Wie die gesamte Mythologie der Griechen trotz der systemisierenden

Weisheit Hesiods in stetem Flusse begriffen ist und in ihrem

fortwährenden Ausbau den historischen Zusammenschluß der Stämme, die

Aufnahme fremder Kulturelemente deutlich widerspiegelt, so zeigt auch

der Glaube an Heilgottheiten und sein Kult ein beständiges Werden,

immer weitere Ausgestaltung. Die medizinische Mythologie läuft

auch zur feineren Krankheitsunterscheidung und differenzierenden

Berufsteilung parallel. In der ältesten Zeit wird ohne Unterschied

~allen~ Göttern die Macht zu heilen, die Krankheiten oder den Tod

zu senden zugeschrieben. Erst später treten einzelne Gottheiten in

nähere Beziehung zu Heilkunde oder nur zu bestimmten, scharfumgrenzten

Teilen derselben. Unter diesen ragen die drei obersten Heilgötter

Τρισσοἰ ἀλεξἱμοροι hervor: ~Apollon~, Erfinder der Heilkunst, aber

auch durch ferntreffende Geschosse (Sonnenstrahlen) Seuchen und

Tod bringend, frühzeitig mit dem Götterarzt Paieon identifiziert,

~Artemis~ als Schützerin der Frauen und Kinder, späterhin auch mit der

dem Orient entstammenden Geburtsgöttin Eileithya zusammengeworfen,

und Pallas ~Athene~, die Heilende (Hygieia), unter dem Namen

ὀφθαλμιτις als Schützerin des Augenlichts verehrt. Neben ihnen sind

besonders bemerkenswert: Aphrodite (Geschlechtsleben), Poseidon, in

beschränkterem Sinne auch Hekate, Pan, Dionysos, Persephone u. a.

An bestimmte Orte geknüpft oder nur von gewissen Ständen gepflegt,

war die Verehrung des Herakles (Schutzgott der Athleten), des Hektor

(in Theben), der Helene (Geburtsgöttin der Lakedämonierinnen), des

Amphiaraos (Rhamnos und Oropos), des Aristomachos (Marathon), des

Polydamas (Olympia), des heroisierten Skythen Toxaris (Athen),

des Amynos (Athen), der Heroen im allgemeinen. -- Auf fremde

Kultureinflüsse weisen wahrscheinlich zum Teile die sagenhaften

Gestalten der Medeia, Gattin des Jason aus dem giftreichen Kolchis,

des „hyperboreischen“ Olen, des thrakischen Orpheus (mit seinem

Schüler Musäus) und des Zamolxis, des Abaris, des nordischen Aristeas,

der Skythen Toxaris und Anacharsis (vielleicht Apotheosen historischer

Personen). Als Hauptgründer der Heilkunst galt der „gerechteste“

aller Kentauren, der thessalische Cheiron, der Lehrer der vornehmsten

hellenischen Helden in der Jagdkunst und Arzneikunst. (Pflanzennamen

Chironium und Centaurea; Chironisches Geschwür!) Schüler des Cheiron

war nach der herkömmlichen Darstellung auch der zum Heilgott erhobene

Sohn Apollons: ~Asklepios~.

Die ~Asklepiosmythe~ zeigt eine außerordentliche Vielgestaltigkeit,

welche sich nicht nur durch raffinierte Priesterfabeln zu Gunsten

bestimmter Heiligtümer, sondern auch als natürliches Produkt

jahrhundertelanger Sagenwanderung entwickelte; fortwährende Zutaten

haben sich zu einem dichten Schleier verwoben, durch den schon zur

Zeit eines Strabon oder Cicero nur schwer hindurchzublicken war.

