Er verbeugte sich leicht vor ihr und ging auf die Tür zu. Nur

flüchtig konnte Andrea im letzten Moment seine Züge sehen. Sie waren

kalt, aber nicht hart, ein Gesicht ohne Seele und Leidenschaften, nur

der Ausdruck eines mächtigen Willens herrschte auf Stirn und Brauen.

Er band eine Maske vor und warf den schwarzen Mantel, den er am

Eingange abgelegt hatte, um die Schulter. Dann verließ er, ohne ihren

Abschied abzuwarten, das Gemach.

In demselben Augenblick hörte Andrea die Stimme des Mädchens unten im

Saal, die ihn leise herunterrief. Er gehorchte, nachdem er einen

letzten Blick auf das schöne Weib geworfen, das immer noch regungslos

mitten im Zimmer stand und dem Fortgegangenen tiefsinnig nachsah. Wie

ein vom Schlage Getroffener stieg er schwankend von der Estrade herab

und folgte, ohne ein Wort zu sprechen, dem voranhuschenden Mädchen.

In ihrer Kammer brannte wieder Licht, der Wein stand noch auf dem

Tischchen am Fenster und nichts schien die Fortsetzung des

unterbrochenen Spiels zu hindern. Aber auf dem Gesicht des Mannes lag

ein unheimlicher Schatten, der selbst den Leichtsinn Smeraldinas

verschüchterte und sie von dieser Nacht nichts mehr hoffen ließ.

Ihr seht aus, sagte sie, als hättet Ihr Gespenster gesehen. Kommt,

trinkt ein Glas Wein und erzählt mir, was es gab. Es lief ja ruhiger

ab als wir fürchteten.

O gewiß, sagte er mit erzwungener Kälte. Man will deiner Herrin sehr

wohl, und es ist sogar Aussicht, daß du deinen rückständigen Lohn

nächstens ausbezahlt erhältst. Im übrigen sprachen sie so leise, daß

ich wenig verstand, und jetzt bin ich vor allen Dingen todmüde von dem

unbequemen Knieen auf den harten Brettern. Nächstens tue ich deinem

Wein eine bessere Ehre an, gutes Kind. Aber heute muß ich schlafen.

Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, ob Ihr sie so schön findet wie

die anderen Leute, sagte das Mädchen und versuchte zu schmollen über

ihren undankbaren, einsilbigen Freund.

Schön wie ein Engel oder eine Teufelin, murmelte er zwischen den

Zähnen. Ich danke dir, Madamigella, daß du mir dazu verholfen hast,

sie zu sehen. Ein anderes Mal bleibe ich fein bei dir, da ich heute

meine Neugier hinlänglich gebüßt habe. Gute Nacht!

Er schwang sich auf den Sims und betrat das Brett, das sie mißmutig

wieder über den Abgrund geschoben hatte. Als er droben stand, sah er

den Kanal hinunter, in dessen Tiefe eben das Licht der Gondel

verschwand. Gute Nacht! rief er noch einmal zurück und stieg dann

vorsichtig in sein Zimmer hinunter, während Smeraldina die Brücke

abbrach und sich vergebens bemühte, das seltsame Betragen des Fremden,

seine Armut, seine Freigebigkeit, sein graues Haar und seine

Abenteuersucht miteinander zu reimen.

Eine Woche verging, ohne daß die Eroberung, die Smeraldina an ihrem

Nachbar gemacht zu haben glaubte, sich sonderlich befestigte. Nur

einmal ließ sie ihn, nachdem sie den Pförtner auf ihre Seite gebracht

hatte, bei Nacht in der Maske zur Tür herein, führte ihn nach dem

Wasserpförtchen und bestieg mit ihm die Gondel, die er selbst mit

langsamen Ruderstößen durch das dunkle Labyrinth hindurchtrieb, um

endlich auf dem großen Kanal eine Stunde lang im Freien hinzugleiten.

