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GESCHICHTE
DER MEDIZIN
VON
D^{R}. MAX NEUBURGER
a. ö. Professor für Geschichte d. Medizin an der k. k. Universität
in Wien, Ehrenmitgliede der R. Accad. di szienze lettere ed arti in
Modena, corr. Mitgliede d. R. Acad. de Buenas Letras in Barcelona, des
Vereins f. innere Medizin in Berlin, der phys.-mediz. Gesellschaft in
Würzburg, d. Gesellschaft d. Ärzte in Stockholm, d. k. Gesellschaft
d. Ärzte in Konstantinopel, des Vereins d. Ärzte u. Naturforscher in
Jassy, d. k. mediz. Akademien in Turin, Madrid, Barcelona u. Granada.
ZWEI BÄNDE. I. BAND.
[Illustration]
STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1906.
Welches Vergnügen und welche Erhebung schöpft nicht
unsere Seele aus dem ununterbrochenen Verkehr mit den
Werken der Philosophen und Aerzte früherer Zeiten
und der übrigen Führer auf dem Gebiete der allgemeinen
geistigen Bildung? _Athenaios._
Dem Kundigen eine rückblickende Erinnerung, für den
Unwissenden ohne Belehrung. _Galen._
An dem Lichte der Alten sollte die Jugend ihre Fackeln
entzünden. _Rokitansky._
Wir ernten, was wir nicht gesät haben, und wir säen,
was wir nicht ernten werden. _v. Bismarck._
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
Herrn
Hofrat Chem. Dr. u. Med. univ. Ehr.-Dr.
ERNST LUDWIG
o. ö. Professor f. angew. med. Chemie a. d. k. k. Universität in
Wien, Obersanitätsrat, Herrenhausmitgl., corr. Mitgl. d. k. Akad. d.
Wissenschaften Wien, Mitgl. d. k. Leop.-Karol. Akad. d. Naturforscher,
d. Acad. de méd. Paris etc. etc.
widmet diesen Band als Zeichen besonderer
Hochschätzung und tiefgefühlter Dankbarkeit
der Verfasser.
Vorrede.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei vor allem nachdrücklich betont,
daß der Titel dieses Buches nur der Kürze halber gewählt wurde.
Die vom Herrn Verleger freundlichst angeregte, teils im Studierzimmer,
teils im Hörsaal entstandene Arbeit wendet sich an werdende
und ausübende Aerzte, sowie auch an gebildete Laien, denen eine
orientierende Uebersicht geboten werden soll.
Aus diesem Grunde richtete Verfasser das Hauptaugenmerk auf den
~Zusammenhang zwischen der allgemeinen Kultur und der Medizin und auf
den Entwicklungsgang des medizinischen Denkens~; hingegen wurde das
philologisch-bibliographische, literarhistorische Rüstzeug nur, wo es
unumgänglich nötig erschien, berücksichtigt. Der Hauptzweck, welchen
akademische Vorlesungen über dieses Fach verfolgen sollen, leuchtete
dabei vor, denn nie ist außer acht zu lassen, daß Geschichte der
Medizin nicht an der philosophischen, sondern an der ~medizinischen~
Fakultät gelesen wird. Mit welchem Erfolg die neueren Forschungen --
ich weise nur auf die bahnbrechenden Arbeiten des Freiherrn v. Oefele
-- benützt wurden, wie die eigenen Auffassungen des Verfassers zu
werten sind, mögen die Fachgenossen, unter denen ich neben anderen
insbesondere den Herren Professoren Pagel und Sudhoff persönliche
Anregung und Belehrung verdanke, beurteilen. Der Verfasser wäre
schon mit einem Urteile zufrieden, das sich in die Worte eines
mittelalterlichen Dichters zusammenfassen ließe:
Nam quae sparsa locis tot erant, haec scriptor in unum
Sedulus instar apis cuncta coëgit opus.
Seit hundert Jahren erscheint zum ersten Male wieder eine das
Gesamtgebiet der Geschichte der Medizin behandelnde Schrift aus der
Feder eines österreichischen Arztes. Möge sie innerhalb und außerhalb
der schwarzgelben Grenzpfähle freundliche Aufnahme finden!
~Wien~, im Mai 1906.
Der Verfasser.
Inhalt.
Seite
Eingangsworte 1
Primitive Medizin 3
Die Medizin des Orients.
Die Medizin in Mesopotamien 19
Die Medizin der alten Aegypter 33
Die Medizin der alten Perser 54
Die Medizin im Alten Testament 61
Die Medizin der Inder 66
Die Medizin der Chinesen und Japaner 92
Anhang 120
Die Medizin im klassischen Altertum.
Einleitung 127
Homerische Heilkunst und priesterliche Medizin 135
Die Aerzte. Asklepiaden, Gymnasten, Rhizotomen 144
Anfänge der medizinischen Theorie 152
Medizinische Schulen (Knidos, Kos, Sizilische Schule) 164
Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum) 174
Hippokrates 183
Die Medizin der Hippokratiker im allgemeinen 202
Die einzelnen medizinischen Wissenszweige im Corpus Hippocraticum 221
Die Dogmatiker 236
Die Medizin des alexandrinischen Zeitalters 253
Einleitung 253
Herophilos, Erasistratos und ihre Anhänger 262
Die Schule der Empiriker. Chirurgen und Pharmakologen 276
Die Verpflanzung der griechischen Heilkunde nach Rom 285
Asklepiades 294
Die Methodiker 303
Die Medizin bei den römischen Enzyklopädisten. Celsus, Plinius 310
Rezeptliteratur und Heilmittellehre 322
Die Pneumatiker und Eklektiker 327
Aretaios, Rhuphos, Soranos 337
Anhang. Anatomie und Physiologie 348
Galenos 351
Antyllos 403
Register 406
Eingangsworte.
Viel Gewaltiges lebt, doch nichts
Gewaltigeres als der Mensch.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Nur dem Tod allein weiß er nicht zu entfliehen,
Doch bei schwerer Krankheit ersann er Rettung.
Sophokles, Antigone.
Die gesamte Kultur empfängt ihren Richtzug durch das Streben, den
Mechanismus der Naturgewalten für die Zwecke der Menschheit nutzbar
zu machen und die dunklen Triebe des Innenlebens auf jene veredelnden
Bahnen überzuleiten, welche der Verstand anweist. ~Zweckbewußte
Tätigkeit des Intellekts, welche in den Ablauf des unbewußten
Naturgeschehens eindämmend, steigernd, regulierend eingreift und dem
gegebenen Kräftespiel eine unerschöpfliche Differenzierung verschafft,
tritt auf materiellem, wie auf ethischem Gebiete immer schärfer
hervor.~
Bedeutet somit ~die Kultur~ ein Hinauswachsen über die tierische
Organisation durch Steigerung oder Entlastung ihrer Leistungen,
eine eigenartige Daseinsform mit reichster Anpassungsfähigkeit
und Entwicklungsmöglichkeit, so stellt sie im Grunde doch nur
eine ~Fortsetzung der Natur selbst~, dar, ohne jemals ~die Grenzen
mechanischer Kausalität~ überschreiten zu können, an welche ihr Wirken
stets gebunden bleibt.