Wahrscheinlich ist Asklepios ursprünglich ein chthonischer Stammesgott

(Erddämon) Thessaliens, der gleich anderen Lokalgottheiten (wie

z. B. Herakles) beim Zusammenschluß der Mythen zur griechischen

Gesamtreligion zunächst nur als Heros verehrt wurde -- bei Homer,

Hesiod und Pindar ist er noch nicht als Gott bezeichnet, -- um dann

mit zunehmender Kultverbreitung und entsprechend der universellen

Bedeutung der ärztlichen Wundertaten von neuem zum Rang einer Gottheit

als Sohn Apollons aufzusteigen (ähnlich wie der ägyptische Imhotep

[Imuthes] vom Sondergott zum Sohne des Ptah avanciert). Auf den

~chthonischen Ursprung~ weisen das Attribut der ~Schlange~ und das

mit seinen Tempeln verknüpfte ~Traumorakel~. In der Sage über Geburt

und Verwandtschaft, Leben und Taten des Asklepios, sowie in seinem,

mit orientalischem Mystizismus verbrämten Kult sind ganz disparate

Elemente vereinigt, einerseits Anknüpfungen an den phönizischen

Heilgott Eshmun, anderseits phantastisch aufgeputzte Reminiszenzen

an wirkliche Personen, endlich Allegorien der ärztlichen Kunst und

der Naturheilkräfte. Nach der ältesten Darstellung gelten als Eltern

des Asklepios Ischys, der Elatide, und Koronis, die Tochter des

Herakliden Phlegyas. Bei Homer wird er als schlichter Heros genannt,

als thessalischer König und Vater der heilkundigen Helden ~Machaon~

und ~Podaleirios~, welche an der Spitze der Streiter von Ithome,

Trikka und Oichalia vor Troja zogen. Die spätere Sage erhebt dagegen

Asklepios zum Halbgott. Sein Vater ist Apollon, welcher ihn entweder

selbst mit der Heilkunst vertraut macht oder aber auf dem Berge

Pelion durch den Kentauren Cheiron darin unterweisen läßt. Bezüglich

des Namens der gottgeschwängerten Mutter und der Geburt entstanden

zugleich mit der Wanderung des Asklepioskultes nach der Peloponnesos

verschiedene Versionen. Bald wird Koronis als Mutter genannt, bald

Arsinoë, die Tochter des Inachus (in Arkadien), bald Arsinoë, die

Tochter des Leukippos (in Messenien). Die einen erzählen, Apollon

selbst oder Hermes habe den Asklepios aus dem Leib der toten Mutter

herausgeschnitten, andere wieder berichten, Koronis habe heimlich

den Neugeborenen auf einem Berge bei Epidauros ausgesetzt (eine der

auf dem Berge weidenden Ziegen gab dem Kinde Milch, und der Hund,

der die Herde schützte, bewachte es).

An der Verschiedenheit der Erzählung haben die Priester

den Hauptanteil, da es in ihrem Interesse lag, die Kultstätten

mit der Geburtssage des Heilgotts in Zusammenhang zu bringen.

(Die Hauptredaktion erfolgte in Epidaurus, welches seit dem 5.

Jahrhundert die Oberherrschaft über alle anderen Asklepiostempel

an sich riß.) Asklepios soll eine Reihe von wunderbaren Kuren

(z. B. Blindenheilungen) vollzogen und zuerst die therapeutische

Anwendung der Musik und Gymnastik (spätere Zutat der Mythe!) in die

Medizin eingeführt haben. Hauptsächlich bestand seine Therapie in

chirurgischen Eingriffen, Pflanzenmitteln, Bädern, Einreibungen und

Theurgie. Wegen der häufigen Todeserweckungen, worüber Pluton Klage

führte, wurde er von Zeus mit dem strafenden Blitzstrahl getötet;

nach anderer Ueberlieferung zog er sich den Groll des Götterkönigs

wegen seiner Gier nach Gold (Bezahlung der ärztlichen Hilfe) zu oder

starb eines natürlichen Todes. Je nach Geburt, Leistungen und Tod

unterschied schon Cicero drei verschiedene Aeskulape. Nach seinem

Tode wurde Asklepios in den Olymp erhoben oder als Schlangenträger

unter die Sterne versetzt. In seinen Tempeln waren neben seiner (Zeus

ähnlichen) Bildsäule stets mehrere andere Statuen anzutreffen, die

sich als Verkörperung von Heilfaktoren, wie Wärme, Luft, Licht etc.,

erweisen. Schon die Namen der Gattinnen und Kinder des Asklepios

deuten auf stilisierte Mythe. Als Gattin erscheint neben Xanthe

Lampetie oder Epione; als Kinder werden erwähnt: Hygieia, Euamerion,

Aigle, Panakeia, Jaso, Akeso, Janiskos, Telesphoros (Knabengestalt

mit Kapuze; wahrscheinlich orientalische Entlehnung oder identisch mit

dem ägyptischen Harpokrates) neben den homerischen Helden Machaon und

Podaleirios. In der Aethiopis des Dichters Arktinos gilt ~Machaon~ als

~Chirurg~, ~Podaleirios~ als ~Vertreter der inneren Medizin~, mit der

Fähigkeit: „Unsichtbares zu kennen und Unheilbares zu heilen“. Beide

(vielleicht historische Personen) verbreiteten den Kult des Asklepios;

