1. Sei gesund!

Ein kranker Mann ist ein armer Mann, alle Geschäfte werden ihm schwer,

aber keins schwerer, als die Erziehung. Im krankhaften Zustande ist man

sehr reizbar, jeder Mutwille, jede Unbesonnenheit der Jugend erregt

Unwillen. Man muß sich also in einer Gesellschaft, welcher Mutwillen

und Unbesonnenheit eigen sind, sehr übel befinden, weil man sich alle

Augenblicke von derselben für beleidigt hält. Und wie will man sie in

einem steten Zustande unangenehmer Empfindungen erziehen können? Alle

Ermahnungen werden von Galle triefen oder mit einem zitternden Tone

vorgebracht werden. Dieser wird nichts wirken, und jene wird schaden. Die

vielen Klagen, die man über die Unfolgsamkeit der Jugend hören muß, rühren

gewiß meistens von der Kränklichkeit der Erzieher her, und wie kann man

sich zutrauen, gesunde Kinder erziehen zu können, wenn man selbst ungesund

ist?

Dies ist ja aber, wird man sagen, eine sonderbare Forderung: ~Sei gesund~!

Gesund will freilich ein jeder sein; hängt denn die Gesundheit aber von

seinem Willen ab?

Allerdings. Vorausgesetzt, daß keins der Eingeweide verletzt ist und du

deinen Körper nicht durch Ausschweifungen sehr geschwächt hast, so kannst

du gesund sein, wenn du nur ernstlich willst. Der ernstliche Wille hat auf

den Körper einen mächtigen Einfluß. Härte ihn nur nach und nach ab, sei

mäßig und enthaltsam, widme den Tag der Arbeit und die Nacht der Ruhe,

und wenn du demungeachtet zu kränkeln anfängst, anstatt zur Apotheke

deine Zuflucht zu nehmen, suche lieber den Grund deines Übelbefindens

zu erfahren. Dies kannst du, wenn du über deine bisherige Lebensweise

nachdenkst. Hast du den Grund deines Übelbefindens erst entdeckt, so wird

es dir leicht sein, dir durch einfache Mittel zu helfen. Unpäßlichkeiten

z. E., die von Überladung des Magens herrühren, werden oft durch Versagung

einer Mahlzeit gehoben. Etwas Mehreres hierüber zu sagen, trage ich

deswegen Bedenken, weil es das Ansehen gewinnen würde, als wenn ich den

Arzt machen wollte, was mir aber noch nie in den Sinn gekommen ist. Es

mache sich ein jeder mit seiner Natur bekannt, erforsche, woher seine

Krankheit komme und lerne die einfachen Mittel kennen, dieselbe zu heben,

so wird er sich eine dauerhafte Gesundheit erwerben können.

Das geht bei mir nicht! höre ich viele sagen. Lieber Freund, versuche es,

ich hoffe, es wird gehen. Ich kenne mehrere Personen, die sonst viel mit

körperlichen Leiden kämpfen mußten, aber durch Befolgung dieser einfachen

Vorschriften zu einer festen Gesundheit gelangt sind. Geht es bei dir aber

wirklich nicht, entweder weil dir der Sinn für echte Gesundheitspflege

fehlt, oder weil dein Körper fehlerhaft gebaut ist, oder weil durch irgend

eine Ursache etwas darin zerstört worden, so befolge meinen Rat, entsage

der Erziehung und widme dich einem andern Geschäfte. Sie würde dir äußerst

lästig werden, und du würdest, auch bei dem besten Willen, mehr Schaden

als Nutzen stiften.

Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher · 第 40 / 48 题