So wie nun die Betrachtung der Natur und Kunst als Erziehungsmittel
gebraucht werden soll, so muß man sich bemühen, allem übrigen Unterrichte
eine solche Form zu geben, daß dadurch dieser Zweck befördert, die Kräfte
geübt, die Kinder erzogen werden.
Auf ähnliche Art, wie bei Betrachtung der Natur und Kunst, muß
auch bei dem übrigen ersten Unterrichte alles zur Anschauung, wo
nicht zur äußerlichen, doch zur innerlichen gebracht werden. Bei
dem Sprachunterrichte z. E. muß man anfänglich lauter solche Bücher
gebrauchen, bei deren Lesung nur Vorstellungen in der jungen Seele erregt
werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen hat und
sie also leicht wieder hervorbringen kann, oder die doch mit denselben
in Verwandtschaft stehen. Benennungen von übersinnlichen Gegenständen
dürfen darin gar nicht vorkommen. Töne, mit denen das Kind nicht sogleich
eine Vorstellung verbinden kann, haben für dasselbe keinen Reiz, es hat
keine Neigung sie aufzufassen, und -- wenn es sie auffaßt, so nützen sie
ihm nichts, weil es dabei gar nichts oder etwas ganz Falsches denkt.[22]
Ebendeswegen darf mit Kindern anfänglich noch keine Grammatik getrieben
werden.
Dies wird jetzt ziemlich allgemein angenommen, indem in mehreren, in
lebenden Sprachen aufgesetzten Lesebüchern für Kinder ein Bestreben
sichtbar ist, die Kinder über Dinge zu unterhalten, die innerhalb ihres
Gesichtskreises liegen. In der lateinischen Sprache sind solche Bücher
schon seltener, und von den wenigen, welche vorhanden sind, wird nicht
immer Gebrauch gemacht. Man schreitet bei dem Unterrichte in dieser
Sprache zu schnell zu dem Lesen römischer Schriftsteller, wo eine Menge
Wörter vorkommen, zu denen den Kindern die Vorstellung fehlt, und dies
ist gewiß eine Hauptursache, warum man bei vielen so wenig Lust zur
Erlernung dieser Sprache bemerkt. Ebendeswegen wird es immer gewöhnlicher,
diejenigen Knaben, die nicht zum Studieren bestimmt sind, von Erlernung
dieser Sprache loszuzählen. Ich kann dies nicht billigen. Mehrere
europäische Sprachen sind doch aus dieser entstanden, und werden leichter
gelernt, wenn man in jener einen guten Grund gelegt hat; überdies ist sie
nun einmal so allgemein, daß man nicht leicht ein Buch in neueren Sprachen
lesen kann, in welchem sich nicht hier und da Brocken davon befänden,
welche Lesern, die damit ganz unbekannt sind, immer Steine des Anstoßes
sein müssen. Dadurch wird es notwendig, daß den gebildeten Ständen diese
Sprache nicht ganz fremd sein darf. Hätte der Erzieher so viel Kenntnis
der lateinischen Sprache, daß er über die aufgestellten Gegenstände der
Natur und Kunst, über merkwürdige Vorfälle in der Familie, kurz über
Dinge, die den Kindern anschaulich wurden, im leichten, aber echten Latein
Aufsätze niederschreiben könnte, sie den Kindern vorlese, von ihnen laut
nachsprechen und in das Deutsche übersetzen ließe, so würde er davon
großen Nutzen verspüren. Es würde den Kindern Vergnügen machen, sie
würden eine Menge lateinische Wörter behalten, mit einigen Eigenheiten
der Sprache bekannt werden und bei dem künftigen Lesen der lateinischen
Schriftsteller weniger Schwierigkeiten finden.[23]
Schriebe ich ein Buch über die Erziehung der Kinder, so müßte ich mich
noch über den ganzen Unterricht ausbreiten, den Kinder erhalten sollen: da
ich aber von der Erziehung der Erzieher handle, so ist dies Wenige genug,
ihnen einen sehr bedeutenden Wink zu geben, was junge Männer, die sich der
Erziehung widmen, eigentlich zu erlernen haben.
