Absinth, Acacia, Anagallis, Calamus, Chelidonium, Coriander,
Cyperus, Datteln, Gerste (Bier), Granatwurzelrinde (gegen Bandwurm),
Hyosciamus, Kümmel, Lactuca, Lauch, Leinsamen, Lotus, Mandragora,
Mohn (Opium), Myrrhe, Oliven, Pfefferminze, Rettichsaft, Rizinusöl
(mit Bier als Abführmittel), Rosen, Safran, Scilla, Sesamöl,
Strychnos, Wacholder, Weihrauch, Zimt, Zwiebel. Von mineralischen
wären zu erwähnen z. B. Antimonsulfid und verschiedene Bleipräparate
(zu kosmetischen Zwecken), Kupferverbindungen (Brechmittel), Lapis
lazuli, Natron, Seesalz u. a. Von tierischen sind sicher: Honig,
~Milch~ von verschiedenen Tieren und ~von einer Frau, die einen
Knaben geboren hat~, Fette (von Rindern, Böcken, Ziegen, Schweinen,
Eseln, Gazellen, Antilopen, Mäusen, von mehreren Vögeln, Fischen,
Schlangen, vom Nilpferd, Krokodil), Galle (vom Rind, Schwein,
von Fischen). Außerdem finden sich in buchstäblicher Lesung viele
Dinge verzeichnet, die an die chinesische Apotheke oder zum Teil
an die moderne Organtherapie erinnern, wie Blutsorten, Eingeweide,
Fleisch, Haut, Haare, Stacheln, Hörner, Klauen, Knochen, Gräten,
Exkremente, sowie ganze Tiere, wie Kanthariden, Würmer, Schlangen,
Eidechsen, Fledermäuse. Unterliegt die Deutung der ägyptischen
Drogenbezeichnungen schon im allgemeinen großen Schwierigkeiten, so
gilt dies namentlich für die „animalischen“ Stoffe, da man es hier
-- wenn auch die Aegypter gewiß einige tierische Mittel anwendeten
-- vielleicht weit öfter als bisher nachgewiesen worden ist, mit
solchen Substanzen nicht-tierischer Herkunft zu tun hat, deren Name
oder hermetische Geheimbezeichnung zu einer falschen Annahme führt.
Es sei z. B. darauf verwiesen, daß unter der ägyptischen Bezeichnung
„Mäuseschwanz“ die Malve zu verstehen ist und daran erinnert, daß auch
viele der noch heute verbreiteten volkstümlichen Pflanzennamen einen
Uneingeweihten täuschen könnten (z. B. Storchschnabel, Löwenmaul,
Löwenzahn, Mäusedarm, Hühnerdarm, Bärenklaue). Insbesondere sind
jene Stoffe verdächtig, welche den Namen von heiligen Tieren tragen,
z. B. Krokodilshoden; wissen wir doch, daß manche Pflanzen nach
Körperteilen oder Körperbestandteilen der Gottheiten benannt wurden,
z. B. Anethum = Glied des Duhit, Potentilla = Finger des Duhit, und
daß stellvertretend für den Namen des Gottes jener seines heiligen
Tieres (Duhit -- Ibis oder Hundsaffe) eingesetzt wurde, z. B. Träne
des Hundsaffen = Dillsaft, Haare des Hundsaffen = Dillsame, Glied
des Hundsaffen = Dill oder Krallen des Ibis = Potentilla. Diese
„hermetischen“ Umnennungen, welche natürlich zu suggestiven Zwecken
und zur Fernhaltung des Laienelements dienten -- entsprechend der
sumerischen Geheimsprache babylonischer Priesterärzte -- sind unter
anderem verbürgt durch ein Räucherrezept (Tempelinschrift in Edfu), wo
zwischen je zwei Bezeichnungen (Geheimname -- Vulgärname) regelmäßig
die Worte „Name für“ eingefügt erscheinen, ferner durch einen Papyrus
aus der römischen Kaiserzeit, welcher die Synonyma von 37 meist
vegetabilischen Arzneidrogen enthält unter der Kapitelüberschrift:
„Hermetische Auflösung aus den Gelehrtenbüchern, gemäß dem Gebrauche
der Schriftgelehrten. Gegenüber dem Vorwitze der Laien nämlich, nennen
sie die Pflanzen und die übrigen Drogen nach göttlichen Symbolen um,
damit die Laien wegen der resultierenden Fehler in ihrer gewohnten
Diensteifrigkeit nicht pfuschen können.“ Am öftesten kommen diese
tierischen Substanzen als Ingredienzen von äußeren Medikamenten vor,
nämlich in Augenmitteln (Blutsorten, Gehirnsubstanz, Exkremente),
Haarwuchsmitteln (Blut von schwarzen Tieren, Körperteile), Salben
und Pflastern; in der internen Medikation des Pap. Ebers werden sie
weniger genannt.
