Nach einer Pause, in welcher der Sekretär des Tribunals einige Papiere,

die vor ihm lagen, überflogen und dann mit einem langen Blick die

Gestalt des Fremden geprüft hatte, sagte er: Euer Name ist Andrea

Delfin; seid Ihr mit den venezianischen Nobili gleichen Namens

verwandt?

Nicht daß ich wüßte. Meine Familie ist seit Urzeiten in Brescia

ansässig.

Ihr wohnt in der Calle della Cortesia bei Giovanna Danieli; Ihr

wünscht in den Dienst des erlauchten Rates der Zehn zu treten.

Ich wünsche der Republik meine Dienste zu widmen.

Eure Papiere aus Brescia sind in Ordnung. Der Advokat, bei dem Ihr

fünf Jahre gearbeitet habt, gibt Euch das Zeugnis eines verständigen

und zuverlässigen Mannes. Nur über die sechs oder sieben Jahre, bevor

Ihr zu ihm kamt, fehlt ein jeder Ausweis. Was habt Ihr, nachdem Eure

Eltern gestorben waren, in der langen Zeit getrieben? Ihr habt sie

nicht in Brescia zugebracht?

Nein, Euer Gnaden, erwiderte Andrea ruhig. Ich war in fremden Ländern,

in Frankreich, Holland und Spanien. Nachdem ich mein geringes Erbe

aufgezehrt hatte, mußte ich mich bequemen, Bedienter zu werden.

Eure Zeugnisse?

Sie sind mir entwendet worden in einem Koffer, der meine ganze Habe

enthielt. Ich war dann des unsicheren Reiselebens müde und ging nach

Brescia zurück. Meine Herrschaften hatten mich zu mancherlei

Sekretärdiensten brauchbar gefunden. Ich versuchte es bei einem

Advocaten, und Euer Gnaden haben das Zeugnis selbst vor sich, daß ich

zu arbeiten gelernt habe.

Während er dies sagte, in einer stillen, unterwürfigen Haltung, den

Kopf etwas vorgebeugt und den Hut in beiden Händen, trat plötzlich

einer der drei Herren in der Maske näher an den Tisch heran, und

Andrea fühlte einen durchdringenden Blick auf sich gerichtet.

Wie heißt Ihr? fragte der Inquisitor mit einer Stimme, die ein hohes

Alter verriet.

Andrea Delfin. Meine Papiere weisen es aus.

Bedenkt, daß es Euer Tod ist, wenn Ihr das erlauchte Tribunal

hintergeht. Erwägt die Antwort noch einmal. Wenn ich nun sage, daß

Euer Name Candiano sei?

Eine kurze Pause folgte auf dieses Wort, man hörte den Totenwurm im

Gebälk des Zimmers bohren. Acht forschende Augen waren auf den

Fremden geheftet.

Candiano? sagte er langsam, doch mit fester Stimme. Warum soll ich

Candiano heißen? Ich wollt' es wahrlich selbst; denn soviel ich weiß,

ist das Haus Candiano reich und vornehm, und wer diesen Namen trägt,

braucht nicht sein Brot mühsam mit der Feder zu verdienen.

Ihr habt das Gesicht eines Candiano. Euer Betragen überdies verrät

eine bessere Herkunft, als diese Papiere anzeigen.

Ich kann nichts für mein Gesicht, erlauchte Herren, erwiderte Andrea

mit anständiger Unbefangenheit. Was mein Betragen angeht, so habe ich

auf Reisen allerlei Sitten gesehen und die meinigen, soviel ich konnte,

verbessert, auch meine Zeit in Brescia nicht verloren, sondern aus

Büchern die Versäumnisse meiner Jugend nachgeholt.

Die beiden anderen Inquisitoren waren indes jenem ersten näher

getreten, und der eine, dessen roter Bart sich breit unter der Maske

vorschob, sagte halblaut: Eine Ähnlichkeit mag Euch täuschen, die ich

nicht wegleugnen will. Aber Ihr wißt selbst: der Zweig des Hauses,

der bei Marano angesiedelt war, ist ausgestorben; der Alte ist in Rom

begraben, die Söhne überlebten ihn nicht lange.

