Gegen jede einzelne Affektion gibt es eine ganze Reihe von

Mitteln, die Auswahl derselben unterliegt jedoch genau präzisierten

Indikationen, welche auf den pathogenetischen Anschauungen basieren.

So kommen z. B. bei ~Bronchialkatarrh~, je nachdem eine exzitierende,

sedative oder expektorierende Wirkung beabsichtigt ist, folgende

Arzneisubstanzen zur Anwendung: Sellerie, Ingwer, Akonit, Enzian,

Zimt, Opium, Thuja, Bambus, Huflattich, Veilchen, verbrannte

Schildkrötenschuppen, Krötenspeichel, Pillen aus altem Lehm u. a.

Unter den Heilmitteln gegen chronische Bronchitis fällt insbesondere

die Schweinslunge auf, unter jenen gegen ~Lungenentzündung~ (neben

Clematis und Aristolochia) mit Ammoniak versetztes Süßholz; dieses

Medikament wird in der Weise bereitet, daß man Süßholz in Bambusrohre

stopft, dieselben mit Wachs verschließt und eine Zeitlang in

Abortgruben liegen läßt. Die ~Phthisis~ wird mit Lungensubstanz

oder mit kompliziert zubereiteten Orangenrinden behandelt, oder

man verwendet eine Gelatine von in Arrak gekochter Eselshaut.

Gegen ~Herzaffektionen~ sollen, je nach der vermeintlichen Ursache,

Anaphrodisiaka, kleine Dosen von Mennig, ein Infusum von Clematis,

die Wurzel von Chelidonium majus, pulverisiertes Steinbockshorn

gute Dienste leisten. ~Oedeme~ hofft man durch Präparate aus

Wasserwegerich, Smilax, Convolvulus, schwarze Bohnen u. a. zu

beseitigen, ~Hämmorrhagien~ durch Enzian, Akonit, Ingwer, Nelombo,

Gips, Borax, Haarasche, Knoblauch, pulverisiertes Rhinozeroshorn

oder pulverisierte „Drachenknochen“ (Reste fossiler Tierarten?); bei

~Gebärmutterblutungen~ macht man Irrigationen mit Brennesselabsud.

Bei ~Leberkongestionen~ empfiehlt die chinesische Therapie neben

Basilienkraut, Bambusknospen und Elefantenhaut besonders ein Extrakt

von Schweinsleber, Ochsengalle oder Bärengalle mit Arrak; bei

~Nierenkrankheiten~ auch Schweinenieren. Sehr ansehnlich ist die Zahl

der Arzneisubstanzen gegen ~Magendarmleiden~, hier kommen in Betracht

als Stomachika z. B. Pfeffer, Gewürznelken, grüne Orangenrinde,

Koriander, Magnolia hypoleuca, Kropf von jungen Hühnern u. a., als

Brechmittel z. B. Betonia, als Abführmittel: Pflaumen, Tamarinden,

schwefelsaures Natron, Rhabarber, Schweinegalle, Crotonharz u. a.;

als Styptika z. B. Enzian oder brauner Ocker -- das souveräne Mittel

aber bleibt die Ginsengwurzel. Außer den einfachen Stoffen stehen

aber noch vielerlei Mixturen in Gebrauch und keinesfalls wird das

diätetische Regime vernachlässigt.

