Es wurde erst über das Wetter und die Ernte geschnackt, und dann

sagte Hehlmann, er müßte Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er

ganz vergessen, daß sie von seinem Vater in dem Testamente mit einer

Stiftung bedacht war, und davon wollte er ihr die Abschrift bringen.

»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, »sie ist nach Brinkmanns

gegangen; da ist die Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht sie

sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen Bett und Stuhl herum.«

Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß ein Werkzeug des Herrn;

ihm allein gebührt der Dank.«

Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen wollte, und als er hörte, daß

das nicht bestimmt wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr

entgegen.

Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm das Herz schwer; Jahre lagen

jetzt zwischen ihnen. Mai war es, als er sie im Grasgarten in den Arm

nahm, und die weißen Lilien blühten, und jetzt waren die Krammetsvögel

in den Ebereschen zu Gange.

Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es hatte ihm nicht viel Gutes

gebracht und wer weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen freiten

wohl bald; dann war er allein und ging als alter Mann auf dem Hofe

herum und war jedem im Wege.

Er ließ den Kopf hängen und ging langsam den anmoorigen Weg fürbaß und

riß in Gedanken den Windhalmen die Köpfe ab.

So tief war er in Gedanken, daß er sich ganz mächtig verjagte, als vor

ihm jemand seinen Namen rief.

Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, steckte sich aber rot an, wie

ein junges Mädchen und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du bloß auf

einmal her?« und dann wurde sie ganz weiß im Gesicht.

Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. »Meine Meta,« rief er und

nahm sie um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. Da faßte er

sie um und führte sie unter eine krause Fuhre am Grabenbord, unter der

sich die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten.

Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; dann trocknete sie sich die

Augen: »Ich habe mich zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas

denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach dem Dieshofe?«

Er sah sie so lange an, bis sie über und über rot wurde: »Du hast dich

gut gehalten, Meta, bloß daß du früher dünner warst.«

Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch kein eines graues Haar, Göde,

und die zwei Wirbel hast du immer noch.«

»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz so wie früher, trotz der

vielen Arbeit.«

»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie zwei Haidbrinke,« sagte sie

und lachte dabei.

»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist wie ein Kalb gegen die

Kuh,« und dann lachten sie beide, denn sie dachten an den Tag im

Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf ihrem Kleiderrocke lag.

Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war nun schon so lange her und

was lag da nicht alles dazwischen.

Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er seufzte auf und sah über die

Buchweizenstoppel, die ganz rot aussah in der Sonne.

Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den Mund und hinter den Augen

hatte sie Falten und unter der Haube sah man ein paar graue Haare. Aber

wenn sie auch noch mehr Falten und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte,

es war seine Meta mit den treuen Augen und dem schönen Mund und den

guten Händen.

Er holte das Papier aus der Tasche und hielt es ihr hin: »Da hatte ich

ganz auf vergessen, Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten Willen

aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für dich immer eine Stätte ist,

wenn es dir wo anders nicht mehr paßt.«

Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, hier habe ich es ganz gut.«

»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast mich nicht nötig, aber ich

habe dich nötig. Wie lange wird es dauern, und die Mädchen freien, und

dann habe ich wieder keinen Menschen, wie so viele Jahre.«

Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so ist, Göde, mich brauchen

sie auf dem Dieshofe nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe

ziehen.«

Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß

es sie schüttelte, denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, um den

einen Mann zu sein, dem ihr Herz von Anbeginn gehört hatte, oder war

es schrecklich, da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen als

Bäuerin hingehört hätte.

»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, »Meta, glaubst du denn,

ich wäre so ein grundschlechter Kerl, daß ich dich bloß für meine

Bequemlichkeit haben wollte? Ich habe die ganzen Jahre an dich gedacht,

wo ich ging und stand, und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein,

Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz anders.«

»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn auch, wir sind regelrecht

versprochen gewesen und du sollst meine Frau werden, denn so haben wir

es uns gelobt.«

Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen liefen ihm über das Gesicht:

»Göde, o Gott, Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen Tag wäre!«

Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie fest an sich und mußte auch

weinen.

»Nu kiek einer an! Hat man so was schon belebt,« schrie es hinter

ihnen. »Wir warten und warten, aber keine Meta und kein Hansbur

will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta, schon so alt und noch so

leichtsinnig, und Hansbur, redet lang und breit von Erbschaftssachen

und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, daß unser alter Bolze

Junge kriegt!«

»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn dann könntet ihr was

gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit und weltlicher Fleischeslust und

dem Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt und es ist lange

Vesperzeit. Ich will man schon vorlaufen.«

Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und Meta aber hatten den Sturm

hinter sich; er hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf gegen seine

Schulter, und ihre rechte Hand war in seiner linken.

