traurigen Unterrichtsverhältnissen, die höchstens den Schatten
einer einst blühenden Organisation darstellen. Während es zur
Zeit der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.) im ganzen Reiche stark
frequentierte, von Forschern geleitete Schulen gab, und während das
Prüfungswesen seit dem 13. Jahrhundert festen Normen unterworfen
war, existiert heute nur ein kaiserlicher Medizinalhof in Peking,
mit der Bestimmung, durch theoretischen Unterricht Amts-, Hof-
und Leibärzte heranzubilden, und die ärztliche Praxis gilt als
freies Gewerbe, ohne Prüfungszwang, das jeder -- oft nur als
Nebenbeschäftigung oder aus Liebhaberei -- ausüben kann. Um den
Unterricht und den Befähigungsnachweis kümmert sich die Regierung
nicht; die Fortentwicklung der Wissenschaft aber unterbinden der
Medizinalhof (welcher als Hüter der alten medizinischen Klassiker
für die Einhaltung der Lehren der Schulmedizin sorgt) und das
Strafgesetz, welches jede Abweichung von dem Kanon aufs strengste
bedroht. Mit Ausnahme der Mitglieder des Medizinalhofes, die den
Rang von Mandarinen (7.-4. Klasse) besitzen, gehören die Aerzte
(I-scheng = Herr Arzt) zum Volke und stehen sozial zwar über den wenig
angesehenen Priestern, aber unter den Geomanten und Schullehrern.
Die reguläre Ausbildung erfordert es, daß sich der Kandidat
zuerst hinreichende theoretische Kenntnisse aus den medizinischen
Klassikern erwirbt, sodann unter Leitung eines erfahrenen Praktikers
die Krankenuntersuchung (namentlich das Pulsfühlen) und die
Behandlungsweise erlernt; 2 Jahre sind hierzu mindestens erforderlich.
Am meisten Vertrauen bringt man jenen entgegen, die aus Aerztefamilien
stammen, die väterliche Unterweisung genossen haben und auf die
größte Zahl von Berufsahnen hinweisen können. Zu den Nachkommen aus
Aerztefamilien, deren es viele gibt, gesellt sich eine Unmenge von
Literaten, die im Staatsdienst keine Versorgung finden und daher
zu einem anderen Erwerb greifen müssen, abgesehen von Autodidakten
und Scharlatanen aller Art. Das Spezialistentum ist in China sehr
entwickelt, es gibt Aerzte für innere, äußere und Kinderkrankheiten,
daneben solche für Frauen-, Augen-, Zahnkrankheiten, Ausschläge etc.
Offiziell waren unter der Ming-Dynastie 13 Zweige der Heilkunst
anerkannt, später wurden dieselben auf 11, gegenwärtig auf 9
reduziert: 1. Krankheiten der großen, 2. Krankheiten der kleinen
Blutgefäße, 3. Fieber, 4. Frauenkrankheiten, 5. Hautkrankheiten, 6.
Fälle von Akupunktur, 7. Augenleiden, 8. Hals-, Mund-, Zahnleiden,
9. Knochenleiden.
Ständige Hausärzte haben nur die Mandschu. Im allgemeinen ist
das Honorar sehr gering und wird oft pauschaliter oder für die
verabreichten Medikamente entrichtet. Die Literaten behandeln sich
meistens selbst nach den Büchern, außer in schweren Fällen. Das
Volk, welches dem Stande hohe Achtung entgegenbringt (man spricht
von dem „Meister der Medizin“, dem „erhabenen Heilkünstler“ etc.),
sucht ärztliche Hilfe häufig auf. Ständige Hausärzte haben aber
nur die Mandschu, sonst besuchen die Aerzte die Kranken nicht
fortlaufend, sondern nur auf wiederholte Einladung -- eine Sitte,
die natürlich eine wirkliche Beobachtung des Krankheitsprozesses
und der Arzneiwirkung unmöglich macht. Den wichtigsten Teil des
Krankenbesuchs, der gewöhnlich Morgens abgestattet wird, bildet,
abgesehen von den einleitenden Zeremonien der Etikette, die
Pulsuntersuchung, während der Anamnese weit weniger Aufmerksamkeit
zugewendet wird.
