Von den Operationen betreffen die meisten die Sexualsphäre, wie die

~Beschneidung~ der Knaben (zirkuläre Abtragung des Präputiums oder

Längsschnitt in dasselbe), die sogenannte Beschneidung der Mädchen

(Abschneiden eines Stückchens von dem Praeputium clitoridis), die

~Infibulation~, die ~Kastration~, die ~Mikaoperation~ (Urethrotomia

externa vom Orifizium der Eichel bis zum Hodensack, zum Zweck der

Beschränkung der Nachkommenschaft, bei australischen Stämmen üblich),

der ~Kaiserschnitt~ an der Schwangeren, die ~Ovariotomie~. Einen

gleich großen chirurgischen Mut setzen voraus: die ~Trepanation~

und die Aufschabung der Röhrenknochen (bis zur Eröffnung der

Markhöhle wegen rheumatischer Affektionen), wie sie die Eingeborenen

der Loyalitätsinseln in der Südsee zu machen pflegen, oder die

Exstirpation der Halsdrüsen (wegen Schlafkrankheit). Berauschung,

Betäubung durch Narkotika oder Hypnose des Patienten sind die

Voraussetzung für derartige schwere Eingriffe. Der nicht selten

glückliche Ausgang der Operationen kann, da das Verfahren jeder

Antiseptik Hohn spricht, nur darauf beruhen, daß die Naturvölker einen

bedeutend höheren Grad von Widerstandsfähigkeit gegen Wundinfektion

besitzen, als die hochzivilisierten Nationen. -- Die ~Geburtshilfe~,

welche fast ausschließlich in den Händen der Frauen liegt, zeigt bei

den einzelnen Völkern eine sehr verschiedene Entwicklungshöhe; es sei

nur beispielsweise darauf hingewiesen, daß man bei den malaiischen

Völkern durch Massage die ungünstige Lage der Frucht im Mutterleibe

zu verbessern sucht, daß in Kochinchina durch vorsichtiges Treten

des Leibes die zögernde Nachgeburt zu entfernen versucht wird u. a.

-- Menstruierende halten sich von den übrigen Familienmitgliedern

abgesondert, die Geburt erfolgt bei manchen Stämmen in besonderen

Gebärhütten, die sodann nach beendetem Wochenbett meistens

niedergebrannt werden. -- Auf den Watubelainseln ist die Mutter

im Falle der Erkrankung des Säuglings verpflichtet, Medikamente zu

nehmen, damit dieselben dem Kinde auf dem Wege der Milch zugeführt

werden.

Die Zahl der Krankheiten, welche unterschieden werden, ist ziemlich

bedeutend, was auf die diagnostischen Fähigkeiten ein Streiflicht

wirft; hinsichtlich der Prognostik wäre zu erwähnen, daß z. B. die

Bedeutung des blutigen Auswurfs voll erfaßt wird. Verfahren manche

Nomaden- und Jägervölker äußerst grausam gegen unheilbare Kranke

(durch Aussetzung oder Tötung), so sind uns dagegen von anderen

Stämmen Züge von zärtlicher Fürsorge (Krankentransport in Hängematten

oder Sänften) berichtet (z. B. für Geisteskranke, die meist gut

verpflegt werden), und nicht selten findet man Einrichtungen, die

sogar an ~Krankenanstalten~ erinnern (bei Indianerstämmen wird der

wichtigste Teil der ärztlichen Behandlung in der „Medizinhütte“

vollzogen oder die Hütte des Kranken wird vom Verkehr abgesperrt, in

Neuguinea war um das Haus eines Papuadoktors eine Anzahl von Hütten

für die Patienten errichtet).

