Kaste, welcher neben dem Kultus die Pflege der gesamten Gelehrsamkeit
anvertraut war. Wie die übrigen Wissenszweige wurde auch die Medizin
in den, mit den Tempeln in Verbindung stehenden Schulen gelehrt --
die berühmtesten waren in ~On~, ~Saïs~, ~Memphis und Theben~ --,
die ärztlichen Adepten empfingen aber gewiß nicht nur theoretischen
Unterricht (auf Grund der vom Gotte Thot inspirierten heiligen
Bücher und deren Erklärungsschriften), sondern auch praktische
Unterweisung; für diese war dadurch Gelegenheit gegeben, daß sich viele
Heilungsbedürftige in den Tempeln einfanden, und die Priesterärzte
die Kranken auch in ihren Wohnungen besuchten. Das Aufgehen des
Aerztestandes im Priestertum brachte Vorteile und Nachteile,
einerseits war für eine geregelte Ausbildung gesorgt, gegen welche
das Pfuschertum nicht aufkam, und die Aerzte wurden als Mitglieder
der Priesterkollegien aus dem Tempelfond besoldet, anderseits aber
verschmolz die Wissenschaft mit der Theurgie und verblieb im Banne
einer „göttlich“ inspirierten, erstarrten Tradition, welche der
individuellen Betätigung die engsten Schranken zog; ~wir hören daher
vieles von berühmten Aerzteschulen, aber nichts von hervorragenden
ärztlichen Individualitäten~, und mögen die Schulen in einzelnen
Auffassungen voneinander abgewichen sein, von einem ärztlichen
Sektenwesen konnte keine Rede sein. Die Scheidung der Priesterärzte:
in den Arzt engeren Sinnes, Chirurgen und Beschwörer, läßt sich früh
nachweisen (der Beschwörer besaß das höchste Ansehen), die Sonderung
in Spezialärzte aber (worüber Herodot berichtet) dürfte wohl erst der
Zeit des zunehmenden Kastenwesens, des Niedergangs der ägyptischen
Medizin eigen sein; die einzelnen Priesterschulen haben jedenfalls, wie
aus Papyrus Ebers hervorgeht, gewisse Zweige der Heilkunde besonders
kultiviert.
Den Priesterkollegien kam, als Körperschaft, die Bedeutung einer
Medizinalbehörde zu, welche die ärztliche Tätigkeit überwachte (der
Oberpriester von Saïs z. B. führte den Titel „Oberster der Aerzte“).
-- Die Geburtshilfe (und Kosmetik) lag in den Händen kundiger Frauen,
an deren Spitze Oberhebammen standen.
Das Kastenwesen der Aegypter war keineswegs von solcher Schroffheit
wie das indische. Daher erschlossen Fleiß und Begabung den Jünglingen
aller Stände die gelehrten Berufe. Daß alle Aerzte der Priesterschaft
angehörten (ähnlich wie im europäischen Mittelalter dem Klerus),
scheint sichergestellt, zweifelhaft aber bleibt es, ob nicht ein
gewisser Grad von ärztlichem Wissen einen Teil der Priesterbildung
überhaupt ausmachte. -- Die hierarchische Gliederung der Aerzte
unter Leitung eines „Oberarztes“ bestand schon im „alten Reich“. Das
soziale Ansehen, das die Aerzte als Mitglieder der Priesterkollegien
genossen, war ein hohes, und die Geschichte berichtet von manchem,
der sogar den Königsthron einnahm, z. B. Athotis und Tosorthos. -- Die
Genesenden spendeten für die Tempel ~Weihgaben~, z. B. Nachbildungen
der erkrankt gewesenen Körperteile, z. B. von Armen, Fingern, Augen,
Ohren u. a.
Die Priesterwissenschaft lieferte der Heilmittellehre und
Arzneibereitung keine unbedeutende naturwissenschaftliche Grundlage
(zoologisch-botanisch-chemische Kenntnisse; es gab botanische Gärten;
die Chemie, deren Name auf die heimische Bezeichnung Aegyptens χημι
zurückgeführt wird, erreichte eine ansehnliche Höhe) -- das Wissen über
~Bau und Funktionen des menschlichen Körpers~ verharrte aber auf sehr
niedriger Stufe. Mögen die zugänglichen Quellen, da sie nur praktisch
medizinische Werke, Rezeptbücher, darbieten, für ein abschließendes
Urteil keinen hinlänglichen Stützpunkt gewähren, sie lassen doch
deutlich erkennen, daß es ganz unberechtigt war, wenn man, wie es
früher geschah, den Aegyptern ein bedeutendes anatomisches Wissen
auf Grund des Einbalsamierungsverfahrens andichtete; denn was bisher
bekannt geworden, steht weit unter dem Niveau von Kenntnissen, die bei
diesem Verfahren möglicherweise hätten erworben werden können! Zudem
ist nicht außer acht zu lassen, daß die der Balsamierung vorausgehende
Entfernung der Eingeweide nicht durch Aerzte, sondern durch Handwerker
vorgenommen wurde, und daß die kultische Weihe des ganzen Gebrauchs
die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier beinahe ausschloß.
