welche jedenfalls zur Zeit der Eroberung Mexikos auf eine sehr lange
Entwicklung zurückblickte. Die altmexikanische Heilkunst lag damals
in den Händen eines selbständigen, Aerztestandes, der in Mediziner
engeren Sinnes und Chirurgen zerfiel, von denen die Aderlasser
eine niedrigere Kategorie bildeten; die Geburtshilfe übten die, in
besonderem Ansehen stehenden Hebammen aus, das Sammeln der Simplicia
besorgten Arzneikrämer, welche auf dem Markte ihre Heilkräuter,
Salben und Wässerchen feilboten. Wo das empirische Können versagte,
traten eigene Zauberärzte auf den Plan, welche Meister in der Technik
des Suggestivverfahrens waren. Besonders hervorzuheben ist es, daß
die alten Mexikaner Hospitäler (speziell für invalide Krieger) und
Pflegestätten für Unheilbare besaßen.
Der erste theoretische Unterricht dürfte in den Kollegien der
Priesterschaft erteilt worden sein, welche als Trägerin des Kultus und
der Wissenschaft (Himmelskunde, Astrologie, Geschichte, Naturkenntnis
u. a.) die Erziehung leitete; die praktische Ausbildung, welche der
Jünger meist vom Vater empfing, bezog sich auf die Krankheitslehre,
Heilmittelzubereitung und Tätigkeit am Krankenbette. Besonders
bemerkenswert ist es, daß die Mexikaner, bei denen die beschreibenden
Naturwissenschaften zu bedeutender Blüte gelangten (die botanischen
und zoologischen Klassifikationen sind höchst anerkennenswert,
zur Förderung der Studien dienten unter anderem Menagerien),
botanische Gärten besaßen, welche sich durch die Mannigfaltigkeit
der Medizinalpflanzen auszeichneten; dieselben dienten den Aerzten zu
Studienzwecken, und wie ernst man dabei verfuhr, beweist die Tatsache,
daß man sogar kolorierte Pflanzenatlanten zusammenstellte. Wohl eher
auf Kuriositätenliebhaberei als auf wissenschaftliche Bestrebungen
ist es zurückzuführen, daß Montezuma sich in seinem Palast eine
lebende pathologische Sammlung hielt, in Gestalt von Mißgeburten,
Lahmen, Buckligen, Zwergen u. s. w. Ueber das Ausmaß der anatomischen
Kenntnisse der Azteken läßt sich heute noch kein Urteil abgeben, da
der als Quelle allein in Betracht kommende vorhandene anatomische
Text eben erst bearbeitet wird.
Die Mythologie der alten Mexikaner hatte einen stark medizinischen
Anstrich, die Medizin wurde auf göttlichen Ursprung zurückgeführt,
es gab eine eigene Göttin der Heilkunst, Personifikationen von
Krankheiten oder Heilmitteln, Gottheiten, die bestimmte Krankheiten
über die Menschheit brachten oder dieselben heilten. Feste zu Ehren
der Götter, Gebete, Opfer, Sühnungen, Kasteiungen, Weihgeschenke
dienten dazu, den Schutz der höheren Mächte zu erflehen oder ihren
Zorn zu besänftigen. Eigentümlich war den Azteken die rituelle
Blutentziehung aus den Ohren, den Augenlidern, der Nase, den Lippen,
den Armen. -- Substitution der Menschenopfer, welche freilich zur
Behebung von Seuchen auch in toto ausgeführt wurden. Die Ueberzeugung,
daß die Krankheiten Strafen der Götter oder Wirkungen von feindseligen
Zauberern (z. B. der „Wadenfresser“, der „Herzfresser“) sind, stützte
natürlich die ~Theurgie~ und medizinische Magie, ganz besonders aber
war -- wie bei den Orientalen -- die Geburtshilfe und Kinderheilkunde
von mystischen Gebräuchen aller Art durchsetzt. Von Rationalismus
zeugt anderseits die Lehre, daß gewisse Krankheiten durch Kälte
und Feuchtigkeit, schädlichen Einfluß des Windes, Potus, durch das
Trinken von über Nacht gestandenem Wasser, durch übermäßigen Koitus
oder Ansteckung entstünden.
