Die Aehnlichkeit der ~indischen~ und ~hellenischen~ Heilkunde

während dieses Stadiums ist in den allgemeinen Grundanschauungen

und gewissen Einzelheiten so auffallend, daß es nicht wundernimmt,

wenn von mancher Seite die Originalität der ersteren bezweifelt

oder gar in Abrede gestellt wurde, umsomehr, als die Datierung der

maßgebenden indischen Werke mit großen Schwierigkeiten verknüpft

ist und vor den neuesten Handschriftfunden gänzlich haltlos hin-

und herschwankte. Im Hinblick auf die hervorragenden selbständigen

indischen Leistungen in den meisten Wissens- und Kunstzweigen, die

Abneigung gegen fremdartige Einflüsse und unter Berücksichtigung der

neueren Forschungsergebnisse, herrscht heute die Ansicht, ~daß die

indische Medizin im wesentlichen Originalität besitzt~ -- autochthon

ist namentlich die Anatomie, Materia medica, Diätetik, Hygiene

-- ~und wenn sie vorübergehend theoretisches und praktisches Gut

von den Griechen aufnahm~, dieses doch in ganz eigenartiger Weise

verarbeitete und assimilierte. Aehnliches war, wie sicher erwiesen,

auch der Fall z. B. auf dem Gebiete der Astronomie oder in der

Novellendichtung (möglicherweise vielleicht auch in der dramatischen

Dichtung), und wie dort stießen die griechischen Einwirkungen auf

eine jahrtausendalte, in der Hauptsache festgestaltete, in sich

abgeschlossene Kulturwelt, so daß das Wesen des Ganzen kaum mehr

tiefgehend umzumodeln war. Die griechische Beeinflussung erfolgte

hauptsächlich nach dem Zuge Alexanders des Großen, als in Indien

zunächst eine bald wieder verschwindende mazedonische Satrapie

bestand, sodann als lebhafte Beziehungen mit dem mächtigen, damals

Medien und Persien einschließenden Seleukidenreiche gepflegt wurden,

und die Herrscher des griechisch-baktrischen Reiches von weiten

Landstrecken Nordindiens Besitz ergriffen, insbesondere aber in den

ersten nachchristlichen Jahrhunderten, als griechische Schulen in

Syrien und Persien entstanden. Der Buddhismus, welcher seinem Prinzip

nach, die Schranken der Nationalität durchbrach, arbeitete den fremden

Einflüssen kaum entgegen.

Die Medizin lag nur so lange in der Hand der Brahmanen, als die

Empirie, namentlich die Chirurgie hinter der Theurgie zurückstand.

Nunmehr gehörten die wissenschaftlich gebildeten Aerzte der

hochstehenden Mischkaste der Ambaṣtha (~Vaidya~) an, welche

väterlicherseits ihre Herkunft von den Brahmanen herleiteten; neben

ihnen wirkte eine untergeordnete Gattung von Empirikern, Heilgehilfen,

die in der weniger angesehenen Kaste der ~Vaisya~ vereinigt waren.

Es ist nämlich zu beachten, daß nur die zwei ersten Kasten,

Brahmanen und Krieger, wirkliche Stände bildeten. Die dritte Kaste

(Vâiçya) umfaßte im Gegensatz zu den nichtarischen Çûdra das ganze

arisch-indische Volk (soweit es nicht Priester oder Richter waren), d.

h. die Ackerbauer, Viehzüchter, Hirten u. s. w. In dem Maße, als sich

(durch das verpönte Connubium) die ursprünglichen Kasten untereinander

vermengten, tauchten eine ganze Menge von neuen Mischkasten auf, die

sich dem Range nach abstuften und denen eine bestimmte Lebensweise und

ein bestimmter Beruf vorgeschrieben waren. Die Rangstellung dieser

„unreinen“ Mischkasten richtete sich nach der Kaste, welcher der

Vater angehörte; daher stand z. B. ein Ambaştha, d. h. der Sohn eines

Brahmanen von einem Vâiçyamädchen, relativ hoch. -- Natürlich hatten

auch die höheren Mitglieder höherer Klassen Zutritt zum ärztlichen

Stand, während die Çûdra ausgeschlossen blieben, bis der Buddhismus

auch da seine nivellierenden Einflüsse äußerte.