Die spärlichen Einblicke in die Anatomie, welche der ägyptische
Arzt besaß, sind auf zufällige Erfahrungen und auf die Beobachtungen
beim Schlachten der Tiere zurückzuführen -- Beobachtungen, die wie
bei anderen Völkern in ein Netz vorgefaßter naturphilosophischer
Spekulationen verwoben wurden.
In der ältesten Zeit, der „Negadaperiode“, gab es, wie die
Ausgrabungen lehren, zwei Beerdigungsarten, nämlich die Bestattung
(des in Hockstellung gebrachten) mit einer Hülle von Fellen bedeckten
Leichnams und die Beisetzung der Skelettteile des zerstückelten
Leichnams, nach Entfernung aller Weichteile (ähnlich wie bei manchen
Stämmen des heutigen Afrika). Das Einbalsamieren entwickelte sich erst
allmählich; zur Zeit der zweiten Dynastie stand es bloß teilweise
im Gebrauch und noch bis in die Epoche der fünften Dynastie läßt
sich (neben der Einbalsamierung) die Sitte der Leichenzerstückelung
(und Abschabung des Fleisches von den Knochen) verfolgen. Ausgehend
von dem Glauben an die ~Auferstehung~ in irdischer Gestalt, von der
Ansicht, daß das Wohl der Seele an die ~Konservierung des Leibes~
geknüpft sei, suchte man der in dem heißen Klima so rasch eintretenden
Verwesung entgegenzuwirken -- die gleichzeitig zur Geltung kommenden
hygienischen Vorteile bildeten wohl nur ein sekundäres, jedenfalls
bemänteltes Moment. Die natürliche Ausdörrung der Leichen, wie sie bei
solchen eintrat, die man in Berghöhlen beisetzte oder im Wüstensand
vergrub, zeichnete den einzuschlagenden Weg vor; zur schnelleren,
künstlichen Austrocknung dienten in erster Linie das Natron, welches
den Geweben das Wasser entzieht und die Fettteile vernichtet, sodann
fäulniswidrige Substanzen, Myrrhen, Weihrauch, Kassia u. a.; eine
notwendige Ergänzung fand das Verfahren in der, sogleich nach dem Tode
vorgenommenen Entfernung der Eingeweide, woran sich die Ausspülung
mit Palmwein und die Ausfüllung der Höhlung mit syrischem Salz,
Balsam, Zedernpech, Asphalt, Hobelspänen, Mumienbinden etc. schloß.
Hierauf wurde der Leichnam mit Binden umwickelt, jeder Körperteil
für sich; die fertige Mumie legte man in einen Holzsarg, der dann
wohl (bei Reichen) von einem Steinsarkophag umschlossen wurde.
Die Einbalsamierung erfolgte in den „Totenstädten“ (wo die mit dem
Totenkultus berufsmäßig in Verbindung stehenden Leute wohnten), die
Beisetzung geschah in alter Zeit in unterirdischen Kammern, später
in eigenen hierzu bestimmten oberirdischen Räumen.
