In der Klassifikation der Krankheiten, von denen überaus zahlreiche

Arten supponiert werden, kommt zwar hauptsächlich die Lehre von den

Elementarsubstanzen und Grundbestandteilen zur Geltung -- aber nicht

ausschließlich, indem noch andere, teils religiös-spekulative, teils

empirische Momente als Einteilungsprinzipien fungieren, nämlich

~ätiologische Momente~ (natürliche Krankheitsursachen, wie Fehler in

der Ernährung und Lebensweise, Klima und Wetter, psychische Affekte,

~Vererbung~, Gifte, Seuchen oder übernatürliche Einwirkungen, Zorn der

Götter, Dämonen und, der indischen Wiedergeburtslehre entsprechend,

„Karma“, d. h. Verfehlungen im früheren Leben), ~der Krankheitssitz~

(äußere, innere, lokale, allgemeine, körperliche, geistige Leiden),

~die Heilbarkeit~ (heilbare, nur zu lindernde, unheilbare Affektionen).

Im Grunde aber bilden stets Luft, Schleim, Galle, das Blut oder

einer der übrigen Stoffe den Angriffspunkt, und je nachdem nur eine

oder aber mehrere der Elementarsubstanzen beteiligt sind, werden

die mannigfachen, leichteren oder schwereren Krankheitsformen

hervorgebracht.

Nach Susruta gibt es 1120, nach Caraka unzählige Krankheiten;

letzterer nennt 80 Wind-, 40 Gallen-, 20 Schleimkrankheiten (womit

aber die Aufzählung schon deshalb nicht erschöpft sei, weil eine

Menge von Affektionen vorkomme infolge von zufälligen oder äußeren

Ursachen, z. B. Verletzungen aller Art, Blitzschlag, dämonischen

Einflüssen etc.). Er unterscheidet im wesentlichen drei Gruppen:

natürliche, geistige, dämonische Krankheiten. Susruta teilt die

Krankheiten in „körperliche“ (d. h. Abnormitäten der Grundstoffe),

von Verletzung herrührende, durch Gemütsaffekte bedingte und

„natürliche“ Leiden (Alterskrankheiten, Inanition, angeborene).

Vāgbhata klassifiziert „natürliche“ und geistige, dämonische

Krankheiten, wobei bei den ersteren die Störung der Grundsäfte das

Primäre, bei den letzteren das Sekundäre ist. Welcher Krankheitsstoff

(d. h. Abnormität des Windes, des Schleims, der Galle, des Blutes,

des Chylus, des Marks, des Samens u. s. w.) vorliegt, ist aus

den Symptomen zu ersehen. Neben der erwähnten findet sich bei

Susruta noch eine andere Einteilung in 7 Klassen: 1. vererbte, 2.

im Mutterleib erworbene, 3. von den Grundsäften herrührende, 4.

durch Verletzung, 5. durch Witterungseinflüsse, 6. durch dämonische

Einwirkungen oder ~ansteckende~ Berührung, 7. durch Hunger, Durst,

Alter etc. entstandene Krankheiten. -- Gewisse Krankheiten beruhen

auf ~Karma~, d. h. Verfehlungen in einem früheren Leben (z. B. der

Mörder eines Brahmanen leidet an Anämie, der Ehebrecher an Gonorrhoe,

ein Brandstifter an Erysipel, ein Spion verliert das Auge, die

Elephantiasis ist die Strafe für Unkeuschheit). Solche Kranke haben

sich Sühnezeremonien und Bußen zu unterziehen; wo aus geringfügigen

Anlässen schwere Leiden entstehen, da liegt ein Zusammenwirken der

gestörten Grundstoffe mit Karma vor. Medizinisch läßt sich als Kern

dieses Mystizismus die Erkenntnis herausschälen, daß die gewöhnliche

Aetiologie an manchen Affektionen scheitert. -- Seuchen wurden auf

anhaltende Dürre, Regengüsse, Einfluß der Gestirne, Ausdünstungen etc.

zurückgeführt oder als von den Göttern verhängte Strafen aufgefaßt.

