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Andrea Delfin
Eine venezianische Novelle
Paul Heyse
In jener Gasse Venedigs, die den freundlichen Namen "Bella Cortesia"
trägt, stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein einfaches,
einstöckiges Bürgerhaus, über dessen niedrigem Portal, von zwei
gewundenen hölzernen Säulen und barockem Gesims eingerahmt, ein
Madonnenbild in der Nische thronte und ein ewiges Lämpchen bescheiden
hinter rotem Glas hervorschimmerte. Trat man in den unteren Flur, so
stand man am Fuße einer breiten, steilen Treppe, die ohne Windung zu
den oberen Zimmern hinaufführte. Auch hier brannte Tag und Nacht eine
Lampe, die an blanken Kettchen von der Decke herabhing, da in das
Innere nur Tageslicht eindrang, wenn einmal die Haustür geöffnet
wurde. Aber trotz dieser ewigen Dämmerung war die Treppe der
Lieblingsaufenthalt von Frau Giovanna Danieli, der Besitzerin des
Hauses, die seit dem Tode ihres Mannes mit ihrer einzigen Tochter
Marietta das ererbte Häuschen bewohnte und einige überflüssige Zimmer
an ruhige Leute vermietete. Sie behauptete, die Tränen, die sie um
ihren lieben Mann geweint, hätten ihre Augen zu sehr geschwächt, um
das Sonnenlicht noch zu vertragen. Die Nachbarn aber sagten ihr nach,
daß sie nur darum von Morgen bis Abend auf dem oberen Treppenabsatz
ihr Wesen treibe, um mit jedem, der aus- und einginge, anzubinden und
ihn nicht vorüberzulassen, eher er ihrer Neugier und Gesprächigkeit
den Zoll entrichtet habe. Um die Zeit, wo wir sie kennen lernen,
konnte dieser Grund sie schwerlich bewegen, den harten Sitz auf der
Treppenstufe einem bequemen Sessel vorzuziehen. Es war im August des
Jahres 1762. Schon seit einem halben Jahr standen die Zimmer, die sie
vermietete, leer, und mit ihren Nachbarn verkehrte sie wenig. Dazu
ging es schon auf die Nacht, und ein Besuch um diese Zeit war ganz
ungewöhnlich. Dennoch saß die kleine Frau beharrlich auf ihrem Posten
und sah nachdenklich in den leeren Flur hinab. Sie hatte ihr Kind zu
Bett geschickt und ein paar Kürbisse neben sich gelegt, um sie noch
vor Schlafengehen auszukernen. Aber allerlei Gedanken und
Betrachtungen waren ihr dazwischen gekommen. Ihre Hände ruhten im
Schoß, ihr Kopf lehnte am Geländer, es war nicht das erste Mal, daß
sie in dieser Stellung eingeschlafen war.
Sie war auch heute nahe daran, als drei langsame, aber nachdrückliche
Schläge an die Haustür sie plötzlich aufschreckten. Misericordia!
sagte die Frau, indem sie aufstand, aber unbewegliche stehen blieb,
was ist das? Hab' ich geträumt? Kann er es wirklich sein?
Sie horchte. Die Schläge mit dem Klopfer wiederholten sich. Nein,
sagte sie, Orso ist es nicht. Das klang anders. Auch die Sbirren
sind es nicht. Laß sehen, was der Himmel schickt.--Damit stieg sie
schwerfällig hinunter und fragte durch die Tür, wer Einlaß begehre.
Eine Stimme antwortete: es stehe ein Fremder draußen, der hier eine
Wohnung suche. Das Haus sei ihm gut empfohlen; er hoffe, lange zu
bleiben und die Wirtin wohl zufrieden zu stellen. Das alles wurde
höflich und in gutem Venezianisch vorgetragen, so daß Frau Giovanna,
trotz der späten Zeit, sich nicht bedachte, die Tür zu öffnen. Der
Anblick ihres Gastes rechtfertigte ihr Vertrauen. Er trug, soviel sie
in der Dämmerung sehen konnte, die anständige schwarze Kleidung des
niederen Bürgerstandes, einen ledernen Mantelsack unter dem Arm, den
Hut bescheiden in der Hand. Nur sein Gesicht befremdete die Frau. Es
war nicht jung, nicht alt, der Bart noch dunkelbraun, die Stirn
faltenlos, die Augen feurig, dagegen der Ausdruck des Mundes und die
Art zu sprechen müde und überlebt, und das kurzgeschorene Haar in
seltsamem Gegensatz zu den noch jugendlichen Zügen völlig ergraut.
Gute Frau, sagte er, ich habe Euch schon im Schlafe gestört, und sogar
vielleicht vergebens. Denn, um es gleich zu sagen: wenn Ihr kein
Zimmer habt, das auf einen Kanal hinausgeht, bin ich nicht Euer Mieter.
Ich komme von Brescia, mein Arzt hat mir die feuchte Luft Venedigs
empfohlen für meine schwache Brust; ich soll überm Wasser wohnen.
Nun Gott sei Dank! sagte die Witwe, so kommt doch einmal einer, der
unserem Kanal Ehre antut. Ich hatte einen Spanier vorigen Sommer, der
auszog, weil er sagte, das Wasser habe einen Geruch, als wären Ratten
und Melonen darin gekocht worden! Und Euch ist es empfohlen worden?
Wir sagen wohl hier in Venedig:
Wasser vom Kanal. Kuriert radikal.
Aber es hat einen eigenen Sinn, Herr, einen bösen Sinn, wenn man
bedenkt, wie manches Mal auf Befehl der Oberen eine Gondel mit Dreien
auf die Lagunen hinausfuhr und mit Zweien wiederkam. Davon nichts
mehr, Herr--Gott behüt' uns alle! Aber habt Ihr Euren Paß in Ordnung?
Ich könnt' Euch sonst nicht aufnehmen.
Ich hab' ihn schon drei Mal präsentiert, gute Frau, in Mestre, bei der
Wachtgondel draußen und am Traghetto. Mein Name ist Andrea Delfin,
mein Stand rechtskundiger Schreiber bei den Notaren, als welcher ich
in Brescia fungiert habe. Ich bin ein ruhiger Mensch und habe nie mit
der Polizei gern zu schaffen gehabt.
Um so besser, sagte die Frau, indem sie jetzt ihrem Gaste voran die
Treppe wieder hinaufstieg. Besser bewahrt als beklagt, ein Aug' auf
die Katze, das andere auf die Pfanne, und es ist nützlicher, Furcht zu
haben als Schaden. O, über die Zeiten, in denen wir leben, Herr
Andrea! Man soll nicht drüber nachdenken. Denken verkürzt das Leben,
aber Kummer schließt das Herz auf. Da seht, und sie öffnete ein
großes Zimmer, ist es nicht hübsch hier, nicht wohnlich? Dort das
Bett, mit meinen eigenen Händen hab' ich's genäht, als ich jung war,
aber am Morgen kennt man nicht den Tag. Und da ist das Fenster nach
dem Kanal, der nicht breit ist, wie Ihr seht, aber desto tiefer, und
das andere Fenster dort nach der kleinen Gasse, das Ihr zuhalten müßt,
denn die Fledermäuse werden immer dreister. Seht da überm Kanal, fast
mit der Hand abzureichen, der Palast der Gräfin Amidei, die blond ist
wie das Gold und durch ebensoviel Hände geht. Aber hier steh' ich und
schwatze, und Ihr habt noch weder Licht noch Wasser und werdet hungrig
sein.
