So bedeutungsvoll die zahlreichen Pflanzstätten für die materielle

Kultur wurden, als Stützpunkte des Seehandels, als neu erschlossene

Absatzquellen des Gewerbefleißes, wichtiger noch war ihre

Rückwirkung auf das politische und Geistesleben des Mutterlandes. Im

befruchtenden Wechselverkehr, ja durch einzelne der heimkehrenden

Kaufleute, Kolonisten und Abenteurer wurden so manche Kenntnisse

von fernen Völkern, manche umgestaltende Anschauungen verbreitet,

die sich im harten Kampfe ums Dasein, unter neuen Verhältnissen,

unter dem Eindrucke der kritischen Vergleichung fremder Sitten

und Staatseinrichtungen und nicht am wenigsten infolge der bunten

Rassenkreuzung herausgebildet hatten. Die größere Freiheit im Urteil

regte Neuerungen auf allen Gebieten an oder erschütterte doch die

engherzigen Traditionen; politisch äußerte sich dies durch den

Uebergang des Königtums auf dem Wege der Adelsherrschaft und Tyrannis

in Demokratie.

Da der neugewonnene Boden am raschesten Fortschritt gestattete,

so erreichte die Kultur gerade an den ~Brennpunkten des Verkehrs~

den ersten Höhepunkt. Dies gilt namentlich für das ~ionische~

Kleinasien, welches die kommerzielle Verbindung mit Aegypten und dem

Orient herstellte. Die aus den verschiedensten griechischen Stämmen

zusammengesetzte, mit Karern und Phöniziern gemischte Bevölkerung

des kleinasiatischen Küstensaumes stand räumlich der orientalischen

Kultur am nächsten durch die Vorländer Lydien und Phrygien, sie empfing

babylonische Maße, Gewichte, astronomische Beobachtungsmittel am

frühesten und übertrug anderseits wieder griechische Sitte nach dem

Osten. In ~Ionien~ erblühte zuerst das Epos, die elegische Dichtung,

die Lyrik, hier nahm durch phrygische Einflüsse die Musik einen

bedeutenden Aufschwung, und gleich der Prägung der Münzen, wurde am

Berührungspunkte von Orient und Okzident auch im Reich des Gedankens

ein neuer Wertmesser geschaffen: die ~Kritik~. Diese reinigte den

Mythenkreis von wucherndem Unkraut (vergleichende Sagenkritik des

Hekatäus), eröffnete die rationelle Geschichtschreibung der Logographen

und ging bis zu den letzten Quellen des Wissens, zur Lehre von der

Erkenntnis.