Spuren von der priesterlichen Herkunft des Aerztestandes (welche

bei den Indern anfangs sogar mit der natürlichen Abstammung seiner

Vertreter von den Brahmanen zusammenfiel) zeigen sich in der ganzen

Unterrichtsweise und Standesethik. Erstere war der Erziehung des

Brahmanenschülers geradezu nachgeahmt. Bei der ärztlichen Berufswahl

bildeten gute Abkunft (am besten aus einer ärztlichen Familie),

manuelle Befähigung und gewisse körperliche, wie sittliche und

intellektuelle Eigenschaften die Voraussetzung; die Lebensweise

und Studienordnung des Schülers unterlagen genauen Bestimmungen;

Ehrfurcht gegen die Brahmanen, die Lehrer und Vorgänger wurde

beständig eingeflößt. Die Aufnahme des Jüngers erfolgte im Winter,

bei zunehmendem Monde, an einem glückverheißenden Tage in Gegenwart

von Brahmanen, und der Unterricht leitete sich durch eine feierliche

Einweihungszeremonie ein, an deren Schlusse der Adept das Gelöbnis

ablegen mußte, daß er alle Vorschriften der Standesordnung und die

religiösen Pflichten getreu beobachten werde. Ein Lehrer durfte nur

4-6 Schüler gleichzeitig unterweisen. Der Unterricht, welcher 6 Jahre

währte, basierte auf einem erprobten und anerkannten Lehrbuche, und

bestand einerseits aus dem Auswendiglernen der vom Lehrer erklärten

Lehrsätze, anderseits in der ~praktischen~ Ausbildung (Krankenbesuch

und besonders ~chirurgischen~ Uebungen). •„Wer nur theoretisch

gebildet ist, aber unerfahren in der Praxis, weiß nicht, was er tun

soll, wenn er einen Patienten bekommt, und benimmt sich so töricht,

wie ein Jüngling auf dem Schlachtfelde. Anderseits wird ein Arzt,

der nur praktisch, nicht aber theoretisch ausgebildet ist, nicht die

Achtung der besseren Männer erringen.“• Medizin und Chirurgie mußte in

gleichem Maße beherrscht werden, denn „der Arzt, dem die Kenntnis des

einen dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur einem Flügel“.

Nach Vollendung der Studien war die Erlaubnis des Königs zur Ausübung

der ärztlichen Praxis zu erwirken. Stets von wissenschaftlichem Eifer

erfüllt, wurde dem Arzte nahegelegt, seine Kenntnisse im Verkehr mit

Fachgenossen zu erweitern und hierbei Bescheidenheit an den Tag zu

legen. Bis in alle Details war das äußere Auftreten, das Verhalten

gegenüber dem Patienten und den Angehörigen, die Honorarfrage geregelt;

Jäger, Vogelsteller, aus der Kaste Verstoßene, Verbrecher -- aber

auch Unheilbare sollten nicht in Behandlung genommen werden. Mehr von

ärztlicher Politik als von Ethik eingegeben, war der Rat, Leuten,

welche beim König oder beim Volk mißliebig sind, keine Arznei zu

verordnen. Welchen Eindruck die indischen Aerzte im Volksbewußtsein

hinterließen, beweist der Spruch: „Ist man krank, so ist der Arzt

ein Vater; ist man genesen, so ist er ein Freund; ist die Gesundheit

wiederhergestellt, so ist er ein Hüter.“ Unrichtiges Verfahren wurde

nach den Gesetzen bestraft, gute Aerzte durften nach dem Tode den

Himmel Indras zum Lohne erwarten! Das Zentrum der medizinischen

Wissenschaft lag in dem hochheiligen Benares am Ganges, der uralten

Stadt (der glänzenden „Kasi“), wo auch der Sitz brahmanischer

Gelehrsamkeit war.