Der Fremde hatte gleich beim Eintreten das Zimmer mit raschem Blick
gemustert, war von Fenster zu Fenster gegangen und warf jetzt seinen
Mantelsack auf einen Sessel. Es ist alles in der besten Ordnung,
sagte er. Über den Preis werden wir uns wohl einigen. Bringt mir
nur einen Bissen und, wenn Ihr ihn habt, einen Tropfen Wein. Dann
will ich schlafen.
Es war etwas seltsam Gebieterisches in seiner Gebärde, so milde der
Ton seiner Worte klang. Eilig gehorchte die Frau und ließ ihn auf
kurze Zeit allein. Nun trat er sofort wieder ans Fenster, bog sich
hinaus und sah den sehr engen Kanal hinab, der durch kein Zittern
seiner schwarzen Flut verriet, daß er teilhabe an dem Leben des großen
Meeres, dem Wellenschlag der alten Adria. Der Palast gegenüber stieg
in schwerer Masse vor ihm auf, alle Fenster waren dunkel, da die
Vorderseite nicht dem Kanal zugekehrt war; nur eine schmale Tür
öffnete sich unten, dicht über dem Wasserspiegel, und eine schwarze
Gondel lag angekettet vor der Schwelle.
Das alles schien den Wünschen des neuen Ankömmlings durchaus zu
entsprechen, nicht minder auch, daß man ihm durch das andere Fenster,
das nach der Sackgasse ging, nicht ins Zimmer sehen konnte. Denn
drüben lief eine fensterlose Wand ohne andere Unterbrechung als einige
Vorsprünge, Risse und Kellerlöcher hin, und nur den Katzen, Mardern
und Nachtvögeln konnte dieser düstere Winkel angenehm und wohnlich
erscheinen.
Ein Lichtstrahl aus dem Flur drang ins Gemach, die Tür öffnete sich,
und mit der Kerze in der Hand trat die kleine Witwe wieder ein, hinter
ihr die Tochter, die in der Eile noch einmal hatte aufstehen müssen,
um beim Empfang des Gastes zu helfen. Die Gestalt des Mädchens war
fast noch kleiner als die der Mutter, erschien aber doch durch die
höchste Zierlichkeit und kaum gereifte Schlankheit aller Formen größer
und wie auf den Fußspitzen schwebend, während man auch im Gesicht
dieselbe Ähnlichkeit und denselben Unterschied, der auf Rechnung der
Jahre kam, auf den ersten Blick erkannte. Nur der Ausdruck in beiden
Gesichtern schien niemals einander ähnlich werden zu können. Es war
zwischen den dichten Brauen der Frau Giovanna ein Zug von Spannung und
kummervollem Harren, der auch mit den Erfahrungen des Alters auf
Mariettas klarer Stirn nie dauernd eine Stätte finden konnte. Diese
Augen mußten immer lachen, dieser Mund immer ein wenig geöffnet sein,
um jeden Scherz unverzüglich hinauszulassen. Es war unendlich drollig
zu sehen, wie jetzt in diesem Gesichtchen Verschlagenheit,
Überraschung, Neugier und Mutwille miteinander kämpften. Sie bog beim
Eintreten den Kopf, dessen lose Flechten mit einem schmalen Tuch
umwunden waren, seitwärts, um den neuen Hausgenossen zu sehen. Auch
seine ernste Miene und sein graues Haar stimmten ihre Munterkeit nicht
herab. Mutter, flüsterte sie, indem sie einen großen Teller mit
Schinken, Brot und frischen Feigen und eine halbvolle Flasche Wein auf
den Tisch stellte, er hat ein kurioses Gesicht, wie ein neues Haus im
Winter, wenn der Schnee aufs Dach gefallen ist.
Schweig, du schlimme Hexe! sagte die Mutter rasch. Weiße Haare sind
falsche Zeugen. Er ist krank, mußt du wissen, und du solltest Respekt
haben, denn Krankheiten kommen zu Pferde und gehen zu Fuß, und Gott
behüte dich und mich, denn die Kranken essen wenig, aber die Krankheit
frißt alles. Hole nur ein wenig Wasser, soviel wir noch haben.
Morgen müssen wir früh auf und neues kaufen. Sieh, er sitzt da, als
ob er schliefe. Er ist müde von der Reise, und du bist müde vom
Stillsitzen. So ist die Welt verschieden.
Während dieser halblauten Reden hatte der Fremde am Fenster gesessen
und den Kopf in die Hand gestützt. Auch als er jetzt aufsah, schien
er die Gegenwart des zierlichen Mädchens, das ihm eine Verbeugung
machte, kaum zu bemerken.
Kommt und eßt etwas, Herr Andrea, sagte die Witwe. Wer nicht zu Nacht
ißt, hungert im Traum. Seht, die Feigen sind frisch, und der Schinken
zart, und dies ist Zyperwein, wie ihn der Doge nicht besser trinkt.
Sein Kellermeister hat ihn uns selbst verkauft, eine alte
Bekanntschaft noch von meinem Mann her. Ihr seid gereist, Herr. Ist
er Euch nicht einmal begegnet, mein Orso, Orso Danieli?
Gute Frau, sagte der Fremde, indem er einige Tropfen Wein ins Glas goß
und eine der Feigen aufbrach, ich bin nie über Brescia hinausgekommen
und kenne keinen dieses Namens.
Marietta verließ das Zimmer, und man hörte sie, während sie die Treppe
hinunterflog, ein Liedchen mit heller Stimme vor sich hin singen.
Hört Ihr das Kind? fragte Frau Giovanna. Man hielte sie nicht für
meine Tochter, obwohl auch eine schwarze Henne ein weißes Ei legt.
Immer singen und springen, als wären wir hier nicht in Venedig, wo es
gut ist, daß die Fische stumm sind, weil sie sonst reden würden, was
einem das Haar sträubte. Aber so war ihr Vater auch, Orso Danieli,
der erste Arbeiter auf Murano, wo sie die bunten Gläser machen, wie
nirgend auf der Welt. Ein fröhlich Herz macht rote Wangen, das war
sein Spruch. Und darum sagte er eines Tages zu mir, Giovannina, sagte
er, ich halt' es hier nicht aus, die Luft schnürt mir die Kehle zu,
gestern erst ist wieder einer erdrosselt und mit dem Fuß an den Galgen
gehenkt worden, weil er freie Reden geführt hat gegen die Inquisitoren
und den Rat der Zehn. Man weiß, wo man geboren wird, aber nicht, wo
man stirbt, und mancher denkt auf dem Pferde zu sitzen und sitzt auf
der Erde. Also, Giovannina, sagte er, ich will nach Frankreich, Kunst
bringt Gunst, und der Heller läuft dem Batzen nach. Meine Sache
verstehe ich, und wenn ich's draußen zu was gebracht habe, kommst du
nach mit unserem Kind.--Das war damals acht Jahre alt, Herr Andrea.
