Die mit dem Menschentypus harmonisch verwachsene, aus der

Eigentümlichkeit geographisch-geschichtlicher Verhältnisse entsprungene

eigenartige Kultur verleiht auch der Medizin jene Züge, die wir

gleichförmig auf allen übrigen Gebieten des chinesischen Geisteslebens

finden. Solche sind die ~Abgeschlossenheit nach außen, mit dem Dünkel

der Superiorität, der blinde Autoritätsglaube und die übertriebene

Altertumsverehrung, die kindische Pedanterie und der subtilste

Formalismus mit der geistigen Erstarrung als notwendige Konsequenz, die

bizarre Mischung von größter Nüchternheit im Denken mit verworrenster

Phantastik, von praktischem Beobachtungstalent und hellem Erfindersinn

mit dem Mangel an Fähigkeit zur höheren Abstraktion~.

Bei der in ihrer Art trotzdem höchst anerkennenswerten Kultur

der Chinesen ist zu berücksichtigen, daß ihr jener Vorteil gänzlich

fehlte, welcher der mesopotamischen, ägyptischen, arischen Kultur und

der darauf gebauten europäischen zu gute gekommen ist, nämlich der

fortwährende Wechselverkehr der Nationen, die beständige Anregung

und Läuterung durch fremde Ideen, die reiche Differenzierung. Die

Anfänge der Gesittung und Bildung (Kalenderwesen, Schrift[?] u.

a.) dürften die Chinesen in vorhistorischen Zeiten allerdings vom

Westen erhalten haben, wenn die Hypothese richtig ist, daß sie die

Ursitze mit Ariern und Sumerern teilten; nachdem sie sich einmal in

ihrem ungeheuren Reiche festgesetzt hatten, blieben sie jedenfalls

Jahrtausende fast ganz isoliert vom Kulturstrom Westasiens und

trafen auf ihren Wegen nur Völker niedrigerer Entwicklungsstufe, mit

denen ihre Geschichte verschmolz. Mußte dadurch nicht der Dünkel der

Superiorität der eigenen Leistungen über alles Fremde entstehen?

Und als sie endlich mit höheren Kulturvölkern in Berührung kamen,

da war ihre eigene Entwicklung schon so abgeschlossen, und in so

eigenartigen Formen erstarrt, daß neue Elemente nur aufgenommen werden

konnten, wenn sie dem Organismus des chinesischen Lebens und Denkens

nicht widersprachen. Die Umgestaltung, welche der Buddhismus in

China erfuhr, beweist, daß selbst die kräftigsten fremden Einflüsse,

wenn sie überhaupt zur Geltung gelangten, sich dem Grundcharakter

des Chinesentums anpassen mußten, statt dieses zu modifizieren. --

Gelehrsamkeit, Industrie, Technik haben in überraschend früher Zeit

eine erstaunliche Reife erreicht, es sei nur hingewiesen auf die

mathematischen und astronomischen Leistungen, auf die vielverzweigte

Literatur aller Wissensgebiete, auf die Erfindung des Kompasses

(schon um 1100 v. Chr.), die Entdeckung des Porzellans, Erfindung

der Buchdruckerkunst, auf die Seidenraupenzucht, Glasbereitung,

Papierverfertigung, Purpurfärberei, Goldstickerei, Metallbearbeitung,

Darstellung künstlicher Schmucksteine und Emaillen, der Tusche u. s.

w. Und besonders rühmenswert ist es, daß der Gelehrte wohl in keinem

Lande der Welt so geschätzt wird, wie in China, was sich in seinem

hohen sozialen Rang deutlich genug ausdrückt.