Er war trotz der guten Gelegenheit auch diesmal nicht eben zärtlicher

Laune, während sie beständig schwatzte und durch Erzählungen aus der

großen Welt, in der die Gräfin ihre Rolle spielte, ihn zu belustigen

suchte. Er erfuhr, daß seit wenigen Tagen der österreichische

Gesandtschaftssekretär lange Besuche bei ihrer Herrin zu machen pflege,

wo beide ohne Zweifel sich berieten, wie es anzufangen sei, daß die

Verbannung des jungen Gritti zurückgenommen würde. Die Gräfin sei

besserer Laune als je und habe sie reich beschenkt. Andrea schien

dies alles nur mit halbem Ohr zu vernehmen und sich einzig der Lenkung

der Gondel zu widmen. Es war also dem Mädchen selbst nicht unlieb,

als ihr schweigsamer Gefährte umwendete und auf dem kürzesten Wege

nach Hause fuhr. Geräuschlos trieb er das schmale Fahrzeug nahe an

den Pfahl heran, legte, nachdem sie ausgestiegen waren, die Kette

herum und bat sich den Schlüssel aus, um sie festzuschließen. Sie gab

ihn und war schon in der Tür, als er ihr nachrief, daß ihm in der Hast

der kleine Schlüssel aus der Hand geglitten und in den Kanal gefallen

sei. Es war ihr selbst verdrießlich; aber mit ihrer gewöhnlichen

Leichtherzigkeit tröstete sie ihren Freund, daß wohl noch ein zweiter

Schlüssel sich im Hause finden werde, und er konnte diesmal nicht

umhin, mit einem flüchtigen Kuß auf ihre Wange Abschied zu nehmen, als

sie ihn um Mitternacht durch die Hauptpforte des Palastes entließ.

Seiner Wirtin, der Frau Giovanna, sagte er am anderen Morgen, daß es

viel Arbeit bei seinem Brotherrn gegeben habe, so daß man die Nacht

hätte zu Hilfe nehmen müssen. Dies war das einzige Mal, daß er den

Hausschlüssel brauchte. Gewöhnlich kam er schon gegen die Dämmerung

heim, genoß nur Brot und Wein und löschte früh das Licht, so daß die

gute Frau ihn in der Nachbarschaft als ein Muster des Fleißes und

unsträflichen Wandels pries. Nur das eine beklagte sie, daß er sich

nicht schone und bei seinen Jahren gar kein erlaubtes Vergnügen

genieße, wodurch er sich aufheitern und sein Leben verlängern würde.

Marietta war bei solchen Reden still und sah in ihren Schoß. Sie sang

nicht mehr, sobald der Fremde in seinem Zimmer war, und schien

überhaupt, seitdem er gekommen, sich mehr Gedanken gemacht zu haben

als sonst in einem Jahre.

Am Morgen des zweiten Sonntags, den Andrea im Hause der Witwe erlebte,

trat die Frau hastig mit verstörtem Gesicht und in vollem Staat, wie

sie aus der Messe zurückkehrte, in sein Zimmer. Er saß am Tisch, noch

nicht völlig angekleidet, und las in einem seiner Gebetbücher. Sein

Gesicht war bleicher als sonst, aber sein Blick ruhig, und es schien,

als ob er ungern in seiner Andacht gestört würde.

Sitzt Ihr noch still im Zimmer, Herr Andrea, rief sie ihm entgegen,

und ganz Venedig ist auf den Beinen? Eilt und kleidet Euch an und

geht selbst auf die Straße hinaus, wo Ihr so viel entsetzte

Menschengesichter sehen könnt wie Körner in der Mühle. Heiliger Jesus!

daß ich das noch erleben muß, und dachte, es könne nichts mehr in

Venedig geschehen, worüber ich staunte!

Wovon redet Ihr, gute Frau? fragte er mit gleichgültigem Ton und legte

das Buch aus der Hand.

Sie warf sich auf einen Stuhl und schien sehr erschöpft. Bis an die

Piazetta bin ich fortgeschoben worden, fing sie wieder an, und sah die

Herren vom Großen Rat zu Haufen die Riesentreppe im Hofe des

Dogenpalastes hinaufsteigen und die Trauerfahne wehen aus dem Fenster

der Prokurazien. Werdet Ihr es glauben? Heute nacht zwischen Elf und

Mitternacht hat man den Vornehmsten von den drei Staatsinquisitoren,

den edeln Herrn Lorenzo Venier, auf der Schwelle seines Hauses

ermordet.

War es schon ein alter Mann? fragte Andrea ruhig.

Misericordia! Wie Ihr auch sprecht! Als wäre er nur in seinem Bett

gestorben. Aber Ihr seid freilich kein Venezianer und könnt es nicht

verstehen, was es heißt: ein Inquisitor ermordet, einer vom Tribunal.

