Der Spanner der Säge ist hölzern, lang, keilförmig, schmal, dünn.[F]

So wie nun die Betrachtung der Natur und Kunst als Erziehungsmittel

gebraucht werden soll, so muß man sich bemühen, allem übrigen Unterrichte

eine solche Form zu geben, daß dadurch dieser Zweck befördert, die Kräfte

geübt, die Kinder erzogen werden.

Auf ähnliche Art, wie bei Betrachtung der Natur und Kunst, muß

auch bei dem übrigen ersten Unterrichte alles zur Anschauung, wo

nicht zur äußerlichen, doch zur innerlichen gebracht werden. Bei

dem Sprachunterrichte z. E. muß man anfänglich lauter solche Bücher

gebrauchen, bei deren Lesung nur Vorstellungen in der jungen Seele erregt

werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen hat und

sie also leicht wieder hervorbringen kann, oder die doch mit denselben

in Verwandtschaft stehen. Benennungen von übersinnlichen Gegenständen

dürfen darin gar nicht vorkommen. Töne, mit denen das Kind nicht sogleich

eine Vorstellung verbinden kann, haben für dasselbe keinen Reiz, es hat

keine Neigung sie aufzufassen, und -- wenn es sie auffaßt, so nützen sie

ihm nichts, weil es dabei gar nichts oder etwas ganz Falsches denkt.[22]

Ebendeswegen darf mit Kindern anfänglich noch keine Grammatik getrieben

werden.

Dies wird jetzt ziemlich allgemein angenommen, indem in mehreren, in

lebenden Sprachen aufgesetzten Lesebüchern für Kinder ein Bestreben

sichtbar ist, die Kinder über Dinge zu unterhalten, die innerhalb ihres

Gesichtskreises liegen. In der lateinischen Sprache sind solche Bücher

schon seltener, und von den wenigen, welche vorhanden sind, wird nicht

immer Gebrauch gemacht. Man schreitet bei dem Unterrichte in dieser

Sprache zu schnell zu dem Lesen römischer Schriftsteller, wo eine Menge

Wörter vorkommen, zu denen den Kindern die Vorstellung fehlt, und dies

ist gewiß eine Hauptursache, warum man bei vielen so wenig Lust zur

Erlernung dieser Sprache bemerkt. Ebendeswegen wird es immer gewöhnlicher,

diejenigen Knaben, die nicht zum Studieren bestimmt sind, von Erlernung

dieser Sprache loszuzählen. Ich kann dies nicht billigen. Mehrere

europäische Sprachen sind doch aus dieser entstanden, und werden leichter

gelernt, wenn man in jener einen guten Grund gelegt hat; überdies ist sie

nun einmal so allgemein, daß man nicht leicht ein Buch in neueren Sprachen

lesen kann, in welchem sich nicht hier und da Brocken davon befänden,

welche Lesern, die damit ganz unbekannt sind, immer Steine des Anstoßes

sein müssen. Dadurch wird es notwendig, daß den gebildeten Ständen diese

Sprache nicht ganz fremd sein darf. Hätte der Erzieher so viel Kenntnis

der lateinischen Sprache, daß er über die aufgestellten Gegenstände der

Natur und Kunst, über merkwürdige Vorfälle in der Familie, kurz über

Dinge, die den Kindern anschaulich wurden, im leichten, aber echten Latein

Aufsätze niederschreiben könnte, sie den Kindern vorlese, von ihnen laut

nachsprechen und in das Deutsche übersetzen ließe, so würde er davon

großen Nutzen verspüren. Es würde den Kindern Vergnügen machen, sie

würden eine Menge lateinische Wörter behalten, mit einigen Eigenheiten

der Sprache bekannt werden und bei dem künftigen Lesen der lateinischen

Schriftsteller weniger Schwierigkeiten finden.[23]

Schriebe ich ein Buch über die Erziehung der Kinder, so müßte ich mich

noch über den ganzen Unterricht ausbreiten, den Kinder erhalten sollen: da

ich aber von der Erziehung der Erzieher handle, so ist dies Wenige genug,

ihnen einen sehr bedeutenden Wink zu geben, was junge Männer, die sich der

Erziehung widmen, eigentlich zu erlernen haben.