Die medizinische Literatur ist außerordentlich reich. Eine Reihe

von grundlegenden Werken besitzt unzweifelhaft ein sehr hohes

Alter, wenn auch nicht ein solches, wie es ihnen die Tradition

zuspricht; ungeheurer Fleiß und subtiler Scharfsinn zeichnet wohl

die meisten der medizinischen Schriften aus, Originalität ist aber

nur in denjenigen vorhanden, welche bis zum 10. Jahrhundert n. Chr.

reichen, von dieser Zeit an begnügen sich die Autoren mit der Rolle

des kritischen Sammlers und Kommentators. Die Mehrzahl der Werke

behandelt die gesamte Medizin, leitet sich mit einem historischen

Ueberblick ein und widmet den größten Teil der Darstellung einerseits

der Pulsbeschaffenheit bei den verschiedenen Krankheiten, anderseits

der Therapie; der Umfang besonders der Enzyklopädien ist erstaunlich

groß. Neben diesen gibt es aber auch Spezialschriften, z. B. über die

Pulslehre oder über eine bestimmte Gruppe von Krankheiten (Frauen-,

Kinder-, Augenkrankheiten etc.) oder über eine einzelne Affektion,

z. B. Lepra. Zum Zwecke der leichteren Einprägung bringen Lehrbücher

den Gegenstand auch in Versen.

Die einheimische Ueberlieferung verlegt den Beginn der

medizinischen Literatur in die sagenumsponnene Epoche der

halbmythischen Kaiser und bringt dieselben mit der Entstehung der

wissenschaftlichen Heilkunde in Zusammenhang. ~Das erste medizinische

Kräuterbuch pen-tsao~, auf dem die heute noch geltende Pharmakopöe

basiert, soll der Kaiser Schin-nung (angeblich 2838-2699 v. Chr.)

verfaßt haben; es ist dies jener Herrscher, der sich auch sonst um

das Wohl seiner Untertanen durch kulturelle Großtaten (Einführung

der Feldfrüchte, Erfindung der Ackergerätschaften, Errichtung der

Märkte) verdient machte. Schin-nung lehrte die Menschen, von welchen

Brunnen sie trinken sollten und untersuchte alle Pflanzen seines

weiten Reiches auf ihre Heilwirkung; wie die Legende erzählt, besaß

er eine so dünne Magenwand, daß er durch dieselbe hindurchschauen

konnte -- eine Eigenschaft, die es ihm gestattete, an sich selbst

mit zahlreichen Giften und Gegengiften Versuche anzustellen. Noch

größere Förderung empfing die Medizin angeblich von dem „gelben“

Kaiser Hoang-ti (2698-2599 v. Chr.), welcher auch als Erfinder

der Rechenkunst und Musik, als Ordner des Kalenderwesens gefeiert

wird. Auf ihn führen die Chinesen das noch heute im Gebrauch

stehende Werk über innere Krankheiten ~Noi-king~ zurück -- ein

Werk, das gewiß viel jüngeren Ursprungs ist, die Lehre vom Bau des

Menschen und die systematische Darstellung der Medizin nach den

Prinzipien der Naturphilosophie enthält. Der Epoche des Hoang-ti

soll auch ein medizinisches Kräuterbuch, die Aufstellung der ersten

Pulslehre und die Erfindung der Heilgymnastik zu danken sein.

Unter der Tscheu-Dynastie (1125-255 v. Chr.) wurde das Buch Sai-Shi

verfaßt, worin die Lehre von den sechs Lebensgeistern dargestellt

ist, und schrieb Hen-jaku mehrere bedeutende Werke, von denen

namentlich das ~Nan-king~ (über schwierige Probleme) betitelte,

hohes Ansehen erlangte. Die berühmte Pulslehre ~Min-king~ des

Leibarztes Wang-schu-scho, ein kanonisches Werk, das wiederholt

neu aufgelegt worden ist, stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.

Von ganz besonderer Bedeutung für die Weiterentwicklung war die

schriftstellerische Tätigkeit des Cho-Chiyu-kei, der um 200 n.

Chr. lebte und zwei außerordentlich wichtige Bücher hinterließ;

das eine derselben führt den Titel ~Schang-han-lun~ (Lehre von den

fieberhaften Krankheiten), das andere heißt ~Kin-kwéi~ (goldener

Kasten) -- nach japanischer Aussprache zitiert ~Scho-kan-ron~ bezw.