Es lachte, als es der Vater zuletzt küßte; da lachte er auch. Ich
aber weinte, da mußte er wohl mitweinen, obwohl er ganz lustig wegfuhr
in der Gondel, ich hört' ihn noch pfeifen, als er schon um die Ecke
war. So ging es ein Jahr. Und was geschah? Die Signoria ließ nach
ihm fragen; es dürfe keiner von Murano sein Gewerk ins Ausland tragen,
damit sie es dort ihm nicht absähen; ich sollt' ihm schreiben, daß er
wiederkäme, bei Todesstrafe. Über den Brief lachte er; aber den
Herren vom Tribunal war's nicht spaßhaft. Eines Morgens, da wir noch
zu Bett waren, wurde ich abgeholt, das Kind mit mir, und
hinaufgeschleppt unter die Bleidächer, und mußte ihm wieder schreiben,
wo ich wäre, ich und unser Kind, und daß ich da bleiben würde, bis er
selber mich abforderte in Venedig. Nicht lange, so hatte ich seine
Antwort, das Lachen sei ihm vergangen, er wandere dem Brief auf den
Fersen nach. Nun, ich hoffte täglich, daß er es wahrmachen werde.
Aber Wochen und Monde vergingen, und mir ward immer weher ums Herz und
kränker im Haupt, denn da droben ist die Hölle, Herr Andrea, nur daß
ich das Kind hatte, das nichts von dem Jammer begriff, außer daß es
schlecht aß und über Tag heiß hatte; aber dennoch sang es, um mich
lustig zu machen, daß mich's vollends angriff, die Tränen zu verhalten.
Erst im dritten Monat wurden wir herausgeholt, es hieß, der
Glasbläser Orso Danieli sei in Mailand am Fieber gestorben, und wir
könnten nach Hause gehen. Ich habe es auch von anderen gehört--aber
wer das glaubt, kennt die Signoria nicht. Gestorben? Stirbt man auch,
wenn man Frau und Kind unter den Bleidächern sitzen hat und sie
herausholen soll?
Und was meint Ihr, daß aus Eurem Mann geworden sei? fragte der Fremde.
Sie sah mit einem Blick ihm ins Gesicht, der ihn daran gemahnte, daß
die arme Frau lange Wochen unter den Bleidächern gelebt hatte. Es ist
nicht richtig, sagte sie. Mancher lebt und kommt doch nicht wieder,
und mancher ist tot und kommt doch wieder. Aber davon wollen wir
schweigen. Ja, wenn ich es Euch sagte, wer steht mir dafür, daß Ihr
nicht hingeht und es vor dem Tribunal ausplaudert? Ihr seht aus wie
ein Galantuomo; aber wer ist noch rechtschaffen heutzutage? Von
tausend einer, von hundert keiner. Nichts für ungut, Herr Andrea,
aber Ihr wißt wohl, wie es in Venedig heißt:
Mit Lug und Listen kommt man aus,
Mit List und Lügen hält man haus.
Es entstand eine Pause. Der Fremde hatte längst den Teller
weggeschoben und der Witwe gespannt zugehört.
Ich verdenke es Euch nicht, sagte er, daß Ihr mir Eure Geheimnisse
nicht anvertrauen wollt. Sie gehen mich auch nichts an, und zu helfen
wüßt' ich Euch ohnedies nicht. Aber wie kommt es, Frau, daß Ihr
dieses Tribunal, unter dem Ihr so viel gelitten, dennoch Euch gefallen
lasset, Ihr und alles Volk in Venedig? Denn ich weiß zwar wenig, wie
es hier aussieht--ich habe mich nie in politische Fragen
vertieft--aber so viel habe ich doch gehört, daß erst im vorigen Jahr
hier ein Tumult war, um das heimliche Tribunal abzuschaffen, daß einer
vom Adel selbst dagegen auftrat und der Große Rat eine Kommission
wählte, die Sache zu bedenken, und alles in Bewegung geriet für und
wider. Ich hörte davon sogar in meiner Schreibstube zu Brescia. Und
als endlich alles beim alten blieb und die Macht des heimlichen
Gerichts fester gegründet stand als je, warum zündete da das Volk
Freudenfeuer an auf den Plätzen und verhöhnte die vom Adel, die gegen
das Tribunal gestimmt hatten und nun seine Rache fürchten mußten?
Warum war niemand, der es hinderte, daß die Inquisitoren ihren kühnen
Feind nach Verona verbannten? Und wer weiß, ob sie ihn dort am Leben
lassen, oder ob die Dolche schon geschliffen sind, die ihn für immer
stumm machen sollen? Ich--wie gesagt--weiß nur wenig hiervon; ich
kenne auch jenen Mann nicht, und es ist mir alles sehr gleichgültig,
was hier geschieht, denn ich bin krank und werde es in dieser bunten
Welt ohnehin nicht mehr lange treiben. Aber es wundert mich doch,
dieses wankelmütige Volk zu sehen, das heute diese drei Männer seine
Tyrannen nennt und morgen frohlockt, wenn die untergehen, welche der
Tyrannei ein Ende machen wollten.
Wie Ihr da redet, Herr! sagte die Witwe und schüttelte den Kopf. Ihr
habt ihn nie gesehen, den Herrn Avogadore Angelo Querini, den sie
verbannt haben, weil er der heimlichen Justiz den Krieg erklärte? Nun
wohl, Herr, aber ich habe ihn gesehen und die anderen armen Leute, und
sie sagen alle, er sei ein rechtschaffener Herr und ein großer
Gelehrter, der Tag und Nacht die alten Geschichten von Venedig
studiert hat und die Gesetze kennt, wie der Fuchs den Taubenschlag.
Aber wer ihn über die Straße gehen oder im Broglio mit seinen Freunden
stehen sah, so an die Säule gelehnt und die Augen halb zugedrückt, der
wußte, daß er ein Nobile war von der Feder am Hut bis zu den
Schuhschnallen, und was er gegen das Tribunal redete und handelte, war
nicht fürs Volk, sondern für die großen Herren. Den Schafen aber ist
es gleich, Herr Delfin, ob sie geschlachtet oder vom Wolf gefressen
werden, und Rauft sich der Habicht mit dem Weih, Ist das Feld für die
Hühner frei.
Seht, Lieber, darum war die Schadenfreude groß, als das Tribunal in
allen Rechten bestätigt wurde und nach wie vor niemandem Rechenschaft
schulden sollte als am Jüngsten Tage dem Herrgott und alle Tage dem
Gewissen. Im Kanal Orfano, von Hunderten, die dort ihr letztes Ave
gebetet haben, liegen zehn von den kleinen Leuten neben neunzig von
den großen Herren. Aber setzt den Fall, es würden adlige Verbrecher
und bürgerliche vom Großen Rat öffentlich gerichtet und
hingerichtet--Misericordia! wir hätten achthundert Henker anstatt drei,
und der große Dieb hängte den kleinen auf.
Er schien etwas erwidern zu wollen, aber mit einem kurzen Auflachen,
das die Wirtin für Zustimmung nahm, hatte es sein Bewenden. Indem
trat Marietta wieder herein, ein Gefäß mit Wasser tragend und ein
Räucherpfännchen, auf dem ein scharfriechendes Kraut glimmte und ihr
seinen Dampf ins Gesicht trieb, daß sie mit Husten, Schelten und
Augenreiben die drolligsten Gebärden machte. Sie trug das Räucherwerk
mit kleinen Schritten dicht an den vier Wänden herum, die mit einer
Unzahl Fliegen und Mücken bedeckt waren.