Nicht am wenigsten offenbart •die Medizin• dieses Gesetz.
Ihre erdenklich höchste Entfaltung berührt sich mit den primitivsten
Anfängen insofern, als die ~Heilkraft der Natur~, d. h. die auf Reize
mechanisch vor sich gehende, aber regulatorisch-kompensatorisch
wirkende Reaktion des Organismus, die letzte Entscheidung bringt.
Auch die idealste Aktivität des Arztes findet ihren Schwerpunkt und
ihr Maß in den natürlichen Heilkräften. Aber ~das Durchblicken der
Reaktionserscheinungen~ in ihrer Mechanik und Wirkungsbreite, verknüpft
mit dem Besitz jener Potenzen, welche die schlummernden Spannkräfte
des Organismus in lebendige Kräfte umzusetzen im stande sind, erhebt
den Arzt zum Techniker höchsten Ranges; ~es läßt ihn zielbewußt die
Naturheilkraft meistern~, die Hindernisse ihrer Wirkungstätigkeit
hinwegräumen, ~es gibt ihm die Macht zur zweckmäßigen Gestaltung blind
waltender Naturvorgänge~, während Unkenntnis und Unerfahrenheit bald
tatlos zusehen, bald störend in das Räderwerk eingreifen.
Zwischen beiden Polen, der gänzlichen Ohnmacht und der idealen
Medizin, liegt die unendliche Reihe der Zwischenstufen des Instinkts,
des Zufalls, der Spekulation, der Beobachtung, der Erfahrung und der
planmäßigen Forschung mit ihrer verwirrenden Fülle von Modifikationen,
wie sie Zeit, Ort und führende Personen hervorbringen.
Die Schilderung dieses Werdeprozesses mit seinen Erfolgen und
Irrtümern, in seiner Abhängigkeit von günstigen und ungünstigen
Kulturverhältnissen bildet den Inhalt -- ~der Geschichte der Medizin~.
Primitive Medizin.
Auf der Suche nach dem Ursprung einer Kulturerscheinung strebt der
forschende Geist über die geschichtliche Zeit, welche zumeist schon
einen Höhepunkt, nicht den Anfang der Entwicklung bezeichnet, hinaus
und fragt nach dem Aeltesten, sei es auch nur in nebelhaften Fernen,
in schwankenden Umrissen zu erspähen.
Bei der Medizin läßt sich, wenn auch dürftig, umso eher eine
Rekonstruktion versuchen, weil, abgesehen von manchen ~direkten
Ueberresten der grauen Vorzeit~, nicht wenige „Ueberbleibsel“ in der
Sprache und den Gebräuchen der Gegenwart (~Volksmedizin~) erhalten
sind, und die Beobachtung des eigenen Ich und der Mitmenschen so
manchen Rückschluß gestattet; zudem finden alle diese Momente eine
Beleuchtung durch die Heilkunde jener Volksstämme, welche auch in
der Jetztzeit noch ein ähnliches Dasein wie der Urmensch führen
(~Naturvölker~).
Rechnet man zur Medizin im weitesten Sinne schon jene zweckmäßigen
Instinkthandlungen, welche zur Linderung des Schmerzes oder des
Juckreizes dienen, und eigentlich eine Projektion der Naturheilkraft
nach außen darstellen, dann reicht sie nicht nur bis in die Kindheit
des Menschengeschlechts herab, sondern wir können sogar von einer
~Eigenmedizin der Tiere~ sprechen. Man weiß, daß Tiere sich in kaltem
Wasser erfrischen, wenn sie erhitzt sind, daß sie die steifen Glieder
an der Sonne wärmen, daß sie die quälenden Parasiten verjagen und
vernichten[1]. Katzen und Hunde belecken ihre Wunden; Hunde fressen
Gras bei verdorbenem Magen, um Erbrechen zu erregen; sie gehen nach
einem erlittenen Knochenbruch auf drei Beinen und halten das gebrochene
derart, daß der Bruch ohne nennenswerte Verkürzung zur Heilung gelangt;
Affen suchen das rinnende Blut durch Auflegen der Hand auf die Wunde
zurückzuhalten und ziehen sich mit großer Geschicklichkeit Fremdkörper,
z. B. Dornen, aus. Die Eigenmedizin der Tiere bleibt übrigens nicht
bei der ~Selbsthilfe~ stehen, sondern erweitert sich auch bisweilen
zur ~Nächstenhilfe~; diese kommt namentlich dann zur Erscheinung, wenn
es sich um die Jungen handelt.
[1] Auf Abwehr z. B. der Parasiten sind ursprünglich vielleicht
manche Reflexvorgänge zurückzuführen, wie das Wischen, das noch
beim dekapitierten Frosch beobachtet wird.
Außer diesen allgemein bekannten Beispielen haben in neuerer
Zeit glaubwürdige Forscher eine Anzahl von höchst überraschenden
Beobachtungen gesammelt, und manche der Fälle lassen sich sogar
ohne Annahme einer freien, über den Instinkt weit hinausgehenden,
Ueberlegung gar nicht verstehen. Fälle der Nächstenhilfe werden
insbesondere bei solchen Tieren beobachtet, welche ~sozial~ leben, z.
B. bei den Bienen oder den Ameisen, welch letztere ihre Verwundeten
pflegen.
Griechische und römische Autoren überliefern eine Menge von Fabeln,
wonach eine ganze Reihe von Heilverfahren und Heilmitteln Tieren zu
danken wären. Beispielsweise wird erzählt, daß sich der ägyptische
Ibis mit seinem Schnabel klistiere, daß sich das Flußpferd, wenn es
sich überfressen hat, den scharfen Stumpf eines Rohres in eine Vene
hineindrücke und so zu Ader lasse; Schwalben sollen zum Aufhellen
trüber Augen den Saft des Schöllkrauts, Bären zur Behebung von
Verdauungsstörungen die Blätter des Arum, Schildkröten als Gegenmittel
gegen Schlangenbiß eine Origanumart gebrauchen, Hirsche heilen ihre
Wunden durch Verzehren von Dictamnusblättern, Wiesel durch Verzehren
von Rauten u. s. w.
In Indien, wo die bittere Wurzel der Ophiorrhiza mungo als
vorzügliches Mittel gegen Schlangenbiß gilt, bezeichnen die
Eingeborenen den kleinen Ichneumon als denjenigen, von welchem sie
die Wirkung der Wurzel kennen gelernt hätten.