~Kin-ki~. Bemerkenswert ist es, daß sich der Verfasser, im Gegensatz

zu Späteren, von mystischen Heilweisen möglichst fern hält und

vorzugsweise die empirisch-rationalistische Richtung vertritt; als

interessantes Faktum verdient hervorgehoben zu werden, daß nach seiner

Anschauung die fieberhaften Krankheiten durch Giftstoffe entstehen,

die Stärke des Fiebers von der Art und von der Verbreitungsweise des

Giftes (durch Verdauungswege, Blutgefäße oder Atmungswege) abhänge,

die Therapie im wesentlichen auf Entgiftung beruhen müsse. Den

Höhepunkt des Klassizismus erreichte Tschang-ki, der zur Zeit der

Nach-Han-Dynastie im 10. Jahrhundert lebte; seine Schriften, welche

das Gesamtgebiet der Medizin (z. B. Pulslehre) betreffen, sind in

dem Sammelwerke „~Der goldene Spiegel der ärztlichen Stammhäuser~“

(~I-tsung-kin-kien~) aufgenommen und vielfach kommentiert worden.

Weiterhin behandelt die sehr reiche Literatur die verschiedensten

Gebiete der Heilkunde, bescheidet sich aber trotz ihrer Vielseitigkeit

damit, als Supplement und Kommentar der vorhergehenden klassischen zu

dienen. Eines der beliebtesten neueren Werke ist „~Der bewährte Führer

im ärztlichen Fache~“ (~Ching-che-chun-ching~); von den 40 Bänden

desselben enthalten sieben die Nosologie, acht die Pharmakologie,

fünf die Pathologie, sechs die Chirurgie, der Rest Kinder- und

Frauenkrankheiten.

Das altehrwürdige medizinische Lehrgebäude der Chinesen ist geradezu

das Paradigma eines streng einheitlichen geschlossenen Systems,

welches die empirischen Errungenschaften zu einem Ganzen harmonisch

verbindet, frei von allen inneren Widersprüchen, durchweht von strammer

Denkmethodik. Ein Wunderwerk des Formalismus, ein Zerrbild echter

Wissenschaft, verdankt es solche Vorzüge jedoch nicht der objektiven

Wahrheit seines Inhalts, sondern dem Umstand, daß seine Prämissen der

herrschenden Weltanschauung entstammen und deshalb jedweder Kritik

entzogen die Bürgschaft der dauernden Anerkennung in sich tragen,

ja die Bedeutung unerschütterlicher Axiome besitzen. Im Lichte

der abendländischen Weltanschauung verbleicht freilich diese Blume

wissenschaftlicher Romantik sehr rasch, und es steht zu befürchten,

daß selbst einer unbefangenen historischen Analyse der Schmelz ihrer

Farbenpracht entschwindet.

Der leitende Gedanke des Systems ist der bizarr-phantastischen,

großzügigen chinesischen ~Naturphilosophie~ entnommen, welche seit

Jahrtausenden das gesamte Geistesleben in ehernen Banden festhält

und die empirische Forschung dazu zwingt, in den Sklavendienst einer

geistreich blendenden, hochthronenden Spekulation zu treten; er

gipfelt in dem Satze, ~daß der menschliche Leib mit seinen Kräften

bis in die kleinsten Einzelheiten das Abbild des Naturgeschehens im

Weltall darstelle, daß zahlreiche Analogien~ (z. B. hinsichtlich

der Zahlenverhältnisse, Elementarbeschaffenheit) ~zwischen

Makrokosmus und Mikrokosmus und zwischen den einzelnen Körperteilen

untereinander bestehen, deren Ineinandergreifen die vielverschlungenen

Wechselbeziehungen~ (die Korrespondenz) ~erkläre~. Im Banne dieser

Idee und in der sicheren Ueberzeugung, daß die Aufdeckung der

Analogien das Verständnis der normalen wie krankhaften Lebensvorgänge

jedes Einzelfalles vermittle, schwebte den ärztlichen Denkern nur

die spekulative Erforschung der geheimnisvollen Zusammenhänge als

erstrebenswertes Ziel vor, während der Empirie die Aufgabe zufiel,

die durch Tradition erstarrten Doktrinen womöglich zu befestigen,

keineswegs aber zu korrigieren.