Marschiert da weg, ihr Gesindel, sagte sie, ihr Blutsauger, schlimmer
als Advokaten und Doktoren! Hättet ihr auch Lust, Feigen zu Nacht zu
essen und Zyper zu naschen? Da könntet ihr wohl lachen und hernach
zum Dank dem Herrn da, wenn er schläft, das Gesicht zerstechen, ihr
Meuchelmörder! Wartet, ich will euch was eingeben, das euch ohne
Abendessen in Schlaf bringen soll.
Mußt du immer schwatzen, du gottlose Kreatur? sagte die Mutter, die
allen Bewegungen ihres Lieblings mit strahlenden Blicken folgte.
Weißt du nicht, daß ein Faß, das klingt, leer ist, und wer viel
spricht, wenig sagt?--Mutter, sagte das Mädchen lachend, ich muß den
Mücken ein Schlaflied singen, und seht, wie es hilft! da fallen sie
schon von der Wand. Gute Nacht, ihr Tagediebe, ihr schlechten
Gesellen, die ihr keine Miete bezahlt und doch in alle Töpfe guckt.
Wir sprechen uns morgen wieder, wenn ihr heute nicht genug bekommen
habt.
Sie schwenkte das erlöschende Kraut noch einmal wie beschwörend überm
Haupte und schüttete die Asche in den Kanal, dann verbeugte sie sich
rasch gegen den Fremden und lief wie der Wind hinaus.
Ist es nicht eine Hexe, ein häßliches, unerzogenes Geschöpf? sagte
Frau Giovanna, indem sie aufstand und sich ebenfalls zum Gehen
anschickte. Und doch gefällt jeder Äffin ihr Äffchen. Und übrigens,
so klein sie ist und nichtsnutzig, so anstellig ist sie auch, und es
heißt auch von ihr:
Bis die Große sich nur bückt,
Hat die Kleine schon das Kraut gepflückt.
Wenn ich das Kind nicht hätte, Herr Andrea! Aber Ihr wollt schlafen,
und ich stehe noch hier und brodle wie die Suppe überm Feuer. Schlaft
wohl und willkommen in Venedig!
Er erwiderte ihren Gruß trocken und schien es nicht zu bemerken, daß
sie offenbar noch ein lobendes Wort über ihre Tochter von ihm
erwartete. Als er endlich allein war, saß er noch eine Weile am Tisch,
und sein Gesicht wurde immer düsterer und schmerzlicher. Das Licht
brannte mit langem Docht, die Fliegen, die Mariettas Hexenkünsten
entgangen waren, belagerten in schwarzen Klumpen die überreifen Feigen,
draußen in dem Sackgäßchen flogen die Fledermäuse ans Fenster und
stießen gegen das Gitter--der einsame Fremde schien für alles um ihn
her erstorben, und nur die Augen lebten an ihm.
Erst als es elf schlug vom Turm einer nahen Kirche, richtete er sich
mechanisch auf und sah um sich. An der Decke seines niedrigen Zimmers
zog in grauen Streifen der scharfe Dunst des Räucherkrautes hin und
der Dampf der Kerze gesellte sich zu der Wolke droben. Andrea öffnete
das Fenster nach dem Kanal, um die Luft zu reinigen. Da sah er
gegenüber Licht in einem durch einen weißen Vorhang nur halb
geschlossenen Fenster und konnte durch die Lücke deutlich ein Mädchen
beobachten, welches am Tisch vor einer Schüssel saß und die Reste
einer großen Pastete hastig verzehrte, mit den Fingern die Bissen zum
Munde führend und dazu dann und wann aus einem Kristallfläschchen
trinkend. Das Gesicht hatte einen leichtsinnigen, aber eben nicht
herausfordernden Ausdruck, nicht mehr in erster Jugend. In der
nachlässigen Kleidung und dem halbaufgelösten Haar lag etwas
Studiertes und Bewußtes, was doch nicht ungefällig war. Sie mußte
längst bemerkt haben, daß das Zimmer gegenüber einen neuen Bewohner
aufgenommen hatte; aber obwohl sie denselben jetzt am Fenster sah,
fuhr sie ruhig im Schmausen fort, und nur wenn sie trank, schwenkte
sie das Fläschchen erst vor sich her, als wolle sie einen Mittrinker
begrüßen. Darauf stellte sie die leere Schüssel beiseite, rückte den
Tisch mit der Lampe so gegen die Wand, daß alles Licht auf einen
breiten Spiegel im Hintergrunde fiel, und begann nun einen Haufen
Maskenanzüge, der auf einem Armsessel bunt übereinander lag, der Reihe
nach vor dem Spiegel anzuprobieren, so daß der Fremde gegenüber, dem
sie den Rücken dabei zudrehte, desto deutlicher ihr Abbild sehen mußte.
Sie schien sich nicht wenig in ihren Verkleidungen zu gefallen.
Wenigstens nickte sie ihrem Bilde aufs freundlichste zu, lachte sich
an, daß Zähne und Lippen schimmerten, runzelte die Brauen, um eine
tragische oder schmachtende Miene zu machen, und sah dabei heimlich
seitwärts nach dem Beobachter drüben, den sie ebenfalls durch den
Spiegel im Auge behielt. Als die dunkle Gestalt unbeweglich blieb und
die erhofften Zeichen des Beifalls auf sich warten ließen, wurde sie
ungehalten und bereitete einen Hauptschlag vor. Sie band sich einen
großen roten Turban um die Schläfen, aus dem an blitzender Agraffe
eine Reiherfeder hervorsah. Das Rot stand allerdings nicht übel zu
ihrer gelben Gesichtsfarbe, und sie machte sich selbst eine tiefe
Verbeugung der Anerkennung. Als es aber drüben auch jetzt noch still
blieb, riß ihr die Geduld, und sie trat, den Turban noch auf dem Kopf,
hastig an das Fenster, dessen Vorhang sie ganz zurückschob.
Guten Tag, Monsù, sagte sie freundlich. Ihr seid mein Nachbar
geworden, wie ich sehe. Hoffentlich spielt Ihr nicht die Flöte wie
Euer Vorgänger, der mich die halbe Nacht nicht schlafen ließ.
Schöne Nachbarin, sagte der Fremde, ich werde Euch mit keiner Art von
Musik lästig fallen. Ich bin ein kranker Mensch, dem es lieb ist,
wenn man ihm selbst seinen Schlaf nicht stört.
So!--erwiderte das Mädchen mit gedehntem Ton. Krank seid Ihr? Aber
seid Ihr auch reich?
Nein! Warum fragt Ihr?
Weil es ja schrecklich ist, krank und arm zugleich zu sein. Wer seid
Ihr denn eigentlich?
Andrea Delfin ist mein Name. Ich bin Gerichtsschreiber gewesen in
Brescia und suche hier einen stilleren Dienst bei einem Notar.