Wenn ich, liebe Freunde, sehe, wie bei weitem die meisten von euch sich zu

ihrer Bestimmung vorbereiten, so kann ich nicht anders, als euch und die

armen Kleinen, die eurer Aufsicht werden anvertraut werden, bemitleiden.

Ihr lernt die alten Sprachen, etwas Geographie, Geschichte und Mathematik,

höchstens etwas Französisch und Musik, hört einen philosophischen und

theologischen Kursus und glaubt nun, euch zu Erziehern gebildet zu haben.

Wenn man euch nun den Franz, Robert, Stephan, fünfjährige Knaben, zur

Erziehung übergiebt, was wollt ihr denn mit ihnen anfangen? Was von

aller eurer Gelehrsamkeit könnt ihr denn in diesem euern Wirkungskreise

benutzen? Fast gar nichts. Diese Kleinen hängen noch ganz an der

sichtbaren Welt, durch deren Betrachtung sich ihr edlerer Teil entwickeln

und für übersinnliche Vorstellungen Empfänglichkeit erwerben soll, und

ihr -- seid in der sichtbaren Welt Fremdlinge. Die Dinge, die euch täglich

umgeben, sind euch unbekannt, und ihr wißt von vielen nicht einmal den

Namen anzugeben. Da geht ihr dann mit euren Kleinen durch die Natur, wie

ein Landmann durch die Dresdner Bildergalerie. Ei sehen Sie, sagt Robert,

den Vogel, der hier auf dem Aste sitzt! Wie heißt er? -- Ich kenne ihn

nicht, ist die Antwort. Freudig kommt Franz gehüpft mit einer Blume in der

Hand und fragt: Kennen Sie diese Blume? Es erfolgt die nämliche Antwort.

Nun geht es in die Lehrstunde. Blumen und alles, was die Kinder aus der

sichtbaren Welt aufgerafft haben, wird ihnen weggenommen, der Trieb

nach Anschauung, der bei ihnen so stark ist, wird erstickt; ihr gebt

ihnen statt Blumen Bücher in die Hände, und stellt ihnen statt Sachen

Zeichen der Sachen auf, zu deren Erlernung sie keine Lust besitzen.[24]

Da verbreitet sich denn über die Verbindung, in welcher ihr so glücklich

leben könntet, Mißvergnügen; die Kinder können einen Mann nicht lieb

gewinnen, der sie nicht auf eine ihnen angenehme Art zu unterhalten weiß,

und ihr betrachtet eure Kinder mit Mißfallen, bei denen ihr mit eurem

Unterrichte wenig oder gar nichts bewirket.

Folgt also, Freunde, dem Rate eines alten Erziehers, und macht euch mehr

mit der sichtbaren Welt bekannt, nach der Anweisung, die ihr im folgenden

Abschnitte finden werdet.

Jetzt denke ich mir nun einen Erzieher, der sich nach meinem Wunsche

bildet, in dem Kreise seiner Zöglinge, Einen Gegenstand nach dem andern,

aus dem Tier- und Pflanzenreiche und den Werkstätten der menschlichen

Kunst, stellt er ihnen vor, fesselt ihre Aufmerksamkeit daran, unterhält

sich mit ihnen darüber auf eine für beide Teile sehr angenehme Art, übt

das Empfindungsvermögen und mehrere Seelenkräfte der Kleinen und spürt

davon schon in den ersten Tagen die wohlthätigsten Wirkungen. Mit dieser

Beschäftigung füllt er täglich ein paar Stunden aus.

Da aber jeder Tag mehr als zwei Stunden hat, so fragt es sich, was soll

in den übrigen Stunden mit den Kindern vorgenommen werden? Das ist die

schwere Frage, die sich nur wenige Erzieher lösen können. Unterhalten

Sie mich doch, lieber Herr Richard! sagte einmal ein kleiner Junker, der

von Langeweile geplagt wurde, zu seinem Hofmeister. War dieser Wunsch

unbillig? Muß man den kleinen Mann nicht lieb gewinnen, der einen Ekel

gegen die Langeweile bezeigt?

