C. Wie? Ein Komplott können Sie billigen, das diese Bösewichter gegen
ihren Lehrer und Aufseher machten?
M. Ich sehe weder Komplott noch Bösewichter. Einer von der Gesellschaft
hat in einer Anwandlung von Mutwillen Sie geworfen -- das wissen alle.
Sie aber erklären diesen Knaben deswegen für einen Buben, der die Achtung
gegen Sie aus den Augen gesetzt hätte. Sie drohen ihm durch ihren Blick
und den rauhen Ton, mit welchem Sie sprechen, jene harte Strafe. Die
Knaben fühlen alle, daß Sie hierin unrecht thun, und verraten deswegen
ihren Kameraden nicht. Sie versagen sich lieber eine Mittagsmahlzeit, als
daß sie einen guten, aber mutwilligen Knaben einer zu harten Behandlung
preisgeben. Gesetzt auch, daß diese Knaben darin unrecht thaten, daß sie
den Mutwilligen nicht entdeckten, haben Sie durch Ihre Härte ihnen nicht
selbst dazu Veranlassung gegeben? Wissen Sie, was ich gethan hätte, wenn
ich an Ihrer Stelle gewesen wäre? Ich hätte mich umgedreht und ~lächelnd~
gefragt: Ich glaube, ihr wollt es gar mit mir aufnehmen? Wer ist der
kleine Held, der es wagt, sich mit mir zu messen? Da würde denn der Knabe
von selbst herausgetreten sein und gesagt haben: Ich! Ich hätte darauf den
Kampf mit ihm begonnen, und, wenn ein paar Schneebälle wären gewechselt
worden, hätte ich etwas ernsthaft gesagt: nun, Freund! ist es gut, nun
haben wir uns miteinander gemessen. So würde er den Schneeball, den er
schon gegen Sie aufgehoben hatte, haben fallen lassen, und das ganze
Schauspiel würde sich zur allgemeinen Zufriedenheit geendigt haben.
Hier mag Herr Corydon abbrechen. Wollte ich ihn ausreden lassen, so würden
seine Klagen den ganzen Raum ausfüllen, den ich dem Ameisenbüchlein
bestimmt habe. Denn wer die Eigenheiten der kindlichen Natur in die Klasse
der Untugenden setzt, wie viel wird dieser nicht zu klagen haben!
Oft werden die Erzieher auch dadurch die Schöpfer der Untugenden ihrer
Zöglinge, daß sie eine willkürliche Regel annehmen, nach welcher sich die
jungen Leute richten sollen, und jede Abweichung von derselben ihnen als
Untugend anrechnen. Wenn die Regel nun albern und widernatürlich ist, und
die jungen Leute dies fühlen, so werden sie auch keine Neigung haben, sie
zu befolgen, jeden Augenblick davon abweichen, und so als Übertreter in
des Erziehers Augen erscheinen.
Dies begegnet besonders den stolzen Erziehern, die sich für unfehlbar
halten, ihre Zöglinge als Sklaven betrachten, die ihnen blinden Gehorsam
schuldig wären, bei allen ihren Handlungen auf sie Rücksicht nehmen und
bei jeder Gelegenheit die strengste Unterwürfigkeit gegen sie beweisen
müßten. Ein solcher Erzieher duldet keine Einwendung, keinen Widerspruch,
dies wäre Beleidigung, Mangel an Hochachtung. Wenn er sich zeigt, soll
alles Spiel ruhen, tiefes Stillschweigen erfolgen, alles in einer
ehrfurchtsvollen Stellung vor ihm stehen.
Der freimütige, unbefangene Knabe, der keine Verstellung gelernt hat
und geneigt ist, sich an jeden, den er für gut hält, anzuschmiegen,
wird diese Forderung unerträglich finden. Furcht vor Mißhandlungen wird
ihn vielleicht bewegen, sich einige Augenblicke nach den unbilligen
Forderungen seines Zuchtmeisters zu richten; bald wird er sich aber
vergessen, sich in seiner natürlichen Gestalt zeigen, und deswegen als ein
nichtswürdiger Bube behandelt werden.
Jetzt kommt Herr Crispin mit steifem Nacken und abgemessenen Schritten
einhergegangen, um seine Lehrstunde zu geben. Seine Schüler sind vor
dem Hause eben mit Ballspiel beschäftigt. Einige erschrecken bei seinem
Anblicke und verbeugen sich vor ihm mit heuchlerischer Miene, andere
setzen ihr Spiel fort. Was für eine schändliche Aufführung, schreit er
ihnen zu, ist dies! Habe ich Gassenbuben zu Schülern? Unwillig folgen sie
ihm in das Lehrzimmer.
Setzet euch, gebietet er, und daß keiner sich unterstehe, das geringste
Geräusch zu machen. Schreibt, was ich euch diktiere: _Il vit la carosse_
(= Er sah den Wagen).
Herr Crispin! sagte der kleine muntere Klaus, ich dächte, es müsse heißen
_le carosse_.
Schweig! antwortete er, und wenn es gleich heißen sollte _le carosse_,
so mußt du doch schreiben _la carosse_, weil ich, dein Lehrer, es gesagt
habe. Einem unbärtigen Knaben kommt es nicht zu, seinem Lehrer zu
widersprechen.
Nun fängt er an, das Diktierte zu erklären, und bemerkt, daß ein paar
Knaben sich ein Stückchen Papier zeigen, die Köpfe zusammenstecken und
lachen. Er fährt zu, nimmt das Papier weg, und erblickt darauf eine
kleine Handzeichnung, die der junge Klaus soeben verfertigt und darunter
geschrieben hat: ~Das ist Herr Crispin~.
Nun ist die Lehrstunde beendigt, weil Herr Crispin in so heftigen Zorn
geraten ist, daß er sie nicht fortsetzen kann. Er wirft den schändlichen,
verworfenen Buben zur Thür hinaus und befiehlt, daß er ihm nicht wieder
vor die Augen kommen soll.
Der übrige Teil der zum Unterricht bestimmten Stunde wird mit Schimpfreden
und Drohungen zugebracht, die ich niederzuschreiben mich schäme. Nach
Crispins Schilderung ist seine Klasse ein Haufen schändlicher, verworfener
Gassenbuben.
Und was ist es, wogegen er sich so sehr ereifert? Eine Geburt seines
eigenen Gehirns -- schändliche Beleidigung des Lehrers -- wovon ein
anderer gebildeter Mann gar nichts würde geahnt haben. Wenn die Knaben
durch seine Gegenwart sich im Spielen nicht stören ließen, so kam es von
dem Bewußtsein her, daß sie nichts Unrechtes thäten; wenn Klaus Herrn
Crispin auf einen Sprachfehler aufmerksam machte, so war dies eine Wirkung
seiner liebenswürdigen Freimütigkeit, wofür ihm ein anderer die Hand würde
gedrückt haben. Daß bei der Verfertigung seiner Handzeichnung nicht etwas
Tücke im Hintergrunde gelegen habe, getraue ich mir nicht zu behaupten.
Gesetzt aber, dies wäre der Fall; wer hat sie rege gemacht? Kein anderer
Mensch, als Herr Crispin, durch das offenbare Unrecht, das er dem kleinen
Zeichner that.
