Aber in seinem grauen Zimmer, wo nie ein Sonnenstrahl hindrang und die

leere Wand des Gäßchens unwirtlich durch das Eisengitter hereinsah,

überkam ihn, sobald er sich zum Schreiben niedersetzte, eine so

heftige Unruhe und Beklommenheit, daß er die Feder hinwarf und hin und

her lief, wie ein Raubtier in seinem Käfig. Er war sich völlig klar

darüber, daß diese Stimmung nicht aus der Tiefe seines Gewissens

aufstieg, daß keine Furcht, sein Geheimnis verraten und der Rache

überliefert zu sehen, sich in die Verstörung seiner Seele mischte.

Erst an diesem nämlichen Morgen hatte er wieder vor dem Sekretär des

Tribunals gestanden und sich von der völligen Ratlosigkeit der

Gewaltherren überzeugt. Der verwundete Staatsinquisitor lag noch

immer zwischen Leben und Tod. Je länger dieser Zustand der Schwebe

dauerte, um so mehr wurde das Dasein des Triumvirates selbst in Frage

gestellt. Noch ein glücklicher Schlag gegen das wankende Gebäude, und

es lag für alle Zeiten in Trümmern. Andrea zweifelte keinen

Augenblick, daß die Vorsehung, die ihm bisher die Hand geführt, auch

das Letzte werde gelingen lassen. Noch niemals war er an seiner

Sendung irre geworden. Und wenn ihn heute die unbestimmte Ahnung

eines großen Unglücks ruhelos machte, so hatten seine eigenen Taten

und Pläne keinen Anteil daran.

Der Tag dunkelte schon, als er drüben an Smeraldinas Fenster ein

leises Husten hörte, das verabredete Zeichen, daß ihn das Mädchen zu

sprechen wünsche. Er hatte sie in der letzten Zeit ziemlich

vernachlässigt und knüpfte heute nicht ungern wieder an, teils um

seinen eigenen Gedanken zu entrinnen, teils um durch Neuigkeiten aus

dem Palast der Gräfin sich den Zugang zum Tribunal offen zu halten,

und vielleicht gar zu einem der Inquisitoren hindurchzudringen. Rasch

trat er ans Fenster und grüßte hinüber. Die Zofe empfing ihn mit

einer kühlen Herablassung.

Ihr macht Euch rar, sagte sie; es scheint, Ihr habt indessen andere

Bekanntschaften gemacht, die Ihr Eurer Nachbarin vorzieht.

Er versicherte, daß seine Gefühle für sie unverändert seien.

Wenn es wahr ist, sagte sie, so will ich Euch wieder zu Gnaden

annehmen. Es wäre heute gerade eine gute Gelegenheit, einmal wieder

ungestört miteinander zu plaudern. Meine Gräfin hat eine

Spielgesellschaft auf den Abend, ein halb Dutzend junger Herren. Sie

gehen schwerlich vor Mitternacht, und bis dahin könnten auch wir zwei

zusammen kommen, und ich versorgte uns hinlänglich aus der Küche und

vom Kredenztisch.

Ist der Deutsche geladen, von dem du mir erzählt hast, daß die Gräfin

ihn so oft bei sich sieht?

Der? wo denkt Ihr hin! Der ist so eifersüchtig, daß er keinen Fuß

über die Schwelle setzt, wenn er hier Gesellschaft wittert.

Übrigens reist er fort. Wir grämen uns eben nicht tot darum.

Andrea atmete auf. Ich bin um zehn Uhr hier am Fenster, sagte er;

oder soll ich ans Portal kommen?

Sie besann sich. Tut lieber das, sagte sie. Der Pförtner ist ja ein

guter Bekannter von Euch, und Eure Wirtin gibt Euch wohl den Schlüssel.

Oder spielt Ihr den Tugendhaften vor der kleinen Marietta? Wißt Ihr,

daß ich auf das unbedeutende Geschöpf in allem Ernste eifersüchtig zu

werden anfing?

Auf Marietta?

Sie ist in Euch vernarrt, oder ich habe keine Augen im Kopf. Seht sie

nur an. Geht sie nicht wie verwandelt einher und singt nicht mehr,

während man sich sonst die Ohren zuhalten mußte? Und wie manche

Stunde betreffe ich sie darüber, daß sie, während Ihr fort seid, in

Euer Zimmer schleicht und Eure Sachen durchstöbert!