Gegen ~Dysenterie~ (von der eine akute und chronische, nebstdem

aber noch mehrere Arten unterschieden werden) sind zahlreiche

Medikamente empfohlen, neben rationellen (Aloe, Rhabarber,

Granatwurzel, Zimt, Muskat, Ginseng etc.) Fledermausexkremente,

Schlangenhaut u. a. Die ~Fettleibigkeit~, welche in China nicht selten

vorkommt, sucht man durch kein Mittel zu bekämpfen. Den ~Affektionen

des Nervensystems~ steht ein reicher Heilschatz gegenüber, wovon

nur einiges angedeutet sein möge. Ein Lieblingsmittel gegen

Migräne ist Menthaöl; gegen Kopfschmerz wird unter vielen anderen

Substanzen auch das Hirn und Mark des Hirsches (bei Gehstörungen

ebenfalls) verwendet; gegen Schwächezustände, die auf sexuelle

Exzesse zurückgeführt werden, wirken pulverisiertes Hirschhorn

und zahlreiche Aphrodisiaka; Epilepsie wird mit Seidenwürmern und

Rhemaniawurzel behandelt. Lähmungszustände (von denen verschiedene

Formen unterschieden sind) mit Ahornwurzeln, Strychnos, Zinnober,

Tigerknochen, Moschus, Grillenbälgen u. a.; Konvulsionen mit einer

Valerianaart; bei Psychosen verabreicht man mit Vorliebe das Kinthiap,

d. h. Menschenkot, welcher 3 Jahre lang in einem Gefäß vergraben

gelegen hat. -- Die gebräuchlichsten Mittel gegen ~Gelenkrheumatismus~

sind: Schilfrohr, Smilax, Aristolochia, kohlensaurer Kalk; gegen

~Wechselfieber~: Magnolia hippoleuca, gekochte Schildkrötenköpfe,

Büffelkäse, Eisensuperoxyd, Potensilla. Sehr umfangreich und

durch eine Fülle von Indikationen geregelt ist die Therapie der

~Blattern~ (interne und externe Behandlung), die ~Cholera~ sucht man

mit den oben erwähnten Darmmitteln zu bekämpfen, die ~Diphtherie~

durch Revulsion (künstliche Erzeugung von Ekchymosen am Halse) und

Insufflation von adstringierenden Pulvern zu beheben, bei der ~Pest~

verwendet man Purganzen, Diuretika, Sudorifera u. s. w. -- Die

Therapie der ~Hautkrankheiten~ -- •Krätze wird auf einen Parasiten

zurückgeführt• -- zählt unter ihren Mitteln z. B. Schwefel, Alaun,

Arsenik, Quecksilber, welche äußerlich appliziert werden, doch vergißt

man dabei auch die interne Medikation (besonders Abführmittel)

keineswegs. Was die ~Frauenkrankheiten~ anlangt, so unterscheiden

die chinesischen (wie alle orientalischen) Aerzte eine ganze Reihe

von Menstruationsstörungen als selbständige Affektionen, je nach dem

abnormen Eintritt, der Dauer, nach der Farbe der Menstrualflüssigkeit,

nach den ätiologischen Momenten; insbesondere die Farbe gibt dem

chinesischen Arzte entsprechend dem pathologischen System die

Handhabe bei der Wahl des Medikaments. Die Anzahl der verwendeten

Heilmittel, insbesondere der Emenagoga, ist Legion, natürlich auch der

Abortiva. Der Behandlung der ~Kinderkrankheiten~, wovon mindestens 57

verschiedene Arten differenziert werden, ist -- natürlich im Geiste

des spekulativen Systems -- große Sorgfalt zugewendet. Die Dosierung

unterliegt der folgenden Vorschrift: Ein Mittel, das Erwachsenen

in der Gewichtsmenge von 12-20 g verabreicht wird, ist bis zum 7.

Jahre in der Dosis von 4-6 g, in der Zeit vom 8.-13. Jahre in der

Dosis von 6-8 g und in der Zeit vom 13.-18. Jahre in der Dosis von

8-12 g zu geben. Merkwürdigerweise benützt man bei Kinderkrankheiten

als wichtigstes diagnostisches Zeichen die wechselnde (rote, gelbe,

weiße, blaue oder schwarze) Farbe eines am Zeigefinger sichtbaren

Blutgefäßes (bei Knaben an der linken, bei Mädchen an der rechten

Hand).

Mit der Arzneitherapie rivalisieren die bei allen möglichen Zuständen

verwendeten Behandlungsmethoden der ~Moxibustion und Akupunktur~.