Unter derartigen Umständen konnte vor allem jener Wissenszweig

nicht emporkommen, dessen Entwicklung ganz besonders an die Freiheit

und Voraussetzungslosigkeit der Untersuchung geknüpft ist -- ~die

Anatomie~; denn wie sollte diese gedeihen, wenn jeder Schritt --

abgesehen von religiösen Anschauungen, welche die Zergliederung

menschlicher Leichen verpönten -- durch die Voraussetzungen der

Spekulation gehemmt wurde? Eine Anatomie, welche, statt ein Korrektiv

zu sein, nur willkürliche Annahmen stützen soll, kann nur ein Zerrbild

werden, und ein solches stellt tatsächlich die chinesische Lehre vom

Körperbau dar: einen Wust von Phantasmen, der kaum mehr, als einige

wenige grobe Tatsachen, wie sie der Zufall offenbart, in sich schließt.

Nach der religiösen Anschauung ist demjenigen, welcher mit

verstümmeltem Körper das Totenreich betritt, eine Vereinigung mit

den Vorfahren nicht möglich. Aus diesem Grunde werden sogar von den

Operierten die amputierten Körperteile (z. B. von den Eunuchen die

Geschlechtsorgane) aufbewahrt und nach dem Tode ins Grab mitgenommen.

Eine Leichensektion widerspräche der Pietät und wäre geradezu eine

Beleidigung des Toten, eine Unzukömmlichkeit gegenüber den Lebenden.

Nur in ganz vereinzelten Fällen dürfte mit Verbrecherleichen eine

Ausnahme gemacht worden sein. Vielleicht bildeten solche gelegentliche

Uebertretungen des religiösen Verbots in älterer Zeit, hauptsächlich

aber wohl die Beobachtungen an gemarterten Verbrechern oder bei

zufälligen schweren Verletzungen Quellen für die oberflächliche

Kenntnis der Gestalt und Lage der Eingeweide; die Osteologie konnte

auch dadurch gewinnen, daß man alle Ueberreste der Toten sorgsam

aufbewahrte. Zergliederungen von Tieren scheinen nicht zum Vergleich

herangezogen worden zu sein.

Die anatomischen Beschreibungen der Chinesen sind infolge ihrer

schwülstigen Nomenklatur oft schwer zu deuten; sie beziehen sich,

da die Zwecke der praktischen Medizin allein in Betracht kommen,

vorwiegend auf die Lehre von den Eingeweiden (wobei Maße und

Gewichte angegeben werden) und auf das Gefäßsystem. Einen Vorzug

der einschlägigen Literatur würden die beigefügten anatomischen

Abbildungen ausmachen, wenn sie durch ihren groben Schematismus von

der Naturwahrheit nicht zu weit entfernt wären. Nach chinesischer

Darstellung beträgt die Zahl der Knochen 365; dabei gelten der

Schädel, der Vorderarm, der Unterschenkel, das Becken als je ein

Knochen. Ueber das Muskel- und Nervensystem, desgleichen über die

Sinnesorgane scheinen keine näheren Kenntnisse vorhanden zu sein.

Merkwürdigerweise wird vom Gehirn behauptet, daß es nur einen

kleinen Raum in der Schädelhöhle einnehme; das Rückenmark soll in

den Testikeln enden. Das Herz, in welches man den Larynx münden läßt,

wird mit der Blüte einer Wasserlilie verglichen; es besitzt 7 Löcher

und 3 Spalten und stützt sich gegen den 5. Wirbel; die Lunge ist am

3. Wirbel angeheftet, hat 8 Lappen und ist von 80 kleinen Löchern

durchbohrt; die Leber besteht aus 7 Lappen und stützt sich gegen den

9. Wirbel; die Gallenblase ähnelt einem Weingefäß; die Milz ist am

11. Wirbel befestigt; der Dünndarm, ebenso wie der Dickdarm, macht 16

Krümmungen; die bohnenförmigen Nieren sind am 14. Wirbel aufgehängt.

Außer den erwähnten Organen, an welche sich die Beschreibungen des

Magens, der Blase mit den Harnleitern anreihen, kennt die chinesische

Anatomie noch ein aus drei Abschnitten bestehendes Hohlorgan, ohne

welches die Eingeweide ihre Funktionen nicht auszuüben vermöchten, es

ist dies das ~San-tsiao~, das vielleicht mit dem Brust- und Bauchfell

zu identifizieren sein dürfte. Der Verlauf der Gefäße wird ganz

phantastisch geschildert.

