Auf die ~ägyptische~ Herkunft der mosaischen Gesetzgebung weist

das Neue Testament mit den Worten: „Und Moses ward gelehret in aller

Weisheit der Aegypter“ (Apostelgeschichte VII, 22); Philo erzählt

auf Grund der altjüdischen Tradition, daß Moses am Pharaonenhofe

von ägyptischen und chaldäischen Weisen erzogen wurde (also auch

babylonische Einflüsse!); Clemens Alexandrinus läßt Moses bei

ägyptischen Aerzten Medizin und nebstdem auch chemische Künste

erlernen. -- Der ~Parsismus~ hat auf die Religionsvorstellungen (z.

B. Engellehre, Glaube an den Satan, Auferstehungsglaube) der Juden

mächtigen Einfluß geübt, und damit wurde auch gewiß manches von

den parsischen Kultgebräuchen, insbesondere ~Reinigungsverfahren~,

herübergenommen. Wie aber das Judentum den babylonischen Sagen die

polytheistische Spitze abbrach und ihnen einen ethischen Gehalt

gab, so prägte es auch den Begriff der sittlichen Reinheit, der

bei Zoroaster noch ganz mit dem Begriff der körperlichen Reinheit

zusammengeworfen wird, zu voller Schärfe aus. Außer den Aegyptern,

Babyloniern und Parsen wurde von einigen auch den ~Sabäern~, welche

ungemein strenge Gesetze gegen jede „Verunreinigung“ besaßen und

bekanntlich zur Zeit Salomos zu den Hebräern in Beziehung traten,

ein Einfluß auf die jüdischen Reinigungsgesetze zugeschrieben.

-- Bezüglich der Hygiene des Geschlechtslebens ist unter anderem

erwähnenswert die Vorschrift des Badens nach dem Koitus, Verbot der

Kohabitation mit einer Menstruierenden und mit einer Wöchnerin (40

Tage nach der Geburt). --

~Um die Verbreitung ansteckender Krankheiten~, namentlich Zaraath

(„Aussatz“), ~zu verhüten~, schrieb das Gesetz nach Feststellung der

Diagnose nicht nur strenge ~Isolierung und Reinigung des Geheilten~

vor, sondern ordnete auch ~Desinfektion der Kleider~ (Waschung,

eventuell Verbrennung) ~und der Wohnung~ (eventuell sogar Abtragung

des Hauses) an. Ein Desinfektionsmittel nach Berührung toter Körper

war die Reinigung durch die „Asche der roten Kuh“. Eine junge

makellose Kuh mußte in einem Feuer von Zedernholz, Ysop und Karmesin

verbrannt werden; die so gewonnene Asche wurde an einem reinen Orte

aufbewahrt und stets vorrätig gehalten; bei Bedarf schüttete man einen

Teil dieser Asche in ein Gefäß und goß darüber „lebendiges“ Wasser;

jemand, der von keiner Krankheit behaftet war, nahm einen Ysopzweig,

tauchte ihn in das Wasser ein und besprengte mit diesem Wasser alle,

die den toten Körper berührt hatten.

Medizinisches im engeren Sinne findet sich zwar nicht wenig im Alten

Testament -- so werden z. B. Seuchen (Pest?), „Aussatz“, Lähmungs-

und Krampfzustände, Geisteskrankheiten, Geschlechtsaffektionen,

Geburtsanomalien, Hautkrankheiten, Mißbildungen erwähnt -- doch

sind die Krankheitsschilderungen so fragmentarisch, daß die sichere

Deutung der Affektionen nur selten möglich wird. Dies gilt sogar

für den biblischen „Aussatz“, der bei Berücksichtigung •aller•

einschlägigen Stellen nicht einwandfrei mit der Lepra identifiziert

werden kann, sondern wahrscheinlich neben dieser eine ganze Reihe von

Hautaffektionen in sich schließt, und dabei ist der „Aussatz“ gerade

jene Krankheit, deren differentialdiagnostische Eigentümlichkeiten

wegen der nötigen Isolierungsmaßregeln noch die eingehendste

Darstellung erfahren (Leviticus XIII).

