auch unter den geänderten politischen Verhältnissen fort; was Sumerer
und Semiten in jahrtausendelanger Arbeit auf dem Boden Mesopotamiens
geschaffen, blieb unangetastet bestehen, auch nachdem das Zepter
in die Hände der Iranier, der Indogermanen, übergegangen war. In
dem weiten, aber völkergemischten Reiche der Perser wurde jedem der
vielen Stämme seine angeerbte Religion, Sitte und Sprache belassen
-- die Texte der Inschriften in drei Sprachen legen unter anderem
davon Zeugnis ab. Und mit großzügiger Politik strebten die Herrscher
sogar dahin, die nationale Eigenart des Zendvolkes mit den fremden
Elementen zu einem Ganzen zu verschmelzen -- eine Absicht, welche
namentlich die Baukunst und Skulptur, mit ihrer starken Anlehnung an
die assyrischen, ägyptischen, ionischen Vorbilder, trotz zur Schau
getragener Selbständigkeit, durchblicken läßt.
Große Erfolge waren allerdings der eklektischen Tendenz nicht
beschieden, das Völkerkonglomerat wuchs zu keinem Organismus zusammen,
weil es dem aus kleinlichen patriarchalischen Verhältnissen plötzlich
zur Weltherrschaft gelangten Zendvolke an der nötigen Energie
gebrach, den ausgeprägten Formen uralter Kulturen Aequivalente
gegenüberzustellen. Abgesehen von den großen religiösen Ideen,
nimmt sich das, was die Iranier aus Eigenem zurücklassen konnten,
verschwindend aus. Ganz besonders gilt dies von der Heilkunde, wenn
man, wie billig, von der Medizin im Perserreiche die nationale Medizin
der Perser unterscheidet und damit nicht jenes babylonische Lehngut
zusammenwirft, welches fälschlich unter der Flagge des Zendvolkes
später dem Abendland überliefert worden ist.
Ueber ~die Medizin der alten Perser~ können wir uns bei dem fast
völligen Schweigen aller sonstigen Quellen nur aus den noch heute
von den Parsen gehüteten Religionsschriften, dem ~Zend-Avesta~ und
seinen literarischen Ausläufern ganz allgemeine Vorstellungen bilden,
~wobei aber zu berücksichtigen ist, daß, genau genommen, manche der
darin enthaltenen Angaben bloß für die strengen Anhänger des Zoroaster
(Zarathuschtra) maßgebend waren~.
In Iran besaßen eigentlich drei Religionen Geltung: 1. ~Der alte
medische Magismus~, welcher sich durch Vergötterung der Elemente,
Sterndienst sowie Zauberei charakterisiert und durch Babylon stark
beeinflußt war. 2. ~Die polytheistische Naturreligion des alten
Perservolkes.~ 3. Die daraus entstandene reformatorische ~Lehre
des Zoroaster~ (Verehrung des Ahuramazda, dessen Abglanz das Feuer
ist). Letztere, das Produkt gesteigerter Abstraktion und sittlicher
Vertiefung, eine Buchreligion, war wegen mangelnder Sinnlichkeit
nicht in der Masse des Volkes verbreitet oder wurde wenigstens
in voller Tiefe und Reinheit nur von einem relativ kleinen Kreise
befolgt. Beweise dafür bieten unter anderem: die Inkongruenz, welche
zwischen dem Avesta und dem religiösen Inhalt der achämenidischen
Keilinschriften besteht, oder der später für den Westen so
bedeutungsvolle Kult des ~Mithra~. Daß man jedenfalls im Reiche der
Achämeniden die Vorschriften Zoroasters nur sehr lax ausübte, zeigt
schon allein die Tatsache, ~daß die alten Perser ihre Toten zumeist
begruben oder verbrannten~, während das Avesta dies doch verpönt und
dafür die noch heute von den Parsen geübte Aussetzung der Leichen
an einsamen Stätten, zum Fraß für die Raubvögel anbefiehlt, und daß
man im Gegensatz zum Avesta Ungläubige, Aegypter und Griechen als
Aerzte heranzog. Die Achämenidenkönige erwiesen sich national und
religiös sehr tolerant -- schon Cyrus wurde von der babylonischen
Priesterschaft geradezu als Befreier begrüßt, Gott Marduk „hieß ihn
nach Babel ziehen“. Eigentliche Staatskirche scheint der Zoroastrismus
erst unter den Sasaniden geworden zu sein. Nach der Tradition der
Parsen wurden die auf Zoroaster zurückgeführten religiösen Schriften
auf Befehl Alexanders des Großen zum größten Teile vernichtet;
die schon unter den letzten Arsakiden begonnene, zumeist auf
Grund mündlicher Ueberlieferung vorgenommene Sammlung führte im 3.