Was die ärztliche Ethik anlangt, so heißt es in einem zur Zeit
der Ming-Dynastie verfaßten Werke: Der Arzt soll stets folgendes
beherzigen: „~Wenn jemand schwer krank ist, so behandle ihn, wie du
selbst behandelt sein möchtest.~ Wenn dich jemand zur Konsultation
ruft, so gehe unverzüglich zu ihm und säume nicht. Bittet er dich um
Medizin, so gib sie ihm sofort und frage nicht erst, ob er reich oder
arm ist. Brauche immer dein Herz, um Menschenleben zu retten und alle
zu befriedigen, so wird dein eigenes Glücksgefühl gehoben. Mitten
im Dunkel der Welt gibt es sicher einen, der dich beschützt. Wenn du
Gelegenheit hast, zu einem akut Erkrankten gerufen zu werden und du
nur mit aller Gewalt darauf bedacht bist, viel Geld herauszuschlagen,
wenn du also dein Herz nicht in Nächstenliebe schlagen läßt, so gibt
es im Dunkel der Welt sicher einen, der dich bestraft. Ich kannte
einen ausgezeichneten Arzt, Chön-in-ming mit Namen. Die Buddhisten
und Taoisten, arme Bücherleser und Soldaten, Mandarine, Beamte
und alle Klassen von Armen kamen zu ihm, um sich von ihm heilen zu
lassen. Von keinem nahm er Honorar an. Ja, er gab ihnen sogar eine
Geldunterstützung und Reis. Auch zu den ärmsten Patienten ging er,
wenn er gerufen wurde. Gaben ihm reiche Leute ein Honorar für seine
Medikamente, so fragte er nicht, ob viel oder wenig. Er versah sie
reichlich mit Heilmitteln, um sie sicher zu kurieren. Auch kalkulierte
er nicht in seinem Herzen, daß sie noch einmal kommen sollten, um ihn
für eine neue Gabe Medizin noch einmal zu bezahlen. Schwerkranken,
von denen er wußte, daß sie nicht mehr gerettet werden konnten, gab
er doch gute Mittel, um ihr Herz zu trösten, und nahm dafür keinen
Lohn. So kann man mit Recht sagen, daß er unter allen Aerzten an
erster Stelle steht. Als eines Tages mitten in der Stadt eine große
Feuersbrunst ausbrach, welche alles verzehrte, da war sein Haus das
einzige, welches inmitten der Verwüstung verschont blieb. Einst brach
eine große Rinderpest aus. Da blieben von allen Wasserkühen nur die
auf seinem Lande am Leben. Die Geister schützten ihn und waren seine
Hilfe, das ist klar erwiesen. Sein Sohn war ein Bücherleser und war
stets der erste, den man weiter empfehlen konnte. Er hatte auch zwei
oder drei Enkel, groß und stark, strotzend von Gesundheit, prächtige
Burschen. Der Himmel segnet die Tugendhaften, das steht fest. Würde
er stets nach Geld getrachtet und nicht sein Herz gefragt haben, so
hätte er alles verloren. Was er zusammengescharrt hätte, würde nicht
genügen, seinen Verlust zu decken. Wie sollten sich die Kollegen da
nicht warnen lassen? Wenn sie immer mit ganzem Herzen ihrem Beruf
nachgehen, so werden sie einst an den reinen Ort kommen und werden
ein Leben erster Klasse führen. Falls jemand krank ist oder einen
Kummer hat und von seinem Arzt ermahnt wird, an den Ort der Seligen
zu denken, so wird er ihm gewiß Glauben schenken. Der Kranke wird ein
großes Gelübde ablegen, gutes zu tun oder zu verbreiten, um seine
früheren Sünden so wieder gut zu machen. So hofft er, daß er von
seiner Krankheit wieder genesen wird. Sicher wird sich dann erfüllen,
um was er gebeten hat. Wenn ihm aber doch bestimmt ist, zu sterben, so
wird sein Wunsch auch erfüllt werden, denn er geht heim und lebt am
Orte der Seligen. Wenn du, selbst gut, immer die Menschen ermahnst,
sich zu bessern, so wirst du nach diesem Leben in der Metamorphose
nicht nur zur ersten Klasse der Menschen gehören, nein, es werden
auch die Menschen auf der Welt dich ehren und preisen. So wird Glück
ohne Ende dich begleiten.“
Der Einfluß der chinesischen Medizin erstreckt sich über die Grenzen,
welche das Reich der Mitte umschließen. Er läßt sich z. B. in der
Heilkunst der ~Annamiten~ und ~Siamesen~ nachweisen, deren Kenntnisse
allerdings im allgemeinen die Höhe ihrer Lehrmeister nicht zu erreichen
vermochten.