Ueber die Beschaffenheit des zur Medizin tauglichen Schülers

und des richtigen Lehrers waren unter anderem folgende Ansichten

verbreitet: „Der Schüler muß eine feine Zunge, schmale Lippen,

regelmäßige Zähne, ein edles Antlitz, wohlgeformte Nase und Augen,

ein heiteres Gemüt und feinen Anstand haben und fähig sein, Mühen und

Schmerzen zu ertragen.“ „Der Lehrer soll das heilige Buch Schritt

für Schritt, Vers für Vers vorlesen, er soll deutlich, aber ohne

Anstrengung reden, ohne zu stocken, weder zu schnell, noch zu langsam,

ohne zu näseln und ohne ein Zeichen der Ungeduld zu verraten“ u.

s. w. -- Am Schlusse der Aufnahmszeremonie wurde der Adept ermahnt,

keusch und enthaltsam zu sein, einen Bart zu tragen, die Wahrheit zu

reden, kein Fleisch zu essen, dem Lehrer in allen Dingen Gehorsam zu

leisten, als Arzt die Brahmanen, die Lehrer, die Armen, die Freunde

und Nachbarn, die Frommen, die Waisen unentgeltlich zu behandeln u.

s. w. „Gegen die Götter, das Feuer, die Brahmanen, den Guru (Lehrer),

die Alten und die seligen Lehrer mußt du alle Pflichten beobachten.

Tust du es, so mögen dir dieses Feuer, alle Säfte, alle Düfte, Schätze

und Körner und die genannten Götter alle günstig sein! Wo nicht --

so seien sie dir ungünstig!“ Auf diese Worte des Lehrers spricht der

Schüler: „So geschehe es.“ An bestimmten Tagen, in der Dämmerung,

bei Donner und Blitz, zur Zeit der Krankheit des Königs, bei großen

Festen, Naturereignissen etc. durfte nicht studiert werden, damit das

Studium nicht mit halber Aufmerksamkeit betrieben werde. Nicht nur

mit dem Ohr, sondern mit dem Verstande ist dem Unterricht zu folgen,

sonst „gleicht der Schüler dem Esel, der eine Ladung Sandelholz trägt,

und nur deren Gewicht, nicht aber deren Wert kennt“. ~Die Einübung

von chirurgischen Operationen geschah in der Weise, daß man dem

Schüler die Schnitte an Früchten, Punktionen an gefüllten Schläuchen,

Harnblasen (von Tieren) oder Taschen zeigte, das Skarifizieren an

gestreckten, noch behaarten Tierfellen, den Aderlaß an den Blutgefäßen

toter Tiere oder an Lotusstengeln, das Sondieren an wurmstichigem

Holz, röhrenförmigen Gegenständen, das Herausziehen an den Zähnen

toter Tiere, das Oeffnen von Abszessen an einem Wachsklumpen, welcher

auf Holz aufgestrichen war, das Nähen an dicken Kleidern, das Anlegen

von Verbänden an Figuren, das Aetzen und Brennen an Fleischteilen u.

s. w. lehrte.~ Unter den Vorschriften, die dem Arzt beim Eintritt in

die Praxis gegeben werden, heißt es: „Laß dir die Haare und die Nägel

kurz schneiden, halte deinen Körper rein, trage weiße Kleider, ziehe

Schuhe an und nimm einen Stock oder Schirm in die Hand. Dein Aeußeres

sei demütig und dein Gemüt rein und ohne Arglist.“ Wenn der Arzt

die Wohnung des Kranken betritt, soll er wohl gekleidet, gesenkten

Hauptes, nachdenklich, in fester Haltung und mit Beobachtung aller

möglichen Rücksichten auftreten. Ist er drinnen, so darf Wort, Gedanke

und Sinn auf nichts anderes gerichtet sein, als auf die Behandlung

des Patienten. Die Vorgänge im Hause dürfen nicht ausgeplaudert,

auch darf von dem bevorstehenden Ende nichts mitgeteilt werden, wo

es dem Kranken oder sonst jemand Nachteil bringen kann. Besonders

wird auch von jeder Vertraulichkeit mit Frauen abgeraten und gewarnt,

mit ihnen zu klatschen oder zu scherzen und Geschenke außer etwa

Speisen anzunehmen. -- Das Honorar des Arztes richtete sich nach den

Verhältnissen des Patienten und war unter Umständen sehr hoch. Als

höchstes Ziel für den Arzt erschien es, Hofarzt zu werden. Im Kriege

wurden die Truppen von Aerzten begleitet.

