Besten des Staates die Pläne und Anschläge der Bürger ausspähen und
Verschwörungen gegen die Republik an den Tag bringen, ehe sie schaden
können. Der Jude stand still, hielt den andern am Ärmel und sah ihn
an. Warum hab ich Euch nicht gleich erkannt? sagte er. Ich mußte
wissen, daß Ihr nicht zufällig in jene elende Kneipe geraten konntet,
daß ich einen Kollegen in Euch zu begrüßen hatte. Seit wann seid Ihr
im Amt?
Ich? seit übermorgen.
Was meint Ihr, Herr? Wollt Ihr mich foppen?
Wahrlich nicht, erwiderte Andrea. Denn es ist mein voller Ernst, daß
ich nächstens so weit kommen werde, mich in Euern Orden aufnehmen zu
lassen. Es geht mir schlecht, wie ich Euch gesagt habe, und ich bin
nach Venedig gekommen, meine Umstände zu verbessern. Der
Schreiberlohn, um den ich mich heute bei einem Notar verdungen habe,
ist nicht das, was ich hier vom Glück und von meinem bißchen Verstand
erhofft habe. Venedig ist eine schöne Stadt, eine lustige Stadt; aber
in dem Lachen der schönen Weiber ist ein Goldklang, der mich immer an
meine Armut erinnert. Ich denke, das kann nicht immer so währen.
Euer Vertrauen ehrt mich sehr, sagte der Jude mit einem nachdenklichen
Zug. Aber ich muß Euch sagen, daß die Herren nicht gern fremde
Ankömmlinge in ihre Dienste nehmen, ehe sie eine Probezeit bestanden
und sich ein wenig umgesehen haben. Wenn ich Euch bis dahin mit
meiner Börse aushelfen kann--ich nehme niedrige Prozente von meinen
Freunden.
Ich dank' Euch, Herr Samuele, erwiderte Andrea gleichmütig. Eure
Protektion ist mir wertvoller, der ich mich hiermit bestens empfohlen
haben will. Dies aber ist mein Haus; ich nötige Euch nicht hinein,
weil ich Arbeit vollauf habe für meinen neuen Brotherrn. Andrea
Delfin ist mein Name. Wenn es Zeit ist, daß man mich brauchen kann,
denkt an mich: Andrea Delfin, Calle della Cortesia.
Er schüttelte dem seltsamen Freunde die Hand, der draußen noch eine
Weile stehen blieb, sich das Haus und die nächste Umgebung genau ansah
und dabei mit einer Miene des Zweifels und der listigen Überlegung vor
sich hinmurmelte, aus der hervorging, daß er den Brescianer von seiner
Probezeit nicht so rasch freisprechen würde.
Als Andrea die Treppe hinaufstieg, konnte er an Frau Giovanna nicht
vorüber, ohne ihr Rede zu stehen. Sie war nicht damit zufrieden, daß
er nur einen so geringen Platz gefunden hatte. Sie werde nicht ruhen,
bis er ihn aufgegeben und sich einen einträglicheren und ehrenvolleren
gesucht habe. Er schüttelte den Kopf. Es reicht wohl, gute Frau,
sagte er ernsthaft, für die Spanne Zeit, die ich noch vor mir habe.
Was Ihr auch redet! schalt die Frau. Dem Guten entgegen gehen und das
Böse kommen lassen, so ziemt sich's für einen Mann, und nach Honig
schleckt man, nach Wermut spuckt man. Seht die schöne Sonne draußen
und schämt Euch, daß Ihr schon nach Hause kommt, während auf der
Piazetta Musik ist und alles, was hübsch und reich und vornehm ist,
den Markusplatz auf und ab spaziert. Da gehöret Ihr hin, Herr Andrea,
statt ins Zimmer.
Ich bin weder hübsch, noch reich, noch vornehm, Frau Giovanna.
Habt Ihr denn gar keine Freude, die schöne Welt zu sehen? fragte sie
eifrig, und sah sich dabei um, ob Marietta nicht etwa in der Nähe sei.
Ihr seid doch nicht etwa liebeskrank?
Nein, Frau Giovanna.