Auch für die Medizin des Menschen werden die eben angedeuteten
primitiven Akte die Grundlage gebildet haben, und tagtäglich können wir
bei Kindern oder Erwachsenen zweckmäßig wirkende ~Reflexaktionen~ und
~Heilinstinkte~ bemerken, wie das Kratzen, das Reiben oder Drücken, die
instinktive Haltung oder Lageveränderung bei Schmerz, das Befeuchten
der Wunden mit dem Speichel oder das Aussaugen derselben, das Anhauchen
(Blasen) u. s. w. (Einige dieser primitiven Handlungen sind bekanntlich
ausgebaut und in hohem Grade differenziert worden; so hat sich aus
dem Reiben, Streichen und Kneten die Massage entwickelt.)
Gewisse ~einfache aktive Eingriffe~, die schon sehr früh vorgenommen
wurden, lassen bereits Spuren des zweckbewußten Intellekts erkennen,
so z. B. das Herausziehen von Fremdkörpern (Dornen) aus der Haut mit
den Fingern, das Auswaschen der Wunden, das Auflegen von kühlenden
Blättern auf verletzte Stellen, das Beschmieren der Haut mit Lehm
zum Schutz gegen Kälte und Insekten, das Wundkratzen (aus welchem das
Skarifizieren entstand) u. s. w.
Interessant ist es, daß aus manchen medizinischen Eingriffen später
Volkssitten hervorgingen, so z. B. aus dem Beschmieren der Haut mit
Erde -- das Bemalen des Körpers, aus dem Wundkratzen und nachfolgendem
Einreiben mit Erde oder Ruß (je nachdem der Schmerz gestillt oder
gesteigert werden soll) -- das Tätowieren.
Neben der Hilfe, die sich die Stammesgenossen gegenseitig bei
~Verletzungen~ durch Verbinden der Wunden leisteten, sind manche
Handgriffe zur Unterstützung der ~Gebärenden~ uralten Ursprungs, ebenso
~die Pflege des Kindes~: ~hier ist das Weib der älteste Arzt und erhält
sich in dieser Stellung auch bei den Kulturvölkern unendlich lange~.
Den Beginn der eigentlichen ~Chirurgie~ markiert der Moment, da
die Waffen der Kultur, die ~Werkzeuge~ des täglichen Gebrauchs,
auch zu Heilzwecken verwendet wurden. Solche waren in der frühesten
Epoche Feuersteinsplitter, Dornen, Holzsplitter, Muschelscherben,
Fischgräten, spitze Knochenstücke, Zähne, Hornfragmente u. a. Mit
solchen Hilfsmitteln konnte man ~Fremdkörper extrahieren~, Abszesse
eröffnen, skarifizieren, zur Ader lassen. Mit den Werkzeugen des
täglichen Gebrauchs gingen auch die Fertigkeiten des gemeinen Lebens
in die Heilkunst über, so z. B. wurde die Art, wie man zerbrochene
Waffen wieder zusammenfügte, mustergültig für die primitive Behandlung
der Beinbrüche. Die zufällig (z. B. in Kämpfen) gemachten Erfahrungen,
daß gewisse Verletzungen nicht nur überstanden werden, sondern sogar
manche Uebel zur Heilung bringen können, mögen die Idee für einige
Eingriffe gegeben haben, und mit der Vervollkommnung der Werkzeuge in
der Kupfer- und Bronzezeit wuchs die chirurgische Gewandtheit. Manche
Stammesgenossen zeichneten sich wohl durch besondere Geschicklichkeit
aus, und erwarben sich den Ruf als erfahrene, heilkundige Männer;
allmählich wird sich aus ihren Nachkommen der Stand der ~ärztlichen
Empiriker~ herausgebildet haben.
Höchst überraschend wirkt die Tatsache, daß man sich erwiesenermaßen
schon in der jüngeren Steinzeit an einen so schweren Eingriff, wie
es die ~Trepanation des Schädels~ ist, heranwagte -- ein Phänomen,
das allerdings durch die Operationslust und das chirurgische Können
mancher der heutigen Naturvölker dem Verständnis näher gerückt wird.
Trepanierte Schädel aus der ~neolithischen Periode~ sind in den
meisten Ländern Europas, in Algier, auf den Kanarischen Inseln, in
Nordamerika, Mexiko, Peru und Argentinien aufgefunden worden.
Die gutübernarbten Trepanlöcher mancher dieser Schädel bezeugen es,
daß die Operierten zuweilen sogar zwei- bis dreimal den schweren
Eingriff überstanden haben. Die Knochenstücke wurden entweder Punkt für
Punkt herausgemeißelt oder durch das bogenförmige Hin- und Herziehen
eines scharfen Steininstruments (Feuersteinsäge) entfernt, vielleicht
stellte man die Schädelöffnungen auch durch das Dünnschaben des
Knochens mit einem Feuersteine her. Die Indikation für die Trepanation
können möglicherweise -- wenn ein Rückschluß aus den Verhältnissen
heutiger Naturvölker gestattet ist -- Kopfschmerzen, Krampfleiden und
Geisteskrankheiten gegeben haben.
Ueberlebsel der vorhistorischen chirurgischen Technik erhielten
sich noch lange auch im geschichtlichen Zeitalter, insoferne bei
manchen Völkern gewisse altehrwürdige Operationen nur mit den
~Steinmessern~ gemacht werden durften, so z. B. die Leicheneröffnung
vor dem Einbalsamieren bei den Aegyptern, die Beschneidung bei diesen
und den Juden. Ebenso ist es bemerkenswert, daß längst, nachdem
das Eisen zur Vorherrschaft im Alltagsleben gelangt war, die große
Mehrzahl der chirurgischen Instrumente nicht aus diesem, sondern aus
Bronze verfertigt wurde, wie die zahlreichen Funde auf dem Boden des
römischen Reiches beweisen.
Zahlreiche Funde werfen ein Licht auf die Erkrankungen und
Verletzungen des Knochensystems der ~neolithischen~ Menschen, so
wurden unter anderem (auch fast ohne Deformität geheilte) Frakturen
verschiedener Knochen, Verletzungen (durch Feuersteinpfeilspitzen),
Ankylosen, entzündliche Prozesse, Karies, Nekrose, Rhachitis
beschrieben; das gleiche gilt für die ~Bronzezeit~, aus deren
Gräberfeldern z. B. Fälle von Pfeilspitzenverletzungen, Arthritis
deformans bekannt sind.
Ohne feste Wohnsitze, von wilden Tieren umlagert, allen Unbilden
des Klimas und der Witterung preisgegeben, in steter Fehde lebend,
nicht selten an Nahrungsmangel leidend und starrend von Schmutz,
waren die rohen Jäger- und Fischervölker, abgesehen von Verletzungen
verschiedenster Art, Insektenstichen, Parasiten, Geschwüren,
Hautkrankheiten, Katarrhen, Entzündungen innerer Organe, Fiebern,
Vergiftungen ausgesetzt.