Mag sein, erwiderte der erste. Aber seht ihn an und sagt, ob es nicht

ist, als wäre der alte Luigi Candiano, nur verjüngt, aus dem Grabe

erstanden. Ich hab ihn gut genug gekannt; wir wurden an demselben

Tage in den Senat gewählt.

Er nahm die Papiere vom Tisch und prüfte sie sorgfältig. Ihr mögt

recht haben, sagte er endlich. Es würde mit den Jahren nicht stimmen.

Für einen der Söhne Luigis ist dieser zu alt. Wenn er ihn vor der

Ehe erzeugt hätte--so würde es uns gleichgültig sein können.

Er warf die Papiere wieder hin, gab dem Sekretär einen Wink und trat

mit den anderen in die Fensternische zurück, das unterbrochene

Gespräch leise fortsetzend. Niemand konnte Andreas Augen anmerken,

welch eine Last in diesem Augenblick ihm von der Seele fiel. Der

Sekretär begann von neuem. Ihr versteht fremde Sprachen? fragte er.

Ich spreche Französisch und ein wenig Deutsch, Euer Gnaden.

Deutsch? Wo habt Ihr das gelernt?

Ein deutscher Maler in Brescia war mein guter Freund.

Seid Ihr je in Triest gewesen?

Zwei Monate, Euer Gnaden, in Geschäften meines Herrn, des Advokaten.

Der Sekretär stand auf und trat zu den dreien am Fenster. Nach einer

Weile kam er an den Tisch zurück und sagte: Man wird Euch den Paß

eines österreichischen Untertans geben, der aus Triest gebürtig war.

Mit diesem geht Ihr in das Haus des österreichischen Gesandten und

bittet um seinen Schutz, da die Republik Euch auszuweisen drohe. Ihr

werdet sagen, daß Ihr in früher Jugend Triest verlassen habt und nach

Brescia hinübergegangen seid. Was auch die Antwort sein möge, dieser

Besuch wird Euch, bei einiger Geschicklichkeit, genügen, um mit dem

Sekretär des Gesandten Bekanntschaft zu machen. Es ist Eure Aufgabe,

dieses Verhältnis fortzuspinnen und, soviel Ihr könnt, die geheimen

Verbindungen des Wiener Hofes mit den Adeligen Venedigs zu beobachten.

Entdeckt Ihr das Geringste, was Euch Verdacht einflößt, so habt Ihr

es unverzüglich zu melden.

Wünscht das hohe Tribunal, daß ich meine bisherige Stellung bei dem

Notar Fanfani aufgebe?

Ihr ändert nichts in Eurer Lebensweise. Euer Gehalt beträgt für den

ersten Monat nur zwölf Dukaten. Von Eurer Geschicklichkeit und

Umsicht hängt es ab, die Summe zu verdoppeln.

Andrea verneigte sich zum Zeichen, daß er mit allem einverstanden sei.

Hier ist Euer deutscher Paß, sagte der Sekretär. Eure Wohnung ist dem

Palast der Gräfin Amidei benachbart. Es wird Euch ein leichtes sein,

mit ihrer Kammerfrau ein Verhältnis anzuknüpfen, dessen Kosten Euch

erstattet werden sollen. Was Ihr auf diesem Wege über die Beziehungen

der Gräfin zu vornehmen Venezianern erfahrt, berichtet Ihr an diesem

Ort. Die Republik erwartet, daß Ihr treu und gewissenhaft Eure

Aufgabe erfüllt. Sie verpflichtet Euch nicht durch einen Eid, weil,

wenn die Scheu vor den irdischen Strafen, die wir verhängen, Euch

nicht in der Pflicht zurückhielte, Ihr kein Menschenblut in den Adern

haben müßtet und also auch der himmlischen Gerechtigkeit spotten

würdet. Ihr seid entlassen.

Andrea verbeugte sich wiederum und wandte sich nach der Tür. Der

Sekretär rief ihn zurück.

Noch eins, sagte er, indem er ein Kästchen aufschloß, das auf dem

Tische stand. Tretet heran und betrachtet den Dolch in diesem

Kästchen. Es sind große Waffenfabriken in Brescia. Entsinnt Ihr Euch,

dort irgend eine ähnliche Arbeit gesehen zu haben?

Andrea blickte, mit letzter Kraft sich bezwingend, in den Behälter,

den ihm der Sekretär entgegenhielt. Er erkannte die Waffe nur zu wohl.

