die Anamnese und basiert vorwiegend auf sorgfältiger objektiver
Untersuchung des ganzen Körpers; jedoch handelt es sich -- obwohl
einzelne erfahrungsgemäß erworbene gute Beobachtungen unterlaufen
-- hauptsächlich um allerlei ausgeklügelte Subtilitäten, die den
Irrgängen der mystischen Korrespondenzlehre entstammen. Der chinesische
Arzt nimmt Kenntnis vom Habitus und Allgemeinbefinden, von der
Gemütsbeschaffenheit, von den Geruch- und Geschmacksempfindungen,
ja sogar von der Appetitrichtung und den Träumen des Patienten, er
verfolgt die Atmung und die Schalläußerungen (Stimme, Weinen, Lachen,
Seufzen etc.), er prüft die Temperatur (durch Palpation) und die
Art der Ausscheidungen (Menge, Farbe, Konsistenz des Nasenschleims,
Sputums, Harns, der Fäces), er achtet auf die Farbe gewisser Venen
und läßt selbst die Beschaffenheit der Behaarung nicht aus dem Auge.
All dies, wobei auf die Uebereinstimmung oder Dissonanz der Zeichen,
sowie auf den Einfluß der Atmosphäre, der Jahreszeit, Tagesstunde
u. s. w. Rücksicht genommen wird, bildet aber nur die Ergänzung
der Untersuchungsergebnisse, welche durch ~die beiden wichtigsten
diagnostischen Methoden~ gewonnen werden, durch ~die Prüfung des Pulses
und die Inspektion des Gesichtes und der Zunge~.
Die chinesische Pulslehre ist ungemein kompliziert und erfordert in der
Praxis ein äußerst umständliches Verfahren, das schon im einfachsten
Falle 10 Minuten, bisweilen aber selbst einige Stunden in Anspruch
nimmt.
Man kennt 11 Stellen, an denen der Puls gefühlt werden kann, jede
derselben hat ihren eigenen Namen.
Gewöhnlich wird die Betastung an der Radialis vorgenommen und zwar
in der Weise, daß man zuerst den Mittelfinger auf das Köpfchen des
Radius, sodann neben ihn den Zeige- und Ringfinger anlegt, während
der Daumen sich auf das Dorsum des Carpus stützt. Die Untersuchung
findet auf beiden Seiten statt, wobei der Arzt mit seiner rechten
Hand die linke Radialis, mit seiner linken die rechte prüft. Die
jederseits ermittelten 3 Stellen werden als 3 Pulse aufgefaßt und mit
den Namen „Zoll“, ~tsuen~, „Engpaß“, ~kouan~, und „Schuh“, ~tché~,
bezeichnet, von denen der erste unter dem Ringfinger, der zweite
unter dem Mittelfinger, der dritte unter dem Zeigefinger fühlbar ist.
Auf beiden Seiten untersucht, ergeben sich somit 6 Pulse, von denen
jeder einzelne mit einem bestimmten Organe korrespondiert und dessen
normalen oder pathologischen Zustand verrät. So entspricht z. B. der
„Engpaß“, kouan, rechts palpiert dem Magen und der Milz, links der
Leber und Gallenblase. Jeder Puls muß 3mal für sich allein, zuerst mit
schwachem, dann mittlerem, endlich starkem Drucke während der Dauer
von 9 Atemzügen untersucht werden, wobei auf Qualität, Frequenz und
etwaige Intermissionen zu achten ist. Die Zahl der Pulsvarietäten ist
eine kaum übersehbare.
Da nach der chinesischen Sphygmologie jedes Organ neben seinem
natürlichen noch einen entgegengesetzten, mit den Jahreszeiten
wechselnden Puls besitzt, die Pulse schon unter normalen Verhältnissen
je nach dem Einfluß der Gestirne, Jahres- und Tageszeiten, je nach
Alter, Konstitution und Geschlecht differieren, in krankhaften
Zuständen aber störend ineinander eingreifen, so kommt bei der
verwirrenden Fülle von Kombinationen eine Unzahl von Varietäten
zu stande, deren -- uns illusorisch erscheinende -- Kenntnis ein
stupendes Gedächtnis, einen erstaunlichen Tastsinn voraussetzt.