Am Beginne der Kur gab man zumeist dem Patienten eine aus einer
Nieswurzart bereitete Arznei, um Ausscheidung zu bewirken, woran sich,
begleitet von Götteranrufung und allerlei religiösen Zeremonien, die
eigentliche Behandlung reihte. Um zu entscheiden, ob die Krankheit
heilbar oder unheilbar ist, ließ man den Patienten Nieswurzpulver
aufschnupfen; trat Niesen ein, so galt dies als günstiges Zeichen
(Prüfung auf die Erregbarkeit!). Der Arzt diagnostizierte wohl
aus der Beobachtung der Symptome das Leiden und verfügte über eine
erfahrungsmäßig erworbene Arzneikenntnis, den Hauptanhaltspunkt für
Prognose und therapeutische Eingriffe bildete aber ~die Astrologie~,
d. h. ~der Kalender~, der bei den alten Mexikanern als höchstes
Orakel galt. Ganz wie bei den alten Kulturvölkern wurden Gestirne,
bestimmte Tage, Körperteile und Heilmittel durch das System
der ~Korrespondenzlehre~ in Zusammenhang gebracht; die unseren
Tierkreisbildern vergleichbaren Tageszeichen regierten die einzelnen
Körperteile, je nach dem Zeitpunkt der Entstehung beurteilte man den
Krankheitsverlauf, je nach dem Tageszeichen wählte man die Heilmittel,
an den fünf letzten Tagen des Jahres (dies nefasti) durfte kein
Eingriff vorgenommen werden. Die magische Heilkunst prognostizierte
das Schicksal des Kranken auch aus dem Vogelflug, aus Tierstimmen
oder durch gewisse symbolische Handlungen (Loswerfen mit Maiskörnern,
Fadenknüpfen und Knotenlösen[24] etc.); in dieses Gebiet gehörte
auch das Heraussaugen der Krankheit (der „Würmer“, Fremdkörper),
die mystische Transplantation von fieberhaften oder kontagiösen
Krankheiten auf andere Personen u. s. w. Ein Mittel, um zur Diagnose
zu gelangen, bestand in schwierigen Fällen auch darin, daß man den
Patienten durch gewisse Arzneistoffe in den Zustand der ~somnambulen
Ekstase~ versetzte, in der Erwartung, daß das Medium dann selbst
seine Krankheit und deren Sitz bezeichne.
[24] Vergl. hierzu namentlich die Medizin in Mesopotamien.
Die Azteken unterschieden eine beträchtliche Zahl von
Symptomenkomplexen als selbständige Affektionen, worunter namentlich
verschiedene Harnleiden, venerische Affektionen (höchstwahrscheinlich
kannten sie nicht allein Gonorrhoe und Schanker, sondern auch
~Syphilis~) und Hautkrankheiten auffallen. In der Therapie spielten
Aderlässe, Skarifikationen, ~Bäder und Diät~ die Hauptrolle neben
der ungemein reichhaltigen ~medikamentösen~ Behandlungsweise.
Die Menge der pflanzlichen Mittel -- die mexikanische Botanik
beschrieb ungefähr 1200 Pflanzen -- ist nur der indischen oder
chinesischen vergleichbar und bildete das Hauptmaterial, aus welchem
die mannigfachen Arzneiformen bereitet wurden; die mineralischen
Stoffe traten in den Hintergrund, zu den animalischen zählten z. B.
