In einem Lande, wo Kinderlosigkeit als größtes Unglück galt, wo

Lingam und Yoni göttlich verehrt wurden, wo Impotenz erbunfähig

machte, waren Liebesmittel, neben diätetischen und suggestiven

Maßnahmen (Gesang, Musik, Blumen) natürlich sehr gesucht. In der

Literatur sind sie sehr zahlreich angeführt, von einem aus Sesam,

Bohnen, Zucker etc. bestehenden sagt Susruta: Vir hac pulte comesa

centum mulieres inire potest. Auch künstliche Vergrößerung des Penis

suchte man (z. B. durch Biß oder durch Insektenstich) zu erzielen.

-- Einen noch größeren Raum nehmen die Gifte und Gegengifte ein; der

Arzt muß dieselben wegen des häufigen Vorkommens von Vergiftungen

genau kennen; tatsächlich waren die indischen Aerzte wegen ihrer Kunst

in der Behandlung des Schlangenbisses sehr berühmt. -- Namentlich

war es Aufgabe der Hofärzte, den König vor Vergiftung zu schützen,

weshalb auch die Inspektion der Küche zu seinem Beruf gehörte.

Durch den ~Tierversuch~ (z. B. an verschiedenen Vögeln, an Affen, an

Fliegen) stellte man fest, ob eine Speise vergiftet oder unschädlich

ist. Einen Giftmischer soll man an seinen Reden und Gebärden zu

erkennen suchen. In der eingehendsten Weise sind in der Literatur

die Symptome beschrieben, welche bei Vergiftung durch pflanzliche

und mineralische Stoffe oder nach dem Biß oder Stich giftiger Tiere

(Schlangen, Tiger, Affen, wütende Hunde, Ratten, Mäuse, Fische,

Eidechsen, Skorpionen, Stechfliegen, Spinnen u. a. m.) hervortreten;

ebenso wird darauf aufmerksam gemacht, welche Zeichen auf leichtere

und schwerere Fälle, auf das Stadium der Vergiftung hindeuten. In

der Behandlung kommen neben Zaubersprüchen, Gebeten, Musik zum Teil

recht rationelle Eingriffe zur Anwendung (kaltes Wasser, Niesemittel,

Brechmittel, Aderlaß, bei Wunden Umschnürung der oberhalb gelegenen

Teile, Aussaugen der Wunde mit den durch eine Blase geschützten

Lippen, Ausschneiden, Schröpfen, Kauterisation).

Die beliebtesten Antidota waren unter anderen: Convolvulus

Turpethum, Curcuma longa, Nymphaea odorata, Brassica latifolia,

Aconitum ferox, ferner verschiedene zusammengesetzte Spezifika, wie

das aus den fünf Salzen, langem und schwarzem Pfeffer, Ingwer und

Honig bestehende, innerlich oder als Niesemittel gebrauchte Antidot.

Noch ungeklärt ist das Wesen der indischen „Giftmädchen“, deren Umgang

tötete.

