Am Samstag abends erbat er sich den Hausschlüssel von Frau Giovanna.

Sie lobte ihn, daß er eine Ausnahme von seiner Regel mache. Es sei

heute auch der Mühe wert; die Totenfeier für den erlauchten Herrn

Venier in San Rocco mitanzusehen, würde sie selbst reizen können.

Aber sie scheue das Gedränge, und dann--er wisse wohl, weshalb dieser

Fall ihr ein besonderes Grauen einflöße.

Auch er gehe dem nächtlichen Gewühl lieber aus dem Wege, sagte Andrea.

Es beklemme ihm die Brust. Er wolle eine Gondel nehmen und nach dem

Lido hinausfahren.

So verließ er die Alte und schlug die Richtung ein, die San Rocco

entgegengesetzt war. Es war schon acht Uhr, ein feiner Regen trübte

die Luft, hielt aber die Menschen nicht ab, der Kirche drüben über dem

Kanal zuzuströmen, wo die Exequien für den ermordeten Staatsinquisitor

um diese Stunde abgehalten werden sollten. Dunkle Gestalten, teils in

Masken, teils das Gesicht durch den Hutrand gegen den prickelnden

Regen schützend, eilten an ihm vorbei nach den Plätzen der Überfahrt,

oder nach der Rialtobrücke, und ein dumpfes Glockengetön summte durch

die Luft. In einer Seitengasse stand Andrea still, zog eine Maske aus

seinem Rock und band sie sich vor. Dann ging er an den nächsten Kanal,

sprang in eine Gondel und rief: Nach San Rocco!

Die stattliche alte Kirche war schon von unzähligen Kerzen taghell

erleuchtet und eine ungeheure Volksmenge umwogte den leeren Katafalk,

der dunkel mitten im Schiff aufragte ohne Blumen und Kränze. Nur

ein großes silbernes Kreuz stand zu Häupten, und die schwarze

Decke trug zu beiden Seiten das Wappen des Hauses Venier. Auf

schwarzausgeschlagenen Sitzen, die durch die ganze Tiefe des Chores

amphitheatralisch hinaufstiegen, hatte der Adel Venedigs Platz

genommen, in einer Vollzähligkeit, wie sie selten auch bei wichtigen

Sitzungen des Großen Rates zustande kam. Niemand wagte es, zu fehlen,

denn jedem lag daran, daß an der Aufrichtigkeit seiner Trauer um den

Toten nicht der leiseste Zweifel entstände. Auf einer besonderen

Tribüne saßen die fremden Gesandten. Auch ihre Reihe war vollzählig.

Aus der Höhe herab bliesen die Posaunen die feierliche Introduktion

eines Requiems, und ein vollstimmiger Chor, von der Orgel begleitet,

stimmte den Klagegesang an, der erschütternd durch die Kirche wallte

und draußen auf dem Platz und weit in die benachbarten Straßen hinein

von dem zuströmenden Volk vernommen wurde. Der feine Regen, der noch

immer anhielt, die Dunkelheit der Nacht, aus der schon fern die hellen

Steinrosen der Kirchenfenster wundersam hervorglommen, das verstohlene

Schwirren und Summen der Tausende verbreitete ein banges Grausen rings

um die Kirche, dessen nur wenige sich erwehren mochten. Je näher am

Eingang in den erhabenen Raum, der alles umschloß, was in Venedig groß

und mächtig war, desto andächtiger verstummten alle Lippen. Aus den

schwarzen Masken, die nach alter Gewohnheit bei Trauer--wie bei

Freudenfesten zahlreich unter der Menge erschienen, sahen nicht wenige

bange Blicke in das helle Portal hinein nach dem Katafalk, der an das

Ende der Dinge und die Hinfälligkeit irdischer Macht noch

vernehmlicher mahnte als die Worte des Gesanges.