Bestandteile der Viper, des Chamäleons, der Eidechse, der Schwanz
eines Beuteltiers, das Fleisch des Jaguars, Würmer, Insekten. Für die
oft aus zahlreichen Stoffen zusammengesetzten Arzneikompositionen
gab es Magistralformeln. Von äußeren Applikationen kannten die
alten Mexikaner auch Suppositorien, das Klysma, Einspritzungen (in
die Harnröhre), die Inhalation, Schnupf- und Riechmittel. Viele
Arzneipflanzen trugen einen Namen, welcher die spezifische Heilwirkung
bezeichnete, z. B. hieß das Spezifikum gegen nanauatl (Bubonen)
nanauapatli. Der Heilschatz umfaßte Brech-, Abführ-, Schwitzmittel,
Narkotika, Sedativa, Adstringentia, Antipyretika, sehr zahlreiche
~Abortiva~, ~Aphrodisiaka~, Diuretika und Hämostatika. ~Man
applizierte auch entfernt vom Locus dolens Revulsiva.~ Reich war die
Erfahrung über Gifte und Gegengifte, eines der beliebtesten Antidota
war die Dorstenia contrayerba, welche auch gemäß der ~Identifizierung
von Krankheitsagens und Gift als antitoxisches~ Prophylaktikum bei
Epidemien diente (dasselbe Mittel stand späterhin auch in Europa lange
Zeit in gleichem Sinne in Verwendung!). Das Prinzip der ~Isopathie~
kam in einem Universalgegengift zum Ausdruck, welches aus der Mischung
von allerlei animalischen Giften (Asche von giftigen Tieren) bestand.
Außerordentliches Lob spenden die spanischen Zeitgenossen --
sogar der große Eroberer Cortez -- der chirurgischen Gewandtheit der
mexikanischen Heilkünstler. Abgesehen von der Behandlung der Wunden,
Geschwüre, Verbrennungen, für welche sie zahlreiche Topika besaßen (z.
B. Balsamarten, Tabak-, Agavenblätter), verstanden es die Azteken, den
Aderlaß, Skarifikationen (mit den Stacheln der Agave) vorzunehmen,
und kannten die Naht (mit reinen Haaren). In Ermangelung des Eisens
waren die Instrumente aus Obsidian verfertigt. Abszesse inzidierte
man mittels Kreuzschnitt, ödematöse Schwellungen wurden skarifiziert.
Die größte Sorgfalt aber wandte man der Behandlung von Knochenbrüchen
zu. Nach Adaption der Teile legten die aztekischen Aerzte ~starre
Verbände~ an, welche gewöhnlich 20 Tage liegen bleiben; diese
Verbände bestanden zunächst aus einem zähen, sehr fest anhaftenden
Pflaster, darüber kamen Federn zur Deckung, sodann vier parallel
gestellte Täfelchen (Schienen), die mit Riemen befestigt wurden. Vor
größeren Eingriffen gab man dem Patienten ein Narkotikum, hingegen
wurde die Blutstillung nur durch intern gegebene oder äußerlich
applizierte Hämostatika versucht; die Anwendung des Glüheisens und der
Blutegel war unbekannt, bei der Reinigung der Wundhöhlen spielte als
Spülflüssigkeit auch der Urin eine große Rolle. Bemerkenswerterweise
ergänzte man auch in chirurgischen Fällen die Lokaltherapie durch
die Allgemeinbehandlung, so wurde z. B. jeder Patient, der einen
Knochenbruch erlitten hatte, auch venäseziert.
Die der Obsorge von Hebammen anvertraute Geburtshilfe, ebenso
wie die Kinderpflege war durchsetzt von religiös-abergläubischen
Maßnahmen, hinter denen sich aber mancher hygienisch-medikamentöser
Gedanke verbarg. Schon die Lebensweise der Schwangeren, ihre
Nahrung, Beschäftigung, Geschlechtsfunktion (Enthaltung vom
Koitus) wurde, wenigstens bei den Vornehmen, peinlich geregelt;
beim Eintritt der Wehen untersucht man wiederholt die Kindeslage,
nahm eventuell durch äußere Handgriffe eine Korrektion vor, gab
Medikamente, welche die Wehen verstärken, die Schmerzen vermindern,
Knochenbrüche des Kindes verhüten sollten, und nebstdem wirkte
ermunternder Zuspruch suggestiv. Erfolgte die Geburt in normaler
Weise, so durchtrennte man die Nabelschnur, brachte den Neugeborenen
unter religiösen Zeremonien ins Bad, skarifizierte ihn an den
Genitalien -- ~die Skarifikation hatte überhaupt bei den Azteken eine
religiös-hygienische Bedeutung~ -- und unterwarf die Mutter einem
strengen Regime, zu welchem auch wiederholte Ausspülung der Scheide,
Räucherungen, Bäder gehörten; mit noch größerer Vorsicht wurde der
Säugling umgeben, die vollständige Entwöhnung erfolgte erst nach zwei
Jahren. In den Fällen, wo die Geburt nicht normal von statten ging,
suchte man durch Gebete, Suggestion, Emmenagoga, äußere Wendung,
Erschütterung (Stöße zwischen die Schulterblätter) den günstigen
Ausgang herbeizuführen. Half dies alles nichts, so brachte man die
Gebärende in einen abgeschlossenen Raum, verdoppelte den Eifer in den
angegebenen Bemühungen und entschloß sich nach langem Warten, wenn
schon Anzeichen des Fruchttodes vorlagen, zur Embryotomie, welche
die Hebamme mit dem Steinmesser in der primitivsten Weise ausführte.