Bildliche Darstellungen des Einbalsamierens finden sich auf
mehreren Mumien, ziemlich genaue Angaben bei Herodot und Diodor;
es gab drei Arten des Verfahrens (die Leichen der Armen wurden
bloß in eine Natronlösung gelegt), weibliche Leichen übergab man
Frauen zum Einbalsamieren und überließ sie dem männlichen Personal
frühestens nach 4 Tagen. Auf das hohe Alter der Sitte weisen gewisse
Formalitäten, die gemäß den griechischen Berichten bei der Eröffnung
der Leichen zum Zweck der Herausnahme der Eingeweide eingehalten
wurden: zuerst zeichnete der γραμματεῦς die Richtung des Schnittes
vor, worauf der παρασχίστης mit einem äthiopischen Stein --
~Feuersteinmesser~ -- in die ~linke Unterleibsseite~ einschnitt und
davonrannte, während ihm die Anwesenden Steine nachwarfen (Hindeutung
auf die Todesstrafe durch Steinigung wegen des Verbrechens der
Leichenschändung!). Das Gehirn entfernte man mittels eines bronzenen
Hakens durch die Nase(?). Mit den Eingeweiden scheint man verschieden
verfahren zu haben, nach einer Angabe brachte man sie in ein Gefäß und
warf dieses unter Anrufung des Rā in den Nil, nach einer anderen legte
man sie nach ihrer Reinigung und Einbalsamierung in die Leiche wieder
zurück. Häufig setzte man sie aber in vier Gefäßen, entsprechend
den vier Totendämonen, gesondert bei (das Gefäß, dessen Deckel den
Menschenkopf des Amset zeigte, enthielt den Magen und die großen
Eingeweide, das zweite, welches dem hundsköpfigen Hapi geweiht war,
die kleinen Eingeweide, das dritte mit dem Schakalkopf des Duamutef
barg Herz und Lunge, das vierte mit dem Sperberkopf des Kebsenuf
Leber und Galle).
Die Hauptbestandteile des Körpers -- freilich ohne Berücksichtigung
feinerer Einzelheiten -- spielten in der Schrift, Sprache
und Mythologie der Aegypter eine wichtige Rolle. Nicht wenige
Hieroglyphenzeichen stellen Körperabschnitte vor; die Sprache enthält
nicht nur eine ansehnliche Zahl von Benennungen derselben, sondern
benützte sie auch zur Versinnlichung abstrakter Begriffe; der ganze
Himmel wurde anthropomorph vorgestellt (Sternbilder als Glieder), und
selbst die Landeseinteilung war eine Gliederung im buchstäblichen
Sinne des Wortes, da jeder der 14 Bezirke einem Körperteil des
Osiris entsprach. Noch unterliegt die Bestimmung der ägyptischen
Termini manchen Schwierigkeiten, die unter anderem darauf beruhen,
daß bisweilen dasselbe Wort zur Bezeichnung ganz verschiedener
Körperteile dient, z. B. von Ohr und Nase (~die gleiche Bezeichnung
von Herz und Magen~ und die daraus resultierende Konfusion in der
medizinischen Auffassung der entsprechenden Symptome läßt sich
fortwirkend noch heute sprachlich verfolgen, Cardia, Herzgrube).
Wie aus den Ideogrammen der Hieroglyphenschrift und aus bildlichen
Darstellungen hervorgeht, wurden die Befunde der Tierzergliederung
(Küchen- und Opferanatomie) per analogiam auf den Menschen übertragen,
so figuriert z. B. die Lunge immer als sechslappig (Säugetierlunge).
Eine anatomische Spezialschrift ist nicht auf uns gekommen, doch
soll angeblich eines der hermetischen Bücher eine Schilderung des
Körperbaues enthalten haben, und nach einheimischer Ueberlieferung
(Manetho) galt der zweite König der ersten Dynastie, ~Athotis~, als
Verfasser anatomischer Werke (vielleicht eine volksetymologische
Verwechslung mit dem ägyptischen Hermes, dem Gotte Thot). Zur
Beurteilung der anatomischen Kenntnisse stehen nur gelegentlich
eingestreute Bemerkungen zur Verfügung, z. B. Aufzählungen von
Körperteilen (im Totenbuch, in Zaubersprüchen etc.); Genaueres
erfahren wir höchstens über ~das Gefäßsystem, als dessen Zentrum man
das Herz ansah~. ~Im Papyrus Ebers~ ist an zwei Stellen (Taf. 99
und Taf. 103) die Rede von den Gefäßen (metu), wobei unter dieser
Bezeichnung außer den Adern auch Hohlgänge verschiedener Art,
sowie Nerven und Sehnen zu verstehen sind. An der ersten Stelle
(Joachim, Pap. Ebers p. 180-182) werden nach dem „Geheimbuch des
Arztes“ folgende „metu“ genannt: 4 in der Nase (2 geben Schleim, 2
Blut), 4 an den Schläfen (sie versorgen auch das Auge), 4 im Kopf
(Ausbreitung am Hinterhaupt), 2 zum Jochbein, je 2 zum rechten Ohr
(für den ~Lebenshauch~) und zum linken Ohr (für den ~Todeshauch~),
6 zu beiden Armen, 6 zu den Füßen, 2 zu den Hoden, 2 zu den Nieren,
4 zur Leber (Feuchtigkeit und Luft führend), 4 zum Mastdarm und zur
Milz (ebenfalls Feuchtigkeit und Luft führend), 2 zur Blase (Urin
führend, also Harnleiter), 4 in den After („sie bringen in ihm
hervor Feuchtigkeit und Luft“). An der zweiten Stelle (Joachim, p.
