ihr Ansehen stieg und fiel mit dieser. Wahrscheinlich gab es eigene
Beschwörungsärzte, auch dürfte der Schröpfkopfsetzer und Pflasterleger
dem priesterlichen, wissenschaftlich gebildeten Arzte untergeben
und (als Sklave) in dessen Diensten gewesen sein. Die Hauptschulen
bestanden in Uruk (Erech) und Borsippa. Das ärztliche Honorarwesen
und die Medizinalgesetzgebung waren durch genaue Vorschriften schon
unter Hammurabi (ca. 2200 v. Chr.) fixiert.
Die einschlägigen Gesetze Hammurabis lauten:
„Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser
aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand eine Geschwulst
(Höhlung) mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge
des Mannes erhält -- so soll er 10 Sekel Silber erhalten.“
„Wenn es ein Freigelassener war, so erhält er 5 Sekel Silber.“
„Wenn es jemands Sklave war, so soll dessen Eigentümer dem Arzt 2
Sekel Silber geben.“
„Wenn ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser
aus Bronze macht und ihn tötet oder jemand eine Geschwulst mit dem
Operationsmesser aus Bronze öffnet und sein Auge zerstört, so soll
man ihm die Hände abhauen.“
„Wenn ein Arzt dem Sklaven eines Freigelassenen mit dem
Operationsmesser aus Bronze eine schwere Wunde macht und ihn tötet,
soll er einen Sklaven für den Sklaven ersetzen.“
„Wenn er ihm seine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze
öffnete und das Auge zerstört, so soll er seinen halben Preis zahlen.“
„Wenn ein Arzt jemandes zerbrochenen Knochen heilt oder kranke
Eingeweide heilt, so soll der Kranke dem Arzt 5 Sekel Silber geben.“
„Wenn es ein Freigelassener ist, soll er 3 Sekel Silber geben.“
„Wenn es jemandes Sklave ist, so soll der Eigentümer des Sklaven
dem Arzte 2 Sekel Silber geben.“
Die Medizin der alten Aegypter.
Tiefere Spuren als Babel hat das Reich der Pharaonen im Gedächtnis der
Menschheit zurückgelassen, durch alle Zeiten blieb die Erinnerung an
die Kultur des Nillandes lebendig wegen ihrer innigen und wiederholten
Verknüpfung mit der Gesittung und Bildung der Mittelmeervölker.
Seit Jahrtausenden wachen die himmelstarrenden Pyramiden darüber, daß
die Glanzepoche ihres Heimatlandes sich unvergessen im Bewußtsein
zahlloser Geschlechter erhält; Bibel und Homer, hellenische
Philosophen und Geschichtschreiber trugen weithin den Ruhm der
ägyptischen Wissenschaft und Kunst, längst nachdem die Hieroglyphen
zum unentwirrbaren Rätsel geworden. Und gerade in düsteren Zeiten
und dort, wo nur das Dämmerlicht des Wunderglaubens trübe flackerte,
wurde das ägyptische Priestertum als Urquell tiefster Mystik und
verborgenster Künste gefeiert. Ein verhülltes Bild, mehr angestaunt
als erfaßt, wirkte die uralte Weisheit mit magischem Nimbus auf Gemüt
und Phantasie, gerade, weil niemand im stande war, der schweigenden
Sphinx die Zunge zu lösen.