Oder haltet Ihr's gar für eine Sünde, lustig zu sein? Ihr habt da so
Büchlein auf Eurem Tisch liegen, ich sag' es nur, weil Ihr der erste
Fremde seid, der in mein Haus ein erbauliches Buch mitgebracht hat,
Gott sei's geklagt! Aber die Jugend denkt heutzutage: Frech gelebt
und fromm gestorben, heißt dem Teufel den Spaß verdorben, und um
Weihnachten fasten auch die Spatzen auf dem Dach.
Gute Frau, sagte er lächelnd, ihr sorgt Euch sehr um mich, aber mir
ist nicht zu helfen. Wenn ich still bei meiner Arbeit sitze, ist mir
am wohlsten, und Ihr könntet mir einen Gefallen tun, mir ein
Schreibzeug zu schaffen und einige Bogen Papier.
Bald darauf brachte ihm Marietta das Verlangte auf sein Zimmer, wo er
stumm am Fenster saß und vor sich hin sah. In derselben Stellung fand
sie ihn abends, als sie ihm das Licht brachte, und auf ihre Frage, was
er zu essen begehre, verlangte er nur Brot und Wein. Sie hatte nicht
den Mut, zu fragen, ob ihn die Mücken belästigen und er wieder
geräuchert haben wolle. Mutter, sagte sie, als sie sich neben die
Alte auf die Treppe setzte, ich gehe nicht wieder zu ihm hinein. Er
hat so Augen, wie der Märtyrer in der kleinen Kapelle San Stefano.
Ich kann nicht lachen, wenn er mich ansieht.
Was sie wohl gesagt hätte, wenn sie einige Stunden später ins Zimmer
getreten wäre? Er stand, während die Nacht draußen über den Kanal
wehte, am Fenster, im Gespräch mit der Zofe drüben, eifrig bemüht,
seinen Augen einen weltlichen Ausdruck zu geben.
Schöne Smeraldina, sagte er, ich konnte die Zeit nicht erwarten, dich
wiederzusehen. Ich habe im Vorbeigehen bei einem Goldschmiedladen an
dich gedacht und dir eine Nadel gekauft, von Filigran, die freilich zu
gering für dich ist, aber dennoch echter als die Agraffe an deinem
Turban. Öffne das Fenster, so werf' ich sie hinüber, in der
Hoffnung, bald einmal denselben Weg durch die Luft zu machen und dir
zu Füßen zu fallen.
Ich seid sehr artig, lächelte das Mädchen und fing das Geschenk, das
er in ein Papier gewickelt hatte, mit beiden Händen auf. Ei, was Ihr
für einen guten Geschmack habt! und Ihr sagtet doch Ihr wäret arm?
Wißt Ihr, daß es mir heute besonders not tut, eine Freude zu haben?
Wir haben viel ausgestanden über Tag, die Gräfin ist schlechter Laune.
Ihr Liebster, der junge Gritti, des Senators Sohn, hat sich
vierundzwanzig Stunden nicht blicken lassen. Sie hat nach seinem
Hause geschickt; und da wurde er vermißt, und man glaubt, das Tribunal
habe ihn heimlich aufheben und gefangen nehmen lassen. Meine Gräfin
ist außer sich, sie empfängt niemanden, sie liegt auf ihrem Sofa und
weint wie eine Unsinnige und hat mich geschlagen, als ich sie trösten
wollte.
Ihr habt keine Ahnung, wessen man den Jüngling angeklagt?
Nicht die geringste, Herr. Ich wollt' auch Gelübde tun, ewig Jungfer
zu bleiben, wenn er das mindeste gegen den Staat im Kopf hatte.
Lieber Himmel, er war eben dreiundzwanzig Jahre, und nichts lag ihm am
Herzen, als meine Gräfin und allenfalls das Spiel. Aber diese Herren
von der Inquisition wissen Euch aus einem Spinneweb ein Seil zu drehen,
stark genug, um die stärkste Kehle zuzuschnüren, und wer weiß, ob es
diesmal nicht allein gegen seinen Vater, den Senator, gemünzt ist!
Sprecht vorsichtiger von den obersten Behörden dieser Stadt, sagte
Andrea leise. Die Weisheit der Väter hat sie eingesetzt, und die
Torheit der Enkel soll sie nicht antasten.
