solche, welche verschiedene Körperteile darstellen. Die in den (bisher
entzifferten) Keilschrifttexten vorkommenden Bezeichnungen deuten nur
auf die primitivste Kenntnis, wie sie aus Küchen- und Opferanatomie
hervorgeht. Große Bedeutung besaß die ~Opferschau~ zum Zwecke der
Weissagung, wobei man vornehmlich auf wirkliche oder vermeintliche
Abnormitäten der Leber achtete. Darüber hatte sich ein ganzes System
gebildet. Als Modell für die Leberschau dienten Nachbildungen von
Schafs- oder Ziegenlebern; zwei derartige aus dem 3. Jahrtausend v.
Chr. stammende ~Lebermodelle~ aus Terrakotta sind bereits aufgefunden
worden. Die Unterseite ist durch ein Netzwerk von geraden Linien
in viereckige Felde eingeteilt, außerdem sieht man viele Löcher,
die entweder durch die ganze Lebersubstanz durchgehen oder nur
als Grübchen erscheinen. Die planmäßig, an bestimmten Leberstellen
angeordneten Inschriften stellen Sätze dar, welche sich auf zukünftige
Zustände des Landes oder auf das Schicksal des Königs beziehen und
dienten zu Prophezeiungen.
~Krankheit galt jedenfalls immer als etwas dem Körper Fremdes, von
außen Eingedrungenes, das häufig als Dämon personifiziert gedacht ist,
die Heilung erfolgt durch Vertreibung des Dämons, durch Vernichtung
und Austreibung der Krankheitsmaterie auf dem Wege der Sekretion und
Exkretion~; bei Kolik und anderen abdominellen Affektionen lag es
nahe, Schleim, Galle und Wind als Krankheitsgrundlagen anzusehen.
Für die Therapie war der ~Dienst gewisser Götter~ vorgeschrieben,
doch zeigen sich, entsprechend den vielerlei Schwankungen des
babylonisch-assyrischen Pantheons, manche lokale oder zeitliche
Wandlungen, je nachdem die Gottheiten bestimmter Städte infolge
politischer Ereignisse, oder die göttlichen Repräsentanten der
einzelnen Priesterärzteschulen in den Vordergrund traten. -- Dem
Babylonier war jedenfalls Marduk (der Stadtgott von Babylon = die
aus dem Meere aufsteigende Frühsonne) der Bezwinger der Tiamat, der
mächtigste Gott, welcher Krankheit vertreibt und Gesundheit verleiht;
in seinem Tempel befand sich ein Brunnen mit „Lebenswasser“, das
im heiligen Strome des Euphrat geschöpft wurde. Marduk galt als
Vermittler zwischen Göttern und Menschen, als Herr der Beschwörungen
und Schicksalstafeln, welcher ein gütiges Geschick bestimmen, ein
ungünstiges noch zu rechter Zeit abwenden kann. Bemerkenswerterweise
wendet er sich vor seinen Hilfeleistungen stets an den Urborn der
Weisheit, seinen Vater Ea (das Meer), er tritt zu seinem Vater Ea
ins Haus und spricht: „Mein Vater, was soll dieser Mensch tun? Er
weiß nicht, womit er Heilung erlangt.“ Da antwortete Ea seinem Sohne
Marduk: „Mein Sohn, was wüßtest du nicht? Was sollte ich dich lehren?
Was ich weiß, weißt auch du. Aber gehe, mein Sohn, und“ ... (es
folgt die Vorschrift). Andere Mittler zwischen Menschen und Göttern,
welche als Herren der Beschwörung angerufen wurden, waren z. B. der
Feuergott Gibil, die Göttin Zarpânîtu (Gemahlin des Marduk), der
Heros Gilgamisch, besonders aber der Sohn des Marduk, der Gott aller
Wissenschaft und Medizin, Nabû (Nebo), welcher späterhin seinen Vater
aus der Tempelschule von Borsippa gänzlich verdrängte und namentlich
das Leben der Neugeborenen überwachte. -- Die Kriegsgöttin Ischtar
(Joledeth-Eileithyia) wirkte auch als Geburtsgöttin (sie besitzt die
Geburtspflanze), die Herrin der Unterwelt Allatu sendet Schmerzen,
besitzt aber auch das „Lebenswasser“, welches nicht nur Kranke heilen,
sondern selbst Tote wieder lebendig machen kann. Die Götter des
ärztlichen Standes waren: der Gott Ninib (Ninrag) und die Göttin Gula.