Die ionische ~Naturphilosophie~, unter Führung des Thales, in dessen

Adern griechisches und phönizisches Blut floß, der babylonische

Gestirnkenntnis und ägyptische Geometrie vermittelte, erhob das Panier

der ~freien Forschung~ gerade zu rechter Zeit. Denn mit den fremden

Kultureinflüssen, mit dem Aufkommen des Bürger- und Bauernstandes in

den demokratischen Staaten machten sich Strömungen geltend, welche

dem Mystizismus unleugbar zutrieben. Hesiods Theogonie hatte der

homerischen Mythologie einen ernsteren, mehr sittlichen Anstrich

verliehen und manchen abergläubischen Ueberlieferungen der niederen

Stände Geltung verschafft; die zahlreichen künstlerischen Tempelbauten

seit dem 7. Jahrhundert hoben unzweifelhaft den religiösen Sinn, auch

fanden orientalische Kulte Eingang; der Subjektivismus, welcher in der

politischen Stellung des Bürgers, in der Dichtung und darstellenden

Kunst immer mehr hervortrat, fühlte lebhafter das metaphysische

Bedürfnis nach Göttern, die nicht nur dem Großen, dem Staat oder der

Gemeinde zugewandt bleiben, sondern auch der religiösen Inbrunst

des einzelnen Individuums zugänglich sind. Opferschau, Sühnopfer,

Totenkult nehmen zu; die Orakelsprüche steigen an Ansehen; in der

thrazischen Orphik, die im 6. Jahrhundert emporkommt und durch

symbolistische Umdeutung der Sagen im Geiste des Ostens Ansätze

zu einer Offenbarungstheologie bildet, in orientalischen Kulten

mit geheimnisvollen Mysterien, die den Unsterblichkeitsglauben

allegorisieren, findet der tiefere religiöse Drang wachsende

Befriedigung. Dem Zuge von Osten kommt ein ähnlicher vom Westen

entgegen in Form des Pythagoreismus, einer philosophischen Richtung,

die mit der mathematisch-physikalischen Weltanschauung die Lehre

von der Seelenwanderung, die autochthone und morgenländische Mystik

im Zeitalter des Buddha und Zarathustra wundersam zu einem festen

Bunde verknüpft. So wurde allenthalben der Keim des Wunderglaubens

ausgestreut und auch für Hellas der Grund gelegt zur Zwingburg des

freien Gedankens -- es fehlte nur an den richtigen Baumeistern!

Daß die ionische und ihre Nachfolgerin, die eleatische ~Philosophie~

mit ihrer auf freiester kosmogonischer Spekulation oder schrankenloser

Erkenntniskritik beruhenden Weltanschauung dem wachsenden

Mystizismus, den Ansätzen einer Theologie wirksam zu begegnen

und die ~Wissenschaft~, als ~eigene Kulturtätigkeit~, mit eigenen

Prinzipien und eigener Methode von religiösen Ueberlieferungen frei

zu machen vermochte -- ~diese tief einschneidende Cäsur zwischen

Orient und Okzident ist darauf zurückzuführen, daß es in Griechenland

zur Entwicklung einer organisierten, das gesamte geistige Leben

beherrschenden Priesterkaste nicht gekommen ist~. Die griechische

Wissenschaft verdankt ihren gewaltigen Vorsprung zum Teil dem

glücklichen Umstande, daß die Griechen die Weltanschauung, die

hochstehenden Leistungen der babylonisch-ägyptischen Priesterkaste auf

dem Gebiete der Mathematik, Geometrie, Astronomie, Naturkunde etc. mit

Wahlfreiheit benutzen konnten, ohne die Schranken beachten zu müssen,

welche die Herrschaft des Dogmatismus dem fessellosen Fortschritt

entgegenstellte; nur so konnten die Widersprüche der zunehmenden

Erfahrungserkenntnis mit ehrwürdigen Traditionen offen zu Tage treten,

nur so konnten sie auch auf positiv-wissenschaftlichem Wege beseitigt

werden. ~Mangels starrer politischer Konzentration~ entstand bei den

Hellenen keine Hierarchie -- nach Verstaatlichung der Kulte einzelner

Geschlechter wurden die Priester staatliche, der Volkswahl unterworfene

Funktionäre --, die Religion selbst erwuchs nicht von ~einem~ Punkte

aus zum geschlossenen System, sondern durch freien Zusammenschluß der

Stammeskulte, ohne unantastbare Dogmatik, ohne allgemein anerkannte

geschriebene Urkunde und bildete sich zum größten Teile außerhalb der

Priestergeschlechter weiter auf den Schwingen der Kunst und Poesie.

Waren schon die gottesdienstlichen Verrichtungen nicht ausschließlich

an einen bestimmten Stand gebunden, so fehlten auch alle

Grundbedingungen zur politischen Machtstellung des Priestertums

und damit zu seiner Führerrolle auf geistigem Gebiete. Rhapsoden,

Dichter, später Philosophen waren Träger der Geisteskultur. Am Ausgang

des 6. und im Beginne des 5. Jahrhunderts schien es allerdings, als

ob, vorbereitet durch den Mystizismus zahlreicher Wanderpropheten,

Weissager und Zeichendeuter, das Orakel von Delphi die Führerschaft

der hellenischen Welt erobern werde -- schon hoffte der Perserkönig,

daß die delphische Priesterschaft ihm in Hellas dieselben politischen

Dienste werde leisten können wie die geistliche Autorität in Aegypten

und Juda -- aber die Schlachten von Salamis und Platää erfochten

auch auf geistigem Gebiet die volle Freiheit des Griechentums und

verhinderten, daß die Wissenschaft wie im Orient völlig im religiösen

Dogmatismus aufging[2].