Es war ein zweischneidiges Messer, der Griff, ebenfalls stählern, in

Kreuzesform. Auf der Klinge, vom Blut noch nicht gereinigt, standen

die Worte eingegraben: "Tod allen Staatsinquisitoren".

Nach einer längeren Prüfung schob er mit fester Hand das Kästchen

zurück. Ich entsinne mich nicht, sagte er, einen ähnlichen Dolch in

den Kaufläden von Brescia gesehen zu haben.

Es ist gut.

Der Sekretär verschloß das Kästchen wieder und winkte ihm mit der Hand,

zu gehen. Langsam schritt Andrea hinaus. Die Hellebardiere ließen

ihn passieren; wie im Traum ging er den hallenden Korridor entlang,

und erst als er auf der dunkeln Treppe war, gönnte er sich's, einen

Augenblick auf einer der Marmorstufen niederzusitzen. Seine Kniee

drohten einzubrechen; der kalte Schweiß bedeckte seine Stirn, die

Zunge klebte ihm am Gaumen.

Als er ins Freie hinaustrat, atmete er tief auf, richtete den Kopf

mutig in die Höhe und nahm seine entschiedene Haltung wieder an. Am

Portal draußen, das sich nach der Piazetta öffnet, sah er einen Haufen

Volkes dicht beisammen stehen, vertieft in die Lesung eines großen

Anschlages, der an eine der Säulen angeheftet war. Er trat ebenfalls

hinzu und las, daß vom Rat der Zehn mit hoher Bewilligung des Dogen

eine Belohnung von tausend Zechinen und die Begnadigung eines

Verbannten oder Verurteilten demjenigen verheißen werde, der über den

Mörder Veniers Auskunft zu geben wisse. Das Volk strömte vor der

Säule ab und zu, und nur einige lauernde Gesichter tauchten beharrlich

immer wieder unter den Arkaden auf und bewachten die Mienen der

Lesenden. Auch Andrea entging ihnen nicht. Aber mit der

Gleichgültigkeit eines völlig unbeteiligten Fremden machte er, nachdem

er das Blatt überflogen, anderen Neugierigen Platz und stieg ruhig am

großen Kanal in eine Gondel, die ihn nach dem Hotel des

österreichischen Gesandten bringen sollte.

Als er nach einer längeren Fahrt vor dem ziemlich abgelegenen Palast

ausstieg, der den doppelköpfigen Adler über dem Eingang trug, bewegte

gerade ein hochgewachsener junger Mann den Klopfer am Tor. Er sah

sich nach der Gondel um, und seine ernsthaften Züge erheiterten sich

plötzlich. Ser Delfin, sagte er und bot Andrea die Hand, begegnen wir

uns hier? Kennt Ihr mich nicht mehr? Habt Ihr den Abend am Gardasee

schon vergessen?

Ihr seid es, Baron Rosenberg! erwiderte Andrea und schüttelte herzlich

die dargebotene Rechte. Seid Ihr für längere Zeit in Venedig, oder

holt Ihr schon Euren Paß hier ab zur Weiterreise?

Der Himmel weiß, sprach der andere, wann mich mein Stern je von hier

wegführt, und ob ich ihn dann willkommen heißen oder verwünschen werde.

Um meinen Paß jedoch brauche ich niemand zu bemühen, da ich ihn mir

selbst visieren kann. Denn Ihr müßt wissen, werter Freund, daß Ihr

mit dem Sekretär Seiner Exzellenz des österreichischen Gesandten

sprecht, was ich wahrlich nicht etwa sage, um eine diplomatische Wand

zwischen mich und meinen werten Reisegefährten von Riva zu schieben,

sondern in Eurem Interesse, Bester, da es nicht jedem Venezianer

erwünscht ist, für einen alten Bekannten von mir zu gelten.

Ich habe nichts zu fürchten, sagte Andrea. Wenn ich Euch nicht lästig

bin, trete ich einen Augenblick bei Euch ein.

Ihr wolltet zu mir, ohne mich zu kennen. Was Euch der

Gesandtschaftssekretär zu Gefallen tun sollte, wird Euch nun der

Freund umso williger tun, falls es in seiner Macht steht.