Als Bringer von Seuchen (Pest) waren gefürchtet: Urugal, Nergal.
~Die dämonische Pathologie läßt eine Spezialisierung erkennen~,
indem die einzelnen Dämonen verschiedene Affektionen hervorrufen. So
bringt Asakku Fieber in den Kopf, Namtar bedroht das Leben mit Seuchen
(Pest), der Utukku packt den Hals, der Alu die Brust, der Gallu
die Hand, der Rabisu die Haut, Lilu und Lilit bringen „die Gebreste
der Nacht“. -- Die schrecklichsten Dämonen waren die Totengeister,
die Schatten der Verstorbenen. In einem Beschwörungstexte klagt ein
Kranker, der Zauberer und die Zauberin hätten ihn der Gewalt eines
umherirrenden Totengeistes ausgeliefert; ein andermal wird das Leiden
eines Schwerkranken darauf zurückgeführt, daß der böse Totengeist
heraufgekommen sei. In der Gebetsammlung aus der Zeit des Assurbanipal
befindet sich das Gebet eines Menschen, der von einem Totengeist
besessen ist. Es wird geklagt, daß der Totengeist den Kranken Tag
und Nacht nicht losläßt, so daß ihm die Haare zu Berge stehen und
seine Glieder wie gelähmt sind. Der Sonnengott möge ihn befreien von
diesem Dämon, sei es nun der Schatten eines Familienmitgliedes oder
der eines Ermordeten, der sein Wesen treibt. Zum Schutze dienten
besondere Amulette.
Beispiele von ~Beschwörungen~ sind folgende:
„Ich halte empor die Fackel; ich stecke in Brand die Bilder des
Uttuku, des Sêdu, des Râbisu, des Ekîmmu, des Lamartu, des Labâsu,
des Achchazu, des Lîlu, der Lîlîtu, der Magd des Lîlu, und alles
Feindliche, das die Menschen ergreift. Euer Rauch steige empor zum
Himmel und Funken mögen verdecken die Sonne. Es breche euern Bann
der Sohn des Gottes Ea.“
„Beschwörung. Wer bist du, Geiferhexe, in deren Herzen das Wort
meines Unglücks wohnt, auf deren Zunge meine Verzauberung entstand,
auf deren Lippen meine Vergiftung entstand, in deren Fußstapfen der
Tod steht? Du Hexe, ich packe deinen Mund, ich packe deine Zunge,
packe deine funkelnden Augen, packe deine behenden Füße, packe deine
ausschreitenden Kniee, packe deine fuchtelnden Hände, binde dir
die Hände auf den Rücken. Der leuchtende Mondgott vernichte deinen
Körper, werfe dich in einen Schlund von Wasser und Feuer! Wie der
Umkreis dieses Siegels möge dein Gesicht, du Hexe, fahl werden und
erblassen!“ (Verbrennen von Hexen- und Dämonenbildern unterstützten
wirksam die Beschwörung!)
Direkt an die Krankheit (resp. den Krankheitsdämon) gerichtet war
die Formel:
„Böse Schwindsucht, arge Schwindsucht,
Schwindsucht, die den Menschen nicht verläßt,
Schwindsucht, die nicht auszutreiben ist,
Schwindsucht, die sich nicht entfernt, schlechte Schwindsucht,
Im Namen des Himmels sei beschworen, im Namen der Erde sei
beschworen!“
„Vor dem grausamen Plagegeist des Kopfes,
Vor dem starken Plagegeist des Kopfes,
Vor dem Kopfplagegeist, der nicht scheidet,
Vor dem Kopfplagegeist, der nicht geht,
Vor dem Kopfplagegeist, der nicht fort will,
Vor dem schlimmen Plagegeist des Kopfes,
Bewahre uns der Himmelskönig,
Bewahre uns der Herr.“
Was die ~symbolischen~ Handlungen zu theurgisch-therapeutischen
Zwecken anbetrifft, so gehörte hierher z. B. das Schälen einer
Zwiebel, das Zerzupfen eines Wollbausches (wobei die Abfälle davon
ins Feuer geworfen wurden, mit dem Wunsche, daß ein Gott in gleich
gründlicher Weise die Krankheit vernichten möge).