Eine Vorstellung davon gibt schon die ~eine~ Tatsache, daß nicht
weniger als 51 Haupttypen, nämlich 7 „äußere“ Pulse (entsprechend dem
positiven Urprinzip), 8 innere (entsprechend dem negativen Urprinzip),
9 „Weg“-Pulse (entsprechend den großen Kommunikationskanälen) und 27
Pulse, welche letalen Ausgang anzeigen, die elementare Grundlage der
Untersuchung bilden.
Bezüglich der Frequenz wäre zu erwähnen, daß 4-5 Schläge während
eines Atemzuges als normal gelten, 3 Schläge deuten auf eine, durch
das Vorwalten des weiblichen Prinzips (Kälte), 6-7 Schläge auf eine,
durch das Vorwalten des männlichen Prinzips (Hitze) entstandene
Krankheit, 1-2 oder 8-9 Pulse geben eine letale Prognose. Was den
aussetzenden Puls anlangt, so ist ein einmaliges Aussetzen nach 50
Schlägen mit der Gesundheit vereinbar, ein Aussetzen nach 40, 30,
20, 10 Schlägen weist darauf hin, daß 1, 2, 3, 4 Eingeweide ohne
Lebensluft sind und der Tod binnen 4, 3, 2, 1 Jahr erfolgen wird.
Die Pulslehre ist übrigens von den einzelnen Autoren
verschiedenartig bearbeitet worden und sogar hinsichtlich der
vermeintlichen Beziehungen der Organe zu den drei Handgelenkspulsen
links und rechts herrschen bedeutende Differenzen in den Angaben.
~Aus dem Pulse allein glaubt man die Art und den Sitz der Krankheit
diagnostizieren zu können.~ Nach einem beliebten Gleichnis stellt der
menschliche Körper ein Saiteninstrument dar, dessen einzelne Teile ihre
bestimmte Klangfarbe (Organpulse) besitzen und dessen Töne (Pulse)
die Harmonie (Gesundheit) oder Disharmonie (Krankheit) zum Ausdruck
bringen.
Mit der Pulsuntersuchung wetteifert an Bedeutung die Inspektion des
Gesichtes und der Zunge, wobei vornehmlich auf die ~Farbe~ geachtet
wird. Die Glossosemiotik verfügt über 37 Typen.
Wie aus folgender Tabelle hervorgeht, entspricht jedem der Organe
eine bestimmte Farbe, wobei das zugrundeliegende Element wohl den
Ausschlag gibt. Im menschlichen Körper entstehen die Farben durch die
in die Eingeweide eindringende Luft. Für diagnostische Zwecke wird es
verwertet, daß die Organfarben aufsteigend auf dem Antlitz erscheinen.
Bei krankhaften Störungen zeigt die prävalierende Farbe den Sitz der
Krankheit an. Die Prognose richtet sich danach, ob der dominierende
Organpuls mit der dominierenden Farbe im Einklang ist oder nicht. Im
ersteren Falle steht die Prognose günstig, im letzteren hängt es davon
ab, ob die Farbe einem freundlichen oder feindlichen Organ entspricht.