Ein Zipfel des Schleiers, der die ägyptische Kultur der Neugier entzog,
konnte erst gelüftet werden, als die Dreispracheninschrift, „der Stein
von Rosette“, den Schlüssel zum Verständnis der vergessenen Schrift und
Sprache des Pharaonenlandes in die Hände spielte, als der Scharfsinn
der Gelehrten die Geistesschätze verflossener Jahrtausende aus Tempel-
und Grabbauten, aus Inschriften und Papyrushandschriften wieder an den
Tag brachte. Dank der mühevollen Arbeit des vergangenen Jahrhunderts,
dank dem Wüstensand und dem fast regenlosen Klima Aegyptens,
welche die Konservierung der altersgrauen Kulturreste überraschend
begünstigten, vermögen wir heute weit besser als die zeitlich so
viel näherstehenden Griechen und Römer, wenigstens in großen Zügen,
~die jahrtausendelange Entwicklung~ zu überblicken: die politische
Geschichte und Staatswirtschaft der Aegypter, ihre Lebensformen,
ihre Religionsanschauungen, ihre künstlerischen, gewerblichen und
technischen Leistungen, den Inhalt ihrer Wissenschaft. Viele neue
Perspektiven eröffneten sich nach Erschließung der Trümmerhügel und
Ruinenstätten, aber auch manches überschätzende Urteil schmolz dahin
unter dem Läuterungsfeuer der kritischen Autopsie.
Die imposante Architektonik, die dekorative Geschicklichkeit
und Naturwahrheit der Kunstdarstellungen, die erstaunlich
entwickelte chemische Technologie, der früh aufkeimende und in der
Konstruktion der verschiedensten Bauten glänzend zu Tage tretende
mathematisch-geometrische Sinn, das reiche Schrifttum mit seiner
Verzweigung in religiös-philosophische, rein wissenschaftliche
und dichterische Werke (lyrisch-didaktische Poesie, Märchen-,
Romanliteratur) -- all dies übertrifft, namentlich im Hinblick
auf die Entstehung in grauer Vorzeit, auch die gespanntesten
Erwartungen. Anderseits aber ist nicht zu verkennen, daß die bisher
aufgefundenen Urkunden den weltumspannenden Ruhm der ägyptischen
Mathematik und Astronomie nicht ganz begründet erscheinen lassen,
wenn die entsprechenden babylonischen Leistungen das Vergleichsobjekt
bilden. Und nicht minder fällt es auf, daß wir den, jede individuelle
Regung alsbald unterdrückenden ~Schematismus des geistigen Lebens
nirgends~, weder in Religion noch in der Naturerkenntnis, ~zu einer
einheitlichen Auffassung, zur reinen Abstraktion aufsteigen~ sehen[9],
daß sich überall, auch in den sublimsten Fragen, nur eine unklare
Begriffsbestimmung und ein ~übermäßiges Hangen am Sinnlichen, am
Stofflichen~ bemerkbar macht, welches der Völkerpsychologie Afrikas
im besonderen Grade eigen ist. (Fetischismus, tierköpfige Götter.
Ueberwiegen der Lokalgötter gegenüber den kosmischen Mächten.) Mögen
zukünftige Funde diesen Eindruck modifizieren, schon jetzt aber wird
es immer mehr offenkundig, daß die vorher behauptete Abgeschlossenheit
der ägyptischen Kultur durchaus nicht für den ganzen Umfang ihrer
Entwicklung zu Recht besteht (dies beweist schon die Sprache, die
Religion und die Kunst mit den vielfachen Entlehnungen), sondern
daß sich eine ~schubweise, wiederholt geltend machende asiatische
Befruchtung~ (unter der Hyksosherrschaft, in der Amarnazeit u. s. w.)
verfolgen läßt, welche die autochthone Neigung zur Erstarrung, den
Hang zur frühzeitigen Kodifizierung der Errungenschaften überwindet und
neue Impulse zu weiteren Fortschritten einflößt. Tatenfroher Realismus
im Bunde mit einem Mystizismus, der stark an das Sinnliche gekettet
ist, geben dem Aegyptertum die charakteristische Prägung.
[9] Dies zeigt sich besonders in der Geometrie, welche stets nur
auf die Lösung einzelner Probleme gerichtet war, ohne sich zu
allgemeinen Sätzen zu erheben. Ebenso blieb den Aegyptern der
Gedanke einer Erdkarte fremd, und man beschränkte sich nur auf
die geographische Wiedergabe einzelner Bezirke u. s. w.