„Wie diese Zwiebel gehäutet und ins Feuer geworfen wird, so
verbrennt es die brennende Flamme. ... Die Krankheit, welche in meinem
Körper, meinem Fleische ist, wie diese Zwiebel soll sie abgeschält
sein, und sofort möge sie die brennende Flamme verbrennen!“
Ferner zählt dazu der Gebrauch, Getreide auszustreuen und wieder
wegzukehren, den Kranken zu fesseln und dann wieder unter Gebeten
von den Fesseln zu befreien, ferner das Knüpfen und Lösen bestimmter
Knoten. Der Lösung des Knotens sollte die Befreiung des von einer
Krankheit gleichsam gefesselten Kranken entsprechen. Häufig trug man
schon in gesunden Tagen solche Knoten als Amulett, damit dieselben
im Erkrankungsfalle gelöst werden oder es wurde erst unmittelbar vor
der Zeremonie ein Knoten für den Kranken geschlungen. Vergl. hierzu
den noch heute volkstümlichen Gebrauch des „Nestelknüpfens oder
Senkelknüpfens“.
Wenn Kinder von einem Dämon befallen wurden, stellte man ein
Tonbild des Dämons samt dem Bilde eines schwarzen Hundes 3 Tage zu
Häupten des kleinen Kranken auf, zerschlug und begrub es dann und
begoß es mit Mehlwasser.
~Amulette~ kamen vielfach zur Anwendung.
Ein noch in byzantinischer Zeit gegen Kolik empfohlenes Amulett,
der „medische Stein“, geht auf den babylonischen Heros Gilgamisch
zurück, resp. auf den Gebrauch, einen Siegelzylinder zu tragen, in
den die Löwenbezwingung des babylonischen Herakles eingegraben war,
ebenso wird in der pharmakologischen Literatur noch sehr spät ein
geburtsförderndes Amulett aus Jaspis empfohlen, ausdrücklich als
„assyrischer Stein“.
Auf ~die magische Kur mit Speichel~ weist eine Stelle in einem Gebet
an den „Totenerwecker“ Marduk, wo es heißt: „Die Lebensbeschwörung
ist dein, der Speichel des Lebens ist dein.“
~Die Namen von Krankheitsdämonen bedeuten übrigens nicht selten
echte Krankheitsnamen.~ Sonst könnte es nicht vorkommen, daß z. B.
„~gegen Ekîmmu~“ (Name eines Dämons, der eine bestimmte Krankheit
erzeugt) ganze Rezepte, aus mineralischen und pflanzlichen Drogen
bestehend, angeführt werden. Labâsu ist die Fallsucht, Lamartu der
Alp, d. h. Krankheitsdämon = personifizierte Krankheit; damit stimmt
es auch überein, daß in einer Beschwörungsformel der Krankheitsdämon
aufgefordert wird, den Körper zu verlassen in Form von Urin, Milch,
Nasenschleim, Ohrenschmalz (Materia peccans, ~Humoralpathologie~!).
~Dies beweist, daß die nüchterne empirisch erworbene Erkenntnis der
dämonistischen Spekulation vorausging.~
Das Gewebe von Mystik und der mehr nüchternen
physiologisch-pathologischen Spekulation, mit verschiedenartigen
Uebergängen der einen zur anderen, läßt sich in der teils theurgischen,
teils empirischen Behandlungsweise deutlich erkennen: ~Gebete,
Kultgebräuche, Beschwörungen, Zauberformeln, Amulette und symbolische
Handlungen begleiten oder verdecken die über einen reichen Heilschatz
gebietende Rezepttherapie und die übrigen ärztlichen Maßnahmen~.
So werden in manchen Gebeten oder Hymnen rationelle Heilmethoden
(z. B. nasse Umschläge gegen Kopfschmerz) erwähnt, und im Laufe der
Zeiten bildeten sich unter dem zunehmenden Mystizismus vernünftige
Rezepte in abergläubische Beschwörungen um.