Sie liest in meinen Büchern; ich habe es ihr erlaubt. Wenn sie nicht

mehr singt, so ist es, weil die Mutter krank liegt.

Ihr wollt sie nur entschuldigen, aber ich weiß genug, und wenn ich

dahinter kommen sollte, daß sie schlecht von mir gesprochen hat, um

Euch mir abspenstig zu machen, so kratze ich ihr die Augen aus, der

neidischen Hexe.

Sie schlug das Fenster heftig zu, und er konnte nicht umhin, ihren

Worten lange nachzudenken. In früheren Zeiten hätte die Vorstellung,

daß er dem reizenden Mädchen nicht gleichgültig sei, sein Blut zu

schnelleren Schlägen getrieben. Jetzt ging es ihm nur im Kopf herum,

wie er seinen Weg einzurichten habe, um die ruhige Bahn dieser

arglosen Seele nicht ferner zu kreuzen. Nachträglich fielen ihm

mancherlei kleine Züge ein, die für Smeraldinas Meinung sprachen. Er

hatte sie einzeln sich verleugnet. Ihre Summe mußte er gelten lassen.

Ich muß fort von hier, sagte er bei sich selbst. Und doch, wo bin

ich so sicher und geborgen, wie in diesem Hause?

Nachts um die bestimmte Stunde fand er sich am Portal des Palastes ein,

der mit hellen Fenstern auf den winkligen Platz hinaussah. Die Luft

war mondlos und trübe, ein früher Herbst kündigte sich an, und die

wenigen Menschen, die noch auf den Straßen waren, hüllten sich in ihre

kurzen Mäntel. Andrea, als er stand und wartete, daß man ihn einlasse,

dachte des Abends, da ein anderer Candiano diese Schwelle betreten

hatte, um den Tod davonzutragen. Er schauderte in sich zusammen.

Seine Hand, die bald darauf von der öffnenden Zofe vertraulich

ergriffen wurde, war kalt.

Sie führte ihn in ihr Zimmer, aber Essen und Trinken, wozu sie ihn

nötigte, war ihm unmöglich, obwohl sie die Tafel ihrer Herrin nicht

geschont und vom Ausgesuchtesten für ihren Freund beiseite gebracht

hatte. Er entschuldigte sich mit seiner Krankheit, und sie ließ es

gelten, da er sich nicht weigerte, einige Dukaten im Tarok an sie zu

verlieren. Auch hatte er ihr wieder ein Geschenk mitgebracht, so daß

sie es verschmerzte, auch heute einen so einsilbigen und enthaltsamen

Liebhaber an ihm zu finden. Sie aß und trank desto eifriger, trieb

allerlei Possen und nannte ihm die Namen der jungen Venezianer, die

zum Spiel bei der Gräfin sich eingefunden hatten.

Da geht es anders her als bei uns, sagte sie; das Gold wird nicht

gezählt, sondern mit der vollen Faust auf die Karte gesetzt. Habt Ihr

Lust, einmal einen Blick hinein zu werfen? Ihr kennt ja die Schliche

schon.

Du meinst den Spalt in der Wand? Aber sind sie denn nicht im Saal?

Nein, im Zimmer der Gräfin. Der Saal ist nur für große Galatage im

Karneval.

Er besann sich kurz. Es konnte ihm nur erwünscht sein, seine

Personenkenntnis unter dem Adel zu erweitern. Führe mich hin, sagte

er. Ich werde bald genug haben und dir nicht lange untreu werden.

Nur verliebt Euch nicht in meine Gräfin, drohte sie. Im Punkte der

Eifersucht verstehe ich keinen Spaß, und leider finden manche meine

Herrin schöner als mich.