Den gleichen Eindruck empfängt man auch von der ~ägyptischen
Heilkunst~, soweit die bisher erschlossenen Quellen ein abschließendes
Urteil gestatten, nur mit dem Unterschiede, daß hier der gesunde
Realismus in Form einer überaus reichen ~Empirie, die selbst durch
den Mystizismus hindurchleuchtet~, dem Gesamtbilde sehr zum Vorteil
gereicht, während die mangelnde höhere Abstraktion, namentlich in
Anbetracht der frühen Entwicklungsstufe, nur wenig in die Wagschale
fällt.
Der Ruf, den die ägyptischen Aerzte und die sanitären Zustände des
Pharaonenreiches genossen, war sehr bedeutend; wohl die höchste
Anerkennung, welche das klassische Altertum zu bieten vermochte, lag
darin, daß manche der griechischen Denker, angesichts der Pyramiden,
im Nillande die Vorbilder für die heimischen Leistungen vermuteten.
Schon Homer deutet auf die uralten Einflüsse hin und preist den hohen
Standpunkt der Medizin der Aegypter, indem er von ihrem Lande sagt:
„Dort bringt die fruchtbare Erde
Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.
Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung
Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“
(Odyssee IV, 229-232.)
Nachrichten über ägyptische Medizin finden sich bei Herodot, Diodor,
dem kirchlichen Schriftsteller Clemens Alexandrinus (2. Jahrhundert
n. Chr.), ferner in der Naturgeschichte des Plinius, der ebenso wie
Dioskurides ägyptische Heilmittel erwähnt.
~Herodot erklärt Aegypten für das gesündeste Land~ (neben
Libyen), ~doch erfüllt von Aerzten, von denen „der eine nur die
Leiden des Auges, der andere diejenigen des Kopfes, der Zähne, des
Unterleibs oder der inneren Organe behandle“~; auch berichtet er
(ebenso Xenophon), daß Kyros und Dareios ägyptische Aerzte zu sich
beriefen. ~Diodor sagt, daß die ägyptischen Aerzte von übermäßiger
Nahrungsaufnahme die Entstehung der Krankheiten herleiteten,
vorzugsweise durch Fastenlassen, Brech- und Abführmittel heilten~ und
zur unentgeltlichen Behandlung der Krieger und Reisenden verpflichtet
waren, da sie ohnedies vom Staate Besoldung empfingen; derselbe
Autor bemerkt auch, ~daß der unglückliche Ausgang einer Kur, welche
der gesetzmäßig festgelegten Behandlungsweise entsprach, dem Arzte
nicht zur Last fiel, während ein eigenmächtiges Vorgehen, das sich
über die herkömmlichen Schranken hinwegsetzte, im Falle des Exitus
letalis sogar Todesstrafe nach sich ziehen konnte~. Die medizinische
Wissenschaft soll nach dem Berichte des Clemens Alexandrinus, in den
sechs letzten der 42 ~hermetischen Bücher~ festgelegt gewesen sein,
deren Abfassung dem Gotte Thot (= Hermes der Griechen, daher der Name
„hermetisch“) zugeschrieben wurde; sie hießen (nach den Anfangsworten
Ha em re em per em hru = es fängt an das Buch vom Bereiten der
Arzneien für alle Körperteile) Ambre oder Embre und betrafen der
Reihe nach: den Bau des menschlichen Körpers, die Krankheitslehre, die
Chirurgie, die Arzneimittel, die Augenkrankheiten, die Frauenleiden.
Die von Dioskurides angeführten ägyptischen Drogenbezeichnungen
konnten nur zum allergeringsten Teile identifiziert werden.
Das Zeugnis Homers und die Hinweise der griechischen Geschichtschreiber
ließen zwar ein hohes Alter der ägyptischen Medizin vermuten, doch
reichten die Schätzungen nicht entfernt an die Wirklichkeit heran.