Endlich vergrößern Erzieher bei ihren Zöglingen oft die Zahl der
Untugenden, indem sie die Eigenheiten derselben dazu rechnen. Wenn man
in einer Erziehungsanstalt die Stiefeln sämtlicher Zöglinge nach einem
Leisten wollte machen lassen, so würde es sich finden, daß sie nur für die
wenigsten paßten und den übrigen entweder zu groß oder zu klein wären.
Und was wäre nun in diesem Falle wohl zu thun? Die Füße, für welche die
Stiefeln nicht passen, für fehlerhaft erklären? an den Füßen einiger
Zöglinge etwas abschneiden, an anderen etwas hinzusetzen?
Ihr lacht? Ihr wollt wissen, was ich mit dieser sonderbaren Frage wolle?
Ich will es gleich sagen. Sowie jeder Knabe seine eigene Form des Fußes
hat, so hat auch jeder seinen eigenen Charakter[9] und seine eigenen
Talente. Wollt ihr nun die Knaben mit ihren verschiedenen Charaktern und
Talenten auf einen Fuß, oder, wie man auch zu sagen pflegt, über einen
Leisten behandeln, so wird diese Behandlungsart immer den wenigsten
angemessen sein; wollt ihr nun dieses den Knaben als Untugend anrechnen
und sie eurer Behandlungsart anzupassen suchen, so handelt ihr mit ebenso
weniger Überlegung, als derjenige, der die Füße nach den ihnen bestimmten
Stiefeln formen wollte. Ihr gebt euren Zöglingen wegen begangener
Fehltritte ~öffentliche~ Verweise. Dies mag für gewisse Fühllose, bei
welchen vorhergegangene Ermahnungen fruchtlos waren, von guter Wirkung
sein; wenn ihr dies aber bei allen thun wollt, so wird der ehrgeizige
Ferdinand sich für beleidigt halten und geneigt sein, die größten
Unbesonnenheiten zu begehen; der weichmütige Wilhelm hingegen wird bittere
Thränen weinen und mutlos werden. Ihr lehrt den Fritz und Karl. Jener
faßt sogleich alles, was ihr ihm sagt, und die Arbeit, die ihr ihm gebt,
ist in einer Viertelstunde vollendet. So ist es nicht mit Karl. Dieser
gute, ehrliche Knabe hat einen sehr langsamen Kopf, faßt sehr schwer den
Vortrag, bringt an der ihm aufgegebenen Arbeit eine Stunde zu, und am Ende
ist sie doch nicht so gut, wie die, die Fritz lieferte. Darüber gebt ihr
ihm Verweise, die er nicht verdient hat.
Ihr unterrichtet den Heinrich und Ludwig im Lateinischen und in der
Mathematik. Heinrich kann schlechterdings die lateinischen Sprachregeln
nicht fassen, in der mathematischen Lehrstunde hingegen ist er der beste
Schüler; und Ludwig bringt euch lateinische Aufsätze, an denen ihr nur
wenig zu verbessern findet; aber die Mathematik -- für diese hat er keinen
Sinn. Gleichwohl verlangt ihr von beiden, daß sie im Lateinischen und in
der Mathematik gleiche Fortschritte machen sollen; verweist dem Heinrich
seine Faulheit in der lateinischen und dem Ludwig seine Verdrossenheit in
der mathematischen Lehrstunde und -- thut beiden unrecht. Ihre Faulheit
und Trägheit sitzt in euerm Gehirne.[B]
Dies wäre also mein Symbolum, das jeder verstehen, annehmen und befolgen
muß, wenn mein Ameisenbuch ihm nützen soll.
Sowie aber alle Symbole sind gemißbraucht worden, so wird es
wahrscheinlich auch mit diesem gehen. Wenn nun mancher Erzieher mit seinen
Bemühungen bei seinen Zöglingen wenig oder nichts ausrichtet, wenn sie
wenig lernen, ihre Untugenden beibehalten und unter seiner Leitung mehrere
annehmen, so werden die Eltern ihm die Schuld davon geradezu beimessen und
sich auf mein Ameisenbüchlein berufen. Hierin thun sie unrecht.
Habe ich denn gesagt, daß ~man~ den Grund von allen Untugenden und Fehlern
der Zöglinge dem Erzieher ~beimessen~ müsse? Nichts weniger als dieses.
Nur von dem ~Erzieher~ fordere ich, daß ~er selber~ den Grund davon in
~sich suchen solle~, damit, wenn er wirklich in ihm läge, er ihn wegräumen
könne. Daraus folgt aber noch nicht, daß andere ihm die Schuld davon
beilegen sollen.
Ihr, liebe Eltern, seid auch die Erzieher eurer Kinder. Habt ihr gleich
die Erziehung derselben zum Teil einem andern übertragen, so nehmet ihr
doch noch immer auf eine nähere oder entferntere Art daran Anteil. Für
euch ist also mein Symbolum auch niedergeschrieben. Ueberdenkt, beherzigt
es und macht die Anwendung davon auf euch selbst. Statt die Untugenden
eurer Kinder dem Erzieher zur Last zu legen, suchet den Grund davon in
~euch~. Der Erzieher sucht ihn in sich, ihr sucht ihn in euch, und jeder
Teil bessert da, wo er findet, daß er gefehlet habe. So wird alles recht
gut gehen.
~Ein jeder lern' seine Lektion!~
~So wird es wohl im Hause stohn.~
Wer mein Symbolum nicht annimmt, sich für unfehlbar hält, und die ganze
Schuld von den Untugenden seiner Zöglinge und dem Mißlingen ihrer
Bearbeitung in ihnen oder in der äußerlichen Lage sucht -- wie will der
erziehen können! Mit Unwillen wird er seine Zöglinge ansehen, ihr Anblick
wird ihm unangenehme Empfindungen verursachen, jede ihrer Unbesonnenheiten
ihn beleidigen, oft wird er in ihren unschuldigsten Aeußerungen Tücke und
Bosheit wittern, von lauter verworfenen Menschen, bei denen man nichts
wirken kann, sich umgeben glauben. Wie lästig wird ihm die Erziehung
werden, wie herbe sein Ton, wie verkehrt sein Benehmen gegen seine jungen
Freunde sein und wie fruchtlos alle seine Bemühungen! Sehnlich wird er dem
Zeitpunkte entgegensehen, da ihm das Erziehungsgeschäft abgenommen wird,
und er seine bisherige Lage mit einer andern vertauschen kann.
Er wird kommen, der sehnlich herbeigewünschte Zeitpunkt; du wirst dich
dann leichter fühlen, und dir wird es scheinen, als wenn du neugeboren
wärest. Bald aber wirst du in deiner neuen Lage neue Unannehmlichkeiten
finden; deine Umgebungen werden deinen Erwartungen nicht entsprechen,
und weil du nun einmal dich gewöhnt hast, die Ursachen des Mißvergnügens
immer außer dir zu suchen, so wirst du die Schuld davon deinen Umgebungen
beimessen, und die alten Klagen werden von neuem beginnen. ~Der Anfang der
Weisheit ist die Selbsterkenntnis~;[10] wo diese fehlt, wird man die
Weisheit in keiner Lage finden, und den Gleichmut und die Zufriedenheit,
die aus derselben entspringen, allenthalben vermissen.