Die Fülle der Arzneimittel, welche die Empirie zusammengetragen hatte,

verlockte umsomehr zur Polypharmazie, als die herrschende Doktrin eine

Unzahl von selbständigen Krankheitsformen hypostasierte. So beschrieb

man 26 Fieberarten (wovon 7 auf Störung eines, 13 auf der Störung

mehrerer Grundsäfte, 1 auf Verletzung oder anderen äußeren Ursachen

beruhten, 5 in die Gruppe des Wechselfiebers gehörten), 13 Arten von

Unterleibsanschwellung, 20 Wurmkrankheiten, 20 Formen von Harnleiden

(~darunter der von den Indern zuerst beschriebene Diabetes mellitus~,

auf den man dadurch aufmerksam wurde, weil Fliegen und Insekten den

süßen Harn aufsuchen), 8 Formen der Strangurie, 5 Arten der Gelbsucht

-- Bleichsucht (mit Eisenpräparaten behandelt), je 5 Arten von

Husten, Asthma und Schlucken, 18 Formen des „Aussatzes“ (worunter

sehr verschiedene Hautaffektionen zusammengeworfen sind), 6 Arten

von Eiterbeulen, 4-7 Arten der Impotenz, 5 Arten der Mastdarmfistel,

15 Geschwürsformen, 76 Augenkrankheiten, 28 Ohrenleiden, 65

Mundaffektionen, 31 Nasenleiden, 18 Krankheiten der Kehle, eine Menge

von Geisteskrankheiten u. s. w. Es ist hierbei zu berücksichtigen,

daß diese Krankheitstypen nichts anderes als vage ~Symptomenkomplexe~

waren, welche natürlich bei der geringsten Abweichung vom fingierten

Typus in eine Anzahl neuer Kategorien aufgelöst werden konnten. Bei

mancher der genannten Krankheitsformen läßt sich aber nicht verkennen,

daß neben der Aetiologie und den Symptomen, die mit bewundernswerter

Sorgfalt beobachtet wurden, neben der doktrinären Herleitung von

Grundsätzen, auch das ~anatomische Moment~ hie und da durchschimmert.

So heißt z. B. eine Form der Unterleibsschwellung, weil sie auf einem

Herabsinken und einer Vergrößerung der Milz beruhe („die hart wie

Stein und gewölbt wie der Rücken einer Schildkröte die linke Seite

ausfülle“), der „Milzbauch“; die gleichen Symptome auf der rechten

Seite heißen „Leberanschwellung“.

Die natürliche Konsequenz einer solchen ~lokalpathologischen~

Auffassung war eine vorherrschende -- ~Lokaltherapie~.

Von Genauigkeit der Beobachtung zeugen insbesondere die Schilderung der

verschiedenen Beschaffenheit der Fäces und des Harns, die Beschreibung

der Schwindsucht, der ~Hautkrankheiten~, ~der venerischen Affektionen~,

der Apoplexie, Epilepsie, Hemikranie, des Tetanus, Rheumatismus, des

Irrsinns u. a. Bei der ~Cholera~ verordnete man Brechmittel, Erwärmung

des Körpers, Cauterium (an den inneren Knöcheln), sodann Asa foetida

mit Adstringentien oder Opium mit weißem Pfeffer. Die Pocken sind wohl

bei Susruta (nicht aber bei Caraka und im Bowermanuskript) angedeutet,

finden aber erst später angemessene Darstellung -- auch der Kult einer

Pockengöttin und der „sieben Pockenschwestern“ ist späteren Ursprungs;

von irgendwelcher Impfung läßt sich in der älteren Literatur keine

Spur entdecken[19].

[19] Die Inokulation wurde in Indien späterhin in der Weise

vorgenommen, daß man Einschnitte in die Haut machte und ein

Jahr alten Pockenschorf auf die entblößten Stellen brachte.

„Fieber“ wird mit den schwersten Elementarereignissen auf

gleiche Stufe gestellt und auf die verschiedenartigsten Ursachen

zurückgeführt. Im Beginne (bis zu 7 Tagen) hat der Patient eine

sehr strenge Diät (dünne Abkochungen, gewärmtes Wasser) einzuhalten

oder zu fasten; besonders zu fürchten ist jenes Fieber, das aus

einer Störung aller drei Grundstoffe hervorgeht; am 7., 10. oder 12.