Zu den Moxen benützt man kleine Röllchen oder Kegel, die am häufigsten

aus der wolligen, zunderähnlichen Masse der Artemisiablätter (aber

auch aus Schwefel, ölgetränktem Binsenmark) geknetet werden; man

klebt dieselben mit Speichel auf oder setzt sie mittels einer

Metallplatte auf die Körperoberfläche und zündet sie an. Für die

Wahl der Applikationsstelle, die Zahl und Anordnung (bei starken

Personen bis 50) der Moxen, welche der gestockten Krankheitsmaterie

einen Ausweg verschaffen oder sie ableiten sollen, gibt es genaue

Vorschriften; bei Brustkrankheiten werden sie auf dem Rücken, bei

Magenkrankheiten auf den Schultern, bei venerischen Leiden auf der

Wirbelsäule appliziert. Bemerkenswerterweise dient die Moxibustion

auch als vorbeugendes Mittel. Die Akupunktur, welche eine chinesische

Erfindung zu sein scheint, besteht darin, daß man feine (5-22 cm lange)

Nadeln aus gehärtetem Stahl, Silber oder Gold (während der Kranke

hustet) durch die gespannte Haut mehr oder minder tief einsticht (oder

durch einen Schlag mit einem kleinen Hammer auf den spiralig gekehlten

Kopf der Nadel eintreibt) und rotierend in die Tiefe weiterführt.

Nach der Entfernung der Nadel wird auf die Einstichstelle mit der

Hand ein Druck ausgeübt oder eine Moxe gesetzt. Die Zahl der Nadeln,

welche zur Anwendung kommen, die Richtung der Rotationsbewegung

(nach links oder rechts), die Tiefe der Einführung (gewöhnlich

3-3,5 cm), die Dauer des Liegenlassens (einige Minuten) hängt von

der Art und Schwere des Einzelfalles, bezw. von den Vorstellungen,

welche die chinesische Krankheitstheorie damit verbindet, ab. Mit

dieser im Zusammenhang steht es, daß der Wahl der Einstichstelle

eine geradezu peinliche Sorgfalt zugewendet ist, wenn dabei gewiß

auch die Vermeidung von Verletzungen, z. B. der Nerven, im Auge

behalten wird. Es sind am ganzen Körper 388 mit Namen versehene

Stellen bestimmt, wo die Akupunktur vorgenommen zu werden pflegt;

die genaue Kenntnis derselben bildet für den chinesischen Arzt eine

Voraussetzung und wird an mit Papier überklebten durchlöcherten

Phantomen eingeübt. ~Der Akupunktur liegt die Idee zu Grunde, daß

der Körper von einem Röhrensystem durchzogen ist, und daß durch das

Verfahren schädliche Stoffe nach außen befördert, Bewegungshindernisse

in der Säftezirkulation behoben, frische Lebensgeister zugeführt

werden.~ Wenn auch vorzugsweise bei schmerzhaften oder entzündlichen

Zuständen angewendet, spielt die Methode bei den mannigfachsten Leiden

(namentlich Unterleibsaffektionen, Steinbeschwerden, aber auch bei

Frakturen) eine Hauptrolle.

Die Vorliebe für die Moxibustion und Akupunktur erklärt es, daß

die ohnedies blutscheuen chinesischen Aerzte vom ~Aderlaß~ nur sehr

selten Gebrauch machen; hingegen zählt das ~Schröpfen~ (trockenes, mit

kupfernen Schröpfköpfen) zu den üblichen ableitenden Methoden und kommt

bei einigen Krankheiten in Betracht. Mit großer Geschicklichkeit wird

die ~Massage~ (Klopfen, Kneten etc.) zumeist von Blinden oder alten

Frauen gehandhabt, und die seit uralten Zeiten bekannte ~Heilgymnastik~

-- die Erfindung wird dem mythischen Tschi-sung-tin um die Mitte des

3. Jahrtausends v. Chr. zugeschrieben -- ist zu einem ganzen System

ausgebildet, bestehend aus rhythmisch geordneter Ein- und Ausatmung

in bestimmten Körperstellungen, Reibung des Unterleibs, Schlagen der

Brust und des Rückens (mittels eines mit Kieseln gefüllten Sackes),

planmäßigen Muskelübungen, Widerstandsbewegungen u. s. w. Die ganze,

über Monate sich hinziehende, mit diätetischem Regime verknüpfte Kur

bezweckt, die Zirkulation der Lebensluft und der Säfte zu regulieren.