Der Versuch des Kaisers Kang-hi (1662-1723), der chinesischen

Medizin die abendländische Anatomie aufzupflanzen -- er veranlaßte

eine Uebersetzung der Anatomie des Pierre Dionis durch den Jesuiten P.

Perennin --, scheiterte an dem Widerstande der einheimischen Aerzte.

Seit dem 19. Jahrhundert sind in China zwar Kopien europäischer

anatomischer Abbildungen verfertigt worden, von einem tieferen Einfluß

auf die Anschauungen ist jedoch bisher nichts zu merken.

Was die Entwicklungsgeschichte anlangt, so findet sich darüber

folgende Ansicht verbreitet: Im ersten Monate gleicht der Fötus

einem Wassertropfen; im zweiten einem Pfirsichblatte; im dritten

differenziert sich das Geschlecht; im vierten nimmt die Frucht

menschliche Gestalt an; im fünften lassen sich Knochen und Gelenke,

im sechsten die Haare erkennen. Wenn es ein Knabe ist, so bewegt sich

am Ende des siebenten Monats die rechte Hand links im Mutterleibe,

ist es ein Mädchen, so bewegt sich am Ende des achten Monats die

linke Hand rechts im Mutterleibe; am Ende des neunten Monats bemerkt

man beim Palpieren des Unterleibs drei Veränderungen in der Lage der

Frucht; am Anfang des zehnten Monats ist die Entwicklung beendigt.

Die Dauer der Schwangerschaft beträgt 270 Tage. Das Geschlecht der

Kinder läßt sich aus dem Pulse der Mutter erkennen: ist der rechte

Puls derselben erhoben, so deutet dies auf einen Knaben, ist es der

linke, so deutet es auf ein Mädchen. ~Knaben entstehen auf der linken,

Mädchen auf der rechten Seite der Gebärmutter.~

~Die Physiologie~ ist geradezu ein Teilgebiet der allgemeinen

Naturphilosophie, ohne die sie gar nicht verstanden werden kann; es

sind dieselben Prinzipien, welche im Weltall, wie im menschlichen

Organismus, der nur eine Manifestation des universellen Lebens

darstellt, zur Geltung gelangen.

~Der Kosmos ist nach chinesischer Anschauung aus dem Zusammenwirken

zweier heterogener Urkräfte~ (Polaritäten) ~hervorgegangen, der

männlichen, Yâng, und der weiblichen, Yin -- sein Gleichgewicht beruht

auf der harmonischen Tätigkeit beider.~

Yang (das aktive, positive Prinzip, Urwärme, Licht) ist vorwiegend

repräsentiert durch den Himmel, Yin (das passive, negative Prinzip,

Urfeuchtigkeit, Finsternis) durch die Erde. Vermöge beständiger,

gegenseitiger, graduell verschiedener Einwirkung der männlichen

(zeugenden, entwickelnden) auf die weiblichen (rückgängigen,

auflösenden) Kräfte entsteht die große Mannigfaltigkeit der

Dinge; die Verschiedenheit der Geschlechter, Charaktere, der

hervorstechenden Eigenschaften und Formen ist im letzten Grunde die

Folge des Ueberwiegens des Yang oder des Yin. Ersteres ist wirksam

in der Sonne, im Licht, im Frühling und Sommer, in der Jugend, als

Stärke, als Hitze, Trockenheit, Härte etc. ... letzteres im Mond, im

Schatten, im Herbst und Winter, im Greisenalter, als Schwäche, Kälte,

Feuchtigkeit, Weichheit etc. ... (die Analogie stellt also gemäß den

beiden heterogenen Prinzipien dualistische Reihen auf). --

~Die Materie besteht aus 5~ (Urgrundstoffen) ~Elementen, nämlich

Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser; jedes Ding ist aus ihnen (in

mannigfachen Verhältnissen) zusammengesetzt.~

Wie beim Schöpfungsakt aus dem Wasser das Holz (die Pflanzen),

aus dem Holz (Reibung) das Feuer, aus dem Feuer die Erde (Asche)