In einer Seitenstraße, die damals durch dunkle Arkaden nach dem Platz

von San Rocco mündete, gingen zwei Männer hastig im Gespräch

miteinander. Sie sahen es nicht, daß im Dunkel der Häuser ein dritter

ihnen auf dem Fuße folgte, in Mantel und Maske sorgfältig versteckt,

der sich bald näherte, bald zurückblickte und ihnen wieder einen

Vorsprung ließ. Jene anderen trugen die Maske nicht. Der eine war

ein graubärtiger Herr mit vornehmem Anstand, sein Begleiter schien

jünger und geringeren Standes. Er horchte aufmerksam auf jedes Wort

des Alten und warf nur zuweilen eine bescheidene Bemerkung hin.

Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo aus einem erleuchteten Hause ein

heller Schein über die Gasse fiel. Unversehens hatte die Maske sie

überholt und spähte, als sie jetzt dicht an ihr vorübergingen, hinter

dem Pfeiler hervor scharf in die beiden Gesichter. Die Züge des

Sekretärs der Staatsinquisitoren tauchten deutlich für einen

Augenblick aus der Finsternis auf. Die Stimme des Alten war ebenfalls

im Gemach des Geheimen Tribunals laut geworden. Sie hatte Andrea

Delfin ins Gesicht gesagt, daß er ein Candiano sei.

Geht nun zurück, schloß der Alte das Gespräch, und besorgt die Sache

ohne Aufschub. Der Großkapitän ist bei San Rocco beschäftigt, wie Ihr

wißt: aber eine kleine Abteilung seiner Leute genügt, um beide zu

verhaften. Ihr werdet ihnen einschärfen, daß es ohne Lärm abgehen muß.

Das erste Verhör habt Ihr sofort anzustellen, denn vor Mitternacht

bin ich schwerlich zurück. Ist etwas Dringendes zu melden, so findet

Ihr mich, nachdem die Feier vorüber ist, bei meinem Schwager.

Sie trennten sich und der Alte schritt durch den einsamen Pfeilergang

dem Platz von San Rocco zu. Eben verstummte die Musik in der Kirche,

und aller Augen richteten sich auf die Kanzel, die ein schneeweißer

Greis, der päpstliche Nuntius, auf zwei jüngere Geistliche gestützt,

mühsam bestieg, um zu dem versammelten Adel und Volk Venedigs zu reden.

Kein Laut regte sich mehr; die schwache Stimme des Greises begann,

weit vernehmlich, das Gebet, daß der Herr in Gnaden herabsehen und aus

dem Schatz seiner ewigen Weisheit und Barmherzigkeit den bekümmerten

Geistern Trost und Erleuchtung spenden möge, das Dunkel erhellen,

welches Schuld und Arglist dem Auge des irdischen Gerichts entziehe,

und die Werke der Finsternis zu Schanden machen wolle.

Das Amen war kaum verhallt, so erhob sich von dem Portal her ein

murmelndes Geräusch und pflanzte sich blitzschnell durch das Schiff

der Kirche fort und lief bis zu den Sitzen der Nobili hinan, so daß im

Nu die ungeheure Versammlung wie ein aufgewühlter See schwankte und

brandete. Alle spähten im ersten Moment ratlos nach der Schwelle hin,

über welche das Entsetzen eingedrungen war. Man sah jetzt durch das

Hauptportal Fackeln in Hast über den dunkeln Platz irren, und während

alles atemlos hinaushorchte, erscholl plötzlich von vielen Stimmen der

Ruf in die Kirche hinein: Mörder! Mörder! Rette sich, wer kann!

Ein beispielloser Aufruhr, eine Verwirrung, wie wenn dem Gewölbe der

Kirche jählings der Einsturz drohe, folgte auf diesen Ruf. Volk und

Patrizier, Geistliche und Laien, die Sänger oben vom Chor, die Wächter

des Katafalks, Männer und Frauen drängten sich blindlings den

Ausgängen zu, und nur der Greis auf der Kanzel droben sah mit

unerschütterlicher Würde auf das angstvolle Gewimmel herab und verließ

seinen Sitz erst, als nur noch das schwarze Gerüst inmitten der leeren

Kirche ihn an das Wort mahnte, das ihm so plötzlich abgeschnitten

worden war.