In Annam werden chinesische Aerzte den einheimischen vorgezogen,
die medizinischen Werke sind Kompilationen aus der chinesischen
Literatur; in dem Hauptwerke der siamesischen Medizin heißt es, daß
die Frau fünf Blutarten besitze, von denen eine jede zu Krankheiten
führen könne. Die Heilkunde beider Völker enthält übrigens -- da die
Buddhisten Vermittler waren -- viel Indisches neben der autochthonen
Empirie und Theurgie. Gleich den ~Malaien~ schreiben die Siamesen
die meisten Krankheiten dem Winde oder dem Ueberwiegen eines der den
Körper konstituierenden Elementarstoffe (Luft, Feuer, Wasser, Erde)
zu.
Im Norden bildete ~Korea~, welches die beste Sorte der Ginsengwurzel
liefert, eine Hauptkolonie für die chinesische Heilkunst, zugleich
aber das Vermittlungszentrum zur Verbreitung nach Japan.
Bevor nämlich die europäische Kultur im Lande des Mikado Einlaß
fand, bedeutete China für Japan das, was Hellas einst für Rom
gewesen: die Quelle aller höheren Gesittung und Bildung. Lange Zeit
empfing „das Land der aufgehenden Sonne“ die Keime chinesischer
Wissenschaft und Religion, Kunst und Technik nur auf dem Umweg über
Korea, mit dem es in nächster Beziehung stand; erst der Umschwung
der politischen Verhältnisse bahnte den direkten Verkehr zwischen
den beiden bedeutendsten Völkern Ostasiens. Dieser Verkehr gab auch
der chinesischen Heilkunst eine neue Heimstätte in Japan, wo sie im
9. Jahrhundert die einheimische Medizin völlig verdrängte und nicht
ohne eigenartige Weiterentwicklung bis in das letzte Drittel des
verflossenen Jahrhunderts herrschend blieb.
Was die europäische Medizin in neuester Zeit in Japan überwunden
hat, ist im wesentlichen nichts anderes als chinesische Medizin.
Vor und eine Zeitlang neben dieser gab es eine uralte autochthone,
~altjapanische~ Heilkunde, welche frei von Spekulationen, gestützt
auf primitive Beobachtung, eine ansehnliche Zahl von Affektionen
unterschied und über einen umfangreichen, meist aus einheimischen
Arzneipflanzen bestehenden, Heilschatz gebot. Nach der Legende waren
es zwei Götter, welche viele Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung
die Heilkunde einführten, indem sie die Bereitung von Arzneien
lehrten; in dieser mythischen Epoche sollen sogar Tierversuche
mit Medizinalpflanzen und anatomische Zergliederungen an Affen
vorgenommen worden sein. Die altjapanischen Aerzte kannten vier
Pulsarten, stellten ihre Diagnosen auf Grund von Beobachtung, Befragen
und Befühlen, beherrschten die einfachsten chirurgischen Methoden
(Schnitt, Verband) und verordneten bittere, adstringierende Substanzen
gegen Durchfall, diuretische gegen Harnleiden, kalte Bäder gegen
Fieber, Schwitzmittel gegen Erkältungskrankheiten. --
Die Invasion der chinesischen Medizin begann (abgesehen von
vereinzelten Versuchen, deren Beginn bis auf das 2. vorchristliche
Jahrhundert zurückdatiert wird) im 3. Jahrhundert n. Chr. Von dieser
Zeit an entwickelte sich nämlich ein sehr lebhafter Verkehr mit Korea,
der als bedeutungsvollste Frucht chinesische Kultur und damit auch
die chinesische Heilkunst (wenn auch aus zweiter Hand) nach Japan
brachte. Berief anfangs zwar nur der Hof die fremden Heilkünstler,
so kamen doch unter seinem Schutze immer häufiger, immer zahlreicher,
koreanische Aerzte ins Land, um als Instruktoren zu wirken und junge
Talente mit der chinesischen Wissenschaft vertraut zu machen -- ein
Bestreben, das durch die einwandernden chinesischen Buddhisten gewiß
sehr gefördert wurde. Ende des 7. Jahrhunderts fing man bereits an, in
der Hauptstadt und in den Provinzen Medizinschulen unter koreanischer
Leitung zu errichten und mit staatlicher Unterstützung strebsame junge
Leute nach China zu Studienzwecken an Ort und Stelle zu entsenden.