Tage nimmt es einen gefährlichen Charakter an, worauf es entweder

aufhört oder zum Tode führt. Die Typen der Malaria (Therapie Brech-

und Abführmittel) werden daraus erklärt, daß bei der Quotidiana das

Fleisch, bei der Tertiana das Fett, bei der Quartana das Mark und die

Knochen ergriffen sind. Den sieben Grundbestandteilen des Körpers

entsprechen ebensoviele Fieberarten; todbringend ist das Fieber

im Samen. Wie bei anderen Krankheiten (z. B. Geschwülsten) werden

auch bei den Fiebern verschiedene Stadien (~das rohe, reifende und

reife Stadium~), je nach dem Vorwalten charakteristischer Symptome,

unterschieden. -- Unter den „Würmern“ sind teils Spulwürmer,

vielleicht auch Tänien, in der großen Mehrheit aber allerlei falsch

gedeutete Dinge zu verstehen, die man in Krankheitsprodukten sah oder

zu sehen glaubte. Wie die babylonische und ägyptische, so machte auch

die indische Medizin „~Würmer~“ für sehr viele Leiden (namentlich

solche, die mit stechenden, bohrenden Schmerzen, Jucken etc. verbunden

oder geweblichem Zerfall verknüpft sind) verantwortlich, und glaubte

demgemäß z. B. an ~Augen-, Zahn-, Ohr-, Kopf-, Herz- und andere

„Würmer“~. In der vedischen Medizin kommen verschiedene „~Wurmsegen~“

vor (namentlich bei Kinderkrankheiten). -- Einen Schwindsüchtigen, der

die sechs Symptome: Husten, Durchfall, Seitenschmerzen, Heiserkeit,

Appetitlosigkeit und Fieber hat oder mit den dreien: Fieber, Husten

und Blutsturz behaftet ist, soll ein nach Ruhm strebender Arzt nicht

behandeln. Besteht die „Schwindsucht“ bereits ein Jahr, so kann das

Leiden nur noch gelindert werden. -- Die „Lepra“ wird, abgesehen von

vielen anderen Ursachen, auch auf den häufigen Genuß von Milch mit

Fischen zurückgeführt. -- In den indischen Schriften seit dem 16.

Jahrhundert n. Chr. findet man die Syphilis als „Frankenkrankheit“

beschrieben, wobei eine äußere, innere (Schmerzen wie bei Rheuma)

und gemischte Form erwähnt wird. Therapie: Quecksilber innerlich in

einer Pille mit Weizen, als Räucherungsmittel oder Verreibung mit den

Händen; Sarsaparille. -- Die Behandlung der Irrsinnigen war teils

somatisch (Purgier-, Brechmittel, Aderlaß etc.), teils psychisch.

Zwar ist auch von Aufheiterung des Kranken durch freundliche

Zusprache die Rede, zumeist aber bediente man sich barbarischer Mittel

(Hungernlassen, Brennen, Peitschen, Einsperren in einem dunklen Raum,

Erschrecken durch Schlangen, Löwen, Elefanten, Todesandrohungen etc.).

Die schlimmeren Formen des Irrsinnes sah man als Besessenheit an und

suchte aus der Art des Benehmens der Kranken zu schließen, welcher

der zahlreichen Dämonen von ihm Besitz ergriffen hat.

Den Glanzpunkt bildet die ~Chirurgie~, die zwar als ultimum refugiens

angewendet wurde, aber über eine ausgezeichnete Technik verfügte und

naturgemäß der Spekulation entrückt war. Die Sorgfalt und Reinlichkeit,

welche schon im allgemeinen den indischen Arzt auszeichnete, kam gerade

diesem Zweige besonders zu gute und sicherte auf manchen Gebieten

Erfolge, welche der medizinischen Kunst anderer Völker lange Zeit

unerreichbar blieben.