Wenn ich, liebe Freunde, sehe, wie bei weitem die meisten von euch sich zu
ihrer Bestimmung vorbereiten, so kann ich nicht anders, als euch und die
armen Kleinen, die eurer Aufsicht werden anvertraut werden, bemitleiden.
Ihr lernt die alten Sprachen, etwas Geographie, Geschichte und Mathematik,
höchstens etwas Französisch und Musik, hört einen philosophischen und
theologischen Kursus und glaubt nun, euch zu Erziehern gebildet zu haben.
Wenn man euch nun den Franz, Robert, Stephan, fünfjährige Knaben, zur
Erziehung übergiebt, was wollt ihr denn mit ihnen anfangen? Was von
aller eurer Gelehrsamkeit könnt ihr denn in diesem euern Wirkungskreise
benutzen? Fast gar nichts. Diese Kleinen hängen noch ganz an der
sichtbaren Welt, durch deren Betrachtung sich ihr edlerer Teil entwickeln
und für übersinnliche Vorstellungen Empfänglichkeit erwerben soll, und
ihr -- seid in der sichtbaren Welt Fremdlinge. Die Dinge, die euch täglich
umgeben, sind euch unbekannt, und ihr wißt von vielen nicht einmal den
Namen anzugeben. Da geht ihr dann mit euren Kleinen durch die Natur, wie
ein Landmann durch die Dresdner Bildergalerie. Ei sehen Sie, sagt Robert,
den Vogel, der hier auf dem Aste sitzt! Wie heißt er? -- Ich kenne ihn
nicht, ist die Antwort. Freudig kommt Franz gehüpft mit einer Blume in der
Hand und fragt: Kennen Sie diese Blume? Es erfolgt die nämliche Antwort.
Nun geht es in die Lehrstunde. Blumen und alles, was die Kinder aus der
sichtbaren Welt aufgerafft haben, wird ihnen weggenommen, der Trieb
nach Anschauung, der bei ihnen so stark ist, wird erstickt; ihr gebt
ihnen statt Blumen Bücher in die Hände, und stellt ihnen statt Sachen
Zeichen der Sachen auf, zu deren Erlernung sie keine Lust besitzen.[24]
Da verbreitet sich denn über die Verbindung, in welcher ihr so glücklich
leben könntet, Mißvergnügen; die Kinder können einen Mann nicht lieb
gewinnen, der sie nicht auf eine ihnen angenehme Art zu unterhalten weiß,
und ihr betrachtet eure Kinder mit Mißfallen, bei denen ihr mit eurem
Unterrichte wenig oder gar nichts bewirket.
Folgt also, Freunde, dem Rate eines alten Erziehers, und macht euch mehr
mit der sichtbaren Welt bekannt, nach der Anweisung, die ihr im folgenden
Abschnitte finden werdet.
Jetzt denke ich mir nun einen Erzieher, der sich nach meinem Wunsche
bildet, in dem Kreise seiner Zöglinge, Einen Gegenstand nach dem andern,
aus dem Tier- und Pflanzenreiche und den Werkstätten der menschlichen
Kunst, stellt er ihnen vor, fesselt ihre Aufmerksamkeit daran, unterhält
sich mit ihnen darüber auf eine für beide Teile sehr angenehme Art, übt
das Empfindungsvermögen und mehrere Seelenkräfte der Kleinen und spürt
davon schon in den ersten Tagen die wohlthätigsten Wirkungen. Mit dieser
Beschäftigung füllt er täglich ein paar Stunden aus.
Da aber jeder Tag mehr als zwei Stunden hat, so fragt es sich, was soll
in den übrigen Stunden mit den Kindern vorgenommen werden? Das ist die
schwere Frage, die sich nur wenige Erzieher lösen können. Unterhalten
Sie mich doch, lieber Herr Richard! sagte einmal ein kleiner Junker, der
von Langeweile geplagt wurde, zu seinem Hofmeister. War dieser Wunsch
unbillig? Muß man den kleinen Mann nicht lieb gewinnen, der einen Ekel
gegen die Langeweile bezeigt?
Aber in welche Verlegenheit muß der Erzieher bei diesem so billigen und
gerechten Wunsche der Kinder geraten? Kinder fünf bis sechs Stunden des
Tages zu unterhalten, ist fürwahr kein leichtes und angenehmes Geschäft.