Die berühmtesten Vertreter der medizinischen Literatur Indiens

sind ~Caraka~, ~Suśruta~ und ~Vāgbhaṭa~ -- die „alte Trias“. Das

vielumstrittene Problem der chronologischen Fixierung dieser Aerzte

oder der unter ihrem Namen überlieferten Schriften hat erst in der

neuesten Forschung einige sichere Anhaltspunkte gefunden. Darnach fällt

die Lebenszeit des Caraka wahrscheinlich in den Beginn der christlichen

Zeitrechnung; Suśruta wurde jedenfalls schon im 5. Jahrhundert n.

Chr. als Autor einer weit zurückliegenden Vergangenheit betrachtet,

und was Vāgbhaṭa anlangt, so ist sein echtes Werk, in welchem Caraka

und Suśruta zitiert werden, kaum nach dem 7. Jahrhundert n. Chr.

entstanden.

Da von Chronologie bei den Indern keine Rede ist, und der Ursprung

der medizinischen Literatur ganz ins Gewand der Sage gehüllt wird,

so schwankten die Historiker bis vor kurzem ganz außerordentlich

hinsichtlich der Entstehungszeit der Monumentalwerke indischer

Heilwissenschaft. Ein Teil verlegte sie sehr weit zurück in die

vorchristliche Epoche, andere, welche in der indischen Medizin

nichts anderes als eine schattenhafte Reproduktion der griechischen

erblicken wollten, gaben das 10. bis 15. Jahrhundert n. Chr. als

Abfassungszeit an. Konnte letztere Ansicht schon durch ein arabisches

Werk aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts n. Chr. sowie durch eine

Inschrift aus dieser Zeit, worin rühmend des Suśruta gedacht ist,

zurückgewiesen werden, so fiel ganz unerwartet neues Licht auf die

Frage, als eine 1890 von Leutnant ~Bower~ von zwei einheimischen

Kaufleuten erworbene Handschrift entziffert und übersetzt worden war.

Die •Bowerhandschrift•, welche ein auf Birkenrinde geschriebenes,

ziemlich gut erhaltenes Manuskript von 54 Seiten darstellt, lag

unter einem buddhistischen Denkmal in Kaschgarien (China) verborgen;

der in altertümlichem Sanskrit und in Versen abgefaßte Text enthält

außer einer Sprichwörtersammlung einen Panegyrikus auf den Knoblauch

(gegen alle möglichen Leiden), Angaben über Verdauung, über richtige

Mischung der Arzneistoffe, Kinderpflege, Sterilität, Behandlungen

der Schwangeren und Wöchnerinnen, süßen Harn, an dem die Hunde

lecken (Diabetes), ferner zahlreiche Heilformeln zu äußerlichem

und innerlichem Gebrauch, einen Schlangenzauber gegen den Biß

der Kobra etc. Die eminente Bedeutung der Bowerhandschrift, die,

nach den paläographischen Kriterien zu urteilen, um 450 n. Chr.

geschrieben ist, liegt zunächst darin, daß sie den Bestand einer

systematischen medizinischen Wissenschaft der Inder mit all den

charakteristischen Eigentümlichkeiten, wie dieselben bei Caraka und

Suśruta auftreten, zum mindesten schon für das 4. bis 5. Jahrhundert

n. Chr. sicher nachweist, nebstdem aber erwähnt sie noch in der

Einleitung unter anderen alten Aerzten ausdrücklich den Suśruta

und stimmt sogar an mehreren Stellen mit ihm sowie mit Caraka

wörtlich überein. Für die Lebenszeit des Caraka hat sich weiterhin

ein Anhaltspunkt dadurch ergeben, daß eine ungefähr um 405 n. Chr.

verfaßte chinesische Uebersetzung (einer Sanskriterzählung) von

Caraka als von einer ganz bekannten Persönlichkeit spricht und ihn

zum Zeitgenossen des Königs Kaniska macht, welcher im Anfang des 1.

Jahrhunderts n. Chr. regierte. -- Auch andere, neuerdings bearbeitete

zentralasiatische Handschriften, welche zum Teil noch älter sind

als das Bowermanuskript, z. B. die um 350 n. Chr. geschriebene

Macartneyhandschrift, bekräftigen die obigen Angaben.