Innere Leiden, die oft zu schwerem Siechtum führten, mußten der
Naturheilkraft überlassen bleiben, bis allmählich ~aus manchen
Nahrungs- und Genußmitteln und aus Giftpflanzen -- Arzneien~ wurden.
Daß ~Zufall~ und ~Empirie~ schon in sehr frühen Epochen zur Kenntnis
von Heilmitteln führte, kann mit Bestimmtheit vorausgesetzt werden,
weil die Mythen[2] aller Völker auf Kenntnisse aus prähistorischer
Zeit hindeuten, und weil wir alle Kulturvölker, sobald der erste
Morgenstrahl der Geschichte auf sie fällt, ebenso wie die heutigen
Naturvölker, im Besitze eines höchst ansehnlichen Heilschatzes finden.
Der schöpferische Zufall und die verborgenen Wege, welche die, an
einzelne Individualitäten gebundene medizinische Empirie einschlug,
entziehen sich für immer der geschichtlichen Nachforschung umsomehr,
als die ~mystische Denkweise des primitiven Menschen~ die Natur und das
Leben beinahe völlig in den undurchdringlichen Schleier des Magischen
einhüllt.
[2] Vergl. z. B. die altbabylonische Izdubarsage, die äygptische
Horusmythe, die Argonautensage u. a. Die Erkenntnis, daß das
vorhandene medizinische Wissen nicht das Werk eines gewöhnlichen
Sterblichen oder einer Generation sein könne, fand in der
Herleitung der Medizin von Göttern (z. B. bei den Aegyptern und
Indern) oder von mythischen Herrschern (z. B. bei den Chinesen)
ihren Ausdruck.
Es würde zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle die
Weltanschauung des primitiven Menschen in ihrem Stufengang vom
Fetischismus und Ahnenglauben zum Animismus und Polytheismus darlegen
oder die höchst interessanten Wechselbeziehungen zwischen dem
Dämonismus und der Medizin bis in die Einzelheiten verfolgen -- es
genüge der Hinweis auf die psychologische Quelle und die Hauptformen
des mystischen Denkens in der Heilkunst der Urzeit.
~Nochmals sei nachdrücklichst betont, daß eine allerdings höchst
dürftige Empirie die Grundlage des medizinischen Denkens bildete~; auch
für den Urmenschen war der kausale Zusammenhang in Fällen von Trauma
(durch Biß, Stich, Hieb, Pfeilschuß etc.), in Fällen von Schmerz durch
einen eingedrungenen Fremdkörper oder Parasiten vollkommen klar, ebenso
verständlich erschien ihm der Tod infolge von schweren Verletzungen,
Blutverlust, Hunger. Bei diesen Typen durchsichtiger Aetiologie
konnte aber der Kausalitätstrieb nicht verharren, zwang doch schon der
Schmerz und die Angst zum Nachdenken über die Ursachen auch solcher,
oft plötzlich und unversehens hereinbrechender Krankheiten, für welche
keiner der bekannten Anlässe vorlag. Die Not des Tages heischte nach
Linderung; wo die Existenz des Lebens auf dem Spiele steht, drängt,
wenn schon nicht der Erkenntnis-, so doch der Erhaltungstrieb ungestüm
dazu, die Lösung des Rätsels zu versuchen. Die logische Schlußkette
des primitiven Menschen -- die erste medizinische Theorie -- war
bei dem ungemein kleinen Vorstellungskreise, der nur über das eigene
Ich als Maß verfügte, sehr kurz. ~Dem primitiven Denken galt jeder
Krankheitsfall, wo die Ursache nicht grob sinnlich wahrnehmbar war,
wo Ursache und Wirkung einander nicht unmittelbar folgten -- also die
überwiegende Mehrzahl der Krankheiten --, als Ausfluß eines stärkeren,
bösen Willens, einer dämonischen Macht, und ebenso waren ihm z. B.
Vergiftungen, wo anscheinend ein kolossales Mißverhältnis zwischen
Wirkung und Ursache bestand, nichts anderes als -- Zauber.~
Die ~Grundirrtümer~, in welchen sich das medizinische Denken
des primitiven Menschen bewegt, sind im wesentlichen dieselben, die
sich in mancherlei Spielarten durch weite Strecken der Geschichte
der Medizin verfolgen lassen. Sie sind darin gelegen, ~daß man
alles, was die temporäre Erfahrung und Denkstufe übersteigt,
kurzweg als übernatürlich und transzendental erklärt, daß man das
Unbekannte in ein Persönliches~ (Ontologie) ~umwandelt, welches
über den mechanischen Gesetzen des Naturgeschehens stehen soll~
(Animismus), ~daß man subjektiv Vorstellungen in Relation bringt,
denen kein Zusammenhang der Objekte in der Realität entspricht~. (Ein
charakteristisches Beispiel für den letztgenannten logischen Fehler
bildet folgender Schluß: Als die Jakuten während eines Ausbruchs der
Pocken zum ersten Male ein Kamel erblickten, erklärten sie dieses als
die feindliche Gottheit, welche die Seuche über sie gebracht habe.)
Die Art, wie man sich den Urheber des Zaubers und den Mechanismus
des magischen Einflusses dachte, wechselte je nach Oertlichkeit
und Denkstufe; im Laufe der Zeiten liefen verschiedene Ansichten
nebeneinander her, auch bei demselben Volksstamme. •Die Grundideen
sind aber dieselben auf der ganzen Erde• und knüpfen stets an konkrete
Wahrnehmungen an, die zu falschen Analogieschlüssen verwendet werden.
Solche, der Sinneserfahrung noch am nächsten stehende Anschauungen
waren z. B. jene, welche als Urheber des Leidens einen bösen,
zaubergewaltigen Menschen beschuldigten, oder jene, welche die
Krankheit durch einen magischen Schlag, Stich, Schuß, durch ein Gift,
einen bösen Hauch, durch ein unversehens eingedrungenes Tier (z. B.
Wurm) oder einen Fremdkörper (Stein, Knochen, Holzstück, Strohhalm)
zu stande kommen ließen. Man sieht hier deutlich, wie wirkliche
Vorkommnisse der medizinischen Erfahrung, gewisse Schmerzempfindungen
etc. phantastisch verwoben werden. Nach anderen Vorstellungen sind es
die Geister der Verstorbenen, dämonische Tiere etc., welche Leiden
hervorrufen oder selbst in den Körper des Kranken hineinfahren
(Besessenheit); daran schließt sich der Glaube an spezifische
Krankheitsdämonen, d. h. Personifikationen bestimmter Affektionen. Der
Ursprung dieser Vorstellungen ist in den Bildern der (vom primitiven
Menschen für real gehaltenen) Traumwelt zu suchen, insbesondere im
Alptraum mit seinen beängstigenden Truggestalten, ferner in der
Beobachtung von Konvulsionen oder Irrsinn, wo die Verzerrung des
Gesichts, die Veränderung der ganzen Individualität die Besitznahme
durch ein fremdes Wesen vortäuscht. Abstrakter ist endlich die
schon einem höheren ethischen Empfinden entsprechende Annahme, daß
Krankheiten als Strafen der Gottheiten wegen Verfehlungen oder als
Prüfungen aufzufassen seien.