Andrea errötete. Zum ersten Male empfand er jetzt alles Demütigende

der Maske, die er trug, einem freien Manne gegenüber, der ihm nach

einer flüchtigen Begegnung vor mehreren Jahren so freundschaftlich

wieder entgegenkam. Der Paß des Triestiners, den er in der Tasche

trug, drückte ihn wie ein bleiernes Gewicht. Aber die Übung, seine

inneren Kämpfe zu beherrschen, ließ ihn auch diesmal nicht im Stich.

Ich wollte nur eine Erkundigung einziehen über ein deutsches

Handelshaus, sagte er, denn ich bin hier in Venedig in der sehr

bescheidenen Stellung eines Schreibers, der sich von seinem Herrn

Notar zu mancherlei kleinen Diensten gebrauchen lassen muß. Da ich

aber in Brescia nicht viel Besseres war und Ihr dennoch mich nicht zu

gering hieltet, mir Eure und Eurer Mutter Gesellschaft zu gönnen, so

trete ich auch hier dreist mit Euch ein; Ihr müßt mir vor allem sagen,

wie es der trefflichen Frau ergeht, deren ehrwürdiges Bild, ihre

rührende Liebe zu Euch, ihre große Güte gegen mich, mir noch in

lebendigster Erinnerung stehen.

Der Jüngling wurde ernsthaft und seufzte. Kommt in mein Zimmer, sagte

er. Wir plaudern dort vertraulicher.

Andrea folgte ihm hinauf, und der erste Blick, den er in das

behagliche Gemach tat, fiel auf ein großes Pastellbild, das über dem

Schreibtisch hing. Er erkannte die leuchtenden Augen und das reiche

Haar Leonorens. Aller verführerische Schmelz der Jugend und des

Übermutes lag auf diesen lächelnden Lippen.

Der Jüngling rückte zwei Sessel an das Fenster, durch welches man den

ziemlich breiten Kanal, die malerische Brücke und zwischen den Häusern

drüben die Chorseite einer alten Kirche übersah. Kommt, sagte er,

macht es Euch bequem. Soll ich Wein kommen lassen oder Sorbette?

Aber ihr hört nicht. Ihr seid in dieses unglückselige Bild vertieft.

Wißt Ihr, wen es vorstellt? Kennt Ihr das Urbild, von dem es nur ein

blasser Schatten ist? Doch wer in Venedig kennte es nicht? Sagt mir

nichts von diesem Weibe. Ich weiß alles, was man von ihr sagt, und

glaube alles, und dennoch versichere ich Euch in allem Ernst, daß Ihr

selbst, wenn Ihr vor ihr ständet, an nichts von alle dem denken,

sondern Gott danken würdet, wenn Ihr Eure fünf Sinne so leidlich

beisammen behieltet.

Ist dieses Gemälde Euer Eigentum? fragte Andrea nach einer Pause.

Nein; es hat einem Glücklicheren gehört, einem schönen jungen

Venezianer, der, wie sie mir selbst gestand, ihr Abgott gewesen. Der

Unvorsichtige ließ sich einfallen, mir seine Freundschaft anzutragen.

Er büßt dieses Verbrechen in der Verbannung, und meine Strafe ist nun,

daß er mir dieses Bild vermacht hat, und daß ich die Augen des

Originals um ihn habe weinen sehen.

Er stand, während er dies sagte, vor dem Bilde und betrachtete es mit

einem schwärmerisch-traurigen Blick. Andrea beobachtete ihn mit der

tiefsten Teilnahme. Er war nicht schön von Gesicht, nur anziehend

durch die Mischung von jugendlicher Sanftheit der Formen und

männlichem Ernst und Feuer seines Mienenspiels. Auch in den

Bewegungen der hohen Gestalt offenbarte sich Adel und Energie.

Unwillkürlich entfuhr Andrea der Ausruf: Daß Ihr, auch Ihr dieses Weib

lieben könnt, das Euer so wenig wert ist!

Lieben? erwiderte der Deutsche mit einem seltsam düsteren Ton. Wer

sagt Euch, daß ich sie liebe, wie ich einst in Deutschland geliebt

habe und wie es allein den Namen verdient? Sagt, daß ich von ihr

besessen bin, daß ich mit Knirschen und Stöhnen ihre Fesseln trage,

und nehmt mein Geständnis hin, daß ich mich dieser Schwäche schäme und

doch in ihr schwelge. Ich habe es nie vorher gewußt, wie alle

irdische Wonne nichtig ist gegen das Gefühl, sich den Nacken von einem

selbstgewählten Joch wund drücken zu lassen und den gesamten

Mannesstolz um ein Lächeln solcher Augen in den Staub zu werfen.