Aber in welche Verlegenheit muß der Erzieher bei diesem so billigen und

gerechten Wunsche der Kinder geraten? Kinder fünf bis sechs Stunden des

Tages zu unterhalten, ist fürwahr kein leichtes und angenehmes Geschäft.

Denn womit soll man die Kinder unterhalten? Mit Erzählen? Dies ist eine

so angenehme als nützliche Unterhaltung, wenn man etwa eine Viertelstunde

täglich darauf verwendet. Aber immer erzählen, ermüdet die Kinder, sowie

den Erzieher. Bilder erklären? Hiermit hat es die nämliche Bewandtnis.

Bücher zu lesen geben? Kinder von so zartem Alter können noch nicht

lesen. Es gehört dazu nicht nur das deutliche Aussprechen der Zeichen,

sondern auch das richtige Vorstellen der dadurch bezeichneten Sachen. Sie

spielen lassen? Auch dies bekommen sie bald überdrüssig. Ja, wenn man

sie mit Nüssen und Mandeln versieht und ihnen Karten und Würfel in die

Hände giebt, so werden sie sich damit mehrere Stunden auf eine ihnen sehr

angenehme Art zu unterhalten wissen; wer sieht aber nicht, daß ihnen dies

eben so nachteilig sei als Mohnsaft, dessen die Kinderwärterinnen sich oft

bedienen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen.

Merket auf! Außer dem Vermögen zu empfinden, sich vorzustellen und zu

urteilen, regen sich in den Kindern noch verschiedene Kräfte, die nach

Übung streben. Daher die beständige Unruhe der Kinder, die den Erziehern

so lästig ist; daher die beständigen Ermahnungen: stille, Kinder! seid

ruhig! die die Kinder verstimmen und die Gegenwart der Erzieher ihnen

höchst lästig machen.

Schafft doch den nach Übung strebenden Kräften der Kinder hinlängliche

Übung, und ihr werdet gewiß finden, daß sie sich auf eine angenehme und

nützliche Art zu unterhalten wissen, euch nicht mehr lästig sein, sondern

vielmehr die angenehmste Aufheiterung verschaffen werden.

Wie sollen wir, fragt ihr, dies anfangen? Dies ist nun eure eigene Sache.

Wenn ihr auf die Wünsche eurer Zöglinge, auf ihre tägliche Lage merkt, so

werdet ihr Gelegenheit genug finden, sie zu beschäftigen.

Hier sind indes ~einige~ Winke.

In den Lehrstunden verlangt ihr, daß sie stets ruhig sein und stille

sitzen sollen. Gegen diese Forderung strebt ihre ganze Natur, die durchaus

regsam, zur Thätigkeit geneigt und abgeneigt ist, sich bloß leidend zu

verhalten. Ihr werdet die Kinder verdrossen machen und Widerwillen gegen

euch erregen, wenn ihr auf eurer Forderung zu streng besteht. Sucht sie

in beständiger Thätigkeit zu erhalten, so werdet ihr beide miteinander

zufrieden sein.

Haltet ihnen also keine Vorlesungen, verlangt nicht von ihnen, daß sie

euch bloß zuhören sollen, sondern laßt euern Vortrag eine beständige

Unterredung sein, an welcher bald dieser, bald jener teilnehmen muß,

laßt nach Pestalozzischer Lehrart die ganze Versammlung von Zeit zu Zeit

nachsagen, was ihr vorgesagt worden.[G]

Wird ein Unterricht erteilt, an welchem die Kinder nicht mit den Augen,

sondern nur mit den Ohren und Sprachwerkzeugen teilnehmen, so wird das

Zeichnen der Linien, Winkel und Quadrate nach Pestalozzischer Art, während

des Unterrichts, ihre Hände von allen Spielereien abziehen, und ihnen eine

unterhaltende und nützliche Beschäftigung gewähren.

Aber außer den Lehrstunden, was sollen wir, fragt ihr, dann mit unsern

Zöglingen anfangen?