Machaon im Peloponnes, Podaleirios in Kleinasien. Neben den in der

Asklepiosmythe vorkommenden Tieren: Schlange, Hund, Ziege, werden als

Attribute des Gottes erwähnt oder bei Darstellungen (Standbilder und

Münzen) am häufigsten benützt: Stab (Schlangenstab) und Lorbeerkranz.

Mit Vorliebe wurden ihm Hähne oder Hennen geopfert.

Das älteste Heiligtum des ~Asklepios~ bestand im thessalischen

~Trikka~; dieses, sowie die Tempel in ~Epidauros~ und ~Kos~ (in

viel späterer Zeit ~Pergamon~) waren die besuchtesten. Der Kult des

jungen Gottes -- ~erst 420 v. Chr. (durch den Dichter Sophokles)

in Athen eingeführt~, wo früher allein Amynos als Heilgott verehrt

wurde -- wanderte ziemlich rasch über ganz Hellas, vorwiegend

unter Leitung der Priesterschaft von Epidauros, welche bei neuen

Tempelgründungen die Schlange, das Symbol des Gottes, des Heilenden,

verschickte; ungiftige, gezähmte und abgerichtete Schlangen wurden

in den meisten Heiligtümern gehalten und oft zu allerlei Gaukeleien

verwendet. (Hinsichtlich der Frage des ägyptischen Ursprungs des

Asklepiosdienstes ist daran zu erinnern, daß die Schlange, der Wurm,

in der ägyptischen Krankheitsauffassung eine Hauptrolle spielte.)

Als Kultstätten kommen neben den schon erwähnten noch in Betracht:

Titane (die älteste im Peloponnes), Gerenia, Argos, Pharai, Messene,

Leuktra, Sparte, Epidauros -- Limera, Tithorea, Acharnai, Peiraieus,

Eleusis, Sikyon, Kyrene, Balagrai, Rhodos, Thasos, Melos, Paros,

Kalymna, Knidos, Syrna, Samos; auf italischem Boden: Kroton, Tarent,

Rom (auf der Tiberinsel 293 v. Chr. errichtet) u. a.

Der Asklepioskult fand bemerkenswerterweise seine Stätte in solchen

Gegenden, welche mit ihren klimatischen und hygienischen Vorzügen den

Charakter von Luftkurorten besaßen. Der Aufenthalt in den Gnadenorten,

die sich auf Bergen oder Hügeln, in der windgeschützten Nähe von

Wäldern, an Flüssen oder Quellen befanden, bot die geeignetste

Grundlage für die Heilung; wohlschmeckendes Trinkwasser stand

zur Verfügung. Die erquickende Luft verfehlte nicht ihre Wirkung,

wohlgepflegte Gärten in der Umgebung des Heiligtums erheiterten das

Gemüt, prachtvolle Aussicht in die Ferne erfüllte die bekümmerten

Herzen mit neuer Hoffnung auf Genesung. Manche der Asklepieien

dankten ihren großen Ruf auch dem Besitz von Mineralquellen oder

Thermen. An schlichte Altäre, die ursprünglich bei heiligen Brunnen

(z.B. ~Burinnaquelle auf Kos~), in der Nähe heilspendender Quellen

errichtet wurden, schlossen sich später prächtige Tempelbauten, Anlagen

für Festspiele, Gymnasien (Ringschulen), in denen chronische Leiden

durch Leibesbewegung, Bäder, Salben behandelt wurden, und, wie die

Ausgrabungen zeigen, auch Wohnräume (Krankenzimmer) für Patienten.