Hierdurch erhielt die chinesische Medizin in Japan einen offiziellen
Charakter, während die einheimische zunehmend an Geltung verlor, in
die kulturfremden Dörfer, in das Dunkel der Schintotempel flüchtete
und zur -- Volksmedizin herabsank. Zeitweilig mag es zwar nicht an
nationalen Reaktionsbewegungen gefehlt haben, und eine solche kam
z. B. darin zum Ausdruck, daß im Beginn des 9. Jahrhunderts auf
kaiserlichen Befehl eine Sammlung der altjapanischen Heilvorschriften
und Rezepte veranstaltet wurde. Doch es war zu spät, das mit vieler
Mühe herausgegebene Werk Daido-rui-schiu-ho (nach Klassen geordnete
Rezeptsammlung aus der Periode Daido) blieb ein literarisches Denkmal
ohne realen Einfluß und geriet überdies bald in Vergessenheit (erst
im 19. Jahrhundert wurde es angeblich aufgefunden und ans Licht
gezogen). Die chinesische Heilwissenschaft bürgerte sich vom 9.
Jahrhundert an vollkommen ein; ein blühendes Unterrichtswesen (an dem
sich auch die Frauen beteiligten) sorgte für ihren Bestand, und auch
für ihre Beliebtheit im Volke wirkten die neu errichteten Hospitäler
und Anstalten, wo Arzneien an Arme verteilt wurden. Während der
schrecklichen Bürgerkriege, welche vom 12. bis zum 16. Jahrhundert
das Land zerwühlten, verfiel die Medizin zwar sehr, ohne aber würdiger
Vertreter ganz zu entbehren. Im Beginn des 16. Jahrhunderts erwachte
sie aus ihrer Erstarrung und wiewohl im allgemeinen die Richtung der
chinesischen Lehrmeister noch lange Zeit maßgebend blieb, so erkühnten
sich doch bereits einige ärztliche Denker, an den Doktrinen kritisch
zu rütteln und neben der eigenen Erfahrung so manche Ueberbleibsel
aus der altjapanischen Medizin wieder zur Geltung zu bringen.
In der älteren Zeit widmeten sich dem ärztlichen Berufe in Japan
fast nur die Angehörigen der vornehmsten Kreise, aus dem niederen
Stande höchstens alte Leute. Das im Anfang des 17. Jahrhunderts
eingeführte Feudalsystem, das erst 1868 sein Ende fand, unterschied
Fürstenärzte und Volksärzte. Die ersteren, streng hierarchisch
gegliedert (Aerzte des Mikado, des Shogun, der Daimio), gingen aus
der Adelskaste hervor und setzten sich aus den zum Kriegsdienst
untauglichen Mitgliedern derselben zusammen; letztere gehörten dem
gemeinen Volke an. Beide besaßen dieselbe (langärmlige) Amtstracht,
die Fürstenärzte trugen aber das auszeichnende Schwert, später eine
Scheinwaffe. Während die Fürstenärzte je nach dem Range feste Bezüge
hatten und mit allerlei Titeln dekoriert wurden, lieferte man die
Volksärzte der Großmut der Patienten aus, indem man die Bestimmung des
Honorars diesen gesetzlich überließ. „Wenn die Jünger der Heilkunde
auch,“ so hieß es, „die Krankheiten geschickt heilen und Erfolge
haben, so dürft Ihr ihnen doch keine großen Einkünfte verleihen, denn
sie würden dann ihren Bedarf vernachlässigen.“ Das durchschnittliche
Honorar betrug das 2-4fache des Medikamentenpreises, der den Aerzten
außerdem für die stets selbstbereiteten Arzneien erstattet wurde. Um
zu seinem Rechte zu gelangen, konnte sich der bedrückte schutzlose
Arzt nur einer Waffe bedienen -- der Schmeichelei. Diese konnten
schon die Jünger der Heilkunde erlernen, wenn sie ihren Meister bei
seinen Krankenbesuchen -- wie es üblich war -- begleiteten.