Er suchte in diesen Ton einzustimmen, und sie gingen scherzend aus dem

Zimmer. Draußen begegneten ihnen einige Lakaien in Livree, die an dem

Begleiter des Mädchens keinen Anstoß zu nehmen schienen. Sie trugen

silberne Schüsseln und Teller vorüber und ließen den Weg nach dem

großen Saal frei. Derselbe war unbeleuchtet wie das erste Mal; aber

nebenan ging es fröhlicher und lauter zu, und Andrea, als er seinen

unbequemen Lauerposten oben auf der Tribüne eingenommen hatte,

erkannte das Gemach kaum wieder. Die hohen Wandspiegel warfen sich

die Strahlen der Kerzen verhundertfacht zu, und ihre goldenen Rahmen

fingen die Streiflichter auf und schnellten den Widerschein bis an die

Decke. Dazwischen aber funkelten die Juwelen der schönen Leonora, und

Andrea erkannte deutlich an ihrem Hals die Kette mit dem Rubinschloß,

die sein deutscher Freund von Samuele gekauft hatte. Der Stein lag

wie ein roter Blutfleck auf der weißen Brust. Aber ihre Augen sahen

müde und gleichgültig auf die Karten, und wenn sie die Gesichter der

jungen Männer überflogen, war es deutlich wahrzunehmen, daß keiner von

ihnen sie fesselte. Und doch taten die Gäste ihr Bestes, um

liebenswürdig zu sein. Sie begleiteten ihre Einsätze mit den

scherzhaftesten Reden und verloren rascher ihr Gold als ihre Laune.

Einer, der bereits alles verspielt zu haben schien, saß auf einem

Sessel zwischen zwei Wandspiegeln und sang schmachtende Barcarolen zur

Laute. Ein anderer, der eine Weile vom Gewinnen ausruhte, zielte mit

Goldstücken nach den Mustern des Fußteppichs und vergaß, sich nach den

rollenden Zechinen wieder zu bücken. Dazwischen gingen die Diener mit

Eis und Früchten ab und zu, und ein Bologneserhündchen unterhielt sich

in aller Freundschaft mit dem großen, grünen Papagei, der von seiner

vergoldeten Stange herab zuweilen auf gut Venezianisch drollige Flüche

in die Gesellschaft hineinrief. Schon wollte der Lauscher oben auf

der Musikbühne sich wieder zurückziehen, da ihm das Bild, in das er

hinuntersah, die peinlichsten Gefühle erregte, als plötzlich durch die

hohe Flügeltür eine stattliche Figur in das Spielzimmer trat, die von

allen Anwesenden mit Befremden begrüßt wurde. Es war ein ziemlich

bejahrter Herr, der aber sein weißes Haupt noch aufrecht genug auf den

Schultern trug und auch im Gang nichts Greisenhaftes hatte. Er

musterte mit einem raschen Blick die jungen Leute, neigte sich leicht

vor der Gräfin und bat, sich nicht stören zu lassen.

Ihr verlangt zu viel, Ser Malapiero, erwiderte die Gräfin. Die

Ehrfurcht dieser Jugend vor den Diensten, die Ihr der Republik zu Meer

und zu Lande geleistet habt, erlaubt nicht, daß wir in Eurer Gegenwart

fortfahren, die edle Zeit so sündlich zu töten.

Ihr seid im Irrtum, schöne Leonora, versetzte der Alte. Habe ich doch

nur deshalb mich von allem Staatsdienst zurückgezogen und selbst den

großen Rat schon seit Jahren nicht mehr besucht, weil mir der Respekt

der jungen Leute lästig ward und es mich nach ungebundener, fröhlicher

Gesellschaft verlangte. Wer aber mag sich heutzutage das Herz vom

Wein öffnen lassen, wenn einer vom Rat der Zehn oder gar ein

Staatsinquisitor mit bei Tische sitzt? Man altert rascher im Amt, und

ich denke noch eine Weile meiner weißen Haare zu spotten und

wenigstens beim Wein jung zu sein, wenn ich auch der Schönheit

gegenüber meine Jahre fühle.

Ihr nehmt es wahrlich in der Artigkeit noch mit diesen jungen Herren

auf, sagte Leonora, die meinen, es gehöre nur ein zierlich

gekräuselter blonder oder schwarzer Bart dazu, um das Recht zu haben,

jeden schönen Frauenmund zu küssen. Aber ich will den Kredenztisch

hereintragen lassen, um meinem seltenen Gast Willkommen zuzutrinken.

Verzeiht, meine holde Freundin. Ich komme nicht, um das Gastrecht in

Anspruch zu nehmen. Nur der Wunsch trieb mich her, Euch unverzüglich

die Nachrichten von Eurem Bruder zu bringen, die durch den Kurier aus

Genua heute abend an mich gelangt sind. Sie sind so guter Art, daß

ich nicht fürchte, die Heiterkeit der schönen Wirtin zu trüben, und

daher auf Verzeihung rechne, wenn ich Euch diesen edlen Herrn für

einige Augenblicke entführe. Darf ich hier mit Euch eintreten? sagte

er, auf die Tür zu dem dunklen Saal deutend, auf die er zugeschritten

war.