Was die Krankheitsauffassung anlangt, so galten besonders die,

das ganze Volk befallenden Seuchen als Schickungen, bezw. Strafen

Jahwes, vereinzelt lassen sich aber auch Spuren einer nüchternen

Krankheitsätiologie verfolgen.

Es ist eine natürliche Folge des strengen Monotheismus, daß der

Glaube an krankmachende Dämonen im Alten Testament verpönt ist. Dies

gilt aber durchaus nicht für das jüdische Volk, wie aus dem Neuen

Testament und dem Talmud erhellt. Mit götzendienerischen Anwandlungen

schimmern z. B. im „Elohisten“ des Pentateuch auch volksmedizinische

Reste durch.

Die Heilung der Krankheiten erhoffte man von Gebeten und Opfern,

außerdem aber wurden, anscheinend spärlich, auch diätetische

und medikamentöse Mittel verwendet; zu letzteren zählten z. B.

Bäder (im Jordan, in Heilquellen, Oelbäder), Wein, Feigen (als

Pflasterbestandteil), Oel, Fischgalle (als Augenmittel), Pflaster,

Salben, Räucherungen; daß man die günstige Einwirkung der Musik auf

die Melancholie kannte, beweist das Harfenspiel Davids vor dem König

Saul. -- Von chirurgischen Operationen ist nur die Ausführung der

Beschneidung erwiesen, von Eunuchen (Zerstoßene und Verschnittene)

ist zwar im Alten Testamente die Rede, doch erscheint es sehr

zweifelhaft, ob die Kastration von den Juden selbst ausgeführt wurde.

Zum Wundverband dienten Oel, Wein, Balsam, bei Knochenbrüchen legte

man einen Verband an. Den Kreißenden standen Hebammen zur Seite, die

sich jedoch hauptsächlich nur auf tröstenden Zuspruch beschränkten;

der Gebärstuhl scheint früh bekannt gewesen zu sein.

Der untrennbare Zusammenhang, welcher zwischen der ~Sanitätspolizei~

und der ~Religion~ bestand, brachte es mit sich, daß die ~Priester~,

die Leviten, als ~Gesundheitsbeamte~ fungierten; ihr praktisches Können

beruhte wohl auf einem esoterischen Wissen, das sich wahrscheinlich

auf dem Wege mündlicher Tradition fortpflanzte, ~nirgends aber ist

es erweisbar, daß sie außer den sanitätspolizeilichen Obliegenheiten

die Heilkunst berufsmäßig ausübten~. Daß den Propheten die ärztliche

Kunst nicht ferne lag, schon deshalb, weil gerade medizinische

Wundertaten zu allen Zeiten am meisten begehrt wurden -- geht aus

den glücklichen Heilungen, welche manche unter ihnen -- Elisa, Elia,

Jesaia -- vollzogen, hervor, sowie aus gewissen Redewendungen; in

den ~Prophetenschulen~ dürfte auch die ~Heilkunst~ in den Bereich des

Unterrichts gezogen worden sein!

Nach einer Ueberlieferung waren insbesondere Esra und Nehemia

über die Wirkungsweise gewisser •Drogen• eingehend unterrichtet.

Interessant ist es, daß noch bei byzantinischen und salernitanischen

Autoren eine Rezeptformel unter dem Namen des Esdra = Esra (?)

angeführt wird. Der Einfluß der babylonischen Medizin machte sich

gewiß zur Zeit des Exils in pharmakologischer Hinsicht geltend.

Eines ganz besonderen Rufes als Arzneikundiger erfreute sich in der

jüdischen Tradition der weise König •Salomo•, unter dessen Regierung

sich bekanntlich lebhafte Kulturbeziehungen zu den Nachbarvölkern auf

verschiedenen Gebieten geltend machten. Ihm schreibt die Legende sogar

die Abfassung eines Werkes über Krankheiten und deren Heilung zu,

welches jedoch von dem frommen König Hiskia beiseite geschafft worden

sein soll. Wahrscheinlich war es ein Kräuterbuch mit magischen Formeln.

Bekanntlich spielt Salomo in der Magie noch lange eine bedeutende

Rolle[16].