Es ist mehr als wenn es ein Doge wäre, von denen mancher nicht mit

rechten Dingen um sich kam, denn das Tribunal hat die Macht und der

Doge das Kleid. Was aber das entsetzlichste ist: auf dem Dolch, den

sie in der Wunde gefunden haben, steht eingegraben: "Tod allen

Inquisitoren"; allen! versteht ihr wohl, Herr Andrea? Das ist nicht

wie wenn ein Wicht von einem Bravo gedungen wird, einen einzelnen aus

der Luft zu schaffen, weil er einem anderen im Wege steht bei

Liebschaft, Ämtern oder sonst. Das ist ein politischer Mord, sagte

mein Nachbar, der Spezial, und dahinter steckt eine Verschwörung und

Helfershelfer und der Angelo Querini mit seinem Anhang. Er rieb sich

die Hände, als er das sagte, aber mir zitterte das Herz im Leibe, denn

ich will nicht sagen, was ich denke, aber ich weiß, mit der bösen Tat

ist's wie mit den Kirschen, schüttelt man eine herunter, so fallen

zwanzig nach, und dieses Blut wird viel Blut kosten.

Hat man denn keine Spur des Mörders, Frau Giovanna? Wozu nützen dem

Tribunal die Hunderte von Spionen, die es bezahlt?

Nicht den Schatten einer Spur, antwortete die Witwe. Es war eine

dunkle Nacht, die Bora wehte, und auf dem großen Kanal, an dem sein

Palast steht, war es leer von Gondeln. Da kam er allein durch eine

Seitengasse nach Hause, und da traf ihn die unsichtbare Hand, und er

lebte nur so lange, bis er mit seinem letzten Stöhnen den Pförtner

herausgeschreckt hatte. Da war die Gasse totenstill und niemand zu

erblicken. Ich aber weiß, was ich weiß, Herr Andrea. Soll ich es

Euch sagen? Ihr seid rechtschaffen und brav und werdet es nirgend

weiter umhersagen und mich nicht in neues Elend bringen: Ich kenne die

Hand, die dieses Blut vergoß.

Er sah sie fest an. Redet, sagte er, wenn es Euch erleichtert. Ich

verrate Euch nicht.

Habt ihr keine Ahnung? sagte sie, indem sie aufstand und dicht neben

ihn hintrat: Hab' ich Euch nicht gesagt, daß mancher lebt und nicht

wiederkommt, und mancher tot ist und doch wiederkommt? Wißt ihr's

nun? Er hat es ihnen nicht vergessen, daß sie sein Weib und Kind

unter die Bleidächer geschleppt und gemartert haben. Aber, um Gottes

willen, kein Wort davon über Eure Lippen! Wenn es sein Geist getan

hätte, die Lebendigen müßten es büßen.

Und was habt Ihr für Anlaß zu Eurem Glauben?

Sie sah sich im Zimmer unheimlich um. Wißt, flüsterte sie, es war

nicht geheuer im Haus diese Nacht. An den Wänden hört' ich es hinauf-

und hinabhuschen, wie Gespensterschritte, ich lag im Bett und horchte,

und es rauschte da unten heimlich über den Kanal und klirrte an Eurem

Fenster, und durch das Gäßchen nebenan schwirrte es von

aufgescheuchtem Getier bis lange nach Mitternacht. Erst mit dem

Glockenschlage eins ward Ruhe; ich weiß wohl, wer sie gestört hat. Er

kam, nachdem er es getan, um uns zu grüßen, da wir ja keinen Abschied

genommen haben.

Das Haupt war ihm auf die Brust gesunken. Jetzt stand er auf und

sagte, daß er selbst ausgehen wolle, um sich zu erkundigen. Er habe,

wie sie ja wisse, sich früh niedergelegt und besonders fest geschlafen,

so daß er von allem Spuk nicht gestört worden sei. Übrigens möge

sie es für sich behalten, denn allerdings sei es gefährlich, von einem

solchen Verbrechen auch nur eine gespenstische Mitwissenschaft

erhalten zu haben.--Darauf zog er sich eilig an und ging in die Stadt

hinaus.