[2] Mit den Persern zugleich wurde die orientalische Magie in

Schranken gehalten. Welche Folgen eine Eroberung Griechenlands

durch die Perser für die Geistesfreiheit gehabt hätte, geht

daraus hervor, daß, nach dem Berichte des Plinius, der persische

Magier Osthanes, welcher Xerxes begleitete, überall wo er

hingekommen gleichsam den Samen seiner übernatürlichen Kunst

ausgestreut habe. Unter dem Drucke einer den Persern ergebenen

Priesterkaste wäre der Obskurantismus zur Herrschaft gelangt.

Von all diesen kulturellen Faktoren wurde am bedeutungsvollsten für

den Aufschwung der Medizin: die frühzeitige und dauernde ~Berührung mit

den älteren Kulturen des Ostens~, ohne daß dieser Vorteil auf Kosten

der selbständigen Entwicklung erkauft werden mußte (auf solchem Wege

kamen Arzneimittel, Heilmethoden und manche theoretischen Grundideen

aus Mesopotamien und Aegypten in die griechische Medizin), -- ~der

rivalisierende Wetteifer zahlreicher Bildungszentren~, in welchen der

überpflanzte oder selbst erworbene Erfahrungsstoff mit individueller

Eigentümlichkeit verarbeitet wurde, und namentlich -- ~der Mangel

einer geschlossenen gelehrten Priesterkaste~, welche, wie überall,

die Wissenschaft durch Verquickung mit den religiösen Anschauungen

zur Stabilität gezwungen hätte. So wird es verständlich, warum die

Heilkunst zuerst an der Peripherie von Hellas, besonders an Orten,

wo sie an vorgriechische Kulturen angeknüpft werden konnte oder

an Brennpunkten des Verkehrs zu jener Denkstufe gelangte, die sie

gleicherweise über die Empirie wie über den dogmatischen Formalismus

erhob, und warum sich die griechische Medizin so erstaunlich früh vom

Tempelkult loszulösen vermochte, um unter Führung der Philosophie,

im freiwaltenden Widerstreit empirischer, spekulativer, methodischer

Gegensätze Synthesen des medizinischen Wissens gleichsam organisch

aufzubauen.

Wo so viel Licht, dort konnte es auch an Schatten nicht fehlen! Die

Freiheit mit Maß zu gebrauchen, die Grenzen des Erkennbaren zu erfassen

und mit weiser Selbstbeschränkung darüber nicht hinauszustreben --

das war nur der Ausnahmsgestalt eines ~Hippokrates~ gegeben, welcher

nicht nur den Dogmatismus einer Kaste, sondern auch das Element

willkürlicher Spekulation ausschaltete. Den vorherrschenden Zug empfing

die griechische Wissenschaft weniger durch nüchterne Tatsachenforschung

und unbefangene Einzelbeobachtung als durch geniale ~Intuition~,

welche dem herrschenden Ideal umso näher kam, je weniger ihr vom Staub

der Empirie anzuhaften schien. Denn jener Künstlersinn, welcher den

Schweiß der Arbeit hinter seinen Schöpfungen verbirgt, belebt im Grunde

auch das wissenschaftliche Streben der Griechen. Und ebenso wie die

Plastik der Blüteepoche die vollendetsten ~Typen~ edler Menschlichkeit,

~keineswegs aber einzelne Individuen~ darstellt, so sucht auch der

Forscherdrang ~das Wesen der Dinge~ mittels plastischer Konzeption zu

ergründen, bevor noch eine annähernd genügende Menge kritisch geprüfter

~Einzelfakten~ ein grundlegendes Gesetz durchschimmern läßt.

In der sicheren Erwartung, daß aus einer befriedigenden Gesamtansicht

von selbst die Kenntnis der Einzelheiten hervorgehen müsse, tragen,

im Hinblick auf Mathematik und Astronomie, philosophische Denker

intuitiv erfaßte Ideen, aprioristische Prinzipien und späterhin

physiologisch-pathologische Verallgemeinerungen als Prämissen in die

Medizin hinein und teilen ihr, die noch lange im Stadium der Empirie

zu verharren hatte, vorschnell die ~Deduktion~ als souveräne Methode

zu.