Strenge Vorschriften hygienischen Inhaltes wachten darüber, daß die

gesundheitsförderlichen Zustände intakt erhalten blieben und bereiteten

die frommen Pilger für die mystische Kur durch Regelung der Lebensweise

in rationeller Weise vor. Unreinen und Ungeweihten war der Zutritt

zum Heiligtum unmöglich gemacht, Gebärende, moribunde Personen wurden

ferngehalten, kein Toter durfte im Gebiete des heiligen Bezirks

bestattet werden, für Unterkunft und Verpflegung der Kranken sorgten

Herbergen und Kosthäuser in der Nähe des Tempels. Die Hilfesuchenden

mußten sich einer sorgfältigen Reinigung unterziehen, im Meere, im

Flusse oder in der Quelle baden, eine vorgeschriebene Zeit hindurch

fasten, sich vom Wein oder gewissen Speisen enthalten und durften

den Tempel erst betreten, wenn sie durch Waschungen, Einreibungen,

Räucherungen etc. genügend vorbereitet waren. An diese mehrtägige,

teils diätetisch, teils suggestiv und ermüdend wirkende Vorkur reihten

sich Gebete, Opfer, fromme Gesänge, ein durch Symbole die Phantasie

tief ergreifender Gottesdienst mit feierlichem Gepränge -- Eindrücke,

die noch vertieft wurden durch den Anblick kostbarer Weihgeschenke der

Genesenen, durch die Erzählungen der ehrfurchtgebietenden Priester,

welche den Kranken die Inschriften in den Tempelhallen erklärten und

durch Hinweis auf die zahlreichen Wundertaten die frohesten Hoffnungen

zu erregen verstanden.

So vorbereitet, in die höchste Spannung versetzt, verbrachten die

Pilger sodann eine oder mehrere Nächte im Hieron, zu Füßen der Statue

des mildstrengen Asklepios, in Erwartung der heilbringenden, vom

Gotte inspirierten Träume, in denen die mächtig erregte Phantasie die

ungewohnten Eindrücke der letztverlebten Tage seltsam verwob. Denn

wie im Amphiaraion, so wurde auch in den Asklepieien den Kranken die

göttliche Hilfe oder die Offenbarung von wunderbaren Heilmitteln im

Traume zu teil während des ~Tempelschlafes~ (ἐγκοίμησις, lateinisch

incubatio).

Aus Inschriften des Tempels zu Epidauros (welche mit der burlesken

Darstellung des Dichters Aristophanes in seinem Lustspiel Plutos

übereinstimmen) ist zu schließen, daß in älterer Zeit der Gott

direkte Heilung spendete, d. h. daß der Priester Nachts in der Maske

des Gottes (begleitet von den Priesterinnen, die als Hygieia, Jaso,

Panakeia figurierten) erschien und, wahrscheinlich unterstützt von den

ursprünglich mit der Priesterschaft wohl zusammenhängenden angeblichen

Nachkommen des Asklepios (den ~Asklepiaden~, ὑιοί τοῦ θεοῦ) wirkliche

Kuren vollzog, die den schlaftrunkenen oder halbschlafenden Kranken

nur erträumt zu sein schienen (Verbinden, Auftragen von Salben,

Verabfolgung oder Eingeben von Arzneien, mündlich formulierte

Ordinationen). In späterer Zeit dagegen beschränkte sich Asklepios,

ohne selbst manuell einzugreifen, darauf, den Inkubanten oder deren

Stellvertretern (denn auch solche waren zulässig) nur Weisungen

und Vorschriften im Traume zu erteilen, bisweilen deutlich, oft nur

symbolisch. Die Asklepiaden, von der Priesterschaft oder mindestens

vom Mystizismus derselben losgelöst, haben an dem Tempelspuke in

dieser Periode keinen Anteil mehr, sie sind selbständige Aerzte

geworden, welche nebenbei höchstens die inspirierten Ratschläge des

Gottes auf Wunsch der Kranken zur tatsächlichen Ausführung bringen.

In den Traumgesichten, welche erst von den kundigen Priestern

gedeutet werden mußten (d. h. nämlich mit ihrem ärztlichen Plan

in Uebereinstimmung zu bringen waren!), ordnete Asklepios zumeist

rationelle Kuren (~Diät~, ~Bewegungen~ in Form von Reiten, Jagen,

Waffenübungen, ~psychische Mittel~, z. B. Anhören eines Liedes, eines

Lustspiels u. s. w., seltener ~Aderlässe~, ~Abführmittel~ u. s. w.)

an oder scheinbar Widersinniges mit suggestivem Endzwecke. Der Erfolg

war stets ein neues Wunder des Gottes, der Mißerfolg wurde von den

schlauen Priestern sehr leicht auf ein oder das andere Versehen des

Patienten geschoben. Die Genesenen mußten sich dem Heilpersonal und

dem Gotte erkenntlich zeigen. (In Epidauros fordert Asklepios einmal

selbst den Lohn mit den Worten: „Geheilt bist du, nun mußt du aber

das Honorar zahlen.“)