Die Formen, in denen die Arzneistoffe zur Anwendung gelangten, waren
Arzneitränke, Elektuarien, Kaumittel und Gurgelwässer, Schnupfpulver,
Inhalationen, Salben, Pflaster, Umschläge, Einspritzungen,
Suppositorien, ~Klistiere~ (galten als ägyptische Erfindung!),
~Räucherungen~. Die letzteren -- im Geiste der Pneumalehre -- hatten
den Zweck, die „schlechte Luft“ (d. h. den üblen Geruch derselben)
durch noch schärfere Gerüche zu beseitigen oder durch Wohlgerüche
zu verbessern. Harze, Benzoe, Styrax etc. waren hierzu geeignet, am
beliebtesten aber war ein aus Wacholder, Myrrhe, Kalamus und ähnlichen
Substanzen zusammengesetztes Räuchermittel, das den Namen ~Kyphi~
führte. (Noch unter den Ptolemäern wurde das Rezept zu demselben in
die Wände des Tempels von Edfu eingegraben.)
Die Arzneitherapie unterlag festen Regeln, und gerade auf ihrem Gebiete
wirkte der drückende Zwang, welcher die individuelle Tätigkeit des
Arztes lähmte, am meisten. Vor allem durften akute Affektionen nur 5
~Tage~ lang behandelt werden, und zwar bestand die Medikation darin,
daß man am ersten Tage ein drastisches Mittel (als Einleitungskur
zur eventuellen Ausleerung des Krankheitsstoffes), sodann an den
folgenden 4 Tagen andere Arzneien (zur Nachkur) darreichte; deshalb
findet sich bei den Rezepten die Bezeichnung „für 1 Tag“ oder
„für 4 Tage“. Die Rezepte besaßen einen ähnlichen Aufbau wie die
modernen, bestanden aus Grundstoffen, Hilfsstoffen, Auszugsmitteln
und Geschmackskorrigentien; den einfachen Rezepten der älteren Zeit
stehen sehr umfangreiche Rezeptkompositionen aus der späteren Epoche
gegenüber. Die Dosierung war aufs genaueste bestimmt; auffallenderweise
erscheint derselbe Stoff mit wenigen Ausnahmen immer in der gleichen
Menge und die Drogengewichte verhalten sich wie 1:2:4:8:16:32:64
(duales Gewichtssystem).
Ueber die ~Chirurgie~ der Aegypter wissen wir noch wenig, doch ist
die Vermutung begründet, daß sie auch hierin Hervorragendes geleistet
haben; erwiesen sind bisher (abgesehen von der ~Beschneidung~ und
~Kastration~) nur ~Geschwulstoperationen~. Die ~Geburtshilfe~ lag in
den Händen der Hebammen. Die Geburt erfolgte auf dem Geburtsstuhle
unter Assistenz von vier Hebammen: ~die Oberhebamme hockte vor
der Kreißenden, außerdem wurde dieselbe von zwei Frauen an beiden
Seiten und von einer dritten von rückwärts unterstützt~. Auch die
Augenheilkunde (die ägyptischen Augenärzte erfreuten sich eines
besonders guten Rufes!), die Ohren- und Zahnheilkunde ist in den
medizinischen Texten vertreten.