Verdanken wir auch der klassischen Antike eine ansehnliche Reihe

mustergültiger Heilmethoden, eine erstaunliche Menge von Erfahrungen,

eine große Zahl von meisterhaften Krankheitsschilderungen, wurde

auch der Untersuchungstechnik die gebührende Aufmerksamkeit nicht

versagt; das Hauptziel, das den Gang der griechischen Medizin bestimmt,

bildet doch weniger die Erforschung der einzelnen Krankheiten als

die ~Spekulation über das Wesen der Krankheit~. Katastrophenartig,

durch den Subjektivismus unterbrochen, nicht in allmählicher ruhiger

Evolution verläuft daher ihre Geschichte, mit wechselndem Schauplatze

(~Hellas~, ~Alexandria~, ~Rom~), um schließlich in dem großen

Sammelbecken ~Galens~ pomphaft zu enden, und wenn auch nicht selten

die Unerfahrenheit Mutter der Weisheit ward, viele der herrlichsten

Geisteskräfte zersplitterten sich in grotesken Verirrungen, die manche

wertvolle Teilwahrheit verdunkelten.

Das große Ziel, das all den Denkern vorschwebte, ~die hippokratische

Kunst in eine systematische Wissenschaft umzuwandeln~, schien freilich

in dem Monumentalwerke eines ~Galen~ erreicht zu sein, und viele

Jahrhunderte glaubten, daß die Entwicklung der Medizin in dem großen

Arzte von Pergamon schon ihren Schlußpunkt gesetzt habe. Die nagende

Zeit mit ihren Fortschritten hat auch diesen Gedankenbau zerbröckelt

und nur so viel davon stehen gelassen, als tatsächlich auf Erfahrung,

auf wirklich biologischen Kenntnissen beruhte. Alles andere aber, was

seine Größe und Schönheit ausmachte, die rationelle Verknüpfung durch

philosophische Prinzipien und dialektischen Scharfsinn, die ganze

Syllogismentektonik ist dahingeschwunden. Unanfechtbar bleibt immerhin

der methodologische Wert! ~Nie~ wurde erhabener, nie wurde mit dem

Aufwand eines größeren Ideenschatzes der indirekte Beweis erbracht,

daß gerade die glänzendste spekulative Systematik dem Fortschritt

den Weg verbaut, daß die aprioristische Deduktion, soweit sie nicht

erfahrungsgemäß rektifizierbar ist, gefährliche medizinische Irrwege

eröffnet. Und so bleibt denn die Nachwelt nicht nur wegen der positiven

Errungenschaften, sondern auch wegen der Aufdeckung der Fehlerquellen

ewige Schuldnerin der Griechen.

Homerische Heilkunst und priesterliche Medizin.

Von der vorhistorischen Heilkunde der Hellenen ist anzunehmen, daß

sie aus der indogermanischen Urmedizin hervorgegangen, späterhin

den Charakter der Mykenäepoche trug, d. h. aus den benachbarten

Kulturländern Drogen und Heilverfahren aufnahm, welche namentlich

das seegewaltige Handelsvolk der Phönizier übermittelte. Empirie

und Theurgie sind die Elemente, aus denen sich überall die Anfänge

zusammensetzen, denn wenn Heilmittel im Stiche lassen, treten Gebete,

Besprechung, Opfer und sonstige Kulthandlungen an ihre Stelle. Auch

bei den Griechen entfaltet sich die Theurgie allmählich zu einem

System von mystischer Tempelmedizin, ohne aber die Entwicklung der

Erfahrungsheilkunst zu hemmen oder gar zu überwuchern.

Durch Homer erhalten wir den ersten Einblick in die griechische

Medizin. In den zahlreichen Schlachtenbildern findet der Dichter

Gelegenheit, Verletzungen der verschiedenen Körperteile realistisch zu

schildern und bei deren kunstmäßiger Behandlung (Ausziehen von Pfeil-

oder Lanzenspitzen, Blutstillung, Anwendung von schmerzstillenden

Arzneien, Verbänden, kräftigenden Heiltränken) zu verweilen. Es sind

zwar vornehmlich die tapferen Helden, gleichwie in der Sangeskunst auch

in der Heilkunst wohlerfahren, doch gedenkt die Ilias andeutungsweise

auch anderer Heilkundiger, welche mit dem Prädikate πολυφαρμάκος

ausgezeichnet werden, und die Odyssee kennt sogar bereits Berufsärzte,

die man gegen Entgelt, so wie die anderen Demiurgen (die Sänger, Seher

und Baumeister) von weither ins Haus ruft. Welches hohe Ansehen die

ärztliche Kunst genoß, erhellt aus dem berühmten Verse: ἰητρὸς γὰρ

ἀνὴρ πολλῶν ἀντἀξιος ἄλλων = denn ein Arzt wiegt viele andere Männer

auf.