Die chirurgischen Operationen zerfallen in acht Arten: Ausschneiden

(z. B. Tumoren, Fremdkörper), Einschneiden (z. B. Abszesse),

Skarifizieren (z. B. bei Halsentzündung), Punktieren (z. B. Hydrocele,

Ascites), Sondieren (z. B. Fisteln), Ausziehen (z. B. Fremdkörper),

Ausdrücken (z. B. Abszesse), Nähen (mit Fäden aus Flachs, Hanf,

Sehnen oder Schweifhaaren). Das Instrumentarium zerfällt nach Susruta

in 101 stumpfe und 20 scharfe Instrumente. Zu den ersteren gehören

verschiedenartige Pinzetten, Zangen, Haken, Tuben, Sonden, Katheter,

Bougies etc., ferner vielerlei Hilfsinstrumente, wie der ~Magnet

(zum Herausziehen von Fremdkörpern)~, Schröpfhörner, Klistierbeutel

u. a. „Das wichtigste Hilfsinstrument aber ist die Hand, da man

ohne dieselbe keine Operation ausführen kann.“ Unter den scharfen

Instrumenten sind Messer, Bisturis, Lanzetten, Sägen, Scheren,

Trokare, Nadeln etc. aufgezählt. Die Instrumente waren aus Stahl --

den die Inder schon in sehr früher Zeit herzustellen verstanden --

verfertigt, und wurden in hölzernen Büchsen verwahrt. Noch lieber

als das Schneiden wandte man das Aetzen (besonders mit Pottasche) und

Brennen (mit Brenneisen verschiedener Form, siedenden Flüssigkeiten

etc.) an. „Das Brennen ist noch wirksamer als das Aetzen, insofern als

es Leiden heilt, die durch Arzneien, Instrumente und Aetzmittel nicht

heilbar sind, und weil die damit geheilten Leiden nie wiederkehren.“

Bei Milzschwellungen pflegte man glühende Nadeln ins Milzparenchym

einzustoßen. -- Von Verbänden gab es vierzehn nach ihrer Form benannte

Arten, als Verbandstoffe dienten Baumwolle, Wolle, Seide, Leinwand,

die Schienen waren aus Baststreifen und Holzstückchen von Bambus

und anderen Bäumen hergestellt. -- Die Blutstillung erfolgte durch

Heilkräuter, Kälte, Kompression, heißes Oel. Die der allgemeinen

Bezeichnung nach mit den Geschwüren zusammengeworfenen Wunden

(Schnitt-, Stich-, Hieb-, Quetschwunden etc.) wurden zum Teil ~genäht~

(z. B. jene des Kopfes, Gesichts, der Luftröhre). -- Die Operationen

durften nur unter glücklichen Konstellationen stattfinden, wurden

unter religiösen Zeremonien begonnen und beendigt; der Chirurg muß

gegen Westen, der Patient gegen Osten gewendet sein. Die Narkose

bewirkte man durch Berauschung.

Die chirurgische Therapie stützte sich auf reiche Erfahrung, die in

der Kühnheit der Eingriffe, in der Treffsicherheit der Prognose, nicht

zum mindesten auch in der bedächtigen Nachbehandlung hervortritt.

Die Behandlung der ~Frakturen~ (unter den Symptomen ist auch der

Krepitation gedacht), der ~Luxationen~, der Tumoren (Exstirpation),

der Fisteln (Spaltung oder Aetzung), die Entfernung der Fremdkörper

(15 Verfahrungsarten), die Vornahme der Paracentese, bei Wassersucht

u. a. beruhte auf durchwegs rationellen Erwägungen und gefestigten

Kenntnissen. ~Das Ueberraschendste aber leisteten die indischen

Chirurgen auf dem Gebiete der Laparotomie (Darmnaht), des Steinschnitts

und der plastischen Operationen~ (Oto-, Cheilo-, Rhinoplastik).

Die Darmnaht wurde folgendermaßen hergestellt: Nach Vornahme des

Eingriffes soll der Arzt die verletzten und gereinigten Stellen der

Gedärme „von schwarzen Ameisen beißen lassen, worauf er ihre Körper

abreißt, die Köpfe aber innen stecken läßt“[20]. -- Blasensteine

wurden durch die Sectio lateralis entfernt: „Wenn der Stein bis

unterhalb des Nabels gebracht ist, führe der Arzt den Zeigefinger und

Mittelfinger der linken Hand eingeölt und mit beschnittenen Nägeln

in den After des Kranken ein, dem Mittelfleisch entlang, bis er den

Stein fühlt, bringe ihn zwischen After und Harnröhre und drücke so

lange darauf, bis er wie ein Knoten hervorragt. Nunmehr erfolgt mit

einem Messer der Einschnitt auf der linken Seite, ein Gerstenkorn

weit von der Rhaphe, unter Umständen auch auf der rechten Seite, der

Größe des Steines entsprechend.“ -- Den Hauptanlaß für die plastische

Chirurgie bildete der Umstand, daß Ohren- oder Nasenabschneiden als

ein gesetzlich fixiertes Strafmittel im Schwange stand. Bezüglich der

Rhinoplastik heißt es bei Susruta: „Wenn jemand die Nase abgeschnitten

ist, schneide der Arzt ein Blatt von gleicher Größe von einem Baume

ab, lege es auf die Wange und schneide aus derselben ein ebenso

großes Stück Haut und Fleisch heraus, vernähe die Wange mit Nadel

und Faden, skarifiziere das noch vorhandene Stück der Nase, stülpe

rasch aber sorgsam die abgeschnittene Haut darüber, füge sie gut an

mit einem tüchtigen Verband und nähe die neue Nase fest. Dann stecke

er sorgfältig zwei Röhren hinein, um die Atmung zu erleichtern, und

nachdem sie dadurch erhöht ist, benetze er sie mit Oel und bestreue

sie mit rotem Sandel und anderen blutstillenden Pulvern; hierauf

ist sorgsam weiße Baumwolle darauf zu legen und öfter mit Sesamöl zu

besprengen.“

[20] Vergl. hierzu das Kapitel über primitive Medizin.

Was die Augenheilkunde anbetrifft, so war auch hier die Therapie

ziemlich zweckmäßig -- als Ort des Sehens galt die Linse --, aber

die bei Susruta vorkommende Beschreibung der Staroperation leidet an

großer Unklarheit.