Nach uralter Sitte widmete man „~Anathemata~“, bildliche Darstellungen

der geheilten Körperteile in Gold, Silber, Elfenbein, Marmor u. s. w.

oder klebte Münzen mit Wachs an die Schenkel der Götterstatuen oder

warf dieselben in die heilige Quelle als Weihgeschenk; in manchen

Heiligtümern wurden die Krankengeschichten und die verwendeten Mittel

auf die Tempelsäulen eingezeichnet oder auf Votivtafeln aus Metall oder

Stein (πίνακες) niedergeschrieben, die man an den Säulen und Pfosten

anbrachte. Dem Gotte zu Ehren feierte man auch Feste Asklepieia, welche

in musischen Wettspielen bestanden.

Der Heilbetrieb in den einzelnen Asklepieien scheint sehr verschieden

gewesen zu sein, je nachdem man bei den Kuren den Schwerpunkt auf

den Mystizismus oder auf ein rationelles Heilverfahren legte --

ein Unterschied, der in letzter Linie damit zusammenhing, ob die

Priesterschaft den angeblichen Nachkommen des Gottes, den Asklepiaden,

welche als Tempelärzte fungierten, einen größeren oder geringeren

Einfluß gönnte.

In dieser Hinsicht können Epidauros mit seiner ausgesprochenen

Thaumaturgie und Kos mit seiner Hinneigung zum Rationalismus als

Repräsentanten gelten. Als Kultort behielt das erstere stets den

Vorrang und suchte seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über

alle übrigen Asklepieien zu erlangen; die Hegemonie drückte sich

symbolisch darin aus, daß die ehrgeizige epidaurische Priesterschaft

zur Einweihung heilige Schlangen nach dem abhängigen Heiligtum

schickte. Die Mythe erzählt, daß die Sendung nach Kos erfolglos

blieb, d. h. die dortige Priesterschaft erklärte sich mit den

Umtrieben der Epidaurier nicht einverstanden und huldigte in der

Therapie Grundsätzen, welche im Sinne des Rationalismus von den

wissenschaftlich forschenden koischen Asklepiaden ausgebildet

wurden. Die koischen Tafeln, πίνακες, dürften darum im Inhalt ihrer

Heilberichte wesentlich verschieden gewesen sein von den epidaurischen

und verwandten, die, soweit sie jetzt bekannt sind, nur Zeugnis vom

absurdesten Aberglauben liefern.

In welchem Geiste aber auch immer die therapeutischen Vorschriften

von der Priesterschaft gegeben wurden, so handelte es sich formell

doch immer um Theurgie -- es war Asklepios selbst, der durch den

Mund seiner Diener Vorschriften verkündete. Mochten dieselben von der

anwachsenden Erfahrung noch so viel Nutzen ziehen, offiziell konnte die

Priesterschaft vom Bestande einer Sammlung kritischer Beobachtungen

-- die ihre Richtschnur gewiß im geheimen bildete -- keinen Gebrauch

machen; die göttliche Offenbarung tat in jedem einzelnen Falle

ein Wunder. Um den Schein des Supranaturalismus zu wahren, mußten

die Priester anderen Männern die Begründung der wissenschaftlichen

Heilkunst überlassen, nämlich solchen, die dem Kultus fernstanden.

So wirkte, abgesehen von dem Mangel eines geschlossenen religiösen

Dogmatismus, gerade die strenge Gebundenheit der Priester an den Kultus

als Faktor für die freie Bearbeitung der griechischen Medizin neben

und außerhalb der Tempel.

Die Aerzte.

Asklepiaden, Gymnasten, Rhizotomen.