Das Mädchen sah ihn an, ob es sein Ernst sei; es war nicht leicht, das
Rätsel dieser Mienen zu lösen. Geht, sagte sie, Ihr werdet ernsthaft,
und das mag ich nicht leiden. Ihr seid noch nicht lange hier, darum
habt Ihr Respekt vor den alten Blutrichtern und Henkern, die sich von
fern oder etwa gemalt sehr ehrwürdig ausnehmen mögen. Ich aber habe
sie schon manchmal in der Nähe gesehen, am Farotisch, wenn meine
Gräfin Bank hielt, und ich kann Euch sagen, sie sind auch Menschen,
wie Adam war.
Mag sein, Kind, antwortete er, aber sie haben die Gewalt, und ein
armer Bürger wie ich tut nicht klug, so verfängliche Reden hier am
offenen Fenster zu wechseln. Wenn es zu bösen Häusern kommt, daß wir
beide die inkarnierte Gerechtigkeit Venedigs für nichts Besseres als
eine Handvoll sterblicher Menschen halten, so beschützt dich, meine
teure Smeraldina, der Zauber deiner Schönheit; ich aber wandere den
bekannten nassen Weg oder tausche wenigstens mein Quartier in der
Calle della Cortesia mit einer viel bescheideneren Kammer in den
Brunnen* oder unter den Bleidächern.
{ed. * Die Gefängnisse unter dem Meeresgrunde}
Ihr könnt hier reden, was Euch beliebt, sagte die Zofe; es gehen wenig
Fenster auf den Kanal hinaus, und da hat um diese Zeit niemand was zu
schaffen. Auf Eurer Seite drüben ist nun vollends die leere Mauer;
denn wer's besser haben kann, sucht sich unsere trübe Kloake da unten
nicht gerade zum Spiegel aus. Aber wißt Ihr was? Ihr solltet auf ein
Stündchen herüberkommen; man hätte es doch immer bequemer, miteinander
zu plaudern, und ein Glas Wein, guter Moscat von Samos und eine Partie
Tarock würden mir die Nerven sehr beruhigen nach den Ohrfeigen der
Gräfin.
Ich käme gern, sagte er, aber es würde Aufsehen machen, und meine
Wirtin ließe mich um Mitternacht schwerlich wieder ein.
Nicht doch, lachte die Zofe. Einen solchen Umweg braucht es nicht.
Ich habe hier ein Brett, womit wir ohne viel Umstände eine Brücke
schlagen können. Man kann sich ja mit den Händen abreichen über dem
Kanal; warum nicht mit den Füßen? Oder seid Ihr schwindlig?
Nein, schöne Freundin. Nur einen Augenblick, und ich bin bereit.
Andrea löschte das Licht, verriegelte die Tür in seinem Zimmer,
horchte, ob alles im Hause schlafe, und ging dann wieder an das
Fenster. Smeraldina schien Übung im Bau dieser Brücken zu haben, denn
das Brett war bereit, und in wenigen Augenblicken lag der feste Steg
über der Tiefe, hüben und drüben flach und sicher auf dem Gesims
ruhend und gerade breit genug, um einen Mann zu tragen. Sie stand
drüben und winkte ihm lustig zu. Rasch erstieg er den Sims, betrat
das Brett, indem er die Tiefe mit festem Auge maß, und mit einem
einzigen ruhigen Schritt hatte er das Fenster drüben erreicht. Sie
fing ihn, als er sich hinabschwang, in ihren Armen auf, und ihre
Lippen streiften seine Wange. Aber er zog es vor, die Miene der
Schüchternheit anzunehmen und sich zu stellen, als fühle er sich durch
die Nähe seiner Freundin in die Schranken der Ehrerbietung
zurückgewiesen, was sie mit einiger Verwunderung aufnahm. Das Brett
ward wieder zurückgezogen, die Karten und der Wein aus dem Schrank
geholt und ein Tisch vor das offene Fenster gerückt, an dem das
seltsame Paar in vertraulichem Gespräch Platz nahm. Dabei trug das
Mädchen beständig den roten Turban, der ihr, während sie die Brücke
schlug, etwas schief auf den Hinterkopf gerutscht war, und hatte
Andreas Geschenk, die Filigrannadel, zierlich vor die Brust gesteckt.
Sie schenkte sich eben das zweite Glas Wein ein und schalt ihren Gast,
daß er so langsam trinke, und überhaupt nicht recht auftauen wollte,
als eine Glocke aus dem Innern des Hauses heftig geläutet wurde.