Denn womit soll man die Kinder unterhalten? Mit Erzählen? Dies ist eine
so angenehme als nützliche Unterhaltung, wenn man etwa eine Viertelstunde
täglich darauf verwendet. Aber immer erzählen, ermüdet die Kinder, sowie
den Erzieher. Bilder erklären? Hiermit hat es die nämliche Bewandtnis.
Bücher zu lesen geben? Kinder von so zartem Alter können noch nicht
lesen. Es gehört dazu nicht nur das deutliche Aussprechen der Zeichen,
sondern auch das richtige Vorstellen der dadurch bezeichneten Sachen. Sie
spielen lassen? Auch dies bekommen sie bald überdrüssig. Ja, wenn man
sie mit Nüssen und Mandeln versieht und ihnen Karten und Würfel in die
Hände giebt, so werden sie sich damit mehrere Stunden auf eine ihnen sehr
angenehme Art zu unterhalten wissen; wer sieht aber nicht, daß ihnen dies
eben so nachteilig sei als Mohnsaft, dessen die Kinderwärterinnen sich oft
bedienen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen.
Merket auf! Außer dem Vermögen zu empfinden, sich vorzustellen und zu
urteilen, regen sich in den Kindern noch verschiedene Kräfte, die nach
Übung streben. Daher die beständige Unruhe der Kinder, die den Erziehern
so lästig ist; daher die beständigen Ermahnungen: stille, Kinder! seid
ruhig! die die Kinder verstimmen und die Gegenwart der Erzieher ihnen
höchst lästig machen.
Schafft doch den nach Übung strebenden Kräften der Kinder hinlängliche
Übung, und ihr werdet gewiß finden, daß sie sich auf eine angenehme und
nützliche Art zu unterhalten wissen, euch nicht mehr lästig sein, sondern
vielmehr die angenehmste Aufheiterung verschaffen werden.
Wie sollen wir, fragt ihr, dies anfangen? Dies ist nun eure eigene Sache.
Wenn ihr auf die Wünsche eurer Zöglinge, auf ihre tägliche Lage merkt, so
werdet ihr Gelegenheit genug finden, sie zu beschäftigen.
Hier sind indes ~einige~ Winke.
In den Lehrstunden verlangt ihr, daß sie stets ruhig sein und stille
sitzen sollen. Gegen diese Forderung strebt ihre ganze Natur, die durchaus
regsam, zur Thätigkeit geneigt und abgeneigt ist, sich bloß leidend zu
verhalten. Ihr werdet die Kinder verdrossen machen und Widerwillen gegen
euch erregen, wenn ihr auf eurer Forderung zu streng besteht. Sucht sie
in beständiger Thätigkeit zu erhalten, so werdet ihr beide miteinander
zufrieden sein.
Haltet ihnen also keine Vorlesungen, verlangt nicht von ihnen, daß sie
euch bloß zuhören sollen, sondern laßt euern Vortrag eine beständige
Unterredung sein, an welcher bald dieser, bald jener teilnehmen muß,
laßt nach Pestalozzischer Lehrart die ganze Versammlung von Zeit zu Zeit
nachsagen, was ihr vorgesagt worden.[G]
Wird ein Unterricht erteilt, an welchem die Kinder nicht mit den Augen,
sondern nur mit den Ohren und Sprachwerkzeugen teilnehmen, so wird das
Zeichnen der Linien, Winkel und Quadrate nach Pestalozzischer Art, während
des Unterrichts, ihre Hände von allen Spielereien abziehen, und ihnen eine
unterhaltende und nützliche Beschäftigung gewähren.
Aber außer den Lehrstunden, was sollen wir, fragt ihr, dann mit unsern
Zöglingen anfangen?
Höret nur auf ihre Wünsche, so werden sie euch schon selbst dazu Anleitung
geben. Einmal wollen sie ein Schiffchen haben, das auf dem Bache
schwimmen soll, ein andermal Knallbüchsen, Handspritzen, Bogen und Pfeile,
Drachen u. dgl. Von solchen Kindereien suchen nun überweise Erzieher sie
abzubringen und verleiden so ihnen und sich selbst das Leben; der wahre
Erzieher freuet sich aber allemal, so oft er solch einen Wunsch bei seinen
Kindern bemerkt, und ist bereit, ihnen Rat und Anweisung zu geben, wie
sie sich die gewünschten Sachen ~selbst verfertigen~ können. ~Selbst
verfertigen~, sage ich.