Auf Grund des bisher erschlossenen handschriftlichen Materials,
welches nur wenig Chirurgisches enthält, darf noch kein abschließendes
Urteil gefällt werden, denn es könnten einschlägige Texte noch in
der Verborgenheit schlummern. Der Kahuner Veterinärpapyrus beweist,
daß man jedenfalls bei Tieren schon in sehr alter Zeit auch vor
solchen Eingriffen nicht zurückschreckte, die eine gewisse Technik
erfordern; Ausgrabungsgegenstände demonstrieren, daß die Befähigung
zur Konstruktion geeigneter Instrumente -- Schröpfköpfe, Messer,
Haken, Pinzetten, Metallstäbe, Nadeln etc. -- vorhanden war; die
Geschicklichkeit, mit welcher die Einbalsamierer das Gehirn aus der
Schädelhöhle (mit mehr als 30 cm langen bronzenen Haken), ohne die
Form der Gesichtszüge zu beeinträchtigen, entfernten, läßt manuelle
Gewandtheit auch auf anderen verwandten Gebieten vermuten. Die Texte
berichten uns freilich höchstens von Geschwulstexstirpationen,
bei Mumien fand man neben gut ausgeheilten Knochenbrüchen auch
solche mit einer Uebereinanderschiebung von fast 4 cm; von
vorgenommenen Amputationen ließ sich noch keine Spur entdecken. Im
Papyrus Ebers ist die Rede von Wunden (auch Biß- und Brandwunden,
Insektenstiche), Fremdkörpern, Brand, Eiteransammlungen, Pusteln,
stinkenden Geschwüren, Geschwülsten (Fetttumoren, Abszessen am Halse,
Drüsengeschwülsten, Mammatumoren u. a.), äußerlichen Erkrankungen des
Rumpfes und der Glieder (Pusteln, Blasen, Verhärtungen, Quetschungen
u. a.), Hämorrhoiden etc. Beim Verbande kamen teils Leinwand, teils
Charpie (aus Flachs, Leinwand oder Baumwolle) zur Anwendung; die
Salben und Pflaster bestanden namentlich aus Oel, Fettarten (Gänse-,
Rinder-, Schweine-, Esel-, Katzen-, Nilpferdfett), Wachs, Honig,
vermischt mit mannigfachen anderen Substanzen; in Höhlungen wurden
Suppositorien oder Charpiebauschen, mit entsprechenden Mitteln
bestrichen, eingeführt; zur Entfernung von Fremdkörpern (und Filaria
medinensis) benützte man eitererregende Pflaster, zu operativen
Eingriffen diente Lanzette oder Glüheisen. Folgende Beispiele aus
Papyrus Ebers illustrieren die Untersuchungsweise (Inspektion,
Palpation) und Behandlungsmethode. „Wenn du einen Eitertumor in
einem beliebigen Glied einer Person triffst und findest die Spitze
davon erhöht, begrenzt und mit rundlicher Form, so sag du dazu: ‚es
ist ein Eitertumor, der in seinem Fleische umläuftʻ. Ich werde die
Krankheit mit dem Messer behandeln“ (Joachim, p. 191-192). -- „Wenn
du ein Gewächs an der Kehle eines Patienten triffst ... worin Eiter
ist ... und du findest seine Spitze hoch aufgerichtet gleich einer
Warze, der Eiter bewegt sich darin“ ... (ibidem p. 188). -- „Wenn
du ein Fettgewächs in seiner Kehle triffst und findest es wie einen
Abszeß des Fleisches, der unter deinen Fingern erweicht ist ... so
sag du dazu: ‚er hat ein Fettgewächs in seiner Kehleʻ. Ich werde die
Krankheit mit dem Messer behandeln, indem ich mich vor den Gefäßen
in acht nehme“ (ibid. p. 189). -- „Wenn du einen Tumor des Fleisches
in einem beliebigen Körperteil einer Person triffst und du findest
ihn wie Haut an seinem Fleisch; er ist feucht, er bewegt sich unter
deinen Fingern, ausgenommen, die Finger werden ruhig gehalten, denn
die Bewegung entsteht durch die Finger, so sag dazu: ‚es ist ein
Tumor des Fleischesʻ. Ich werde die Krankheit behandeln, indem ich
versuche, es mit Feuer zu heilen ...“ (ibidem p. 190).