Anfänge der ~privaten und öffentlichen Gesundheitspflege~

sind schon in vielen Gebräuchen zu erblicken, wenn dieselben

auch in der Regel den hygienischen Grundgedanken in mystischer

Verbrämung verbergen. Zur individuellen Hygiene zählen absichtlich

hervorgerufenes Erbrechen und Purgieren, Massage und Skarifikationen

(zur Bekämpfung der Uebermüdung), Bäder, Schwitzen, die

Kauterisation (als vorbeugende Mittel gegen Krankheiten), mancherlei

Schutzvorrichtungen, wie z. B. die Augenschirme, Schneebrillen etc.

der nordischen Völker. Ins Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege

fallen einzelne Maßnahmen zur Assanierung des Wohnortes (z. B. Anlage

von abseits gelegenen Plätzen für die Defäkation), namentlich aber

Vorkehrungen gegen die Verbreitung der Seuchen durch Schutz vor

der Berührung mit den Infizierten (Absperrung der Wohnsitze gegen

verdächtige Fremde, Fortschaffen und Unterbringen der Infizierten an

streng überwachten Orten, z. B. Lepröser, Pockenkranker, Flucht vor

der Seuche), durch abergläubisch-hygienische Reinigungen oder durch

das Niederreißen der infizierten („warmen“) Hütten, eventuell durch

das Verbrennen der gesamten Habe des Toten. Bemerkenswert ist es, daß

besonders die Lepra als ansteckende Krankheit gefürchtet wird, und

daß Eingeborene Brasiliens die Lungentuberkulose für infektiös halten.

Ein merkwürdiger Gebrauch ist von den Samoanern berichtet: „Wenn eine

Person an einem Leiden starb, das auf einige andere Familienglieder

überging, so öffneten sie die Leiche, um die Krankheit zu suchen. Traf

es sich, daß sie irgend eine entzündete Substanz fanden, so nahmen

sie dieselbe heraus und verbrannten sie, in dem Glauben, daß dies

dem Uebergreifen der Krankheit auf andere Familienglieder vorbeugen

würde. Dies geschah, wenn der Leichnam im Grabe lag.“ (~Primitive

Anfänge einer pathologischen Anatomie!~)

Trotz des Dämonismus und der Zauberärzte erlosch die reine ~Empirie~

nie völlig, wenn sie sich auch nur innerhalb der Schranken ~einzelner

chirurgischer Fertigkeiten~ hielt. Ebensowenig vermochte der

Mystizismus ~die Erkenntnis des primitiven Menschen zu ersticken, daß

das Leben an die Atemluft und das wärmende Blut gebunden sei~ -- der

Tod rief diese Grundlehre immer von neuem ins Gedächtnis.

Die Zukunft aber gehörte den ~Priestern~! Dort, wo es zur

Staatengründung, zur ~Organisation einer Priesterkaste~ kam, wo unter

günstigen Verhältnissen allmählich eine Kultur entstand, wuchsen auch

aus den vereinzelten, hie und da hingestreuten Keimideen der primitiven

Medizin jene bewundernswert geschlossenen theurgisch-empirischen

Systeme hervor, die wir in der Heilkunde der alten Kulturvölker

vorfinden und die den Ausgangspunkt aller höheren medizinischen

Entwicklung darstellen.

Die Medizin des Orients.

Die Medizin in Mesopotamien.

(Sumerer, Babylonier, Assyrer.)

Mesopotamien ist die älteste Pflegestätte, vielleicht sogar die Wiege

der Kultur überhaupt.

Die Wissenschaft des Spatens und der Lupe, die Entzifferung

der Keilschrifttexte verschafft uns tagtäglich mehr Einblick in

eine Zivilisation von ungeahnter Höhe und Vielseitigkeit, deren

Denkmäler schon im 3. Jahrtausend v. Chr. auf eine lange Entwicklung

zurückblicken.

Nach den jetzigen Forschungsergebnissen waren es die ~Sumerer~,

welche im 4. (oder 5.) Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien die Saat

der Kultur ausstreuten, das vorher unwirtliche Land durch Kanalbauten

bewohnbar und fruchtbar machten, die Grundzüge der altorientalischen

Weltanschauung, Religion und staatlichen Organisation entwarfen,

die Bilderschrift, aus der sich die Keilschrift herausschälte,

ersannen, Astronomie und Naturkenntnis, Künste und Gewerbe pflegten.