186-187), die dem uralten Buche „Vom Vertreiben der uchedu“ entnommen
sein soll (vergl. S. 36), heißt es: Der Mensch hat 12 Herzgefäße,
die sich in alle Glieder ausbreiten; es sind je 2 Gefäße in ihm in
seiner Brustgegend, je 2 ziehen zum Schenkel, zum Arm, zum Hinterkopf,
zum Vorderkopf, zum Auge, zur Augenbraue, zur Nase, zum rechten Ohr
(Lebenshauch), zum linken Ohr (Todeshauch); „~sie kommen in ihrer
Gesamtheit von seinem Herzen~ und verteilen sich in seine Nase, sich
sammelnd in ihrer Gesamtheit in seinen beiden Hinterbacken.“ Nach
dem Pap. Brugsch „hat der Kopf 32 Adern, von ihm aus schöpfen sie den
Atem nach der Brust, so daß sie den Atem allen Gliedern geben“. Diese
auf flüchtiger Beobachtung und Spekulation beruhende phantastische
Gefäßlehre (vergl. unten die chinesische und indische) war in Aegypten
noch im 14. Jahrhundert v. Chr. gültig und reichte, wenn die Angabe
bezüglich der Abfassung des Buches vom Vertreiben der uchedu richtig
ist, ins 4. Jahrtausend zurück. Interessant ist es, daß auch der
Ausläufer der ägyptischen Medizin, nämlich die koptische Medizin, 300
Adern vom Nabel entspringen ließ, also noch in den gleichen Bahnen
verharrte.
Eine sehr wertvolle Ergänzung der dürftigen literarischen Dokumente
bilden hinsichtlich der ägyptischen Anatomie die erhaltenen Weihgaben
(z. B. ein Ohr aus Terrakotta, eine Steintafel mit zwei ausgemeißelten
Ohren, ein elfenbeinerner Vorderarm nebst Hand), namentlich aber die
Skulptur und Malerei (eigenartige verfehlte Perspektive, strenger
Proportionskanon, getreue Wiedergabe der Rassenmerkmale).
Die ~physiologische~ Spekulation der Aegypter beruhte auf Analogien
zwischen der äußeren Natur und dem Menschen, wobei man den Blick,
weit weniger als in Mesopotamien, nach den Gestirnen wandte, da in
Aegypten die Jahreszeiten nicht so sehr durch den Himmel, als durch
das Steigen und Fallen des Nil reguliert werden. Die scharfe Trennung
des durch die Ueberschwemmung kulturfähig gemachten Bodens (~Wasser~ --
~Erde~), der Einfluß der Sonnenwärme (~Feuer~) und der Winde (~Luft~),
das periodische An- und Abschwellen des Nil, die nützliche Wirkung
des Kanalisationssystems, welches die richtige Berieselung des Landes
vermittelte, schien dem Bau und Leben des Organismus zu entsprechen,
seiner Zusammensetzung aus festen Bestandteilen (Knochen, Fleisch --
•Erde•, Humus) und Flüssigkeiten (•Wasser•), seinem vielverzweigten
Gefäßsysteme (Kanäle), welches das Blut führt und durch den Puls an
das Steigen und Fallen des Nils erinnert, der inneren Wärme (•Feuer•),
der Atmung (•Luft•, Wind). Eine Lokalfärbung besitzt die ägyptische
Physiologie dadurch, daß -- im Gegensatz zur vorzugsweisen hämatischen
Theorie des Zweistromlandes -- auf die vitale Bedeutung der ~Atmung~
ein besonderer Nachdruck gelegt (~Pneumalehre~), und daher die
Körperluft als wichtigstes Agens aufgefaßt wurde.
