2. Sei immer heiter!

In einer heitern Stunde ist man unter seinen Zöglingen allmächtig. Sie

hängen an uns mit ganzer Seele, sie fassen alle unsere Worte auf, sie

befolgen alle unsere Winke. Könntest du immer heiter sein, so wäre

kein leichter Geschäft als die Erziehung. Es giebt Personen, denen die

Heiterkeit angeboren ist, denen alles von der lachenden Seite erscheint;

diese bedürfen dieser Ermunterung nicht, vielmehr muß ich sie erinnern,

daß zur Erziehung auch Ernst nötig sei, wenn man sein Ansehen behaupten

und seinen Erinnerungen die nötige Wirksamkeit verschaffen will.

Allein die Zahl derer, die von der Natur mit Heiterkeit beschenkt wurden,

ist sehr klein, die meisten sind mehr für Mißmut empfänglich und befinden

sich daher gewöhnlich in einer unzufriedenen Stimmung des Gemüts. Daß

bei dieser unangenehmen Stimmung die Erziehung sehr schwer wird und

wenig nutzt, weiß jeder und fühlt daher die Verbindlichkeit, nach steter

Heiterkeit zu streben. Sich dieselbe zu verschaffen, ist so schwer nicht,

als manche vielleicht glauben werden.

Man suche nur erst den Ursprung des Mißmuts auf, so wird es etwas Leichtes

sein, ihn wegzuschaffen. Warum, frage ich dich also, lieber Leser, bist du

denn immer so mißmutig?

Meine Lage -- antwortest du.

Du irrst dich, mein Freund! es ist wahr, daß immer eine Lage geeigneter

ist, den Mißmut zu reizen, als die andere; allein der eigentliche Grund

des Mißmuts liegt doch immer in dir selbst. Ein Mann voll Kraft und hellen

Einsichten muß imstande sein, sich von seinen Umgebungen unabhängig zu

machen und seiner Heiterkeit aus sich selbst Nahrung zu geben. Er ist

ruhig, wenn es auch um ihn her stürmt und wetterleuchtet, und zufrieden,

wenn um ihn herum Unzufriedenheit herrscht. Ein anderer, dem diese Kraft

und Einsichten fehlen, ist finster und mißmutig, auch wenn ihn alles

anlacht.

Der Grund des Mißmuts liegt oft in einem fehlerhaften Zustande des

Körpers. Wer nun gelernt hat, sich gesund zu erhalten, wird auch gegen

diese Art des Mißmuts sich schützen können.

Oft, und vielleicht meistenteils, entspringt er aber aus einem

fehlerhaften Zustande der Seele, und zwar vorzüglich aus der üblen

Gewohnheit, sich von seinen Umgebungen unangenehme Vorstellungen zu

machen. Sehet, liebe Freunde! es giebt eine doppelte Welt. Die eine ist

außer uns, die andere in uns. Jene Welt ist von unseren Vorstellungen

unabhängig, diese besteht in den Vorstellungen, die wir uns von derselben

machen. Auf erstere können wir nur wenig wirken, diese aber ist unser

Werk, wir sind Schöpfer derselben. Ist also die Welt außer dir nicht so,

wie sie deiner Meinung nach sein sollte, so schaffe dir selbst eine Welt,

die dich anlacht, die dich zur Heiterkeit stimmt, lerne allen Dingen eine

angenehme Ansicht abzugewinnen, dir von ihnen beruhigende, aufheiternde

Vorstellungen zu machen, und -- deine Heiterkeit ist fest, wenigstens

so fest gegründet, als es in dem Larvenstande, in dem wir uns befinden,

möglich ist.

Laß uns einmal mit dieser Schöpfung einen Versuch machen und sehen, ob von

dem Kreise, in dem du wirkst, nicht eine angenehme, reizende Vorstellung

möglich sei.

Du wandelst und wirkst in einem Kreise von Kindern. Wer sind sie?

Werdende Menschen.

Wer gab sie dir?

Gott, der alles giebt.

In welcher Absicht?

Um sie zu leiten, daß sie sich zu vernünftigen, freien, thätigen,

glückseligen Wesen bilden, und dir dadurch Gelegenheit zu schaffen, dich

selbst zu veredeln.

Aber ihre Untugenden?

Sind Reizungen zum Nachdenken über den Ursprung derselben und die besten

Mittel, sie wegzuschaffen.

Und die Schwierigkeiten, die man dir in den Weg legt?

Sollen dich reizen, deine Kräfte anzustrengen, um sie zu überwinden.

Der Undank, mit dem du belohnt wirst?

Schafft dir Gelegenheit, dich zu üben, rein sittlich zu handeln.

Sind solche Ansichten nicht ungemein aufheiternd? Begreifst du nicht die

Möglichkeit, wie ein Mann, der sich eine Fertigkeit erworben hat, seinen

Umgebungen solche Ansichten abzugewinnen, sich die Heiterkeit eigen machen

kann?

Aber solche Ansichten bekommen zu können, muß man freilich einen höhern

Standpunkt zu erreichen suchen, auf dem man, über das Sichtbare wegsehend,

seinen Blick auf das Unsichtbare richten kann. Hier verschwindet alle

Unordnung, Verwirrung und alles Übel, und öffnet sich ein Feld, wo lauter

Harmonie und erhabne Zwecke sichtbar sind.

Denen, die Neigung haben, diesen höhern Standpunkt zu erklimmen, habe ich

dazu die Hand geboten in dem bekannten Buche -- ~Der Himmel auf Erden~.[34]

Ich zweifle nicht, daß junge Erzieher, welche die in diesem Buche

gegebenen Vorstellungen sich eigen machen, sich bei ihrem Geschäfte zur

Heiterkeit zu stimmen, erlernen werden.

Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher · 第 41 / 48 题