[16] Nach einer Legende habe schon Noah auf Grund göttlicher

Eingebung und Belehrung durch die Engel ein Buch geschrieben,

in welchem pflanzliche Heilmittel gegen die Krankheiten und

gegen die Verführungskünste der Dämonen aufgezeichnet gewesen

wären. Also auch hier, wie bei den meisten Völkern Anspielung

auf den göttlichen Ursprung der Heilkunde.

~Irrtümlicherweise hat sich lange die Annahme erhalten, daß es im

biblischen Zeitalter keine Berufsärzte gegeben habe, sondern daß die

Heilkunst ausschließlich in den Händen der Priester lag. Diese Annahme

entbehrt jeder Stütze, gerade das Gegenteil läßt sich aus den Quellen

entnehmen.~ Vor allem muß es auffallen, daß in der Bibel dort, wo vom

Heilen im nichtfigürlichen Sinne gesprochen wird, niemals die Priester

genannt werden -- wobei noch in Anschlag zu bringen ist, daß diese doch

selbst die Schrift redigierten. Aber auch positive Gründe sprechen

dafür, daß es mindestens zur Zeit der Propheten eigentliche Aerzte

gab. Der Ausdruck für den Berufsarzt „rophe“ ist in dieser Epoche

schon ganz geläufig. Von König Asa wird ausdrücklich erwähnt, er habe

nicht bei Jahwe, sondern bei den Aerzten Hilfe gesucht, Jeremia hält

es für unglaublich, daß in Gilead kein Arzt sein sollte, Hiob nennt

seine Freunde nichtige Aerzte. Aus späteren Angaben wissen wir, daß

für die Priester, welche durch die kalten Bäder, die leichten Kleider,

das Barfußgehen auf den kalten Steinen häufig Unterleibserkrankungen

ausgesetzt waren, eigene Tempelärzte angestellt waren.

Wie hoch das Ansehen des ärztlichen Standes gewesen, beweisen die

schönen Worte Jesus, des Sohnes Sirachs (um 180 v. Chr.): „Halte den

Arzt in Ehren, so wie es ihm zukommt, damit er dir zur Verfügung stehe

-- seine Kunst als Arzt erhöht sein Haupt und angesichts der Großen

wird er bewundert. Der Herr schafft aus der Erde Heilmittel, und der

verständige Mann wird sie nicht verschmähen.“

Daß die Aerzte Honorar für ihre Bemühungen empfingen, ließe sich

schon aus Exodus XXI, 18-20 folgern, wo es heißt: Wenn sich Männer

miteinander streiten, und einer schlägt den andern mit einem Stein

oder mit der Faust ... kommt er auf, so daß er ausgehet an seinem

Stabe, so soll, der ihn schlug, straflos sein, aber ihm bezahlen,

was er versäumt hat und das ~Arztgeld~ geben.

Auch aus der nachbiblischen Zeit der jüdischen Medizin ist keine

Fachliteratur auf uns gekommen, immerhin läßt sich ein Einblick durch

den Talmud gewinnen, wo nicht selten medizinische Fragen zur Erörterung

gelangen. Die starke Beeinflussung der talmudischen Medizin durch die

spätgriechische weist ihrer Darstellung einen Platz an späterer Stelle

zu.

Die Medizin der Inder.

Die Medizin der Inder reiht sich den besten Leistungen dieses Volkes,

wenn auch nicht gleichwertig, so doch würdig an und nimmt durch den

Reichtum der Kenntnisse, durch die Tiefe der Spekulation und den

systematischen Aufbau einen hervorragenden Platz in der Geschichte der

orientalischen Heilkunde ein. Dank den reichlich sprudelnden Quellen

der Sanskritliteratur läßt sich ihre Entwicklung von den Uranfängen

primitiver Empirie und Theurgie bis zur Höhe eines abgeschlossenen

Lehrsystems, wenigstens in großen Zügen, überblicken.

