Sie blieb beharrlich an der Tür. Ich will hinein, sagte sie. Ich

weiß, Ihr tut Euch ein Leids an, wenn Ihr allein bleibt. Ihr denkt,

ich könnte Euch verraten, weil ich Euch habe kommen sehen mit dem

Dolch. O, Ihr seid sicher davor, daß ich Euch Gefahr brächte. Laßt

mich hinein, seht mir ins Gesicht und dann sagt, ob Ihr mir etwas

Arges zutraut. Hab ich's nicht lange geahnt, daß Ihr es wäret, den

sie suchten? Ich sah Euch im Traum mit Blut befleckt. Aber ich hasse

Euch dennoch nicht. Ich wußte, daß Ihr unglücklich seid; mein Leben

könnt' ich hingeben, wenn Ihr es verlangtet.

Sie horchte an der Tür, aber es kam keine Antwort. Statt dessen hörte

sie, wie er an das Fenster trat, das nach dem Kanal ging und sich dort

zu schaffen machte. Eine tödliche Angst überfiel sie, sie rüttelte an

der Tür, sie rief von neuem, sie beschwor ihn in den rührendsten

Worten, nichts Verzweifeltes zu unternehmen--alles umsonst. Da es

endlich drinnen ganz still geworden war, stemmte sie sich in

furchtbarer Qual mit den Schultern heftig gegen die Tür und suchte mit

Aufbietung aller Kräfte das Schloß zu sprengen. Das alte Holzwerk

brach ein, nur der Rahmen hielt stand. Das Loch, das sie gebrochen

hatte, ließ ihre schlanke Gestalt so eben durchschlüpfen.

Das Zimmer war leer: in allen Winkeln suchte sie ihn vergebens. Als

sie an das offene Fenster trat, nun nicht mehr zweifelnd, daß er sich

in den Kanal gestürzt habe, wagte sie kaum über das Gesims in die

Tiefe hinabzuspähen. Aber was sie sah, gab ihr die verlorene Hoffnung

wieder. Ein Strick hing, an einem festen Haken unterhalb des Gesimses

angeknüpft, an der Mauer draußen herab. Er reichte bis auf die

Wasserfläche. Wer sich, unten angelangt, mit den Füßen von der Mauer

abstieß, mußte sich leicht auf die Wassertreppe drüben am Palast der

Gräfin und in die Gondel schwingen können, die dort angekettet zu sein

pflegte. Heute war sie verschwunden, und dem einsamen Mädchen, das

vergebens die dunkle Schlucht des Kanals hinabschaute, um eine Spur

des Entflohenen zu entdecken, blieb wenigstens die tröstliche

Überzeugung, daß, wenn er sich retten wollte, er keinen sichereren Weg

hätte wählen können.

Daß sie dies glauben sollte, war seine Absicht gewesen. Er wollte das

Gemüt des unschuldigen Wesens, dem er schon zu viel Kummer gemacht

hatte, nicht mit der ganzen herben Wahrheit belasten, daß es für ihn

keine Rettung mehr gab, da er sich selber nicht zu entfliehen

vermochte.

Noch sah das arme Mädchen aus dem Fenster, und ihre Tränen stürzten

bitterlich in die schwarze Flut unter ihr, als Andrea schon seine

Gondel in den großen Kanal hinaus lenkte. Die Paläste zu beiden

Seiten ragten dunkel über den Wasserspiegel auf. Er fuhr an dem Hause

Morosini vorbei, er sah den Palast Venier, und ein Schauder sträubte

ihm das Haar. Hier lag wie mit einem Ring umschlossen sein Leben vor

ihm; welch ein Anfang und welch ein Ende!-Als er an der Giudecca

vorüberruderte und nun die breite Stirn des Dogenpalastes im Zwielicht

einer trüben Mondsichel vor sich liegen sah, durchzuckte ihn flüchtig

der Gedanke, daß hier die Stätte sei, wo man Verbrechen richte. Aber

für das seinige waren hier keine Richter zu finden; denn wer darf

richten in eigener Sache? Und begleitete ihn nicht noch immer die

Hoffnung, daß aus seiner Freveltat dennoch Rettung und Befreiung für

seine Mitbürger erblühen könne, daß vielleicht sogar der Mord des

Unschuldigen, den die Stimme des Volkes unfehlbar dem Tribunal

zuschreiben würde, das begonnene Werk vollenden und das Maß der

Gewaltherrschaft würde überfließen machen?

Er hätte diese Hoffnung selbst zerstört, wenn er sich den Richtern

gestellt, ihre Furcht vor den unsichtbaren Feinden zerstreut, und die

Beschwerden der fremden Mächte von ihnen abgelenkt hätte.