Draußen aber wälzte sich die entsetzte Menge nach einem Punkt, wo

einige Fackeln mühsam mit Wind und Regen kämpften. Die Sbirren, die

unter der Führung des Großkapitäns beim ersten Aufzucken des

Ereignisses an jene Stelle geeilt waren, hatten einen regungslosen

Körper im Dunkel der Seitengasse gefunden, dem noch immer das Blut aus

der Seite strömte. Als die Fackeln herbeikamen, sah man einen Dolch

mit stählernem Kreuzgriff in der Wunde und las die eingegrabenen Worte:

"Tod allen Staatsinquisitoren!", die durch die entgeisterte Menge

halblaut von Mund zu Munde gingen.

Der erste Stoß eines Erdbebens, obwohl die Mahnung furchtbar ist, daß

man auf vulkanischem Boden stehe, erschüttert die Gemüter noch nicht

in den Tiefen. In den Schrecken mischt sich zu lebhaft Überraschung

und Befremden, ja, wo die Wirkungen nicht allzu fühlbar bleiben, sind

die Menschen, die rasch wieder ins Gleichgewicht zurückstreben, gern

geneigt, um ihrer Ruhe willen lieber an eine Sinnestäuschung zu

glauben. Erst die Wiederholung des Verderblichen, Unabwendbaren und

Erbarmungslosen widerlegt jeden Glauben an einen Irrtum, jede Hoffnung,

daß nur zufällige Umstände das Ereignis herbeigeführt haben möchten.

Die Wiederkehr der Gefahr verewigt die Furcht und deutet auf eine

unabsehliche Reihe von Schrecknissen hinaus, gegen die weder Mut noch

Feigheit den geringsten Schutz gewähren können.

Eine ähnliche Wirkung übte in Venedig die Kunde von dem zweiten

mörderischen Anfall gegen einen Staatsinquisitor aus. Denn daß der

Verwundete nichts Geringeres war, hatten die Eingeweihten nicht zu

verheimlichen vermocht. Niemand konnte sich's verhehlen, daß die

Kühnheit, mit der dieser zweite Schlag geführt worden war, durch das

Gelingen der Tat nur neu angespornt und zum Weiterschreiten auf der

Bahn der Gewalt ermuntert werden mußte. Zwar hatte dieses Mal der

Dolch, durch ein seidenes Unterkleid abgelenkt, das Opfer nicht

sogleich tödlich getroffen. Aber die Wunde gefährdete dennoch das

Leben und verursachte jedenfalls einen Stillstand in der Tätigkeit des

Geheimen Tribunals, das ohne Einstimmigkeit seiner drei Mitglieder

keinen Spruch tun durfte. Seine Herrschaft war also für den

Augenblick gelähmt, und, was wichtiger war, das undurchdrungene

Geheimnis, in das sich die feindliche Macht hüllte, zerstörte den

Glauben an die Allwissenheit und Allmacht des Triumvirats und mußte

zuletzt das Selbstvertrauen und die rücksichtslose Energie seiner

Mitglieder untergraben.

Denn welche Maßregeln der Vorsicht blieben noch übrig, und welche

Mittel geheimer Nachforschung waren noch unerschöpft? Hatte man nicht

über die Neuwahl des dritten Inquisitors im Rate der Zehn sich

gegenseitig das tiefste Stillschweigen mit schwerem Eide angelobt?

Und dennoch war wenige Tage nachher der Schlag so sicher, so wie vom

Himmel herab gerade auf den Neugewählten gefallen. Mit argwöhnischen

Blicken sah jeder den anderen an. Der Gedanke drängte sich auf, daß

im Schoß der Machthaber selbst der Verrat niste, daß die Tyrannen

selbstmörderisch Hand an ihre Herrschaft gelegt hätten. Man

verhaftete den Sekretär der Inquisition, der mit dem Verwundeten die

letzten Worte kurz vor dem Überfall gesprochen hatte. Er wurde

peinlich befragt und mit grausamem Tode bedroht. Auch das war

freilich erfolglos.