Heute wissen wir, daß die Griechen, als sich ihnen im 7. Jahrhundert
das Nilland eröffnete, nicht die Blüte, sondern den Verfall der
ägyptischen Medizin antrafen, und daß deren höchste Entwicklungsstufe,
wenn die Originalität der literarischen Produktionen den Maßstab
abgibt, vor das zweite Jahrtausend zu verlegen ist. Denn, wie sicher
erwiesen, wurden die beiden Papyrusrollen, welche hauptsächlich
für unsere Kenntnis der ägyptischen Heilkunde in Betracht kommen:
~der Papyrus Ebers und der~ (größere Berliner medizinische)
~Papyrus Brugsch~, um die Mitte des 16. bezw. im 14. Jahrhundert
v. Chr. niedergeschrieben; beide Werke sind aber nichts anderes als
Kompilationen aus älteren Schriften, die zum Teil auf die Pyramidenzeit
(3. oder 4. Jahrtausend) zurückdatiert werden.
Der im Besitze der Leipziger Universitätsbibliothek befindliche
~Papyrus Ebers~ übertrifft die übrigen bisher aufgefundenen
medizinischen Papyri durch den Reichtum des Inhalts, durch
die Schönheit der Schrift und durch seine beinahe vollkommene
Lückenlosigkeit. Er besitzt eine Länge von mehr als 20 m, eine
Höhe von 30 cm, und besteht aus 108 Spalten mit 20-22 Zeilen in
hieratischer Schrift; durch ein Versehen des Schreibers sind bei
der Numerierung der Spalten die Zahlen 28 und 29 übergangen, so daß
die letzte Tafel nicht mit 108, sondern mit der Zahl 110 schließt.
Mittels einer Kalendernotiz, die von anderer Hand geschrieben auf
der Rückseite der ersten Spalte steht, konnte festgestellt werden,
daß der Papyrus spätestens um 1550 v. Chr., vielleicht aber schon
zur Zeit der Hyksos, abgefaßt worden ist. Die Vorderseite trägt
einen, aus verschiedenen kleineren Stücken ungleichartigen Ursprungs
bestehenden Text, der aus ~Heliopolis~ und ~Sais~ herstammen soll; die
12 Spalten umfassende Rückseite, deren Hauptabschnitte ein Traktat aus
~Letopolis~ und eine ~thebanische~ Schrift vorwiegend chirurgischen
Inhalts bilden, nimmt auf die Vorderseite des Papyrus keinen Bezug.
Das Ganze stellt demnach keine Originalarbeit, sondern eine lose
Kompilation von Abschnitten dar, was schon daraus hervorgeht, daß
an einigen Stellen mitten im Text die Worte quem-sen = „gefunden
zerstört“ stehen; im wesentlichen ist es eine Rezeptsammlung (über
900) gegen eine beträchtliche Anzahl von Affektionen (Symptome und
Symptomenkomplexe). Einige Abschnitte besitzen ein sehr hohes Alter,
so namentlich Taf. 103, welche beginnt: „~Anfang des Buches vom
Vertreiben der uchedu~ in allen Gliedern einer Person, so wie es in
einer Schrift unter den Füßen des Gottes Anubis in der Stadt Letopolis
gefunden wurde; es wurde zu Sr. Majestät dem König von Ober- und
Unterägypten Husapaït (Usaphaïs) gebracht.“ Husapaït (Chasty) war
der fünfte König der ersten Dynastie (um 3700 v. Chr.), der Abschnitt
stammt also aus dem ~4. Jahrtausend v. Chr.~ Weiteren Kreisen ist der
Papyrus Ebers durch eine Edition und eine Uebersetzung zugänglich
gemacht worden: Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die
Arzneimittel der alten Aegypter in hieratischer Schrift. Herausgegeben
mit Inhaltsangabe und Einleitung versehen von ~Georg Ebers~. Mit
hieroglyphisch-lateinischen Glossen von Ludwig Stern. 2 Bände,
Leipzig 1875. -- Papyros Ebers. Aus dem Aegyptischen zum ersten Male
vollständig übersetzt von ~H. Joachim~, Berlin 1890. -- Der Inhalt
des Pap. E. ist vorwiegend ~pharmakotherapeutisch~, das theurgische
Element (mit dem Ueberwiegen der Gebete über Beschwörungen) steht im
Hintergrunde.