Der Asklepioskult bildet nur ~eine~ Form der medizinischen

Entwicklung; verhältnismäßig spät auftauchend, stößt er sehr bald

auf Gegenströmungen älteren Ursprungs, und infolge der fehlenden

Möglichkeit, sich an bestehende universelle Priestersysteme

anzuschließen gewinnt er wenigstens in den höheren Schichten des

Volkes kaum vorübergehend jene geistige Macht, welche der Theurgie in

der Heilkunde des Ostens die Oberherrschaft sicherte. ~Tiefer als der

Obskurantismus wurzelt bei den Griechen die freie ärztliche Kunst.~

Seit Homer erwähnen Dichter und Historiker nichtpriesterliche

Aerzte, welche, ungehindert von der Tempelmedizin, in vollster

Freizügigkeit ihren Beruf ausüben, ihre Erfahrung nach selbsterworbenen

Gesichtspunkten verwerten konnten, und schon frühzeitig entstand die

Sitte, daß politische Gemeinwesen ~Amtsärzte~ anstellten, mit der

Obliegenheit, gegen fixen Gehalt die Armen unentgeltlich zu behandeln,

bei Seuchen die entsprechenden Anordnungen zu treffen, vor Gericht

als Sachverständige auszusagen; ebenso ist es sicher verbürgt, daß

Aerzte Heer und Flotte begleiteten (bereits Lykurg führte ~Feldärzte~

ein!) oder, daß sie als Hof- und ~Leibärzte~, wie z. B. Demokedes im

6. Jahrhundert v. Chr., dem Rufe von fremden Fürsten Folge leisteten.

Die ärztliche Praxis, die zu den Gewerben zählte, war jedem gestattet,

der das erforderliche Wissen zu besitzen glaubte (Frauen war der Beruf

allerdings verschlossen und Unfreie durften nur Sklaven behandeln);

diese Freiheit brachte es mit sich, daß sehr verschiedenartige

Elemente, Männer von höchster Bildung (Philosophen), tüchtig

ausgebildete Praktiker, aber auch rohe Empiriker, nichtswürdige

Scharlatane und armselige Dilettanten ihr Kontingent stellen durften.

Drei Typen sind es namentlich, die unter den Aerzten hervortreten:

der einfache Praktiker (δημιουργός), der regelrecht gebildete,

mit seinem Assistenten arbeitende Meister (ἀρχιτεκτονικός) und der

dilettantische Kenner (πεπαιὀευμένος), welch letzterem (entsprechend

dem spekulativen hellenischen Wissenschaftsbegriff) ebenso wie den

beiden vorgenannten ein maßgebendes Urteil über Kunstfehler zukam.

Im engeren Sinne galten als eigentlich gebildete Aerzte (τεχνῖται,

χειροτέχναι) nur solche, welche bei einem anerkannten Meister

entsprechenden theoretisch-praktischen Unterricht genossen hatten.

Dieser Nachweis war namentlich für Amtsärzte (δημοσιεύοντες)

erforderlich, z. B. in Athen, wo sie nach Vorstellung der Kandidaten

von der Volksversammlung gewählt wurden.

Die Aerzte übten ihre Praxis (sowohl innere Medizin als Chirurgie)

teils an ihrem ständigen Wohnsitz aus, teils zogen sie umher als

Periodeuten. Die Kranken wurden entweder zu Hause behandelt oder in

den ärztlichen Werkstätten (ἰατρεῖα, ἰατρικὰ ὲργαστήρια), die auch

mit Krankenzimmern zur vorübergehenden Verpflegung verbunden waren.

Solche Iatreien errichteten größere Aerzte, welche von Gehilfen

und Schülern umgeben waren, auf eigene Kosten, oder dieselben

wurden für die Amtsärzte von den Gemeinden (besondere Steuern sind

inschriftlich nachgewiesen) erhalten. Vornehmlich dienten sie zur

Ausführung von Operationen und enthielten in ihren lichten Räumen

alle nötigen Instrumente, Schüsseln, Schwämme, Verbandmaterial,

Badewannen, Spritzen, Schröpfköpfe, Arznei- und Salbenbüchsen

etc. Schüler und Gehilfen, welche hier ihre Kenntnisse erwerben

oder vervollkommnen konnten, standen den Aerzten zur Seite und

nahmen auch leichtere Fälle (namentlich unbemittelte Patienten!)

selbständig in Behandlung; zuweilen begleiteten sie ihren Lehrer bei

Krankenbesuchen in Privatwohnungen. Auf ärztlichen Reisen nahm man

einen Handapparat mit, der aus den unentbehrlichsten Instrumenten,

Verbandzeug, Salben, Pflastern, Brechmitteln und Purganzen bestand.

(Solche Kästchen sind aufgefunden worden.) Außergewöhnliche Leistungen

wurden mit Dotationen, Steuerfreiheit, Bürgerrecht, Ehrendekreten,

goldenen Kränzen, Statuen u. s. w. belohnt. Beispielsweise berichten

Inschriften von derartigen Ehrungen, welche die dankbaren Mitbürger

dem ~Onasilos~, ~Euenor~ und ~Menokritos~ erwiesen haben.