Seht, sagte das Mädchen, indem es aufstand und zornig die Karten
wegwarf, so geht es mir; keine ruhige Stunde habe ich! Erst schickt
sie mich fort, weil sie sich heute allein auskleiden wolle, und nun
stört sie mich noch so spät. Aber geduldet Euch nur zehn Minuten,
mein Freund; ich bin gleich wieder bei Euch.
Sie schlüpfte hinaus, und er schien sich über seine Einsamkeit zu
trösten. Er trat ans Fenster und betrachtete aufmerksam die Wand
drüben zwischen seinem Fenster und dem Kanal. Sie war nicht höher als
etwa zwanzig Fuß, der Kalk durch die Feuchtigkeit fast überall
verwittert und die nackten Steine rauh genug, um im Notfall daran
emporzuklimmen. Unter dem Fenster der Zofe sprang, wie er schon am
ersten Abend bemerkt hatte, die Wassertreppe vor, und an dem hohen
Pfahl zur Seite lag die schmale Gondel angekettet, so daß nur eben
eine zweite Gondel vorübergleiten konnte. Das alles befriedigte ihn
sichtlich.
Ich hätte es mir nicht besser bestellen können, murmelte er vor sich
hin.
Nachdenklich sah er den Kanal hinab, der in völliger Finsternis
zwischen den steilen, fensterlosen Ufern der Häuser hinfloß. Da sah
er am untersten Ende einen schwachen Lichtschein, der sich näher
bewegte, und hörte nach einiger Zeit Geräusch von Ruderschlägen. Eine
Gondel kam langsam heran und hielt unten an der Wassertreppe.
Vorsichtig bog der Lauscher oben sich zurück, um nicht bemerkt zu
werden, sah aber noch mit einem halben Blick, daß ein Mann sich erhob
und auf die Treppenstufe trat. Der Klopfer unten erklang in drei
gewichtigen Schlägen, und bald darauf hörte er eine Stimme im Hause,
die durch die Türe fragte, wer Einlaß begehre.
Im Namen des erlauchten Rates der Zehn, war die Antwort, öffnet!
Der Diener unten gehorchte augenblicklich, und die Wasserpforte schloß
sich hinter dem nächtlichen Besuch.
Kurz darauf kam Smeraldina in ihre Kammer zurück, aufgeregt, in bloßem
Haar und mit erhitzten Wangen. Habt Ihr gehört? flüsterte sie. O
Gott, sie werden unsere Gräfin fortschleppen, sie werden sie
erdrosseln oder ersäufen, und wer steht mir dann für die sechs Monate
Lohn, die sie mir schuldig ist?
Tröste dich, weichherziges Kind, sagte er rasch. Solange du gute
Freunde hast, wirst du nicht verlassen sein. Aber du tätest mir einen
Gefallen, wenn du mich irgendwo verbergen wolltest, wo ich hören
könnte, was der hohe Rat von deiner Herrin will. Ich gestehe, daß ich
neugierig bin, wie ein Fremder es ja wohl sein darf. Überdies aber
könnte ich dir und der Gräfin vielleicht nützlich sein, da ich bei
einem Advokaten arbeite und, wenn es auf eine öffentliche Anklage
hinausläuft, meine geringen Dienste gern zur Verfügung stelle.
Sie besann sich. Ich wüßte es leicht zu machen, sagte sie. Der Ort
ist sicher, und ich selbst habe manchmal dort gesteckt und meinen
Ohren nicht getraut. Wenn es aber doch entdeckt würde?
So nehme ich alles auf mich, mein Liebchen, und niemand erfährt, auf
welchem Wege ich ins Haus gekommen bin. Sieh, fuhr er fort, hier sind
drei Zechinen, für den Fall, daß ich dir hernach nicht mehr danken
kann. Geht aber alles gut, so sollst du sehen, daß ich das wenige,
was ich noch übrig habe, gern mit einer so klugen Freundin teilen
werde.
Sie steckte das Gold ohne Umstände ein, öffnete rasch die Tür und
horchte auf den dunklen Gang hinaus. Zieht die Schuhe aus, flüsterte
sie; gebt mir die Hand und folgt mir dreist, wohin ich gehe. Im Hause
schläft alles, außer dem Pförtner.