Der weit schwerer lesbare, schlecht erhaltene, 5 m lange ~Papyrus
Brugsch~ major des Berliner Museums, welcher aus 24 Spalten besteht,
viel stärkere Spuren des fleißigen Benützens trägt und aus dem 14.
Jahrhundert v. Chr. (Epoche Ramses II.) herrührt, ist von Brugsch
herausgegeben (Recueil de Monuments egyptiens II, Tafel 85-107),
aber bisher nur teilweise übersetzt worden. Er besitzt ein ähnliches
Gepräge wie der Pap. Ebers (170 ~Rezeptformeln~), doch tritt in
ihm die magische Therapie (besonders in der Geburtshilfe) schon
etwas stärker hervor. Die Quellen, aus denen der Papyrus Brugsch
zusammengestellt worden war, decken sich zum großen Teil mit jenen
des Pap. Ebers, wobei jedoch ersterer in einzelnen Abschnitten
ausführlicher gehalten ist. Zu dem oben zitierten Abschnitt aus Pap.
Ebers „Anfang des Buches vom Vertreiben der uchedu“ findet sich (Taf.
15) eine Parallelstelle, die noch weitere Aufschlüsse erteilt: „Anfang
des Buches vom Vertreiben der Krankheiten, gefunden in einer alten
Schrift in einer Kiste mit Schreibsachen unter des Gottes Anubis
Füßen in Letopolis unter Sr. Majestät des ägyptischen Königs Usaphaïs
Regierung. Nachdem er gestorben war, wurde das Buch zu Sr. Majestät
dem König von Aegypten, Sent, auf Grund seiner Vortrefflichkeit
gebracht.“ Sent (Sendi) war der fünfte König der zweiten Dynastie.
Der in neuester Zeit von G. A. Reisner (Leipzig 1905) edierte
~Papyrus Hearst~, stammt ungefähr aus derselben Zeit wie der Pap.
Ebers und besteht etwa zu ⅔ aus Abschnitten, die mit dem Papyrus E.
identisch sind, und zwar sind nicht nur einzelne Rezepte, sondern
ganze Rezeptgruppen manchmal die gleichen. Es scheint demnach eine
bedeutende Anzahl kleiner Rezeptsammlungen damals gegeben zu haben,
welche nach Belieben geordnet wurden.
~Der kleinere Berliner medizinische Papyrus~ 3027 (in der Zeit des
Uebergangs vom mittleren zum neuen Reich abgefaßt und aus 15 Seiten
bestehend) wurde unter dem Titel „Zaubersprüche für Mutter und Kind“,
von A. Erman herausgegeben und übersetzt (Berlin 1901). Sein Inhalt
bezieht sich nur auf die abergläubischen Gebräuche der Wochen- und
Kinderstube; mit Ausnahme von drei eigentlichen Rezepten bringt die
Schrift bloß Zauberformeln.
Weitere Aufschlüsse sind zu erwarten von der Herausgabe des Londoner
Papyrus Birch (aus der Zeit der 18.-19. Dynastie), neben welchem
sich im British Museum noch ein zweiter medizinischer Papyrus (aus
der 12. Dynastie) befindet. In den Beginn des „mittleren“ Reiches
(Zeit der 12. Dynastie) fällt die Abfassung der beiden ältesten
unter den bisher bekannten Papyris, nämlich des ~Veterinärpapyrus~
und des ~gynäkologischen Papyrus von Kahun~, welche Flinders Petrie
auffand und Griffith veröffentlichte; ~beide wurden Ende des 3.
oder spätestens im Anfang des 2. Jahrtausends niedergeschrieben~.
Der (hieroglyphische) Veterinärpapyrus steht auf streng empirischem
Standpunkte und enthält rationelle chirurgische und sonstige äußere
Vorschriften zur Behandlung wohl erfaßter ~Symptomenkomplexe~ (nicht
einzelner Symptome!), der gynäkologische Papyrus, welcher in sehr
schlechtem Zustande erhalten ist (die ersten Spalten wurden schon vor
4000 Jahren beschädigt und durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen
auf dem Rücken ausgebessert), stellt eine Kompilation aus zwei
Quellen dar; seine therapeutischen Maßnahmen sind zumeist arzneilich,
~frei von Theurgie~(?); dem Uterus wird ein Steigen und Fallen, also
Herumschweifen im Leibe zugeschrieben.