Wenig begabt, eine selbständige Kultur zu schaffen, hingegen
ungewöhnlich befähigt für die Assimilation fremder Bildungselemente,
eigneten sich die Japaner sehr rasch das Wesentlichste der
chinesischen Medizin aus den Hauptwerken an und produzierten
eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur, welche vollkommen
den Vorbildern entspricht. In der Theorie konnte die japanische
Geisteseigentümlichkeit, abgesehen von textkritischen Erörterungen oder
erklärenden Zusätzen, wenig zur Geltung kommen -- denn die Fesseln des
chinesischen Systems machen eine weitere Entwicklung der Spekulation
unmöglich --; die Praxis aber, welcher die japanischen Aerzte bei
ihrer realistischen Veranlagung ohnedies gewiß das meiste Interesse
entgegenbrachten, scheint wenigstens hie und da eine eigene, lokale
Färbung angenommen zu haben, wobei die Traditionen der verblaßten
autochthonen Heilkunde den Hintergrund bildeten. Dahin zählten z. B.
die häufige Anwendung von schweißtreibenden Mitteln bei Katarrhen
und der Gebrauch von heißen Bädern, wobei namentlich die heißen
Mineralquellen des Landes in Betracht kommen.
~Die Moxibustion~ (mit Artemisia vulgaris auch zu prophylaktischen
Zwecken vorgenommen) und ~die Akupunktur~ (Drehnadeln oder mit
Kanüle versehene Schlagnadeln) sind auch in China die beliebtesten
therapeutischen Methoden, desgleichen ~die Massage~ (Streichen,
Drücken, Kneifen, Zupfen), welche mit großer Geschicklichkeit und nach
gewissen theoretischen Grundsätzen ausgeführt wird; für die Akupunktur
gibt es eigene Spezialisten, die Moxen werden nicht von Aerzten
gesetzt, sondern von niedrigen Leuten (besonders alten Weibern), die
Massage besorgen am besten blinde Kneter. Der Arzneischatz ist nach
dem Muster des chinesischen zusammengestellt; die Chirurgie blieb auf
primitiver Stufe (plumpe Verbände, Salben- und Pflasterbehandlung,
keine blutigen Operationen), bevor die europäische einwirkte;
eigenartig ist die japanische Zahnextraktion (zuerst Lockerung mittels
eines hölzernen Stöckchens und eines Hammers, dann Extraktion mit
den Fingern).
Seit dem 16. Jahrhundert begannen allmählich Emanzipationsbestrebungen
hervorzutreten, und zunächst zeigt sich wenigstens bei einzelnen
guten Beobachtern oder in einzelnen Gebieten der Medizin eine gewisse
Unabhängigkeit vom Dogmatismus der Chinesen. Repräsentanten der neuen
Richtung waren Manase Shokei und sein Schüler Tamba (welche Hitze
und Feuchtigkeit als wichtigste Krankheitsursachen betrachteten,
die Kuren mit Schwitzmitteln eröffneten und auf die Untersuchung des
Harns sowie der Fäces den größten Wert legten), ganz besonders aber
der große ~Nagata Tokuhon~. Dieser treffliche Beobachter -- dem man
geradezu das Ehrenprädikat eines japanischen Hippokrates beilegen
sollte -- betrachtete die Natur als den größten Arzt und vereinfachte
die komplizierte Therapie, ausgehend vom Gedanken, daß es im Wesen
nur darauf ankomme, die Naturheilkraft (riyō-no) zu unterstützen.