Zur Vornahme der Operation gehörte aber die Einwilligung der Eltern;
wurde sie verweigert, so konnte nur der Tod die Unglückliche
erlösen. Der Volksglaube stellte den Tod im Wochenbette dem Tod
auf dem Schlachtfelde als gleichwertig an die Seite und erwies den
Verstorbenen göttliche Verehrung, auch weil man fürchtete, daß sie
als Gespenster den Neugeborenen Schaden zu bringen suchen.
Auf verhältnismäßig hoher Stufe stand die ~Hygiene~, welche sich
auf das öffentliche und private Leben erstreckte und wenigstens
theoretisch waren strenge Gesetze gegen sexuelle Ausschweifungen und
Trunksucht erlassen. Die erstaunliche Entwicklung der Aztekenmedizin
frappiert umsomehr, da es bisher trotz der vielfachen Analogien mit
der orientalischen Heilkunde nicht gelungen ist, einen Zusammenhang
mit dieser nachzuweisen.
Weit weniger sind wir über die Medizin der anderen Kultur-
oder Halbkulturvölker Altamerikas unterrichtet, doch scheint die
aztekische Heilkunst den Höhepunkt bedeutet zu haben. Die ~Quiché~ in
Guatemala besaßen anerkennenswerte Erfahrungen in der Zahnheilkunde,
Augenheilkunde, Psycho- und Hydrotherapie; andere Stämme Zentral-
und Südamerikas waren mit der Diagnostik der Hautkrankheiten so
vertraut, daß sie bereits mehrere Arten von Dermatosen kannten und
mit bestimmten Namen belegten. Auf diesem Gebiete zeichneten sich
namentlich die alten ~Peruaner~ aus, deren realistische Darstellungen
von Hautaffektionen (auch Lepra und Syphilis) auf ~Tongefäßen~ das
größte Interesse erweckt. (Es bildet eine merkwürdige Erscheinung, daß
die peruanischen Plastiker, wenn sie menschliche Figuren darstellten,
stets häßliche pathologische Objekte wählten, was sich daraus erklärt,
daß ihnen alles vom Typus Abweichende, Abnorme, Verzerrte umsomehr
der Anbetung würdig zu sein schien, je garstiger es war.) Unter den
Inkaperuanern herrschte die Sitte, dem Kopfe des Neugeborenen durch
verschiedene Hilfsmittel (Brettchen, Binden, Schnüre etc.) eine
gewisse vorgeschriebene Form zu erteilen. Von dieser künstlichen
~Schädeldeformation~ gab es 4 Arten: es waren dies: der Rundkopf,
Breitkopf, der schmale, lange Schädel, der Spitzkopf. Die Sitte
dieser Kopfpressung soll deshalb eingeführt worden sein, damit die
Kinder (durch Beschränkung der intellektuellen Fähigkeiten) gehorsam
werden. (?) Was die Medizin im Inkareiche anlangt, so scheint dieselbe
weit weniger als in Mexiko entwickelt gewesen zu sein, weil trotz
schimmernder Außenseite das tyrannische Regierungssystem und der
Priesterdruck jede Selbständigkeit unterdrückte und den herrschenden
~Wunderglauben~ geradezu züchtete; die Azteken waren jedenfalls
ein kräftigeres und geistig gesünderes Volk als die Inkaperuaner.