Die Antwort schien ihre Erwartungen von der neuen Bekanntschaft
vollends herabzustimmen. Sie spielte nachdenklich mit einer goldenen
Kette, die sie um den Hals trug.
Und wer seid Ihr, schöne Nachbarin? fragte Andrea mit einem zärtlichen
Ton, der dem eisernen Ausdruck seines Gesichtes völlig widersprach.
Euer holdes Bild so nahe zu haben, wird mir ein Trost sein in meinen
Leiden.
Sie fühlte sich offenbar befriedigt, daß er in den Ton einlenkte, den
sie zu erwarten berechtigt war.
Für Euch, sagte sie, bin ich die Prinzessin Smeraldina, die Euch
erlaubt, von fern nach ihrer Gunst zu schmachten. Wenn Ihr mich
diesen Turban aufsetzen seht, so sei es Euch ein Zeichen, daß ich
geneigt bin, mit Euch zu plaudern. Denn ich langweile mich mehr, als
bei meiner Jugend und meinen Reizen zu ertragen ist. Ihr müßt wissen,
fuhr sie fort, indem sie plötzlich aus der Rolle fiel, daß meine
Herrschaft, die Gräfin, durchaus nicht erlaubt, daß ich auch nur die
kleinste Liebschaft habe, obwohl sie selbst ihre Liebhaber öfter
wechselt als ihre Hemden. Sie sagt, daß sie ihre Vertraute und
Kammerjungfer stets aus dem Dienst gejagt habe, sobald sie zweien
Herren habe dienen wollen, ihr und dem kleinen Gott mit den Flügeln.
Unter diesem Vorurteil muß ich nun seufzen, und fänd' ich nicht sonst
hier meine Rechnung, und wohnte nicht zuweilen drüben in Eurem Zimmer
ein artiger Fremder, der sich ein wenig in mich verliebt...
Wer ist jetzt gerade der Liebhaber deiner Herrin? unterbrach sie
Andrea trocken. Empfängt sie den hohen Adel Venedigs? Gehen die
fremden Gesandten bei ihr aus und ein?
Sie kommen meist in der Maske, erwiderte Smeraldina. Aber das weiß
ich wohl, daß der junge Gritti ihr der Liebste ist, mehr als jemals
ein anderer, solange ich in ihrem Dienste bin; ja mehr als der
österreichische Gesandte, der ihr so den Hof macht, daß es zum Lachen
ist. Kennt Ihr meine Gräfin auch? Sie ist schön.
Ich bin fremd hier, Kind. Ich kenne sie nicht.
Wißt, sagte das Mädchen mit einem schlauen Gesicht, sie schminkt sich
stark, obwohl sie noch nicht dreißig ist. Wenn Ihr sie einmal sehen
wollt, nichts leichter. Man legt ein Brett von Eurem Fenster in
meines. Ihr steigt herüber, und ich führe Euch an einen Ort, wo Ihr
sie ganz verstohlen betrachten könnt. Was tut man nicht einem Nachbar
zuliebe!--Aber jetzt gute Nacht. Ich werde gerufen.
Gute Nacht, Smeraldina!
Sie schloß das Fenster. Arm--und krank, sagte sie für sich, indem sie
den Vorhang dicht zusammenzog. Je nun, für die Langeweile immer noch
gut genug.
Auch er hatte das Fenster geschlossen und durchmaß nun sein Zimmer mit
langsamen Schritten. Es ist gut, sagte er, es kommt mir gelegen. Im
schlimmsten Falle kann ich auch davon Vorteil ziehen.
Seine Miene zeigte, daß er an alles eher dachte als an Liebesabenteuer.
Nun packte er seinen Mantelsack aus, der nur wenig Wäsche und ein paar
Gebetbücher enthielt, und legte alles in einen Schrank an der Wand.
Eines der Bücher fiel zu Boden, und die Steinplatte gab einen hohlen
Ton. Sofort löschte er das Licht, verriegelte die Tür und fing an, in
der Dämmerung, die durch den fernen Schein von Smeraldinas Lämpchen
entstand, den Boden genauer zu untersuchen. Nach einiger Arbeit
gelang es ihm, die Steinplatte, die sauber, aber ohne Mörtel eingefügt
war, herauszuheben, und er entdeckte darunter ein ziemlich geräumiges
Loch, handhoch und einen Schuh breit im Geviert. Rasch warf er sein
Oberkleid ab und band sich einen schweren Gürtel mit mehreren Taschen
ab, den er um den Leib trug. Er hatte ihn schon in das Loch gelegt,
als er plötzlich innehielt. Nein, sagte er, es könnte eine Falle sein.
Es ist nicht das erste Mal, daß die Polizei in Mietwohnungen
dergleichen Verstecke hat, um hernach bei Haussuchungen zu wissen, wo
sie anzuklopfen hat. Dies ist zu lockend eingerichtet, um ihm trauen
zu können.
Er senkte die Steinplatte wieder ein und suchte nach einem sicheren
Behälter für seine Geheimnisse. Das Fenster nach der Sackgasse war
mit einem Gitter versehen, dessen Stäbe einen Arm durchgreifen ließen.
Er öffnete es, faßte hindurch und tastete an der Außenwand herum. Er
fand dicht unter dem Sims ein kleines Loch in der Mauer, das schon
einmal Fledermäuse bewohnt zu haben schienen. Von unten aus konnte es
nicht bemerkt werden, und oben sprang das Gesims darüber vor.
Geräuschlos erweiterte er mit seinem Dolch die Öffnung, indem er
Mörtel und Steine herausbrach, und war bald so weit gediehen, daß er
den breiten Gürtel bequem darin unterbringen konnte. Als er fertig
war, stand ihm der kalte Schweiß auf der Stirn. Er fühlte noch einmal
nach, ob auch nirgend ein Stück Riemen oder ein Schnalle hervorstehe,
und schloß dann das Fenster. Eine Stunde später lag er in Kleidern
auf dem Bett und schlief. Die Mücken summten über seiner Stirn, die
Nachtvögel draußen umschwirrten neugierig das Loch, worin sein Schatz
verborgen war. Die Lippen des Schläfers aber waren zu fest
geschlossen, um selbst im Traum ein Wort von seinen Geheimnissen zu
verraten.
In derselben Nacht saß in Verona ein Mann bei seiner einsamen Lampe
und entfaltete, nachdem er Fensterläden und Tür sorgfältig
verschlossen hatte, einen Brief, der ihm heute in der Dämmerung, als
er in der Nähe des Amphitheaters sich erging, von einem bettelnden
Kapuziner heimlich zugesteckt worden war. Der Brief trug keine
Aufschrift. Aber auf die Frage, woher der Überbringer wisse, daß er
das Schreiben in die richtigen Hände gebe, hatte der Mönch geantwortet:
jedes Kind in Verona kennt den edlen Angelo Querini wie seinen Vater.
Darauf war der Bote gegangen. Der Verbannte aber, dessen Haft durch
die Achtung, die ihm in das Unglück folgte, gelockert worden war,
hatte den Brief trotz der Späher, die ihn beobachteten, unbemerkt in
seine Wohnung gebracht und las jetzt, während der Schritt der Wache
draußen am Hause drohend durch die Stille erklang, folgende Zeilen:
"An Angelo Querini.