Von den Sumerern entlehnten sodann die semitischen Eroberer des

Zweistromlandes, ~Babylonier~ und ~Assyrer~ die Elemente der Gesittung,

Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit, um sie in eigenartiger Umprägung

und Nachschöpfung, mit wechselndem Schicksal weiterzubilden und zur

höchsten Blüte zu bringen, bis zu den Tagen, da die Indogermanen das

Zepter der Macht und die Fackel der uralten Kultur ergriffen.

~Babylon~, die prächtige Zierde der Chaldäer und ~Ninive~ „die

göttlichgroße Stadt“ repräsentieren somit nicht die Anfänge einer

geistigen Entwicklung, sondern die geschichtlich bedeutsamste Phase

derselben; Babylonier und Assyrer geben einer Kultur den Namen, die im

Wesen bereits vor ihrer politischen Herrschaft bestand und auch nach

dem Sturz derselben nicht gänzlich erlosch. ~Mesopotamien selbst machte

allmählich die Völker verschiedenster Rassen in geistigem Sinne zu

„Babyloniern“, zu Trägern der weit über die räumlichen und zeitlichen

Grenzen hinausreichenden „babylonischen Kultur“!~

Die Vorläufer der babylonischen Kultur -- die Sumerer -- wurden

von den aus Südwest vordringenden semitischen Eroberern aufgesogen,

doch erhielt sich ihr Name in dem babylonischen Herrschertitel

(„König von Sumer und Akkad“), und ihre Schrift, Sprache und Kultur

überlebten Jahrtausende hindurch den Untergang des Volkes. Die Sumerer

besaßen ursprünglich eine (gleich der ~chinesischen~) in senkrechten

Zeilen (von rechts nach links) verlaufende Bilderschrift, welche

sich allmählich (durch Vierteldrehung) in die von links nach rechts

laufende Keilschrift verwandelte, hauptsächlich bedingt durch das

Schreibmaterial (Lehmtafeln und Griffel). Von den Babyloniern und

Assyrern wurde das Sumerische (auch nachdem es aus dem Kreis der

lebenden Sprachen trat) als Sprache des Kultus und der Gelehrsamkeit

-- ähnlich wie das Lateinische im Mittelalter -- wissenschaftlich

weiter gepflegt; die sumerische Schrift übernahm man in doppelter

Weise, indem dasselbe Keilschriftzeichen sowohl als Begriffsausdruck

wie auch als Silbe (nach dem sumerischen Lautwert) diente. --

Vermutlich stammten die Sumerer aus Zentralasien; nach einer älteren

Hypothese hatten sie neben Ariern (Indern) und Chinesen ihren Ursitz

im Tarymbecken und an den Oberläufen des Oxus und Iaxartes, von wo

aus dann gemeinsame Anschauungen und Kenntnisse (namentlich in der

~Astronomie~) in die späteren Wohnsitze dieser Völker: Mesopotamien,

Indien, China verpflanzt wurden. Die Analogien, welche in mancher

Hinsicht zwischen sumerisch-babylonischer und chinesischer Kultur

bestehen, würden dadurch ebenso eine ungezwungene Erklärung finden,

wie manche Momente des indischen Geisteslebens, die sonst auf direkte

babylonische (früher auf griechische) Einflüsse bezogen werden müssen.

Die Mehrzahl der Inschriften und Urkunden, welche unsere

Quellen bilden, stammen aus assyrischen Ruinenstädten und sind in

assyrischer Sprache abgefaßt; die assyrische Hegemonie (etwa von

900 v. Chr. bis zum Falle Ninives 606 v. Chr.) ist jedenfalls die

Blütezeit der semitischen Großmachtstellung; dennoch bezeichnet

man mit Recht die ganze Kulturepoche als „~babylonisch~“, weil

die Babylonier ihre eigentlichen Begründer waren und jederzeit am

meisten die Wissenschaft und Kunst, den Handel und die Gewerbe

förderten, während die vornehmste Seite des künstlerisch und

wissenschaftlich mehr epigonenhaften Assyrertums in der militärischen

und Verwaltungsorganisation, im Prunk und Glanz des Hoflebens

zu suchen ist. Wie die assyrische Kunst sich durch stilisierende

Darstellungsweise von der Ursprünglichkeit und Behandlungsfreiheit

der babylonischen abhebt, so imponieren die assyrischen Bibliotheken

durch den Reichtum, nicht durch die (sehr geringfügige) Originalität

der Literatur.