Die homerische Heilkunst repräsentiert im wesentlichen noch

volkstümliches Wissen und Können. Schärfe der Beobachtung und Klarheit

des ursächlichen Denkens geben ihr das charakteristische Gepräge

-- soweit nicht mythische Erklärungsgründe die breiten Lücken des

damaligen Wissens ausfüllen mußten. Letzteres war namentlich bei den

spärlich erwähnten inneren Krankheiten der Fall, die vorwiegend auf

den Götterzorn zurückgeführt werden (Seuchen, Melancholie). In der

homerischen Chirurgie überrascht die Exaktheit, mit der die Folgen

bestimmter Verletzungen vorher erkannt wurden.

Die Entfernung der Geschosse wurde, wenn das einfache Ausziehen

mit Schwierigkeiten verbunden war, durch Erweiterung der Wunde oder

Ausschneiden bewerkstelligt; von chirurgischen Instrumenten ist bloß

das gewöhnliche Messer genannt; die schmerzstillenden Substanzen,

z. B. Wurzeln, streute man entweder in Pulverform auf oder wendete

sie in Form von Umschlägen an; als Stärkungsmittel diente für die

Verwundeten eine Mischung von Pramnischem Wein mit Zwiebeln, Honig,

geschabtem Ziegenkäse und Mehl. -- Die anatomischen Kenntnisse

des homerischen Zeitalters -- die Nomenklatur zählt 150 Worte --

beruhten nebst der Opferschau (in ältester Zeit auch Menschenopfer)

zum großen Teile auf den Beobachtungen bei der Pflege Verwundeter

(namentlich solcher mit Frakturen, Verrenkungen etc.); ebenso war

es ein allerdings unvollkommener Erfahrungsschluß, wenn man das

Leben, den Lebensgeist (θυμὸς, ψυχὴ) als Hauch auffaßte und in das

Zwerchfell (φρὲνες) verlegte, dessen Verletzung als tödlich erkannt

wurde. -- Als Heilkundige erscheinen in den homerischen Gesängen vor

allem die tapferen Helden, welche sich gegenseitig Hilfe leisten:

~Achilleus~, der seine Kunst dem weisen Kentauren Cheiron verdankt,

~Patroklos~, ~Nestor~, namentlich aber ~Machaon~ und ~Podaleirios~,

die beiden Söhne des ~thessalischen~ Fürsten Asklepios; neben ihnen

sind auch Frauen erfahren in der Heilkunde, wie in der Krankenpflege:

die Zauberin Kirke, die Kräuterkennerin Agamede und Helene, welche

bezeichnenderweise der ~Aegypterin~ Polydamna so manches Arzneimittel

verdankt, besonders das φάρμακον νηπένθες, den Heiltrank, der jedes

Leid vergessen macht (wahrscheinlich ~Opium~). -- ~Nicht zu übersehen

ist es, daß Homer mit seinem übrigen Bildungsschatz auch das hoch

entwickelte volkstümliche medizinische Wissen allen späteren Zeiten

übermittelte!~

Es bildet eine überraschende Tatsache, daß in der Ilias zwar vom Zorn

des Pest sendenden Apollon, von Entsühnung die Rede ist, keineswegs

aber ein Heilverfahren mit abergläubischen Sprüchen oder Beschwörungen

verbunden wird, -- selbst der Götterarzt Paieon heilt nur mit Balsam

die Wunde des Ares; erst in dem jüngeren Heldengedicht, in der

Odyssee, welche einer schon vorgerückteren Kulturepoche entspricht und

die Anfänge des städtischen Lebens schildert, kommt die Besprechung

(ἐπῳδαί) als Hilfsmittel bei der Wundbehandlung vor (Episode von der

Eberjagd auf dem Parnaß). ~Dies zeigt schlagend, daß der Mystizismus,

als erste Form der Theoriebildung, der Empirie im historischen

Werdegang erst nachfolgt und anfangs gerade mit dem Aufschwung der

Kultur zunimmt.~

Blickt man durch den Schleier hindurch, so bergen auch die meisten

griechischen Mythen, soweit sie auf Medizin Bezug nehmen, einen

ganz rationellen ~empirischen~ Inhalt, der nur phantastisch verhüllt

ist. Der sagenhafte Melampus heilt z. B. den impotenten Iphiklus mit

Eisenrost, die drei wahnsinnigen Töchter des Proetus mit Nieswurz,

Bädern, Bewegung; des Herakles Hautleiden wird durch Schwefelbäder

vertrieben, des Minos ansteckende venerische Krankheit wird durch

ein Ziegenblasenkondom unschädlich gemacht u. s. w. Die Unwissenheit

erkennt nicht den Zusammenhang der einfachen, nüchternen Tatsachen,

glaubt vielmehr in ~Nebenumständen~ die Ursachen des „Wunders“ zu

erblicken und stattet dieselben phantastisch aus.

Deshalb finden in der nachhomerischen Literatur, von Hesiod angefangen,

immer häufiger abergläubische Heilgebräuche, Besprechungen, Amulette,

heilbringende Träume, krankmachende Dämonen u. s. w. Erwähnung, um

sich besonders in der Orphik des 6. Jahrhunderts mit ihrer Beobachtung

der Vorzeichen, peinlichen Tagwählerei und mystischen Formeln zu einem

ganzen System zu vereinigen. Diese Zunahme des Mystizismus erklärt

sich freilich aus den wachsenden Einflüssen des Orients und aus dem

Aufkommen der religiösen Anschauungen der niederen Volksschichten:

Dämonenglaube und Zauber mit Kräutern, Steinen, Worten (ephesische

Buchstaben), Amulette (zum Teil Reste vorgriechischer Fetische), die

den bösen Blick und Krankheiten bannen, Zauberringe gegen Schlangenbiß

etc. sind Projektionen dieser Denkrichtung, welche bis ins Zeitalter

des Peloponnesischen Krieges fortdauerte.

Unter den verschiedenen Formen, in welchen die Mystik zu Tage

trat, nehmen die ~Traumorakel~ die erste Stelle ein; sie befanden

sich zumeist in solchen Gegenden, wo die Götter durch auffallende

Naturerscheinungen ihre Macht vor Augen führten, z. B. in der Nähe

von Höhlen mit schädlichen, betäubenden Ausdünstungen, auf Inseln,

die häufig von Erdbeben betroffen wurden, in der Umgebung von heißen

Quellen u. s. w. Manche dieser Orakel erlangten auch Bedeutung im

medizinischen Sinne, insofern die Gottheit durch Traumoffenbarung

Heilung gewährte, wie das ~Plutonische~ Heiligtum bei Acharaka

in Lydien, wo die Priester auch statt der Kranken träumten, die

Wundergrotte des ~Trophonius~ zu Lebadea in Böotien, namentlich aber

das uralte Traumorakel des chthonischen Gottes ~Amphiaraos~ zu Oropos,

bei dessen Besuch sich die Kranken 3 Tage des Weines und 24 Stunden

aller Speisen enthalten mußten. Nahe bei dem letztgenannten Heiligtum

befand sich eine Quelle, welche zu Reinigungen oder Opfern nur dann

benutzt werden durfte, wenn jemand durch einen Orakelspruch geheilt

wurde; in diesem Falle war es üblich, eine silberne oder goldene

Münze in das heilige Wasser zu werfen und dem Gotte Nachbildungen der

geheilten Körperteile als Votivgaben zu weihen.

Die genannten und andere Kultstätten wurden aber nur ~nebenbei~,

keineswegs ausschließlich, von Kranken aufgesucht, so wie man sich

auch mit Gebeten um Heilung an jeden der Hauptgötter, namentlich an

~Apollo~, ~Artemis~ und ~Athene~ wenden durfte. Erst in nachhomerischer

Zeit entstand der Kult eines besonderen Heilgottes, dem keine andere

Funktion oblag, als Krankheiten zu heilen und die Gesundheit zu

erhalten, nämlich der Kult des ~Asklepios~ (Σωτήρ, Ἰατρός, Ὄρθιος,

Παιἀν), dessen Tempel die wichtigste, späterhin die einzige Stätte

der theurgischen Medizin bildeten und sich solchen Ansehens erfreuten,

daß sie sogar den Sturz der Olympier überdauern konnten.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 17 / 54 段