Sie löschte ihr Licht und huschte durch den Korridor voran, ihn an der
Hand sich nachziehend. Einige große dunkle Gemächer durchschritten
sie, dann öffnete das Mädchen die Tür nach einem Tanzsaal, der durch
drei hohe Fenster in der Front des Palastes ein trübes Dämmerlicht
erhielt. An einer Seite stieg ein Treppchen hinauf zu der Estrade für
die Musiker. Sacht! warnte das Mädchen; die Treppe knarrt ein wenig.
Ich lasse Euch hier allein. Droben findet Ihr im Getäfel eine Spalte,
durch die Ihr hinlänglich sehen und hören könnt. Denn nebenan ist das
Empfangzimmer der Gräfin. Wenn der Besuch fort ist, hol' ich Euch
wieder ab. Aber nicht eher rührt Ihr Euch vom Fleck, als bis ich
komme.
So ließ sie ihn allein, und ohne Zaudern stieg er die wenigen Stufen
hinauf und tastete sich sacht an der Wand entlang nach dem
Lichtstreifen, der durch die schmale Spalte drang. Der Saal war von
dem Nebengemach nur durch eine Holzwand getrennt, da beide Räume in
glänzenderen Zeiten eine einzige große Festhalle ausgemacht hatten.
Der Schein kam von einem silbernen Armleuchter, der unten auf dem
Tisch vor dem Ruhebett der Gräfin stand und die Bildnisse an der Wand
nur unstet beleuchtete. Andrea mußte sich auf die Kniee kauern, um
hinabzusehen. Aber so unbequem die Stellung war, so hätte wohl
mancher gern mit ihm getauscht, auch wenn ihm weniger am Hören als am
Sehen gelegen gewesen wäre.
Denn wenn die Zofe recht hatte, daß ihre Herrin sich stark zu
schminken pflegte, so tat sie es wahrlich mehr der Mode zu Liebe, als
weil sie es nötig hätte, um für schön zu gelten. Sie saß auf dem
Ruhebett in einem Anzug, der nicht auf so späten Besuch berechnet war,
die überaus reichen, etwas ins Rötliche spielenden Haare kunstlos
aufgebunden, die verweinten Augen wunderbar glänzend, auf den vollen,
blassen Wangen noch die Spur der Tränen. Der Mann, der ihr gegenüber
im Lehnstuhl saß und Andrea den Rücken zukehrte, schien sie aufmerksam
zu betrachten; wenigstens bewegte er den Kopf nur selten und hörte die
heftigen Worte der schönen Frau, ohne eine Gebärde dazwischen zu
werfen, mit an.
In der Tat, sagte die Gräfin, und in ihrer Miene lag dieselbe
schmerzliche Bitterkeit wie im Ton ihrer Stimme, ich muß mich wundern,
daß Ihr noch wagt, Euch hier sehen zu lassen, nachdem Ihr die
feierlichsten Versprechungen so schmählich mit Füßen getreten habt.
Hab' ich Euch darum so manche Dienste geleistet, daß Ihr mir jetzt so
grausam, so feindselig begegnet? Wo habt Ihr ihn gelassen, meinen
armen Freund, den einzigen, an dem mir gelegen war, und den Ihr unter
allen Umständen zu schonen verspracht? Gab es niemand anders als ihn,
wenn es Euch zu leer wurde in Euren Gefängnissen? Und was habt Ihr
Verdächtiges an ihm gefunden, was hat er gegen die hohe Republik
gesündigt, wofür es keine gelindere Strafe gab als Verbannung, keine,
die minder schwer auf mich gefallen wäre? Denn ich habe es Euch nicht
verhehlt, daß ich mein Herz an ihn gehängt habe, und daß der mein
Feind wäre, der ihm nur ein Haar krümmte. Gebt ihn mir wieder, oder
ich breche jede Verbindung mit Euch ab, ein für allemal, und verlasse
Venedig und suche meinen Freund in der Verbannung auf und lasse Euch
empfinden, wie viel Ihr durch diesen Verrat, durch diese
Schändlichkeit eingebüßt habt. O, daß ich mich jemals zu Eurem
Werkzeug hergab!