Jahrhundert n. Chr. zu einer neuen Redaktion des Avesta, von dem aber
heute nur etwa der vierte Teil noch vorhanden sei. -- Neben dem Avesta
bieten auch die in der Pehlevisprache abgefaßten Werke Dinkart (aus
dem 9. Jahrhundert n. Chr.) und Bundehesch (eine Kosmologie aus dem
13. Jahrhundert n. Ch.) einige für die Medizin interessante Stellen.
Die altpersische Medizin ging, wie die indische, aus der gemeinsamen
•arischen Urmedizin• hervor und dankt ihre Eigenart den Einflüssen
des nationalen Religionssystems.
Die meisten der im Avesta vorkommenden Namen für Körperbestandteile
wurden nicht erst von den Iraniern erfunden, sondern sind arischen
Ursprungs. Es gibt eigene Bezeichnungen für Haut, Fleisch und Knochen,
Blut, Mark und Fett. Von den Körperteilen sind benannt: das Haupt
(Haupthaar und Bart), Angesicht und Stirne, Auge, Augenbraue, Nase,
Mund mit Zähnen und Zunge, Kinnlade oder Wange und Ohr; Nacken,
Rücken, Schulter, Achselgrube, Brust (die weibliche führt einen
besonderen Namen), Rippen; Körpermitte, Bauchhöhle, Nabel, Hüfte,
Schenkel, männliche und weibliche Scham; Arm, Ellbogen, Hand, Finger,
Faust; Oberschenkel, Knie, Wade und Schienbein, Fuß, Vorfuß, Ballen
und Ferse. Von inneren Organen sind im Avesta erwähnt: Herz und Lunge.
Die bedeutende Rolle, welche die Heilkunde im Leben und Denken der
Verehrer des (Ormuzd) Ahuramazda spielte, kommt deutlich im Avesta
zur Geltung; das Gesetzbuch desselben, der Vendidād, widmet ihr
sogar fast ausschließlich die drei letzten Kapitel; dort wird auch
über ihre Entstehung berichtet. ~Thrita~, so heißt es, war der erste
„der helfenden, einsichtigen, mächtigen, verständigen, reichen, zum
Geschlechte der Paradhāta gehörigen Menschen“, welcher Krankheit
und Tod bekämpfte. Sowohl die arzneiliche wie die chirurgische
Behandlungsweise vermochte er, dank göttlicher Gnade, auszuüben;
Ahuramazda ließ nämlich auf sein Gebot die unzählige Menge der
Heilpflanzen wachsen und schenkte ihm ein metallenes Operationsmesser.
Der Name Thrita erinnert an den griechischen Τρίτων. Die Mythe
bringt dadurch vielleicht die Grundanschauung zum Ausdruck, daß das
Wasser die erste Heilpotenz darstellt.