Die ~Diagnostik~ der Krankheiten bewegte sich zwar in den Grenzen

des wissenschaftlichen Dogmatismus, basierte aber auf sorgsam geübter

Sinnestätigkeit.

Der indische Arzt bediente sich nicht allein der ~Inspektion~,

~Palpation~, ~Auskultation~, sondern stellte sogar den ~Geruch- und

Geschmacksinn~ in den Dienst der Medizin. So nahm man mit dem Auge

Zu- und Abnahme des Körpers, das Aussehen der Haut, der Zunge, der

Exkrete, die Gestalt, den Umfang von Schwellungen u. a. wahr; mit

dem Ohre achtete man auf Veränderungen der Stimme, auf das Geräusch

beim Atmen, auf das Krachen der Gelenke, Krepitation frakturierter

Knochen, Kollern der Gedärme u. a.; mit dem Tastsinn untersuchte

man die Temperatur, die Glätte, Rauhigkeit, Härte oder Weichheit der

Haut u. a.; der Geschmack belehrte z. B. über die Beschaffenheit des

Urins (~süßer Geschmack des diabetischen Harns~), der Geruch über die

Ausdünstungen. All diese Untersuchungsweisen ergänzten die Anamnese,

welche man durch sorgfältiges Befragen in Betreff der Herkunft,

Lebensweise, Krankheitsdauer, subjektiven Symptome des Patienten etc.

erhoben hatte.

In den späteren Werken erscheint die Diagnostik noch subtiler,

aber dafür auch dogmatischer, indem z. B. aus der Beschaffenheit der

Augen, der Zunge, des Urins weitreichende und spekulative Schlüsse

auf die krankmachende Ursache und den Krankheitssitz gezogen werden.

Wahrscheinlich infolge fremder Einflüsse legte die indische Medizin

der späteren Epochen auf die ~Pulsuntersuchung~ ein Hauptgewicht.

Frauen ist der Puls auf der linken, Männern auf der rechten Seite zu

fühlen, der Arzt hat hierbei die drei mittleren Finger der rechten

Hand aufzulegen und die Kompressibilität, Frequenz, Regelmäßigkeit,

Größe zu beachten. Affektionen, die von der Luft verursacht sind,

verraten sich durch einen dahinschleichenden Puls (wie eine Schlange

oder ein Blutegel); der wie ein Frosch, eine Krähe oder Wachtel

hüpfende Puls kündigt die Prävalenz der Galle an, der langsam gegen

die Finger schlagende (wie ein Schwan, Pfau oder Tauben) weist auf den

Schleim. Für die meisten Krankheiten sind charakteristische Pulsarten

aufgestellt.

Außerordentlich fein wurde die ~Prognostik~ ausgebildet, und •diese

zeigt in ihrer Eigenart noch ganz deutlich den Zusammenhang, welcher

historisch unleugbar zwischen der priesterlichen Omenlehre und der

ärztlichen Vorhersage besteht•. Deshalb liefert die indische Prognostik

einerseits Zeugnisse von bewundernswertem Scharfblick und praktischer

Beobachtungsgabe, während sie anderseits von uraltem Aberglauben

geradezu strotzt. In dieser Hinsicht genügt der Hinweis, daß man nicht

bloß auf die Träume achtete, sondern sogar ganz zufälligen Begegnungen

vor dem Krankenbesuche ominöse Bedeutung zuschrieb.