Freund! der du dich der Erziehung widmest, sei also stark und entschließe
dich, wenn du an deinen Pflegesöhnen Fehler und Untugenden bemerkst, wenn
die Bearbeitung derselben dir nicht gelingen will, den Grund davon immer
in dir zu suchen. Du wirst gewiß ~vieles~ finden, das du nicht geahnt
hast, und wenn du es findest, freue dich und laß es dir ein Ernst sein,
es wegzuschaffen. Es wird dir gewiß gelingen, und dann -- dann -- welche
angenehme Veränderung wirst du in und außer dir verspüren! Die dir
anvertraute Jugend wird dir in einem andern Lichte erscheinen, ihre
Munterkeit wird dich aufheitern, ihre Thorheiten und Unbesonnenheiten
werden dich nicht mehr beleidigen, du wirst sie mit mehr Nachsicht und
Schonung behandeln; das Herbe und Bittere in deinem Tone, das Finstere in
deinem Gesichte wird sich verlieren, die Aufwallungen des Zorns, zu denen
du geneigt bist, werden sich nach und nach mindern, der Bequemlichkeit,
die du dir angewöhnt hattest, wirst du entsagen, so manchen andern Felder,
der auf deine jungen Freunde üble Eindrücke machte, wirst du ablegen,
du wirst deinem Vortrage immer mehr Lebhaftigkeit und Annehmlichkeit
verschaffen. Hast du einige Zeit so an dir gebessert -- was wird der
Erfolg sein? Du wirst dich zu einem guten Erzieher gebildet haben.
Deine Pflegesöhne werden dich mit ihrer Liebe und ihrem Zutrauen belohnen;
deine Winke werden sie befolgen, deine Bemühungen werden gelingen, ihre
Fehler und Untugenden werden nach und nach weichen.
Will es dir in manchen Fällen doch nicht gelingen, kannst du gewisse
Fehler und Untugenden doch nicht wegschaffen -- gut! so hast du doch die
Beruhigung, mit Ueberzeugung zu dir sagen zu können: ~ich habe das Meinige
redlich gethan, die Schuld von dem Mißlingen meiner Bemühungen kann ich
mir nicht beimessen~.
Was ist Erziehung?
Seitdem es Menschen giebt, sind dieselben auch erzogen worden. Gleichwohl
hat man noch keinen bestimmten, allgemein angenommenen Begriff von der
Erziehung. Fast jeder, der über dieses Geschäft schreibt, giebt davon
seine eigene Vorstellung.
Da könnte ich nun alle die Begriffe, die seit Aristoteles[11] bis auf
Pestalozzi von der Erziehung sind gegeben worden, anführen, erklären,
mit einander vergleichen und den richtigen heraussuchen. Ich habe aber
meine Ursachen, warum ich es nicht thue. Erstlich, weil mir viele davon
unbekannt sind, zweitens, weil ich es für zweckwidrig halte. Wozu würde
es nützen, wenn ich die Leser mit den verschiedenen Vorstellungen, die
man sich in verschiedenen Zeitaltern von der Erziehung machte, aufhielte?
Am Ende komme ich doch mit meinem eigenen Begriffe hervorgetreten und
suche ihnen denselben zu empfehlen. Da ist es ja kürzer, wenn ich sie
sogleich, ohne alle Umschweife, damit bekannt mache. Nach meiner Meinung
ist Erziehung: ~Entwickelung und Übung der jugendlichen Kräfte~.[12]
Erzieht man das Kind zum Menschen, so werden alle seine Kräfte entwickelt
und geübt; erzieht man es aber für ein gewisses Geschäft, so hält man
es für nötig, daß man nur diejenigen, die zur Verrichtung desselben
erforderlich sind, in Thätigkeit setze, und andere, die der Wirksamkeit
derselben nachteilig sein können, schlummern lasse oder gar lähme, so wie
man den Stier entmannt, der zum Zuge bestimmt ist. Hier rede ich nur von
der ersten Art der Erziehung.
Um die Gehkraft der Kinder zu entwickeln und zu üben, steckte man sie
ehedem in Laufbänke, oder legte ihnen Laufzäume[13] an, und sie wurden
oft krummschenklig und hochschultrig, und wenn man ihnen den freien
Gebrauch ihrer Glieder zuließ, hatten sie dieselben nicht in ihrer
Gewalt, strauchelten oft, zerschlugen sich die Köpfe, oder bekamen andere
Beschädigungen. Jetzt sind Laufbänke und Laufzäume aus allen Kinderstuben
verbannt, wohin das Licht der bessern Erziehung gedrungen ist. Man sieht
da die Kinder, wie junge Tiere, herumkriechen; fühlen sie mehr Kraft in
ihren Schenkeln, so richten sie sich empor und treten an Stühle. Man setzt
nun mehrere Stühle in kleiner Entfernung von einander hin, legt Bilder und
Spielwerk drauf, um sie zu reizen, von einem Stuhle zum andern zu wandeln.
Nach einigen Tagen lassen sie die Stühle stehen, und wandeln, ohne sich
an etwas zu halten, durch das Zimmer. Verlieren sie das Gleichgewicht,
so setzen sie sich gewöhnlich auf den Hintern. Bei dieser Übung bleiben
die Glieder gesund und unverletzt. Wie lange währt es, so sieht man die
nämlichen Kinder, die erst krochen, laufen und springen.
Diese Behandlungsart enthüllt uns das ganze Geheimnis einer vernünftigen,
der menschlichen Natur angemessenen Erziehung.
So wie man bei dieser Anleitung zum Gehen die Gehkraft nicht eher zu üben
sucht, bis die Kriechkraft hinlänglich geübt ist, und jene hinlänglich
sich äußert, so darf man auch nicht andere Kräfte zu entwickeln suchen,
bis sie wirklich da sind, und diejenigen, aus welchen sie hervorgehen
pflegen, hinlängliche Übung bekommen haben. Ferner, so wie die Laufbänke
und Laufzäume entfernt sind, und die Kinder gereizt werden, aus eigenem
Entschlusse fortschreiten, und so ihre Gehkraft zu üben, so muß auch der
Erzieher bei Übung der übrigen Kräfte alles Laufzaumähnliche zu entfernen
suchen; er darf nicht sowohl die jugendlichen Kräfte üben, als vielmehr
den Kindern Gelegenheit und Reiz verschaffen, diese Übungen selbst
vorzunehmen.
Das Kind empfängt ohne Zweifel alle seine Kräfte durch die Erzeugung und
bringt sie mit, wenn es sich seinem pflanzenähnlichen Zustande entwindet
und in das Tierreich übergeht. Die meisten aber schlummern noch, wie der
Keim im Weizenkorne, wenn es in die Erde geworfen wird; sie sind nur noch
Vermögen und entwickeln sich, mit dem Fortgange der Zeit, in folgender
Ordnung.
Zuerst die meisten Kräfte des Leibes. Das neugeborene Kind atmet,
schreit, schluckt, verdauet u. s. w. Die äußerlichen Dinge machen auf
dasselbe Eindrücke, aber das Vermögen, sie zu empfinden oder sich davon
Vorstellungen zu machen, äußert sich in seinen ersten Lebenstagen noch
nicht. Nach und nach fängt es an, die äußerlichen Dinge sich vorzustellen,
diese Vorstellungen aufzubewahren, sie von Zeit zu Zeit wieder
hervorzubringen: die Kräfte der Sinnlichkeit,[14] des Gedächtnisses, der
Einbildungskraft entwickeln sich.
In der Folge äußert sich der Verstand durch Urteile, die er über
Gegenstände fället, die in die Sinne fallen. Zugleich fangen die in den
Händen befindlichen Kräfte an, ein Streben nach Thätigkeit zu äußern.