Vergl. die Tabelle zu folgendem Beispiel: Es sei der dominierende Puls
der Milzpuls, die vorherrschende Farbe gelb -- Prognose günstig. Wird
die Farbe rot oder schwarz, so besteht keine große Gefahr, denn dies
bedeutet, daß das Herz oder die Niere prävaliert, d. h. die „Mutter“
oder der „Freund“ der Milz; wird die Farbe aber weiß oder grün, so
ist die Prognose letal, denn dies bedeutet, daß Lunge oder Leber, der
„Sohn“ oder der „Feind“, die Oberherrschaft erlangt hat. Das Eintreten
der „Mutter“ (also hier des Herzens für die Milz) gilt nämlich als
natürlicher Vorgang, hingegen das Prävalieren des „Sohnes“ (also hier
der Lunge) als widernatürliches Vorkommnis. Bezüglich der Erklärung
der „Freundschaft“ und „Feindschaft“ der Organe vergl. S. 97. Die
Inspektion der Farbe erfolgt hauptsächlich in jenem Teil des Kopfes
und Gesichts, welcher mit dem betreffenden Organ in Korrespondenz
steht. Ein solcher ist z. B. für das Herz -- die Zunge. Beobachtet
man also bei einer Erkrankung des Herzens, daß die normalerweise
rote Zunge schwarz wird (Farbe der Niere), so bedeutet dies, daß die
Niere, d. h. der Feind des Herzens, die Oberhand erlangt hat, weshalb
die Prognose auf Destruktion des Herzens, also letal zu stellen ist.
~Krankheit ist eine Disharmonie, eine Gleichgewichtsstörung~, bedingt
durch das Vorherrschen des männlichen oder weiblichen Urprinzips (der
Stärke oder Schwäche, Hitze oder Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit).
Sie äußert sich in Störungen der Zirkulation der Lebensluft und des
Blutes, worunter die Organe leiden.
Eine Folge ist das ~Mißverhältnis der Elemente~, so z. B. entsteht
Schiefwerden des Mundes durch fehlerhaften Ueberschuß des Holzinhalts
über den Metallinhalt, wodurch die Muskeln sich zusammenziehen.
Das Verständnis der chinesischen Physiologie und Diagnostik wird durch
folgende Uebersichtstabelle wesentlich erleichtert.
+=+=+=+=+=+=+
ǁ •Element• | •Holz• | •Feuer• | •Erde• |•Metall•| •Wasser• ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁPlanet |Jupiter |Mars |Saturn |Venus |Merkur ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁHimmelsrichtung|Osten |Süden |Mitte |Westen |Norden ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁAtmosphäre |Wind |Hitze |Feuchtigkeit |Dürre |Kälte ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁJahreszeit |Frühling|Sommer |Die letzten |Herbst |Winter ǁ
ǁ | | |18 Tage | | ǁ
ǁ | | |jeder | | ǁ
ǁ | | |Jahreszeit | | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁTageszeit |Morgen |Mittag |Die |Abend |Nacht ǁ
ǁ | | |Zwischenzeiten| | ǁ
+=+=+=+=+=+=+
ǁ •Hauptorgan• |•Leber• | •Herz• | •Milz• |•Lunge• | •Niere• ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁBeherrschendes |Niere |Leber |Herz |Milz |Lunge ǁ
ǁOrgan Mutter | | | | | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁAbhängiges |Herz |Milz |Lunge |Niere |Leber ǁ
ǁOrgan Sohn | | | | | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁGehilfe |Gallen- |Dünndarm |Magen |Dickdarm|Ureter undǁ
ǁ(Bruder) | blase | | | |Harnblase ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁHat zum Freund |Milz |Leber |Niere |Leber |Herz ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
+=+=+=+=+=+=+
ǁHat zum Feind |Lunge |Niere |Leber |Herz |Milz ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁEinflußsphäre |Sehnen |Palma |Fleisch |Haut |Knochen ǁ
ǁ |Gefäße |Stirne |Arm |Haare |Zähne ǁ
ǁ |Nägel |Zunge |Bein |Schul- |Bart ǁ