Diese Entwicklung ist in doppelter Hinsicht interessant. Einerseits

weist sie zur Heilkunst der Griechen manche Parallele auf --

entsprechend den sonstigen großen wissenschaftlichen Errungenschaften

der Inder (in der Philosophie, Astronomie, Mathematik, Geometrie,

Sprachwissenschaft) und ihrer blühenden Dichtkunst (Lyrik, Epos,

erzählende Dichtung -- von allen orientalischen Völkern sind die

Inder die einzigen, welche selbständig das ~Drama~ schufen!);

anderseits ergibt sich deutlich, welchen bestimmenden Einfluß der

Orient und die seinem Boden entsprießenden allgemeinen kulturellen

Verhältnisse auf den Verlauf des medizinischen Denkens ausübten; denn

ebenso wie bei den Semiten, Hamiten und Mongolen und trotz einer,

der hellenischen gewiß kaum nachstehenden Begabung erlahmte auch

bei dem arischen Hinduvolke die geistige Triebkraft, und unter dem

Drucke des Dogmatismus machte die individuelle Entfaltung allzu früh

einem Beharrungszustande Platz, welcher in grübelnder Spekulation, in

subtilem Formalismus und in bizarrer Phantastik gipfelte -- Züge, die

sich auch in der grotesk-phantastischen, von Harmonie und Schönheit

oft weit entfernten Kunst (Architektur, Plastik) aussprechen.

In der Geschichte der indischen Medizin, wie in der indischen Kultur

überhaupt, werden allgemein drei Epochen unterschieden: 1. ~die

vedische~, welche von der Einwanderung der Hindu in Pendschab bis

ungefähr 800 v. Chr. reicht; 2. ~die brahmanische~, welche, durch

die Vorherrschaft der Priesterkaste gekennzeichnet, das indische

Mittelalter repräsentiert, und 3. die ungefähr um 1000 n. Chr.

beginnende ~arabische Epoche~.

Die vedische Epoche führt ihren Namen daher, weil sich ihr

Kulturzustand, inklusive der Medizin, in den vier Vedas,

d. h. den uralten (vorzugsweise aus religiösen Hymnen und

dogmatisch-wissenschaftlicher Exegese bestehenden) heiligen Schriften

der Inder widerspiegelt.

Die ~vedische~ Epoche besitzt keinen einheitlichen Charakter,

sondern bedeutet eine wandlungsreiche, über viele Jahrhunderte

gedehnte Evolution, welche das Hinduvolk von den arischen Uranfängen

zu seiner spezifischen Eigenart geleitet. Dieser ganze Kulturprozeß

-- eine Folge der fortschreitenden Landeseroberung, der staatlichen

und wirtschaftlichen Umwälzung, der Einflüsse von seiten der Natur

-- spiegelt insbesondere seine religiösen und sozialen Phasen in der

Vedenliteratur (Rigveda, Sâmaveda, Yajurveda, Atharvaveda) deutlich

wieder. Im Beginn der Epoche -- repräsentiert durch den ~Rigveda~ --

leuchtet noch echt indogermanische, von Priestersatzungen ungebeugte,

kraftstolze, weltfreudige Sinnesart hervor, verbunden mit einem

naiven, naturwüchsigen, farbenprächtigen Polytheismus. Das Ende

der Epoche nähert sich zunehmend jenen Wesenszügen, die gemeinhin

als national-indisch gelten. Dahin gehören: phantastische Romantik,

weltfremde, leidgeborene, zur Askese hinneigende Verinnerlichung,

ein in sublimer Theosophie verblassender Götterglaube, starre

ständische Gliederung (Brâhmana, Kshatriya, Vâiçya, Çûdra, d. h.

Priester, Krieger, Volk, Nichtarier) unter Führung einer vergötterten

Priesterkaste, ein höchst kompliziertes Ritual, dessen massenhafte

Zeremonien das ganze Leben von der Empfängnis bis zum Tode regeln

und denen eine ungeheure symbolische Wichtigkeit beigelegt wird, ein

die gesamte Kultur beherrschender theologischer Dogmatismus. All dies

mehr oder weniger im Sâmaveda und Yajurveda mit ihren Unterabteilungen

entwickelt, erstarrt sodann in der zweiten Hauptperiode der indischen

Kultur, der ~brahmanischen~, welche dem Mittelalter entspricht. Der

vierte Veda, der ~Atharvaveda~, steht zu dem Sâmaveda und Yajurveda

in einem gewissen Gegensatz. Mehr dem häuslichen Kultus dienend, eher

der Weisheit des Volkes als der Wissenschaft der Priestergeschlechter

entsprungen, enthält er zumeist Beschwörungen, Besprechungen,

Besegnungen (gegen verderbliche Wirkungen der Götter, Dämonen,

Feinde, Krankheiten u. a.), welche bisweilen der Urzeit entstammen.