hervorging und die Erde das Metall aus sich entstehen ließ, so setzt

sich im Weltgeschehen der Kreislauf des Stoffwechsels in gleicher

Richtung fort. Daraus leitet die chinesische Naturphilosophie die

Beziehungen der Elemente zueinander ab, nämlich: ~Deszendenz~,

~Freundschaft~, ~Feindschaft~. So hat z. B. das ~Feuer~ das ~Holz~

zur ~Mutter~ (weil es aus dem Holz hervorgeht), ~Erde~ zum ~Sohne~

(Asche ist das Produkt des Feuers), ~Wasser~ zum ~Feinde~ (weil dieses

das Feuer auslöscht), das ~Metall~ zum ~Freunde~ (weil das Metall

keine Wirkung auf das Feuer ausübt). Die gleichen Beziehungen werden

bei jedem Grundstoff angegeben, wobei immer die Freundschaft mit

Feindschaft erwidert wird (Feuer ist der Freund des Wassers [d. h. es

kann diesem nichts anhaben], hingegen ist Wasser Feind des Feuers;

Feuer ist der Feind des Metalls [weil es dieses zerstört], hingegen

ist das Metall der Freund des Feuers).

~Mit den 5 Elementen stehen in Wechselbeziehung~ (Sympathie,

Korrespondenz), ~die 5 Planeten~ (Jupiter, Mars, Saturn, Venus,

Merkur), ~die 5 Luftarten~ (Wind, Hitze, Feuchtigkeit, Dürre, Kälte),

~die 5 Weltgegenden~ (Osten, Süden, Mittag, Westen, Norden), ~die 5

Jahresabschnitte~ (neben unseren 4 Jahreszeiten werden die letzten 18

Tage des Frühlings, Sommers, Herbst und Winters als eigene Jahreszeit

unterschieden), ~die 5 Tageszeiten, die 5 Farben~ (grün-blau, rot,

gelb, weiß, schwarz), ~die 5 Töne u. s. w.~[22].

[22] Unverkennbar besitzt die babylonische Kosmologie ~viel

Aehnlichkeit mit der chinesischen~, nur daß bei dieser

einerseits die Pedanterie auf die Spitze getrieben ist,

anderseits die astrologische Grundlage stark verdeckt wird.

In dieser Hinsicht beschränken wir uns auf den Hinweis,

daß in der chinesischen Geomantie und Wahrsagerei aus dem

Panzer der Schildkröte Astrologisches noch immer durchschlägt

(Himmelsregionen, Planeteneinfluß). Was die Ausbildung der

Analogien zwischen Gestirn, Farbe etc. anlangt, so ist es

interessant, daß auch bei den Babyloniern jedes ~Gestirn~

mit einer bestimmten ~Farbe~ in Verbindung gesetzt wurde. Die

Ausgrabungen von Tempeltürmen (Birs Nimrud) zeigten, daß ihre

einzelnen Stockwerke mit ~verschiedenfarbigen~ Backsteinen oder

Metallplatten überzogen waren, je nach den Gottheiten-Gestirnen,

welchen der Turm geweiht war, Schwarz-Saturn, Orange-Jupiter,

Rot-Mars, Gold-Sonne, Weiß-Venus, Dunkelblau-Merkur,

Silber-Mond.

Die Zahlensymbolik spielt in der chinesischen Naturphilosophie --

so, wie überhaupt in der orientalischen und der durch sie beeinflußten

Spekulation -- eine große Rolle; die Fünfzahlentheorie ist besonders

charakteristisch.

~Wie im Kosmos, so sind auch im Menschen die beiden Urkräfte Yâng

und Yin Grundbedingungen aller Vorgänge~; wie die Materie überhaupt,

so ist auch ~der menschliche Leib aus den 5 Elementen gebildet~, und

diese finden in bestimmten Organen ihre vornehmste Vertretung; ~auf dem

Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Prinzips, auf dem richtigen

quantitativen Verhältnis der Grundstoffe beruht die Gesundheit~.