Die Angaben aus dem Altertum, daß die Aegypter die ~Beschneidung~
von jeher geübt haben, finden ihre Bestätigung durch die Befunde
an den Mumien und durch bildliche Darstellungen (so führt z. B. ein
Gemälde aus der Zeit Ramses II. die Ausführung der Operation an einem
Knaben vor). Die Priester und Vornehmen unterwarfen sich jedenfalls
der Zirkumzision. Auch die Beschneidung der Mädchen scheint schon
sehr früh in Aegypten eine weit verbreitete Sitte gewesen zu sein.
Was die ~Augenheilkunde~ der alten Aegypter anlangt, so fällt
es auf, daß derselben im Papyrus Ebers ein sehr bedeutender
Abschnitt eingeräumt wird, aber aus dieser Quelle kann weder über
die epidemische „ägyptische“ Augenentzündung -- sie gewann erst im
Mittelalter jene Rolle, welche sie heute spielt -- noch über die
Kenntnis der Staroperation etwas entnommen werden; das Ausrupfen
der Haare bei Trichiasis ist die einzige Operation, die im Papyrus
vorkommt. Von Affektionen sind zu erkennen: der Bindehautkatarrh,
dessen Hauptsymptome Rötung, Schwellung und Absonderung der Augen,
jedes für sich abgehandelt wird, entzündliche Hornhauttrübung,
Hornhautabszeß, Triefauge, Verengerung (Verschließung) der Pupille,
Hagelkorn, weiße Hornhautnarbe, Blutunterlaufung der Lider, Schielen,
Milium, Gerstenkorn, Chemosis, Ptosis, Trichiasis u. a. Hinsichtlich
der Therapie ist es besonders bemerkenswert, daß die ~lokale
Behandlung~ in den Vordergrund tritt (z. B. Einpinseln mit der Feder
eines Geiers). Zu den Mitteln zählen: Schwefelblei, Spießglanz (in
Schminken), Grünspan, Kupfervitriol, Kupferkarbonat, Bleivitriol,
Rötel, Lapis lazuli, Salpeter, viele Harzarten, Pflanzenkohle, Myrrhe,
Schöllkraut, Urin (zum Waschen der Augen), Frauenmilch, bei Trichiasis
nach dem Ausrupfen der Haare das Blut von Eidechse, Fledermaus,
Rind, Esel, Schwein, Windhund und Ziege (möglicherweise sind dies nur
hermetische Umnennungen von Drogen). Einmal wird als Lösungsmittel
für ein metallisches Präparat Honig und „Wasser aus Schweinsaugen“
empfohlen. Auf die ~Ohrenheilkunde~ beziehen sich Rezepte des Pap.
Ebers (gegen Ohrenfluß und Ohrgeschwüre), in einem derselben findet
sich als Bestandteil Eselsohr. Hinsichtlich der ~Zahnheilkunde~ ist
zu erwähnen, daß der Papyrus einige zusammengesetzte Mittel anführt,
und Mumienbefunde auf eine gewisse Technik des Ersatzes und der
Konservierung hinweisen.
Auch die ~Geburtshilfe~ und ~Gynäkologie~ ist in den beiden uralten
ägyptischen Handschriften vertreten, mit Schwangerschaftsdiagnosen,
Rezepten zur Beförderung der Konzeption, zur Wehenbeförderung
(Suppositorien), zur Vermehrung der Milchsekretion (Salben auf die
Brüste appliziert), zur Anregung der Menstruation (Einspritzung
von Dekokten in die Scheide), zur Behebung der Uteruswanderungen
(Hysterie), Mammaerkrankungen, Dysmennorrhöe, Fluor von verschiedenen
entzündlichen Affektionen der weiblichen Genitalorgane (Irrigationen,
Räucherungen, Suppositorien) etc. Beispielsweise sei aus Papyrus
Brugsch angeführt, mit welchen Methoden man auf Schwangerschaft oder
den Verlauf der Entbindung schloß.