Und was hatte die Vermehrung der geheimen Polizei, die massenhafte

Anwerbung neuer Spione unter den Dienern der Nobili und der fremden

Gesandten, in den Gasthöfen, im Arsenal, selbst in den Kasernen und

Klöstern für einen Gewinn gebracht? Halb Venedig war dafür besoldet,

daß es die andere Hälfte überwachte. Eine ansehnliche Summe sollte

die geringste Nachricht, die auf die Spur der Verschwörung half,

belohnen. Man verdreifachte sie jetzt. Aber man versprach sich, da

man die Verschwörung bei dem Adel suchte, wenig von einer Maßregel,

die nur auf das ärmere Volk berechnet war. Man tat überhaupt eine

Menge Dinge, nur um den Schein zu retten, als sei man nicht müßig,

obwohl was man tat müßig war. Es erschienen strenge Verordnungen über

das Schließen der Gasthäuser und Schenken mit dem Eintritt der

Dunkelheit, das Tragen von Masken und Waffen jeder Art wurde bei

schwerer Strafe verpönt, die ganze Nacht hallte der Schritt der Runden

durch die Gassen und hörte man die Gondeln anrufen, die auf den

Kanälen an den Wachtposten vorüberfuhren. Niemand erhielt einen Paß,

der Venedig verlassen wollte, und am Eingang des Hafens lag ein großes

Wachtschiff, das jedes Fahrzeug anhielt und selbst von den Beamten der

Republik die Parole verlangte, ehe sie passieren durften.

Weit über die Terraferma hin verbreitete sich das Gerücht von diesen

unheimlichen Zuständen, wie gewöhnlich mit der Entfernung wachsend.

Wer eine Reise nach der Mutterstadt vor hatte, schob sie auf. Wer

sich in eine Handelsverbindung mit einem Venezianer Hause hatte

einlassen wollen, zog es vor, den Ausgang dieser Wirren abzuwarten,

die den Bau der Republik in ihren Grundfesten umzuwühlen drohte. Der

Rückschlag zeigte sich bald in der Verödung der Stadt, wo alles zu

stocken schien. Die Nobili verließen nur im dringenden Notfall ihre

Paläste, in denen sie sich, um nicht unwissend an einen der

Verschworenen zu streifen, gegen jeden Besuch absperrten. Niemand

wußte genau, was draußen vorging, und die abenteuerlichsten Gerüchte

von Verhaftungen, Folter und verhängten Strafen drangen zu den

verschlossenen Türen ins Innere der bangen Familien. Auch das

geringere Volk, obwohl es klar fühlte, daß es nicht in erster Linie

unter diesen Zuständen litt, und es schadenfroh mit ansah, wie die

Vornehmen in panischem Schrecken sich untereinander scheel anblickten,

konnte sich doch auf die Länge einer beklommenen Stimmung nicht

erwehren. Es war immerhin lästig, Karten und Wein mit dem Einbruch

der Nacht im Stich zu lassen, von einer jeden Wache, der es einfiel,

nach verborgenen Waffen durchsucht zu werden, und bei dem besten

Gewissen von der Welt keinen Augenblick vor der Tücke falscher

Denunzianten sicher zu sein.

Unter den wenigen, auf deren Leben und Treiben die Schwüle, die über

den Gemütern lag, scheinbar keinen Einfluß übte, befand sich auch

Andrea Delfin. Er war am Morgen nach der Tat gleich dem anderen Troß

der geheimen Späher von dem Nachfolger jenes unglücklichen Sekretärs,

der ihn in Sold genommen hatte, über seine Beobachtungen um die Stunde

der Tat befragt worden und hatte das Märchen von einer Fahrt nach dem

Lido aufgetischt, bei der er die Absicht gehabt hätte, die Stimmung

unter den Fischern auszukundschaften. Was er aus dem Hotel des

österreichischen Gesandten und dem Palast der Gräfin mitzuteilen

wußte--unverfängliche Tatsachen, die dem Tribunal längst bekannt

waren--, zeugte wenigstens für seinen Eifer, sich in seine Aufgabe

hineinzuarbeiten. Sein Freund Samuele hatte nicht versäumt, die

auffallende Vertraulichkeit zu denunzieren, in welcher er den

Brescianer mit dem Gesandtschaftssekretär betroffen hatte. Ruhig

verantwortete sich Andrea, und die alte Bekanntschaft von Riva her

konnte den Absichten des Tribunals nur förderlich sein.