Entsprechend der streng dualistischen Weltanschauung galten die
Krankheiten in ihren unzähligen Formen als Wirkung des bösen Prinzips,
des Teufels, des ~Angra Manju~ (Ahriman), welcher die Anhänger
Gottes auf jede Art zu schädigen trachtet. ~Krankheit war also stets
etwas Dämonisches, der Kranke ein Besessener.~ Zu den stärksten
Landplagen zählten die mannigfachen Fieber (die Avestasprache
enthält mehrere Bezeichnungen, von denen einige auf Hitze und
Frost hindeuten) und Hautkrankheiten (Krätze, Aussatz). Erwähnung
finden ferner: Kopfschmerz, Schwindsucht, Geschlechtsaffektionen,
Mißbildungen, Vergiftungen (durch Schlangenbiß oder giftige Pflanzen),
Frauenkrankheiten (Puerperalfieber, Menstruationsstörungen, eine
über 9 Tage dauernde Menstruation wurde als krankhaft betrachtet).
Was der Glaube mit dem Geist des Bösen und den Dämonen (Daevas) in
Verbindung setzte, sah man als ~unrein~ an, also die ~Krankheit, die
Ausscheidungen des Körpers, die Leiche~. Bemerkenswert ist es, daß auch
die menstruierenden Frauen und Wöchnerinnen zu den „Unreinen“ gehörten,
deshalb isoliert wurden und sich genau fixierten Reinigungsvorschriften
unterwerfen mußten.
Nach der Legende war es Dschahi, die Dämonin der Unzucht, bei
welcher zuerst die Menstruation erschien, als Angra Manju sie
auf das Haupt küßte. Die menstruierende Frau ist unrein und wirkt
verunreinigend, daher wurde sie (durchschnittlich 4 Tage) isoliert,
in einem mit trockenem Staube beschütteten, vom übrigen Hause
getrennten Raume, 15 Schritte von Feuer und Wasser, den reinen
Elementen, entfernt, untergebracht. Selbstverständlich untersagt
das Avesta für diese Zeit jeden Geschlechtsverkehr und erst nach
entsprechenden Reinigungen war es der Frau gestattet, wieder mit
Menschen zu verkehren. Ebenso galten Wöchnerinnen als unrein und
durften sich erst nach Ablauf einer bestimmten Frist (40 Tage)
und nach vorgenommener Reinigung dem Manne hingeben. Sehr strenge
Verhaltungsmaßregeln wachten über die Isolierung jener Frauen, die
eine Fehlgeburt gehabt hatten, weil das Abnorme den Einfluß des
Bösen in höchstem Grade manifestiert. Bei den Reinigungen legte man
namentlich Wert auf die ~Waschung~ der neun Pforten oder Oeffnungen
des Körpers, der Augen, Ohren und Nasenlöcher, des Mundes, der
Scham und des Afters. -- Konsequenterweise hielt man die Berührung
der Leiche für ganz besonders verunreinigend -- eine Anschauung,
welche von vornherein den Aufschwung der Medizin lähmte. Der Leib
des Verstorbenen fällt nach der Schilderung des Avesta den bösen
Mächten anheim, das Leichengespenst bemächtigt sich seiner Beute in
Gestalt der Fliegen; von dem Leichnam verbreitet sich die Unreinheit
auf das Haus, in welchem er liegt, und auf alles, was darinnen ist,
sie überträgt sich auf die Angehörigen und zwar umsomehr, je näher
sie dem Toten standen. Die Aussetzung des Toten besorgten (die
gewerbsmäßig diesen Beruf ausübenden, aufs tiefste verabscheuten)
Leichenträger. Die Anverwandten mußten sich eine Zeitlang des Verkehrs
mit den Menschen enthalten. -- Wie ungemein tief der ~Dämonenglaube~
im iranischen Volke wurzelte, geht auch aus dem großen Nationalepos
Schahname hervor.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß nach der Meinung
der Zoroastrier, welche den ~Unsterblichkeitsglauben~ und die
~Auferstehung~ nachdrücklich betonten, der Tod die Trennung des
Leibes von der Seele bedeutet. Die persische Psychologie kannte
jedoch als unterste seelische Kraft ~die Lebenskraft~, welche die
körperlichen Funktionen leitet, erst mit dem Körper entsteht und mit
der Materie zu Grunde geht. Neben der Lebenskraft sind mit dem Leib
noch verbunden, ohne mit ihm auch zu schwinden: ~das Gewissen~, ~der
Geist~, ~die Seele~ im engeren Sinne (die Willenskraft), die Fravaschi
(Schutzgeist, Genius).
