlenverhältnis alle Naturvorgänge beherrscht, ließ sich die ~Lehre

von den kritischen Tagen~ so ungezwungen vereinigen, daß man dieselbe

gerne auf seine Autorität zurückführte. Was die Therapie anlangt, so

verwendeten Pythagoras und seine Schüler, unter denen sich viele Aerzte

befanden, unter Vernachlässigung der Chirurgie einfache Pflanzenmittel,

Umschläge, Salben, theurgische Gebräuche (Sühnungen, Beschwörungen,

magische Kräuter, Zaubergesänge, religiöse Musik), besonderer Nachdruck

wurde aber auf die Regelung der Lebensweise und Leibesbewegungen

gelegt (Pflege der ~Gymnastik~ und gewisse ~diätetische~ Vorschriften

-- Einschränkung des Fleischgenusses, Verbot der Fische und der

Bohnen -- zählten bekanntlich zu den wichtigsten Einrichtungen des

Pythagoreerordens). Nach Sprengung des Bundes (infolge politischer

Ereignisse kurz vor 500) verbreiteten sich viele Aerzte, die im Geiste

des Stifters gebildet waren, über ganz Griechenland; die medizinische

Schule von Kroton stand zweifellos mit den Pythagoreern in Beziehung.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 19 / 54 段