Bei dieser freien Auffassung kam er natürlich mit dem chinesischen
Formelzwang häufig in Konflikt und erkühnte sich beispielsweise,
Fieberkranken den Genuß von kaltem Wasser zu gestatten. Tiefe
Menschenkenntnis verrät es auch, daß Nagata Tokuhon Nervenkranke nicht
mit Arzneien plagte, sondern durch die psychische Beeinflussung zu
heilen suchte, nachdem er die Ursache des Leidens ergründet hatte: zum
Landmann sprach er vom fruchtbaren Regen, zum Mädchen von zukünftiger
Heirat, zur Frau von der baldigen Rückkehr des abwesenden Gatten.
Hier sei erwähnt, daß die von den Priestern des Shintoismus und
des Buddhismus vertretene theurgische Behandlungsweise zwar in der
älteren Epoche und späterhin bei den unteren Volksschichten eine
Rolle spielt, ohne aber jene Bedeutung wie in China zu erreichen.
Eine von der chinesischen ganz unabhängige, selbständige Ausbildung
erfuhr im 18. Jahrhundert ~die Geburtshilfe~, hauptsächlich deshalb,
weil sie der allgemeinen Praxis entzogen, in den Händen von eigenen
Spezialisten lag, die zum Teil auf rationellen Gebräuchen der
altjapanischen Medizin weiterbauten.
Schon in Altjapan wandte man der Behandlung Schwangerer größte
Sorgfalt zu. Es gab ein besonderes Geburtszimmer, in dem die Frau 3
Wochen vor und 3 Wochen nach der Geburt verweilte. In der zweiten
Hälfte der Schwangerschaft (und 5 Wochen nach der Entbindung)
wurde eine zweckmäßige Leibbinde getragen, und durch Reibungen des
Unterleibs auf die richtige Lage des Kindes einzuwirken versucht.
Während der Geburt und in den ersten 8 Tagen nach derselben kam
ein besonderer Geburtsstuhl zur Anwendung. Seit der Mitte des
18. Jahrhunderts nahm die Geburtshilfe bedeutenden Aufschwung
durch den ehemaligen Kneter und Akupunkturisten Kagawa Shigen.
Derselbe veröffentlichte 1765 ein grundlegendes Spezialwerk
San-ron (Abhandlung über die Geburt), in welchem er viele falsche
Anschauungen der Chinesen bekämpfte und manche gute Beobachtungen,
untermischt mit Vorurteilen, zusammenfaßt. Durch die Nachkommen
des Kagawa Shigen fanden die rationellen Bestrebungen eine würdige
Fortsetzung. Zu erwähnen wären folgende Einzelheiten: Geburtsstellung:
Knieellenbogenlage; Dammschutz; doppelte Ligatur der Nabelschnur,
Durchschneidung mit der Schere; Styptikum: Galläpfelpulver; Entfernung
der zögernden Nachgeburt durch Reiben des Unterleibs und Ziehen
am Nabelstrang, eventuell instrumentelle Extraktion; Stillen erst
vom 4. Tage an. Operationen: Extraktion bei Fußlage, Wendung auf
den Kopf durch äußere und innere Handgriffe, Wendung auf den Fuß
durch äußere und innere Handgriffe, Perforation und Dekapitation
(mit einem scharfen Schlüsselhaken). Seit dem Anfang des 19.
Jahrhunderts verwendeten die japanischen Geburtshelfer zur Extraktion
die Fischbeinschlinge. Ob das geburtshilfliche Instrumentarium auf
europäischen Einfluß zurückzuführen ist -- wiewohl derselbe erst seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts von Hindernissen aller Art befreit
wurde -- oder unabhängig davon erfunden worden ist, bildet noch eine
Streitfrage.
Derart vorbereitet, wurde Japan bald ein empfänglicher Boden für die
europäische Medizin, und wenn diese auch infolge außerordentlicher
Hindernisse nicht vor den drei letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts
zur Herrschaft gelangte, so lassen sich doch weit früher die Etappen
ihres allmählichen Vordringens, das mit der Missionstätigkeit der
Portugiesen begann und mit der Gründung der medizinisch-chirurgischen
Akademie in Tokio (1871), nach deutschem Muster, die Höhe erreichte,
deutlich erkennen. Heute hat die japanische Medizin ihre Sonderstellung
aufgegeben, sie ist ein würdiges Mitglied im Bunde der Weltmedizin
geworden.