~Die Behandlung der Krankheiten bestand~, vom zoroastrischen Standpunkt
betrachtet, ~in der Vertreibung der Krankheitsdämonen, in der
Reinigung~ (sowohl im religiösen als im hygienischen Sinne genommen)
und lag in der Hand der Priester. Als Mittel kamen in Betracht vor
allem Gebet und Sprüche (das heilige Wort). •„Viele Kuren geschehen
durch Kräuter und Bäume, andere durch Wasser und noch andere durch
Worte: denn durch das göttliche Wort werden die Kranken am sichersten
geheilt.“• Wie aus diesem Satze zu ersehen, stand der eigentlichen
~Theurgie~ die „~Heilung durch Pflanzen~“ am nächsten, hatte doch
Ahuramazda, um den Einwirkungen der Dämonen Schranken zu ziehen, in
die Pflanzen (z. B. Lauch, Aloe, Cannabis)[14], namentlich in die
giftigen, heilsame Kräfte gelegt[15]. Gleich den Indern schätzten die
Perser auch das Wasser -- das ja zur Entsühnung und Reinigung diente --
als Heilmittel. (Ueber Wasser und Pflanzen gebieten die Genien eines
langen und eines gesunden Lebens.) Gewisse Leiden nahmen endlich die
Heilung durch das „Messer“ in Anspruch, doch scheinen es die alten
Perser in der Chirurgie nicht weit gebracht zu haben -- sonst wäre z.
B. der König Darius I. nicht genötigt gewesen, einen griechischen Arzt
für die Behandlung einer Sprunggelenksluxation in Anspruch zu nehmen.
In den Vorschriften über die Erlaubnis zur Ausübung ärztlicher Praxis
wurde freilich gerade auf die operative Befähigung großes Gewicht
gelegt, denn nur derjenige, dem drei Operationen (an Ungläubigen!)
gelangen, durfte an den Verehrern des Ahuramazda die Kunst ausüben.
Der Lohn für die ärztliche Bemühung war nach den Vermögensverhältnissen
in einer bestimmten Taxe normiert und wurde pauschaliter in Naturalien
entrichtet.
[14] Kultischer Verehrung erfreute sich die bei den Indern
berauschend wirkende Somapflanze (Haoma).
[15] Die persischen Aerzte waren wegen ihrer Giftkenntnis berühmt.
Bezüglich des theurgischen Heilverfahrens wäre zu bemerken, daß
das Avesta die „Zauberei“ -- wie sie z. B. Babylonier, Turanier,
Meder betrieben -- verpönte; gerade die Irrgläubigen sollten (mit
Hilfe des Ahriman) im Besitze der Fähigkeit sein, behexen zu können.
Gegen die Bosheit der Dämonen bildete ~das Gebet~ den vornehmsten
Schutz. Es ist aber sicher, daß auch beim Zendvolke in gewissen Fällen
und namentlich bei Krankheiten, nicht das heilige Wort überhaupt,
sondern ~ganz bestimmte Sprüche~ •als Gegenzauber• geschätzt wurden.
Außerdem bediente man sich auch der •Amulette• (Federn und Knochen
des Vogels Varadschan, des Raben?). Man fand eben wahrscheinlich
einen Unterschied in der Zauberei, je nachdem die guten oder bösen
Dämonen angerufen wurden, so wie im Mittelalter die weiße Magie von
der verbotenen „schwarzen“ Magie differenziert wurde.