Die ärztliche Politik erforderte schon von vornherein eine Orientierung

über den wahrscheinlichen Verlauf im allgemeinen und demgemäß war

festzustellen, ob die Krankheit heilbar oder unheilbar ist (letzterer

Fall, ebenso alljährliche Verschlimmerungen, geboten Ablehnung

der Behandlung), ferner ob die Qualität des Patienten an sich, die

Behandlung erleichtert oder den Erfolg in Frage stellt (z. B. bei

Herrschern oder Brahmanen, Greisen, Frauen und Kindern entfallen

heroische Mittel, die unter Umständen oft allein heilend wirken; durch

Nichtbefolgung der Vorschriften infolge von Geiz, Armut, Stupidität

wird die ärztliche Tätigkeit und damit die ganze Kur lahmgelegt). Als

sehr wichtig galt es, noch vor Uebernahme der Behandlung ein Urteil

über die Lebenskraft des Kranken zu gewinnen; die Langlebigkeit wurde

aus gewissen Merkmalen geschlossen, z. B. aus den großen Dimensionen

der Hände, Füße, der Zähne, der Stirne, der Ohren, der Schultern, der

Brustwarzen, aus dem tiefliegenden Nabel u. s. w. Kurze Finger und

langes Sexualorgan galten als Zeichen der Kurzlebigkeit. Eingehend

schildern die indischen Autoren die Vorboten des Todes und die

prognostischen Symptome sowohl im allgemeinen, wie bei jedem einzelnen

Leiden, wobei auffallende körperliche oder geistige Veränderungen des

Patienten, z. B. Sinnestäuschungen, Delirien, Insomnie oder Sopor,

Anästhesie, plötzliche Lähmungszustände, plötzliche Temperaturabfälle,

Schweißausbrüche, Hervortreten der Adern, Dyspnoe, Schwerbeweglichkeit

und Trockenheit der Zunge u. a., in ihrer Bedeutung erkannt wurden.

Als günstiges Omen galt es, wenn der Bote, der zu dem Arzt gesendet

wird, weiß gekleidet, rein, von angenehmem Aeußeren, von gleicher

Kaste wie der Kranke ist, in einem von Rindern gezogenen Wagen

sitzt u. a. Ungünstig dagegen war es, wenn der Bote einer höheren

Kaste als der Kranke angehört, ein Eunuch oder eine Frau oder selbst

krank, traurig, furchtsam oder erschreckt ist, oder wenn läuft, ein

abgetragenes, schmutziges Gewand trägt, kahl geschoren ist, auf einem

Esel oder Büffel reitet, um Mitternacht, zu Mittag, zur Zeit einer

Mondsfinsternis etc. oder dann eintrifft, wenn der Arzt schläft,

nackt auf dem Boden liegt, das Haar offen trägt, den Göttern opfert

u. a. Günstige Vorzeichen waren es, wenn der Arzt auf dem Wege zum

Patienten zufällig einer Jungfrau, einer Frau mit Säugling, zwei

Brahmanen, einem rennenden Pferd u. a. begegnete. Ungünstig dagegen:

Schlange, Oel, Feind, streitendes Volk, Bettler, Asket, Einäugiger

u. a. m.

Bezüglich der Prognose bei einzelnen Affektionen wäre z. B.

anzuführen, daß man Harnruhr für tödlich erklärte, wenn gefährliche

Geschwüre entstanden, ebenso die „Hämorrhoiden“, wenn Schwellung des

Mundes, der Hände, Füße, der Hoden, des Nabels, des Afters auftrat,

der Ausfluß von Blut sehr stark war, Durst, Appetitlosigkeit, Kolik

und Fieber hinzukam u. s. w. Als besonders schwere Krankheiten mit

ungünstiger Prognose wurden Ascites, Aussatz, Gonorrhoe, Hämorrhoiden,

Mastdarmfisteln, abnorme Kindslage, Lithiasis, Tetanus betrachtet.

In der Behandlung der Krankheiten schrieb man der ~Hygiene und Diät~

zum mindesten eine ebenso große Bedeutung zu wie dem Arzneischatz und

den eigentlichen therapeutischen Eingriffen.