„Ein anderes Rezept, um zu sehen, ob eine Frau gebiert oder ob
sie nicht gebiert: Wassermelone zerstoßen, überschütten mit Milch der
Mutter eines Knaben und mache es sie trinken. Wenn sie sich erbricht,
wird sie gebären, wenn sie aber nur Blähungen hat, wird sie nimmermehr
gebären.“
„Es werde ihr ein warmer Umschlag gemacht mit Nilpferdkot. Wenn
sie hierauf uriniert und ihr Urin ist unrein, oder wie vom Sturm
aufgeregtes Wasser, oder von schmutzig gelbroter Farbe, dann wird sie
gebären. Wenn dies nicht der Fall ist, dann wird sie nicht gebären.“
„Indem sie ausgestreckt liegt, salbe du ihre Papillen, ihre Arme,
ihre Schultern mit neuem Oele.“ Je nachdem sich dann am anderen
Morgen die Muskeln infolge der Einreibung präsentierten und je nach
ihrem Verhalten beim Drücken und Streichen, schloß man auf einen
günstigen oder ungünstigen Verlauf der Entbindung (d. h. von der Art
der Muskelerregbarkeit auf die Kontraktilität des Uterus).
Eine Methode zur Schwangerschaftsdiagnose und Geschlechtsbestimmung
bestand darin, daß man Weizen und Gerste in zwei gesonderten Säcken
in den Urin der Frau legte; fangen die Körner an zu keimen, so wird
die Frau gebären, und zwar, im Falle der Weizen keimt, einen Knaben,
im Falle die Gerste treibt, ein Mädchen.
Im Papyrus Ebers lautet ein Rezept, „~um den Uterus wieder an seinen
Ort eintreten zu lassen~“: „Einen Ibis von Wachs auf Kohle tun; den
Dampf davon in ihr Geschlechtsorgan eindringen zu lassen.“
Aus der ~Kinderheilkunde~ interessiert es uns besonders, ~daß
man die Ammen Medizin einnehmen ließ, um die Säuglinge zu heilen~.
Bemerkenswert ist auch die Prognose für ein Kind am Tage, an dem es
geboren wird: „Wenn es ni schreit, wird es leben, wenn es ba schreit,
wird es sterben.“
Höher als die therapeutische Polypragmasie ist die ~Hygiene~ und
~Krankheitsprophylaxe~ der Aegypter zu werten. Nicht nur im Rahmen
ihrer Zeit, sondern selbst von der Warte der Gegenwart betrachtet,
verdienen die meisten ihrer hygienischen Maßnahmen (namentlich unter
Berücksichtigung des heißen Klimas) vollste Anerkennung, und sie lassen
so recht den Ausspruch Herodots begreiflich finden: „Die Aegypter
seien neben den Libyern das gesündeste Volk.“ Sicher auf Kosten sehr
weit zurückreichender Erfahrungen, insbesondere über Seuchen aller
Art, dürfte in Aegypten jener Wunderbau der Sozialhygiene errichtet
worden sein, der zwar in erster Linie und voller Strenge für den König,
die Priesterschaft und die obersten Kasten galt, aber doch auch die
weitesten Schichten des Volkes in der ganzen Lebensführung beeinflußte;
war es doch die hehrste Pflicht des Königs, die Reinheit des Volkes
zu wahren.
Die Herleitung der meisten Krankheiten von Nahrungsüberschüssen und
die Erkenntnis, daß es leichter ist, Krankheiten vorzubeugen, als
die schon entstandenen zu heilen, rief (nach den Angaben Herodots und
Diodors) den Gebrauch hervor, 3 Tage in jedem Monat hintereinander bloß
aus prophylaktischen Gründen Brechmittel und Klistiere anzuwenden.