"Ich kann nicht hoffen, daß Ihr Euch der flüchtigen Stunde erinnert,
in der ich Euch persönlich begegnet bin. Viele Jahre liegen zwischen
damals und heute. Ich war mit meinen Geschwistern in der ländlichen
Stille unserer Güter in Friaul aufgewachsen; erst als ich beide Eltern
verloren hatte, trennte ich mich von meiner Schwester und dem jüngeren
Bruder. Schon nach wenigen Tagen hatte mich der verführerische
Strudel Venedigs verschlungen.
"Da wurde ich eines Tages im Palast Morosini Euch vorgestellt. Noch
fühle ich den Blick, mit dem Ihr uns junge Leute mustertet, einen nach
dem anderen. Euer Auge sagte: und das ist das Geschlecht, auf dessen
Schultern die Zukunft Venedigs ruhen soll?--Man nannte Euch meinen
Namen. Unvermerkt lenktet Ihr das Gespräch mit mir auf die große
Vergangenheit des Staates, dem meine Ahnen ihre Dienste gewidmet
hatten. Von der Gegenwart und den Diensten, die ich ihm schuldig
blieb, schwiegt Ihr schonend.
"Seit jenem Gespräch las ich Tag und Nacht in einem Buch, das ich
früher nie eines Blickes gewürdigt hatte, in der Geschichte meines
Vaterlandes. Die Frucht dieses Studiums war, daß ich, von Grauen und
Abscheu getrieben, die Stadt für immer verließ, die einst Länder und
Meere beherrscht hatte und nun die Sklavin einer kläglichen Tyrannis
war, nach außen so ohnmächtig, wie unselig und gewalttätig nach innen.
"Ich kehrte zu meinen Geschwistern zurück. Es gelang mir, meinen
Bruder zu warnen, ihm die Fäulnis des Lebens aufzudecken, das von fern
sich so gleißend ansah. Aber ich dachte nicht, daß alles, was ich tat,
um ihn und uns zu retten, uns nur um so gewisser verderben sollte.
"Ihr kennt die Eifersucht, mit der die Machthaber in der Mutterstadt
den Adel der Terraferma von jeher betrachtet haben. Hatte man doch in
Zeiten, wo der Republik zu dienen eine Ehre war, nie aufgehört, ein
Losreißen des Festlandes zu fürchten. Jetzt, wo verschuldete und
unvermeidliche Übel eine Änderung der Weltstellung Venedigs
herbeigeführt hatten, wurde jene Furcht die Quelle der unerhörtesten
Ränke und Freveltaten.
"Laßt mich von den Schicksalen schweigen, die ich in der Nachbarschaft
meiner Provinz mit ansah, von den ausgesuchten Mitteln, durch die man
die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Adels von Friaul zu brechen
suchte, von dem Heer der Bravi, welches man gegen Widerspenstige
schickte und durch eine Unzahl von Amnestiedekreten selbst von der
Strafe ihrer eigenen Gewissen entband. Wie man den Zwist in die
Familien zu tragen, Freundschaften zu vergiften, Verrat und Hinterlist
im Schoß der engsten Blutsgenossenschaft zu erkaufen strebte, das
alles ist Euch länger bekannt als mir.
"Und nicht lange sollte mich das Andenken, das ich durch meine
lockeren Sitten in Venedig zurückgelassen hatte, vor dem Verdacht
schützen, daß auch ich eines Tages gefährlich werden könnte. Als ich
für meine Schwester um die Erlaubnis nachsuchte, die Hand eines
vornehmen deutschen Herrn anzunehmen, wurde die Einwilligung der
Regierung rundweg verweigert. Man wähnte mich und meinen Bruder im
Einverständnis mit der kaiserlichen Politik und beschloß, uns büßen zu
lassen.
"Eine Beschwerde der Provinz gegen ihren Gouverneur, die ich samt dem
Bruder mit unterzeichnete, lieferte der Inquisition den Anlaß, das
Netz über uns zu werfen.
"Mein Bruder wurde nach Venedig gerufen, sich zu verantworten. Als er
kam, wurde er unter die Bleidächer geführt, und viele Wochen lang
suchte man bald durch Drohungen, bald durch verlockende Anerbietungen
ihn zu Geständnissen zu bewegen. Jenen einen Schritt brauchte er
nicht zu beschönigen; er war gesetzlich. Anderes hatte er nicht zu
gestehen, da wir nichts gegen den Staat unternommen hatten. So mußte
man ihn endlich entlassen. Aber man dachte nicht daran, ihn zu
begnadigen.
"Ich selbst hatte ihn schriftlich gebeten, nicht sogleich abzureisen,
um nicht neuen Verdacht zu erwecken. Wir wollten ihn lieber einige
Monate länger entbehren. Als er endlich kam, sollten wir ihn nach
wenigen Tagen für immer missen. Er erlag einem langsam wirkenden Gift,
das man ihm in einem der glänzenden Häuser, die er besuchte, unter
die Speisen gemischt hatte.
"Noch war der Stein über seinem Grabe nicht aufgerichtet, als der
Gouverneur der Provinz meiner Schwester seine Hand antrug. Sie wies
sie mit Entrüstung zurück; in ihrem Schmerz entfuhren ihr Worte, die
ihren Nachhall im Saal des Inquisitionstribunals finden sollten.
"Eine neue Anstrengung des Adels von Friaul, die Lage des Landes zu
bessern, wurde beraten. Ich hielt mich von den geheimen Anstalten
fern, da ich von ihrer Fruchtlosigkeit überzeugt war. Aber das böse
Gewissen der Herren der Republik deutete auf mich, als den am
härtesten Getroffenen, der einen Bruder zu rächen hatte. Ein Haufen
gedungener Bravi überfiel nachts unsere einsame Villa in den Bergen.
Ich hatte nur meine Diener zur Verteidigung. Als die Elenden uns
wohlgerüstet und entschlossen fanden, uns nicht leichten Kaufs zu
ergeben, zündeten sie das Haus an vier Ecken an. Ich machte mit
meinen Leuten einen verzweifelten Ausfall, die Schwester, die selbst
eine Pistole trug, in unserer Mitte. Da streckte mich ein Schlag
gegen die Stirn besinnungslos zu Boden.
"Erst am Morgen wachte ich auf. Die Stätte war ein menschenleerer
Trümmerhaufen, meine Schwester in den Flammen umgekommen, meine braven
Diener teils erschlagen, teils in das brennende Haus zurückgetrieben.
"Viele Stunden lag ich so neben dem rauchenden Schutt und starrte in
das leere Nichts, das mir meine Zukunft bedeutete. Erst als ich unten
im Tal Bauern heranziehen sah, raffte ich mich auf. Eins wußte ich:
Solange man mich am Leben glaubte, würde man mich für einen Feind
halten und überall hin verfolgen. Das brennende Grab war geräumig
genug; wenn ich verschwand, würde niemand zweifeln, daß auch ich dort
bei den Meinigen ausruhte. Im Herumirren auf der Felshöhe fand ich
die Brieftasche eines meiner Bedienten, der aus Brescia gebürtig und
viel in der Welt herumgefahren war. Seine Papiere lagen darin; ich
steckte sie zu mir, auf alle Fälle, und floh durch den dichten
Klippenwald. Niemandem begegnete ich, der mich hätte verraten können.