Sein Gesicht hatte sich gerötet; er bemerkte jetzt erst, daß Andrea

längst von dem Bilde wegsah und ihm tief bekümmert zuhörte.

Ich langweile Euch, sagte Rosenberg. Sprechen wir von etwas anderem.

Wie ist es Euch indes ergangen? Warum habt Ihr Brescia verlassen?

Ihr habt mir von Eurer Mutter noch nichts erzählt, lenkte Andrea ein.

Welch eine Frau! Der Fremdeste fühlt das Verlangen, sie wie eine

Mutter zu verehren.

Redet weiter, sagte der andere. Vielleicht befreien mich Eure Worte

von dem bösen Zauber, dem ich hier verfallen bin. Nicht, daß Ihr mir

etwas Neues sagtet. Aber es von Euch zu hören, welch eine Mutter sie

ist, und welch ein undankbares Kind sie an mir großgezogen hat, bringt

mich vielleicht zu meiner Pflicht zurück. Werdet Ihr es glauben, daß

ich schon den dritten Brief von ihr habe, in welchem sie mich

beschwört, Venedig zu verlassen und zu ihr nach Wien zu kommen? Sie

träumt, daß mir hier Unheil bevorstehe. Das größte, dem ich verfallen

bin, ahnt sie nicht; und doch hält mich sonst nichts hier fest, als

ein Weib, das ich um alles in der Welt nicht in ihre reine Nähe zu

bringen wagte.--Aber nein, fuhr er fort, damit ich mir nicht selbst zu

viel tue: Es wäre in der Tat schwer zu machen, daß ich in diesem

Augenblick mir Urlaub auswirkte. Mein Chef, der Graf, hat sich

eingeredet, daß ich ihm unentbehrlich sei, und gerade jetzt gibt es

mancherlei zu tun, was ihm selber lästig wäre. Es ist Euch nicht

unbekannt, daß wir hier unliebe Gäste sind. Man will die Augen nicht

öffnen nach der Seite hin, von der eine wirkliche Gefahr drohen könnte,

und hätschelt das Vorurteil, als hätte die Macht, die wir vertreten,

die Hand im Spiele bei allem Feindseligen, was in Venedig geschieht.

Ist man doch so weit gegangen, uns für die Ermordung Veniers

verantwortlich zu machen, eine Tat, die ich von Grund meines Herzens

ebenso verabscheue, wie ich ihre Anstifter für kurzsichtige Politiker

halte.--Denn sagt selbst, werter Freund, fuhr er mit rückhaltlosem

Eifer fort, vielleicht nicht ohne die Absicht, einen Fürsprecher mehr

in Venedig zu gewinnen, sagt selbst, ob die geringste Aussicht ist,

das Ziel, den Sturz des Tribunals, auf diesem verbrecherischen Wege zu

erreichen? Setzen wir die moralische Seite für einen Moment aus den

Augen: Ist es irgend denkbar, daß ein so weit verzweigter Anschlag

hier, in Venedig, so lange geheim bleibt wie er müßte, wenn der Zweck

der Einschüchterung erreicht werden sollte?

Es ist undenkbar, erwiderte Andrea gelassen. Was drei Venezianer

wissen, weiß der Rat der Zehn. Umso wunderbarer, daß er diesmal so

schlecht bedient wird.

Und nun setzt den Fall, es gelänge den Verschworenen nach Wunsch, Mord

auf Mord, worauf es ja abgesehen scheint, erreichte die Inquisitoren

trotz des Geheimnisses, das sie umgibt, und endlich fände sich niemand,

der sein Leben an eine so gefährliche Würde wagte--was wäre damit

erreicht? Eine Aristokratie von so ungeheuerlicher Organisation, wie

die venezianische, bedarf, um zu bestehen, um sich gegen die drohenden

Wogen des Volkswillens zu sichern, des festen Dammes einer

immerwährenden Diktatur, die in sanfteren oder härteren Formen immer

wieder aufgerichtet werden müßte. Denn wo sind die Elemente, aus

denen eine echte Republik mit freien Institutionen sich bilden könnte?