Ueber die Ausübung der Heilkunde und das Honorar sagt das
Gesetzbuch: „Schöpfer! wenn die Mazdajasnas (Gläubigen) sich zu
Aerzten ausbilden wollen, an wem sollen sie sich zuerst versuchen,
an den Daivajasnas (Ungläubigen) oder den Mazdajasnas. Wenn einer
zum ersten Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser stirbt,
wenn er zum zweiten Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser
stirbt, wenn er zum dritten Male an einem Daivajasna schneidet, und
dieser stirbt, so ist er unfähig zur Heilkunde für immerdar.“
Wagte es jemand trotz des mißlungenen Befähigungsnachweises die
Praxis auszuüben und starb ihm sodann ein Patient an den Folgen
unrichtiger Behandlung, so wurde dies wie ein vorsätzlicher Mord
betrachtet.
„... Wenn einer zum ersten Male an einem Daivajasna schneidet,
und dieser kommt davon, wenn einer zum zweiten Male an einem
Daivajasna schneidet, und dieser kommt davon, wenn einer zum dritten
Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser kommt davon, so ist
er fähig für immerdar; nach Belieben soll er an den Mazdajasnas
Versuche ärztlicher Behandlung machen, nach Belieben schneide er an
Mazdajasnas, nach Belieben heile er durch Schneiden. Einen Priester
heile er für ein frommes Gebet, den Hausherrn für den Preis eines
kleinen Zugtieres, den Herrn des Geschlechtes für den Preis eines
mittleren Zugtieres, den Herrn des Stammes für den Preis eines
vorzüglichen Zugtieres, den Herrn der Provinz heile er für den Preis
eines vierspännigen Wagens; wenn er zum ersten Male die Frau des
Hauses heilt, so ist eine Eselin sein Lohn, wenn er die Frau des Herrn
des Geschlechtes heilt, so ist eine Kuh sein Lohn, wenn er die Frau
des Herrn des Stammes heilt, so ist eine Stute sein Lohn, wenn er
die Frau des Herrn der Provinz heilt, so ist eine Kamelin sein Lohn;
einen Knaben aus dem Geschlechte heile er für den Preis eines großen
Zugtieres, ein großes Zugtier heile er für den Preis eines mittleren
Zugtieres, ein mittleres Zugtier heile er für den Preis eines kleinen
Zugtieres, ein kleines Zugtier heile er für den Preis eines Stückes
Kleinvieh, ein Stück Kleinvieh um den Preis von Futter.“ -- Wie sich
aus den letzten Sätzen ergibt, behandelten die persischen Aerzte so
wie die ägyptischen auch Tiere. Speziell gab es Vorschriften über die
Heilungsversuche, welche bei toll gewordenen Hunden gemacht werden
mußten. Man sollte ihnen Arznei beizubringen suchen, erst wenn das
nichts fruchte, Gewalt anwenden. -- Die Taxen brauchten wohl nur bei
gelungenen Kuren erlegt zu werden.
Der Vendidād verpflichtete zwar die Aerzte zu rascher Hilfeleistung,
warnte jedoch vor jeder Uebereilung in der Behandlung, diese sollte
offenbar erst nach sorgfältiger Beobachtung der Symptome bestimmt
werden. Einen gewissen Schematismus verrät die Vorschrift: „Ist eine
Krankheit am Morgen ausgebrochen, so soll man am Tage zur Behandlung
schreiten; wenn am Tage, soll es in der Nacht geschehen; wenn in der
Nacht, so muß der ärztliche Eingriff mit Tagesanbruch erfolgen.“
Die tief einschneidende religiöse Bevormundung verhinderte die
persische Medizin, die theurgisch-empirische Entwicklungsphase mit
einer höheren zu vertauschen. Aber der priesterliche Symbolismus
barg, beabsichtigt oder auch, ohne daß seine Schöpfer sich dessen
vollbewußt waren, einen ~hygienischen~ Kern in seinem Innern, der
sicherlich der Volksgesundheit sehr zu statten kam. Die mit Waschungen
verbundenen religiösen Zeremonien, die aus Priestermund stammenden
und daher stark •suggestiv• wirkenden Vorschriften über körperliche
Reinheit, diätetisches Verhalten, die Regelung des Geschlechtslebens,
die strengen Verbote sexueller Exzesse oder Perversitäten und vieles
andere mußten bei dem Fernstehenden einen Eindruck erwecken, welchem
Plinius durch die Worte Ausdruck verlieh, die Lehre Zoroasters sei
von der Heilkunde ausgegangen.