Es hängt dies damit zusammen, daß die Inder, im Banne einer

Religion, welche durch sozialhygienische Vorschriften die ganze

Lebensweise bis auf die kleinsten Einzelheiten pedantisch regelte,

schon in gesunden Tagen die körperliche Reinheit mehr als alle

übrigen Völker pflegten und auf richtige Ernährungsweise bedacht

waren. Religion und Medizin fallen hinsichtlich der Hygiene und

Prophylaxe vollkommen zusammen, was in der Uebereinstimmung der

einschlägigen Angaben seinen Ausdruck findet; eine Ausnahme ist

nur darin zu erblicken, daß die medizinischen Autoren den durch die

Religion verpönten Genuß von Fleisch und geistigen Getränken nicht

prinzipiell untersagten. Die Vorschriften beziehen sich auf folgendes:

a) ~Die tägliche Reinigung~, Sorge für den Stuhlgang, ~Reinigung der

Zähne~ mittels frischer Zahnstöckchen (die von gewissen Baumzweigen

mit zusammenziehendem, bitterem Geschmack, genommen sein müssen),

zweimaliges Bürsten der Zähne, Abschaben der Zunge, Ausspülen des

Mundes, Waschen des Gesichtes, Bestreichung der Augen mit Salben,

Einreiben des Körpers mit wohlriechenden Oelen, Einölen des Kopfes,

der Ohren, der Fußsohlen, Mundpflege (mittels Betelblättern, Kampfer,

Kardamomen und anderen Gewürzen), Haar-, Bart-, Nägelpflege (alle fünf

Tage zu schneiden). b) ~Die Mahlzeiten und Ernährungsweise~ -- täglich

zwei Mahlzeiten zwischen 9 und 12 Uhr Vormittags, 7 und 10 Uhr Abends,

vorher Anregung des Appetits durch etwas Salz und Ingwer, Vorschriften

über das Speisegerät, über das Sitzen beim Speisen, über die Ordnung

der Gerichte, mäßiges Trinken während der Mahlzeit (Wassertrinken am

Anfang der Mahlzeit verzögere die Verdauung, mache mager, reichliches

Trinken am Ende derselben mache fettleibig etc.), nach dem Speisen

sorgfältige Mundpflege, kleiner Spaziergang; wichtigste Nahrungs-

und Genußmittel: die verschiedenen Getreidearten, besonders Reis,

Früchte, Gemüse, Knollenfrüchte, Ingwer, Knoblauch, Salze, Wasser

(das beste sei Regenwasser), Milch, Oel, zerlassene Butter, Honig,

Zuckerrohr, vom Fleisch am ehesten Wildbret, Vögel, Büffelfleisch;

als wenig gesundheitsförderlich galten Schweine-, Rindfleisch und

Fische; die Quantität der Nahrung ist der Verdauungskraft anzupassen.

c) ~Bewegung und Ruhe, Massage, Bäder und Kleidung~ -- Gymnastik,

Schlaf (am Tage nur nach großen Anstrengungen, in der Nacht bis eine

Stunde vor Sonnenaufgang), warme und kalte Bäder (die heiligsten im

Ganges), täglich ein Bad (nach dem Essen sei es schädlich, ebenso

bei Erkältung, bei kaltem Fieber, Diarrhöe, Ohren-, Augenkrankheit),

warme Bäder oder Waschungen seien nur für die untere Körperhälfte

zuträglich, für die obere schädlich, Seebäder, Heilquellen; Kleidung

muß sauber sein (schmutzige rufe Hautkrankheiten hervor), Schirm,

Stock und Schuhe zu tragen sei ratsam, •das Tragen von Kränzen,

Schmuck, Kleinodien erhöhe die Lebenskraft und wende böse Geister

ab•. d) ~Regelung des Coitus~ (nachher soll man Milch trinken;

Verbot desselben am 8., 14. und 15. Monatstage und am Morgen etc.).

e) ~Prophylaktische Maßnahmen~: einmal in der Woche ein Vomitiv,

einmal im Monat ein Laxans, zweimal im Jahre Venäsektion. -- Die

diätetisch-hygienischen Maßnahmen erlitten natürlich vielfache

Modifikationen je nach den Jahreszeiten (das indische Jahr zerfiel

in sechs Abschnitte), und nicht geringe Aufmerksamkeit wurde auch

der ~klimatischen~ Beschaffenheit zugewendet (sumpfige, trockene und

Gegenden mit gemischtem Charakter).