-- Endlich wäre auch der Bäder zu gedenken, die als Mittel zur

Erhaltung der Gesundheit sehr geschätzt sind, und der •suggestiven•

Therapie, welche in den mannigfachen Formen der Theurgie versteckt

auftritt.

Hauptvertreter des therapeutischen Mystizismus sind die

Taoistenpriester, welche infolge des weitverbreiteten Geisterglaubens

sehr häufig in Krankheitsfällen zu Hilfe gerufen werden. Sie

halten im Krankenzimmer Gebete ab, bringen Opfer dar, suchen durch

Tücher, die mit magischen Zeichen versehen sind, die Geister zu

verscheuchen, machen einen großen Lärm mit Feuerwerk etc. Die

abergläubischen Gebräuche der Volksmedizin (Amulette, Beschwörungen

etc.) finden besonders während der Schwangerschaft, bei Kreißenden

und bei Kinderkrankheiten ausgedehnte Anwendung. Epidemien führt

der Volksglaube auf den Einfluß des großen Drachens zurück, der in

Gestalt irgendwelcher harmlos aussehender Tiere erscheinen könne;

Prozessionen, Feuerwerke u. a. sollen die erzürnten Götter versöhnen.

Um den Krankheitsdämonen den Eintritt in das Haus zu verwehren, bringt

man zauberkräftige Gegenstände, wie Tigeraugen, Kalmusstengel etc.,

vor der Türe an; auch mit List sucht man sich bisweilen zu helfen,

so wird z. B., um Kinder vor Pocken zu bewahren, ein ausgehöhlter

Flaschenkürbis neben der Schlafstätte aufgehängt, in der Erwartung,

daß der Dämon hineinfährt (statt in den Körper des Kindes)[23].

[23] Die Oneiroskopie dient auch zu medizinischen Zwecken; auch die

Sitte des Tempelschlafs ist den Chinesen bekannt.

~Die Chirurgie~ hat sich bei dem Mangel an anatomischen Kenntnissen und

der nationalen Blutscheu nicht über die primitivste Stufe erhoben; ~die

Geburtshilfe~ blieb nahezu ausschließlich den Hebammen vorbehalten.

Das chirurgische Instrumentarium der chinesischen Aerzte besteht

aus schlecht angefertigten, rohen Werkzeugen, welche eher für

einen Schuhflicker als für einen Wundarzt passen. -- Die Behandlung

der Frakturen und Luxationen steht, entsprechend den anatomischen

Kenntnissen, auf primitiver Stufe; schwierigere Lagekorrektionen

werden unterlassen, die Hauptsache des Heilverfahrens bildet ein

klebendes Pflaster und die Immobilisierung durch Bambusschienen

und Binde; bei den mit offenen Wunden komplizierten Knochenbrüchen

streut man nach versuchter Reposition auf die Wunde ein heilendes

Pulver und bedeckt sie mit einem frisch geschlachteten Hühnchen,

aus dem vorher alle Knochen entfernt worden sind. Zur Stillung von

Blutungen benützt man Styptika und Bandagen. Oberflächliche Abszesse

werden (unzureichend) inzidiert, aber erst nachdem viel Zeit mit

der beabsichtigten Reifung (durch Auflegen eines Präparates von

getrockneten Kröten oder Bleiglätte etc.) verloren gegangen ist.

Da die Ansicht vorherrscht, es werde bei allen Verletzungen auch

die Leber in einen krankhaften Zustand versetzt, so kommt außer dem

äußeren, zumeist auch ein inneres Heilverfahren zur Anwendung (bei

Frakturen z. B. interner Gebrauch von Knabenurin). Zur Heilung von

Geschwüren dienen Salben; die Kauterisierung mit dem Glüheisen zieht

man bei alten Geschwüren (sowie gegen den Biß toller Hunde) heran.