Ebenso, wie der Rigveda, ist auch der Atharvaveda eine Hauptquelle

des indischen Volkstums, nur zeigt uns der erstere Lebensfreude,

starkes Selbstbewußtsein, warme Liebe zur Natur, der letztere aber

scheue Furcht vor den dämonischen Naturkräften und Zaubergewalten --

ein Ausdruck des hierarchischen Druckes und des Aberglaubens, der am

Ende der vedischen Epoche über dem Volke lastete. Bezeichnenderweise

wurde der Atharvaveda, der eine Art von Reaktion gegen das offizielle

Priestertum darstellt, am spätesten und niemals unbestritten

kanonisiert!

Für die Medizin haben der Rigveda (1500 v. Chr.) und der Atharvaveda

die Hauptbedeutung. Man ersieht aus diesen Literaturdenkmälern, daß die

älteste indische Heilkunde, empirische Kenntnisse in den Rahmen des

Götterglaubens und der dämonistischen Naturauffassung einfügend, den

Schwerpunkt auf die •Theurgie• legt. Die ~Empirie~ erstreckt sich auf

einige anatomische Grundtatsachen und Krankheiten (auch Vergiftungen),

auf die Wirkung gewisser Heilkräuter, des kalten Wassers, auf die

Kenntnis von der luftreinigenden Eigenschaft der Winde etc. und

gebietet über primitive chirurgische Hilfeleistungen. Die Spuren

physiologischer Spekulation, welche hie und da auftreten, beziehen sich

auf die Vorgänge der Befruchtung und verraten, ~daß man vorwiegend in

der Luft (Atem) den Träger der Lebenskraft erblickte~. Die Theurgie ist

(entsprechend der Entwicklung des religiösen Bewußtseins) verschieden

in der älteren und jüngeren vedischen Epoche. ~Im Rigveda herrschen

Gebete und Anrufungen der Götter vor~ (Krankheiten sind Folge von

Verfehlungen); ~im Atharvaveda dominiere Magie und Bannformeln, welche

gegen die Krankheitsdämonen selbst, oder gegen die vermeintlichen

Urheber des Krankheitszaubers~ (böse Menschen) ~gerichtet sind~. Unter

den Krankheiten, deren nicht wenige genannt werden, spielt der ~Takman~

(= bösartiges Fieber) die wichtigste Rolle. Hinsichtlich der magischen

Handlungen, zu denen neben ~Gebeten und Opfern, der Amulettgebrauch~

und verschiedenartige Abwehrversuche der Dämonen (z. B. durch

~Beschwören~, durch Lärmmachen) zählen, wäre besonders hervorzuheben,

daß man Krankheiten durch Zauber in Menschen oder Tiere (z. B. das

kalte Fieber in den Frosch, Gelbsucht in Papageien) zu bannen (=

übertragen) suchte. Die Heilkräuter, an ihrer Spitze die heilige (zum

Kult verwendete) ~Somapflanze~ (vielleicht Asklepias Syriaca), stehen

unter dem Einfluß höherer Mächte und wurden, dämonisch personifiziert,

gegen die Krankheiten angerufen. Interessant ist es, daß die älteste

indische Medizin (wie die primitive Heilkunst überhaupt) bisweilen

gewissermaßen vom iso- oder homöopathischen Prinzip Gebrauch macht,

indem man gelbe Pflanzen gegen Gelbsucht, vergiftete Pfeile gegen Gift

u. a. anwendete. Lag ursprünglich die Zaubermedizin in der Hand der

Priester, so scheinen ~die Aerzte~ wenigstens in der jüngeren vedischen

Zeit einen ~selbständigen Stand~ gebildet zu haben, der sich in einem

gewissen Gegensatz zu den Brahmanen befand. In einem Kästchen führte

der altindische Heilkünstler seine Arzneimittel mit sich, und seine

Kuren unternahm er, wie angedeutet wird, weniger aus Menschenliebe

als unter dem Gesichtspunkte des Erwerbs.