Die Japaner nahmen einstens die chinesische Kultur zwar mit
virtuoser Rezeptivität äußerlich an, in Ermangelung einer besseren
und geblendet von ihrer Superiorität, aber im Innersten widerstrebte
die bewegliche, leidenschaftliche Volksseele der „Franzosen
des Ostens“ dem starren Formalismus, dem stetigen Festhalten an
vererbten Traditionen, der kalten, nüchternen Selbstzufriedenheit.
Der mit feiner Beobachtungsgabe gepaarte Realismus, der regsame
Forschungssinn, das schaffenslüsterne Erfindungstalent ließ
die chinesische Unempfänglichkeit für äußere Einflüsse niemals
ganz zur integrierenden Eigenschaft der Nation werden, wiewohl
politische Motive lange Zeit die Abschließung gegen das Abendland
als Notwendigkeit vorspiegelten. Die chinesische Kultur war nur ein
Gewand, das die Japaner in Ermangelung eines besseren angenommen
hatten und das sie ablegten, als die reiche Mannigfaltigkeit der
europäischen Zivilisation ihren Nachahmungstrieb reizte. Sobald sie
die Superiorität derselben erfaßt hatten, warfen sie sich ihr in die
Arme mit einer Anpassungsfähigkeit, die das Erstaunen der ganzen Welt
erregt! Gerade die europäische Medizin war es, welche durch Taten
des Geistes und der Menschenliebe vielleicht zuerst die Bewunderung
im fernen Osten erregte und den Weg zur Annäherung bahnte.
Portugiesischen Aerzten, welche mit Missionären im Laufe des 16.
Jahrhunderts ins Land kamen, danken die Japaner die Anfänge operativer
Chirurgie: Eröffnung von Abszessen, Aufschneiden von Mastdarmfisteln
u. a. Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Einfluß der
Holländer maßgebend. Die Aerzte der holländischen Faktorei bei
Nagasaki wirkten unausgesetzt unter den größten Schwierigkeiten
als Pioniere, indem sie teils wißbegierige Jünger heranbildeten,
teils Kranke behandelten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in
Nagasaki die erste offizielle Medizinschule in europäischem Stile
gestiftet. Längst vorher aber hatte die Saat, welche die Holländer
ausgestreut, reiche Früchte getragen. Im Jahre 1775 erschien zum
ersten Male ein anatomisches Werk in japanischer Sprache (Uebersetzung
der holländischen Ausgabe der Anatomie des Joh. Ad. Kulmus);
der Uebersetzer Sugita Gempaku hatte sich bei der Sektion einer
Verbrecherin von der Richtigkeit der europäischen Anatomie und von der
Unrichtigkeit der chinesischen Angaben überzeugt, durch Verbreitung
der gewonnenen Kenntnisse wurde er gleichsam der Vesal seiner Heimat.
Zu Anfang des 18. Jahrhunderts machte Hanaoka Shin Amputationen,
Geschwulstexstirpationen und andere größere Operationen, wobei er sich
der Narkose (intern Dekokt von fünf narkotischen Kräutern) bediente;
sein Schüler Honma Gencho führte zuerst die Ligatur der Arterien aus.
Anhang.
Mit der orientalischen Medizin teilt die ~Heilkunde der alten
amerikanischen Kulturvölker~ manche Aehnlichkeit, und zwar erstreckt
sich dieselbe nicht nur auf einzelne Encheiresen, sondern sogar auf
die leitenden Systemgedanken.
Diese merkwürdige Erscheinung steht insofern nicht isoliert
da, als die gesamte Kultur der Maya, Azteken, Quiché und Inka
zahlreiche Analogien zur orientalischen Welt darbietet - es sei nur
beispielsweise an die Kultgebräuche, an das Kalenderwesen und die
Astrologie, an die Schrift (peruanische Knotenschrift, aztekische
Bilderschrift), an den Kunststil (Pyramiden, Hakenkreuz als Ornament)
und an die staatlichen Einrichtungen (Kastenwesen im Inkareiche)
erinnert.