8. Gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen.

~Zeit ist Geld~, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um

Leuten, in deren Augen nichts so großen Wert hat, als Geld, den gewissen

Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als

Geld, da man durch gute Verwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber

durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist

nicht klein, welche über Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele

und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den

mannigfaltigsten und teuersten Speisen beseht sind, ahmen in Verzierung

ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer

Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, daß ihre Einnahme

nicht zureichen wolle.

Wie diesen Familien könne geholfen, wie sie in eine Lage könnten versetzt

werden, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben würde, sieht ein

jeder, nur sie selbst nicht.

Freund! der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen?

In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schönsten

Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu.

Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften

und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du

bist, sind zugeschickt worden; nachmittags besuchst du Gesellschaften,

abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur

kennen und die Hände brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich

die Zeit nehmen, dies alles zu erlernen?

Denke doch nur darüber nach, wie du deine Zeit am zweckmäßigsten anwenden

willst, und thue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du

Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit

mehr zu erlernen.

Stehe früh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du

viel lernen kannst.

Da bei der Annäherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvögel

ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, daß der Mensch, der in

gewissen Rücksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die

Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewiß sehr mannigfaltige

traurige Folgen, vorzüglich für den Erzieher. Deine Zöglinge müssen doch,

wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkräftung bewahrt werden sollen,

früh aufstehen. Wirst du sie dazu gewöhnen können, wenn du dich selbst von

der Sonne in deinem nächtlichen Lager bescheinen läßt?

Denken und beobachten muß immer dein Hauptgeschäft sein; dadurch wird

deine Geisteskraft geübt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener

Kenntnisse, von deren Wahrheit du überzeugt bist und die du bei deinen

Arbeiten anwenden kannst. Lesen mußt du auch, um dir mehr Stoff zum Denken

zu verschaffen. Geschieht dies mit Mäßigung, mit Auswahl vorzüglich in

Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem

Geiste eine gesunde, stärkende Nahrung.

Liesest du aber, so wie es jetzt gewöhnlich ist, unmäßig, so kommst du mir

vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag ißt. Sein stets beladener Magen

macht ihn zum Denken unfähig, und seine Säfte werden durch die heterogenen

Nahrungsmittel, die in dieselben übergehen, verderbt. Das beständige Lesen

füllt den größten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum

Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe,

wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu

keiner Selbständigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nächste

Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du

zuletzt durchgelesen hast.

So nachteilig würde dir das unmäßige Lesen sein, wenn du auch keine

bestimmten Geschäfte hättest. Weit größerer Nachteil entspringt aber

hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschäfte, wie z. E. die Erziehung,

übernimmst.

Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Körper, dein Geist

ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die

Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher

hörst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der

nötige Nachdruck. Du übernimmst die Aufsicht über sie mit der Zeitschrift

in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatürliche Stille,

damit du im Lesen nicht gestört werdest; bei jedem Geräusche, bei jeder

Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und läßt dich wohl zu

einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du

unfähig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche,

die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang

fürchten sie dieselbe, nach und nach gewöhnen sie sich daran und setzen

sich am Ende gar darauf.

Willst du also, Freund! ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge

meinen Rat und mäßige dich im Lesen. Bedenke, daß das Lesen immer nur

Mittel zur Erreichung höherer Zwecke sein muß, und daß du eine Thorheit

begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit

ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten

anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschäfte unumgänglich nötig

sind. Denke an Pestalozzi! Würde er wohl der mächtigwirkende Mann geworden

sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten

verwendete, mit Lesen zugebracht hätte?[38]

Du wirst ferner eine große Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu

sehr an die Gesellschaftlichkeit gewöhnst.

Daß die Gesellschaftlichkeit ihre großen Vorteile habe, und der mäßige

Genuß derselben Bedürfnis sei, wer wird dies leugnen?

Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben,

ist Zeitverschwendung, ist wahrer Müßiggang, der, so wie jeder Müßiggang,

viel Böses lehrt, und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung

und Abwartung seines Geschäfts verwenden sollte. Wirst du nur die Hälfte

der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt

zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden.

Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die

Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte

zuzubringen? Wäre dieses, so mußt du von neuem geboren werden, es

muß eine gänzliche Änderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erzieher

tüchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht über den Wert der

Zeit nachgedacht; noch gar nicht überlegt, wie viel ein vernünftiger

Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du

denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst

du denn erziehen können, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du,

wenn die Spielstunde schlägt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht

von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl

Selbstbeherrschung predigen können, wenn du selbst Sklave der Spielsucht

bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einfluß haben und ihnen

Neigung zum Kartenspiele beibringen?

Also, Freund! der du mit dieser Sucht behaftet bist, wähle! Entsage dem

Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander

vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der

Harmonika.

So glaube ich dir denn die Frage: ~Wo soll ich denn die Zeit hernehmen,

dies alles zu erlernen?~ hinlänglich beantwortet zu haben. Entsage nur

allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen

hattest, so wirst du überflüssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was

das Erziehungsgeschäft erleichtern und begünstigen kann.

9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in

Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen

Grad von Gesundheit auszeichnen.

Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so

mußt du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu

könntest du dir zwar auch die nötigen Kenntnisse in den Schulen der Ärzte

und aus den Büchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du

erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die

es bewiesen haben, daß sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die

nötige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgärtner hat

mehrere tausend junge Bäume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege

wachsen und gedeihen, ohne daß er eine genaue Kenntnis ihrer innern Teile

besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die

Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters.

Auf ähnliche Art wirst du auch lernen können, die Gesundheit der Kinder

zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in

Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um

ihrem Körper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen

thun, wenn sie sich übel befinden.

Im letztern Falle mußt du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den

Kindern fehle, was ihr Übelbefinden veranlaßt habe, und das einfache

Mittel, wodurch die Unordnung im Körper gehoben werden könne.

Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter

deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch ärztliche Vorlesungen und

Bücher erlernt, weil man bei dem erstern die Sachen durch die Anschauung

und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man

sich so leicht irren kann.

10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen

Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen.

Wie nötig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die Überzeugung da

ist, entsteht auch der Entschluß zur Pflichterfüllung. Das Kind thut

nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen

der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfüllung und Vernachlässigung

derselben verknüpft sind, sondern weil es überzeugt ist, daß es notwendig

so sein muß.

Deswegen denke selbst oft über deine Pflichten nach und suche dich

von der Verbindlichkeit, sie zu erfüllen, zu überzeugen. So lange dir

diese Überzeugung fehlt, so lange du nur durch die Umstände dich zur

Pflichterfüllung bestimmen läßt, so lange wird es dir auch schwer sein,

sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und Unwirksam sein,

als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Unterthanen

gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang

empfinden, sie auf deine Kleinen zu übertragen, der dich beredt machen und

deinem Vortrage die nötige Wärme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von

Herzen kommt, geht wieder zu Herzen.

Ist z. E. die Überzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir

lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwärtig sein, und du

wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen können.

Übe dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die

Kinder zur Überzeugung davon zu bringen. Jede Übung verschafft Fertigkeit,

und je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu

kommen, zeigt sie uns.

Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt:

erstlich den von ihren Pflichten überzeugten Kindern zur Erfüllung Neigung

einzuflößen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse Pflichten sogleich

auszuüben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir

erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam

zu versinnlichen.

Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzüglichste Ursache ist,

warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn

die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlässigen, so mußt

du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die

Notwendigkeit, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu

beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib

mit seinen Begierden die gehorchende sein müsse, vorstellest. Dieses

kannst du versinnlichen durch das Bild eines Reiters, eines Hausvaters,

eines Fürsten, kannst zeigen, daß nicht das Roß, nicht das Gesinde, nicht

die Unterthanen, sondern der Reiter, der Hausvater und der Fürst regieren,

und das Roß, das Gesinde, die Unterthanen gehorchen müssen, wenn alles

gut gehen soll; daß das Schicksal eines Reiters sehr traurig sei, der

sein Pferd nicht bändigen und regieren kann; daß der Hausvater und Fürst,

die von ihren Untergebenen sich müssen vorschreiben lassen, sich eben so

übel befinden, und dies der nämliche Fall mit einem Menschen sei, dessen

Geisteskraft so schwach ist, daß er die Begierden nicht bändigen kann, und

ihren Forderungen nachgeben muß.

Du mußt dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu

personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch

Erfüllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen

Stoff in den Schriften für Kinder, welche erdichtete Erzählungen

enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst

du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der

alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster

in Erfüllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzähle ihnen z. E.

die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in

barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden ließ

und seiner trauernden Familie wieder schenkte, ohne es merken zu lassen,

wem sie diese Freude zu verdanken habe; oder die Gewissenhaftigkeit jenes

Mennoniten, der, als er von einem feindlichen Offizier genötigt wurde,

ihm ein Gerstenstück zum Abmähen für die Pferde zu zeigen, denselben vor

den Äckern seiner Nachbarn vorbeiführte und ihm sein eignes Gerstenstück

zeigte -- und du wirst gewiß wahrnehmen, daß deine kleinen Zuhörer das

Edle dieser Handlungen innig fühlen und von dem Entschlusse werden belebt

werden, ebenso zu handeln.

Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, daß sie gewisse Pflichten

sogleich erfüllen, so mußt du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die

Notwendigkeit derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen,

wenn du sie das Unschickliche der Vernachlässigung recht innig fühlen

läßt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu

gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen,

so könntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es

zum Gesetz machen, daß jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der

Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen,

wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich

fühlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg

fragen: Willst du, daß alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich

merken läßt, daß er das Unschickliche davon fühle, kannst du weiter

fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel

machen?

Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlässigt, kannst du

auch fragen: Hältst du mich für einen rechtschaffnen Mann? wirklich? wie

kannst du mir denn zumuten, daß ich der Vernachlässigung deiner Pflichten

nachsehen soll? Thut das ein rechtschaffner Mann? Würdest du mich nicht

selbst verachten müssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete

und zur Vernachlässigung deiner Pflichten schwiege?

Durch solche und ähnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine

Pflegebefohlenen zur Kenntnis und Überzeugung von ihren Pflichten

bringen, in ihnen der Entschluß, sie zu erfüllen, erzeugen, sie gewöhnen,

pflichtmäßig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt

werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fühlbar zu machen.

Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher · 第 47 / 48 题