Daß „die Chaldäer“ die Sternkunde und Mathematik, besonders aber die

Sterndeuterei in hervorragender Weise betrieben, wußte man stets

auf Grund der unvollkommenen Ueberlieferungen aus dem klassischen

Altertum, aber erst die Autopsie der Gegenwart, die Ausgrabungen

haben den Umkreis, die Tiefe und weltumspannende Bedeutung der Kultur

des Zweistromlandes wirklich klar gelegt. Lange vor der Zeit, da

Griechenland erst in den Gesichtskreis der Geschichte rückt, verstanden

es die Babylonier mit erstaunlicher Genauigkeit astronomische

Beobachtungen und Berechnungen anzustellen; das Schriftwesen, die

künstlerische Darstellung, die Kriegstechnik und das Rechtswesen vieler

Völker wurden von Mesopotamien unmittelbar oder indirekt beeinflußt;

das Gewichts- und Maßsystem läßt noch heute den Erfindersinn der alten

Bewohner der Euphrat- und Tigrisländer erkennen, und unsere ganze

Zeitmessung, unsere Kreiseinteilung beweist wie vieles andere, daß

Babel im Reiche des Geistes, im Getriebe des Weltverkehrs fortzuwirken

niemals aufgehört hat.

Die keilinschriftlichen astronomischen Bestimmungen erregen

nicht nur die Bewunderung der modernen Astronomen, sondern finden

sogar praktische Verwertung. Astrolabien sind bereits gefunden

worden. Die Babylonier hatten zwei vollständig ausgebildete

astronomische Maßsysteme, zwei große Mondrechnungsysteme (27

Mondstationen) und mehrere Systeme der Planetenbeobachtung. Sie

kannten die Periodizität der Finsternisse, gaben die Daten für

Konstellationen von Ekliptiksternen, bezeichneten die heliakischen

Auf- und Untergänge der Planeten, ihre Opposition mit der Sonne,

berechneten vom Herbstäquinoktium ausgehend die Anfangstermine der

astronomischen Jahreszeiten, die Geschwindigkeit des Mondes, das

Gesetz, nach welchem sich die Sonnengeschwindigkeit ändert, die

Jahresdauer, den mittleren synodischen Monat, beobachteten Meteore,

Sternschnuppen und die Witterung u. s. w. Selbstverständlich war

die Mathematik (Landesvermessung) dementsprechend entwickelt (z.

B. Kenntnis der arithmetischen Reihe); zwei Zahlensysteme, das

dekadische und das ~Sexagesimalsystem~, standen nebeneinander in

Gebrauch. Auf babylonischen Ursprung zurückzuführen sind unter anderem

die Wasseruhr, die Teilung des Kreises, die Zeitmessung nach dem

Sexagesimalsystem (360 Grade, Doppelstunde, 60 Minuten, 60 Sekunden),

das Maß- und Gewichtssystem vieler Völker (Meile, Doppelelle, Mine,

Talent), die meisten Namen der Tierkreissternbilder, die 12 Monate,

die 7 Tage der Woche, das Wertverhältnis von Gold und Silber (Sonne

: Mond = 360 : 27 = 13⅓ : 1). Das Keilschriftsystem verbreitete

sich bis nach Cypern und Aegypten (das Babylonische war um 1400 v.