Andrea zuckte zusammen. Er begriff, daß er nicht so rasch und

geräuschlos seinen Platz verlassen konnte, um unbemerkt sich

davonzuschleichen. Und schon öffnete sich die Saaltür, und er hörte

das Kleid der Gräfin hereinrauschen. Schnell entschlossen legte er

sich platt auf den Boden der hohen Estrade nieder, deren Geländer, so

niedrig es war, ihn dennoch in dieser Lage völlig deckte. Er hörte

den Schritt des Alten, der Leonoren folgte und die Frage, ob ein

Leuchter hereingebracht werden sollte, verneinte.

Nur zwei Worte habe ich zu sagen, rief Malapiero in das Spielzimmer

zurück. Niemand der jungen Herren wird Zeit haben, auf mich

eifersüchtig zu werden.

Die Tür schloß sich hinter ihnen, und sie gingen unter der Tribüne auf

und ab.

Was führt Euch her? fragte die Gräfin hastig. Bringt Ihr mir endlich

die Nachricht, daß Gritti zurückberufen wird?

Ihr habt die Bedingung noch nicht erfüllt, Leonora. Welches von den

Wiener Geheimnissen habt Ihr dem Tribunal mitgeteilt?

Lag es an mir? Tat ich nicht alles, was ein Weib nur vermag, und ließ

diesen eigensinnigen Deutschen im Netze zappeln, wie einen Fisch auf

dem Lande? Aber nie kam ein Wort von Geschäften über seine Lippen.

Und heute reist er ab, wie Ihr wissen werdet. Ich bin krank vor Ärger,

daß ich soviel Zeit umsonst an ihn verschwendet habe.

Man sähe es lieber, wenn er krank wäre.

Wie das?

Er will fort, man hat ihm den Weg nicht verlegen können. Aber wir

sind gewiß, daß es der Republik zum größten Schaden gereicht, wenn er

wirklich bis Wien kommt. Die Vorwände seines Urlaubs sind nichtig.

Der wahre Grund ist, daß er Dinge in Wien zu melden hat, die er selbst

einem geheimen Kurier nicht anzuvertrauen wagt. Und darum liegt alles

daran, daß die Reise verhindert wird.

So verhindert sie. Sein Gehen oder Bleiben ist mir völlig

gleichgültig.

Ihr habt das leichteste Mittel in der Hand, Leonora, ihn hier

festzuhalten.

Das wäre?

Ihr sendet ihm jetzt sogleich eine Botschaft, daß er kommen möge, um

Euch weniger grausam zu finden als bisher. Wenn er dann, wie

unzweifelhaft ist, sich noch in dieser Nacht bei Euch einfindet, so

sorgt Ihr dafür, daß er bald darauf erkrankt.

Sie unterbrach ihn rasch. Ich habe einen Schwur getan, sagte sie, in

dergleichen Zumutungen nie wieder zu willigen.

Man wird Euch Eures Schwures entbinden und Euer Gewissen beruhigen,

Leonora. Auch ist die Meinung nicht, daß das Mittel tödlich sein soll;

dies wäre sogar ernstlich zu verhüten.

Tut, was Ihr wollt, sagte sie. Aber mich laßt aus dem Spiel.

Euer letztes Wort, Gräfin?

Ich hab' es gesagt.

Nun wohl, so wird man dafür sorgen müssen, daß der Reisende unterwegs

verunglückt. Es ist immer umständlicher und verdächtiger.

Und Gritti?

Von ihm ein andermal. Erlaubt, daß ich Euch zu Eurer Gesellschaft

zurückführe.

Die Tür des Saales öffnete sich und schloß sich wieder. Andrea konnte

sich ohne Gefahr aufrichten. Aber die Worte, die er gehört hatte,

lähmten noch seine Sinne und Glieder. Er hörte undeutlich durch die

Wand das mutwillige Lachen und die Scherze der jungen Leute; die

furchtbare Nähe, in der hier Tod und Leben, Verbrechen und Leichtsinn

aneinander hinstreiften, sträubte ihm das Haar. Als er sich mühsam

aufrichtete und die Stufen hinuntertappte, suchte seine Hand

krampfhaft nach dem Dolch, den er im Gewand versteckt immer bei sich

trug. Seine Lippen waren blutig, so hatte er die Zähne darin

verbissen.