In tiefer Kenntnis der Völkerpsychologie, getreu der Maxime, daß die
Menschheit einer gewissen Denkstufe, autoritativ im Interesse ihres
eigenen Wohles zunächst zu Handlungen getrieben und erst sekundär zum
Nachdenken veranlaßt werden solle, regelten Religionsgesetze, kraft
göttlicher Inspiration, die öffentliche Gesundheitspflege und die
ganze Lebensweise, die Körperpflege, die Bekleidung, die Nahrung, das
sexuelle Leben u. s. w., und stellten, wie viele Tempelinschriften
besagen, den Frommen, d. h. den ~Reinen~ und ~Mäßigen~, statt
transzendentaler Güter ein langes Leben und Gesundheit ohne Begrenzung,
sowie reiche Nachkommenschaft in Aussicht. „Die ganze Lebensweise,“
sagt Diodor, „war so gleichförmig geordnet, daß man glauben sollte,
sie wäre nicht von einem Gesetzgeber geschrieben, sondern von einem
geschickten Arzte nach Gesundheitsregeln berechnet.“
Zu den öffentlichen Maßnahmen zählen z. B. das schon im
alten Reiche angelegte Kanalisationssystem, das Bestattungswesen
(Verhütung des Eindringens von Fäulnisstoffen in die Erde und das
Grundwasser), die Räucherungen (namentlich bei Seuchen) und eine Art
von ~Fleischbeschau~, welche von sachverständigen Priestern vor und
nach dem Schlachten (Schächten) in Form der äußeren Besichtigung
der Tiere, der Besichtigung des Leibesinnern und der Untersuchung
des Blutes durch Beriechen vorgenommen wurde. Wie die Fleischbeschau
zwar als Kulthandlung erschien (Opferung; als die besten Teile galten
die ~vorderen~ Extremitäten und das Herz), aber bewußt oder unbewußt
hygienischen Interessen diente, da der Mensch sicherlich kein Fleisch
genoß, das vom Opfer zurückgewiesen wurde, so lassen sich die meisten
Lebensregeln der Aegypter von beiden Gesichtspunkten betrachten;
praktisch genommen, kommt jedenfalls das hygienische Moment in
Betracht, wird die religiöse Idee zum bloßen Deckmantel. In Befolgung
des religiös-hygienischen Grundgesetzes richtete man vor allem große
Aufmerksamkeit auf die ~Reinheit der Wohnung~ (Waschen, Räuchern),
auf die ~Körperpflege~ (Bäder, Scheren der Haare, „damit weder eine
Laus, noch irgend ein anderes Ungeziefer sich einnisten könnte“,
Nagelpflege, Salbungen, ~gymnastische~ Uebungen), auf die ~Kleidung~
und ~Nahrungsweise~ (auch Reinheit der Eßgeräte und Trinkbecher).