Die zweckmäßige Regelung der Ernährung und Verdauung hat dem

Heilverfahren im engeren Sinne stets vorauszugehen, und auch bei

diesem spielen ~Mastkuren~ oder ~Entziehungskuren~ keine geringe

Rolle; ~äußerliche Applikationen~ (Bäder, Einreibungen, Pflaster,

Fomentationen, Räucherungen, Inhalationen, Gargarismen, Niesemittel,

Einträufelungen, Klysmen, Suppositorien, Injektionen in die Harnröhre

und Scheide, Blutentziehung u. a.) erfreuten sich besonderer Vorliebe.

Unter dem Namen „die fünf Verfahrungsarten“ wurden die wichtigsten

Kurmethoden zusammengefaßt, nämlich ~Brechmittel~, ~Purgiermittel~,

~Klistiere~, ~ölige Klistiere und Niesemittel~; denselben wurden

zumeist Fett- und ~Schwitzmittel~ vorangeschickt. Die Indikationen

waren zahlreich und genau umschrieben.

Zur Unterstützung der Brechwirkung steckte sich der Kranke einen

Rizinusstengel in den Hals, während ein Diener ihm den Kopf und die

Seiten hielt, das Erbrochene mußte der Arzt untersuchen. -- Der

Apparat zur Vornahme von Klysmen bestand aus dem Klistierbeutel

(eine Tierblase oder Lederbeutel) und einer spitz zulaufenden,

metallenen, hörnernen oder elfenbeinernen Röhre. Unfälle scheinen

bei Klistieren nicht selten vorgekommen zu sein. -- Die für Kopf-

und Halsleiden besonders geeignet befundenen Nasenmittel dienten

teils zur Purgation des Kopfes, teils zur Stärkung, es wurde dabei

eine Arznei oder ein mit Arznei vermischtes Oel in die Nasenlöcher

gebracht oder tropfenweise aufgesogen. -- Fette und Oele, unvermischt

oder mit Zusätzen, kamen äußerlich und innerlich zur Anwendung.