Von geringerer Bedeutung für die Kenntnis der altägyptischen
Medizin sind die Texte magisch-medizinischen Inhalts in den Museen
zu Leiden, Turin, Paris und Boulaq. Die demotisch geschriebenen
Texte sind frühestens im 1. Jahrtausend v. Chr. (teilweise in den
ersten nachchristlichen Jahrhunderten) niedergeschrieben worden;
ihre Rezeptur und ihre medizinische Ausdrucksweise entspricht der
Altägyptischen Medizin, doch findet sich das rationell-empirische
Moment in einem Wust von krassem ~Aberglauben~ (Wortzauber,
Tagwählerei, Omenbeachtung) und ~Geheimniskrämerei~ (hermetische
Umnennung der Drogen) vergraben -- ein deutliches Zeichen der
Verfallszeit und der überwiegenden fremden Einflüsse. Als Zeugen der
nüchternen empirischen Geistesart der Aegypter zur Zeit der Ptolemäer
sind bisher nur die auf den Tempelwänden aufgezeichneten Rezepte für
verschiedene Räuchermittel und Salböle bekannt.
Wie die meisten alten Kulturvölker gaben die Aegypter der Heilkunst
einen überirdischen Ursprung und brachten gewisse Gottheiten in nahen
Zusammenhang mit der Medizin. Am öftesten werden in dieser Hinsicht
genannt: der Sonnengott Ra, die Erfinderin vieler Arzneimittel,
die zauberkundige Isis (Erde) mit ihrem Sohne Horus, die in Saïs
verehrte Neit, der Mondgott Thot (Duhit = Hermes, Erfinder der Rechen-
und Meßkunst, Urheber des religiös-wissenschaftlichen, daher auch
medizinischen Schrifttums) und der Sohn des Ptah Imhotep (= Asklepios,
vielleicht ein vergöttlichter Priesterarzt), dessen Hauptheiligtum sich
in Memphis befand. Thot wurde durch den Hundsaffen, Kynokephalos und
den Ibis verkörpert (ibisköpfig dargestellt) und galt als eigentlicher
Aerztegott; ihm wurde auch die Erfindung des Klistiers zugeschrieben
(beruhend auf der angeblichen Beobachtung, daß der Ibis sich mit seinem
langen Schnabel Meerwasser in den Anus eingießt). Das Ansehen des
Imhotep (= der in Frieden kommt) stieg in dem Maße, als die Bedeutung
von Memphis und seiner Priesterschule anwuchs. -- Als Schutzgötter
des Kindersegens und der Entbindung verehrte man den widderhörnigen
Gott Chnum, die löwen- oder katzenköpfigen Göttinnen Sechmet, Pacht,
Bastet. -- Bringer der epidemischen Krankheiten war der (eselsköpfige)
Gott Set = Typhon, welcher das böse Prinzip repräsentierte.
Zu einem wirklich einheitlichen Religionssystem kam es niemals
in Aegypten; trotz des allmählichen Aufgehens im Gesamtreiche
wußten die ursprünglichen Einzelstaaten ihre Selbständigkeit
in religiösen Dingen zu wahren. Dies drückt sich auch in der
medizinischen Mythologie deutlich aus, und demgemäß zeigen nicht
nur die einzelnen Texte untereinander Verschiedenheiten, sondern
auch ein und derselbe Papyrus läßt, sofern er, wie der Pap.