Wiewohl es unter den heutigen ~Naturvölkern~ einige gibt, welche
aus einer einst hohen Kultur in die gegenwärtigen rohen Verhältnisse
allmählich zurückgesunken sind, so erschließen sie uns doch noch
am besten die medizinische Denkweise des primitiven Menschen; die
Verläßlichkeit dieser Quelle ergibt sich durch die prinzipielle
Uebereinstimmung in den medizinischen Vorstellungen der Naturvölker
untereinander, noch mehr durch die vielfachen Analogien mit den
abergläubischen Resten in der Medizin der alten Kulturvölker und
mit der Volksmedizin. Von oben nicht erwähnten (in der Medizin der
Naturvölker oder in der Volksmedizin vorkommenden) vermeintlichen
Krankheitsursachen seien beispielsweise noch erwähnt: der „böse
Blick“, der Vampir, die zauberhafte Wegnahme der Seele, des Schattens
oder eines Körperteils (Nierenfett), die Ortsveränderung eines
Organs, die sympathetische Krankheitsübertragung. Bemerkenswert
ist es übrigens, daß bei manchen Volksstämmen sehr niedriger Kultur
nebstdem auch natürliche Krankheitsursachen angenommen werden, z. B.
böse Winde, unzweckmäßige Ernährung, körperliche Ueberanstrengung,
„Ansteckung“ (bei Lungentuberkulose), Vererbung (bei Aussatz,
Epilepsie).
Außer den Traumerscheinungen haben auf die Vorstellung der
Dämonenwelt noch andere, ins Gebiet der Medizin fallende Beobachtungen
gestaltend eingewirkt, z. B. die Betrachtung der menschlichen
Mißgeburten.
Unter den Tieren, welche das Modell für Seelenvorstellungen oder
Krankheitsgeister lieferten, spielt der „Wurm“ keine geringe Rolle.
Es hängt dies damit zusammen, daß auf dem verwesenden Körper Maden
beobachtet wurden (bei den madagassischen Stämmen „Seelenwurm“), und
daß man wirkliche Würmer als Krankheitserreger bei Tier und Mensch
beobachtete oder unter der Rinde absterbender Bäume auffand. -- Es
sei hier an den Glauben an „~Zahnwürmer~“, wie er in der europäischen
Volksmedizin und in der orientalischen Medizin auftritt, erinnert.
Da die primitive Medizin den Ursprung und das Wesen der Krankheit
auf Grund der dämonistischen Hypothese erfaßt zu haben glaubt, so ist
ihre ~Therapie~ konsequenterweise eine ~kausale~, eine ~ätiologische~:
~Zauber muß durch Gegenzauber behoben werden~.
Im Denken des primitiven Menschen erscheint die Krankheit und die
Heilung als ein Kampf zweier zauberkundiger Gegner, als ein Kampf,
für welchen die Waffen aus der Rüstkammer des Uebernatürlichen, des
Mystischen, der ~Magie~ geholt werden. ~Diese bedeutet den Versuch,
die Naturgesetze zu durchbrechen, statt auf dem Wege der Erkenntnis
in den Ablauf des Naturgeschehens einzugreifen: die Dienstbarmachung
der Natur durch übernatürliche Mittel.~
Nur einzelnen Stammesgenossen, welche über geheimnisvolle Kenntnisse
und unheimliche Fähigkeiten (namentlich im Gebrauch der Giftpflanzen)
verfügen, ist die Gabe verliehen, mit der Geisterwelt in Verkehr
zu treten, Zauber unwirksam zu machen, Dämonen abzuwehren und zu
verjagen, die Mittel anzugeben, wie die erzürnte Gottheit zu versöhnen
sei. Es waren die Fetischpriester, welche dort, wo die gewöhnliche
Heilkunst versagte, als ~Zauberärzte~ hervortraten, so wie sie auch
mit magischen Künsten das Wetter beeinflußten, den günstigen Ausfall
der Jagd, die glückliche Entscheidung des Kampfes bewirkten, die
Zukunft vorhersagten. Namentlich in Zeiten des Unheils, der ~Seuchen~
groß geworden, beruht ihr übermächtiges Ansehen darauf, daß sie das
wachsende Erfahrungswissen mit dem Nimbus des dämonenbezwingenden Kults
klug zu bekleiden verstanden; an dem Glauben der übrigen erstarkte
ihr Selbstvertrauen, und unleugbar erfüllten sie ihre Aufgabe als
Heilkünstler teils durch ~Anwendung wirksamer Heilverfahren, welche
freilich mit phantastischem Beiwerk dicht umrankt waren~, teils
durch ~Beeinflussung der Psyche~ und damit der natürlichen Heilkraft
(~Suggestion~).