Die Heilmittel entnahm die babylonische Medizin aus allen drei
Reichen, doch herrscht über die Deutung der meisten Namen noch so
viel Zweifel, daß wir von einer Aufzählung absehen. Am beliebtesten
waren innerlich Kräuter, äußerlich Salben, für welch letztere
hauptsächlich Sesamöl die Grundlage bildete. Als Geschmackskorrigens
dienten besonders Dattelsirup und Honig, zum Extrahieren von Drogen
Wasser, Milch, Oel oder Kwaß. Manche aus mehreren Stoffen bestehende
Rezepte, welche mit anderen kombiniert wurden, trugen Geheimnamen, z.
B. „Arznei des Sonnengottes“, „Zunge des Hundes“, „Haut der gelben
Schlange“, „Medikament vom Gebirge des Menschengeschlechtes“. Von
äußeren Prozeduren sind bemerkenswert: Salbungen, Einreibungen mit
Oel, medikamentöse Klistiere, Bäder, ~Güsse mit kaltem Wasser~ (z.
B. bei Leibschneiden), ~Schröpfen~; bei diesem kamen eine mit zwei
Krummbolzen an den Schnurenden versehene Doppelpeitsche zum Schlagen
von Schröpfwunden und gerundete Schröpfköpfe zur Verwendung (dem
Schröpfinstrument „Skorpion“ widmete man sogar kultische Heiligung).
Auf einem Siegel aus der Zeit Gudeas (ca. 3300 v. Chr.) findet sich
eine Darstellung. Daß Aderlässe ausgeführt wurden, ist anzunehmen.
Von Krankheiten unterschieden die Babylonier-Assyrer viele Arten, wobei
es sich natürlich um bloße ~Symptomenkomplexe~ handelt. „Erkrankung des
Kopfes“, Augen- und Ohrenleiden, Affektionen der Nase, des Mundes, der
Lippen, der Zunge, Leiden der Brust, Magenschmerz, Leibschneiden und
andere abdominelle Affektionen, Erkrankungen der Arme, Finger, Nägel,
Haut- und Geschlechtsleiden, Schlangenbiß, Skorpionstich, Frauenleiden
(Entzündung und Geschwulst der Mamma), Kinderkrankheiten u. a. kommen
in den Texten vor; die Geisteskrankheiten -- durch Zauber von Dämonen
oder Hexen erregt -- sitzen nach babylonischer Anschauung im Herzen.
Epidemische Krankheiten finden häufig Erwähnung, jedoch lassen sich
die Angaben für eine sichere Identifizierung noch nicht verwerten.
Weit weniger als bei ihren antiken und mittelalterlichen Ausläufern
kann derzeit bei der babylonischen Medizin selbst, der Zusammenhang
mit der altorientalischen Weltanschauung (astrologische Analogien,
Zahlenglaube, Tagewählerei etc.) bis in die Einzelheiten nachgewiesen
werden; immerhin aber deuten schon die bisher aufgefundenen Spuren
unverkennbar auf ein von diesem Geiste durchwehtes großes medizinisches
System.
Vor allem ist es in höchstem Grade wahrscheinlich, daß die babylonische
Astrologie bei der ~Vorhersage von Epidemien oder von Geburtsvorgängen~
nicht stehen blieb, sondern sich zur Krankheitsprognose allmählich
entwickelt hat.
Beispiele von epidemiologischen Prognosen etc. sind folgende:
„Wenn beim Sichtbarwerden des Mondes Westwind weht, so wird
Krankheit herrschen in diesem Monat ... es ist schlimm für Aharrû
(das Westland).“
„Nähert sich Venus dem Sternbilde des Krebses, wird Gehorsam und
Wohlfahrt im Lande sein. ... Die Kranken im Lande werden genesen.