In welchem Ausmaße die heute vorhandenen Ausgaben nur späte Redaktionen

der ursprünglichen Originalwerke darstellen und aus älteren und

jüngeren Teilen zusammengesetzt sind, kann die Zukunft möglicherweise

klären -- bezeichnend für das Alter und die Macht der medizinischen

Tradition bleibt es jedenfalls, daß ~Caraka~ und ~Susruta~ sich

lediglich als jüngere Bearbeiter des uralten, ~in letzter Linie von

Brahman~ inspirierten •„Ayurveda“• (Wissenschaft des Lebens) betrachtet

wissen wollen, welcher aus 1000 Abschnitten, ein jeder zu 100 Stangen

bestanden haben soll. Mit dieser mythischen Einkleidung, der sicher ein

historischer Kern entspricht, harmoniert die Fülle der Kenntnisse --

das Produkt vieler Generationen -- und die auffällige inhaltliche und

formelle Uebereinstimmung beider Autoren. Gemeinsam ist ihnen nicht

nur das Lehrsystem und die Terminologie, sondern auch der Wechsel

von Prosa und gebundener Rede; nur kennzeichnet sich ~Caraka~ durch

größere Ausführlichkeit der Darstellung, ~Suśruta~ durch eine mehr

trockene Behandlung des Stoffes und viel eingehendere Berücksichtigung

der ~Chirurgie~.

Aus den Werken Carakas und Suśrutas wurden wiederholt einzelne

Kapitel oder sehr bedeutende Abschnitte ins Englische übertragen.

Von Suśruta existiert auch eine vollständige, aber nach dem Urteil

der Fachmänner höchst mangelhafte lateinische Uebersetzung (Susrutas

Ayurvedas. Nunc primum ex Sanskrita in Latinum sermonem vertit, Dr.

Franciscus Hessler, Erlangen 1844-1850, 3 Bände. -- Kommentar in

2 Heften, Erlangen 1852 u. 1855). -- Das Werk des Caraka besteht

aus acht Hauptteilen (sthāna): 1. sūtrasthāna über Pharmakologie.

Nahrungsmittel, Diätetik, gewisse Krankheiten, Kurmethoden, Aerzte

und Pfuscher, über Physiologie, Psychologie u. a. 2. nidānasth.

über acht Hauptkrankheiten. 3. vimānasth. über Geschmack, Ernährung,

allgemeine Pathologie, ärztliches Studium. 4. sarīrasth. über Anatomie

und Embryologie. 5. indriyasth. über Diagnostik und Prognostik. 6.

cikitsāsth. über spezielle Therapie. 7. kalpasth. und 8. siddhisth.

über allgemeine Therapie. -- Das Werk des Susruta zerfällt in folgende

Hauptabschnitte: 1. sūtrasthāna, Ursprung der Heilkunde, Propädeutik,

Instrumentenlehre, ~Chirurgie~, Arzneimittellehre, Diätetik etc.

2. nidānasth. Pathologie. 3. sarīrasth. Anatomie, Embryologie.

4. cikitsāsth. Therapie. 5. kalpasth. Toxikologie. 6. uttarasth.