Ihr habt eine herrschende Kaste und eine beherrschte, Souveräne zu

Hunderten und Pöbel zu Tausenden. Wo sind die Bürger, ohne die ein

freies Stadtwesen ein Unding ist? Eure Nobili haben dafür gesorgt,

daß der geringe Mann nie zum Bürgersinn, zum Gefühl der

Verantwortlichkeit und des wahren bewußten Opfers für große Zwecke

herangereift ist. Sie haben den Plebejern nie erlaubt, sich um

Staatsinteressen zu bekümmern. Aber weil das Regiment von achthundert

Tyrannen zu schwerfällig, zu uneinig und schwatzhaft ist, um eine

mächtige Wirkung nach außen oder innen zu üben, knechteten diese

Herren sich lieber selbst und beugten sich unter das Joch eines

unverantwortlichen Triumvirats, das wenigstens aus ihrer Mitte

hervorgegangen war. Sie zogen es vor, ihre eigenen Mitglieder ohne

Gesetz und Recht diesem dreiköpfigen Götzen zum Opfer fallen zu sehen,

als unter dem Schutz von Gesetzen und Rechten zu leben, die sie mit

dem Volk gleichstellen würden.

Ihr sagt diese Sachen, wie sie sind, warf Andrea ein. Aber müssen sie

so bleiben?

Bleiben--oder sich verschlimmern. Denn seht, Bester, wie furchtbar

sich die Schneide ihrer Waffe gegen sie selbst gekehrt hat. Solange

die Republik eine Aufgabe hatte unter den Völkern Europas, solange war

der Druck dieser stehenden Diktatur im Innern durch die Erfolge nach

außen aufgewogen. Niemals wäre Venedig ohne dieses Zusammenfassen all

seiner Kräfte in der Hand unerbittlicher Tyrannen zu der Blüte

politischer Macht und unermeßlichen Reichtums gediehen, wie wir sie

bis ins vorige Jahrhundert noch im Wachsen finden. Sobald die Zwecke

wegfielen, die so gewaltsame Mittel allein rechtfertigen konnten,

blieb die nackte Tyrannei in all ihrer Unförmlichkeit übrig und begann,

um nicht müßig zu gehen und sich selbst für überlebt zu halten, nach

innen zu wüten. Eine Diktatur im Frieden, mag sie von einem oder

dreien ausgeübt werden, ist immer eine Lebensgefahr für jeden großen

oder kleinen Staat. Hier aber ist die Krankheit zu alt geworden, um

noch Heilung zu finden. Die Keime des wahren Bürgertums, aus denen

jetzt für die Republik ein neues Leben erwachsen müßte, sind verfault,

durch ein jahrhundertelanges Schreckenssystem, durch das Netz der

ausgesuchtesten Spionenkünste ist alles Vertrauen, alle Geradheit,

Sicherheit und Freiheitsliebe erstickt, und das Gebäude, das so

künstlich und dauerhaft aufgeführt scheint, würde zusammenbrechen,

sobald der Kitt der Furcht aus den Fugen verschwände.

Eure Gründe mögen gut sein, erwiderte Andrea nach einer Pause, aber es

sind Gründe eines Fremden, den es nichts kostet, diese Republik für

ausgelebt und dem Untergang verfallen zu erklären. Einen Venezianer

möchtet ihr schwerlich überzeugen, daß die Krankheit seiner alten

Mutterstadt nicht wenigstens den letzten Versuch einer Heilung wert

sei.

Ihr aber seid kein Venezianer.

Ihr habt recht, ich bin nur aus Brescia, und meine Stadt hat schwer

unter Venedigs Geißel geblutet. Dennoch kann ich mich eines tiefen

Mitgefühls mit diesen verzweifelten Männern, die das fressende

Geschwür der geheimen Schreckensherrschaft mit dem Messer

auszuschneiden versuchen, nicht ganz erwehren. Ob sie ihr Ziel

erreichen, steht in den Sternen geschrieben. Meine Augen sind schwach,

ich verzichte drauf, diese Schrift zu lesen.

Beide Männer schwiegen und sahen eine Weile durch das Fenster auf den

Kanal. Ihre Sessel standen dicht nebeneinander. Die Sonne brannte

herein, ohne daß sie der lästigen Glut auswichen.