Selbstverständlich waren die Priester die beispielgebenden Vertreter
der strengsten Reinheitsgesetze, sie badeten zweimal an jedem Tage
und zweimal in jeder Nacht, schoren an jedem dritten Tage die Haare
auf dem ganzen Körper -- in der Epoche des neuen Reiches erschienen
sie regelmäßig kahlköpfig -- trugen weiße Kleidung (während des
Tempeldienstes nur solche aus Leinenstoff) und vermieden in sorgsamer
Nahrungsauslese insbesondere ~Schweinefleisch~, ~Bohnen~ und Zwiebeln
(wegen der entstehenden Blähungen); das Wasser wurde in späterer
Zeit nur abgekocht oder filtriert getrunken; das Lieblingsgetränk
der Aegypter war die Gabe des Osiris, eine Art von Bier, das man
aus Gerste braute. Wie die bildliche Darstellung eines ägyptischen
Studentengelages anschaulich zeigt und mehrere Stellen in Texten
beweisen (z. B. Ansprache an einen Studenten: „Du verläßt die Bücher,
du gibst dich dem Vergnügen hin, gehst von Kneipe zu Kneipe -- der
Biergeruch verscheucht die Menschen von dir“), waren die Aegypter
dem Trinken nicht abhold. Dem Uebermaß auf diesem Gebiete, sowie
im Geschlechtsgenuß -- Perversitäten bezeugt der Turiner obszöne
Papyrus, die Mythe des Horus und Set verbürgt den uralten Gebrauch
der Päderastie, zwei erhaltene Märchen erzählen von Ehebruchsszenen
-- traten Priestervorschriften und allgemein gültige Gesetze nach
Möglichkeit entgegen. Den Priestern war der Besitz nur ~einer~ Ehefrau
gestattet. Die Tötung der Frucht im Mutterleibe und das Aussetzen der
Kinder bedrohten Gesetze mit schweren Strafen, der Verkehr während der
Menstruation war untersagt -- im Totenbuche wird die Selbstbefleckung
als Laster genannt. Im Gegensatz zu unseren Anschauungen galten
Geschwisterehen bekanntlich als empfehlenswert und herrschten in den
Königshäusern vor (bis herab in die Ptolemäerzeiten). Ins Gebiet der
Sexualhygiene fällt die, als Kultushandlung aufgefaßte ~Beschneidung~,
welche bei den Knaben der Priester- und Kriegerkaste zwischen dem
6. und 10., nach anderer Angabe im 14. Jahre mit einem Messer aus
Feuerstein vollzogen wurde.
Der Hygiene des Kindesalters wandten die Aegypter große Sorgfalt
zu. Der Säugling wurde in große weiche Tücher eingehüllt (nicht in
Binden gewickelt!) umhergetragen, nach der Entwöhnung gab man anfangs
nur Kuhmilch, später Pflanzenspeisen und zum Getränk Wasser; bis zum
5. Lebensjahre völlig unbekleidet (bis zum 10. unbeschuht), hielten
sich die Kinder meist im Freien auf, unter munteren Spielen (Reifen,
Bälle, Puppen fanden sich in Kindergräbern), um von dieser Zeit an
Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen (3-4 Stunden täglich) in
den Schulen zu empfangen; körperliche Uebungen (bei den Kindern der
Vornehmen auch Schwimmen) ergänzten die vortrefflich aber strenge
geleitete (Prügel- und andere Strafen) Jugenderziehung. Bei den
arbeitenden Klassen begann die schwere Berufsarbeit freilich frühe,
wie ein ägyptischer Text besagt, wo es heißt: „Das Kind wird nur
erzeugt, um aus den Armen der Mutter gerissen zu werden; wenn es dazu
gelangt, ein Mann zu werden, so sind seine Knochen zerschlagen wie
die eines Esels.“
Mit der Körperpflege, teilweise auch mit der Prophylaxe hängt die
bei den Aegyptern ganz besonders entwickelte ~Kosmetik~ zusammen; von
dieser geben uns Gräberfunde eine lebhafte Vorstellung (z. B. der im
Berliner Museum aufbewahrte Toilettenkasten der Königin Mentuhotep
aus dem 3. Jahrtausend), ferner Rezeptformeln für ~Augenschminken~
(ursprünglicher Zweck: Verhütung von Bindehautaffektionen),
~Haarwuchsmittel~ (das älteste für die Königin Schesch aus der dritten
Dynastie bestimmte befindet sich im Pap. Ebers), ~Räuchermittel~ (zur
Parfümierung, unter anderem auch der weiblichen Genitalien), Mittel
zum Glätten der Haut, Verschönerung der Gesichtsfarbe etc. Hieran
reihen sich Eingriffe zur Konservierung der Zähne (Ersatz durch
durchbohrte Kronen und Golddrahtgeflechte), Zahnmittel.
Die anerkanntermaßen hoch entwickelte Hygiene der Aegypter
überstrahlt weitaus das, was uns bis heute die zugänglichen Texte
über die medizinischen Kenntnisse dieses Volkes zu sagen wissen.
Das Mißverhältnis ist anscheinend ein so bedeutendes, daß sich fast
die Vermutung regt, es könnten noch verborgene oder unerschlossene
Literaturdenkmäler möglicherweise einmal die bestehende Kluft
überbrücken.