Damit steht nicht im Widerspruch, daß bei ihnen die Baukunst, das
Kunstgewerbe (Weberei, Wirkerei, Keramik), die Technik zu hoher
Blüte gelangten. Die Mythologie kannte medizinische Gottheiten (z.
B. wurde dem Mondgott von den Frauen in Geburtsnöten geopfert), die
Priesterärzte kurierten teils durch Beschwörungen, Massage, Reiben,
Aderlassen, teils durch Vegetabilien in Abkochungen und Aufgüssen.
Der Aderlaß wurde gewöhnlich an den Venen der Nasenwurzel vorgenommen
mittels eines zugespitzten, scharfen Steinsplitters, der in ein
gespaltenes Hölzchen eingeklemmt und festgebunden war. Das gemeine
Volk schenkte in der Regel den alten Weibern Vertrauen oder eines gab
dem anderen irgend einen Rat oder ein Heilmittel, so daß die Epidemien
schrankenlos wüteten. Bei jeder ärztlichen Behandlung spielten die
Opfer eine große Rolle. Die Priesterärzte, sowie auch die Hebammen
gaben bei ihrem ersten Auftreten stets vor, daß sie durch eine
Erscheinung im träumenden Wachen zu diesem Geschäfte bestimmt worden
seien. Die Hebammen ließen ein etwa fingerlanges Stück Nabelschnur am
Kinde zurück; wenn dieser Rest abfiel, wurde er sorgfältig getrocknet,
aufgehoben und dem Kinde, wenn es erkrankte, als sicherstes Heilmittel
zum Saugen gegeben. -- Mißbildungen (Polydaktylie, Hasenscharte,
Wolfsrachen u. a.), Zwillingsgeburten etc. gaben zu abergläubischen
Vorstellungen (Omenlehre) Anlaß; Epileptiker wurden gerne in den
Priesterstand aufgenommen.
Die Medizin im klassischen Altertum.
Einleitung.
Die vergleichende Rundschau über die Heilkunde der orientalischen
Völker bietet, abgesehen von nationaler Färbung, ein einförmiges Bild,
mag der Blick auch über Jahrtausende hinwegschweifen.
Nach vielversprechender Anhäufung von Einzelkenntnissen und
Heilverfahren zwängt eine straff organisierte, meist priesterliche
~Gelehrtenkaste~ die zerstreuten Tatsachen in groß angelegte Synthesen,
welche der herrschenden unantastbaren Weltanschauung ihre Leitideen
danken und gleich dieser zu unverrückbar festgelegten ~Traditionen~
erstarren. Die Entwicklung vollzieht sich, wenn von einer solchen
gesprochen werden kann, in einer Welle, die so lange ist, daß sie
flach erscheint. Ohne den belebenden Pulsschlag einer kritischen, die
Grundlagen stets aufs neue prüfenden Methode wird die Wissenschaft
zur dogmatisch-phantastischen Gelehrsamkeit, die ursprünglichen
Gedanken verblassen, es bleibt nur die formbildende Hülle, und unter
dem Druck des ~Konventionalismus~, der die selbständige Schaffenslust
des einzelnen mit toten Regeln eindämmt, sinkt die Kunst zu einem, vom
Nimbus des Mystizismus verhüllten Handwerk herab. Der reine Trieb nach
tiefgründender Erkenntnis versandet im Utilitarismus, und demgemäß
dämmert, wie die gesamte Kultur, auch die Medizin dahin, unberührt von
jenem prometheischen Ringen, das dem Westen zum Fluch und zum Segen
gereicht.