Aber noch war er besonnen genug, Smeraldina wieder aufzusuchen und ihr

in gelassenen Worten zu sagen, daß die Gesellschaft ganz lustig

anzusehen sei; aber er werde nie wieder durch die Spalte schauen, da

er nur mit genauer Not der Entdeckung durch die Gräfin und einen

älteren Gast entkommen sei. Er hoffe, daß sie es nicht gehört hätten,

wie er bei ihrem Eintritt in den dunklen Saal durch die andere Tür

entschlüpft sei.--Darauf leerte er seine Börse vollends und drang

darauf, sogleich von ihr zu gehen. Am sichersten sei es, daß sie ihn

auf dem Brett durchs Fenster entlasse, um jedem Verdacht der Gräfin

auszuweichen. Sie hatte kein Arg dabei, die Brücke war im Nu

geschlagen und er überschritt sie mit festem Fuß, obwohl der Entschluß

zu einer schweren Tat bereits in ihm feststand. Doch dieses Mal galt

es nicht die große Sache allein, der er sich geweiht hatte. Es galt,

einen Freund vor feindseliger Tücke zu schützen, einen Sohn der Mutter

wohlbehalten in die Arme zu senden, einen schnöden Verrat des

Gastrechtes durch schnelles Gericht zu verhüten.

Leise trat er auf den Flur seines Hauses und horchte in den dämmrigen

Gang hinaus. Die Tür seiner Wirtin war geschlossen; aber er hörte

trotzdem ihre Stimme, die aus Fieberträumen heraus sich mit Orsos

Schatten besprach. Er gewann die Treppe und öffnete unten behutsam

die Pforte. Die Straße war leer; das ewige Lämpchen leuchtete nicht

weit in die windige Nacht hinüber; aber er kannte die Wege und ging

mit eiligen Schritten durch die nächsten Quergassen über die schmale

Brücke des Kanals, die auf den kleinen Platz vor Leonorens Palast

führte. Er hatte nirgends eine Gondel gesehen und mußte annehmen, daß

der Alte den Weg nach seinem Hause zu Fuß zurücklegen werde. Er ersah

sich einen Platz, wo er vorüberkommen mußte. Ein tiefer, dunkler

Vorsprung eines Türpfeilers schien ihm passend zum Hinterhalt. Hier

drückte er sich in die Ecke und faßte das Portal des Palastes scharf

ins Auge.

Aber die Hand, die den Dolch gezückt hielt, zitterte stark, und das

Blut schoß ihm so gewaltig zu Herzen, daß er mit höchster Anstrengung

sich zu ermannen suchte. Was war es, das dieses Mal sich in ihm

auflehnte gegen eine Tat, die er für eine heilige Pflicht, für das

Gebot einer höheren Notwendigkeit hielt? Er kämpfte hart gegen die

dunklen Stimmen an, die ihn von seinem Posten wegzulocken schienen.

Die Schulter bohrte sich eisern in den Pfosten ein, mit der Linken

lüftete er die Stirn, auf der kalte Tropfen standen. Halt aus! sagte

er unwillkürlich zu sich selbst. Vielleicht, wenn der Himmel es

gnädig fügt, ist es das letzte Mal.