So verging denn fast kein Tag, an dem er nicht, wenn er mit seiner

Arbeit für den Notar fertig war, seinen deutschen Freund aufsuchte,

dem das Gespräch des ernsten, von geheimem Kummer verdüsterten Mannes

in seiner Abgeschiedenheit von anderem Verkehr nach und nach zum

Bedürfnis wurde. Er hatte ein unbegrenztes Vertrauen zu Andrea gefaßt,

und wenn er politische Themata ihm gegenüber vermied, geschah es mehr,

weil er bei der Verschiedenheit ihrer Nationalität eine Verständigung

zwischen ihnen nicht hoffen durfte, als aus Besorgnis, daß Andrea

seine Offenheit mißbrauchen möchte. Er erzählte ihm sogar mit

lachendem Munde, daß er vor ihm gewarnt worden sei als vor einem Spion

des Tribunals. Die Sorglosigkeit, mit der er täglich die verfemte

Schwelle des fremden Gesandten betrete, falle natürlich auf.

Ich bin kein Nobile, erwiderte Andrea mit gelassener Miene. Daß ich

keine diplomatischen Verbindungen hier suche, leuchtet den Zehnmännern

ein; sie haben mich bis jetzt nicht einmal einer Warnung gewürdigt.

Euch aber habe ich liebgewonnen und würde mit Schmerzen darauf

verzichten, Euch dann und wann meine unerfreuliche Gesellschaft

aufzudrängen, denn ich bin ein völlig einsamer Mensch. Selbst meine

brave Wirtin, die mir sonst wohl ein Stündchen mit ihren Sprichwörtern

die Zeit vertrieb, betritt mein Zimmer nicht mehr. Sie ist krank,

krank an Venedig und den bleichen Schatten, die darin umgehen.

So verhielt es sich in der Tat. Nach dem zweiten Attentat auf die

Staatsinquisition war Frau Giovanna einen Tag lang tiefsinnig

herumgegangen, und es hatte sich mit der sinkenden Nacht eine immer

wachsende Aufregung bei ihr eingestellt. Sie war nun fest überzeugt,

daß der Geist ihres Orso der Täter sei; denn nur ein unkörperlicher

Schatten konnte zum zweiten Male den tausend lauernden Augen, die

Venedigs Ruhe bewachten, entgehen. Sie legte ihre besten Kleider an

und beschloß, da sie nichts Geringeres als einen Besuch ihres

Abgeschiedenen erwartete, die ganze Nacht oben an der Treppe zu seinem

Empfang bereit zu sein. In rührender Verwirrung der Begriffe hatte

sie eine Lieblingspfeife ihres Mannes auf einem gedeckten Tisch mit

drei Sesseln angerichtet, und war nicht dazu zu bewegen, selbst einen

Bissen zu genießen. In diesem Zustande verwachte sie den größten Teil

der Nacht. Erst nachdem das Lämpchen auf dem Flur erloschen war,

gelang es Marietta, die Andrea zu Hilfe rief, die arme Frau wieder ins

Zimmer und zu Bett zu bringen. Ein Fieber brach aus, nicht gefährlich,

aber lebhaft genug, um täglich mehrere Stunden lang ihr das

Bewußtsein zu rauben. Andrea sah dem allen in tiefem Mitleiden zu,

und die beweglichen Worte, die der Kranken in ihren Phantasien

entfielen, peinigten ihn sehr. Er mußte sich sagen, daß er die

Verstörung dieser guten Seele auf dem Gewissen habe, und die traurigen

Blicke Mariettas drückten ihn schwerer als alle blutigen Geheimnisse,

die er mit sich herumtrug.

Mit dieser Last beladen, schlenderte Andrea eines Nachmittags am

Dogenpalast vorbei und stand lange an dem schmalen Kanal, der unter

dem hohen Bogen der Seufzerbrücke dahinfließt. Wenn seine Entschlüsse

in ihm wankend wurden und er an der Unsträflichkeit des Richteramtes,

das er übernommen hatte, zu zweifeln begann, flüchtete er an diese

Stelle und bestärkte sich durch einen Blick auf die uralten Mauern,

hinter denen Tausende von Opfern einer unverantwortlichen Macht

geseufzt und geknirscht hatten, in dem Glauben an das Recht und die

Not seiner Sendung.