Schwangere Frauen werden ihre Niederkunft zum glücklichen Ende
bringen.“
„Wenn Merkur am 15. Monatstage aufgeht, wird es Leichen geben. Ist
das Sternbild des Krebses verdunkelt, wird ein verderblicher Dämon
das Land besitzen, und es wird Leichen geben.“
„Wenn Merkur im Monat Tammuz aufgeht, wird es Leichen geben.“
„Wenn Merkur im Monat Tammuz kulminiert, wird es Leichen geben.“
„Ist Mars sichtbar im Monat Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit
sein. Wenn Merkur im Norden steht, wird es Leichen geben.“
„Mars ist sichtbar im Monat Tammuz; er ist düster. Wenn Mars
sichtbar ist im Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit sein....
Tritt Merkur in Konjunktion mit Mars, werden die Pferde vom Sterben
befallen werden.“
„Wenn ein Planet kulminiert im Monat Ab, wird das Bett des Kriegers
weit sein.“ (= Die Krieger werden in Massen einer Epidemie zum Opfer
fallen.)
„Wenn Jupiter und die anderen Planeten einander gegenüberstehen,
wird Leid das Land treffen; treten Mars und Jupiter in Konjunktion,
so wird Viehsterben einfallen.“
„Wenn der größere Hof den Mond umgibt, wird Verderben die Menschen
umfangen.“
„Wenn eine Sonnenfinsternis am 28. Tage des Monats Ijar sich
ereignet, werden die Tage des Königs lange sein. ... Wenn die Sonne
verfinstert wird am 29. Tage des Monats Ijar ... werden Leichen sein
am ersten Tage“ (des kommenden Monats).
„Wenn eine Finsternis sich ereignet am 14. Tage des Monats Siwan ...
Eine Finsternis der Morgenwache (d. h. in den letzten 4
Nachtstunden) bewirkt Krankheit.
... Wenn eine Finsternis sich ereignet (nämlich am 14. Siwan) in
der Morgenwache und sie die Wache durchdauert, während Nordwind weht,
so werden die Kranken in Akkad genesen.“
„Wenn's donnert im Monat Tisri, wird Feindschaft im Lande sein;
wenn's regnet im Monat Tisri, wird es kranke Menschen und Rinder
geben.“
„Wenn den Mond ein Hof umgibt und Regulus darinnen steht, werden
die Frauen männliche Kinder tragen.“
„Wenn Regulus im größeren Mondhofe steht, werden Frauen Knaben
tragen.“
„Wenn Sonne und Mond ... am 15. Tage ‚Erhöre mein Gebetʻ soll er
sagen, ... laß ihn sich schmiegen zu seinem Weibe, sie wird einen
Sohn empfangen.“
In der Verfolgung der ~Lehre von der Korrespondenz des menschlichen
Körpers mit dem Weltall~ (~Makrokosmus-Mikrokosmus~) waren
wahrscheinlich die einzelnen Körperregionen unter die Herrschaft
der Tierkreisbilder gestellt, und ~wie sehr die Beachtung der
Konstellation~, ~der Kalender~, ~die Therapie beherrschte~, läßt sich
aus einzelnen Vorschriften bezüglich der Anwendungszeit der Medikamente
(wobei übrigens oft rationelle Ursachen, z. B. Berücksichtigung der
Jahreszeit und Witterung zu Grunde lagen) ersehen.
So wird z. B. ein Karminativum beim Aufgang des Ziegensterns
gereicht, da derselbe dem Anus vorsteht.
Der ~Zahlenglaube~ an die böse Sieben verpönte ausdrücklich, daß der
Arzt am •7.•, •14.•, •19.•, •21.• und •28.• Tage (d. h. an allen mit
7 teilbaren Tagen und am 49. Tage des vorhergehenden Monats) die Hand
an den Patienten bringe (Tagwählerei). Ebenso verrät der Aufbau der
Rezepte die Vorliebe für Zahlenspielerei; hierher gehört das Zählen
der Drogen (am Schlusse wird häufig die Zahl der Drogen angegeben,
wobei die 7 oder Potenzen zumeist zur Beobachtung gelangen), die
Zusammensetzung feststehender Rezepte aus einer bestimmten Zahl von
Arzneistoffen (Arzneistoffgruppen)[7].
[7] Der aus der Astronomie und Astrologie abgeleitete Glaube, daß
alles an bestimmte Zeiten und Zahlen gebunden sei, wurde zum
Gemeingut der Völker.