Da fiel ihm ein, daß der alte Malapiero ohne Zweifel sich von Dienern

werde geleiten lassen, und augenblicklich begriff er die Unmöglichkeit,

in diesem Fall den Schlag zu führen. Fast war es ihm lieb, einen

Vorwand zu sehen, weshalb er heute unverrichteter Sache nach Hause

gehen müsse. Aber indem er schon mit einem Fuß aus der Höhlung der

Türnische heraustrat, öffnete sich drüben das Portal des Palastes, und

in der grauen Nacht sah er die stattliche Figur, in den Mantel gehüllt,

einsam über die Schwelle treten und auf ihn zukommen. Das weiße Haar

wallte deutlich genug unter dem Hute vor, der rasche Schritt erklang

über den Steinplatten, und sorgfältig hielt sich der späte Wanderer an

den Häusern. Jetzt näherte er sich dem Hause, in dessen Schatten der

Rächer stand; als ahne er die Nähe einer Gefahr, schlug er den Mantel

vor das Gesicht und hielt die Linke fest am Griff seines Degens, den

er trotz des Waffenverbotes an der Seite trug. Er ging an seinem

Feinde vorüber, ohne ihn zu gewahren; zehn, zwanzig Schritte weit ließ

ihn jener Vorsprung gewinnen. Schon näherte sich der Einsame der

Brücke. Auf einmal hört er einen Fußtritt hinter sich, er wendet sich

um, die Hand läßt den Mantel sinken, aber in demselben Augenblick

bricht seine hohe Gestalt zusammen; der Stahl war ihm tief ins Leben

gefahren.

Meine Mutter, meine arme Mutter! stöhnte der Ermordete. Dann sank

sein Haupt auf das Pflaster. Die Augen schlossen sich für immer.

Eine Stille von mehreren Minuten folgte auf diese Abschiedsworte. Der

Tote lag quer über die Straße ausgestreckt, mit ausgebreiteten Armen,

als wollte er das treulose Leben inbrünstig umfangen. Der Hut war ihm

von der Stirn gefallen, unter der Verkleidung der weißen Locken

drängte sich das natürliche braune Haar hervor, das jugendliche

Gesicht erschien wie schlafend in der falben Dämmerung der Nacht. Und

einen Schritt von ihm entfernt an der Wand des nächsten Hauses, starr

wie eine angelehnte Bildsäule, stand der Mörder, und seine Augen

stierten in die regungslosen Züge des Jünglings und mühten sich in

verzweifelter Angst vergebens ab, die entsetzliche Gewißheit sich zu

verleugnen, sich einzureden, daß ein Spuk ihn verblende, daß unter

dieser jungen Larve, die ihm die Hölle vorhalte, sich die Züge jenes

Alten versteckten, der kurz zuvor im Saal Leonorens dem Freund Andreas

einen Hinterhalt bestellt hatte. Hatte er nicht dieses Freundes wegen

sich geeilt, den Streich zu führen? Wollte er nicht der Mutter ihren

Sohn wohlbehalten zurücksenden? Und was hatte der Mann, der dort am

Boden lag, von seiner armen Mutter gelallt? Warum stand nun der

Richter und Rächer wie ein Verurteilter und vermochte kein Glied zu

regen, obwohl seine Zähne wie in Todesangst klapperten und Frost

seinen Körper schüttelte?

Das Blut, das ihm gegen die Augen tobte, trat zurück und stürzte nach

den Herzkammern. Seine Blicke erkannten deutlich den Dolch in der

Brust des Toten. Er las in dem trüben Zwielicht, die Worte auf dem

Heft, die er mit eigener Hand mühsam eingegraben hatte: "Tod allen

Staatsinquisitoren". Er sprach sie unwillkürlich laut aus, und ließ

seine Augen zwischen der verhängnisvollen Waffe und dem Gesicht des

armen Opfers hin und her gehen, sich sättigend mit dem vernichtenden

Widerspruch zwischen diesen Worten und diesen Zügen. In furchtbarer

Hast jagten sich die Gedanken an ihm vorbei. Er war sich plötzlich

über alles klar, was hier geschehen war und nie gesühnt werden konnte.

Kein Wunder hatte mitgewirkt, um das Grauenvolle zur Wirklichkeit zu

machen. Alles war so ganz natürlich, so wahrscheinlich, ein Kind

mußte es begreifen. Über Tag hatte sich der Jüngling von seiner

verderblichen schönen Feindin ferngehalten. Er wollte fort ohne

Abschied. Er hatte es ihr sagen lassen, und sie war gleichgültig

genug, sich für den nämlichen Abend Gesellschaft zu laden. Als die

Nacht kam, widerstand er dem heftigen Zwang des Dämons nicht und ging

den gewohnten Weg. Man hatte ihm an der Pforte gesagt, daß er die

Gräfin nicht allein finden würde. Augenblicklich war er entschieden,

umzukehren. Und gerade dieser Augenblick hatte genügt, daß sein

einziger Freund sich in den Hinterhalt stellen konnte, um zum Mörder

an ihm zu werden.