-- Das Schwitzen erzeugte man durch Auflegen von (in einem Tuch

erhitzten) Kuhmist, Sand etc., durch Dampfbäder (in einer Tonne, in

einer Schwitzstube, die durch einen Ofen mit vielen Löchern geheizt

wurde, Liegen auf einer erhitzten Steinplatte, Eingraben eines mit

Arzneien und glühenden Steinen gefüllten Kruges unter dem Bett des

Patienten, Applikation von Röhren, deren eines Ende im Kochtopf

steckte, während das andere dem kranken Körperteil genähert wurde

u. s. w.). -- Für Inhalationen war folgendes Verfahren üblich: Man

pulverisierte die Arzneistoffe, knetete die Masse zu einem Teig,

der über einen Rohrhalm geklebt wurde. War der Teig trocken, so zog

man den Halm heraus, steckte die so erhaltene Teigröhre in ein Rohr

von Metall, Holz oder Elfenbein, zündete sie an und brachte das

andere Ende des Rohres in den Mund oder die Nase. -- ~Blutegel~,

~Schröpfen~, ~Skarifikationen~ und ~Aderlaß~ waren die Mittel zur

Blutentziehung. Für die Aufbewahrung und Applikation der Blutegel

sind detaillierte Vorschriften überliefert; beim Schröpfen kam ein

Kuhhorn, an dessen Spitze ein Stückchen Tuch festgebunden war, oder

ein hohler Flaschenkürbis, in welchen ein brennender Docht gesetzt

wurde, zur Anwendung; die Venäsektion, für welche sehr sorgfältige

Indikationen und Kontraindikationen, auch bezüglich der Wahl der

Stelle (je nach dem Sitz des Leidens, Adern der Stirn, der Nase, am

Augenwinkel, am Ohr, an der Brust u. s. w.) existierten, nahm man mit

der Lanzette vor; der Patient wurde vorher eingesalbt, und während

der Operation hielt ihn ein Diener an einem Tuche fest, das um den

Hals gelegt worden war.

Der ~Arzneischatz~ ist, entsprechend der fruchtbaren Natur des

Landes, überaus reichhaltig und verleiht der indischen Medizin eine

charakteristische Signatur; nichts spricht mehr für die Originalität

desselben, als daß unter den zahlreichen Pflanzenmitteln kein

einziges europäische Herkunft besitzt. Die überwiegende Mehrheit der

Arzneisubstanzen war ~vegetabilisch~; Caraka kennt 500, Susruta 760

Heilpflanzen (wobei Wurzeln, Rinden, Säfte, Harz, Stengel, Früchte,

Blüten, Asche, Oele, Dornen, Blätter etc. zur Anwendung kamen); nicht

gering aber ist nebstdem die Zahl der ~tierischen~ und, was ganz

besonders bemerkenswert, auch die Zahl der ~mineralischen~ Heilmittel.

~Früh wurden die mineralischen Mittel bei den Indern nicht nur

äußerlich, sondern auch innerlich gebraucht~, und gerade ihnen maß

man die kräftigste Wirkung bei.

~Von Indien aus kamen viele Arzneipflanzen oder Drogen nach dem

Westen, wie Narde, Zimt, Pfeffer, Sesamum orientale, Kardamonum, der

Saft des Zuckerrohres u. a.~ -- Von den animalischen Stoffen wären zu

erwähnen: Blut (als Stärkungsmittel), Galle, Milch (menschliche, Kuh-,

Elefanten-, Kamel-, Schaf-, Stutenmilch), Butter (ein sehr beliebtes

Mittel), Molken, Honig, Fett, Mark, Fleisch, Haut, Samen, Knochen

(Ziegenknochen für Salben), Zähne (von Elefanten), Sehnen, Hörner,

Klauen, Nägel (Räucherungen gegen Wechselfieber), Haare (verbrannte

gegen Hautwunden), Gallensteine (des Rindes), •Harn (von der Kuh)•,

Fäces (Kuhmist gegen Entzündungen, Elefantenmist gegen Aussatz). --

Außerordentliches Ansehen genossen die mineralischen Stoffe (Metalle,

darunter auch Gold, Kupfersulfat, Eisensulfat, Bleioxyd, Bleisulfat,

Bleiglätte, Schwefel, Arsenik, Borax, Alaun, Pottasche, Kochsalz,

Chlorammonium, ~Edelsteine~ u. a.). Die Zubereitungen mineralischer

Art setzen erstaunliche chemische Fertigkeiten (Reinigung, Oxydation,

Sublimation u. s. w.) voraus. Gold wurde gereinigt, indem man es

in dünne Blättchen schlug, siebenmal glühte und mit verschiedenen

Flüssigkeiten abschreckte; oxydiert, wurde es als Stimulans,

Aphrodisiakum oder ~Lebenselixir~ empfohlen! Aehnlich wie mit dem

Gold verfuhr man mit den übrigen Metallen. Was das Quecksilber

anlangt, so wird es in der älteren Literatur nur einige Male erwähnt

(in der Bowerhandschrift kommt es nicht vor, wohl aber bei Susruta),

und vor der mohammedanischen Epoche kannte man kaum die zu seiner

pharmazeutischen Verwendung nötigen metallurgischen Prozesse;