Das ~Selbstverfertigen~, anfänglich von allerlei Spielwerk und in
der Folge von wirklich nützlichen Werkzeugen und Geräten, ist ein so
nützliches und angenehmes Geschäft, daß ich es zu einer ~unerläßlichen~
Forderung an alle Anstalten, wo die Kinder zweckmäßig erzogen werden
sollen, mache, daß ihnen Anleitung und Gelegenheit zum Selbstverfertigen
gegeben werde.
Dazu gehört denn freilich eine Werkstatt, mancherlei Werkzeuge und
Materialien und Anweisung, davon Gebrauch zu machen. Hat es der Erzieher
dahin gebracht, daß seine Zöglinge nach geendigten Lehrstunden mit ihren
Händen sich beschäftigen und ihre kleinen Wünsche ausführen können, so
hat er gewonnen Spiel. Das schwere Geschäft, sie zu unterhalten, ist
ihm abgenommen, sie unterhalten sich selbst -- er ist bloß Zuschauer
und Ratgeber. Der Gewinn, der für die Kinder daraus entspringt, ist
unbeschreiblich groß.
Erstlich wird ihr Thätigkeitstrieb befriedigt und allen den
Ausschweifungen, die aus dem gehemmten Thätigkeitstriebe zu entspringen
pflegen, ist vorgebeugt. Zehn Kinder an der Werkstatt sind leichter zu
lenken, als drei, die nicht wissen, was sie thun sollen. Zweitens befinden
sich die Kinder dabei so wohl; denn ist denn das nicht das reinste
innigste Vergnügen, wenn man gewissen vorgesetzten Zwecken sich immer mehr
nähern kann und sie endlich ganz erreicht? Jetzt ist das Schiff fertig, an
dem die Kleinen seit einiger Zeit arbeiteten -- jetzt wird es vom Stapel
gelassen -- wird auf den Bach gebracht, auf dem es nun segeln soll. Mit
welchem Frohlocken geschieht es! So etwas müßt ihr selbst gesehen haben,
liebe Freunde, um euch zu überzeugen, wie ungemein wichtig es sei, Kindern
Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu verfertigen.
Drittens werden dabei so viele Kräfte geübt. Der Geist, der bei der
sonst üblichen Lehrart immer dressiert wird, nach fremden Vorschriften
zu handeln, lebt dabei auf, faßt eigene Ideen und erfindet Mittel, sie
auszuführen. Das Auge übt sich, die Größen zu messen, um jedem Teile des
auszuführenden Werkes das nötige Verhältnis zum Ganzen zu geben; und
die Muskeln der Hände werden auf so mannigfaltige Art geübt, daß sie
hernach bei den mannigfaltigen Vorfällen des menschlichen Lebens, in den
Verlegenheiten, in die man oft gerät, sich selbst zu helfen imstande
sind, ohne daß sie immer nötig haben, zu fremder Hilfe ihre Zuflucht zu
nehmen. Ein Mann, der seinen Händen nicht mancherlei Geschicklichkeiten in
der Jugend erworben hat, ist nur ein halber Mann, weil er beständig von
anderen Leuten abhängig ist.
Wahrscheinlich befinden sich neun Zehnteile der Leser ~mit mir~ in diesem
Falle. Diese frage ich auf ihr Gewissen, ob sie nicht viel drum gäben,
wenn sie in ihrer Jugend Anweisung bekommen hätten, mit ihren Händen etwas
zu verfertigen?
Die Einwendungen, die dagegen werden gemacht werden, sind mannigfaltig,
und ich habe nicht Lust, mich mit Aufzählung und Widerlegung derselben
aufzuhalten. Die meisten derselben werden doch daher rühren, weil die
wenigsten Herren Erzieher Handarbeit gelernt haben und deswegen diese
Erziehungsart verschreien und lächerlich zu machen suchen. Was würde ich
denn bei ihnen ausrichten, wenn ich mit ihnen darüber streiten wollte?