Das Kind greift nach allem, betastet alles, wirft es von einem Orte zum
andern. Giebt man ihm in der Folge ein hölzernes Pferd, so bauet es von
Büchern oder Stühlen einen Stall, legt ihm Futter vor, zieht es heraus,
bindet es an einen Stuhl oder sonst etwas, das des Pferdes Wagen sein
und von ihm fortgezogen werden soll u. dgl. Erst bei dem Austritte aus
dem Stande der Kindheit fängt die Vernunft an durch Vorstellung von
übersinnlichen Gegenständen sich thätig zu beweisen.
Hierdurch hat uns die Natur die Ordnung vorgezeichnet, in welcher wir ihr
bei Entwickelung der jugendlichen Kräfte behilflich sein müssen.
Was muß ein Erzieher lernen?
Es ist ein Lieblingssatz der neueren Erzieher, daß die Erziehung des
Kindes mit seiner Geburt anfangen müsse, und ich stimme demselben von
ganzem Herzen bei.
Schriebe ich nun jetzt über die Erziehung der Kinder, so müßte ich zeigen,
wie Eltern, Kinderwärterinnen und alle Personen, in deren Händen sich
das Kind in seinen ersten Lebensjahren befindet, sich gegen dasselbe in
diesem Zeitraume verhalten müßten. Da ich aber bei Ausfertigung dieser
Schrift die Erziehung der Erzieher zum Gegenstande habe, wodurch man nach
dem Sprachgebrauche Personen versteht, die von den Eltern verschieden
sind, und die gewöhnlich das Kind dann erst unter ihre Aufsicht bekommen,
wenn es schon gehen, sprechen, sich Vorstellungen von Gegenständen der
Sinnenwelt machen und darüber urteilen kann, so würde es mich zu weit von
meinem Zwecke abführen, wenn ich mich auf die Behandlungsart der Kinder in
ihren ersten Lebenstagen einlassen wollte.
Wer hierüber belehrt sein will, dem empfehle ich das Buch, welches ich
unter dem Titel: ~Konrad Kiefer, oder über eine vernünftige Erziehung der
Kinder~, herausgegeben habe, wo er verschiedene gute Winke und Belehrungen
erhalten wird.
Jetzt untersuche ich also nur, was die Person für die Erziehung des Kindes
zu thun habe, welche es aus dem Schoße der Familie zur ferneren Ausbildung
erhält.
Das Lebensjahr, in welchem dieses geschieht, ist bekanntlich nicht
allgemein bestimmt. Mancher Erzieher erhält seine Zöglinge im fünften oder
sechsten Jahre, die meisten erhalten sie später.
Hier nehme ich an, der Erzieher trete sein Amt bei fünfjährigen Zöglingen
an. Da fragt es sich nun, was hat er von diesem Zeitpunkte an bei ihnen zu
thun? und was muß er in dieser Rücksicht lernen?
Die Kräfte des Leibes, und unter diesen vorzüglich diejenigen, deren
Thätigkeit zur Erhaltung und Nahrung desselben am nötigsten sind,
entwickeln sich bei den Kindern zuerst. Folglich muß der Erzieher auch
verstehen, wie er die Wirksamkeit derselben oder die Gesundheit des Leibes
erhalten soll.
Bei ungesunden Knaben mißlingt alle Erziehung.[15] Ihr beständiges
Übelbefinden macht sie eigensinnig, verdrossen, schwächt den
Thätigkeitstrieb und macht sie abgeneigt, durch Aufmerksamkeit auf die
sie umgebenden Dinge sich Vorstellungen zu verschaffen. Jeder rauhe Wind,
jeder Regenschauer schreckt sie aus der Natur zurück und verhindert sie,
in ihrem Schoße Kenntnisse einzusammeln.
Die Erziehung ungesunder Kinder ist also ein höchst mühsames und fast
undankbares Geschäft, und wer erziehen will, muß wissen, wie man seine
Zöglinge gesund erhalte.
Dazu, wird man einwenden, sind ja die Ärzte da.
Freilich sind sie da. Sind sie aber auch immer da, wo der Erzieher mit
seinen Zöglingen sich befindet? Sind sie auf dem Landgute des Edelmannes?
sind sie auf den Landhäusern, wo die begüterten Stadtbewohner oft ihre
Kinder erziehen lassen? sind sie auf Reisen zugegen? Und wenn sie zugegen
sind, kann man denn ihnen seine Zöglinge immer ohne Bedenken anvertrauen?
Ach, es ist ein höchst schädliches Vorurteil, daß das Doktordiplom eine
vorzügliche Geschicklichkeit zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit
erteile. Ein Arzt, der zu einem kranken Knaben gerufen wird, dessen Natur
er nicht kennt, dessen Lebensart er nicht beobachtet hat, der vielleicht
den Kopf voll von einer gewissen Krankheit hat, die er allenthalben sucht
und allenthalben zu finden glaubt, kann leichter in der Beurteilung seines
Übelbefindens, des Ursprungs desselben und in der Wahl der Heilmittel
irren, als ein aufmerksamer Erzieher, der seinen Zögling immer um sich hat
und seine Natur und Lebensart kennt.
Und sind denn alle Ärzte redlich? Sind nicht manche unter ihnen, die
ihre Patienten so behandeln, wie ein gewinnsüchtiger Uhrmacher die
Taschenuhren, die ihm zur Ausbesserung übergeben werden, der sie nie
vollkommen herstellt, damit immer daran etwas zu bessern bleibe, immer
etwas für ihn zu gewinnen ist?[16]
Der ~Erzieher~ muß also verstehen, wie er seine Zöglinge gesund erhalte,
wie er es verhüte, daß sie krank werden, und wie ihnen zu helfen sei,
wenn da und dort in der Maschine eine Stockung entsteht; und nur bei
außerordentlichen Fällen wo seine Einsichten ihn verlassen, muß er zum
Arzte seine Zuflucht nehmen.[C]
Alles auseinanderzusetzen, was man thun muß, um seine Pflegesöhne gesund
zu erhalten, ist hier der Ort nicht. Nur dies bemerke ich, daß man sie zur
Abhärtung gewöhnen, täglich, ohne sich an die Witterung zu kehren, sie
im Freien bewegen, einfache Kost ihnen zu genießen geben, und des kalten
Bades nebst den damit verknüpften Schwimmübungen sich bedienen muß.[D]
Dies sei ein Wink für euch jungen Männer, die ihr euch der Erziehung
widmen wollt. Wenn eure Zöglinge durch Abhärtung ihre Gesundheit erhalten
sollen, so müßt ihr euch selbst abhärten. Denn glaubt ihr wohl, daß sie im
Schneegestöber sich wohl befinden werden, wenn ihr über die unangenehmen
Empfindungen klagt, die es euch verursacht? daß sie gern mit leichter
Kleidung und unbedeckten Köpfen ausgehen werden, wenn ihr euch in Pelzwerk
hüllt? Oder glaubt ihr wohl, daß verzärtelte Jünglinge sich gern der
rauhen Luft aussetzen werden? Ach, ich besorge, sie werden, so oft die
Luft rauh ist, allerlei Entschuldigungen hervorsuchen, um das Ausgehen
abzulehnen und in der warmen Stube bleiben zu können, und so, statt ihre
Zöglinge abzuhärten, dieselben verzärteln.