Was an Gedanken und Erfahrungen vom Morgenland aufgespeichert worden,
mußte, um fortwirken zu können, in neue biegsame Formen gebracht
werden. Dies geschah auf dem Boden des freien, durch Traditionen nicht
gebundenen Griechenlands. Jahrtausende später als die orientalische
Heilkunde tritt die Medizin der Griechen in die historische
Perspektive, als Erbin uralter mesopotamisch-ägyptischer Ueberlieferung
und dennoch durch eine Welt des Geistes von ihr geschieden -- ein
Organismus mit reichster Differenzierung, dessen Lebensäußerungen
bis in die Gegenwart fortwirken. Unvermittelt durch klärende
Zwischenglieder reiht sie an die Literaturreste des Morgenlandes
jene unvergleichliche Schriftensammlung, welche den Namen des größten
aller Aerzte, des Hippokrates, tragend auf einem Teilgebiet die ganze
Schönheit, die ganze ~Freiheit des Griechentums~, wie ein Gegenstück
zum finsteren ~Denkzwang des Orients~ enthüllt. Hier erscheint die
Heilkunst auf einer Höhe, die nur vollwertigen ~Individualitäten~ zu
vertreten gegönnt ist, hier findet die schöpferische ~Spekulation~ nur
in den Argumenten der ~Kritik~, nicht in Dogmen, in Tatsachen, nicht
in Satzungen ihr Gegengewicht.
Lange galt die hippokratische Schriftensammlung, dieses
überragende Denkmal, weil es allein über den Fluß der Zeiten
hinübergerettet zu sein schien, als Anfang des wissenschaftlichen
Denkens in der Medizin, während es doch nur einen Gipfel der
griechischen Heilwissenschaft bezeichnet, welche unablässig
nach dem Ideal strebend, alle spätere Entwicklung schon im Keime
vorbildet, alle kommenden Richtungen andeutet. Der Jahrhunderte
lang währende historische Prozeß, der zu solchem Ergebnis führte,
liegt unseren Blicken noch mehr verhüllt als die stufenförmige
Entwicklung von orientalischen Vorbildern zu den Blüten der
hellenischen Kunst und Philosophie. Bisher sind nur wenige
Schrittsteine ermittelt, welche den Weg der orientalischen
Tradition durch die Anfangsstadien der griechischen Medizin bis
Hippokrates verraten.
Wie die Eigenart der griechischen Kultur nicht allein auf
Stammesvorzügen beruht, sondern vorwiegend aus einer merkwürdigen
Verkettung glücklichster Umstände, begünstigt von Zeit und
Oertlichkeit, hervorging, so leitet sich auch die überraschende
Sonderstellung der griechischen Heilkunde in letzter Linie von jenen
großen Momenten her, welche das gesamte Kulturleben mit dem Richtzug
zur Schönheit und Freiheit erfüllten. Die griechische Kultur floß
aus verschiedenen Rinnsalen zusammen. Gerade die ~Mischung und
Durchdringung von Gegensätzen~ jeder Art erzeugte die außerordentliche
Plastizität, welche der Volksanlage und erworbenen Geistesart
der Hellenen den weitesten Spielraum für ihre verstandesklaren,
formsicheren Schöpfungen gestattete. Durch neuere Forschungen, welche
die Entstehung einzelner Sagen (Kadmos, Danaos) und Traditionen,
die Herkunft mancher Kulte (Kabiren, Aphrodite, Adonis, Kybele) und
die Etymologie gewisser Ortsbezeichnungen ins volle Licht setzen,
ist es zweifellos sichergestellt, daß die Griechen schon während
ihrer Wanderung nach Kleinasien und Hellas sowie später nach ihrer
dauernden Niederlassung unter den ~kulturellen Einflüssen der mächtigen
Nachbarvölker~ standen, daß ihnen zu Lande die Chetiter, auf den
Inseln die Karer (Zypern, Kreta), zur See die Phönizier Naturprodukte,
Erzeugnisse des Kunstfleißes und manche geistige Errungenschaften
~Aegyptens~ und ~Mesopotamiens~ übermittelten[1]. Mit sidonischen
Mischkrügen, kyprischen Metallpanzern, mit linnenen Gewändern,
Kulturpflanzen und Haustieren fanden in friedlichem Handelsverkehr
orientalische Maße, Gewichte, orientalische Kunststile, die Schrift
und selbst so manche der Kulte und Götter des Morgenlandes Eingang in
die griechische Welt.
