~Zeit ist Geld~, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um
Leuten, in deren Augen nichts so großen Wert hat, als Geld, den gewissen
Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als
Geld, da man durch gute Verwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber
durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist
nicht klein, welche über Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele
und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den
mannigfaltigsten und teuersten Speisen beseht sind, ahmen in Verzierung
ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer
Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, daß ihre Einnahme
nicht zureichen wolle.
Wie diesen Familien könne geholfen, wie sie in eine Lage könnten versetzt
werden, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben würde, sieht ein
jeder, nur sie selbst nicht.
Freund! der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen?
In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schönsten
Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu.
Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften
und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du
bist, sind zugeschickt worden; nachmittags besuchst du Gesellschaften,
abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur
kennen und die Hände brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich
die Zeit nehmen, dies alles zu erlernen?
Denke doch nur darüber nach, wie du deine Zeit am zweckmäßigsten anwenden
willst, und thue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du
Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit
mehr zu erlernen.
Stehe früh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du
viel lernen kannst.
Da bei der Annäherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvögel
ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, daß der Mensch, der in
gewissen Rücksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die
Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewiß sehr mannigfaltige
traurige Folgen, vorzüglich für den Erzieher. Deine Zöglinge müssen doch,
wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkräftung bewahrt werden sollen,
früh aufstehen. Wirst du sie dazu gewöhnen können, wenn du dich selbst von
der Sonne in deinem nächtlichen Lager bescheinen läßt?
Denken und beobachten muß immer dein Hauptgeschäft sein; dadurch wird
deine Geisteskraft geübt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener
Kenntnisse, von deren Wahrheit du überzeugt bist und die du bei deinen
Arbeiten anwenden kannst. Lesen mußt du auch, um dir mehr Stoff zum Denken
zu verschaffen. Geschieht dies mit Mäßigung, mit Auswahl vorzüglich in
Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem
Geiste eine gesunde, stärkende Nahrung.
Liesest du aber, so wie es jetzt gewöhnlich ist, unmäßig, so kommst du mir
vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag ißt. Sein stets beladener Magen
macht ihn zum Denken unfähig, und seine Säfte werden durch die heterogenen
Nahrungsmittel, die in dieselben übergehen, verderbt. Das beständige Lesen
füllt den größten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum
Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe,
wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu
keiner Selbständigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nächste
Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du
zuletzt durchgelesen hast.
So nachteilig würde dir das unmäßige Lesen sein, wenn du auch keine
bestimmten Geschäfte hättest. Weit größerer Nachteil entspringt aber
hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschäfte, wie z. E. die Erziehung,
übernimmst.
Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Körper, dein Geist
ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die
Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher
hörst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der
nötige Nachdruck. Du übernimmst die Aufsicht über sie mit der Zeitschrift
in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatürliche Stille,
damit du im Lesen nicht gestört werdest; bei jedem Geräusche, bei jeder
Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und läßt dich wohl zu
einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du
unfähig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche,
die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang
fürchten sie dieselbe, nach und nach gewöhnen sie sich daran und setzen
sich am Ende gar darauf.
Willst du also, Freund! ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge
meinen Rat und mäßige dich im Lesen. Bedenke, daß das Lesen immer nur
Mittel zur Erreichung höherer Zwecke sein muß, und daß du eine Thorheit
begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit
ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten
anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschäfte unumgänglich nötig
sind. Denke an Pestalozzi! Würde er wohl der mächtigwirkende Mann geworden
sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten
verwendete, mit Lesen zugebracht hätte?[38]
Du wirst ferner eine große Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu
sehr an die Gesellschaftlichkeit gewöhnst.
Daß die Gesellschaftlichkeit ihre großen Vorteile habe, und der mäßige
Genuß derselben Bedürfnis sei, wer wird dies leugnen?
Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben,
ist Zeitverschwendung, ist wahrer Müßiggang, der, so wie jeder Müßiggang,
viel Böses lehrt, und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung
und Abwartung seines Geschäfts verwenden sollte. Wirst du nur die Hälfte
der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt
zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden.
Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die
Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte
zuzubringen? Wäre dieses, so mußt du von neuem geboren werden, es
muß eine gänzliche Änderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erzieher
tüchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht über den Wert der
Zeit nachgedacht; noch gar nicht überlegt, wie viel ein vernünftiger
Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du
denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst
du denn erziehen können, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du,
wenn die Spielstunde schlägt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht
von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl
Selbstbeherrschung predigen können, wenn du selbst Sklave der Spielsucht
bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einfluß haben und ihnen
Neigung zum Kartenspiele beibringen?
Also, Freund! der du mit dieser Sucht behaftet bist, wähle! Entsage dem
Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander
vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der
Harmonika.
So glaube ich dir denn die Frage: ~Wo soll ich denn die Zeit hernehmen,
dies alles zu erlernen?~ hinlänglich beantwortet zu haben. Entsage nur
allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen
hattest, so wirst du überflüssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was
das Erziehungsgeschäft erleichtern und begünstigen kann.
9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in
Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen
Grad von Gesundheit auszeichnen.
Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so
mußt du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu
könntest du dir zwar auch die nötigen Kenntnisse in den Schulen der Ärzte
und aus den Büchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du
erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die
es bewiesen haben, daß sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die
nötige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgärtner hat
mehrere tausend junge Bäume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege
wachsen und gedeihen, ohne daß er eine genaue Kenntnis ihrer innern Teile
besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die
Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters.
Auf ähnliche Art wirst du auch lernen können, die Gesundheit der Kinder
zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in
Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um
ihrem Körper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen
thun, wenn sie sich übel befinden.
Im letztern Falle mußt du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den
Kindern fehle, was ihr Übelbefinden veranlaßt habe, und das einfache
Mittel, wodurch die Unordnung im Körper gehoben werden könne.
Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter
deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch ärztliche Vorlesungen und
Bücher erlernt, weil man bei dem erstern die Sachen durch die Anschauung
und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man
sich so leicht irren kann.
10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen
Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen.
Wie nötig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die Überzeugung da
ist, entsteht auch der Entschluß zur Pflichterfüllung. Das Kind thut
nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen
der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfüllung und Vernachlässigung
derselben verknüpft sind, sondern weil es überzeugt ist, daß es notwendig
so sein muß.
Deswegen denke selbst oft über deine Pflichten nach und suche dich
von der Verbindlichkeit, sie zu erfüllen, zu überzeugen. So lange dir
diese Überzeugung fehlt, so lange du nur durch die Umstände dich zur
Pflichterfüllung bestimmen läßt, so lange wird es dir auch schwer sein,
sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und Unwirksam sein,
als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Unterthanen
gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang
empfinden, sie auf deine Kleinen zu übertragen, der dich beredt machen und
deinem Vortrage die nötige Wärme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von
Herzen kommt, geht wieder zu Herzen.
Ist z. E. die Überzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir
lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwärtig sein, und du
wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen können.
Übe dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die
Kinder zur Überzeugung davon zu bringen. Jede Übung verschafft Fertigkeit,
und je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu
kommen, zeigt sie uns.
Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt:
erstlich den von ihren Pflichten überzeugten Kindern zur Erfüllung Neigung
einzuflößen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse Pflichten sogleich
auszuüben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir
erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam
zu versinnlichen.
Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzüglichste Ursache ist,
warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn
die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlässigen, so mußt
du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die
Notwendigkeit, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu
beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib
mit seinen Begierden die gehorchende sein müsse, vorstellest. Dieses
kannst du versinnlichen durch das Bild eines Reiters, eines Hausvaters,
eines Fürsten, kannst zeigen, daß nicht das Roß, nicht das Gesinde, nicht
die Unterthanen, sondern der Reiter, der Hausvater und der Fürst regieren,
und das Roß, das Gesinde, die Unterthanen gehorchen müssen, wenn alles
gut gehen soll; daß das Schicksal eines Reiters sehr traurig sei, der
sein Pferd nicht bändigen und regieren kann; daß der Hausvater und Fürst,
die von ihren Untergebenen sich müssen vorschreiben lassen, sich eben so
übel befinden, und dies der nämliche Fall mit einem Menschen sei, dessen
Geisteskraft so schwach ist, daß er die Begierden nicht bändigen kann, und
ihren Forderungen nachgeben muß.
Du mußt dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu
personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch
Erfüllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen
Stoff in den Schriften für Kinder, welche erdichtete Erzählungen
enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst
du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der
alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster
in Erfüllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzähle ihnen z. E.
die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in
barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden ließ
und seiner trauernden Familie wieder schenkte, ohne es merken zu lassen,
wem sie diese Freude zu verdanken habe; oder die Gewissenhaftigkeit jenes
Mennoniten, der, als er von einem feindlichen Offizier genötigt wurde,
ihm ein Gerstenstück zum Abmähen für die Pferde zu zeigen, denselben vor
den Äckern seiner Nachbarn vorbeiführte und ihm sein eignes Gerstenstück
zeigte -- und du wirst gewiß wahrnehmen, daß deine kleinen Zuhörer das
Edle dieser Handlungen innig fühlen und von dem Entschlusse werden belebt
werden, ebenso zu handeln.
Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, daß sie gewisse Pflichten
sogleich erfüllen, so mußt du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die
Notwendigkeit derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen,
wenn du sie das Unschickliche der Vernachlässigung recht innig fühlen
läßt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu
gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen,
so könntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es
zum Gesetz machen, daß jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der
Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen,
wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich
fühlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg
fragen: Willst du, daß alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich
merken läßt, daß er das Unschickliche davon fühle, kannst du weiter
fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel
machen?
Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlässigt, kannst du
auch fragen: Hältst du mich für einen rechtschaffnen Mann? wirklich? wie
kannst du mir denn zumuten, daß ich der Vernachlässigung deiner Pflichten
nachsehen soll? Thut das ein rechtschaffner Mann? Würdest du mich nicht
selbst verachten müssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete
und zur Vernachlässigung deiner Pflichten schwiege?
Durch solche und ähnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine
Pflegebefohlenen zur Kenntnis und Überzeugung von ihren Pflichten
bringen, in ihnen der Entschluß, sie zu erfüllen, erzeugen, sie gewöhnen,
pflichtmäßig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt
werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fühlbar zu machen.