Erst als Andrea das alles klar überlegt hatte, mit einer kalten

Hellsichtigkeit, wie sie in allen entscheidenden Stunden, wo jeder

Trost schwindet, dem Menschen nahetritt, löste sich die Starrheit

seines Leibes. Er stürzte zu dem stillen Schläfer hin, sank knieend

auf das Pflaster und sah ihm dicht ins Gesicht. Ein irres Lachen, das

wie ein Röcheln klang, entfuhr ihm jetzt, als er die weißen Locken ihm

vom Haupte strich, die ihn so unselig betrogen hatten. Es fiel ihm

ein, daß er selbst am Nachmittag den Freund gewarnt hatte, sich nicht

offen in den Straßen Venedigs zu zeigen. Er selbst hatte die Falle

gelegt für sich und seinen Teuren. Dann riß er ihm das Kleid auf und

fühlte, ob noch ein Rest von Leben im Herzen klopfe. Er neigte seinen

Mund dicht an die Lippen des Jünglings, ob er noch einen Hauch spüren

könnte. Alles war still und kalt und hoffnungslos.

In diesem Moment wurde die Pforte des Palastes wieder geöffnet, und

eine hohe Gestalt im Mantel trat heraus. Der Lichtschein aus dem Flur

fiel auf das weiße Haar des alten Malapiero, der in sein Haus

zurückkehrte. Andrea sah auf; die schneidende Ironie seiner Lage trat

ihm vor die Seele. Da ging der Mann, vor dem er Venedig, die wehrlose

Herde des Adels und Volkes, und nicht zuletzt seinen deutschen Freund

zu schützen dachte. Da kam er einsam genug des Weges heran, nur in

der Maske eines Geheimnisses, das sein Feind durchdrungen hatte;

nichts hinderte, sich auf ihn zu werfen, der Dolch war zur Hand--;

aber dieser Dolch war mit unschuldigem Blut geschändet worden, nichts

mehr unterschied den Richter und Rächer von dem, an welchem er den

Spruch vollziehen wollte, als daß hier ein tückisch blinder Zufall den

Streich geführt hatte, während jene unverantwortlichen Henker ihre

Ziele sicher und unfehlbar vor Augen hatten.

Dieses alles tobte durch Andreas Geist. Er raffte sich auf, zog den

Dolch aus der Wunde und floh, noch unbemerkt von dem greisen Triumvirn,

im Schatten hin, über die schmale Kanalbrücke seinem Hause zu. Als

ihm einfiel, daß der alte Malapiero den Toten finden und seinem

unbekannten Mörder Dank wissen würde, daß er ihm eine Mühe gespart,

mußte er die Zähne zusammenbeißen, um nicht wild aufzuschreien.

So kam er an seine Haustür und fand sie offen. Als er die Treppe

hinaufsah, erblickte er oben, wo sonst die Alte saß, ihre Tochter, die

an der obersten Stufe stand und weit vorgebeugt, beide Arme auf das

Gelände gestützt, hinabspähte. Kommt Ihr endlich! flüsterte sie ihm

entgegen. Wo waret Ihr so spät? Ich hörte Euch fortgehen und konnte

nicht schlafen.

Er erwiderte kein Wort; mühsam erstieg er die Treppe und wollte an ihr

vorbei. Da sah sie den Dolch, den zu verbergen er durchaus keine

Sorge trug, und plötzlich fiel sie mit einem erstickten Ausruf ihm

gerade vor die Füße. Er ließ sie liegen und schritt nach seinem

Zimmer. Kein Mitleiden mit kleinem Menschenweh hatte noch Raum in

seinem Innern. Er sah nur die Mutter vor sich, die mit Ungeduld ihren

Sohn aus der Fremde zurückerwartete und statt dessen seinen Sarg

empfangen sollte.

Kaum aber hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, als er

Mariettas Klopfen vernahm und ihre leise Stimme, die ihn um Einlaß bat.

Geh zu Bett, sagte er. Ich habe nichts mehr mit Menschen zu teilen.

Morgen in der Frühe melde dich im Dogenpalast. Es sind dreitausend

Zechinen dort abzuholen. Du kannst sagen, daß einer der Verschworenen

unschädlich sei. Fürchte nicht, daß man mich lebend ergreift. Gute

Nacht!

Andrea Delfin: Eine venezianische Novelle · 第 6 / 7 段