Die Sonne schien mit stechenden Strahlen durch die Septemberdünste,

die vom Wasser aufstiegen. Dieser Kai, der sonst von Leben wimmelte,

war unheimlich still. Die finsteren Blicke der Soldaten, die unter

den Arkaden des Palastes auf und ab klirrten, mochte die laute

Munterkeit der Vorübergehenden einschüchtern. Andrea konnte deutlich

hören, daß aus einer Gondel, die eben an die Piazetta anfuhr, sein

Name gerufen wurde. Er erkannte seinen Freund, den Sekretär des

Wiener Gesandten.

Habt Ihr Zeit, rief der Jüngling ihm zu, so steigt ein wenig ein und

fahrt eine Strecke mit mir. Ich bin eilig und möchte Euch doch gern

noch einmal sprechen.

Andrea stieg in die Gondel, und der andere reichte ihm mit besonderer

Herzlichkeit die Hand. Ich freue mich sehr, mein teurer Andrea, daß

ich Euch zufällig hier antreffen sollte. Ich wäre ungern ohne

Abschied von Euch gegangen, und doch wagte ich nicht, Euch zu besuchen

oder nach Euch zu schicken, da es ohne Zweifel aufgefallen wäre.

Ihr reist? fragte Andrea fast bestürzt.

Ich muß wohl. Da lest diesen Brief meiner guten Mutter, und sagt, ob

ich darauf hin noch länger zögern kann.

Er zog den Brief aus der Tasche und gab ihn dem Freunde. Die alte

Dame beschwor den Sohn, wenn ihm daran liege, daß sie je wieder ein

Stunde Schlaf fände, ohne Aufenthalt zu ihr zu reisen. Die Gerüchte

aus Venedig, die Stellung, die er dort einnehme und welche ihn mehr

als andere gefährde, der Umstand, daß kaum der dritte seiner Briefe an

sie gelange, sie wisse nicht, durch wessen Schuld--das alles nage an

ihrer Ruhe, und ihr Arzt wolle für nichts stehen, wenn sie nicht durch

einen Besuch ihres Sohnes erst wieder getröstet und beruhigt worden

sei. Es ging ein Ton grenzenloser mütterlicher Hingebung und tiefen

Kummers durch diese Zeilen, daß Andrea sie nicht ohne Bewegung lesen

konnte.

Und dennoch, sagte er, als er das Blatt zurückgab, dennoch wünschte

ich fast, Ihr reistet nicht gerade jetzt, obwohl ich weiß, daß Eure

Mutter die Stunden zählt. Nicht darum, weil ich, wenn Ihr fort seid,

völlig verlassen sein und wie ein wandelnder Toter hier zurückbleiben

werde, sondern weil es nicht geraten ist, jetzt aus Venedig zu gehen,

da der Verdacht Euch auf den Fersen folgen wird, Ihr ginget aus

Vorsicht. Hat man gar keine Schwierigkeiten gemacht, Euch zu

beurlauben?

Nicht die geringsten. Wie könnte man auch, da ich zur Gesandtschaft

gehöre?

So seid doppelt auf Eurer Hut. Man hat schon manche Tür in Venedig

zuvorkommend geöffnet, weil der Schritt über die Schwelle in einen

Abgrund führte. Wenn Ihr mir folgtet, zeigtet Ihr Euch nicht so offen

und unverkleidet hier in der Stadt während der letzten Stunden vor

Eurer Abreise. Ihr könnt nicht wissen, was man vielleicht anstellt,

dieselbe zu verhindern.--Was soll ich aber tun? fragte der Jüngling.

Ihr wißt, daß die Masken verboten sind.

So bleibt zu Hause und laßt die Würdenträger dieser Republik lieber

umsonst auf Euren Abschiedsbesuch warten.--Und wann werdet Ihr reisen?