Mit vieler Beredsamkeit suchte einst ein Prediger einige seiner Zuhörer
von einer gewissen übeln Gewohnheit abzubringen. Herr Pfarrer! sagten sie,
als er ausgesprochen hatte, recht mag er wohl haben, aber wir thun es
doch nicht. So möchte es mir auch wohl gehen.
Ein paar Einwendungen kann ich aber doch nicht mit Stillschweigen
übergehen, da sie vielen Schein haben. Sie sind diese: Wenn man die Kinder
mit Handarbeiten beschäftigt, so geht zu viele Zeit verloren, und sie
verlieren die Lust zum Erlernen der Sprachen und Wissenschaften.
Dies möchte freilich wohl vielmal der Fall sein, wenn man den Kindern
die freie Wahl ließe, ob sie einen schriftlichen Aufsatz verfertigen
oder mit Handarbeit sich beschäftigen wollten. So meine ich es aber
nicht. Nur die Freistunden sollen dazu angewendet werden. Je jünger der
Zögling ist, desto mehr bedarf er Freistunden oder Stunden, in denen er
von Geistesarbeiten frei ist; je mehr sich hingegen des Geistes Kräfte
entwickeln, desto mannigfaltigere und anhaltendere Beschäftigungen kann
man ihm geben, desto mehr mindert sich auch die Zahl der Freistunden.
Die zweite Einwendung, die man machen könnte, ist diese: Zu Handarbeiten
ist doch der Gebrauch von allerlei scharfen und spitzigen Instrumenten
nötig -- wie leicht kann sich ein Kind damit gefährlich verwunden!
Möglich ist dies freilich. Allein der öftere Gebrauch der scharfen
Werkzeuge lehrt auch zugleich die dabei nötige Vorsicht. Und die
Erfahrung -- diese ist doch sicher auf meiner Seite. Hört man nicht immer
von Kindern, die sich gefährlich verwundeten, und die nie zur Handarbeit
Anleitung bekamen? Und bei meinen Zöglingen, die so mancherlei spitzige
und scharfe Werkzeuge in Händen haben, ist noch ~nie~ eine ~gefährliche~
Verwundung vorgefallen.
Wenn es also schlechterdings nötig ist, den Kindern Anleitung zu geben,
selbst mit ihren Händen etwas zu verfertigen, so begreift ihr von selbst,
die ihr euch der Erziehung widmet, daß ihr verbunden seid, ~Handarbeit zu
erlernen~. Es giebt da keinen Ausweg. Entweder ihr müßt euch entschließen,
eure Zöglinge den ganzen Tag zu unterhalten und den Thätigkeitstrieb, der
sich in ihren Händen regt, zu lähmen, oder -- ihr müßt euch in allerlei
Handarbeiten selbst suchen Geschicklichkeit zu erwerben.[27]
Können wir, sagt ihr vielleicht, nicht Handwerksleute annehmen, die in
unserer Gegenwart den Zöglingen die nötige Anweisung geben? Versucht es,
und ihr werdet dann alle die Unannehmlichkeiten selbst finden, die aus
solchen Verbindungen zu entspringen pflegen.[H]
Ich komme auf den wichtigsten Teil der Erziehung, auf die Gewöhnung zur
Sittlichkeit, oder nach gewissen richtigen Regeln zu handeln. Wo diese
fehlt, hat die übrige Erziehung wenigen oder gar keinen Wert. Ich denke
mir jetzt einen Jüngling, der unter den Händen seines Erziehers gesund
und stark wurde, sich mancherlei Geschicklichkeiten erwarb, alle seine
Geisteskräfte durch Übung entwickelte, der nun aber alle diese Vorzüge
anwendet, seinen Lüsten Befriedigung zu verschaffen -- was ist denn
durch die Erziehung gewonnen worden? Für ihn nichts, ihm fehlt ja die
eigentliche Menschenwürde, die in der Freiheit oder in der Kraft besteht,
seine Lüste zu beherrschen und nach richtigen Grundsätzen zu handeln; und
glückselig wird er nie, da es für den Menschen keine andere Glückseligkeit
giebt, als die aus dem Bewußtsein entspringt, seine Pflicht erfüllt oder
nach richtigen Grundsätzen gehandelt zu haben. Und für die menschliche
Gesellschaft thut er auch wenig. Er wird für sie nichts thun, wenn dadurch
seinen Lüsten nicht Befriedigung verschafft wird, und wird dadurch Unheil
stiften, wenn er damit zu seinem Zwecke kommen kann. Je mehr seine Kräfte
ausgebildet sind, desto überlegener ist er andern, desto weniger können
sie ihm widerstehen, desto gefährlicher ist er für die Gesellschaft.