Die berühmtesten Pflegestätten fand die rationelle Medizin

charakteristischerweise zuerst in den Kolonien, wo die intensivste

Befruchtung durch asiatisch-ägyptische Einflüsse stattfand, an Orten,

wo die ~Philosophie~ blühte oder ~Asklepiostempel~ bestanden. Zu den

ersteren zählten ~Kyrene~ und ~Kroton~, zu den letzteren die Schulen

von ~Rhodos~, ~Knidos~ und ~Kos~.

Zur Zeit Herodots erfreuten sich die Aerzte von Kroton und nach

ihnen die kyrenaischen des höchsten Ruhmes. Kyrene, Hauptstadt der

Landschaft Kyrenaia, eine Kolonie von Thera, dankte ihren Reichtum

dem Silphium (Gewürz- und Arzneipflanze, eine Art Narthex. L.), das

sie im Wappen führte und zeichnete sich durch Pflege der Philosophie

schon sehr frühzeitig aus. Kroton war Sitz der Pythagoreer und besaß

eine Aerzteschule. Die Aerzte von Rhodos, Knidos und Kos waren

~Asklepiaden~. Die Geschichte der rhodischen Schule, welche bald

unterging, ist in Dunkel gehüllt.

Auf den ersten Blick erscheint es schwer verständlich, wie sich eine

rationelle Heilkunde und freie Heilkunst auch im Schatten der Tempel

von Knidos und Kos entwickeln konnte, ungehindert durch die Theurgie

der Asklepiospriester. Das Befremdende der Tatsache schwindet aber,

wenn man erwägt, daß nicht die Priester Träger des Fortschrittes waren,

sondern die Tempelärzte, die sogenannten ~Asklepiaden~, welche in

historischer Zeit nur eine lose oder gar keine Beziehung zum Kultus

hatten und nach freiem Ermessen außerhalb des Heiligtums, ja sogar in

der Fremde ihren Beruf ausüben konnten. Jedenfalls in dem Jahrhundert,

welches dem Zeitalter des Hippokrates am nächsten liegt, sind die

knidischen oder koischen ~Asklepiaden nur eine scharf begrenzte Gruppe

der griechischen Aerzte~, welche sich von den übrigen durch eine

straffe Organisation charakterisiert, die in bestimmten Satzungen und

Formalitäten ihren Ausdruck findet. Diese liefen darauf hinaus, in der

Asklepiadenzunft nur solche Elemente zu vereinigen, welche durch die

gemeinsame Verehrung des Heilgottes, durch gleiche wissenschaftliche

Anschauungen eng aneinander gekettet, ihre Aufgabe in hervorragender

ärztlicher Tätigkeit erblickten und sich eidlich verpflichteten, die

Würde der Kunst zu erhalten, die Ethik bei der Ausübung des Berufes

zu wahren, Dankbarkeit gegen die Lehrer, brüderliche Gesinnung gegen

deren Nachkommen zu pflegen und die Profanation der Geheimnisse an

Unberufene zu verhüten.

Der Zug von ~familiärer~ Pietät, der im Bunde der Asklepiaden deutlich

hervortritt, und die ans Priestertum lebhaft erinnernde Geheimhaltung

der Lehren (die Mysterienvereinigungen z. B. in Eleusis oder der

Pythagoreerbund sind Analoga) stützten sich auf die Tradition, daß

die Asklepiaden ursprünglich eine Genossenschaft von Blutsverwandten

bildeten, die ihre ~Herkunft vom göttlichen Stammvater der Medizin~

ableiteten und ihre ~Kunst als Familienvermächtnis~ hüteten. Aeußere

Momente bewirkten es, daß diese Vereinigung von Blutsverwandten

sich allmählich durch Aufnahme von Fremden (ἔξω τοῦ γένους) zu einer

geistigen Familie von Aerzten erweiterte, aber auch diese bewahrte

unter dem Mantel altehrwürdiger Formen die Reinheit der überkommenen

Lehre und deutete noch durch mancherlei Aeußerlichkeiten, insbesondere

durch den Verbandssitz in Tempelorten, ihren ehemaligen Zusammenhang

mit dem Asklepiospriestertum an.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 18 / 54 段