Ihr vergeßt, Gräfin, sagte der Mann, daß wir Mittel haben, Eure Flucht
zu hindern, und daß, selbst wenn sie glückte, unser Arm weit
hinausreicht und stark genug ist, Euch überall zu verderben, wo Ihr
eine Zuflucht zu finden glaubtet. Der junge Gritti hat seine Strafe
verdient. Er hat trotz der Warnung, die wir ihm zugehen ließen, mit
dem Sekretär des österreichischen Gesandten, einem sehr tief
eingeweihten jungen Manne, den Verkehr eifrig fortgesetzt. Die
Gesetze Venedigs verbieten solchen Verkehr aufs strengste, wie Euch
bekannt genug ist. Auch ist ein Brief des Angelo Querini aufgefangen
worden, in welchem des unbesonnenen Jünglings lobende Erwähnung
geschieht. Es war eine väterliche Maßregel, daß wir ihn verbannten,
ehe er schuldiger wurde. Aber wir wissen zugleich, was wir Euch
schuldig sind, Leonora. Und deshalb bin ich an Euch abgeschickt
worden, Euch diese Aufschlüsse zu geben und einige Winke, wie Ihr,
wenn Ihr verständig seid, das Geschehene wieder gut machen könnt.
Ich bin es müde, sagte sie heftig, mir von Euch Befehle geben zu
lassen. Dieser Tag hat mir gezeigt, daß ich darüber zu Grunde gehe,
früh oder spät, wenn ich auf Euch Vertrauen setze und mir einbilde,
daß all meine Aufopferung in Eurem Interesse mir je gedankt werde, ja,
mich auch nur vor den schnödesten Beleidigungen und Kränkungen
schützen würde. Ich brauche Euch nicht, ich will nichts von Euch, es
ist alles aus zwischen mir und dieser hohen Regierung, die Freund und
Feind gleich rücksichtslos beiseite wirft.
Nur schade, warf er ein, daß man Euch noch braucht, von Euch noch
etwas will, und daß es daher fürs erste zwischen uns noch nicht aus
sein kann. Ihr begreift, Leonora, daß es seine Bedenken hätte, Euch,
die Mitwisserin so vieler Geheimnisse der Republik, in fremde Länder
reisen zu lassen, wo Ihr bald einmal von der allgemeinen Sucht der
Zeit befallen werden könntet, Eure Memoiren zu schreiben. Venedig und
Ihr seid unzertrennlich, und Ihr habt genug Proben einer hohen, über
Weiberlaune erhabenen Klugheit gegeben, als daß es noch vieler
Umschweife bedürfte, Euch wieder zu versöhnen.
Ich will nichts von Versöhnung hören! rief sie leidenschaftlich, und
Tränen traten ihr wieder ins Auge. Was nützte es auch, es zu wollen?
Ich tauge zu nichts, ich bin unfähig, nur den einfältigsten Gedanken
zu fassen, wenn ich meinen armen Gritti nicht habe.
Ihr sollt ihn haben, Leonora. Aber noch nicht gleich, da seine
plötzliche Rückkehr unseren Plan kreuzen würde.
Und wie lange soll ich mich gedulden? fragte sie, ihn flehentlich
ansehend.
Es hängt von Euch ab, erwiderte er. Wie lange braucht Ihr, um einen
jungen Mann zu Euren Füßen zu sehen, der bisher im Ruf eines
Tugendhelden stand?
Ein Zug von Neugier und Interesse trat auf ihrem Gesicht hervor, das
noch eben ganz Schmerz und Verzweiflung gewesen war. Von wem redet
Ihr? fragte sie.
Von jenem Deutschen, der mit Gritti befreundet war, dem Sekretär des
Wiener Ministers. Ihr kennt ihn?
Ich habe ihn bei der letzten Regatta gesehen. Gritti zeigte mir ihn.
Er ist die Eins vor der Null seines Gebieters. Wir haben Ursache, zu
glauben, daß er sich im stillen einen starken Anhang unter unseren
Gegnern zu werben und die Verstimmung, die Querinis Handel
zurückgelassen hat, zu Gunsten seines Souveräns auszubeuten sucht. Er
ist ungewöhnlich verschlagen. Von den vier Beobachtern, die wir unter
den eigenen Leuten des Gesandten in unseren Sold genommen haben, hat
noch keiner die geringsten Beweise in unsere Hand geliefert. Die
Inquisitoren setzen ihr ganzes Vertrauen in Euch. Leonora, daß Ihr
den Schlüssel zu diesem wohlverriegelten Geist finden werdet, wie es
Euch schon manchmal geglückt ist. Dies war nicht zu hoffen, solange
Gritti dazwischen stand. Seine Verbannung ebnet den Weg und gibt
zugleich den Anlaß einer Annäherung an den unzugänglichen Menschen,
dem die Freundin seines Freundes jetzt, da ihr den Verlorenen
gemeinsam betrauert, größere Teilnahme einflößen muß als früher. Das
übrige überlasse ich der Macht Eurer Reize, die niemals
unwiderstehlicher waren, als wo sie auf Widerstand stießen.