[1] Damit soll die überragende Eigenleistung der Hellenen nicht
in Frage gestellt werden; sie verstanden die aus dem Orient
übernommenen Elemente der materiellen Gesittung gleichwie die
Anfänge künstlerischer Tätigkeit in einer Weise fortzubilden
und zur Basis neuer Schöpfungen zu machen, wie dies am
Ursprungsorte nie erreicht werden konnte. Das hellenische
Volk gleicht in seiner Stellung zu den übrigen Nationen des
Altertums dem Genie, welches das Wissen oder Können seiner Zeit
durch ganz neue Assoziationen auf eine noch nicht dagewesene
Höhe erhebt.
Das Zeitalter der homerischen Helden entspricht nicht der Kindheit,
sondern blickt schon auf eine lange Epoche der Mykenäkultur zurück,
in welcher indogermanische Urkraft mit den Einwirkungen Aegyptens und
Babylons nach versöhnendem Ausgleich rang, in welcher das von außen
Ueberkommene, entsprechend den lokalen Verhältnissen, unter Anpassung
an die eigene Stammestradition selbständig umgestaltet wurde.
Schon frühzeitig macht sich veredelnder Schönheitssinn, Weitblick
und Klarheit der Vorstellungen, ja sogar eine tiefe Ahnung der
unerschütterlichen ~Gesetzmäßigkeit des Weltgeschehens~ bemerklich --
Geisteszüge, welche den heiteren Himmel, die helle Luft, die weiten
und doch scharfumrissenen Horizonte, die mannigfache und doch stets das
Ebenmaß einhaltende Natur Griechenlands widerspiegeln. Darum fallen die
Tierköpfe ab von den Göttergestalten, die Kunst beginnt mehr in der
harmonischen Gliederung ihr Ideal zu suchen, als das Erhabene durch
überschwengliche Phantastik oder gigantische Kolossalität der Massen
anzudeuten, und die Mythologie der homerischen Gesänge stellt, frei
von Mystizismus und düsterem Grauen, sogar die Allmächtigen unter das
unverbrüchliche Gebot der schicksalbringenden Moira.
Nach dem Vordringen der Dorer und Ionier, denen die Führerrolle
zufallen sollte, machte die ursprüngliche Gleichförmigkeit der
Achäerkultur jener vielgestaltigen ~Eigenentwicklung der hellenischen
Bruderstämme~ Platz, welche die Zerrissenheit des Landes in zahlreiche
Bergkantone als ~Stätten ausgeprägten Sonderlebens~ gleichsam von
vornherein vorgezeichnet hatte. Einerseits ~ungestört durch gewaltsame
äußere Eingriffe~ -- denn die relative Unergiebigkeit des Landes
mit seinen natürlichen Schutzwällen lockte nicht zum Angriff --
anderseits vor Erstarrung bewahrt durch das allseitig eindringende
~Meer~ mit seinen wechselnden Eindrücken, mit seinem Ansporn zum
Handel und Seeverkehr, vollzog sich die Entwicklung in stetigem Flusse
und zugleich mit reich abgestufter Individualität, unter zunehmender
~Arbeitsteilung~, unter fortwährender ~Steigerung der Begabung~ infolge
der Kreuzung von Familien der Schiffer, der Handwerker und Jäger, der
Ackerbauer und Hirten.
Doch die angehäuften Spannkräfte bedurften eines größeren
Wirkungskreises, als das kleine Land ihnen bot; Griechenland
mußte entsprechend der zunehmenden Volksmenge und ihrer steigenden
Bedürfnisse schon sehr frühzeitig über seine Grenzen hinauswachsen
durch Gründung von Pflanzstätten. Schon im 8. Jahrhundert hatte das
hochstrebende Milet eine befestigte Faktorei am Nil, und im gleichen
Zeitraum wurden an der Ostküste des Schwarzen Meeres und in Sizilien
die ersten Niederlassungen gegründet; in der Mitte des 7. Jahrhunderts
legten Ansiedler von Thera die Stadt Kyrene an der Nordküste Afrikas
an. In rascher Folge entsteht ein Kranz von ~Kolonien~, der sich vom
äußersten Osten zu den Säulen des Herkules erstreckt.