Morgen früh um fünf. Ich denke einen Monat fortzubleiben und

hoffentlich meine Mutter dann beruhigt verlassen zu können. Nun es

fest beschlossen ist, daß ich mich losreißen soll, bin ich fast schon

ausgesöhnt mit dieser Gewaltkur, obwohl sie mir nicht wenig ins Leben

schneidet. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich die Kreise meiner

Zauberin nur erst einmal durchbrochen habe, ihre Macht für immer

abzuschütteln. Aber werdet Ihr's glauben, mein Freund, daß ich vor

der Trennung zittere, wie wenn ich sie nicht überstehen könnte?

So ist das beste Mittel, Euch sofort von ihr zu trennen.

Ihr meint, sie vor der Reise nicht wiederzusehen? Ihr verlangt

Unmenschliches.

Andrea ergriff seine Hand. Mein teurer Freund, sagte er mit einer

Innigkeit, die er noch stets bemeistert hatte, ich habe kein Recht,

von Euch nur das geringste Opfer in Anspruch zu nehmen. Das Gefühl

herzlicher Neigung, das mich von Anfang an zu Euch hingeführt hat,

dankt sich selbst reichlich, und ich wage es nicht, im Namen dieser

meiner Freundschaft Euch um etwas zu bitten. Aber bei dem Bild jener

edlen Frau, deren Liebesworte Ihr mir eben zu lesen gabt, beschwöre

ich Euch: geht nicht mehr in das Haus der Gräfin. Mehr als alles, was

ich von ihr weiß, ja, was Ihr selbst nicht in Abrede stellt, läßt Euch

meine Ahnung warnen, daß es Euer Unheil ist, wenn Ihr sie nicht in

diesen letzten Stunden meidet. Versprecht mir's, mein Teuerster!

Er hielt ihm die Hand hin. Aber Rosenberg schlug nicht ein. Fordert

kein festes Versprechen, sagte er mit ernstem Kopfschütteln, laßt es

Euch genügen, daß ich den besten Willen habe, Eurem Rat zu folgen.

Aber wenn der Dämon stärker wäre als ich und alles über den Haufen

stürmte, was ich ihm in den Weg legte, so hätte ich den doppelten

Kummer, mir selbst und Euch untreu geworden zu sein. Ihr aber wißt

nicht, was dieses Weib erreichen kann, wenn sie will.

Sie schwiegen hierauf und fuhren noch eine Weile nachdenklich

miteinander durch die leblose Flut, die träge, wie ein Sumpf, vor dem

Kiel ihrer Gondel zurückwich. In der Nähe des Rialto begehrte Andrea

auszusteigen. Er trug dem Jüngling Grüße an die Mutter auf und zuckte

auf die Frage, ob er nach einem Monat noch in Venedig zu treffen sein

werde, finster die Achseln. Sie hielten sich lange Hand in Hand und

schieden, als die Gondel landete, mit einer herzlichen Umarmung. Noch

einmal sah das kluge und treuherzige Gesicht des Jünglings aus der

Luke des schwarzen Verdecks hervor und nickte dem Freunde zu, der auf

der Wassertreppe in Gedanken verloren stehen geblieben war. Beiden

war die Trennung schmerzlicher, als sie sich erklären konnten.

Andrea zumal, der sich seit langem von allen Banden gelöst glaubte,

mit denen der Einzelne sich an Einzelne knüpft, der über dem einen

furchtbaren Ziel, das er sich gesteckt, allen kleinen Lebenszwecken

abgestorben schien, wunderte sich bei sich selbst, wie weh ihm der

Gedanke tat, daß er nun mehrere Wochen sich ohne diesen Jüngling

behelfen müsse. Bald aber drängte der Wunsch sich vor, daß er ihm

hier nie mehr begegnen möchte, ehe sein Werk gelungen sei. Er nahm

sich vor, einen Brief an die Mutter zu schreiben, und sie mit

geheimnisvollen Warnungen dergestalt zu drängen, daß sie in die

Rückkehr ihres Sohnes nach Venedig nicht wieder willigte. Als er

diesen Gedanken gefaßt hatte, fiel eine große Last von ihm. Er ging

sofort nach Hause, um sein Vorhaben auszuführen.

Andrea Delfin: Eine venezianische Novelle · 第 5 / 7 段