(Schlußabhandlung) spezielle Pathologie und Therapie, Hygiene. --

Die Schriften des Vagbhāta folgen in ihrer Einteilung vollkommen

dem Susruta. -- Die drei Autoren, ebenso wie spätere, nahmen einen

göttlichen Ursprung der Medizin an und bezeichnen als Grundquelle

den Ayurveda (der einen upaveda = Nebenveda bildet); dieser

enthielt ursprünglich acht Teile: große Chirurgie, kleine Chirurgie,

Behandlung der Krankheiten, Dämonologie, Kinderheilkunde, Toxikologie,

Elixiere, Aphrodisiaka. „Brahman, nachdem er das bedeutungsvolle

ewige Ambrosia des Ayurveda erkannt hatte, übergab es dem Daksa,

dieser den beiden Asvins, und diese dem Satakratu (Indra).“ In der

weiteren Darstellung der Ueberlieferung des Ayurveda an die Menschen

weichen die Autoren voneinander ab. Während nach Susruta Indra den

Ayurveda an den Wundarzt der Götter ~Dhanvantari~ (d. h. Kenner der

Chirurgie), verkörpert als König Divodāsa von Benares (Kāsirāja),

übergibt, der dann Susruta nebst sechs Genossen darin unterrichtet,

mit Voranstellung der Chirurgie, ist nach Caraka Bharadvāja der

erste Sterbliche, dem Indra den Ayurveda offenbart. Von den Weisen,

die ihn umgeben, teilt einer, nämlich ~Atreya~, die von Bharadvāja

empfangene Lehre sechs Schülern, ~Agnivesa~, ~Bhela~, Jatukarna,

Parāsàra, ~Hārīta~, Ksārapāni, mit. Jeder derselben verfaßte ein

Lehrbuch; dasjenige, welches von Agnivesa herrührte, wurde von Caraka,

wie er selbst wiederholt versichert, revidiert und bearbeitet. Nahe

verwandt mit Caraka, vielleicht nur eine andere Rezension der Vorlage

des Caraka, ist die noch ungedruckte Bhelasamhitā; über das Alter

des unter dem Namen des Hārīta gehenden Werkes ist die Untersuchung

noch nicht abgeschlossen.

Alles weitere Schrifttum der Hindu knüpft an die alten Meister an

und bescheidet sich damit, die grundlegenden Werke zu kommentieren,

durch etwaige frische Erfahrungen zu ergänzen, zu verbessern, ohne

das theoretische Fundament oder die altertümlichen Rezepte auch nur

im leisesten anzutasten.

•Nicht nur die mittelalterliche, sondern sogar die sehr emsige

schriftstellerische Produktion der indischen Aerzte der Gegenwart

bewegt sich wesentlich im alten Geleise•, so daß die neuesten ihrer

Lehrbücher ebensogut vor 1000 Jahren abgefaßt sein könnten. Die

berühmtesten Schriften des Mittelalters sind die Diagnostik (nidāna)

des Mādhava (beschreibt die Pocken), die nosologischen Handbücher

des Vangasèna, Cakradatta und Sārngadhara; dem 16. Jahrhundert,

welches der indischen Kultur aber leider keine Renaissance brachte,

entstammt das noch jetzt allgemein geschätzte umfassende Handbuch

(des Bhāvamisra) Bhāvaprakāsa, worin die Syphilis (Frankenkrankheit,

„phiranga roga“) beschrieben ist, und zuerst ausländische Arzneimittel

Erwähnung finden.

Das Haupthindernis für einen wahrhaft wissenschaftlichen Aufbau

der Heilkunde ist in dem religiösen Verbot zu suchen, welches die

Beschäftigung mit Leichen aufs strengste untersagte und daher die

Pflege der Anatomie unmöglich machte. Freilich wurde, da die Chirurgie

doch eine gewisse Kenntnis derselben voraussetzte, das Verbot im

Interesse derselben hie und da in der Weise übertreten, daß man

Leichen 7 Tage im Wasser liegen ließ, nach der Mazeration die äußeren

Teile mit Pflanzenrinde abschabte und die freigelegten inneren Teile

besichtigte. Ein solches Verfahren konnte natürlich keine wirkliche

Kenntnis des Sachverhalts vermitteln und eröffnete der Spekulation

auf einem Gebiete, wo sie am wenigsten angemessen ist, die Pforten.

Die indische Anatomie ist keine Beschreibung, sondern eine bloße

Aufzählung und Klassifikation der Bestandteile des Körpers; sie

charakterisiert sich durch Zahlenspielerei, wobei namentlich die

•Fünf- und die Siebenzahl• hervortritt. Die oft ungeheuerlichen

numerischen Angaben erklären sich zum Teil aus der Zerfaserung der

Leichen durch das oben angegebene Verfahren.

Der Körper besteht aus 6 Haupt- und 56 Nebengliedern, die Haut

zerfällt in 6 (oder 7) Schichten, es gibt 5 Sinnesorgane, 5 „Werkzeuge

der Tat“ (Hände, Füße, After, Genitalien, Zunge), 7 Behälter (z.