Von geburtshilflichen Methoden wurden der ~Kaiserschnitt~ (an der

Toten) und die Embryotomie ausgeführt, die kombinierte Wendung war

unbekannt.

Höchst anerkennenswert sind die Vorschriften über die Diätetik der

Schwangeren, die Pflege der Wöchnerin und des Neugeborenen.

Der Embryo ist das Produkt aus dem Samen und dem Menstrualblut,

welche beide aus dem Chylus hervorgehen. Im dritten Monat entstehen

die Ansätze zu allen Körperteilen, Beine, Arme, Kopf, im vierten

erfolgt die deutliche Ausbildung der Körperteile und des Herzens, im

fünften nehmen Fleisch und Blut zu, im sechsten kommen die Haare, die

Nägel, Knochen, Sehnen, Adern u. s. w. zur Ausbildung, im siebenten

ist der Embryo mit allen Existenzbedingungen ausgestattet, im achten

wird die Lebenskraft bald aus der Mutter in das Kind, bald aus dem

Kind in die Mutter geleitet, wegen dieses Hin- und Herschwankens ist

ein in diesem Monat geborenes Kind nicht lebensfähig. Von der Mutter

stammen die weichen, vom Vater die harten Körperteile. Die Ernährung

geschieht auf dem Wege der Gefäße, welche Chylus von der Mutter zur

Frucht führen. Während der Schwangerschaft befindet sich der Fötus

in der Gebärmutter, dem Rücken der Mutter zugekehrt, den Kopf nach

oben, die Hände über der Stirn gefaltet, auf der rechten Seite der

Mutter liegend, wenn er männlichen, auf der linken, wenn er weiblichen

Geschlechtes ist; vor der Geburt erfolgte die Culbute.

Der Uterus hat die Gestalt eines Fischmaules. Die geeignetste Zeit

für die Konzeption ist in den zwölf Nächten nach dem Eintritt der

Menses. Da das Geschlecht des Kindes vom Ueberwiegen des Samens oder

des Menstrualblutes abhängt und letzteres an den ungeraden Tagen an

Quantität zunimmt, so wird das Kind männlich, wenn die Empfängnis an

einem geraden, weiblich, wenn die Empfängnis an einem ungeraden Tage

(nach Eintritt der Menses) zu stande kommt. Während der in der Regel

zehn Monate währenden Gravidität ist eine sehr sorgfältige Diät zu

beachten und namentlich das Versehen zu vermeiden. Im neunten Monat

begibt sich die Schwangere unter religiösen Zeremonien in die mit

allen nötigen Gegenständen eingerichtete Gebärhütte. •Bei der Geburt

assistieren vier Frauen•, wobei allerlei religiöse und suggestive

Gebräuche zur Beschleunigung zu Hilfe genommen werden. Die zögernde

Nachgeburt wird durch äußeren Druck, Schütteln, Brechmittel zu

entfernen gesucht. Die Wöchnerin steht am zehnten Tage auf, hat aber

sechs Wochen stramme Diät zu halten. Das Kind wird erst am dritten

Tage an die Mutterbrust gelegt (vorher erhält es Honig und Butter).

Tritt an Stelle der Mutter die Amme, so wird dieselbe vom Arzt erst

genau untersucht und sehr zweckmäßigen diätetischen Vorschriften

unterworfen. Mit außerordentlicher Sorgfalt ist die Pflege des

Säuglings bis in alle Einzelheiten (z. B. Nahrung, Liegen, Sitzen,

Schlaf, Spiele etc.) geregelt und namentlich bezieht sich eine Unmenge

von Gebräuchen auf die Abwehr der dem Kindesalter so gefährlichen

Dämonen. Vom sechsten Monat an wird die Abgewöhnung eingeleitet,

indem man mit der Ernährung durch Reis beginnt. -- Die Behandlung

der Dystokien stand nicht auf der Höhe der übrigen Medizin. Magische

Prozeduren spielten auch hier ihre Rolle. Man kannte das enge Becken

nicht, ebensowenig die kombinierte Wendung auf den Kopf oder die

Wendung auf die Füße. Bei unvollkommener Fuß- und Steißlage holte

man den zweiten Fuß, bezw. beide Füße hervor. Ebenso mangelhaft war

die Gynäkologie.