Während es später Gottheiten mit besonderer ärztlichen Funktion

(z. B. Dhanvantari der Götterarzt) oder Seuchengötter (z. B. die

Pockengöttin Sitalā) gab, findet sich in der älteren vedischen

Epoche noch keine derartige Spezialisierung, sondern es wurden nur

gewisse allgemeine Gottheiten (Naturmächte) mehr als andere mit der

Heilkunst und den Krankheiten in Beziehung gebracht. Dahin gehören

namentlich die Asvins, die Verkünder der Morgenröte (Dioskuren),

„die roßgestaltigen Himmelsärzte“, welche Götter und Menschen heilen,

insbesondere chirurgisch tüchtig sind, Rudra, der Vater der schnellen

Winde mit seinem Hauptmittel, dem Kuhurin, Agni, der Gott des Feuers

(die Erzeugung des Feuers mit den Reibhölzern galt als Symbol der

Entstehung des Lebens), Sarasvati, Savitar, der Gott aller Bewegung,

Dhātar, der „Setzer“, „Bildner“, „Ordner“ (heilt namentlich Frakturen

etc.). Krankheitsbringer sind der erwähnte Rudra, noch mehr die

bösen Dämonen (Rāksasas). Personifiziert und daher beschworen bezw.

angerufen werden Krankheiten, z. B. das Fieber, der Takman, die

Heilkraft der Wässer (~in Indien wurden schon in sehr früher Zeit

Bade- und Trinkkuren gebraucht, die Wirkung gewisser Quellen entdeckt,

Bäder in Ganges etc.~), die Heilkraft gewisser Pflanzen (namentlich

die Somapflanze, aus welcher wie bei den Persern ein berauschender

Opfertrank bereitet wurde).

Im Rigveda wird die heilsame Wirkung der Seewinde und des kalten

Wassers gepriesen:

„Zwei Winde wehen eilend her, vom Ozean, vom fernen Ort,

Kraft wehe dir der eine zu, der andere dein Leiden fort.“

„Heilkräftig ist des Wassers Schwall, das Wasser kühlet

Fiebers Glut,

Heilkräftig gegen alle Sucht, Heil bringe dir des Wassers

Flut!“

Die Zauberformeln des Atharvaveda erinnern lebhaft an jene der

übrigen Völker (z. B. Babylonier, Aegypter, nordamerikanischen

Indianer etc.), namentlich aber stimmen sie mit den Besprechungen und

Beschwörungsformeln der Germanen überein -- mehr in uralter Volks-

als in der Priestermedizin ist ihr Ursprung zu suchen. Ein Beispiel,

wie man Krankheiten durch schmeichelnde Verehrung in fremde feindliche

oder verachtete Völker zu bannen suchte, ist folgendes: „Dem Takman,

der glühende Waffen hat, sei Verneigung! O, Takman, zu den Mudschavant

gehe oder weiter. Das Çudraweib falle an, das strotzende; dieses

schüttle etwas, o Takman“ u. s. w. Gegenzauber enthalten z. B. die

Sprüche: „Ein Adler fand dich auf, ein wilder Eber grub dich mit der

Schnauze; suche zu schaden, o Kraut, den Schädiger, schlage zurück

den Hexenmeister.“ „Die Zauber sollen auf den Zauberer zurückfallen,

der Fluch auf den Fluchenden; wie ein Wagen mit guter Nabe rolle der

Zauber wieder zu dem Zauberer zurück.“ „Wenn du von göttlichen Wesen

(sic!) angetan bist, oder von Menschen angetan, mit Indra als Genossen

führen wir dich dem wieder zu.“ ~Als Rest urarischer Medizin ist der

Spruch zu betrachten, welcher bei Verrenkungen, Verletzungen etc.