Chr. Diplomatensprache -- Fund von Tell-el-Amarna). Die Babylonier

brachten die Belagerungstechnik, das Verkehrswesen (Einführung

des Pferdes; Feuerpost) zu hoher Blüte, betrieben weithin den

Handel, besaßen eine vortreffliche (von Religion und Priesterschaft

unabhängige) Rechtspflege und leisteten Meisterhaftes im Kunstgewerbe

(Buntweberei, Teppichweberei, Majolikatechnik, Glasarbeiten) und

in der Steinschneidekunst (Siegelzylinder). In der Skulptur tritt

namentlich ihre naturwahre Tierdarstellung hervor, die Architektur

(Paläste, Tempelbauten mit Terrassenkonstruktion, Stufenpyramiden,

Straßen, Kanäle, Brücken, Dämme etc.) ist höchst anerkennenswert; was

die Musik (7 Töne, Lehre von der Sphärenmusik) anlangt, so sei nur

bemerkt, daß die elfsaitige Leier auf einer babylonischen Skulptur

frühester Zeit dargestellt ist.

Babylonische Kultureinflüsse haben sich namentlich auf dem Gebiete

der Schreibekunst, Mathematik, Astronomie und Meterologie, aber

auch in der Kunst und Mythologie (z. B. der Perser) geltend gemacht.

Diese Einflüsse erstreckten sich direkt auf die Völker Westasiens,

auf Aegypten und wahrscheinlich auch auf Indien (Mathematik,

Astronomie). Immerhin ist festzuhalten, daß die Aufnahme babylonischer

Kulturelemente das selbständige Schaffen nicht beeinträchtigte,

daß die Schüler ihre Meister nicht selten übertrafen. So entstand

z. B. die Lautschrift auf dem „von Babylonien und Aegypten aus

vorgepflügten“ Boden Syriens als neue selbständige Erfindung, ebenso

waren es die Lyder, welche zuerst Münzen prägten, wenn auch in

Babylon verbreitete Edelmetallstückchen von bestimmtem Gewicht das

Vorbild abgaben, und welchen ethischen Inhalt die Religion Israels

den übernommenen Mythen verlieh -- bedarf keiner besonderen Darlegung!

Den Gipfel der babylonischen Kultur, die sublimste, esoterische

Denkfrucht einer erlesenen gelehrten Priesterschaft, bildet aber die

aus der Arbeit vieler Generationen hervorgegangene umfassende, völlig

abgerundete Weltanschauung, aus der alle Einzelheiten des staatlichen,

sozialen und wissenschaftlichen Lebens mit dem Scheine mathematischer

Evidenz hergeleitet wurden.