Höret nur auf ihre Wünsche, so werden sie euch schon selbst dazu Anleitung

geben. Einmal wollen sie ein Schiffchen haben, das auf dem Bache

schwimmen soll, ein andermal Knallbüchsen, Handspritzen, Bogen und Pfeile,

Drachen u. dgl. Von solchen Kindereien suchen nun überweise Erzieher sie

abzubringen und verleiden so ihnen und sich selbst das Leben; der wahre

Erzieher freuet sich aber allemal, so oft er solch einen Wunsch bei seinen

Kindern bemerkt, und ist bereit, ihnen Rat und Anweisung zu geben, wie

sie sich die gewünschten Sachen ~selbst verfertigen~ können. ~Selbst

verfertigen~, sage ich.

Das ~Selbstverfertigen~, anfänglich von allerlei Spielwerk und in

der Folge von wirklich nützlichen Werkzeugen und Geräten, ist ein so

nützliches und angenehmes Geschäft, daß ich es zu einer ~unerläßlichen~

Forderung an alle Anstalten, wo die Kinder zweckmäßig erzogen werden

sollen, mache, daß ihnen Anleitung und Gelegenheit zum Selbstverfertigen

gegeben werde.

Dazu gehört denn freilich eine Werkstatt, mancherlei Werkzeuge und

Materialien und Anweisung, davon Gebrauch zu machen. Hat es der Erzieher

dahin gebracht, daß seine Zöglinge nach geendigten Lehrstunden mit ihren

Händen sich beschäftigen und ihre kleinen Wünsche ausführen können, so

hat er gewonnen Spiel. Das schwere Geschäft, sie zu unterhalten, ist

ihm abgenommen, sie unterhalten sich selbst -- er ist bloß Zuschauer

und Ratgeber. Der Gewinn, der für die Kinder daraus entspringt, ist

unbeschreiblich groß.

Erstlich wird ihr Thätigkeitstrieb befriedigt und allen den

Ausschweifungen, die aus dem gehemmten Thätigkeitstriebe zu entspringen

pflegen, ist vorgebeugt. Zehn Kinder an der Werkstatt sind leichter zu

lenken, als drei, die nicht wissen, was sie thun sollen. Zweitens befinden

sich die Kinder dabei so wohl; denn ist denn das nicht das reinste

innigste Vergnügen, wenn man gewissen vorgesetzten Zwecken sich immer mehr

nähern kann und sie endlich ganz erreicht? Jetzt ist das Schiff fertig, an

dem die Kleinen seit einiger Zeit arbeiteten -- jetzt wird es vom Stapel

gelassen -- wird auf den Bach gebracht, auf dem es nun segeln soll. Mit

welchem Frohlocken geschieht es! So etwas müßt ihr selbst gesehen haben,

liebe Freunde, um euch zu überzeugen, wie ungemein wichtig es sei, Kindern

Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu verfertigen.

Drittens werden dabei so viele Kräfte geübt. Der Geist, der bei der

sonst üblichen Lehrart immer dressiert wird, nach fremden Vorschriften

zu handeln, lebt dabei auf, faßt eigene Ideen und erfindet Mittel, sie

auszuführen. Das Auge übt sich, die Größen zu messen, um jedem Teile des

auszuführenden Werkes das nötige Verhältnis zum Ganzen zu geben; und

die Muskeln der Hände werden auf so mannigfaltige Art geübt, daß sie

hernach bei den mannigfaltigen Vorfällen des menschlichen Lebens, in den

Verlegenheiten, in die man oft gerät, sich selbst zu helfen imstande

sind, ohne daß sie immer nötig haben, zu fremder Hilfe ihre Zuflucht zu

nehmen. Ein Mann, der seinen Händen nicht mancherlei Geschicklichkeiten in

der Jugend erworben hat, ist nur ein halber Mann, weil er beständig von

anderen Leuten abhängig ist.

Wahrscheinlich befinden sich neun Zehnteile der Leser ~mit mir~ in diesem

Falle. Diese frage ich auf ihr Gewissen, ob sie nicht viel drum gäben,

wenn sie in ihrer Jugend Anweisung bekommen hätten, mit ihren Händen etwas

zu verfertigen?

Die Einwendungen, die dagegen werden gemacht werden, sind mannigfaltig,

und ich habe nicht Lust, mich mit Aufzählung und Widerlegung derselben

aufzuhalten. Die meisten derselben werden doch daher rühren, weil die

wenigsten Herren Erzieher Handarbeit gelernt haben und deswegen diese

Erziehungsart verschreien und lächerlich zu machen suchen. Was würde ich

denn bei ihnen ausrichten, wenn ich mit ihnen darüber streiten wollte?