Aus der Urzeit sind begreiflicherweise nur spärliche Zeugen der
magischen Heilkunst auf uns gekommen, nämlich Amulette aus der jüngeren
Steinzeit und aus der jüngeren Bronzezeit (Medikamententasche eines
nordischen Arztes). Die ersteren sind Knochenscheiben, die man aus
den Schädeln Verstorbener heraustrepanierte und an einer Schnur trug;
die letzteren bestehen aus Tierzähnen, Wieselknochen, Katzenklauen,
Eichhörnchenunterkiefern, Vogelluftröhren, Natternwirbeln u. a. Diese
Reste sprechen eine beredte Sprache, denn sie beweisen nicht bloß das
hohe Alter der dämonistischen Ideen[3], sondern sie zeigen durch die
Uebereinstimmung mit noch existierenden volksmedizinischen Gebräuchen,
wie sogar die Formen der mystischen Medizin den Wandel der Zeiten,
die verschiedenen Stadien des religiösen Bewußtseins überdauern. Umso
sicherer können wir aus dem medizinischen Mystizismus der ältesten
Kulturmedizin und aus den Zauberprozeduren der Medizinmänner der
Naturvölker Rückschlüsse auf das magische Heilverfahren der Urzeit
machen. Auch dieses wird aus Kulthandlungen (Opfern, Gebeten,
Räucherungen, Reinigungen, Fasten u. a.), sowie aus eigentlichen
Zaubermitteln und Zauberprozeduren bestanden haben, wohin namentlich
das ~Amulett~, die ~sympathetische Krankenübertragung~, ~das
Besprechen~, ~das Beschwören~, ~die Dämonenaustreibung und symbolische
Handlungen~ in ihren verschiedenartigsten Modifikationen gehören,
zumeist verknüpft mit Heiltränken oder rationellen Heilmethoden,
z. B. mit der (verdeckten) Massage, der Blutentziehung, mit Bädern
und diätetischer Behandlung. ~Mancher Heilgebrauch, der einst
aus Instinkt oder Beobachtung hervorgegangen war, fand jetzt eine
sekundäre dämonistische Umdeutung, welche den ursprünglichen Sinn
vergessen ließ~; so wurde z. B. das Streichen, Kneten und Drücken
schmerzhafter Stellen zum Mittel der Dämonenaustreibung, das Anblasen,
Anhauchen, das Bespeicheln, das Bemalen, Tätowieren u. a. erhielt eine
mystische Bedeutung als Gegenzauber gegen geisterhafte Einflüsse, die
Bäder, Waschungen, die Räucherungen, gewisse diätetische Maßnahmen
verwandelten sich in Kulthandlungen[4]. Und bei einer kritischen
Untersuchung zeigt es sich deutlich, ~daß im Grunde die meisten
Prozeduren der mystischen Heilkunst nichts anderes als die symbolische
Anwendung jener Gebräuche, jener Verteidigungs- und Angriffsmittel
darstellen, welche auch sonst im gewöhnlichen Leben zur Abwehr der
Gefahr dienten, nur daß sie hier gegen einen unsichtbaren Feind
benützt werden~. So sind z. B. Opfer und Kasteiung Versuche, die Gunst
der höheren Mächte zu gewinnen; die Besprechung, die Beschwörung
ist eine Aufforderung, eine Drohung, und die Art der primitivsten
Dämonenaustreibung durch listiges Weglocken, Verjagen durch Lärm,
Aufführen von Tänzen, Schütteln oder Schlagen des Patienten erinnert
an die Vorgänge im Kampf mit wirklichen Feinden[5].
[3] Darauf weisen auch die ältesten Krankheitsnamen.
[4] Dahin gehört auch z. B. die kultische Blutentziehung, ja sogar
das rituelle Erbrechen bei manchen Indianerstämmen.
[5] Burjätische Schamanen glauben die bösen Geister durch
Pfeilschüsse töten zu können.
Es mangelt der Raum, von diesem Standpunkte hier alle Typen
oder gar die Einzelheiten der Volksmedizin und der Heilkunst
der Naturvölker zu analysieren, es genüge die bloße Anregung
zur Nachprüfung.
~Das Amulett ist die älteste Form der Krankheitsprophylaxe~ und ging
ursprünglich aus der ~Idee~ hervor, daß man sich durch den Besitz
~fremder Körperteile auch in den Besitz ihrer Funktionen setzen~
(also die eigene Naturheilkraft verstärken) ~zu können glaubte~. Aus
dem anfänglichen Verzehren der Organe (z. B. des Marks, des Gehirns,
der Hoden etc.) entwickelte sich das abgekürzte Verfahren, tierische
Körperteile, giftfeste Tiere (z. B. Spinnen), seltene, stark glänzende
oder riechende Dinge u. s. w. bloß am Leibe zu tragen[6].
[6] Es ist merkwürdig, wie sich die modernsten Ideen (Organ- und
Serumtherapie) mit dieser ältesten Form der Prophylaxe im
Prinzip berühren. -- Das Gegenstück zum Amulett bildet jene
Form des sympathetischen Zaubers, wo man sich in den Besitz
von einzelnen Körperteilen einer Person (z. B. der Haare,
der Zähne, des Harns, der Exkremente etc.) setzt und durch
symbolische Manipulationen mit dem Objekt eine Erkrankung bei
dem ursprünglichen Besitzer hervorzurufen beabsichtigt.
Wo Dämonismus die Theorie, wo Magie die Praxis bildet, kann die
medizinische ~Diagnostik~ und ~Prognostik~ nur aus Visionen
und Götteroffenbarungen schöpfen. So wird die Erkenntnis des
Krankheitswesens und die Vorhersage des Ausgangs teils im ~Traum~
oder im Zustand der ~Ekstase~ von den höheren Mächten offenbart, teils
aus zufällig eintretenden ~Vorzeichen~ oder aus der ~Orakelbefragung~
ermittelt. Unter den Arten der letzteren erlangte ~die Eingeweideschau~
eine hohe Bedeutung -- führte sie doch zu anatomischen Kenntnissen
primitivster Art.
Einen lebensvollen Eindruck vom Gehaben der Zauberärzte empfängt
man aus der Schilderung der bei den Naturvölkern bestehenden
Verhältnisse. Der größte Teil der Heilkunst liegt in den Händen der
~Medizinmänner~. Die oft höchst absonderliche Lebensweise derselben
ist von der Absicht geleitet, den Nimbus übernatürlicher Fähigkeiten
zu bewahren und das Volk in staunender Furcht zu erhalten. „Sie essen
getrennt und zu ungewöhnlichen Zeiten, sie schlafen, wenn die anderen
wachen, und sie behaupten lange Wanderungen zu unternehmen, wenn die
anderen im Lager alle im Schlafe liegen; selten jagen und fischen
sie oder tun irgend eine Arbeit.“ Bei manchen Stämmen leben sie
zurückgezogen und vermeiden gewisse Nahrungsmittel (z. B. bestimmte
Fleischsorten); auch in der äußeren Erscheinung ihrer Wohnung drückt
sich die Ausnahmsstellung aus, welche die Medizinmänner genießen.
Ihre zauberärztlichen Prozeduren pflegen sie meistens in einer
besonderen Amtstracht vorzunehmen, welche in grotesker Vermummung
besteht. Bei manchen Stämmen ist der Beruf ein erblicher, oder es
geben gewisse Absonderlichkeiten der Geburt (z. B. Zwillingsgeburt),
oder besondere Erlebnisse (Träume, Ueberstehen von Krankheiten etc.)
Veranlassung, daß jemand für die ärztliche Laufbahn bestimmt wird;
insbesondere bei den ~Schamanen~ der sibirischen Volksstämme scheint
eine nervöse und zu epileptiformen Anfällen geneigte Konstitution
die nötige Voraussetzung für ihre Suggestivwirkungen zu bilden, oder
zum mindesten können sich dem Berufe nur solche (psychopathische?)