Das Axiom, in welchem das ganze System wurzelt, bestand in der

Vorstellung, daß alle Dinge den Ausfluß göttlichen Waltens darstellen,

daß alles Geschehen durch göttlichen Willen vorausbestimmt ist

und sich in der unwandelbar festgelegten Ordnung einer zahlenmäßig

prästabilierten Harmonie vollzieht. ~Der Wille, die Wirksamkeit der

göttlichen Macht zeigt sich überall, dieselben Kräfte und Gesetze

beherrschen das Größte wie das Kleinste, alle Reihen der mannigfachen

Erscheinungen entsprechen sich gegenseitig wie Abbilder.~ Die

vornehmste Offenbarung aber ist in den Gestirnen und ihren scheinbar

verworrenen, doch tatsächlich von höchster Regelmäßigkeit geleiteten

Bahnen zu erblicken. -- ~Der Sternenhimmel ist daher das große

Buch, in dem das Gesetz des gesamten Weltalls verzeichnet ist, alles

Irdische hat am Himmel sein entsprechendes Abbild, die Astronomie,

die Wissenschaft der Wissenschaften, gewährt den klarsten Einblick in

die Gesetze und den Zusammenhang des Weltgeschehens, ihre praktische

Anwendung auf das Leben -- die Astrologie -- gibt die Handhabe für

das Verständnis der Gegenwart, für die Vorhersage aller Zukunft.~

Die Astrologie, welche in Babylonien wahrscheinlich ihren Ursitz

hat, ging von einzelnen, an sich vollkommen richtigen Tatsachen aus,

die aber unter kritikloser Verwendung des post hoc ergo propter hoc

zu grotesken Verallgemeinerungen ausgesponnen wurden. Man beobachtete

nämlich Reihen von periodisch auftretenden kosmischen und tellurischen

Vorgängen, welche mit Recht infolge ihrer ~steten~ Koinzidenz in

ursächliche Beziehung gebracht wurden (z. B. Sonnenstand, Klima,

Jahreszeiten, Vegetation). Und so, wie man z. B. zwischen dem

Sonnenstand und den Sternaufgängen einerseits, den Jahreszeiten und

der Wärmeverteilung anderseits eine Relation erkannte oder die kausale

Beziehung zwischen den Mondphasen und den Witterungsvorgängen, der

Höhe von Ebbe und Flut wahrnahm, glaubte man in voreiliger Abstraktion

durchgehends eine Beziehung zwischen den Himmelskörpern und den Dingen

auf der Erde, zwischen den Vorgängen in der Sternenwelt und irdischen

Ereignissen voraussetzen zu dürfen und nachweisen zu können. Anfangs

wurde die Aufmerksamkeit nur auf besonders ~auffallende~ oder ~die

Allgemeinheit berührende Erscheinungen~ gerichtet, z. B. Seuchen,

Kriegsnot, Schicksal des Königs. Das zufällige Zusammentreffen von

derartigen Vorkommnissen, über die man sorgfältige Listen führte, mit

gewissen genau verzeichneten kosmischen Erscheinungen erweckte bei

der Voreingenommenheit für die Hypothese den trügerischen Schein,

daß die bloß zeitliche Koinzidenz auch ursächlich bedingt sei,

und daß man daher bei einem neuerlichen Auftreten einer bestimmten

Himmelserscheinung, z. B. eines Kometen, kurzwegs berechtigt wäre,

das anscheinend entsprechende irdische Vorkommnis, z. B. Pest, Krieg,

Tod des Königs, voraussagen zu dürfen. Von dem Großen und Allgemeinen

zum Kleinen und Individuellen herabzusteigen, dazu war logisch nur

ein Schritt nötig, denn für die unendliche und nach festen Gesetzen

wirkende Macht der Gestirne konnte es doch keine Schranken geben.

Immer an der Hand von Aufzeichnungen und Vergleichungen, unter

mißbräuchlicher Anwendung von Analogieschlüssen, kam man endlich

dahin, die Abhängigkeit des Menschen von der Außenwelt nicht nur im

allgemeinen zu betonen, sondern im Individuum bis auf die kleinsten

Einzelheiten ein Abbild des Weltalls, einen Mikrokosmus zu sehen,

dessen körperliche Zustände, dessen Lebensschicksal im letzten Grunde

von der Gestirnstellung bedingt und aus ihr zu erkennen wären. Es

erwuchs ein ganzes System naturforschender Phantastik, das sich

weithin verbreitete und mannigfach modifiziert, von der Kruste der

Zeit überdeckt bekanntlich fast bis in die Gegenwart fortlebte.

Im Rahmen der altorientalischen Weltanschauung werden die äußerst

spärlichen Bruchstücke verständlicher, welche bisher von der

~babylonisch-assyrischen Medizin~ zum Vorschein gekommen sind. Stehen

uns auch bei dem jetzigen Stande der Forschung bloß die wichtigsten

Grundsätze und einige illustrierende Fakten zu Gebote, so wirft doch

schon dieses geringfügige Material so manches grelle Streiflicht auf

die Anfänge der Systembildung in der Heilkunde überhaupt.

Das meiste, was wir heute von der babylonisch-assyrischen

Medizin wissen, stammt aus der im British Museum befindlichen

Kujundschiksammlung, welche bei 20000 in den Ruinen von Ninive

gefundene Keilschrifttafelfragmente umfaßt. Diese Sammlung -- Rest

der Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal (Sardanapal 668-626 v.

Chr.) -- repräsentiert die gesamte Kultur des damaligen Assyriens und

(soweit die Medizin in Betracht kommt, noch mehr) die babylonische

Zeit. Medizin, Naturwissenschaften und naturwissenschaftlicher

Aberglaube bilden den Inhalt von ungefähr 1000 Tafelfragmenten,

wovon aber bis jetzt erst ein verschwindender Teil herausgegeben

ist. Einiges Medizinische ist auch aus dem, zu Niffer gefundenen, im

Museum zu Konstantinopel bewahrten Keilschriftwerk bekannt geworden.