üblich war und vollkommen mit dem berühmten sogenannten „Merseburger

Segen“ übereinstimmt~, welcher die europäische Volksmedizin später

auch in christianisierter Form durchwandert hat. Nach dem Atharvaveda

heißt es:

„Zusammen sei mit Mark dein Mark, zusammen sei mit Glied

dein Glied!

Zusammen wachs' dein altes Fleisch und auch der Knochen

wachs' dazu!

Zusammen füg' sich Mark mit Mark und mit der Haut verwachs'

die Haut!

So wachs' dein Blut und auch das Bein, das Fleisch

verwachse mit dem Fleisch!

Das Haar verein' sich mit dem Haar, die Haut verein' sich

mit der Haut!

So wachs' dein Blut und auch das Bein, zusammenleg'

Zerbrochnes, Kraut!“

Der Schluß des „Merseburger Segens“, wo Wodan spricht, lautet:

„So Beinrenkung,

So Blutrenkung,

So Gliedrenkung:

Bein zu Beine,

Blut zu Blute,

Glied zu Gliedern,

Als ob sie geleimet seien.“

Neben den Zaubersprüchen werden bei Behandlung chirurgischer

Fälle auch Heilkräuter erwähnt, und es wirft ein helles Licht auf

die altindische Wundarzneikunst, daß die Vedas der Extraktion von

Pfeilen mit nachfolgendem Verband, künstlicher Glieder, der Kastration

etc. gedenken. Die empirischen Kenntnisse waren überhaupt nicht

unansehnlich, man unterschied eine Menge von Krankheiten, darunter

Skropheln, Schwindsucht, Hydrops, Epilepsie, Gicht, Herzkrankheit,

Gelbsucht, Hemiplegie, Haut- und Geschlechtsaffektionen, hereditäre

Krankheit, Lepra, Wurmleiden u. a. Unter den Heilmitteln der Vedas

befinden sich auch Abortiv- oder konzeptionsbefördernde Mittel und,

was für indische Medizin charakteristisch, Aphrodisiaka.

Im Rigveda sagt der Arzt:

„Vom Kraut, das aus der Urzeit stammt, drei Alter vor den

Göttern selbst,

In hundertsiebenfacher Art, vom Grünenden will dichten ich.

Wenn ich, Ihr Arzneien, euch in meine Hände drohend fass',

So macht das Siechtum sich davon, es bangt ihm vor des

Häschers Griff.“

Auf die Gewinnsucht des Arztes -- aber auch aller übrigen Stände

-- wird mit den Worten angespielt: „Die Wünsche der Menschen

sind verschieden, der Fuhrmann verlangt nach Holz, der Arzt nach

Krankheiten, der Priester nach Libationen.“ Ein im Rigveda erwähnter

Arzt hofft durch seine Kuren „Roß, Rind und ein Gewand“ zu erlangen.

~Gänzlich überwunden wurde die Theurgie niemals~, und, wie die

Theologie das indische Geistesleben beständig im Banne hielt,

so bezieht sich die spätere wissenschaftliche Literatur der

Aerzte fortwährend auf den Atharvaveda, zu dem sie geradezu

als Anhang (upaveda) betrachtet wird, ja sie stimmt mit der

religiös-philosophischen Exegese (z. B. den Upaniṣads) in der

Nomenklatur, in den physiologischen oder hygienischen Anschauungen

nahezu vollkommen überein. Neben der rationellen Therapie dauern auch

die religiösen Zeremonien, abergläubischen Gebräuche, Beschwörungen

(z. B. Schlangenzauber) unangetastet weiter fort, besonders auf dem

Gebiete der Geburtshilfe und Kinderheilkunde, sowie in der Behandlung

der Geisteskrankheiten.

~Die brahmanische Epoche~, welche als Typus und Glanzzeit der

indischen Medizin ausschließliches Interesse verdient, da die weitere

Entwicklung unter arabischem Einfluß teils wenig Neues bringt, teils

des nationalen Gepräges entbehrt, charakterisiert sich durch einen

vom Priestertum losgetrennten hochangesehenen Aerztestand, durch eine

reiche wissenschaftliche Literatur, durch hochentwickelte medizinische

Unterrichtsweise und Deontologie.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 8 / 54 段