Also, liebe Freunde! Wenn ihr nicht nur Erzieher heißen, sondern es
wirklich sein wollt, so härtet euren Leib ab! Werft die Federbetten weg
und gewöhnet euch, auf Stroh unter einer leichten Bedeckung zu schlafen;
bedeckt den Kopf leicht oder gar nicht. Daß der Kopf immer bedeckt sein
müsse, ist Vorurteil. Eure Kleidung sei leicht, Pelzwerk darf nie an euren
Leib kommen. So lange man durch Gehen und Laufen sich in Bewegung hält,
kann man viel aushalten; nur dann wird eine Ausnahme stattfinden müssen,
wenn man in ruhiger Lage, im Wagen oder auf dem Schlitten sich befindet.
Gehet täglich in die freie Luft, ohne erst durch die Fensterscheiben
nachzusehen, was es für Wetter sei. Macht bisweilen starke Reisen zu
Fuße, damit euer Leib sich gewöhne, das damit verknüpfte Ungemach
auszuhalten. Da die Bewegungen auf dem Schnee und Eise ein vorzügliches
Stärkungsmittel sind, so lernt auf kleinen Schlitten fahren und mit
Schlittschuhen auf der Eisfläche laufen. Dann habt ihr nicht nötig,
durch weitläufige Vorstellungen euren Zöglingen die Nutzbarkeit dieser
Bewegungen begreiflich zu machen. Ihr setzt euch auf euern Schlitten und
gleitet den Berg herab, ihr schnallet eure Schlittschuhe an und fahret
über die Eisfläche hin, und eure Zöglinge bitten euch von selbst, daß ihr
ihnen Schlitten und Schlittschuhe sollt machen lassen.
Wenn der Genuß einfacher Kost ein Erhaltungsmittel der jugendlichen
Gesundheit ist, so begreift ihr von selbst, daß ihr euch auch dazu
gewöhnen müßt. Die warmen ausländischen Getränke, die bei der gewöhnlichen
Erziehung uns zu einem notwendigen Bedürfnisse gemacht werden, die
Leckereien, die auf den Tafeln der Begüterten einen Teil der Mahlzeit
ausmachen, müßt ihr entbehren lernen. Dann habt ihr nicht nötig, euern
Zöglingen die Vortrefflichkeit einer einfachen Kost vorzupredigen. Wenn
ihr selbst euern Genuß auf Milch und Obst, Butter, Gemüse, Fleisch
und andere Nahrungsmittel, welche die naheliegende Natur darbietet,
einschränkt, so werden sie sich von selbst daran gewöhnen, und die
Lüsternheit nach gekünstelten Nahrungsmitteln wird bei ihnen schwach, und
leicht zu besiegen sein.
Wird dies wohl ebenso leicht sein, wenn ihr euch Genüsse erlaubt, vor
denen ihr sie warnet?
Wollet ihr die Zöglinge zum kalten Bade führen, ohne selbst daran
teilzunehmen, so könnt ihr leicht voraussehen, was für Unannehmlichkeiten
daraus entspringen werden. Mehrere von ihnen werden mit Unwillen ins
Wasser gehen, unter allerlei Entschuldigungen sich dieser Übung zu
entziehen suchen, und, was tausend jungen Leuten Wollust ist, das wird
ihnen Frondienst sein. Ihr selbst werdet ängstlich am Ufer umherlaufen,
wie eine Truthenne, wenn ihre Entenbrut auf dem Teiche schwimmt, und ihnen
bei den Gefahren, in die sie kommen, nicht raten und nicht helfen können.
Das kürzeste Mittel, diesen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, ist -- lernt
selbst Schwimmen. Dann wird das Tauchen, Platschern und Schwimmen im
kalten Wasser euch Freude machen, ihr werdet euch mit Vergnügen in
dasselbe stürzen, eure Kleinen werden euch nachfolgen, ihr werdet imstande
sein, ihnen alle die Vorteile bekannt zu machen, durch welche man sich
über dem Wasser erhalten und auf seiner Fläche sich frei bewegen kann, und
sie retten können, wenn sie in Gefahr kommen sollten.[E]
Bei einer solchen Behandlungsart werden die Kräfte, die der Schöpfer euern
Kleinen zur Erhaltung des Leibes einpflanzte, ihre Verrichtungen selbst
thun und nicht oft und nicht lange in denselben gestört werden.
Bisweilen wird dies aber doch geschehen. Dann bedarf es oft nur eines
kleinen Reizes, um die abgespannten Kräfte wieder in Thätigkeit zu setzen.
Diesen Reiz ihnen zu geben, müßt ihr verstehen.
Außer diesen nährenden und erhaltenden Kräften muß nun auch der
Sinnlichkeit, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem Verstande
Übung verschafft werden.
Woran sollen diese Übungen geschehen? An Gegenständen, die in die Sinne
fallen. Diese müssen ~in großer Mannigfaltigkeit~ herbeigeschafft und
den Kindern zur Betrachtung vorgestellt werden. Wo diese bei sechs- bis
achtjährigen Kindern fehlen, da ist keine Erziehung, weil nichts da ist,
woran sie ihre regenden Kräfte üben können.
Und welches sollen diese sinnlichen Gegenstände sein? Dies müssen uns
die Kinder selbst lehren. Wir müssen ihnen ablernen, welche Gegenstände
am meisten geeignet sind, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn
man ihnen dann dieselben vorzeigt, so hat man nicht nötig, sie immer zu
ermahnen: gebt Achtung, liebe Kinder! Sie fühlen in sich selbst Drang
zum Beobachten. Sie thun das, worauf ihr Erzieher hinarbeiten muß -- sie
erziehen sich selbst.
Da hat mich nun eine lange Erfahrung gelehrt, daß nichts die
Aufmerksamkeit der Kinder so früh auf sich ziehe, als -- Tiere. Wer daran
zweifelt, der beobachte die Kinder selbst, und er wird das Nämliche
wahrnehmen. Ihre Augen sind selten auf ihren Leib,[17] gewöhnlich auf die
Gegenstände gerichtet, mit welchen sie umgeben sind. Bringt man nun einen
Sperling, eine Maus, einen Fisch oder ein anderes Tier in das Zimmer, so
sehen sie von allen andern Dingen weg und -- blicken auf die Tiere. Selbst
wenn man ihnen ein Bilderbuch vorlegt, so verweilen sie am längsten bei
den Bildern, auf welchen Tiere vorgestellt sind. Dadurch fordern sie laut:
wollt ihr die Kräfte, die sich jetzt bei uns äußern, üben, so zeigt uns
~Tiere~!
Man fängt auch wirklich hier und da an, auf diese Forderung Rücksicht zu
nehmen, und die Naturgeschichte, die ehedem der Jugend ganz fremd blieb,
in Schulen und Erziehungshäusern zu lehren, aber -- meistenteils ganz
zwecklos.
Man hält Vorlesungen über ein System der Naturgeschichte, ohne von den
Erzeugnissen der Natur etwas vorzuzeigen, glaubt dadurch die Forderungen
der jugendlichen Natur zu erfüllen und irrt sich.[18]
Das Kind will seine Kräfte üben an sinnlichen Gegenständen; wie kann es
dies, wenn ihm keine vorgezeigt werden? Naturgeschichte soll gelehrt
werden, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Jugend auch
Gelegenheit zu schaffen, an der Natur verschiedene Kräfte zu üben. Dies
fällt ja alles bei den naturhistorischen Vorlesungen weg. Da verhält ja
das Kind sich bloß leidend und läßt den Lehrer für sich beobachten und
urteilen.