Es war ein Wogen und Treiben auf den Gassen, wie man es selbst bei

hohen Festen der Republik nicht gewohnt war. Lautlos bewegten sich

aus der inneren Stadt hastige Züge von Neugierigen durch die engen

Straßen fort nach dem Markusplatze zu, und wer sich nicht anschloß,

stand wenigstens draußen an der Tür seines Hauses und wechselte mit

vorbeieilenden Bekannten beredte Zeichen und Blicke. Man sah es

diesen Menschen an, daß etwas Unerhörtes und Furchtbares sie zugleich

aufgeregt und betäubt hatte, daß sie alle planlos dem allgemeinen Zuge

folgten, begierig, das Ereignis vor allem mit Augen zu sehen und mit

Händen zu greifen. Niemand redete laut, niemand lachte, pfiff oder

seufzte auch nur vernehmlich; es war, als fühlten diese ehrsamen

Bürger die Pfähle wanken, auf denen die Lagunenstadt gegründet ward.

In scheinbar nachlässiger Haltung schritt Andrea unter dem Volk hin,

den Hut tief über die Augen gedrückt, die Hände auf den Rücken gelegt.

Nun trat er auf den Markusplatz hinaus, wo in unzähligen Gruppen alle

Stände durcheinander gemischt unter dem reinen Sommerhimmel sich

geschart hatten, während unter den Hallen der Prokurazien der Strom

weiterfloß, der Piazetta zu, bis draußen an das breite Becken des

Kanals, das von den beiden Säulen beherrscht wird. Der alte

Dogenpalast stieg majestätisch über dem Gewühl empor. Man sah hinter

den Bogenfenstern und in den Arkaden Waffen blinken, und ein Trupp

Soldaten hatte am Eingang Posto gefaßt, Spalier bildend und jedem die

Wehr vorhaltend, der, ohne zum Großen Rat zu gehören, in das Innere

Einlaß suchte. Denn oben in der weiten Halle, deren Wände mit den

Großtaten der Republik ausgemalt sind, saß die Blüte des Adels in

geheimer Beratung beisammen, und die Menge, die unten scheu vor den

schweren Pfeilern des alten Baues vorüberwallte, schien ungeduldig das

Ergebnis dieser Sitzung abzuwarten; so oft ein Nobile sich am Fenster

blicken ließ, entstand ein Murmeln und Deuten und Hinaufstarren, als

werde jeden Augenblick das Urteil über den unentdeckten Frevler vom

Balkon herab verkündigt werden. Auch Andrea, der das lange Viereck

des Platzes einsam durchmessen hatte, näherte sich jetzt dem

Dogenpalast und warf im Vorbeigehen einen Blick in die Kirche von San

Marco, wo er Kopf an Kopf bis zu den Pforten hinaus die Menschen

stehen und der Predigt lauschen sah. Dann bahnte er sich mühsam einen

Weg nach den beiden Säulen und stand in düsteren Gedanken am Kai der

Piazetta, vor sich die wimmelnde Menge der schwarzen Gondeln, deren

stählerne, gezahnte Schnäbel bei jeder Wendung ihre Sonnenblitze über

die Wellen warfen. Auch die Riva degli Schiavoni, die zu seiner

Linken lag, war dicht gedrängt von erwartungsvollen Menschen. Über

dem Turban des Türken tauchte der rote griechische Fes, die malerische

Mütze der Schiffer von Chioggia, der dreieckige Hut und die gepuderte

Perücke auf, und man hörte gleicher Weise die verschiedensten Zungen

durcheinander schwirren, während vom Wasser herauf die eintönigen

Anrufe der Gondoliere auch dem Blinden sagten, daß der große Kanal

Venedigs zu seinen Füßen floß.

Eine offene Gondel, von zwei Dienern in reicher goldgestickter Livree

gerudert, flog vorüber; eine Dame lag nachlässig auf den breiten

Polstern, das Haupt in die Hand gestützt. Das Feuer eines großen

Diamantringes spielte aus dem rötlichen Glanz ihrer Haare hervor; ihre

Augen ruhten auf dem Gesicht eines jungen Mannes, der ihr gegenüber

saß und eifrig zu ihr sprach. Sie hob jetzt den Kopf und musterte mit

einem stolzen Blick das Menschengewoge droben auf der Piazetta. Das

ist die blonde Gräfin, hörte Andrea im Volke sagen; er hatte sie

längst erkannt. Zusammenfahrend, wie wenn schon ihr Anblick Verderben

brächte, wandte er sich ab. Da sah er in ein bekanntes Gesicht, das

ihm vertraulich zunickte. Samuele stand hinter ihm.