ǁ |Augen | |Mund |tern |Ohr ǁ
ǁ | | | |Nase | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁKorrespondie- |Augen |Zunge |Lippen |Nase |Ohr ǁ
ǁrender | | | | | ǁ
ǁGesichtsteil | | | | | ǁ
+=+=+=+=+=+=+
ǁ•Korrespondie-•| •grün• | •rot• | •gelb• | •weiß• |•schwarz• ǁ
ǁ•rende Farbe• | | | | | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁPuls |Kouān |Tsuén |Kouān |Tsuén |Tché ǁ
ǁ |links |links |rechts |rechts |beider- ǁ
ǁ | | | | |seits ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁAbhängig |Farben |Gerüche |Geschmacks- |Töne und|Fluida ǁ
ǁ | | |arten |Stimme | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁSchalläuße- |Seufzer |Lachen |Singen |Weinen |Schluchzenǁ
ǁrungen | | | | | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁSekrete |Tränen |Schweiß |Speichel |Schleim |Harn ǁ
ǁ | | | |Sputum | ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁGeschmack |sauer |bitter |süß |scharf |salzig ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁGeruch |ranzig |brenzlig |wohl- |nach |nach ǁ
ǁ | | |riechend |frischem|faulem ǁ
ǁ | | | |Fleisch |Fleisch ǁ
+---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
ǁAppetit auf |Hirse |Reis |Hülsen- |Lein- |Weizen ǁ
ǁ |Hammel- |Pferde- |früchte |samen |Rind- ǁ
ǁ |fleisch |fleisch |Schweine- |Geflügel|fleisch ǁ
ǁ | | |fleisch | | ǁ
+=+=+=+=+=+=+
~Die Pathologie~ betrachtet Wind, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit,
Affekte und Leidenschaften, ~Gifte~, aber auch böse Geister
und imaginäre Tiere (Fuchssagen!) als Krankheitsursachen. Die
Klassifikation ist nach verschiedenen Gesichtspunkten durchgeführt (z.
B. je nach dem Pulse), am rationellsten ist die Einteilung in innere
und äußere Affektionen oder nach den Körperregionen oder nach den
Organen. Da die einzelnen Typen nur (oft vagen) Symptomenkomplexen
entsprechen, und bei der oberflächlichen Beschreibung ganz
verschiedenartige Prozesse zusammengeworfen werden, kann es nicht
wundernehmen, daß die chinesische Pedanterie eine Menge von Unterarten,
z. B. von der Dysenterie 14 Formen, unterscheidet. Immerhin finden
sich in der Literatur vortreffliche Beschreibungen, besonders der
Infektionskrankheiten.
Das am meisten ausgebaute Gebiet der chinesischen Medizin -- die
~Therapie~, verfügt über nicht wenige Hilfsmittel, ja der gewaltige
Arzneischatz überragt an Menge den jedes anderen Volkes. Die
Ueberzeugung, daß in der Natur ein Heilmittel für jedes Leiden
vorhanden sein müsse, das wirksam sei, wofern nicht das menschliche
Schicksal es verwehre, führte dahin, alle erdenklichen Substanzen,
sowohl pflanzlicher als tierischer, in geringerem Ausmaß auch
mineralischer Art, zu erproben. Mag die jahrtausendalte emsige
Empirie neben wirklich heilkräftigen einen Wust von nutzlosen Dingen
aufgespeichert haben, vieles bedarf noch der Nachprüfung, um richtig
bewertet werden zu können, und als sicher ist anzunehmen, daß eine
solche Nachprüfung für die Weltmedizin von Nutzen sein wird. Nicht
gar so gering ist die Zahl jener Arzneistoffe, in deren Verwendung
bei gleicher Indikation die europäische Medizin mit der chinesischen
übereinstimmt; zu diesen gehören z. B. Rhabarber, Granatwurzel (gegen
Würmer), Kampfer, Akonit, Cannabis, Eisen (gegen Blutarmut), Arsenik
(gegen Malaria und Hautleiden), Quecksilber (gegen Hautkrankheiten),
Schwefel (gegen Hautleiden), Natrium- und Kupfersulfat (Brechmittel),
Alaun, Salmiak, Moschus (Nervenmittel).