Das männliche Prinzip -- die Lebenswärme -- regiert, entsprechend

seiner Tendenz zur Expansion, namentlich die kontraktilen Hohlorgane,

„Kammern“ (wie Dick- und Dünndarm, Harnblase, Gallenblase, Magen); das

weibliche Prinzip -- die Grundfeuchtigkeit -- sitzt in den solideren

„Eingeweiden“ (Leber, Herz, Lunge, Milz, Niere); jedes der Prinzipien

besitzt ein Sammelbecken, und beide zusammen zirkulieren mit dem Blut

und der Lebensluft, die ihnen als Vehikel dienen, im Gefäßsystem; durch

dieses werden sie den Organen und sodann allen Körperteilen zugeführt;

gestörte Zirkulation (durch Schwere, Reibung etc.) bedingt Krankheit.

Das Gefäßsystem besteht aus 12 Hauptadern (king), von diesen

enthalten 6 den positiven Urstoff (yang), 6 andere den negativen

Urstoff (yin); teils beginnen, teils enden sie an den Händen

oder Füßen. Vervollständigt werden die 12 Adern noch durch 2

Hauptsammelkanäle, von denen der eine, an der Rückseite des Körpers

verlaufend, den positiven, der andere, an der Vorderseite verlaufend,

den negativen Urstoff führt. Die 14 Adern haben 23 Aeste; außerdem

werden noch eine Reihe anderer kleiner Gefäße beschrieben.

Interessant ist es, daß die chinesische Physiologie eine Zirkulation

des Blutes und der Lebensluft annimmt, und behauptet, daß in 24

Stunden 50 Umläufe stattfinden, während eines Atemzuges legen Luft

und Blut 6 Zoll zurück. Die Bewegung äußert sich im Puls, welcher in

24 Stunden 54000-67000mal schlage.

~Die 5 Elemente sind im menschlichen Körper durch 5 Hauptorgane

(Eingeweide) repräsentiert, denen 5 andere (Hohlorgane, „Kammern“)

als Gehilfen (Brüder) zur Seite stehen resp. eine verwandte Funktion

besitzen.~ Dem Holz entspricht der Qualität nach -- die Leber; dem

Feuer -- das Herz; der Erde -- die Milz; dem Metall -- die Lungen; dem

Wasser -- die Nieren. Die Leber hat zum Gehilfen die Gallenblase, und

beide dienen zur Filtration der Säfte; das Herz empfängt den Chylus

und verwandelt ihn in Blut, sein Gehilfe, der Dünndarm, verwandelt

die Nahrung in Chylus; Milz und Magen besorgen die Verdauung; die

Lunge läßt das Blut laufen und reinigt es vom Schleim, ihr Gehilfe,

der Dickdarm, hat die Aufgabe, die groben und unreinen Stoffe zu

entleeren; die Niere mit dem Ureter teilt sich in die Sekretion des

Harns, der in die Blase gelangt. Im besonderen wird der rechten Niere,

der „Pforte des Lebens“, die Rolle zugewiesen, den Samen zu bilden

(Sitz der Kraft), während die Leber als Sitz der Seele, die Galle als

Sitz des Mutes gilt, und die Lungen die Stimmung regulieren sollen.

Gemäß der Elementarbeschaffenheit läßt die chinesische Physiologie

jedes der 5 Hauptorgane mit einer kosmisch-tellurischen Erscheinung

(Gestirn, Himmelsgegend, Luftart, Jahres-, Tageszeit etc.), und ebenso

mit einem der 5 Töne, Gerüche, mit einer der 5 Farben, Geschmacksarten

u. s. w., korrespondieren; außerdem beeinflußt jedes Organ neben der

Hauptfunktion noch ein entferntes Körpergebiet (z. B. einen bestimmten

Gesichtsteil, eine bestimmte Gewebsart) und steht zu anderen Organen

im Verhältnis der Sympathie oder Antipathie (Deszendenz, Freundschaft,

Feindschaft). ~Das wichtigste Charakteristikum findet es aber in

einer nur ihm eigentümlichen Pulsgattung.~ Diese bis ins Maßlose

gezogenen Analogien sind nach chinesischer Anschauung auch von größter

praktischer Bedeutung, weil sich jede krankhafte Störung durch eine

Abweichung von dem als Norm geltenden Korrespondenzsystem bemerkbar

macht.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 12 / 54 段