Seid ihr auch einmal unter Menschen, Herr Delfin? raunte ihm der Jude

mit seiner dünnen Stimme zu. Vergebens habe ich Euer Gnaden all die

Tage her wieder zu begegnen gesucht. Ihr lebt eingezogener, als eine

Frau in den Wochen. Wenn ihr wollt mitgehen, wohin mich meine

Geschäfte rufen, so hätt' ich Euch zu sagen, was Ihr vielleicht gern

hört. Kommt! Was steht Ihr hier, wie die anderen Narren, die da

glauben, im Großen Rat würde das Heil der Republik zur Welt gebracht?

Die Ratten im Schiff machen es nicht flott, wenn es aufgefahren ist.

Die wahren Lotsen haben jetzt besseres zu tun, als zu schwatzen. Aber

gehen wir von hier fort, ich habe Eile, und in der Gondel reden wir

bequemer.

Er winkte eine von den Mietgondeln heran und zog Andrea am Arm sich

nach. Sie stiegen ein und setzten sich unter das schwarze Dach, links

und rechts durch die Öffnungen der engen Kajüte den Kanal überblickend.

Was habt Ihr mir zu sagen, Herr? begann Andrea. Und wohin führt Ihr

mich? Geht morgen früh nicht zu Eurem Notar, sagte der Jude. Es wäre

möglich, daß Ihr zu einem Gang abgeholt würdet, der Euch mehr eintrüge.

Was meint Ihr, Samuele?

Ihr wißt, was die Nacht geschehen ist, fuhr der andere fort. Es ist

unerhört, daß zwölf Stunden nach einem Mord in Venedig vergehen und

noch keine Spur gefunden ist, wer ihn begangen hat. Wir sind um

unseren Kredit gekommen bei der Signoria, beim Volk, bei den Fremden,

die von der Polizei hier zu Lande Wunder geglaubt und Zeichen erwartet

haben. Der Rat der Zehn findet, daß er schlecht bedient wird. Er

wird sich nach neuen Augen umtun, die besser in alle Winkel dringen.

Eure Augen, Herr Delfin, möchten, wenn Ihr noch denkt wie vor zehn

Tagen, bald eine feinere Schrift zu lesen bekommen, als die Akten

Eures Herrn Notars. Darum haltet Euch zu Haus morgen früh. Wenn es

was ist und ich kann ein Wort für Euch anbringen, soll es mich freuen.

Mein Sinn ist noch nicht verändert; aber fast zweifle ich an meinen

Fähigkeiten.

Husch, husch! sagte der andere und schüttelte den Zeigefinger. Ich

müßte Gesichter nicht kennen, oder Ihr habt Eures in Eurer Gewalt, und

wer verbergen kann, was er denkt, hat schon halb erraten, was für

Gedanken andere zu verbergen suchen.

Und wer entscheidet, ob man mich brauchen kann oder nicht?

Ihr müßt Euch prüfen lassen vor dem Tribunal; ich kann nichts tun, als

sagen, daß ich Euch kenne und Euch Talente zutraue. Bis morgen, denk'

ich, wird das Tribunal vollzählig sein; die Zehn sitzen eben zusammen

und wählen den dritten Mann. Ich kann sagen, daß man mir geben könnte

viel Geld, daß ich sollte Staatsinquisitor werden--ich dankte für die

Ehre. Denn die Inschrift auf dem Dolch ist nicht so für die

Langeweile eingraviert, und der Soldat auf der Pulvermine ißt sein

Brot ruhiger als einer der drei Herren Venedigs seit gestern nacht.

Dennoch ist wohl kein Zweifel, daß der Erwählte das Amt antritt? Oder

darf er ablehnen?

Ablehnen! Wißt Ihr nicht, daß die Republik jeden schwer bestraft, der

sich einem Amt entzieht?

Andrea schwieg und sah finster durch die Luke auf die Fläche des

Kanals. Eine unabsehliche Menge schwarzer Gondeln fuhr in derselben

Richtung zwischen den hohen Palästen hin, und vom Rialto her kam eine

nicht geringere Zahl ihnen entgegen. Beide Züge trafen jetzt

aufeinander und drängten sich um eine breite Wassertreppe, wo sie um

die Wette anfuhren und ihre Herrschaften landeten. Es war der Palast

Venier, und droben lag der Tote.