Mit vieler Beredsamkeit suchte einst ein Prediger einige seiner Zuhörer

von einer gewissen übeln Gewohnheit abzubringen. Herr Pfarrer! sagten sie,

als er ausgesprochen hatte, recht mag er wohl haben, aber wir thun es

doch nicht. So möchte es mir auch wohl gehen.

Ein paar Einwendungen kann ich aber doch nicht mit Stillschweigen

übergehen, da sie vielen Schein haben. Sie sind diese: Wenn man die Kinder

mit Handarbeiten beschäftigt, so geht zu viele Zeit verloren, und sie

verlieren die Lust zum Erlernen der Sprachen und Wissenschaften.

Dies möchte freilich wohl vielmal der Fall sein, wenn man den Kindern

die freie Wahl ließe, ob sie einen schriftlichen Aufsatz verfertigen

oder mit Handarbeit sich beschäftigen wollten. So meine ich es aber

nicht. Nur die Freistunden sollen dazu angewendet werden. Je jünger der

Zögling ist, desto mehr bedarf er Freistunden oder Stunden, in denen er

von Geistesarbeiten frei ist; je mehr sich hingegen des Geistes Kräfte

entwickeln, desto mannigfaltigere und anhaltendere Beschäftigungen kann

man ihm geben, desto mehr mindert sich auch die Zahl der Freistunden.

Die zweite Einwendung, die man machen könnte, ist diese: Zu Handarbeiten

ist doch der Gebrauch von allerlei scharfen und spitzigen Instrumenten

nötig -- wie leicht kann sich ein Kind damit gefährlich verwunden!

Möglich ist dies freilich. Allein der öftere Gebrauch der scharfen

Werkzeuge lehrt auch zugleich die dabei nötige Vorsicht. Und die

Erfahrung -- diese ist doch sicher auf meiner Seite. Hört man nicht immer

von Kindern, die sich gefährlich verwundeten, und die nie zur Handarbeit

Anleitung bekamen? Und bei meinen Zöglingen, die so mancherlei spitzige

und scharfe Werkzeuge in Händen haben, ist noch ~nie~ eine ~gefährliche~

Verwundung vorgefallen.

Wenn es also schlechterdings nötig ist, den Kindern Anleitung zu geben,

selbst mit ihren Händen etwas zu verfertigen, so begreift ihr von selbst,

die ihr euch der Erziehung widmet, daß ihr verbunden seid, ~Handarbeit zu

erlernen~. Es giebt da keinen Ausweg. Entweder ihr müßt euch entschließen,

eure Zöglinge den ganzen Tag zu unterhalten und den Thätigkeitstrieb, der

sich in ihren Händen regt, zu lähmen, oder -- ihr müßt euch in allerlei

Handarbeiten selbst suchen Geschicklichkeit zu erwerben.[27]

Können wir, sagt ihr vielleicht, nicht Handwerksleute annehmen, die in

unserer Gegenwart den Zöglingen die nötige Anweisung geben? Versucht es,

und ihr werdet dann alle die Unannehmlichkeiten selbst finden, die aus

solchen Verbindungen zu entspringen pflegen.[H]