Individuen mit Erfolg widmen, die unter dem Einfluß der Tradition
und des häufigen Anblicks der Konvulsionen eine solche Fertigkeit
der Autosuggestion erlangen, daß sie sich beim Einwirken äußerer
Momente (Anwesenheit der Gläubigen, Hersagen von Beschwörungsformeln,
Schlagen der tamburinähnlichen Zaubertrommel, Tanzbewegungen u.
s. w.) nach Belieben in Ekstase zu versetzen und konvulsivische
Anfälle zu produzieren vermögen. Um das magisch ärztliche Können
als Ausfluß höherer Inspiration erscheinen zu lassen, hat sich der
Novize unter bestimmter Anleitung oft einer harten, mit Kasteiungen
und geheimnisvollen Zeremonien verbundenen Vorbereitung in der
Einsamkeit zu unterwerfen, bis ihm die „Berufung“ zu teil wird, d.
h. bis er in einen Zustand versetzt wird, der an gewisse Formen der
Hysterie erinnert und mit der Hypnose verwandt ist. Besonders hohe
Ansprüche stellt man z. B. bei den nordamerikanischen Indianern an
jenen Kandidaten, welcher die Aufnahme in den Geheimbund der Mide
wünscht, und es dauert oft eine ganze Reihe von Jahren, bis alle Grade
bis zur höchsten Weihe durchlaufen werden. Wo es zu einer Art von
Organisation der Zauberärzte gekommen ist, wird der Novize älteren
Mitgliedern zur fachlichen Ausbildung anvertraut, wo dies nicht der
Fall, schließt sich der Kandidat längere Zeit an einen Medizinmann an,
erhält durch ihn Unterweisung (im Ausgraben der Heilkräuter, in der
Bereitung der Arzneien u. s. w.) und erreicht durch Assistenz bei den
magischen Heilprozeduren allmählich die nötige praktische Fertigkeit
(auch in der Taschenspielerkunst). Bei manchen Volksstämmen erlangt
der Adept die Approbation erst nach einer Art von ärztlichem Examen.
Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß es bei manchen Naturvölkern
ärztliche Lehrbücher (Beschwörungsformeln und Rezepte) gibt, daß die
Medizinmänner oft Heilgehilfen haben und auch gemeinsam untereinander
beraten, daß auch Weiber in den Stand Aufnahme finden (zumeist als
Medium bei den Zauberhandlungen).
Das Honorar ist bisweilen recht ansehnlich, jedoch ist der Beruf
nicht ohne Gefahr und bei unglücklichem Ausgang der Kur kommt alles
darauf an, die Hinterbliebenen zu überzeugen, daß ein böswilliger
Medizinmann eines feindlichen Stammes den Tod des Patienten verursacht
hat. Bei den Einwohnern von Haiti z. B. zogen die Verwandten, wenn
sie an die Schuld des Arztes glaubten, denselben zur Rechenschaft
und bestraften ihn unter Umständen aufs Grausamste. Dort, wo aus den
Zauberpriestern ein wirkliches Priestertum mit Götterkultus entstand,
wie bei den alten Kulturvölkern, trifft die Verantwortung für den
unglücklichen Ausgang der Kur nicht mehr den Priester, sondern es
war einfach der übermächtige Wille der zürnenden Gottheit, welche die
Heilung versagte. (Bemerkenswert ist es, daß selbst im nigritischen
Afrika die spätere Abtrennung des ärztlichen Berufs vom Priestertum
in bescheidenen Anfängen angedeutet ist.)
Zum Handwerkszeug des Medizinmannes gehört der Medizinsack,
welcher allerlei absonderliche Dinge, Krallen von Raubtieren,
Fußwurzelknochen, Schneckenhäuser, seltsame Medizinsteine etc.
enthält, ferner die Trommel und die Rassel, welche zur Erzeugung von
betäubendem Lärm (Musik, Hypnose) bei den Tänzen und Beschwörungen
benützt werden. Opfer und Gebete leiten meistens die übernatürliche
Behandlung ein, diese selbst besteht aus sympathetischer
Krankenübertragung, Ausräucherungen, Exorzismen, symbolischen
Handlungen, welche z. B. das Zurückbringen von „geraubten“
Körperteilen, das Zurückholen der Seele, das Fangen, Festbannen und
Vernichten des Dämons darstellen sollen u. s. w. Den Ursprung aus
der empirischen Medizin verraten insbesondere das Kneten, Streichen,
Drücken, die Massage, wobei der Schmerzpunkt des Patienten vorher
aufgesucht wird, sowie das Bepusten und Bespeien (mit Wasser oder
medikamentösen Flüssigkeiten). An die versteckte Massage schließt
sich das symbolische Herausnehmen oder ~Heraussaugen~ der Krankheit
(Vorbild der Fremdkörper!), als dessen Ergebnis vom Medizinmann z.
B. ein schon vorher bereit gehaltener Stein (Medizinstein) mit allen
Finessen des Taschenspielers produziert wird. Plastisch schildert
nachfolgende Skizze die Kur eines Zauberarztes der Buschmänner:
„Der Arzt beginnt, fortwährend sprechend, den Kranken an allen
Gliedmaßen strichweise zu reiben und zu kneten, und zwar stets von
den Extremitäten oder der Peripherie aus nach der Stelle, die der
Kranke als besonders schmerzhaft bezeichnet. Abwechselnd mit dieser in
immer schnellerem Tempo geführten Massage, bestreicht der Operateur
das erwähnte Schmerzzentrum mit dem seinen Achselhöhlen entnommenen
Schweiße und bespuckt dasselbe außerdem noch ausgiebig, fortwährend
an kleinen, um den Hals getragenen Amuletthölzchen knuspernd. Nach
Verlauf von zehn oder fünfzehn Minuten, je nach dem Zustande des
Kranken wird die geschilderte Prozedur unterbrochen. Nun preßt der
Arzt, gleichzeitig heftig saugend, seinen Mund krampfhaft auf die
Körperstelle, nach welcher hin die Richtung der Reibung ging. Bald
darauf beginnt er, sich heftig zu winden, zu stöhnen, das Gesicht zu
verziehen, die Augen zu rollen, alles unter der Einwirkung starker
Schmerzen. Die Fremdkörper, denn solche sind es, die das Wohlbefinden
störten, sind nun in den Arzt übergegangen; während er sich am Boden
windet, greift er plötzlich nach den Ohren oder dem Kopfhaar und
bringt unerwartet die aus seinem Körper entfernten Gegenstände z. B.
ein Stück Kohle oder eine Kaurimuschel zum Vorschein. ‚Diese Dinge
haben dich krank gemacht,ʻ belehrt er den Kranken, ‚ich werde sie nun
begraben, und damit sind deine Schmerzen fortʻ“ (Stoll, Suggestion und
Hypnotismus, Leipz. 1904, S. 286). Daß bei Seuchen ein ganzer Apparat
von mystischen (oft verdeckt empirischen) Gebräuchen in Wirksamkeit
tritt, ist klar.
Wenn der Dämonismus auch vorwaltet und das nüchterne Denken
lähmt, so zeigt doch eine vergleichende Rundschau, daß die Medizin
der Naturvölker über nicht wenige wirksame Heilsubstanzen und
therapeutische Maßnahmen verfügt.