Die indische Medizin gebietet über einen imponierenden Schatz

von empirischen Kenntnissen und technischen Fertigkeiten, sie

erklomm die Höhe systematischen, theoretisierenden Denkens; aber

um in die Bahnen echter Wissenschaft einzulenken, dazu fehlte

es an der erforderlichen individuellen Schaffensfreiheit, an der

voraussetzungslosen Unbefangenheit, an der Möglichkeit einer Kritik,

die auch vor ehrwürdigen Doktrinen nicht halt zu machen braucht. In

den seltsamen, drückenden Kulturverhältnissen wurzelt das Geschick,

welches den Werdeprozeß abschnitt und zur scholastischen Versteinerung

brachte. Keine Neuzeit dämmerte für dieses Mittelalter heran! •Wie in

längst verrauschter Vergangenheit ragt noch heute das Bollwerk der

indischen Heilkunst empor•, unzerstört, aber einsam entrückt, fern

vom stetig flutenden Strom der Entwicklung. Dennoch ist das Sammeln,

Denken und Schaffen der indischen Aerzte für die Weltmedizin nicht

spurlos dahingegangen. Gleich den Zahlzeichen, den Fabeln und Märchen,

philosophisch-religiösen Ideen wanderte auch die Medizin der Inder

nach West und Ost auf den Straßen des Handels. Wenn auch nicht immer

offen zu Tage liegend, bestehen Zusammenhänge zwischen der indischen

Heilkunde und ihrer glücklicheren griechischen Schwester; bis ins

Abendland trug die Vermittlungskunst der Araber so manche der indischen

Leistungen, und soweit der ~Buddhismus~ seine Kreise zog, dankt Asien

gerade indischen Einflüssen einen größeren oder kleineren Teil seiner

medizinischen Kultur.

Daß die griechische Medizin indische Arzneistoffe und einzelne

Heilmethoden aufgenommen hat, geht aus der Literatur (Hippokrates,

Dioskurides, Galenos u. a.) deutlich hervor. Die Berührungen zwischen

beiden Kulturkreisen wurden allerdings erst durch den Alexanderzug

inniger und dauerten von da an ununterbrochen fort während der

Diadochenherrschaft, während der römischen und byzantinischen Epoche.

Hauptknotenpunkte des Verkehrs bildeten Alexandrien, Syrien, später

Persien (besonders zur Zeit der ~Sassaniden~). Indische Aerzte,

Heilmittel und Heilverfahren finden bei griechisch-römischen und

byzantinischen Autoren öfters Erwähnung, ebenso manche in Indien

endemische, vorher unbekannte Krankheiten. Während der Regierung

der ~Abbasiden~ erlangten die indischen Aerzte noch höheres Ansehen

in Persien, wodurch die indische Heilkunst in die arabische Medizin

verpflanzt wurde -- ein Effekt, der kaum noch in der Zeit arabischer

Herrschaft über Indien verstärkt werden konnte. Im Gewande der

arabischen Heilkunst drangen indische Elemente neuerdings nach

dem Abendland vor. Die im 15. Jahrhundert in Sizilien anscheinend

unvermittelt auftauchende Rhinoplastik spricht für eine lange

Nachwirkung indisch-arabischer Einflüsse.

Die plastische Chirurgie des 19. Jahrhunderts ist direkt durch

das Vorbild der indischen Methode angeregt worden; den ersten Anlaß

hierzu gab die 1794 aus Indien nach Europa gedrungene Kunde, daß ein

Mann aus der Ziegelmacherkaste einem Eingeborenen mit Hilfe eines

Stirnhautlappens die abgeschnittene Nase ersetzt habe. -- •Auch auf

die Verbreitung des Hypnotismus dürfte Indien, wo die empirische

Praxis der Suggestion mehr als irgendwo ausgebildet worden ist, zum

mindesten indirekt Einfluß genommen haben.• Um nur eine Tatsache

anzuführen, war es wohl kein Zufall, daß gerade in Kalkutta der

englische Arzt Esdaile auf die Idee kam, zahlreiche Operationen in der

Weise auszuführen, daß er die Anästhesierung mit Hilfe des Hypnotismus

vornahm (1852).