Als ich mich verschmachtet zu einem trüben Waldsee bückte, sah ich,
daß auch mein Äußeres mich nicht verraten konnte. Mein Haar war in
der Nacht ergraut; meine Züge waren um viele Jahre gealtert.
"In Brescia angelangt, konnte ich ohne Schwierigkeiten mich für meinen
Diener ausgeben, da derselbe schon als Knabe die Stadt verlassen hatte
und dort keine Verwandten mehr besaß. Fünf Jahre lang lebte ich wie
ein lichtscheuer Verbrecher und vermied die Menschen. Eine Ohnmacht
hatte sich auf meinen Geist gesenkt, als wäre durch jenen Schlag, der
mich zu Boden warf, das Organ des Willens in mir zertrümmert worden.
"Daß es nicht zerstört, sondern nur gelähmt war, empfand ich bei der
Kunde von Eurem Auftreten gegen das Tribunal. Mit einer fieberhaften
Spannung, die mich verjüngte und mir das Bewußtsein meiner Lebenskraft
zurückgab, verfolgte ich die Nachrichten aus Venedig. Als ich das
Scheitern Eures hochherzigen Wagnisses vernahm, sank ich nur auf einen
Augenblick in die alte dumpfe Resignation zurück. Im nächsten
Augenblick drang es wie ein Feuerstrom durch alle meine Sinne. Der
Entschluß stand fest, das Werk, das Ihr auf dem offenen Wege des
Rechts und des Gesetzes nicht hattet vollbringen können, auf dem Wege
der Gewalt und einer furchtbaren Notwehr, mit dem Arm des unsichtbaren
Richters und Rächers zum Heil meines teuren Vaterlandes hinauszuführen.
"Ich habe diesen Entschluß seither unablässig geprüft und meine
Absicht unsträflich gefunden. Ich bin mir heilig bewußt, daß nicht
Haß gegen die Personen, nicht Rache für erlittenes Leid, nicht einmal
der gerechte Gram um das Weh, das meinen Lieben widerfahren, meinen
Arm gegen die Gewaltherren bewaffnet. Was mich bewegt, für ein ganzes
in Knechtschaft versunkenes Volk als Retter aufzutreten und einzeln
den Spruch zu vollstrecken, der zu anderen Zeiten vom Gesamtwillen
einer freien Nation über ungerechte, dem Arm des Richters
unerreichbare Mächtige verhängt worden ist,--es ist weder Eigensucht,
noch eitle Ruhmbegier; es ist nur eine Schuld, die ich durch eine
tatenlose Jugend auf mich geladen habe, und an deren Bezahlung mich
damals Euer Blick im Palast Morosini mahnte.
"Gott, in dessen Schutz ich meine Sache befehle, möge mir als einzigen
Ersatz für alles, was er mir genommen, die Gnade zuteil werden lassen,
daß ich in einem befreiten Venedig Euch noch einmal die Hand drücken
kann. Ihr werdet die blutbefleckte nicht zurückstoßen, die dann in
keiner Freundeshand mehr ruhen wird; denn wer das Amt des Henkers
verwaltet hat, ist der Einsamkeit geweiht und hat den Blick der
Menschen zu meiden. Gehe ich aber an meinem Werk zu Grunde, so weiß
derjenige, an dessen Achtung mir am meisten gelegen ist, daß es auch
in dem jüngeren Geschlecht nicht ganz an Männern fehlt, die für
Venedig zu sterben wissen.
"Diesen Brief wird Euch ein zuverlässiger Mann zustellen, der das
Kleid eines Sekretärs der Inquisition mit der Mönchskutte vertauscht
hat, um durch Fasten und Gebet die Sünden der Republik zu büßen, denen
er seine Feder leihen mußte. Verbrennt dieses Blatt. Lebt wohl!
Candiano."
Als der Verbannte den Brief zu Ende gelesen hatte, saß er wohl eine
Stunde in tiefem Kummer vor den verhängnisvollen Blättern. Dann hielt
er sie über die Flamme, streute die Asche in den Kamin und ging
ruhelos bis an den frühen Morgen auf und nieder, während der
Unglückliche, dessen Beichte er vernommen, wie einer, dessen Sache
gerecht und dessen Sachwalter der Himmel ist, schon längst den Schlaf
gefunden hatte.-Am anderen Tage ging der späte Ankömmling in der
Straße della Cortesia zeitig aus. Das lustige Singen Mariettas
draußen auf dem Flur hätte ihn vielleicht noch länger schlafen lassen,
aber das laute Schelten der Mutter, daß sie einen Lärm mache, der
einen Toten erwecken könne, und daß sie noch alle Fremden aus dem
Hause treiben würde, ermunterte ihn völlig. Er hielt sich an der
Stiege, wo seine Wirtin bereits auf ihrem alten Posten saß, nur gerade
so lange auf, um sich nach den Wohnungen einiger Notare und Advokaten
zu erkundigen, deren Namen ihm ein Freund in Brescia aufgeschrieben
hatte. Als er Bescheid wußte, konnte weder die zärtliche Sorge der
Witwe um seine Gesundheit, noch die rote Schleife, die Marietta in ihr
Haar gesteckt hatte, ihn zu längerem Verweilen bewegen, und während
sich die gute Frau sonst bemüht hatte, den Verkehr ihrer Mietsleute
mit ihrer Tochter möglichst zu verhindern, war es ihr jetzt fast
unheimlich, daß der Fremde das liebe Geschöpf, ihren Augapfel,
hartnäckig übersah. Sein ergrautes Haar erklärte ihr diese seltsame
Blindheit nicht genügend. Er mußte einen geheimen Kummer haben oder
sich so krank fühlen, daß ihm der Anblick eines frischen Lebens wehe
tat. Dennoch ging er straff und rasch, und seine Brust war breit und
gewölbt, so daß die Krankheit, von der er sprach, tief im Innern ihren
Sitz haben mußte. Auch seine Gesichtsfarbe war nicht verdächtig. Wie
er die Straßen Venedigs durchschritt, zog er den wohlgefälligen Blick
manch eines Frauenauges auf sich, und auch Marietta sah ihm aus einem
der oberen Fenster nicht ohne Anteil nach.
Er aber ging in sich gekehrt seinen Geschäften nach, und obgleich er
sich bei Frau Giovanna umständlich nach dem Weg erkundigt hatte und
endlich über seine Ortsunkenntnis durch das Sprüchlein: "Mit Fragen
kommt man bis Rom" von ihr getröstet worden war, schien er doch jetzt
ohne alle Hilfe sich in dem Netz der Gassen und Kanäle zurechtzufinden.
Mehrere Stunden vergingen ihm mit Besuchen bei Advokaten, die aber
auf seine Empfehlung von einem Kollegen aus Brescia wenig Gewicht
legten und denen er, so bescheiden er auftrat, verdächtig vorkommen
mochte. Denn allerdings war ein gewisser Stolz in der Falte seiner
Stirn, der einem schärferen Beobachter sagte, daß er die Arbeit, die
er suchte, eigentlich unter seiner Würde hielt. Zuletzt kam er zu
einem Notar, der in einem Seitengäßchen der Merceria wohnte und
allerlei Winkelgeschäfte nebenbei zu treiben schien. Hier fand er mit
einem sehr mäßigen Gehalt eine Stelle als Schreiber, vorläufig zum
Versuch, und die hastige Art, wie er zugriff, brachte den Mann zu dem
Verdacht, er habe es etwa mit einem verarmten Nobile zu tun, deren
mancher, nur um das Leben zu fristen, sich zu jeder Arbeit willig
finden ließ, ohne um ihren Preis zu handeln.