Den Rhabarber dankt die Heilkunde des Westens unzweifelhaft der
chinesischen, er wurde durch den zentralasiatischen Handel zugeführt.
Abgesehen vom Opium, nahm die chinesische Pharmakopöe nur die sehr
geschätzte ~Asa foetida~, Muskatnüsse, Zimt und Pfeffer vom Ausland
auf.
Das höchste Ansehen von allen Arzneisubstanzen genießt die
~Ginsengwurzel~ (Panax Ginseng Nees), welche wegen ihrer
tonikoexzitierenden Wirkung geradezu als Panacee betrachtet und mit
dem dreifachen Gewichte Goldes aufgewogen wird.
Der Name Ginseng bedeutet menschliche Kraft oder Weltwunder. Es
gibt eine Menge von Ginsengpräparaten, die gewöhnlich mit Zusatz von
Ingwer etc. verabreicht werden. Beim Einsammeln müssen eine Reihe
von Vorschriften eingehalten werden, die teils der Erfahrung, teils
dem Aberglauben entspringen. Dasselbe ist übrigens bei den meisten
pflanzlichen Mitteln der Fall, da nach verbreiteter Ansicht ihre
Wirksamkeit den Einflüssen des Bodens, der Sammelzeit (Jahreszeit
und Tagesstunde), der Art und Weise des Trocknens (in der Sonne oder
im Schatten) unterliegt. Ueber die wunderbaren Heilwirkungen der
Ginsengwurzel (z. B. als Verjüngungsmittel) existiert eine ganze
Literatur.
Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch, wie aus den Rezeptformeln
hervorgeht, Pachyderma cocos, Magnolia hypoleuca, Auszug
von Minzblättern (po-hô), Arumknollen, Radix Tang-kui (gegen
Dysmennorrhöe), Süßholz, Bärengalle, veraschtes Haar, Realgar, Zinnober
u. a. Der Zinnober, welcher in der chinesischen Alchemie die Rolle
des Steins der Weisen spielte, dient zur Bereitung merkurieller
Präparate und wird für die Räucherungstherapie der Syphilis benützt
(man steckt eine mit Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch,
brennt dieselbe an und läßt die Quecksilberdämpfe einatmen). Wie bei
uns, ist die merkurielle Behandlung der Syphilis seit Jahrhunderten
in China üblich, doch wird sie milder gehandhabt (statt mit grauer
Salbe Einreibungen mit roter Quecksilberoxydsalbe; innerlich Kalomel,
Sublimat, gemischt mit Kalksulfat), auch bildet sie nicht die einzige
Behandlungsmethode (unter anderem werden als innere Mittel Smilax,
Perlen- und Perlmutterpulver verwendet). Einer Menge von Stoffen wird
eine erwärmende, kühlende, zerteilende oder blutverbessernde Wirkung
beigemessen, zahlreich sind die Purgativa, Emetika, Expektorantia,
und neben ihnen kommen schweiß- und harntreibende Medikamente
in Betracht. Außerdem besitzt die chinesische Medizin sehr viele
Emenagoga, Galaktogoga, Abortiva und Aphrodisiaka, welch letztere
den Hauptbestandteil der außerordentlich verbreiteten und öffentlich
angepriesenen Geheimmittel ausmachen.
Die Lehre von den Arzneimitteln ist namentlich in den zumeist
illustrierten Kräuterbüchern niedergelegt, von denen das älteste,
wie schon erwähnt, von dem sagenhaften Schin-nung herrühren soll.