späterhin wurde es eines der beliebtesten Mittel (bei Hautleiden,

Fieber, Nerven-, Lungenleiden, Syphilis, zur Lebensverlängerung), „der

König der Metalle“, und ein Sprichwort lautete: „Der Arzt, welcher

die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter kennt, ist ein Mensch; der,

welcher die des Wassers und Feuers kennt, ein Dämon; wer die Kraft

des Gebetes kennt, ein Prophet, wer die Kraft des Quecksilbers kennt,

ein Gott.“ Da die Inder in der chemischen Technik Hervorragendes

leisteten, so erlangte auch die ~pharmazeutische Hantierung~ bei

ihnen eine hohe Stufe, und zahlreich sind daher die Arzneiformen.

Bekannt waren Auszüge von Pflanzensäften durch Mazeration, Infusa,

Dekokta, Latwergen (aus eingedickten Abkochungen mit Oel, Butter,

Honig und dergl.), Mixturen, Sirupe, Pillen, Pasten, Suppositorien,

Pulver, Tropfen, Kollyrien, Salben, Räuchermittel, gegorene mit

verschiedenen Arzneistoffen versetzte Tränke u. a. m. Die Dosen waren

nach einheimischen Gewichten (Samenkörner von Abrus precatorius)

bestimmt.

Die meisten Rezepte waren hoch zusammengesetzt und mit volltönenden

Titeln geschmückt, wie das „Ambrosia von zerlassener Butter“,

„Zitronenpillen der Asvins“ (Dioskuren, siehe oben). Die Aerzte

sollten selbst die Arzneien aufsuchen, sich von Hirten, Asketen,

Jägern belehren lassen. Sie führten in einem Kästchen eine Art Reise-

oder Hausapotheke mit sich. Bei Susruta finden sich Angaben über die

besten Standorte, über Zeit und Art des Einsammelns der Pflanzen

und Vorschriften über die Räumlichkeit, wo die Arzneien bereitet

werden -- geschützte Lage gegen Rauch, Regen, Wind, Feuchtigkeit. Der

Mystizismus ging natürlich nicht leer aus, ebensowenig die bisweilen

in seinem Gewande auftretende Scharlatanerie. Gebete, Beschwörungen

mußten auch die pharmazeutischen Prozeduren einleiten; von Laien

gesammelte und zubereitete Arzneisubstanzen galten als wirkungslos

etc.

Klassifiziert wurden die Arzneimittel nach den Krankheiten, gegen

welche sie helfen, und nach der Wirkung (z. B. Brech-, Purgier-,

Beruhigungsmittel, Tonika, Aphrodisiaka u. s. w.). In dieser

Weise stellt Caraka 50 Gruppen auf. Andere Einteilungsgründe waren

allgemeine Eigenschaften, nämlich die elementare Beschaffenheit,

der Geschmack (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, zusammenziehend),

die Umwandlungsfähigkeit (durch den Verdauungsprozeß), die Qualität

~erhitzende~ (~heiße~), ~abkühlende~ (~kalte~), aufweichende,

austrocknende (~trockene~), reinigende, schlüpfrig machende (~feuchte~,

~ölige~) Mittel u. a.

In der indischen Kosmologie werden vorherrschend ~fünf Elemente:

Luft oder leerer Raum, Wind, Feuer, Wasser, Erde unterschieden~.

Abführmittel z. B. haben die Eigenschaft von Erde und Wasser, sind

daher schwer und gehen unter, sie müssen einem Boden entnommen

werden, in welchem Erde und Wasser vorherrschen. Brechmittel haben

die Qualität von Feuer, Luft und Wind etc.

Ein grelles Streiflicht auf die indische Kultur wirft es, daß Kosmetika

(namentlich Haarfärbemittel), Lebenselixire (Kraft und körperliche

Schönheit spendend), Aphrodisiaka, Gifte und Gegengifte (auch

Universalantidota) im Vordergrund standen.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 10 / 54 段