Bemerkenswert ist es, daß die Chinesen einerseits bei dem Mangel

größerer Industrieanlagen weniger Unfällen ausgesetzt sind, anderseits

eine größere Toleranz gegen Verletzungen und Operationen als die

Europäer besitzen, wie dies namentlich bei komplizierten Frakturen

hervortritt.

Ueber die Methode, mit welcher ~die Kastration~ vorgenommen wird,

gibt es zwei verschiedene Berichte. Nach dem einen Bericht macht man

die Geschlechtsteile durch Kneten im heißen Bade oder bestimmte Mittel

unempfindlich, wickelt sodann Penis und Skrotum sehr fest wurstförmig

ein und schneidet die Organe dicht vor dem Schambogen mit einem

Schnitte ab, während auf die Wunde eine Handvoll styptischen Pulvers

gedrückt wird. Nach der mittels Kompression bewirkten Blutstillung

und Einführung eines nagelförmigen Stöpsels in die Harnröhre legt

der Operateur den Verband an und läßt denselben 3 Tage lang liegen,

während welcher Zeit der Operierte nichts trinken darf. Eine andere

Angabe schildert die unblutige Methode, die darin besteht, daß

man durch allmählich verstärkte Torsionen und Ligaturen (mittels

Seidenfäden) Gangrän der unempfindlich gemachten Genitalorgane

herbeiführt; die Abstoßung erfolgt nach 15-20 Tagen, die Heilung nach

2 Monaten. -- Die künstliche ~Verkrüppelung der Füße~ der Chinesinnen

kommt dadurch zu stande, daß etwa vom 7. Lebensjahre an, durch sehr

fest angelegte Binden die vier äußeren Zehen untergebogen und das

Fersenbein senkrecht gestellt wird.

Die ~Zahnheilkunde~ liegt im argen; reizende Pasten, Moxe und

Akupunktur bilden die Hauptmittel, höchstens locker gewordene Zähne

werden mit hebelartigen Instrumenten extrahiert. ~Die Augenheilkunde~

kennt einige Operationsmethoden (z. B. Paracentese der vorderen

Kammer) und verfügt über viele oft höchst absonderliche Heilsubstanzen

(z. B. Chelidonium mit Bocksgalle oder Frauenmilch, Moskitoaugen mit

Fledermausexkrementen gegen entzündliche Prozesse); die Behandlung

der Refraktionsanomalien mit korrigierenden Gläsern wird seit

Jahrhunderten geübt.

Die •allgemeine Anästhesie• ist den Chinesen bekannt und wird

erzeugt durch Eingeben eines narkotischen Absuds, z. B. von Akonit.

Angeblich soll man die künstliche Herbeiführung von Schmerzlosigkeit

durch einschläfernde Arzneitränke (Ma-yo, vielleicht Hanfpräparat)

schon in alten Zeiten gekannt haben, und von dem im 3. Jahrhundert

n. Chr. lebenden Arzte Hoa-tho (Chua-to) wird -- freilich wenig

glaubwürdig -- erzählt, daß er mit Hilfe der Narkose Amputationen,

Trepanationen und andere große Operationen ausgeführt habe.

Der Mangel an anatomisch-physiologischen Kenntnissen tritt auch

in der ~Geburtshilfe~ deutlich zu Tage, welche zwar über manche

zweckmäßige Maßnahmen und Handgriffe verfügt, im wesentlichen aber auf

haltlosen Vorurteilen aufgebaut ist. Die Tätigkeit der Aerzte wird nur

selten in Anspruch genommen und erstreckt sich bloß auf die Verordnung

innerer Mittel (gegen Krämpfe, Schmerzen, ja sogar zur Verbesserung

der Kindeslage!); die Erleichterung des Geburtsaktes sollen

verschiedene Arzneitränke bewirken, zu deren Bestandteilen neben

rationellen Ingredienzien (z. B. Mutterkorn) auch ganz merkwürdige

Substanzen, wie Fledermausexkremente mit Kinderurin, gewählt werden.