Ein Blick zeigte Andrea, wo sie waren. Gewaltsam beherrschte er seine

Bewegung und sagte: Habt Ihr hier zu tun, Samuele, oder ist es bloß

die Neugier, einen ermordeten Staatsinquisitor auf dem Paradebett zu

sehen?

Ich bin im Dienst, erwiderte der Jude. Aber auch Euch kann es

nützlich sein, mitzugehen. Ich werde Euch mit einigen meiner Freunde

bekannt machen, denn der Zehnte hier weiß, was er sucht. Aber wir tun,

als kennten wir uns nicht. Wißt Ihr, daß ich wetten möchte, von den

Verschworenen seien nicht wenige unter diesen Beileidsgesichtern? Wer

weiß, ob der Täter nicht selbst eben aus einer dieser Gondeln steigt!

Er wäre nicht dumm, wenn er sich hier sicherer glaubte, als irgend wo

sonst. Denn zu dieser Stunde, kann ich Euch sagen, durchsucht die

Polizei, während alles im Freien ist, die Häuser, die ihr jemals

verdächtig waren, und das Sprichwort ist wahr: Der Teufel lehrt es zu

tun, aber nicht, es zu verbergen.

Mit diesen Worten sprang er aus der Gondel und half Andrea

dienstfertig aussteigen. Ist es Euch unheimlich, einen Toten zu

sehen? fragte er. Ihr seid nicht wohl aufgelegt.

Ihr irrt, Samuele, antwortete Andrea rasch und sah ihm gleichmütig ins

Gesicht. Ich bin Euch vielmehr dankbar, daß Ihr meiner Trägheit zu

Hilfe gekommen seid. Ohne Euch wäre ich schwerlich hier. Laßt uns

hinaufgehen, um dem großen Herrn, der uns im Leben schwerlich

vorgelassen hätte, unseren Besuch zu machen. Eine stattliche Wohnung,

die er so hastig mit einem engen Kämmerchen vertauschen muß! Er tut

mir leid, in der Tat, obwohl ich ihn nie mit Augen gesehen habe.