Zweifellos ist die reiche Erfahrung vieler Generationen auf diesen
mythischen Urheber zurückgeführt. Ein mehrere Jahrhunderte v. Chr.
verfaßtes Wörterbuch über Kräuterkunde, Rha ya, enthält zur Hälfte
naturgeschichtliche Tatsachen. Von den 40 Bänden des bewährten
„Führers zur ärztlichen Praxis“, ~Ching-che-chun-ching~, behandeln
acht die Pharmakologie (Luy-fang). Als maßgebendstes Werk aber wird
jenes betrachtet, welches der Stadtpräfekt Li-schi-tschin um die
Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr. unter dem Titel Pen-tsao-kang-mu
abzufassen begann. Dieses aus 52 Bänden bestehende Monumentalwerk
beruht auf Exzerpten aus der vorausgehenden Literatur und beschreibt
über 1800 vorwiegend pflanzliche Heilstoffe hinsichtlich des Fundorts,
der Zubereitung, Aufbewahrung, Anwendungs- und Wirkungsweise.
Eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten der chinesischen Arzneikunst
liegt in ihrem Reichtum an Substanzen ~animalischen~ Ursprungs.
Mystizismus, doch auch das unklare Vorgefühl jener Ideen, die
bei uns in neuerer Zeit zur organotherapeutischen geleitet haben,
bilden höchstwahrscheinlich das Leitmotiv, wenn z. B. Präparate
aus der Leber, Lunge, Niere verschiedener Tiere gegen Leber- bezw.
Lungen- und Nierenleiden verordnet werden, oder wenn man z. B.
den Samen junger Männer oder Nervensubstanzen von Tieren gegen
Schwächezustände, Hühnermagen gegen Magenleiden, Hoden verschiedener
Tiere gegen Impotenz, Placenta zur Erleichterung der Geburt u. s. w.
anwendet. Neben Substanzen solcher Art finden sich -- ähnlich wie
in der Pharmakopöe anderer Völker und in der europäischen Medizin
verflossener Jahrhunderte -- ganz absonderliche und widerwärtige Dinge
(Auswurfstoffe).
Aus der Tierwelt werden unter vielem anderen verwendet:
Eidechsen, Kröten, Salamander, Schlangen, Schildkröten, Skorpione,
Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen, Tausendfüßer; Haut, Fleisch,
Fett, Blut, Milch, Galle, Eingeweide, Exkremente, Knochen, Zähne
etc. verschiedener Tiere. So benützt man pulverisierte Tiger- und
Elefantenknochen gegen Abmagerung, Elefantenzähne gegen Epilepsie,
Fischotterleber gegen Anämie, gepulverte Tieraugen mit Frauenmilch
gegen Augenentzündungen, die Spitzen der Hirschhörner gegen
Schwächezustände, Darmkonkremente von Antilopen als Expektorantia,
Bärengalle als Purgans u. s. w.
Auch der Mensch selbst wird als Heilkörper herangezogen: die Milch
junger Frauen als Verjüngungsmittel, die Placenta gegen Chlorose,
der Harn 3-4jähriger Kinder gegen Ohnmachten, menschliche Exkremente,
Abortreste u. s. w. Das Volk schreibt dem ~Blute Enthaupteter~ eine
besonders kräftigende Wirkung zu.
Zur animalischen Therapie ist auch die (wahrscheinlich aus Indien
stammende) prophylaktische ~Inokulation der Blattern~ zu rechnen,
welche, angeblich von einem Philosophen erfunden, mindestens seit
dem 11. Jahrhundert in China geübt wird und als Vorläuferin der
Serumtherapie angesehen werden kann. Man führt zu diesem Zwecke einen
mit dem Inhalt einer frischen Pockenpustel getränkten Baumwollenbausch
in die Nase des Impflings ein (bei Knaben ins linke, bei Mädchen ins
rechte Nasenloch) oder benützt Pulver von einer getrockneten Pustel,
das eingerieben oder durch eine Röhre in die Nase eingeblasen wird.