Gerade die eingreifenden Handgriffe bei schwierigen Entbindungen

sind den Hebammen zugewiesen: Prozeduren zur Verbesserung der

Kindeslage, Reposition des vorgefallenen Armes, Extraktion, Entfernung

des abgestorbenen Kindes mittels eines eisernen Doppelhakens nach

eventuell vorgenommener Zerstückelung. -- Der Schwangeren ist

eine bestimmte Diät (kühle und ölhaltige Speisen) vorgeschrieben;

der Kreißenden wird angeraten, von Zeit zu Zeit langsam im Zimmer

herumzugehen, damit die Wendung der Frucht erleichtert werde (nach

chinesischer Ansicht stellt sich die Frucht erst zuletzt mit dem Kopfe

nach unten!); mit Beginn der stärkeren, austreibenden Wehen sucht man

die Kreißende in einer halbgebeugten Stellung zu erhalten und bringt

unter sie ein hölzernes Becken, um das Kind aufzufangen; die Wöchnerin

muß mindestens 3 Tage im Bette in erhöhter Lage zubringen, ihre

Nahrung besteht aus Hirse und Reiswasser, 14 Tage darf sie sich nicht

waschen und kämmen, innerlich wird ihr zur Beseitigung des schlechten

Blutes eine Tasse von Urin eines 3-4jährigen Kindes, zur Bekämpfung

der Anämie getrocknete Placenta verabreicht; dem Neugeborenen setzt

man auf das Nabelschnurende am 4. Tage eine Moxe oder kauterisiert

mit Meerrettich, das Stillen dauert bis zum 3. Lebensjahr des Kindes;

außer diesen und anderen Maßnahmen ist die Pflege der Wöchnerin und

des Neugeborenen noch einer Unmenge von Vorschriften unterworfen, die

dem traditionell geheiligten Mystizismus der Hebammen entspringen. --

Trotz gesetzlicher Verbote ist der künstliche Abortus sehr verbreitet

und wird durch vielerlei Mittel (z. B. Aufstreuen pulverisierter

Rindsläuse oder Applikation von Blutegeln auf den Gebärmutterhals)

angestrebt. -- Ueber die Kindeslagen und die Krankheiten der Säuglinge

handeln eigene Spezialwerke.

Obzwar schon die älteste chinesische Literatur zum Teil sehr

vernünftige Lebensregeln, z. B. hinsichtlich der richtigen Verteilung

von Arbeit und Ruhe, der angemessenen Regulierung von Speise, Trank und

Kleidung, je nach der Jahreszeit u. a., enthält -- ist die öffentliche

~Hygiene~ ein unbekannter Begriff. Der Unrat in den Straßen der

Hauptstädte illustriert die mangelnde Vorsorge hinlänglich.

In dem Werke Tschang-Seng = langes Leben (von dem Jesuitenpater

D'Embrecolles ins Französische übertragen) wird unter anderem

empfohlen: immer früh aufzustehen, vor dem Verlassen der Wohnung

zu frühstücken, vor dem Essen ein wenig Tee zu trinken, zur

Mittagsmahlzeit gut gekochte, nicht zu salzige Speisen zu nehmen,

langsam zu essen, nachher 2 Stunden lang schlafend auszuruhen, Abends

nur wenig zu genießen, vor dem Schlafengehen den Mund mit Teeaufguß

auszuspülen und die Fußsohlen sich durch Reiben erwärmen zu lassen.

~Die gerichtliche Medizin~ der Chinesen sieht auf ein hohes Alter

herab und ist durch einen offiziellen Kodex geregelt, welcher aus dem

Jahre 1248 n. Chr. stammt, also aus einer Zeit, da es in Europa noch

kein entsprechendes Werk gab.