Durch die Buddhisten, welche gleich den abendländischen Mönchen,

weniger aus wissenschaftlichem Interesse, als geleitet von

Nächstenliebe, die Medizin pflegten (Lieblingsmittel Kuhurin), wurde

in der Heimat die ~Krankenpflege~ mächtig gefördert (Errichtung

von ~Hospitälern~ oder Anstalten für ärztliche Konsultation und

Verabreichung von Arzneien), und nach außen unter der Flagge religiöser

Propaganda auch die indische Heilkunde verbreitet. (Uebersetzung von

medizinischen Werken, z. B. ins Tamulische.) Die älteste Pflanzstätte

war ~Ceylon~, am stärksten machte sich der indische Einfluß in der

Medizin ~Tibets~ geltend (von wo aus weitere Verbreitung, z. B.

nach Südsibirien, stattfand), ebenso blieben der indische Archipel

(namentlich ~Java~), Hinterindien (~Kamboja~, ~Birma~) und selbst

China nicht unberührt.

Die Bowerhandschrift stammt von Buddhisten her, buddhistische

Spuren finden sich auch bei Vagbhata. Nach den Angaben des

chinesischen Buddhisten I-tsing (Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr.)

stimmt die buddhistische Heilkunst mit Caraka und Susruta völlig

überein. Die altbuddhistische Schrift des Mahavagga (4. Jahrhundert

v. Chr.?) kennt bereits die drei Grundstoffe. Der buddhistische

König Asoka (3. Jahrhundert v. Chr.) errichtete, wie aus Inschriften

hervorgeht, Spitäler (für Menschen und Tiere); in ~Ceylon~ gab es

schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Krankenhäuser; Buddhadas,

König von Ceylon (4. Jahrhundert n. Chr.), schrieb selbst ein

medizinisches Werk, stellte Truppenärzte an und gab seinem Lande

eine Sanitätsorganisation, der zufolge Asyle für Unheilbare und

Verlassene, ferner Hospitäler errichtet wurden und Distriktsärzte

(für je zehn Dörfer) ein fixes Einkommen zugewiesen erhielten. Die

modernen singhalesischen Drucke beruhen durchaus auf Sanskritvorlagen.

Schon um 900 n. Chr. war die Geschicklichkeit Susrutas in ~Kamboja~

sprichwörtlich; die Nomenklatur der Medizin in ~Birma~ stammt aus

dem Sanskrit, desgleichen viele Kenntnisse der ~Siamesen~. Die

neuerdings erschlossene Heilkunde ~Tibets~ stützt sich größtenteils

auf Uebersetzungen medizinischer Sanskrittexte ins Tibetische und

zeigt daher in vielen Dingen die eklatanteste Uebereinstimmung mit

der indischen, wie aus den Lehrsätzen über Anatomie, Embryologie

und Pathologie (drei Grundstoffe, Würmer, Dämonologie), aus der

Terminologie und aus den verwandten Drogen hervorgeht[21]. Von Tibet

aus verbreiteten sich indische Grundsätze und Kenntnisse weiter,

einerseits zu den Himalayavölkern, anderseits zu den ~Burjäten~,

Dsungaren, Tanguten und ~Wolga-Kalmücken~. Selbstredend erreichte

oder bewahrte diese verpflanzte indische Medizin keineswegs die Höhe,

welche sie im Heimatlande einnahm, das gilt namentlich hinsichtlich

der Chirurgie, welche in Hinterindien und auf den Inseln des

indischen Archipels (z. B. ~Java~) auf sehr primitiver Stufe steht;

hingegen fiel die medizinische Dämonologie der Inder überall auf sehr

fruchtbaren Boden und vermischte sich mit den autochthonen Gebräuchen

und mystischen Vorstellungen (z. B. der Malayen!).

[21] Nebstdem kommt in Tibet aber auch der chinesische Einfluß als

gleichwertig in Betracht.

Die Medizin der Chinesen und der Japaner.

Unabhängig von historisch erweisbaren äußeren Einflüssen, ein seltsames

Produkt der versteinernden Zeit, bietet die Medizin der Chinesen noch

heute das gleiche Bild wie vor Jahrtausenden. Entrückt dem Strome

fortschreitender Entwicklung, ergänzt sie noch in aktueller Gegenwart

durch lebendige Anschauung unsere lückenhaften Vorstellungen über

die altorientalische Heilkunde, mit welcher sie in den wesentlichsten

Gesichtspunkten übereinstimmt.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 11 / 54 段