Was zunächst den ~Heilschatz~ anlangt, so genügt zu seiner
Beurteilung der Hinweis, daß unsere Pharmakopöe nicht wenige der
wertvollsten Mittel den Naturvölkern schuldet und allem Anschein
nach, wird die Zukunft noch so manches aus dieser Quelle schöpfen.
Bekannt sind den Naturvölkern zahlreiche ~Abführmittel~, ~Stomachika~,
~Brechmittel~ (auch prophylaktisch verwendet), ~Narkotika~,
~Vermifuga~, ~Aphrodisiaka~, Aromatika, Vesikantia, Rubefacientia
etc. Neben den Medizinalpflanzen, die vereinzelt sogar eigenst
angebaut werden, verwendet man auch mineralische und tierische
Substanzen, unter den letzteren kommen Fette, Tran, Organe, Blut,
Galle, Speichel, pulverisierte Knochen und Zähne, Konkremente,
Harn und Fäces vor. Von Arzneiformen sind am häufigsten Dekokte,
Kataplasmen, Umschläge, Einreibungen, Salben und Pflaster, selten
dagegen Pulver, Infuse und Pillen; bei einigen Völkern verabreicht
man mit primitiven Hilfsmitteln ~Klistiere~ und kennt den Gebrauch
von ~Räucherungen~, Inhalationen, Schnupfpulvern, Nasenduschen,
Instillationen. Interessant ist es, daß bei manchen Stämmen die
~Impfung~ gegen Blattern (bei den Aschanti) oder gegen Schlangenbiß
vorgenommen wird, indem man Pockeneiter bezw. Präservativmittel gegen
Vergiftung in Hauteinschnitte einreibt; in dunkler Vorahnung des
isopathischen Prinzips werden auch Einreibungen mit dem Fett giftiger
Tiere, Skorpionöl etc. zur Bekämpfung von tierischen Vergiftungen
gemacht. Mit dem Einsammeln der Drogen, mit dem Bereiten und Einnehmen
von Arzneien ist stets eine Menge von absonderlichen mystischen
Gebräuchen verknüpft.
Außer der arzneilichen Therapie spielen auch ~diätetische
Vorschriften~, ~Massage~ (in den verschiedensten Modifikationen vom
leisen Berühren bis zum Stoßen und Treten), die ~Wasserbehandlung~
(kalte Bäder, kalte und warme Uebergießungen, medikamentöse Bäder,
Thermen, Dampfbäder) und Trinkkuren eine Rolle. All dies ist mit
einer Menge von rituellen oder abergläubisch-suggestiven Gebräuchen
umgeben, die als Hauptsache imponieren. -- Bemerkenswerterweise
kennt man auch die schmerzstillende Wirkung des ~zirkulären Drucks~
(Zusammenschnüren der schmerzhaften Stelle z. B. des Kopfes, der
Brust mit einem Band, Gürtel etc.). -- Eigentümlich ist eine, statt
der kalten oder warmen Uebergießung angewendete Methode, welche darin
besteht, daß der Medizinmann z. B. bei fieberhaften Zuständen den
Körper des Kranken von oben bis unten mit einem Sprühregen von Wasser
(oder einer medikamentösen Flüssigkeit) aus seinem Munde berieselt.
Weit verbreitet in verschiedenen Formen ist die Heilmethode des
~Schröpfens~ und der ~Blutentziehung~. Das ~Schröpfen~ wird teils
durch kräftiges Saugen mit dem Munde ausgeführt, teils benützt man
einfache Hilfsinstrumente (knöchernes Rohr, Ochsen- oder Büffelhorn,
dessen durchbohrte Spitze nach dem Saugen schnell mit Wachs
verschlossen wird), selten wirkliche Schröpfköpfe. ~Skarifikationen~
macht man mit Dornen, Fischgräten, Steinsplittern, Muschelsplittern,
Knochenstückchen, Glasscherben oder Messern. Mit Steinsplittern oder
Messern wird auch der ~Aderlaß~ an verschiedenen Venen vorgenommen;
häufig armiert man zu diesem Zwecke einen Holzgriff mit einem
Feuersteinsplitter, der nur so weit hervorragt, als er in die Vene
eindringen soll; die Venäsektion erfolgt dann durch Einstich oder in
der Weise, daß man mit einem Stück Holz einen Schlag auf den Handgriff
des aufgesetzten Instruments ausführt. Bei den Isthmusindianern und
den Papuas schießt man mittels zierlicher Bögen einen kleinen (mit
ganz kurzen Steinspitzen armierten) Pfeil aus geringer Entfernung in
die Vene.
Die ~chirurgischen~ Leistungen sind nicht unansehnlich, ja
bei dem Mangel an anatomischen Kenntnissen überraschen sie durch
die Kühnheit der Eingriffe. Mit Dornen oder irgendwelchen anderen
scharfspitzigen Gegenständen (auch die Pinzette kommt vor) werden
Fremdkörper extrahiert, Abszesse eröffnet, bei der Wundbehandlung
kommt das Aussaugen in Betracht, bisweilen sogar eine Art von Drainage
(durch Wieken von Baumbast), ferner Wundbalsam und Kataplasmen; die
Naht oder die feste Bandagierung, um Verwachsung zu erzielen, ist bei
gewissen Stämmen nicht unbekannt. Zum Nähen kleiner Wunden werden z.
B. Dornen verwendet, welche man quer durch beide Wundränder steckt
und dann umschlingt. Bei einigen Indianerstämmen Brasiliens ist es
üblich, die beiden Wundränder von den scharfen Kopfzangen einer großen
Ameise fassen zu lassen, welcher sodann schnell der Leib abgeschnitten
wird; eine Ameise um die andere ansetzend, schließt man die Wunde.
Bei Behandlung von Geschwüren erfreut sich die Kauterisation (mit
heißer Asche, erhitzten Blättern, Glüheisen) großer Beliebtheit.
Die Blutstillung macht den Naturvölkern meist sehr erhebliche
Schwierigkeiten, zumeist wissen sie gar nichts damit anzufangen.
Manchmal führen jedoch pflanzliche und mineralische Styptika zum
Ziele, seltener sucht man durch zirkulären Druck (fest herumgelegte
Binden) der Blutung Herr zu werden. Die Behandlungsweise der
Verrenkungen ist ohne jede Rationalität (Kataplasmen, Glüheisen etc.),
hingegen besitzen wir erstaunliche Berichte darüber, wie geschickt
man Knochenbrüche zu behandeln versteht. Nicht nur ~Schienenverbände~
(aus Holz, Baumrinde, Bambusstücke u. s. w.) und Lagerungsapparate,
sondern sogar ~erhärtende Verbände~ (aus Ton) wissen die Naturvölker
herzustellen.