Vielleicht aber beweist gerade dieses Mißverhältnis, daß eine
hochstehende Hygiene auch aus dem Boden einer bloß scharf
beobachtenden, und namentlich durch Theorien unbeirrten Empirie
hervorwachsen kann!
Eines aber liegt schon heute klar zu Tage: ~Aegypten hat zum mindesten
auf die Anfänge der Medizin in Hellas[11] und auf die Sozialhygiene
Judas einen mächtigen, bahnbrechenden Einfluß ausgeübt und damit auf
die Entwicklung der Menschheit~.
[11] Gewährsmänner sind Herodot, Aristoteles, Diodor, Strabo,
Plutarch, Ammianus Marcellinus, Lactantius, Eusebius, Clemens
Alexandrinus, Jamblichus u. a.
Keilschrift- und Hieroglyphenmedizin wirkten über die Grenzen
ihrer Heimat hinaus, und manche Spur läßt vermuten, daß sich an den
Brennpunkten des Verkehrs allmählich auch neue, wenn auch minder
bedeutende Pflegestätten der orientalischen Kulturmedizin entwickelten.
Ein solches Zentrum dürfte z. B. die Hauptstadt Lydiens gewesen sein,
~Sardes~, auf dessen Bedeutung in diesem Sinne manche griechische
Quelle hinweist.
Dort, wo die politischen und allgemein kulturellen Einflüsse
des Pharaonen- und des Zweistromlandes am heftigsten aufeinander
prallten, also in Syrien und Palästina, wäre von vornherein auch
eine Durchkreuzung der babylonischen und der ägyptischen Heilkunst
anzunehmen. Für die Prüfung dieser Konjektur reicht aber das
zugängliche Forschungsmaterial umsoweniger aus, als es uns bisher nicht
einmal einen genügenden Einblick in die medizinischen Kenntnisse der
einstigen Bewohner dieser Länder gewährt.
Von den ~Phönikern~[12] ist es bekannt, daß sie nicht nur Drogen in
den internationalen Verkehr brachten, medizinische Erfahrungen und
Erfindungen vermittelten, sondern auch eine eigene, von der ägyptischen
zum Teil abweichende Pharmakotherapie besaßen -- im Papyrus Ebers
sind phönizische Rezepte angeführt. In jüngster Zeit wurde der Tempel
des phönizischen Heilgottes, ~Eshmun~ in Sidon, ausgegraben, wobei
man auch Weihgeschenke auffand[13]. -- Hinsichtlich der ~Aramäer~ ist
es bemerkenswert, daß zahlreiche Pflanzennamen in der Sprache dieses
Volkes vorhanden sind, welche vielleicht auch einen Rückschluß auf
einschlägige Kenntnisse gestatten. -- Den meisten Aufschluß, wenigstens
über die medizinischen Einrichtungen bei den alten ~Israeliten~, gibt
die Bibel; dort spiegelt der „Elohist“ und der „Jahwist“ den Wettstreit
der ~hämatischen~ (mesopotamischen) und ~pneumatischen~ (ägyptischen)
Lebenstheorie mit ihren praktischen Konsequenzen wider.
[12] Ihre Kunst stand ganz unter ägyptischem Einfluß.
[13] Aus der Bibel (Könige II, 1) erfahren wir, daß Ahasja während
seiner Krankheit Boten zu dem phönikischen Gotte Baal-Sebub in
Ekron sandte, um zu fragen, ob er genesen werde.
Die Medizin der alten Perser.
Der Sieg des großen Kyros verlöschte den Namen Babels in den Annalen
der Staatengeschichte und berief das jugendfrische Volk der Perser
zur Herrschaft über ganz Vorderasien, zu einer Großmachtstellung,
welche die vorausgegangene semitische noch übertraf. Vom Indus bis zum
Mittelländischen Meere erstreckte sich das Reich der Achämeniden, ja
zuletzt schloß es sogar das Land der Pharaonen mit ein.