Sie stiegen unter einem großen Andrang nebeneinander die

schwarzverhangene Treppe hinauf, von deren Höhe das umflorte Wappen

des Hauses Venier heruntersah und statt jedes Pförtners der Menge

Stille gebot. Drinnen in dem größten Saal war der Katafalk unter

einem Baldachin errichtet, Zypressenbäume ragten bis an die hohe Decke,

Kerzen auf silbernen Kandelabern flackerten im Luftzug, der über den

offenen Balkon vom Wasser herauf durch die Halle strich, und vier

Diener des Hauses Venier in schwarzem Samt, die blanken Hellebarden

mit Flören umwickelt, hielten wie Standbilder an den Ecken des

Totengerüstes die Wache. Über den Leichnam war eine samtene Decke

gebreitet; die silbernen Fransen hingen bis auf den Boden herab. Der

Tote zeigte den Eintretenden das scharfe Profil, mit einem zornigen

und traurigen Ausdruck das geschlossene Auge gegen den Baldachin

gekehrt. Andrea erkannte diese Züge wieder. Er hatte sie im Zimmer

Leonoras in jener Nacht sich tief ins Gedächtnis geprägt. Aber kein

Zucken seines Mundes noch der Augen, die scharf auf den Toten

gerichtet waren, verriet, daß der Rächer vor seinem Opfer stand.-Eine

Stunde später kam Andrea nach Hause. Frau Giovanna empfing ihn oben

an der Treppe mit einer fast mütterlichen Sorge, und auch Marietta

schien unruhig auf ihn gewartet zu haben. Sie erzählten ihm, daß die

Sbirren in seiner Abwesenheit sein Zimmer durchsucht, aber alles in

bester Ordnung gefunden hätten, übereinstimmend mit dem Zeugnis,

welches sie selbst, die Wirtin, ihrem Mieter ausgestellt habe. Die

ruhige Art, in der Andrea ihre Erzählung anhörte, versicherte sie

vollends, daß ihre Angst überflüssig und der Besuch der Polizei mehr

eine Sache der Form gewesen sei. Eine Menge Warnungen und

Vorsichtsmaßregeln legte die gute Frau ihm ans Herz, wie er sich in

dieser bösen Zeit mit Reden und Handlungen vor jedem Verdacht zu

schützen habe. Sie werden das Regiment noch verschärfen, seufzte die

Alte, denn sie wissen wohl: eine Katze mit Handschuhen fängt keine

Mäuse, und das ist auch ein wahres Wort, daß die Toten den Lebenden

die Augen öffnen. Darum seid auf Eurer Hut, teurer Herr, und traut

niemand, der sich an Euch macht. Ihr kennt die schlimmen Gesellen

noch nicht, wie gutmütig sie sich zu stellen wissen, aber glaubt mir:

man wird nur von dem betrogen, dem man traut. Geht lieber nicht zu

Tisch in einem Gasthaus, sondern laßt Euch gefallen, daß wir Euch zu

Hause auftragen, was wir vermögen. Ihr seht angegriffen aus. Legt

Euch ein wenig aufs Bett; Ihr seid das Herumlaufen nicht gewohnt.

Alle diese Reden begleitete Marietta mit bittenden Blicken und sah,

neben der Mutter stehend, unverwandt in sein blasses, ernstes Gesicht.

Er versicherte, daß ihm wohl sei, bat um Brot und Wein und kam,

nachdem man es ihm gebracht hatte, den Rest des Tages nicht wieder zum

Vorschein.

Früh am anderen Morgen, als er noch im Bette lag, trat Samuele bei ihm

ein. Wenn Euch darum zu tun ist, sagte er, zum mindesten vierzehn

Dukaten monatlich in die Tasche zu stecken, so kommt mit mir; es ist

alles eingeleitet, und ich denke, Ihr macht den Gang nicht umsonst.

Ist der neue Staatsinquisitor schon gewählt? fragte Andrea.

Es scheint so.

Und noch keine Spur von der Verschwörung?

Noch keine Spur. Der Schrecken unter dem Adel ist groß. Sie

verschließen sich in ihren Häusern und sehen in jedem Besucher einen

Spion der Zehn oder des Tribunals. Einer nach dem anderen von den

fremden Gesandten hat dem Dogen seine Aufwartung gemacht, die

feierlichsten Versicherungen seiner Empörung über die Tat abgelegt und

seine Hilfe zur Entdeckung des Täters angeboten. Von nun an werden

die drei vom Tribunal sich noch geheimer halten als zuvor, und, wie

ich glaube, soll ein Preis auf den Kopf des Mörders gesetzt werden,

der einen armen Teufel schon für einige Jahre flott machen würde. Die

Augen auf, Herr Andrea! Wir beide trinken vielleicht bald einen

besseren Wein zusammen, als damals in jener Kneipe!

Schweigend hatte sich Andrea angezogen und folgte nun seinem Gönner,

der beständig plauderte, nach dem Dogenpalast. Samuele war hier gut

bekannt. Er klopfte an eine unscheinbare Tür im Hof, sagte dem Diener,

der öffnete, ein Wort ins Ohr und ließ Andrea auf einer kleinen

Treppe höflich den Vortritt. Nachdem sie droben einen langen,

helldunkeln Gang durchschritten und einigen Hellebardieren Rede

gestanden hatten, wurden sie in ein nicht gar großes Gemach

eingelassen, dessen Fenster nach dem Hofe ging und mit einer dunkeln

Gardine zur Hälfte verhangen war. Im Hintergrunde gingen drei Männer

in flüsterndem Gespräch auf und ab, die Gesichter mit Masken bedeckt,

unter denen nur die Spitzen der Bärte hervorsahen. Ein vierter,

unmaskiert, saß an einem Tisch und schrieb beim Schein einer einzelnen

Kerze.

Er sah auf, als Samuele mit Andrea auf der Schwelle erschien. Die

drei anderen schienen die Hereintretenden nicht zu beachten, sondern

ihr Gespräch eifrig fortzusetzen.

Ihr bringt den Fremden, den Ihr uns angekündigt habt? fragte der

Sekretär.

Ja, Euer Gnaden.

Ihr könnt abtreten Samuele.

Der Jude verneigte sich gehorsam und verließ das Zimmer.

Andrea Delfin: Eine venezianische Novelle · 第 3 / 7 段