B. für Luft, Galle, Schleim, Blut, Harn, unverdaute und verdaute

Speisen, bei Frauen noch einen achten Behälter für den Fötus), 15

innere Organe, 9 Oeffnungen, 10 Hauptsitze des Lebens, 7 Grundstoffe,

7 Unreinigkeiten (zu denen auch die Haare und Nägelränder gehören),

107 Stellen, deren Verletzung gefährlich oder tödlich ist (z.

B. Leistengegend, Hohlhand, Fußsohle), 360 Knochen, 210 Gelenke,

900 „Bänder“, 500 Muskeln, 16 Sehnen, 16 „Netze“, 6 „Ballen“ (an

Händen, Füßen, am Hals), 4 „Stricke“ am Rückgrat, 7 Nähte (am Kopf,

ferner je eine an der Zunge und am Penis), 14 Knochengruppen mit

„Scheidelinien“; in Bezug auf die Gefäße oder das Röhrensystem

schwanken die Angaben, einerseits ist von 700 Adern mit dem Nabel

als Ausgangspunkt die Rede[17] (je 175 Adern enthalten Luft,

bezw. Galle, Schleim, Blut), anderseits wird von 10 aus dem Herzen

entspringenden Grundadern (Leiter der Lebenskraft) gesprochen, davon

zu unterscheiden sind 24 Röhren (Nerven), die vom Nabel ausgehen,

ferner jene Kanäle, von denen je 2 für den Atem, die Speisen, das

Wasser, den Chylus, das Blut, Fleisch, Fett, den Harn, Kot, Samen,

das Menstrualblut bestimmt sind. Wie bei den Aegyptern werden also

Gefäße, Nerven und Hohlgänge aller Art zusammengeworfen. -- Den

mangelhaften anatomischen Kenntnissen entspricht es auch, daß in der

indischen Plastik Knochenbau und Muskulatur wenig erkennbar sind.

[17] Vergl. oben die Medizin der Aegypter.

Nach der medizinischen Theorie der Inder durchdringen ~drei

Elementarstoffe, Luft, Schleim und Galle~, den Körper und leiten,

abgesehen von der Seele, die Lebensvorgänge[18]. Die Luft vermittelt

die Bewegung und ist vornehmlich unterhalb des Nabels lokalisiert,

die wärmespendende Galle hat ihren Hauptsitz zwischen Nabel und Herz,

der Schleim, welcher die Tätigkeit der Organe ermöglicht, oberhalb des

Herzens. Die drei Elementarstoffe bewirken die Entstehung der ~sieben

Grundbestandteile~: Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und

Samen. Den sieben Grundbestandteilen entsprechen sieben Unreinigkeiten

(Sekrete, Exkrete). Der Chylus geht aus der gehörig verdauten Nahrung

(Verdauung erfolgt durch das innere Feuer) hervor, strömt vom Herzen

aus durch 24 Röhren durch den ganzen Körper und verwandelt sich in

je 5 Tagen sukzessive in die sechs anderen Grundbestandteile, so daß

also in einem einmonatlichen Bildungsprozesse zunächst Blut, sodann

aus dem Blute Fleisch, aus dem Fleische Fett, aus dem Fett Knochen,

aus den Knochen Mark, aus dem Mark Samen erzeugt wird. Die Quintessenz

aller sieben Substanzen stellt die Lebenskraft dar, welche, als sehr

feiner, öliger, weißer, kalter Stoff gedacht, durch den ganzen Körper

verbreitet ist und die Funktionen regelt.

[18] Vergl. die Medizin in Mesopotamien.

Die Luft (der Wind) herrscht im späteren Lebensalter, die Galle im

mittleren, der Schleim in der Kindheit vor; das gleiche Verhältnis

hinsichtlich des Vorherrschens eines der Elementarstoffe besteht

in Bezug auf Ende, Mitte und Anfang des Tages, der Nacht und der

Verdauung, ebenso beruht der Charakter, das Temperament auf der

Präponderanz des einen oder anderen Urstoffs. Von jedem derselben

werden Unterarten mit spezifischen Eigentümlichkeiten und Funktionen

unterschieden, also 5 Arten der Luft, 5 Arten der Galle, 5 Arten

des Schleims. Sehr bemerkenswert ist es, daß manche Autoren --

analog zur griechischen Humoraltheorie -- das ~Blut~ wegen seiner

hervorstechenden Wichtigkeit unter den Elementarstoffen als vierten

aufzählen. Hier sei übrigens erwähnt, daß die Lehre von vier Elementen

schon in den Reden Buddhas vorkommt.

~Gesundheit ist der Ausdruck der normalen Beschaffenheit und des

normalen quantitativen Verhältnisses der Elementarsubstanzen; sind

diese oder die Grundbestandteile verdorben, abnorm vermehrt oder

vermindert, so entstehen Krankheiten.~

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 9 / 54 段