Sollen die jugendlichen Kräfte an der Natur geübt werden, so müssen die
Erzeugnisse derselben ihnen nach und nach zur Betrachtung vorgestellt
werden, und zwar eins auf einmal, damit die Aufmerksamkeit sich besser
auf dasselbe heften könne, und zwar anfänglich -- ein Tier. Dies Tier
muß nun genau betrachtet werden nach seinen verschiedenen Teilen, ihrer
Form, ihrer Farbe, ihrer Absicht; es muß nun mit einem andern verglichen
und bemerkt werden, was es mit ihm gemein habe, und wodurch es von ihm
unterschieden sei, es muß den Augen bisweilen entzogen und von dem Kinde
beschrieben werden. Was durch die eigene Beobachtung nicht kann gefunden
werden, z. B. die Nahrung, die Lebensart, der Nutzen, den es dem Ganzen
schaffe, das setzt der Lehrer durch seine Erzählung hinzu.
Ich stelle z. E. zur Betrachtung einen Kanarienvogel auf. Wie viel giebt
es da zu betrachten!
Ich kann die Betrachtung nun auf zweierlei Art anstellen: erstlich indem
ich meinen Kleinen vorerzähle, was ich an dem Vogel bemerke; zweitens,
indem ich sie reize, denselben zu betrachten. Im ersten Falle übe ich
meine, im zweiten der Kinder Kräfte. Da nun nicht jenes, sondern dieses
bei der Erziehung der Kinder Zweck sein soll, so muß ich sie zur eigenen
Betrachtung zu reizen suchen, wenn ich nicht zweckwidrig handeln will.
Dies würde ungefähr auf folgende Art geschehen:
Wie heißt dies Tierchen?
Warum ein Vogel?
Warum Kanarienvogel?
Welches sind seine Gliedmaßen?
Was hat er vorne am Kopfe?
Aus wie vielen Teilen besteht der Schnabel?
Was hat der Oberkiefer für eine Form?
Was steht an beiden Seiten des Oberkiefers?
Was haben die Nasenlöcher für eine Form?
Was hat der Unterkiefer für eine Form?
Welcher Kiefer ist beweglich?
Welcher unbeweglich?
Wozu braucht der Kanarienvogel seinen Schnabel?
Haben alle Kanarienvögel Schnäbel?
Ist also der Schnabel ein wesentlicher oder ein zufälliger Teil?
Was steht an beiden Seiten des Kopfes?
Wozu nützen die Augen?
Was steht über den Augen?
Wozu nützen die Augenlider?
Warum schließt dieser Vogel bisweilen die Augenlider?
Womit ist der Kopf bedeckt?
Warum?
Was haben die Federn für eine Farbe?
Haben sie diese Farbe bei allen Kanarienvögeln?
Ist diese Farbe also wesentlich oder zufällig?
Worauf steht der Kopf?
Was kann der Vogel mit dem Halse thun?
Wie heißt der obere Teil des Halses?
Und der untere?
Wie heißen die beiden Gliedmaßen an den zwei Seiten des Körpers?
Aus wie viel Teilen besteht der Flügel?
Wie heißen die Federn, mit denen die Flügel bedeckt sind?
Wie heißen die Federn an der Seite?
Welche Federn sind länger?
Aus wie viel Teilen besteht eine Schwungfeder?
Wozu braucht der Vogel die Flügel?
Wie heißen die Gliedmaßen unten am Körper?
Aus wie viel Teilen bestehen sie?
Warum bestehen sie denn aus mehreren Teilen?
Wie heißt der obere Teil, der unmittelbar am Körper sitzt?
Wie der mittlere?
Wie der untere?
Was steht an dem untern?
Womit sind die Lenden und Schenkel bedeckt?
Womit die Beine und Zehen?
Wie viele Zehen stehen an jedem Beine?
Wie viele an beiden?
Wie viel Zehen haben zehn Kanarienvögel?
Wie viele hundert?
Sind alle Zehen gleich lang?
Welches ist der längste?
Welches der kürzeste?
Wie viele Gelenke hat jeder Zehe?
Warum haben die Zehen Gelenke?
Was steht vorne an den Zehen?
Wie heißt der Teil des Vogels, an welchem alle Gliedmaßen stehen?
Wie heißt der obere Teil?
Wie der untere?
Wie heißt der Vorderteil des untern Teils?
Was für eine Farbe hat der Rücken?
Und die Brust?
Und der Bauch?
Wie heißen die Federn hinten am Rumpfe?
Wie viel sind es Schwanzfedern?
Wie heißen hier diese Federn über den Schwanzfedern?
Und diejenigen, die unter den Schwanzfedern sind?
Was ist das für eine fleischichte Erhöhung über den Schwanzfedern?
Wozu nützt die Fettdrüse?
Jetzt drehe dich um, Adolf, und beschreibe mir den Kanarienvogel!
Was für ein Tier betrachteten wir gestern?
Nenne mir jeder etwas, was der Kanarienvogel mit dem Frosche gemein hat!
Nenne mir jeder etwas, wodurch der Kanarienvogel von dem Frosche
unterschieden ist!
Dies ist nur ein Wink, wie der Unterricht über Gegenstände aus dem
Tierreiche kann angestellt und zur Übung jugendlicher Kräfte angewendet
werden. Wer ihn versteht, wird die Fragen leicht noch mehr vervielfältigen
können.
Es kann z. E. den Kindern noch vieles abgefragt werden, was sie von dem
Vaterlande, der Nahrung, der Pflege, dem Nutzen und dem Handel wissen, der
mit Kanarienvögeln getrieben wird; was die Kinder nicht wissen, wird von
dem Lehrer hinzugesetzt.
Kann es nun wohl eine bessere Übung der jugendlichen Kräfte geben, als
Betrachtung der Gegenstände aus dem Tierreiche? Sie hat für die Kleinen
so vielen Reiz und gewöhnt sie daher leicht, ihre Aufmerksamkeit auf eine
Sache eine Zeit lang zu heften; sie gewöhnt das Auge, die Dinge nicht
obenhin, sondern genau anzusehen, und ein so geübtes Auge bemerkt tausend
kleine Merkmale, die dem ungeübten Auge verborgen sind; die Sinnlichkeit
übt sich, von den empfundenen Sachen sich richtige Vorstellungen
zu machen; das Gedächtnis wird durch Auffassung der mannigfaltigen
Benennungen der verschiedenen Teile des Tieres, und die Einbildungskraft
durch Entwerfung eines richtigen Bildes von dem betrachteten Tiere, und
der Verstand durch Beurteilung der Absichten eines Tieres und durch
Aufsuchung der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, die zwischen verschiedenen
Tieren stattfindet, in Thätigkeit gesetzt.
Dies ist wohl ganz gut, wird man einwenden; aber woher sollen wir Tiere
genug nehmen, um täglich eins zum Aufstellen zu haben?
Daran wird es, wenn nur der gute Wille da ist, gewiß nicht fehlen.