Andrea jedoch war augenscheinlich mit dem Erfolg seiner Bemühungen
sehr zufrieden und trat, da es inzwischen Mittag geworden war, in die
nächste Schenke, wo er Leute aus den unteren Klassen an langen
ungedeckten Tischen sitzen sah, die ihre sehr einfache Kost mit einem
Glas trüben Weins würzten. Er nahm seinen Platz in einem Winkel nahe
der Tür und aß die etwas ranzigen Fische ohne Murren, während er
freilich den Wein, nachdem er ihn gekostet hatte, verschmähte. Er war
schon im Begriff, nach der Zeche zu fragen, als er sich von seinem
Nachbar höflich anreden hörte. Der Mann, den er bisher ganz übersehen
hatte, saß schon lange vor seiner halben Flasche Wein, aß nichts,
trank nur dann und wann einen Schluck, wobei er jedesmal den Mund ein
wenig verzog; während er aber scheinbar vor Müdigkeit die Augen halb
geschlossen hielt, wanderten seine scharfen Blicke durch die ganze
düsterliche Halle und hefteten sich mit besonderem Anteil an unseren
Brescianer, der seinerseits nichts Merkwürdiges an ihm wahrgenommen
hatte. Es war ein Mann in den Dreißigen, mit blondem, lockigen Haar,
der in der schwarzen venezianischen Tracht seine jüdische Herkunft
nicht sogleich verriet. In den Ohren trug er schwere goldene Ringe,
an den Schuhen Schnallen mit großen Topasen, während sein Halskragen
zerknittert und unsauber und sein Rock von feinem Wollenstoff seit
Wochen nicht gebürstet war.
Dem Herrn schmeckt der Wein nicht, sagte er halblaut, indem er sich
geschmeidig zu Andrea hinbog. Der Herr scheint überhaupt nur aus
Irrtum hier zu sein, wo man nicht gewohnt ist, Gäste von besserem
Stande zu bewirten.
Um Vergebung, Herr, erwiderte Andrea ruhig, obwohl er sich Gewalt
antat, überhaupt zu antworten, was wißt Ihr von meinem Stande?
Ich seh es an der Art, wie der Herr ißt, daß er eine andere
Gesellschaft gewohnt ist, als er hier findet, sagte der Jude.
Andrea maß ihn mit einem festen Blick, vor dem das lauernde Auge des
anderen sich senkte. Dann schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, der
ihn plötzlich bewog, dem Zudringlichen mit einer Art von
Vertraulichkeit entgegenzukommen.
Ihr seid ein scharfer Menschenkenner, sagte er. Es ist Euch nicht
entgangen, daß ich einst bessere Tage gesehen und einen unverfälschten
Wein getrunken habe. Auch kam ich in gute Gesellschaft, obwohl ich
der Sohn eines kleinen Bürgers bin und nur kümmerlich die Rechte
studiert habe, ohne einen Titel zu erwerben. Das hat sich geändert.
Mein Vater machte Bankrott, ich wurde arm, und ein armer
Gerichtsschreiber und Advokatengehilfe hat auf nichts Besseres
Anspruch zu machen, als was er in dieser Kneipe findet.
Ein studierter Herr hat immer Anspruch auf Verehrung, sagte der andere
mit einem sehr verbindlichen Lächeln. Es würde mich glücklich machen,
wenn ich Euer Gnaden einen Dienst erweisen könnte; denn ich habe stets
nach dem Umgang gelehrter Männer gestrebt und bei meinen vielen
Geschäften nicht selten die Gelegenheit gehabt, mich ihnen zu nähern.
Wenn ich Euer Gnaden vorschlagen dürfte, ein besseres Glas Wein mit
mir zu trinken, als hier zu haben ist...
Ich kann besseren Wein nicht bezahlen, sagte der andere gleichgültig.
Es würde mir eine Ehre sein, gegen den Herrn, der hier fremd scheint,
die venezianische Gastfreundschaft zu üben. Wenn ich sonst mit meinem
Vermögen und meiner Ortskenntnis dem Herrn irgend nützlich sein kann...
Andrea wollte ihm eben ausweichend antworten, als er bemerkte, daß der
Wirt der Schenke, der im Hintergrunde am Kredenztische stand, ihn
lebhaft mit dem kahlen Kopf zu sich heranwinkte. Auch von den anderen
Gästen, die aus Handwerkern, Marktweibern und Tagedieben bestanden,
machte ihn mancher mit verstohlenen Zeichen aufmerksam, daß man ihm
gern etwas mitgeteilt hätte, was man nicht laut zu sagen wagte. Unter
dem Vorwand, erst zu bezahlen, ehe er auf die höfliche Einladung
antwortete, verließ er seinen Platz und ging mit der lauten Frage, was
er schuldig sei, auf den Wirt zu.
Herr, flüsterte der gutmütige Alte, nehmt Euch in acht vor dem. Ihr
habt es mit einem Schlimmen zu tun. Die Inquisitoren bezahlen ihn,
daß er die Heimlichkeiten der Fremden ausspürt, die sich hier blicken
lassen. Seht Ihr nicht, daß der Winkel leer ist, wo er Platz genommen
hat? Sie kennen ihn alle, und nächstens fliegt er einmal zur Tür
hinaus, der Gott Abrahams gesegn' es ihm! Ich aber, obwohl ich ihn
dulden muß, um mir nicht die Finger zu verbrennen, bin es Euch doch
schuldig, Euch reinen Wein einzuschenken. Ich dank' Euch Freund,
sagte Andrea laut. Euer Wein ist ein wenig trübe, aber gesund. Guten
Tag.
Damit kehrte er auf seinen Platz zurück, nahm seinen Hut und sagte zu
seinem dienstfertigen Nachbar: Kommt, Herr, wenn es Euch gefällt. Man
sieht Euch hier nicht gern, fügte er leiser hinzu. Man hält Euch für
einen Spion, wie ich habe merken können. Wir wollen anderswo unsere
Bekanntschaft fortsetzen.
Das schmale Gesicht des Juden erblaßte. Bei Gott, sagte er, man
verkennt mich! Aber ich kann es den Leuten nicht verdenken, wenn sie
auf der Hut sind, denn es wimmelt hier in Venedig von Spürhunden der
Signoria. Meine Geschäfte, fuhr er fort, als sie schon auf der Gasse
waren, meine vielen Verbindungen führen mich in so manche Häuser, daß
es wohl scheinen mag, als bekümmerte ich mich um fremde Geheimnisse.
Gott soll mich leben lassen hundert Jahr, aber was gehen mich fremde
Leute an? Wenn sie mir zahlen, was sie mir schuldig sind, will ich
ein Hund sein, wenn ich ihnen was nachrede.
Ich meine aber doch, Herr--wie ist Euer Name?
Samuele.