Die Menge von Stein- und Pflanzenlisten, welche die Bibliothek des
Assurbanipal enthält, macht es wahrscheinlich, daß die babylonischen
Aerzte zur Anfertigung ihrer Medizinen solche Substanzen wählten,
welche unter dem Einfluß bestimmter Gestirne stehend gedacht
worden; ebenso ließ man vielleicht bestimmte Pflanzenteile -- deren
verschiedene Wirkung gewiß schon der Empirie nicht entging -- von
gewissen Sternbildern regiert sein (wie es in der mittelalterlichen
Medizin der Fall war).
Am deutlichsten dokumentiert sich die Abkunft der babylonischen
Medizin von der astrologisch-fatalistischen Weltanschauung in der
~Prognostik~, welche den Höhepunkt ihres ärztlichen Könnens ausmacht.
~Deutlich klebte ihr die Eierschale der priesterlichen Prophetie noch
an und nirgends zeigte sich klarer, als in der babylonischen Medizin,
wo der Ursprung der ärztlichen Krankheitsvorhersage zu suchen, mit
welcher Denkmethodik sie in ihrer ersten Entwicklungstufe arbeitete,
in welcher Art der Uebergang vom supranaturalistischen zum ärztlichen
Denken erfolgte!~
Wir müssen hier vorausschicken, daß die Astrologie eigentlich nur
ein Teilgebiet der allgemeinen Omenlehre ausmacht, gemäß welcher
nicht allein die Erscheinungen am Himmel, sondern auch alle sonst
vorkommenden merkwürdigen Ereignisse, Begegnungen etc. den Wert von
„~Vorzeichen~“ gewinnen, welche Einblick in das kommende Schicksal
gewähren. Die Priesterschaft Babyloniens hatte auf Grund von ungeheuer
reichen Aufzeichnungen und durch Systemisierung derselben eine ganze
Literatur geschaffen, so daß die ~Omentexte~ einen integrierenden
Bestandteil der Bibliothek Assurbanipals bilden. Besonders wurden
die Erscheinungsformen und Bewegungen der verschiedensten Tiere (z.
B. plötzliches Auftauchen eines bestimmten Tieres in einem Hause,
am Torwege, Begegnungen mit Hunden, Kälbern, die Art des Brüllens
der Ochsen, ~Art des Vogelflugs~), das Vorkommen von ~Mißgeburten
von Menschen und Tieren~, die ~Träume~ beachtet, und aus all diesen
Vorkommnissen zog man -- wie heute noch in abergläubischen Kreisen
-- Schlüsse für die Zukunft. Die Medizin leistete also, wie man aus
dem Angeführten ersieht, der priesterlichen Prophezeiung Dienste,
ihre Beobachtungen wurden zur Wahrsagerei benützt (Mißbildungen,
Geburtsanomalien).
Dies ist z. B. aus folgendem Text zu ersehen:
„Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das Löwenohren hat, so wird ein
starker König im Lande sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem das
rechte Ohr fehlt, so werden die Tage des Fürsten lang sein. Wenn eine
Frau ein Kind gebiert, dem beide Ohren fehlen, so bringt es Trauer ins
Land und das Land wird verkleinert. Wenn eine Frau ein Kind gebiert,
dessen rechtes Ohr zu klein ist, so wird des Mannes Haus zerstört
werden. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das einen Vogelschnabel hat,
so wird das Land im Frieden bleiben. Wenn eine Frau ein Kind ohne
Mund gebiert, so muß die Herrin im Hause sterben. Wenn eine Frau ein
Kind gebiert, dem die Finger der rechten Hand fehlen, so wird der
Herrscher von seinen Feinden gefangen werden. Wenn ein Schaf einen
Löwen gebiert, werden die Waffen des Königs siegreich sein und der
König wird seinesgleichen nicht haben.“
~Das priesterliche Interesse für die Omina gab umgekehrt die Anregung
dazu, Serien von Aufzeichnungen über Krankheiten aufzuzeichnen,
und so entstand die Krankengeschichte, zunächst bloß zum Zwecke der
Prophetie, sodann um das Schicksal des Kranken, den Ausgang des Leidens
vorherzusagen.~ In diesem Sinne hatten die Beobachtungen, die man am
Kranken machte (z. B. die Beschaffenheit des Gesichtes, das Verhalten
des Haares, die Beschaffenheit des Aderlaßblutes, des Urins u. s. w.),
den Wert der „Omina“; jedes Symptom blieb, da man den Kausalnexus
mit dem Krankheitsprozeß gar nicht verstand, ein „Vorzeichen“ (der
Genesung oder des Todes), ein Hinweis bloß auf die „Prognose“, nicht
auf die Diagnose! Deshalb finden sich auch die empirischen Tatsachen
der Krankenbeobachtung mit den ~Träumen~ und den astrologischen
Grübeleien auf ~eine~ Stufe gestellt. Der nächste Schritt, welcher die
medizinische Erkenntnis weiter brachte, bestand in der ~Elimination
der „abergläubischen“ Momente~ aus den prognostischen Prämissen, d.