Zwar kann ich nicht voraussetzen, daß jeder Erzieher mit einem
Naturalienkabinette versehen sei; aber das große Naturalienkabinett,
die Natur, steht ihm doch offen! Wenn er mit seinen Zöglingen in dieser
fleißig sucht, so wird er gewiß vieles finden; und wenn er mit einigen
Jägern, Hirten, Bauern u. dergl. in Verbindung tritt und sie zu bewegen
sucht, die Tiere, die sie in ihre Gewalt bekommen, ihm zur Ausstellung
in der Lehrstunde zu leihen, so wird er über den Stoff zu seiner
naturhistorischen Lehrstunde nicht dürfen verlegen sein. Es ist diese
Lehrstunde in hiesiger Anstalt gleich in den ersten Jahren ihres Daseins,
da wir noch kein Naturalienkabinett hatten, ~täglich~ gegeben und täglich
ein neues Tier aufgestellt worden.
Also, fragt jemand höhnisch, sollen wir den Ochsen, das Pferd, den Esel in
das Lehrzimmer führen und den Kindern zur Betrachtung aufstellen?
Diese Frage verdient keine Antwort, da jeder Vernünftige gleich darauf
verfallen wird, daß man die Kinder auch zu den Tieren führen kann,
welche ihnen zuzuführen unschicklich sein würde. Man kann sie nach allen
ihren Teilen und unterscheidenden Merkmalen betrachten, und dann in
das Lehrzimmer zurückkehren, um über den betrachteten Gegenstand eine
Unterredung anzustellen.
Woher sollen wir aber, fragt man weiter, die ausländischen Tiere bekommen?
Von Zeit zu Zeit werden ausländische Tiere zur Schau herumgeführt, die man
dann mit seinen Zöglingen betrachten kann. Dies sind freilich nur wenige;
es wird aber nichts schaden, wenn sie auch einen großen Teil derselben nie
zu sehen bekommen. Der Zweck des Unterrichts in der Naturgeschichte soll
ja bei Kindern nicht sein die Erlernung derselben, sondern -- Übung ihrer
Kräfte, wozu die naheliegende Natur hinlänglichen Stoff darbietet.
Um sich gegen Mangel desselben ganz zu sichern, muß man mit dem
Unterrichte in der Tierkunde den Unterricht in der Pflanzenkunde
verbinden, und diesen vorzüglich im Sommer, jenen im Winter treiben.
Diese Unterweisung kommt im wesentlichen mit dem Unterrichte in der
Tierkunde überein. Der Hauptzweck ist -- Kraftübung der Kinder. Das Mittel
dazu ist Aufstellung einer Pflanze zum ~eignen~ Betrachten derselben.
Würde dieser Unterricht nun in Landschulen gegeben, deren Schüler sich
wahrscheinlich in ihrer Gegend ansiedeln werden, so könnte man ja
wohl mit den deutschen Benennungen der Pflanzen, die in dieser Gegend
gewöhnlich sind, auskommen; erteilt man denselben aber Kindern, welche
wahrscheinlich reisen und sich in verschiedenen Ländern niederlassen
werden, so ist es besser, sie sogleich zu gewöhnen, die Pflanzen mit dem
Linnéischen lateinischen Namen zu benennen.
Dies ist für Kinder zu schwer, sagt ihr. Ich sage aber, es ist nicht zu
schwer. Sechs- bis achtjährige Kinder, Mädchen sowohl als Knaben, die ein
halbes Jahr in meiner Anstalt in der Pflanzenkunde Unterricht erhalten
haben, kennen beinahe alle Pflanzen, die in hiesiger Gegend wachsen,
wissen sie Linnéisch zu benennen und freuen sich nicht wenig darüber, daß
sie es können.
Freilich ist das Behalten der lateinischen und griechischen Benennungen
anfänglich etwas schwer, aber eben deswegen ist es eine herrliche
Gedächtnisübung.[19] Ein Kind, das ein paar tausend solche Namen gemerkt
hat, wird leicht Wörter der Wissenschaften und fremden Sprachen auffassen,
zu deren Erlernung es bestimmt ist.
Da die Linnéischen Benennungen von allen europäischen gebildeten Völkern
angenommen sind, so ist es denen, die sie gefaßt haben, hernach auch
möglich, sich in allen Weltgegenden über die Pflanzenkunde verständlich
auszudrücken und, wenn sie in der Folge dieselbe weiter fortsetzen
wollten, die Kunstsprache zu verstehen.
Da die Zahl der Pflanzen sehr groß und öftere Wiederholung nötig ist, wenn
die Namen derselben sollen behalten werden, so ist es nötig, daß außer der
Pflanze, die man in der Lehrstunde zur Betrachtung aufstellt, noch mehrere
hingelegt und ihre Namen hergesagt werden.
Man thut wohl, wenn man diesen Unterricht in zwei Kursus einteilt. Im
ersten wird der Bau der Pflanze, der sogleich in die Augen fällt, die
Wurzel und ihre Form, der Stengel, die Blätter nach ihrer Form, Farbe
und ihrem Stande, die Blattansätze, die Gabeln, die Blüten, ihre Form,
ihr Stand, Kelch, Blumenkrone, Same, Frucht betrachtet; im zweiten aber
wird dies alles wiederholt, und nun werden auch die Befruchtungswerkzeuge
untersucht und der Pflanze die Klasse und Ordnung angewiesen, in die sie
gehört.
Man wird leicht begreifen, wie unsäglich mannigfaltig die Übungen sind,
die den Augen, dem Gefühle, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem
Verstande der Kinder bei dieser Gelegenheit verschafft werden können.
Um dies begreiflich zu machen, denke ich mir jetzt eine Klasse von Knaben,
welcher im ersten Kursus Unterricht erteilt, und welcher _Galeopsis
ladanum_ zur Betrachtung vorgestellt wird.
Wie heißt diese Pflanze?
_Galeopsis ladanum._
Was bemerkst du am Stengel?
Er ist holzig.
Ferner?
Gestreift.
Ferner?
Ästig.
Wie stehen die Äste?
Einander gegenüber.
Was steht an den Ästen?
Blätter.
Was für eine Farbe haben sie?
Grün.
Was für eine Form?
Lanzettförmig.
Was bemerkst du noch mehr an den Blättern?
Sie sind gezähnt.
Sonst nichts?
Gestielt.
Wie stehen sie?
Einander gegenüber.
Wie steht's mit den Blüten?
Sie sind rachenförmig.
Wie stehen sie?
Wirtelförmig.
Was bemerkst du an dem Kelche?
Er ist fünfmal gezähnt.
Bemerkst du nichts an den Zähnen?
Sie haben Grannen.
Jetzt drehe dich um und beschreibe mir _Galeopsis ladanum_.
_Galeopsis ladanum_ hat einen holzigen, gesteiften, ästigen Stengel. Die
Äste stehen einander gegenüber. Die Blätter sind grün, lanzettförmig,
gezähnt, gestielt, stehen einander gegenüber, die Blüten sind rachenförmig
und stehen wirtelförmig; der Kelch ist fünfzähnig und die Zähne haben
Grannen.
Gestern betrachteten wir _Atropa Belladonna_; worin sind beide Pflanzen
einander ähnlich? worin unähnlich? u. s. w.
Nun werden die Namen aller Pflanzen, die auf dem Tische liegen, von
demjenigen Schüler, der von der Pflanzenkunde die meisten Kenntnisse
hat, laut und deutlich ausgesprochen und von der ganzen Versammlung
laut nachgesprochen. Ferner wird von dem Lehrer eine Pflanze nach der
andern genannt, und die Kinder müssen die genannten heraussuchen. Zur
Abwechselung kann man auch ~einem~ Kinde leise den Namen einer Pflanze
ins Ohr sagen, und die übrigen müssen erraten, welche es gewesen sei.