Ebers, aus Schriften verschiedener Herkunft kompiliert ist, eine
Vielgestaltigkeit des Götterkultus erkennen. Ein orientierender Faden
ist, ähnlich wie in der mesopotamischen Mythologie, in dem Auftreten
von Göttertriaden (väterlicher Gott, Mutter, Sohn) zu finden, welche
darin übereinstimmen, daß der väterliche Gott als höchste Instanz
der Heilkunst galt, dem Sohne die eigentliche Heiltätigkeit oblag,
während der Mutter vorwiegend magische Kräfte und die Beeinflussung
der Frauenkrankheiten zugeschrieben wurden. In der Osirismythe (Heimat
Abydos) ist der Isis und ihrem Sohne ~Horus~ diese Rolle zugewiesen,
in On (Heliopolis) bilden: Ra, Ast und ~Thot~ die Göttertrias, in
Memphis: Ptah, Sechet und Imhotep, in Theben: Amun, Mut und Chonsu;
in anderen Städten wurden andere Götterkreise verehrt (so war z. B.
in Sechem [Letopolis] Anubis der göttliche Sohn, in Saïs Neit die
Göttermutter). Thot (Duhit) wird vermutungsweise mit Athotis (Teti,
zweiter König der ersten Dynastie) oder dessen Nachfolger Itath in
Zusammenhang gebracht, Imhotep mit (dem König der dritten Dynastie)
Zoser Sa, Tosorthos.
In der Mythologie spielen auch Krankheiten der Götter eine Rolle.
Der alternde Rā erkrankt durch einen, aus seinem eigenen Sputum
bereiteten „Wurm“, welcher ihn von der Ferse aus infiziert. Isis
wurde in den Sümpfen des Delta von einer Entzündung der Mamma
ergriffen. Der Sohn des Osiris und der Isis, Horus, erkrankte einmal
an Skorpionstichen, ein anderes Mal an einer Art von Dysenterie, im
Entscheidungskampf mit dem bösen Set (Typhon) büßt dieser die Hoden
ein, kommt Horus beinahe um ein Auge, wird aber wieder geheilt.
Anspielungen auf die Götterkrankheiten bezw. Heilungen machen den
Hauptinhalt mancher magischer Formeln aus, und Rezeptsammlungen heben
jene Arzneimischungen besonders hervor, welche angeblich von Göttern
stammen oder für sie bereitet wurden. Im Pap. Ebers z. B. wird ein
Mittel erwähnt, das der Gott Rā, ferner andere, welche der Gott
Sŭ, der Gott Seb, die Göttinnen Tefnut, Nut und Ast zusammengesetzt
haben. In der Einleitung dieses Papyrus heißt es: „Möge mich Isis
heilen, so wie sie Horus heilte von allen Schmerzen, die ihm sein
Bruder Set angetan hat, da er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, du
große Zauberin, heile mich, erlöse mich von allen bösen, schlechten,
typhonischen Dingen, von den dämonischen und tödlichen Krankheiten
und Verunreinigungen jeder Art, die sich auf mich stürzen, so wie
du erlöst und befreit hast deinen Sohn Horus.“ Eine der Formeln,
welche über ein Augenmittel zu sprechen ist (Joachim, Pap. Ebers p.
93), enthält den Namen des Horus. Der Horusknabe, welcher von bösen
Tieren, Feuer und anderem Unglück bedroht war, aber aller Gefahr durch
den Zauber der Isis entging (oder Isis mit dem Horuskinde), wurde
späterhin, wie Amulette bewiesen, zum Schutzgeist gegen schädliche
Tiere und erfreute sich namentlich in der Krankenstube der Kinder
großer Verehrung. Von den einschlägigen Stellen im Berliner Papyrus
3027 (Zaubersprüche für Mutter und Kind) seien hier nur folgende
erwähnt: „Meine Hände liegen auf diesem Kinde, und die Hände der
Isis liegen auf ihm, wie sie ihre Hände legt auf ihren Sohn Horus.“
-- Ansprache an ein krankes Kind, das ebenso wie Horus genesen wird:
„Du bist Horus und du erwachst als Horus. Du bist der lebende Horus;
ich vertreibe die Krankheit, die in deinem Leibe ist, und das Leiden,
das in deinen Gliedern ist.“