Ihr seht, begann endlich lächelnd der Jüngere, daß ich für einen

Diplomaten, und einen, der in Venedig sich die Sporen verdient, noch

viel zu wenig Vorsicht gelernt habe. Wir haben uns nur einmal gesehen,

und heute sage ich Euch ohne Umschweife, was ich von den hiesigen

Dingen halte. Aber freilich traue ich mir hinlängliche

Menschenkenntnis zu, um zu wissen, daß ein Geist wie der Eure sich

nicht in den Sold dieser Signoria begeben kann.

Andrea reichte ihm stumm die Hand. In demselben Augenblick wandte er

das Gesicht und sah wenige Schritte hinter ihnen in unterwürfiger

Haltung seinen Amtsgenossen, Samuele, mitten im Zimmer stehen. Er

hatte die Tür leise geöffnet und war auf den Teppichen des Zimmers

unter vielen Verbeugungen ungehört herangetreten. Euer Gnaden, sagte

er jetzt zu Rosenberg gewandt, indem er sich gegen Andrea fremd

stellte, ich bitte zu verzeihen, daß ich bin eingetreten unangemeldet.

Der Herr Kammerdiener war nicht im Vorzimmer. Ich bringe die

bestellten Juwelen; Sachen, Euer Gnaden, wie sie die schönste Esther

hätte tragen können.

Er holte aus seinen Taschen Schachteln und Kästchen hervor und

breitete seine Waren sorgfältig auf dem Tisch aus, wobei er sichtlich

den jüdischen Händler, den er sonst in seinem Wesen nach Kräften

verleugnete, hervorzukehren suchte. Während der Deutsche die

Schmucksachen musterte, warf Samuele einen Blick des Einverständnisses

nach Andrea hinüber, der ihm den Rücken kehrte und an das Fenster trat.

Er begriff, was der Besuch des Juden zu dieser Stunde bezweckte.

Der Spion sollte den Spion im Auge haben, der alte Fuchs den Neuling

bei seinem Probestück überwachen.

Indessen hatte Rosenberg eine Halskette mit einem Rubinschloß

ausgewählt und bezahlte den Preis, den der Jude forderte, ohne zu

handeln. Er warf ihm die Goldstücke hin, nickte ihm, ohne weiter auf

sein Geschwätz zu antworten, seine Entlassung zu und trat wieder ans

Fenster. Ich sehe es an Eurer Miene, sagte er, daß Ihr mich

bemitleidet und für einen Wahnsinnigen haltet. In der Tat, ich

handelte klüger, wenn ich dieses blitzende Geschmeide in den Kanal

würfe, statt es um Leonorens weißen Nacken zu legen. Aber was hilft

mir alle Klugheit gegen diesen Dämon?

Ich bin überzeugt, antwortete Andrea, daß Eure Entzauberung nicht

lange auf sich warten lassen wird. Aber eine andere Warnung bin ich

Euch schuldig. Kennt Ihr den Juden näher, der uns eben verließ?

Ich kenne ihn. Er ist einer von den Spionen, die der Rat der Zehn in

unserem Hause besoldet. Er ißt sein Brot mit Sünden. Denn unser

ganzes Geheimnis ist, daß wir ehrlich sind. Und weil sie dies für

ganz unmöglich halten, gelten wir ihnen für die Gefährlichsten und

Verstecktesten. Nur um Euretwillen ist es mir unlieb, daß der

Schleicher gerade jetzt hier eintrat. Er hat gesehen, daß Ihr mir die

Hand gabt. Ich bürge Euch dafür, daß Ihr, ehe eine Stunde vergeht, im

schwarzen Buch des Tribunals stehen werdet.

Andrea lächelte bitter. Ich fürchte sie nicht, mein Freund, sagte er.

Ich bin ein friedfertiger Mensch und mein Gewissen ist ruhig.-Vier

Tage waren nach jenem Gespräch vergangen. Andrea hatte sein gewohntes

Leben fortgesetzt, sich regelmäßig morgens bei seinem Notar

eingefunden und am Abend das Haus gehütet, obwohl ihm jetzt, da er zu

der hohen Polizei in ein nahes Verhältnis getreten war, an dem guten

Leumund in der Straße della Cortesia nicht mehr viel gelegen sein

konnte.

Andrea Delfin: Eine venezianische Novelle · 第 4 / 7 段