Dadurch werden sie gereizt, die Namen immer zu wiederholen, ohne daß diese
einförmige Beschäftigung sie ermüde.[20]
Diese Übungen können noch sehr vervielfältigt werden. Z. E. man kann
bisweilen die Kinder auffordern, daß sie die vorgelegte Pflanzenreihe
genau ansehen, sich umkehren und dann eine Anzahl in der Ordnung hersagen,
wie sie daliegen. Eine herrliche Übung der Einbildungskraft und des
Gedächtnisses! Ich habe bisweilen achtjährige Kinder in meiner Anstalt
40 Pflanzen in der Ordnung, in welcher sie auf dem Tische lagen, mit
weggewandtem Gesichte hersagen hören. Oder man kann die ganze Klasse
die Hände auf den Rücken legen lassen, jedem Kinde ein Blatt von einer
Pflanze darein legen und sie durch das Gefühl erraten lassen, von welcher
Pflanze es sei u. s. w.
Im zweiten Kursus können alle diese Übungen wiederholt und nun auch die
Befruchtungswerkzeuge, die Merkmale der Klasse und Ordnung, zu welcher die
Pflanze gehört, aufgesucht werden. Um die Kinder in der Klassifizierung zu
üben, kann man bisweilen den Namen einer Pflanze auf ein Papier schreiben,
das Papier umwenden und die Kinder reizen, die Pflanze, deren Namen man
aufgeschrieben hat, durch die Klassifizierung zu erraten.
Diese Methode ist höchst einfach, hat für die jungen Leute vielen Reiz und
ist eine vortreffliche Verstandesübung.
Z. E. Ich schreibe auf das Papier _Galeopsis ladanum_ und fordere Fritzen
auf, zu erraten, was für eine Pflanze ich aufgeschrieben habe. Er wird,
wenn er einigermaßen geübt ist, folgende Fragen thun:
Gehört die Pflanze in eine von den ersten zwölf Klassen?
Nein.
In eine von den ersten sechs der zweiten zwölf Klassen?
Ja.
In die dreizehnte?
Nein.
In die vierzehnte?
Ja.
In die erste Ordnung?
Ja.
_Mentha?_
Nein.
_Prunella?_
Nein.
_Ajuga?_
Nein.
_Thymus?_
Nein.
_Galeopsis?_
Ja.
_Tetrahit?_
Nein.
_Ladanum?_
Getroffen.
Welche Freude für Fritzen, daß er durch so wenige Fragen aus den vielen
hundert Pflanzen, die ihm bekannt sind, diese einzige, deren Namen ich mir
niedergeschrieben hatte, sogleich herausfinden konnte.
Hierbei muß ich aber vor einer Verirrung warnen, deren mancher Erzieher
sich wahrscheinlich schuldig machen wird, -- man hüte sich, den
Kindern Vergrößerungsgläser in die Hände zu geben, um die Klassen- und
Ordnungsmerkmale der Pflanzen zu untersuchen. Die _Cryptogamia_ stelle
man also gar nicht zur Betrachtung auf und lasse auch diejenigen Pflanzen
nicht besonders untersuchen, deren Merkmale mit unbewaffneten Augen nicht
entdeckt werden können, sondern ~sage~ ihnen nur, in welche Klasse und
Ordnung sie gehören. Diese alle liegen im eigentlichen Verstande außerhalb
des Gesichtskreises der Kinder. Sie sollen die Pflanzen kennen lernen, um
daran ihre Kräfte, besonders aber ihr Empfindungsvermögen[21] zu üben;
durch den Gebrauch der Vergrößerungsgläser wird aber ein Teil derselben,
das Gesicht, abgestumpft. Sollte einer oder der andere in der Folge sich
der Pflanzenkunde ausschließend widmen, so ist es noch immer Zeit genug,
mit Vergrößerungsgläsern seine Untersuchungen fortzusetzen und so dem
allgemeinen Besten die Schärfe seines Gesichtes aufzuopfern.
Mehrere Väter, wenn sie dies lesen, werden sagen: wozu dies alles? Mein
Sohn soll kein Naturforscher, kein Botaniker, er soll Soldat oder Kaufmann
oder Gelehrter werden. --
Wir sind vollkommen einerlei Meinung, liebe Freunde. Eure Kinder sollen
gar nicht in der Absicht zur Betrachtung der Natur angeleitet werden,
damit sie sich der Naturforschung überhaupt und der Pflanzenkunde
besonders widmen, sondern daß sie bei der Betrachtung der Natur ihre
Kräfte, ihr Empfindungsvermögen, Gedächtnis, Einbildungskraft und Verstand
üben sollen, die sie in jeder Lage, in die sie kommen werden, so nötig
haben. Ein junger Mensch, der seine Kräfte auf diese Art ausgebildet hat,
faßt mit denselben in der Folge leicht alles auf, was ihm gelehrt wird, er
geht mit offenen Augen durch die Natur, sieht alles, was darin merkwürdig
ist, weiß die feinsten Merkmale aufzufinden, wodurch sich die Sachen
voneinander unterscheiden, und sieht tausend Dinge, die den Augen anderer
verborgen bleiben. Ich führe jetzt Fritz und Kilian, davon der erste auf
vorbeschriebene Art geübt, der andere aber von der Übung zurückgehalten
und an Bücher gefesselt wurde, in die Natur.
Was siehst du hier, Kilian? frage ich. ~Gras~, erhalte ich zur Antwort.
Was siehst du, Fritz? frage ich weiter.
_Dactylis glomerata, Cynosurus cristatus, Bromus mollis, Aira flexuosa,
Rhinantus crista galli etc._
Ich möchte, daß diese Übung so lange als möglich fortgesetzt würde, und
da dieselbe durch die Mannigfaltigkeit der aufgestellten Gegenstände
sehr befördert wird, so schlage ich vor, daß man, nachdem man mit der
Betrachtung der Erzeugnisse der Natur sich eine Zeitlang beschäftigt hat,
nun auch die Betrachtung der Erzeugnisse des menschlichen Verstandes, der
Werkzeuge, Gefäße, Kleidungsstücke und Hausgeräte damit verbinde, eins
derselben nach dem andern aufstelle und die Kinder gewöhne, an demselben
alle Teile, Formen und Absichten zu bemerken.
Wenn man die Sache ernstlich angreift, so wird man sich wundern, wie viel
an den gewöhnlichsten Dingen zu bemerken und zu unterscheiden ist.
Zum Beispiele füge ich den Entwurf zu einer Unterredung über die Handsäge
bei, so wie ihn mein Gehilfe ~Märker~ niedergeschrieben hat.
Die Handsäge ist neu, groß, schwer, brauchbar (nützlich).
Das Sägeblatt ist stählern, lang, breit, neu, glatt, dünn.
Die Zähne des Sägeblattes sind scharf, geschränkt, dicht, kurz.
Die Angeln des Sägeblattes sind lang, schmal, dünn.
Das Gestell der Säge ist hölzern, neu, groß, zusammengesetzt.
Die Arme des Gestells sind hölzern, gebogen, dick, lang, breit.
Die Zapfenlöcher der Arme sind rund, groß.
Die Handgriffe der Säge sind hölzern, kurz, rund, dick.
Die Zapfen der Handgriffe sind kurz, walzenförmig, dick, eingeschnitten.
Der Steg der Säge ist hölzern, lang, dick, gerade.
Die Schnur der Säge ist hanfen, lang, stark, gespannt, zusammengedreht,
neu.