Sie überlegte eine Weile. Ihre Stirn hellte sich auf, ihre Augen
gewannen einen kühnen, stolzen Ausdruck, ihr schöner voller Mund
öffnete sich halb und ein nachdenkliches Lächeln irrte über die Lippen.
Ihr versprecht, sagte sie endlich, daß Gritti sofort zurückgerufen
wird, sobald ich den anderen Euch überliefert habe?
Wir versprechen es.
So soll es nicht lange dauern, bis ich Euch an die Erfüllung Eures
Wortes mahne. Sie stand auf und warf das Tuch fort, das sie über Tag
naß geweint hatte. Andrea konnte aus seinem Versteck ihren Gang das
Zimmer auf und ab nur eine Strecke weit verfolgen, da die Spalte zu
schmal war, um den ganzen Raum zu übersehen. Er bewunderte die
königliche Haltung der Gestalt, während sie, wie in Gedanken an neue
Siege, langsam über den Teppich des Gemaches hinwandelte, das Auge
groß aufgeschlagen, das Haar zurückschüttelnd von den weißen Schläfen.
Es durchzuckte ihn seltsam, als ihr Blick, der gegenstandslos in der
Höhe herumschweifte, an ihm vorüberglitt. Unwillkürlich fuhr er
zusammen, als wäre es möglich gewesen, daß sie ihn entdeckte.
Der Mann im Lehnstuhl unten stand auf, schien aber seinerseits blind
für ihren Zauber, denn im ruhigsten Geschäftston fuhr er fort: Der
Nuntius ist in der letzten Zeit seltener in Euer Haus gekommen. Ihr
waret zu offen mit Euren weltlichen Neigungen, besonders das Spiel hat
sich hier zu breit gemacht. Es wäre uns lieb, wenn Ihr wieder einige
geistliche Bedürfnisse empfändet und den regen Verkehr mit der Eminenz
von neuem anknüpftet. Die Beziehungen der Papalisten zu Frankreich
werden seit einiger Zeit beunruhigend.
Ihr könnt auf mich rechnen, erwiderte sie.
Noch eins, Leonora. Die Summe, die wir Euch noch schulden für das
Abendessen des Candiano...
Sie stand wie von einer Schlange gebissen still und verfärbte sich
plötzlich. Bei allen Heiligen, sagte sie, schweigt davon, erwähnt es
nie wieder, und den Rest des Geldes gebt an die Kirche, daß Sie Messen
lese für seine Seele und--für meine. Wenn der Name genannt wird, ist
mir's jedesmal wie eine Posaune des jüngsten Gerichtes.
Ihr seid ein Kind, sagte der andere. Die Verantwortlichkeit für jenes
Nachtmahl gehört uns, nicht Euch. Er war ein Verbrecher, und nur
seine Verbindungen und sein Ansehen machten es uns zur Pflicht, die
Strafe geheim zu vollziehen. Er ist ruhig in seinem Bett gestorben,
und niemand hat je sagen können, daß er aus Eurem Hause den Tod
davongetragen habe. Oder ist Euch dergleichen zu Ohren gekommen?
Sie zitterte und sah zu Boden. Nein, sagte sie. Aber in der Nacht
wache ich auf von einer Stimme, die es mir zuraunt. O! Nur das hätte
ich nicht tun sollen, nur das nicht!
Es ist eine Anwandlung, Leonora; Ihr werdet sie besiegen. Das
Geld--wie ich Euch noch sagen wollte--liegt bei Marchesi für Euch
bereit. Gute Nacht, Gräfin. Ich sehe, daß ich Euch lange aufgehalten
habe. Schlaft wohl und laßt morgen die Sonne Eurer Schönheit
unbewölkt aufgehen über Gerechten und Ungerechten. Gute Nacht,
Leonora!