h. in der Beschränkung auf die mit der Krankheit erfahrungsgemäß im
Zusammenhang stehenden Erscheinungen -- dieser Schritt konnte nicht im
alten Orient, sondern nur in einem Lande, in einer Zeit getan werden,
wo die Abtrennung des Aerztestandes vom Priestertum zur Tatsache
geworden: im freien Hellas, in einer Epoche, die durch Hippokrates
verkörpert ist.
Aus der Keilschriftliteratur sind schon jetzt bekannt: Das
19-Tafelwerk, welches nach seinen Anfangsworten den Titel trägt:
„Wenn in das Haus des Kranken ein Beschwörungsarzt geht“, ferner das
25-Tafelwerk: „Wenn ein Neugeborenes ...“, „Wenn ein Weib gebiert
...“. In dem erstgenannten Werke finden sich Vorhersagungen auf
Grund von ~Beobachtungen an den Körperteilen des Patienten~, die,
systematisch gegliedert, die Sprache, den Gesichtsausdruck, die
Stirne, das rechte, das linke Auge, die Zunge, das rechte Ohr, den
Hals, die ausgestreckte rechte Hand, die Brust, den Fuß betreffen.
Daß die Babylonier die ~Harnschau~ und ~Blutschau~ übten, scheint
aus einigen Ueberlieferungen aus der spätgriechischen Literatur
hervorzugehen, welche fälschlich diese Methoden auf die ~persische~
Medizin zurückführten. Bei den religiösen Grundanschauungen der
Perser, welche die Berührung mit allem Unreinen verboten, wozu das
vom Körper Ausgeschiedene in erster Linie gehörte, ist die Herleitung
aus der persischen Medizin höchst unwahrscheinlich, außerdem wissen
wir, daß in Mesopotamien und Syrien babylonische Kultur und Medizin
auch nach dem Sturze Babels fortdauerten.
Die ~Oneiroskopie~ wurde in Babylonien-Assyrien eifrigst gepflegt;
~daß auch der Tempelschlaf (d. h. das absichtliche Zubringen einer
oder mehrerer Nächte in einem Heiligtum, um im Traum von einem Gott
Offenbarungen bezüglich der Heilung von Krankheiten oder anderer
Dinge zu empfangen)~ in Mesopotamien geübt wurde, ist wahrscheinlich
-- soll doch der Gott „Sarapis“ als Alexander der Große zu Babylon im
Sterben lag, von den mazedonischen Großen mittels Tempelschlafes im
Hinblick auf eine mögliche Heilung befragt worden sein[8]. Spuren des
Zahlenglaubens, der Traumschau und Astrologie finden sich noch in den
hippokratischen Schriften, wobei aber bald ein gegensätzlicher, bald
ein beistimmender Standpunkt angenommen wird. Der Astrologie wurde
von Hippokrates jedenfalls die abergläubische Spitze abgebrochen,
sie löste sich auf: in nüchterne Berücksichtigung der klimatischen
und meteorologischen Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit.
[8] Nach der Erzählung des Jamblichus gingen die babylonischen
Frauen in den Tempel der Göttin Zarpanitu schlafen, um im Traume
Offenbarungen zu empfangen.