Ich komme auf den wichtigsten Teil der Erziehung, auf die Gewöhnung zur

Sittlichkeit, oder nach gewissen richtigen Regeln zu handeln. Wo diese

fehlt, hat die übrige Erziehung wenigen oder gar keinen Wert. Ich denke

mir jetzt einen Jüngling, der unter den Händen seines Erziehers gesund

und stark wurde, sich mancherlei Geschicklichkeiten erwarb, alle seine

Geisteskräfte durch Übung entwickelte, der nun aber alle diese Vorzüge

anwendet, seinen Lüsten Befriedigung zu verschaffen -- was ist denn

durch die Erziehung gewonnen worden? Für ihn nichts, ihm fehlt ja die

eigentliche Menschenwürde, die in der Freiheit oder in der Kraft besteht,

seine Lüste zu beherrschen und nach richtigen Grundsätzen zu handeln; und

glückselig wird er nie, da es für den Menschen keine andere Glückseligkeit

giebt, als die aus dem Bewußtsein entspringt, seine Pflicht erfüllt oder

nach richtigen Grundsätzen gehandelt zu haben. Und für die menschliche

Gesellschaft thut er auch wenig. Er wird für sie nichts thun, wenn dadurch

seinen Lüsten nicht Befriedigung verschafft wird, und wird dadurch Unheil

stiften, wenn er damit zu seinem Zwecke kommen kann. Je mehr seine Kräfte

ausgebildet sind, desto überlegener ist er andern, desto weniger können

sie ihm widerstehen, desto gefährlicher ist er für die Gesellschaft.

Was soll ich dies weitläufiger ausführen? Diese Wahrheit ist bereits fast

allgemein anerkannt, und man findet sie fast in allen Büchern, die über

die Erziehung geschrieben sind. Wie steht es aber mit der Befolgung?

Zeigen sich nicht allenthalben moralische Ungeheuer, auf deren Unterricht

und Kraftentwickelung doch viel Fleiß gewendet wurde? Man sucht die

Ursache davon teils in dem Verderben der menschlichen Natur, teils in der

Mangelhaftigkeit der sittlichen Grundsätze, die ihnen mitgeteilt wurden;

ich hingegen glaube ihn mehr in einer fehlerhaften Behandlung des jungen

Menschen gefunden zu haben.

Ich will darüber mit niemandem rechten; man erlaube mir aber meine eigene,

auf Erfahrung gegründete Meinung vorzutragen.

Der neugeborne Mensch kann noch nicht gehen, und das Prinzip seiner

Handlungen sind seine Empfindungen. Was ihm angenehme Empfindungen

verursacht, begehrt, was unangenehme Empfindungen bewirkt, das flieht er.

Da ist keine Rücksicht auf Religion oder Moral sichtbar. Will man dies

moralisches Verderben nennen, nun so thue man es; man erlaube mir aber

dann auch, daß ich das Unvermögen zu gehen, das man an dem jungen Menschen

bemerkt, das physische Verderben der menschlichen Natur nenne.

Seitdem man die Laufzäume und Gängelwagen abgeschafft hat, verliert sich

das physische Verderben der Natur nach und nach, und die Kinder lernen

erst gehen, dann sogar laufen und springen. Schafft die moralischen

Gängelwagen und Laufzäume ab, und der moralische Mensch wird sich ebenso

gut von selbst entwickeln und erst gut, dann edel zu handeln anfangen.

Und was sind denn die moralischen Gängelbänder? Die Gebote und Verbote und

die künstlichen Mittel, wodurch man die Kinder an Befolgung derselben zu

gewöhnen sucht.[28]

Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote, insofern sie es sind, eine

natürliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen thun;

zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht,

wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschränkt wird. So wie

bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskräfte sich

entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn

man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknüpften Strafen

und Belohnungen sie zu gängeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung

gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen

auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhört, dann

zeigt sich Zügellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die

Wünsche, die sie seither bei sich hegten und unterdrücken mußten, zu

befriedigen.

~Man lasse daher das Kind immer seinen eigenen Willen thun, so wird es gut

werden.~

Ihr entsetzt euch über diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher

bedürfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen thun sollte?

Liebe Freunde! Leset das, was nun folgt, mit einiger Aufmerksamkeit, und

ich will mich bemühen, so deutlich zu sprechen, als es mir möglich ist, so

werden wir hoffentlich am Ende einander die Hände geben und miteinander

eins sein.

Meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zögling dahin zu bringen

suchen, daß er selbst das Gute wolle und es thue, nicht deswegen, weil es

ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der

Befolgung des Gebots Belohnung, von der Übertretung Strafe zu erwarten

hat, sondern weil er es selbst will.

Sind wir nun miteinander eins? Ich hoffe es.

Die Frage ist nur, wie man das Kind dahin bringe, daß es das Gute wolle;

dies ist schwer und nicht schwer, je nachdem man es angreift.

Nach meinen Erfahrungen gehört dazu zweierlei:

1. Daß man dem Kinde stets die Wahrheit sage oder ihm von seinen Pflichten

die richtige Ansicht gehe.

Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher · 第 37 / 48 题