Zoroasters Lehre war ein Kultus der seelischen und körperlichen
Reinheit (symbolisiert in der Verehrung des läuternden Feuers, dem
Abglanz des Ahuramazda) und wandte sich gegen alles Unreine, sei es
in Gedanken, Worten und Handlungen, sei es im physischen Leben des
Menschen oder in der Natur (repräsentiert durch den bösen Geist Angra
Manju, symbolisiert namentlich durch das Gewürm und die Schlange). In
der praktischen Konsequenz wurde der physischen Reinigung, allerdings
unter dem Gesichtspunkt der seelischen Läuterung, in höchstem Ausmaß
Rechnung getragen -- im Gegensatz zu den Ungläubigen, besonders
den unreinen Reitervölkern der Steppen (Szythen, Turaniern). Als
verdienstvoll galt z. B. die Tötung gewisser schädlicher unreiner
Tiere und die Ablieferung derselben an den Priester; verboten
war es, in einen Fluß zu spucken, zu harnen, ja sogar sich darin
zu waschen; neben Gebeten, religiösen Zeremonien gingen bei den
verschiedensten Ereignissen Reinigungen (Räucherungen, Einreibung mit
Erde), Waschungen einher; Körperschmutz, Verunreinigung von Kleidern,
Gefäßen, Gerätschaften etc. zu beseitigen, war religiöse Pflicht,
wobei der Grad der Verunreinigung minutiös festgestellt und gegen
die Uebertragung oder weitere Verbreitung der Unreinigkeit (z. B.
von Kranken, Verstorbenen) Vorsorge getroffen war. Mit den härtesten
Strafen im Diesseits und ewiger Verdammnis im Jenseits bedroht das
Avesta die sexuellen Laster: Ehebruch, Prostitution, Masturbation,
Päderastie und verbrecherischen Abortus. Vom ~Päderasten~ heißt es, er
ist vor dem Tode schon ein Teufel und nach dem Tode ein unsichtbarer
Unhold. „~Nachdem er sich zum vierten Male hat mißbrauchen lassen,
dörren wir ihm aus die Zunge und das Fett.~“ Den religiös-nationalen
Bestrebungen entsprach die Empfehlung der Inzucht, ja sogar die
Verwandtenehe nächsten Grades (Brüder und Schwestern!). Schon hieraus
ergibt sich, daß jedenfalls in der Beurteilung religiös-hygienischer
Maßnahmen der alten Orientalen vom modernen Standpunkte eine gewisse
Vorsicht am Platze ist; vieles, was wir als hygienisch vorteilhaft
beurteilen, war dies wahrscheinlich nur sekundär und leitete sich
keinesfalls aus anderen, als religiösen Motiven her. Finden wir
beispielsweise die Reinigungen, Waschungen, die Krankenisolierung
etc., so dürfen wir bei der Beurteilung nicht außer acht lassen, daß
der Dämonenglaube an diesen Maßnahmen eher mehr Anteil hat als die
Vorahnung der Antiseptik. Sonst wäre es wohl schwer verständlich,
weshalb die zoroastrischen Priester bei den feierlichen „Reinigungen“
und Waschungen fast ausschließlich Besprengungen mit -- ~Kuhurin~
vorzunehmen pflegten. Die Kuh galt den Persern sowie den Indern eben
als heiliges Tier (Symbol der Seßhaftigkeit) -- eine Anschauung,
die sich aus arischen Urzeiten herleitete. -- Eine harte Konsequenz
der Lehre von der „Unreinheit“ der Krankheiten war die Isolierung
Unheilbarer.