Aus gewissen spekulativen Gründen darf am 11. und 15. des Monats
nicht geimpft werden. (Die Vaccination wurde im letzten Jahrhundert
eingeführt.) Die Klassifikation der Arzneisubstanzen, denen
~spezifische Beziehung zu den Organen und Krankheiten~ zugeschrieben
wird, ist sehr subtil im Geiste des naturphilosophischen Systems
durchgeführt, und namentlich spielen hierbei die ~Spekulationen über
die Analogien zwischen der Elementarbeschaffenheit, der Farbe, dem
Geschmack und der spezifischen Wirkungsweise der Mittel~ eine wichtige
Rolle.
So sollen die grünen Mittel und die sauer schmeckenden Arzneien
vorzugsweise die Leber beeinflussen wegen des Holzes, das ihren
Hauptbestandteil bilde; nach dem gleichen Prinzip wirken die roten
und bitteren Mittel (Feuer) besonders auf das Herz, die gelben und
süßen (Erde) auf die Milz (Magen), die weißen und scharfen (Metall)
auf die Lungen, die schwarzen und salzigen (Wasser) auf die Nieren.
Alle erwärmenden oder kühlenden, stark wirkenden Stoffe besitzen
mehr die Eigenschaften des männlichen Urprinzips, des Yang, während
die schwach schmeckenden, mit ausgesprochenem saueren, bitteren,
süßen, würzigen oder salzigen Geschmacke mehr die Eigenschaften
des Yin haben sollen; den Leiden der oberen Körperhälfte, wo das
Yang überwiege, entsprechen die aus den oberen Pflanzenteilen
(Knospen, Blüten) hergestellten Arzneien, den Krankheiten der unteren
Körperhälfte hingegen die aus den Wurzeln bereiteten Mittel, weil in
ihnen das Yin vorherrsche. Schließlich werden die Heilmittel sogar
mit den Jahreszeiten in Analogie gesetzt, beispielsweise gleichen
die mehr nach oben wirkenden den treibenden Kräften des Frühlings,
die schweren, wässerigen, mehr nach unten wirkenden, dem sinkenden
Streben des Herbstes u. s. w. Bei der Verordnung kommen neben der
höchst anerkennenswerten jahrtausendalten Empirie die Stellung des
Mittels im naturphilosophischen System, die Berücksichtigung der
Jahreszeit und des Wetters, das Geschlecht des Patienten in Betracht.
Bisweilen ist für die Wahl des Arzneimittels auch die ~Signatur~
bestimmend (d. h. die Berücksichtigung der Form oder Farbe etc.,
welche symbolisch auf die Wirkung hindeuten sollen). Beispielsweise
werden deshalb die roten Blüten von Hibiscus als Emenagogum, der
Safran wegen der gelben Farbe gegen Icterus, Bohnen wegen ihrer
Gestalt als Nierenmittel, Leuchtkäfer als Bestandteil von Augenwässern
verwendet.
Die Quantität der einzelnen Arzneimischungen, welche dem Patienten
zugemutet wird, ist sehr bedeutend; äußerlich sind die Präparate oft
recht gefällig ausgestattet, anlockend, und die Namen, die sie führen,
(z. B. das Pulver der drei Höchstweisen, das Pulver des fünffachen
Ursprungs) sind geeignet, auf die Phantasie zu wirken, den Nimbus zu
verstärken. Manche Aerzte bereiten die Arzneien selbst, gewöhnlich
aber wandern die (auf rotes Papier geschriebenen) Rezepte in die meist
luxuriös ausgestatteten, sauber gehaltenen Apotheken. Das Rezept ist
in der Regel aus einer Anzahl von Drogen (selten weniger als 9 oder
10), zusammengesetzt; die Mittel werden nach ihrer Wirksamkeit in
Herrscher, Minister und Subalterne -- entsprechend unserem Remedium
principale, R. adjuvans, R. constituens et corrigens -- eingeteilt.
Sowohl bei der Komposition der Rezepte wie bei der Bestimmung der
Einzelgaben kommt der Zahlenglaube in Betracht; so stellt die Zahl der
verordneten Substanzen häufig ein Multiplum von 5 dar, und man gibt
gewöhnlich 5 Einzelgaben etc.