Was soll ich dies weitläufiger ausführen? Diese Wahrheit ist bereits fast
allgemein anerkannt, und man findet sie fast in allen Büchern, die über
die Erziehung geschrieben sind. Wie steht es aber mit der Befolgung?
Zeigen sich nicht allenthalben moralische Ungeheuer, auf deren Unterricht
und Kraftentwickelung doch viel Fleiß gewendet wurde? Man sucht die
Ursache davon teils in dem Verderben der menschlichen Natur, teils in der
Mangelhaftigkeit der sittlichen Grundsätze, die ihnen mitgeteilt wurden;
ich hingegen glaube ihn mehr in einer fehlerhaften Behandlung des jungen
Menschen gefunden zu haben.
Ich will darüber mit niemandem rechten; man erlaube mir aber meine eigene,
auf Erfahrung gegründete Meinung vorzutragen.
Der neugeborne Mensch kann noch nicht gehen, und das Prinzip seiner
Handlungen sind seine Empfindungen. Was ihm angenehme Empfindungen
verursacht, begehrt, was unangenehme Empfindungen bewirkt, das flieht er.
Da ist keine Rücksicht auf Religion oder Moral sichtbar. Will man dies
moralisches Verderben nennen, nun so thue man es; man erlaube mir aber
dann auch, daß ich das Unvermögen zu gehen, das man an dem jungen Menschen
bemerkt, das physische Verderben der menschlichen Natur nenne.
Seitdem man die Laufzäume und Gängelwagen abgeschafft hat, verliert sich
das physische Verderben der Natur nach und nach, und die Kinder lernen
erst gehen, dann sogar laufen und springen. Schafft die moralischen
Gängelwagen und Laufzäume ab, und der moralische Mensch wird sich ebenso
gut von selbst entwickeln und erst gut, dann edel zu handeln anfangen.
Und was sind denn die moralischen Gängelbänder? Die Gebote und Verbote und
die künstlichen Mittel, wodurch man die Kinder an Befolgung derselben zu
gewöhnen sucht.[28]
Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote, insofern sie es sind, eine
natürliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen thun;
zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht,
wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschränkt wird. So wie
bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskräfte sich
entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn
man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknüpften Strafen
und Belohnungen sie zu gängeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung
gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen
auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhört, dann
zeigt sich Zügellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die
Wünsche, die sie seither bei sich hegten und unterdrücken mußten, zu
befriedigen.
~Man lasse daher das Kind immer seinen eigenen Willen thun, so wird es gut
werden.~
Ihr entsetzt euch über diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher
bedürfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen thun sollte?
Liebe Freunde! Leset das, was nun folgt, mit einiger Aufmerksamkeit, und
ich will mich bemühen, so deutlich zu sprechen, als es mir möglich ist, so
werden wir hoffentlich am Ende einander die Hände geben und miteinander
eins sein.
Meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zögling dahin zu bringen
suchen, daß er selbst das Gute wolle und es thue, nicht deswegen, weil es
ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der
Befolgung des Gebots Belohnung, von der Übertretung Strafe zu erwarten
hat, sondern weil er es selbst will.
Sind wir nun miteinander eins? Ich hoffe es.
Die Frage ist nur, wie man das Kind dahin bringe, daß es das Gute wolle;
dies ist schwer und nicht schwer, je nachdem man es angreift.
Nach meinen Erfahrungen gehört dazu zweierlei:
1. Daß man dem Kinde stets die Wahrheit sage oder ihm von seinen Pflichten
die richtige Ansicht gehe.