Bei dem zähen Konservatismus, welcher der Heilkunde aller Völker

eignet, wäre schon von vornherein anzunehmen, daß die medizinischen

Ideen und Heilgebräuche der semitischen Babylonier-Assyrer zum Teile

aus der Vorkultur der Sumerer herstammen. Ihren Beweis findet diese

Annahme in der Tatsache, daß nicht allein naturwissenschaftliche

Begriffsnamen aus der sumerischen Sprache übernommen worden sind,

sondern daß sogar in der uralten sumerischen Sprache abgefaßte Texte

noch in der späten Blütezeit der Assyrer in Gebrauch standen. Eine

Trennung zwischen sumerischer und mesopotamisch-semitischer Medizin

läßt sich jedoch bis jetzt noch nicht vornehmen, ebensowenig eine

Scheidung der babylonischen von der assyrischen Heilkunde, wenn

letztere auch in höherem Maße als die erstere den abergläubischen

Prozeduren und subtilen Theorien gehuldigt zu haben scheint.

Die babylonisch-assyrische Medizin besitzt im allgemeinen einen

~theurgisch-empirischen~ Charakter, d. h. von der Zeit an, wo es

unter dem Einflusse eines gelehrten Priestertums zur Theoretisierung

des Erfahrungstoffes kam, wurden die empirisch erworbenen Tatsachen

unter dem Gesichtspunkt einer religiös-dämonistischen Weltanschauung

mit astrologischer Färbung vereinigt, und dieses solcherart gebildete

System beherrschte in der Folge das gesamte ärztliche Denken und

Handeln. Nebenher liefen freilich als Ueberbleibsel rein theurgische

oder, nach den bisherigen Aufschlüssen zu urteilen sehr vereinzelt,

rein empirische Heilverfahren und Ideen.

Leben, Gesundheit und Krankheit sind in letztem Grunde von

metaphysischen Gewalten, Göttern und Dämonen abhängig, von den

Einflüssen der Gestirne in ihrem Ablauf geregelt, anderseits aber

werden sie vorwiegend mit dem Blute und dessen Veränderungen --

~hämatische Theorie~ -- in Zusammenhang gebracht, während der Atmung

nur hie und da wie einer sekundären Funktion gedacht wird.

Was die Vorstellungen der Babylonier über Lebensfunktionen und

Körperbau betrifft, so läßt sich aus dem spärlichen Material etwa

folgendes feststellen. Der belebte Körper besteht aus Seele und

Leib, Sitz des Verstandes ist das Herz, Zentralorgan des Blutes die

Leber. ~Das Blut~ wurde als eigentliches ~Lebensprinzip~ betrachtet;

bemerkenswerterweise unterschied man zwei Arten desselben, Blut

des Tages (?) und Blut der Nacht (?), d. h. helles-arterielles und

dunkles-venöses. -- Die Anschauung, daß die Körpersäfte, namentlich

das ~Blut~, die Grundlage des Lebens bilden, leuchtet schon aus

dem Schöpfungsmythus hindurch, wonach die Erschaffung des Menschen

erfolgte, indem einem Gotte der Kopf abgeschlagen, und dessen Blut mit

Erde vermengt wurde. In den Mythen wird vom „Lebenswasser“ gesprochen,

was auch auf die vorwiegende Humoraltheorie hindeutet -- eine Lehre,

die schon von vornherein durch die Betrachtung angeregt wurde, daß

Mesopotamien seine Fruchtbarkeit und kulturelle Blüte dem Euphrat und

Tigris dankt. Es ist jedoch festzuhalten, daß die Bedeutung der Atmung

selbstverständlich keineswegs entging (in einem Gebet heißt es: Gott,

mein Schöpfer, meine Hand ergreife; den Atem meines Mundes leite!),

nur spielte sie wahrscheinlich in der Lebens- und Krankheitstheorie

der Babylonier nicht jene Rolle wie in der Medizin anderer Völker.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 2 / 54 段