Die Bedeutung Persiens für die Weltmedizin liegt am wenigsten in seiner
nationalen Heilkunst -- ägyptische, griechische und indische Aerzte
liefen den einheimischen weitaus den Rang ab --, sondern eher in der
Rolle, die es als Verkehrsland zwischen Ost und West (Ideenaustausch,
Drogenhandel) spielte. Das dauerndste, ja ein unschätzbares Verdienst
haben sich späterhin die Sassanidenfürsten erworben, als sie trotz
ihres flammenden Nationalgefühls, zu einer Zeit, als die europäische
Kultur ihrem Verfall zueilte, mit der klassischen Bildung auch der
griechischen Heilkunst eine Heimstätte boten, dieselbe hüteten und
endlich den siegreichen Arabern überlieferten.
Die Medizin im Alten Testament.
Ueber die Heilkunde der alten Israeliten zur Zeit ihrer politischen
Selbständigkeit gibt keine ärztliche Schrift Aufschluß, sondern die
Bibel, welche die medizinischen Verhältnisse begreiflicherweise nur
so weit beleuchtet, als kultuelle Vorschriften, religiöse Gesetze
davon berührt werden. Mag dieses Material auch durch gelegentlich in
die Geschichtserzählung eingestreute Hinweise, durch Gleichnisse der
religiösen Dichtung u. a. erweitert, ein ansehnliches sein, niemals
darf doch außer acht gelassen werden, daß wir streng genommen, nicht
über die Medizin der Juden, sondern eben nur über die ~Medizin in der
Bibel~ unterrichtet sind.
Den Glanzpunkt der Medizin im Alten Testament bildet die
~Sozialhygiene~, deren Verwirklichung das Wohl und die Erhaltung des
Volkes befördern mußte, welche Leitideen auch immer ursprünglich
zu Grunde lagen; wahrscheinlich gipfelte übrigens die mosaische
Gesetzgebung, wie die anderen orientalischen Religionssysteme in dem
Gedanken, daß entsprechend der Doppelnatur des Menschen physische und
ethische ~Reinheit~ zumeist zueinander in Wechselbeziehung stehen.
Die Vorschriften betreffen die Prophylaxe und Bekämpfung der Seuchen,
die Bekämpfung venerischer Krankheiten und der Prostitution, die
Hautpflege, Bäder, Nahrung, Wohnung und Kleidung, die Regelung der
Arbeit, das Geschlechtsleben, die Züchtung der Rasse u. a. Viele dieser
Vorschriften, wie die Sabbatruhe, die Beschneidung, die Speisegesetze
(Verbot des Blutgenusses, des Schweinefleisches etc.), die Maßnahmen
bei Menstruierenden, Wöchnerinnen, Gonorrhoikern, die Isolierung der
an Aussatz Leidenden, die Lagerhygiene u. a., besitzen namentlich
unter Würdigung der Zeitumstände und klimatischen Verhältnisse einen
überraschend hohen Grad von Rationalität und lassen selbst angesichts
der modernen Wissenschaft das Wort zur Wahrheit werden: „Diese Gebote
werden eure Weisheit und Vernunft sein in den Augen der Völker“ (Exodus
IV, 6). Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Hygiene des Pentateuchs
ihr Vorbild vorzugsweise in der ägyptischen Priesterhygiene hatte
(vergl. S. 51). -- Dazu gesellten sich bei der späteren Redaktion der
Bibel (in den Einzelheiten des Reinigungsverfahrens) wahrscheinlich
auch babylonische und parsische Ideen, mit denen die Juden während
der babylonischen Gefangenschaft vertraut werden konnten. -- ~Die
charakteristische Leistung der mosaischen Gesetzgebung ist aber darin
zu suchen, daß sie sich nicht auf eine besondere Kaste, sondern auf
das ganze Volk erstreckt~: „Ihr werdet mir sein ein Reich von Priestern
und eine heilige Nation“ (Exodus XIX, 6).