Die höchstwahrscheinlich in Aegypten zuerst entwickelte Lehre von
den ~vier~ Elementen -- manche Forscher glaubten den Gedanken sogar
in der Gestalt der Pyramiden und Obelisken sichtbar ausgedrückt zu
finden -- ist nirgends klar ausgesprochen. -- Die Herleitung des
Lebens von der Atmungsluft und den Körperflüssigkeiten spielte auch
im Kultus eine wichtige Rolle, bot dieser doch den Göttern wie den
Abgeschiedenen ~gute Luft~ als Weihrauch und ~Lebenswasser~ in Form
von Weihwasser. Das ~lokale~ Moment der naturphilosophischen Analogien
tritt markant z. B. darin hervor, daß die Aegypter die Hypersekretion,
das andauernde Wässern des Auges bei Entzündung desselben als
„~Aufsteigen~ von Wasser in die Augen“ (vom Herzen aus) bezeichnen
(im Gegensatz zur griechischen Auffassung, welche ein Herabfließen vom
Kopfe für die Entstehung desselben Phänomens verantwortlich machte).
In Aegypten entsteht eben die Bewässerung nicht, wie bei uns, durch
den herabfallenden Regen, sondern durch das Emporsteigen des Nils.
Die Atmungsbewegung setzte das Einströmen der Luft in den Körper und
das Ausströmen außer Zweifel -- und auch die Wege, auf denen das Pneuma
im Körper zirkulieren sollte, scheinen mit täuschender Exaktheit schon
in sehr alter Zeit durch die Beobachtung an Tier- und Menschenleichen
aufgedeckt worden zu sein; denn ein Teil der Gefäßstränge des Kadavers
fand sich stets blutgefüllt, ein anderer Teil dagegen -- die Arterien
-- leer (= lufthaltig); die letzteren wurden mit dem Anschein des
unzweideutigen Beweises als Kanäle des Pneuma in Anspruch genommen,
indem man von den Verhältnissen am Kadaver auf den Lebenden schloß.
Als ~Ursprung der Blutadern~ wurde ~das Herz~ erkannt.
Papyrus Ebers und Brugsch enthalten in dem oben erwähnten Buche vom
Vertreiben der uchedu, in welchem von luftführenden Gefäßsträngen die
Rede ist, •die älteste Quelle für die Pneumatheorie•. Bemerkenswert
ist es, daß hierbei ein Unterschied von gutem und schlechtem
Pneuma, nämlich „Pneuma des Lebens“ und „Pneuma des Todes“, gemacht
wird, welche auf verschiedenen Wegen zirkulieren, worunter kaum
etwas anderes als In- und Exspirationsluft verstanden werden kann.
[Dieser Unterscheidung entspricht in der vorzugsweise hämatischen
Lebenstheorie der Babylonier die Sonderung des Blutes in Blut des
Tages (helles Aderlaßblut, arterielles) und Blut der Nacht (dunkles
Aderlaßblut, venöses).]
Herz und Magen (hieroglyphisch mit demselben Determinativ, dem
Bilde des Kochtopfes bezeichnet) wurden als Doppelsystem betrachtet,
in welchem die Lebenswärme aus der aufgenommenen Nahrung das Blut
bereitet. -- Vom Herzen glaubte man, daß es sich mit zunehmendem
Alter verkleinere.
In der ~Pathologie~ (namentlich der epidemischen Krankheiten) spielt
das religiös-abergläubische Moment zwar keine geringe Rolle, doch
treten rationelle Beobachtungen stark in den Vordergrund. Die Aegypter
leiteten die Krankheiten meist von übermäßiger Nahrung oder Würmern
(wirklichen und bloß supponierten) her.
Je nach den Texten, Zauberpapyri oder Rezeptbücher, herrscht die
superstitiöse oder empirische Aetiologie vor. Der Mystizismus ließ die
einzelnen Körperteile unter der Herrschaft bestimmter Gottheiten stehen
und dem unheilvollen Einfluß bestimmter Dämonen ausgesetzt sein. --
Daß der „•Wurm•“ geradezu zum •Grundsymbol der Krankheit• wurde, kann
nicht wundernehmen in einem Lande, wo tatsächlich tierische Parasiten
so häufig als Krankheitserreger wirken. Generalisierend schloß man auf
das Vorhandensein von krankmachenden „Würmern“ auch dort, wo sie nicht
nachweisbar waren und meinte, daß sie aus den verdorbenen Körpersäften
entstehen.
Was man „Krankheit“ nannte, waren entweder nur einfache Symptome oder
Gruppen von Symptomen (Symptomenkomplexe). Die letzteren erforderten
begreiflicherweise schon ein entwickelteres diagnostisches Räsonement.
Im Papyrus Ebers wird die Rezepttherapie für eine Menge von
differenzierten Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe)
angeführt; die Deutung der Krankheitsbezeichnungen ist aber mit
sehr großen philologischen und medizinischen Schwierigkeiten
verbunden, welche noch nicht in Gänze überwunden werden konnten.