Mit starken Ruderschlägen trieb er die Gondel gegen den Lido hin und

durchschnitt das Hafenbecken, wo die Laternen der Schiffe allein noch

wachten. Am Eingang des Hafens lag die große Feluke, die seit einer

Woche auch dem kleinsten Fahrzeug auszulaufen wehrte, wenn nicht auf

den Anruf die Parole der Inquisition antwortete. Andrea hatte gleich

den übrigen geheimen Dienern des Tribunals heute früh das Wort

empfangen. Ungehindert ließ man ihn ins freie Meer hinaus.

Die See war still. Nicht mit den Wellen hatte Andrea zu kämpfen, als

er längs dem Ufer mehrere Stunden weit hinruderte. Aber in der

ruhigen lauen Nacht empfand er seine Qualen nur heftiger, und schlug

dann und wann wie wahnsinnig das Ruder ins Meer, um nur einen anderen

Ton zu hören, als die letzten Worte seines Freundes: "Meine Mutter,

meine arme Mutter."

Es war schon weit über Mitternacht, als er die Gondel ans Land trieb,

hinaussprang und auf ein einsames Kloster zuging, das auf einer

Landzunge stand und den armen Schiffern wohl bekannt war. Kapuziner

hausten hier, die von den Wohltaten der Chiozzoten und dem Bettel auf

dem Festland lebten und dafür geistlichen Trost spendeten und in

mancher Not dem Volk eine Stütze waren. Andrea zog die Glocke am Tor.

Bald darauf hörte er die Stimme des Pförtners, die fragte, wer

draußen stehe.

Ein Sterbender, antwortete Andrea. Ruft den Bruder Pietro Maria, wenn

er im Kloster ist.

Der Pförtner entfernte sich von der Tür. Indessen setzte sich Andrea

auf die Steinbank, riß ein Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb

bei dem Schein einer Laterne, die aus der Pförtnerzelle

hervorschimmerte, folgende Zeilen:

"An Angelo Querini.

"Ich habe den Richter gespielt und bin zum Mörder geworden. Ich habe

mich der Gerechtigkeit angemaßt, die Gott sich vorbehalten, und Gott

hat mich in meinen eigenen Frevelwahn verstrickt und mich gerechtes

Blut vergießen lassen. Das Opfer, das ich zu bringen dachte, ist

verworfen worden. Die Zeit war noch nicht erfüllt, das Priestertum

der Befreiung Venedigs ist anderen Händen vorbehalten. Oder ist

überhaupt keine Rettung mehr?

"Ich gehe vor das Angesicht Gottes, des höchsten Richters, der auf

seiner ewigen Waage meine Schuld und meine Leiden gerecht abwägen wird.

Von Menschen habe ich nichts mehr zu erwarten; von Euch nur ein

großmütiges Mitgefühl für meinen Irrtum und mein Unglück.

"Candiano."

Die Pforte des Klosters öffnete sich, und ein ehrwürdiger Mönch mit

kahlem Haupte trat zu dem Schreibenden heraus. Andrea stand auf.

Pietro Maria, sagte er, ich danke Euch, daß Ihr kommt. Ihr habt dem

Verbannten in Verona meinen Brief gebracht?

Der Greis nickte.

Wenn Euch am letzten Dank eines Unglücklichen etwas gelegen ist, so

bringt auch dieses Blatt sicher in dieselben Hände. Versprecht Ihr

mir's?

Ich verspreche es.

Es ist gut. Gott lohne es Euch! Lebt wohl!

Er nahm die Hand nicht an, die ihm der Mönch zum Abschied reichte.

Ohne Aufenthalt stieg er wieder in die Gondel und fuhr in die offene

See hinaus. Als der Alte, nachdem er die Zeilen überflogen, entsetzt

ihm nachrief und ihn beschwor, noch einmal umzukehren, antwortete er

nicht mehr. In höchster Bewegung sah der alte Diener der Republik den

letzten Sproß eines edlen Geschlechtes auf den öden Wellen

hinaustreiben, die sich jetzt, von einem frühen Morgenwinde erregt,

lebhafter kräuselten. Er überlegte, ob es wohlgetan, ob es überhaupt

möglich sei, den festen Willen des Sterbenden zu kreuzen. Da erhob

sich in der fernen Gondel die dunkle Gestalt, deutlich erkennbar gegen

den grauen Horizont; der Scheidende schien noch einmal einen Blick

über Land und Meer zu werfen, und nach der Stadt zurückzuspähen, deren

Umriß auf den Nebeln der Lagunen wie auf einer Wolkeninsel schwamm.

Dann sprang er in die Tiefe.

Der Mönch, der sein Ende mit ansah, faltete die Hände und betete still

und inbrünstig. Er stieg dann selbst in einen Kahn und fuhr ins Meer

hinaus, wo die leere Gondel auf der Brandung tanzte. Von dem

Unglücklichen, der sie gelenkt, fand er keine Spur.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Andrea Delfin, von Paul Heyse.

Andrea Delfin: Eine venezianische Novelle · 第 7 / 7 段