Der Titel desselben lautet Si-yuen-luh, d. h. Sammlung der

Verfahren, mit deren Hilfe man ein Unrecht rächt. Das Werk zeichnet

sich zwar durch Präzision der Angaben aus, ist aber anderseits wegen

des bindenden Charakters seiner dogmatisch festgehaltenen Thesen dazu

geschaffen, zu Mißgriffen der Rechtspflege zu führen, Justizmorde

zu decken. Es zerfällt in 5 Bücher, von denen das erste über die

tödlichen Verletzungen, Leichenbesichtigungen, den kriminellen Abortus

und Kindsmord handelt, das zweite den Selbstmord, den Tod durch

Erhängen, Ertrinken und Verbrennen bespricht, während das dritte und

vierte die Kennzeichen der Vergiftungen angeben und das letzte Buch

eine allgemeine Darstellung über gerichtliche Untersuchungen enthält.

Wie alles übrige in China, kennzeichnet sich auch ~die gerichtliche

Medizin~ durch ein pedantisches, an nebensächlichen Details haftendes,

gelehrt schillerndes Wesen, wobei die wahrhaft gründliche Untersuchung

der scholastischen Spiegelfechterei nachsteht. Richtiges praktisches

Denken und phantastische Spekulation sind -- gerade auf diesem

Gebiete in gemeingefährlicher Weise -- dicht durcheinander gemischt.

Die gerichtliche Leichenbeschau ist bei zweifelhaften Todesursachen

obligatorisch; das Regulativ der Leichenbeschauer ist peinlichst genau

festgesetzt, aber -- Sektionen gibt es nicht, und die schwerwiegendsten

Folgerungen stützen sich auf äußere Besichtigung oder auf solche

Versuche, welche oft sehr zweideutig oder gar rein phantastisch zu

nennen sind.

Einige Proben sind folgende. Nicht deutlich sichtbare Wunden können

am Leichnam sichtbar gemacht werden durch Aufgießen von Essig und

durch Betrachtung im Sonnenlicht, das man auf ein Stück mit Oel

getränkter Seide fallen läßt. Von einem Messer entfernte Blutspuren

erscheinen wieder, wenn man das Eisen bis zur Rotglut erhitzt und

Essig aufgießt. Die Verwandtschaft zweier Personen ist erwiesen,

wenn die ihnen entnommenen Blutproben im Wasser zusammenfließen;

zur Agnoszierung des Skeletts ihrer Eltern lassen die Kinder auf

dasselbe ihr Blut tropfen, dringt dieses in die Knochen ein, so sind

es die elterlichen. Ein Schlag auf das Seil, an welchem ein Erhängter

baumelt, spricht bei Erzittern des Seils für Selbstmord, andernfalls

für Mord. Um Vergiftungen zu konstatieren, bringt man eine (vorher

in einem Aufguß von Mimosa saponaria gewaschene) silberne Nadel

in den Mund der Leiche und stopft mit Papier zu; wird die Nadel

nach einiger Zeit blauschwarz und bleibt es auch beim Abwaschen,

so ist die Vergiftung erwiesen; dasselbe ist der Fall, wenn ein

Huhn zu Grunde geht, dem man von Reis, der 24 Stunden im Munde der

Leiche gelegen hat, zu fressen gibt. Als Zeichen, daß im Wasser tot

aufgefundene Personen lebend hineingekommen sind, werden angesehen:

stark aufgetriebener Leib, am Kopfe klebendes Haar, Schaum vor dem

Munde, steife Hände und Füße, weiße Fußsohlen, Sand unter den Nägeln.

Die Stabilität der chinesischen Medizin ist gewiß nur dadurch

vorgetäuscht, daß wir über die Phasen ihres Werdeprozesses ungenügend

orientiert sind. Zur Fixierung der medizinischen Theorie mit dem

Charakter vollkommener Geschlossenheit konnte es nur auf dem Wege

einer sehr langen Entwicklung kommen, deren Endresultate von der

nationalen Tradition freilich sehr weit zurückdatiert wurden. Hie und

da aber verrät die bekannt gewordene Literatur (z. B. hinsichtlich

der Pathogenese, Krankheitsklassifikation oder Pulslehre) das Bestehen

abweichender Lehrmeinungen und läßt die Reste überwundener Doktrinen

hindurchleuchten. Der gegenwärtige Zustand ist jedenfalls als Decadence

zu bezeichnen, wie von chinesischen Autoren selbst zugestanden wird.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 14 / 54 段