Erwähnt sind unter anderen: Abdominelle Affektionen (darunter
wahrscheinlich auch Dysenterie), Eingeweidewürmer, Entzündungen am
After, Hämorrhoiden, (schmerzhafte) Affektionen des Epigastriums,
Herzkrankheiten, Schmerzen im Kopfe, Störungen der Harnsekretion,
Dyspepsie, Schwellungen am Halse, Angina, ein Leberleiden, etwa 30
Augenkrankheiten, Haarkrankheiten, Hautleiden, Frauenkrankheiten,
Kinderkrankheiten, Nasen-, Ohren-, Zahnkrankheiten, Geschwülste und
Geschwüre.
Bezüglich der ~Diagnostik~ läßt sich als erwiesen annehmen, daß der
ägyptische Arzt nicht nur die ~Inspektion~ und ~Palpation~ übte,
sondern auch den ~Harn~ besah. Von größtem Interesse aber ist es,
daß man, wie aus Papyrus Ebers hervorzugehen scheint, auch die
Schallphänomene nicht außer acht ließ; denn kaum anders als im Sinne
der ~Auskultation~ ist der Satz zu deuten: „Das Ohr hört darunter.“
Die ~Therapie~ umfaßt den größten Teil der ägyptischen Medizin. Die
halb priesterliche, halb empirische Zwittergestalt des Arzttums brachte
es mit sich, daß ~theurgische~[10] und ~rationelle~ Maßnahmen in der
Behandlungsweise bald rivalisieren, bald gleichwertig nebeneinander
bestehen oder sich gegenseitig durchdringen. In den jüngeren Texten
und in den Laienpapyri herrschen Gebete, Segenssprüche, Zauber- und
Beschwörungsformeln, symbolische Handlungen vor, in den älteren und
ältesten Rezeptbüchern prävaliert die ~Pharmakotherapie~, ohne daß aber
das theurgische Moment vermißt wird; denn nicht selten gehen Gebete und
Beschwörungen den Rezepten voran, zauberkräftige Sprüche begleiten die
Bereitung der Arzneien oder sind vom Kranken beim Gebrauch derselben
zu sprechen, und zum mindesten wird die suggestive Wirkung gewisser
Mixturen dadurch gesteigert, daß man ihre Komposition als göttliche
Erfindung (z. B. der Isis, der Nut, des Set) bezeichnet.
[10] Wie die demotischen Texte zeigen, wurde Aegypten späterhin,
namentlich in nachchristlicher Zeit die Hauptstätte der
~magischen~ Therapie. Die Sitte des ~Tempelschlafes~ dürfte
schon früh in den Heiligtümern des Isis und des Serapis gepflegt
worden sein (Diodor, Strabo) vergl. S. 32.
Entsprechend dem Grundprinzip der Krankheitsauffassung wurde die
Materia peccans insbesondere durch ~Brechmittel~, ~Abführmittel~,
~Klistiere~ beseitigt, der gleichen Absicht dienten auch Aderlässe,
Schwitzmittel, Diuretika, Niesemittel; das verdorbene Pneuma
suchte man durch Erregung von Ructus und Flatus (Zwiebel, Lauch,
Bohnen) zu entfernen. Der Arzneischatz -- aus dem Pflanzen-, Tier-
und Mineralreich entnommen -- war ungemein reichhaltig. Besonders
hervorzuheben sind: die Verwendung von Kupferverbindungen und
~Oxymel scillae~ als Brechmittel, des Rizinusöls (mit Bier) als
Abführmittel, der Granatäpfel gegen Wurmleiden, des Opiums, der
Mandragora; der Import der auswärtigen (arabischen, indischen) Drogen
dürfte hauptsächlich durch Vermittlung der ~Phönizier~ erfolgt sein;
~ein Abschnitt des Papyrus Ebers~ (Augenmittel) ~ist phönizischen
Ursprungs~; die (älteste bekannte) kommerzielle Forschungsexpedition
der ägyptischen Königin Hatschepsut (um 1500 v. Chr.) nach den
Küstenländern am Roten Meere war eine Ausnahme; direkt lernten
die Aegypter nach glücklichen Feldzügen gegen asiatische Völker
(unter Thutmose III., Ramses II.) eine Menge fremder Drogen kennen
(zugleich mit diesen auch eine Fülle von medizinischem Mystizismus
der mesopotamischen Priesterschaft).