So gingen sie langsam durch die hohen Fuhren, und es war ihnen, als

wenn es Mai war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich.

Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg standen und sich abküßten,

sahen ihnen verwundert nach, aber keins lachte, denn der Mann und die

Frau sahen aus, als wenn sie geradewegs aus dem Paradiese kamen.

Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur nach Hause ritt; die

Krammetsvögel zogen und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer.

Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu viel Frieden war in ihm.

Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die Mädchen hinter ihm her:

Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen,

Zu dem Tore reit ich hinaus,

Schatz, du bleibst mir auserkoren,

Bis ich wieder komm nach Haus.

[Illustration: Das Altenteil]

Das Altenteil.

Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen in die Dönze: »Detta und

Sophie,« sagte er und legte ihnen die Hände auf die Schultern, »was ich

euch jetzt sage, wird euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien und

dann zieht eine von euch weg von hier und die andere hat ihren Mann.

Bevor ich eure selige Mutter kannte, war ich mit einer anderen

versprochen. Wie es kam, daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier

nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern war ich bei ihr und

in vier Wochen wird sie meine Frau.«

Er wartete einen Augenblick und sah aus dem Fenster, dann machte er es

auf und rief hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die Schweine

laufen ansonsten in den Blumengarten!« Dann ging er aus der Dönze.

Die Mädchen standen da und sagten nichts. Zuletzt fing Sophie an zu

weinen: »Es ist eine Schande.«

Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins Wort: »Ja, das ist es,

daß du gegen unseren Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was Vater

tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.«

Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als das Aufgebot erfolgte und es

gab viel Kopfschütteln und Gerede nach der Kirche. Als abends im Alten

Kruge der Sägemüller seine Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du

hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und da lachte alles, aber

nicht über den Hansbur.

Der ließ sich wenig sehen und als er einmal in das Dorf kam und der

Vorsteher ihm zu verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß er

noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein guter Rat ist des

anderen wert; paß' auf: behalte deine Meinung für dich, Burvogt, und

wenn du das nicht aushalten kannst, so berede dich mit deiner Frau im

Bette. Und wenn ich dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine

Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage genug danach.«

Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen und so getan, als wenn er

bloß Spaß gemacht hätte und sich lang und breit entschuldigen wollen,

aber der andere sagte: »Ja, sagte der Zaunigel, so bin ich nun mal:

warum setzt du dich gerade auf mich?«

Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit wäre paßlicher, aber Hehlmann

hatte gesagt: »Nix da! Brauchen wir uns denn was zu schämen? Wenn der

Hansbur freit, soll man es zehn Meilen in die Runde hören.«

So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei Hof rund, und an die aus der

Bekanntschaft, die zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und es wurde

eine Hochzeit, wie man sie lange nicht belebt hatte, denn der ganze

Vorstand von dem landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen

gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren Frauen, so daß es alles

in allem an die dreihundert Menschen waren; und Vodegel saß allein im

Kruge und ärgerte sich, denn er hatte nicht angenommen.

Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine großmächtige silberne

Bowle mit einem Schilde und darauf war zu lesen, daß die der

landwirtschaftliche Verein in Dankbarkeit seinem lieben zweiten

Vorsitzenden zu seinem Ehrentage geschenkt hatte.

Als das Essen meist zu Ende war, stand der Ehrenvorsitzende des

Vereins, der Graf Kettenburg, auf und alle Augen wurden rund, als er

eine schöne Rede hielt und zum Schluß im Namen des Königs dem Bräutigam

einen Orden überreichte wegen seiner Verdienste um die Landwirtschaft,

und als er zu der Braut ging, und ihr die Hand drückte, da sagte sich

Meta, daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren gut machte.

Wer sich aber am meisten freute, das war Durtjen; die saß auf ihrem

Stuhle und weinte und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es mit der

Angst, denn daß seine Frau das Weinen kriegte, das hatte er noch nie

belebt.

Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta gestellt und Sophie hatte

die silberne Bowle und die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr

in die Augen gestochen, als daß sie noch länger die Kalte spielen

konnte, zumal der Bäuerin die Gutherzigkeit aus den Augen sah.

Außerdem war die Hochzeit für sie selber auch wichtig, denn beim Essen

hatte der Sekretär des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen,

und einen so klugen und lustigen Mann hatte sie ihren Tag noch nicht

kennen gelernt und noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können.

Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll und zu heiß war, gingen

sie in den Hof und vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten in die

Haide und hinterher wußte Sophie gar nicht, was sie von sich denken

sollte, denn sie hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen und

nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder geküßt und auch nicht bloß

einmal.

Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom Hofe fuhr, da winkte sie ihm

aus ihrer Dönze nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins Bett und

nahm sie in den Arm und weinte ganz gottsjämmerlich und sagte, sie sei

ein schlechtes Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut und so schön

anzusehen.

Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der drei Tage anhielt, denn da

kam ein Brief und nun war alles gut und sie lachte und sang den ganzen

Tag und war zu ihrer Stiefmutter der reine Honig, so daß Hehlmann den

Kopf schüttelte und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie Hermen es

machte, wenn seine Frau verlangte, daß er lachen sollte.

Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie ihrem Vater in den

Versuchsgarten nach und sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich muß

heiraten!«

Der Bauer machte runde Augen und lachte: »Du mußt? Ich denke, ich habe

eine feine Dame zur Tochter und nun freit sie ganz nach der alten Art!

Bis wann mußt du denn freien?«

Sophie trampte auf und gab ihrem Vater einen Schlag auf den Arm: »So

ist das nicht, bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid weißt:

der Sekretär Sunder und ich, wir sind uns einig und da haben wir uns

das so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten zu der Schreiberei.

Nun liegt am Toten Ort doch die alte Mühle. Beckmann will gern

verkaufen; er ist zu alt und Kundschaft hat er kaum mehr. Ich habe die

Mühle und das nötige Land schon an die Hand gekauft.«

Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte aber: »Man weiter!« und

Sophie fuhr fort: »Der Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke

erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die Wittbeeke und dann ist

allerhand Boden da, warmer und frischer, leichter und besserer. Nun

haben wir uns das überlegt, daß wir einen besseren Platz gar nicht

bekommen für das, was wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft

haben, in der Hauptsache aber Fische, Geflügel, Obst und Gemüse ziehen,

alles nur beste Sorten.«

»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte, »Herr Sunder sagt, in zwei

Jahren spätestens bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir aus dem

ersten Bröddel heraus. Wir wollen ganz langsam anfangen; die Brut- und

Zuchtanlagen sollen erst aus lauter alten Brettern gemacht werden. Karl

kriegt das alles billig.«

»Einrichten tun wir uns erst ganz klein, denn unser Geld brauchen wir

für die Wirtschaft. So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse

und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt er noch etwas dazu.«

Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine Puppe gegen ihn war, um und

kniff sie in die Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: dumm

bist du nicht. Und der Karl Sunder ist mir auch nach der Mütze. Ich

habe seinen Vater gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter Mann und

hat aus der alten Klippmühle, die er von seinem Vater hatte, etwas

gemacht, trotzdem daß er vier Geschwister abzufinden hatte.«

»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen habe, denn ihr wollt

womöglich schon morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir mit der?

Die können wir doch nicht so lange in den Backofen schieben? Na, dann

schreibe man deinem Karl, er soll so bald wie möglich kommen, daß wir

alles in die Reihe bringen.«

Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er kommt heute Nachmittag

schon.« Der Vater sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr habt 'n

guten Schritt am Leibe; für euch brauch ich nicht bange zu sein.«

Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf den Hof. Als Detta sah, wer

darin war, bekam sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze.

»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, als er sah, wer der Besuch

war. Es war der Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch, einer der

besten Züchter im Lande, mit dem Hehlmann gut bekannt war.

Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, der ebenso lang und ebenso

ruhig war, wie der Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des

landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt.

Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer zu seinem Sohn: »Wenn alles

glatt geht, kommst du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon den

Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger Kerl!«

Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht, dann kann aus der Freierei

vorläufig nichts werden.«

Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur gefiel der Freier, zumal

Detta ihm sagte, einen anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn

abgemacht, daß der junge Ehemann über den Hof und alles Land, was unter

dem Pfluge war oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben sollte; das

Unland aber behielt Hehlmann sich vor.

Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit gefeiert; Mönchmeyer,

jetzt Hehlmann genannt, trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne in

die alte Mühle und der Altvater Hehlmann und Meta richteten sich das

Altenteilerhaus ein.

Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten genug zu tun, zumal

Hehlmann ein Stück Haide nach dem anderen anforstete und Meta bald auf

dem Hofe und in der Mühle Großmutter spielen mußte. Als sechs Jahre hin

waren, da war sie sechsfache Großmutter.

Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch Hehlmann war nicht mehr so

blond wie vordem, aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd sagte zu

ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal so alt bist, wie unser Altvater, ich

möchte bloß wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie er sich mit

seiner Meta. Erst dacht' ich, ich sollt' darüber lachen, aber wenn ich

denke, wie andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn sie alt sind,

dann bedünkt mich, so ist es doch besser.«

Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie die Forke wieder zur Hand

und warf weiter Mist aus und sang dabei das Lied von dem roten Husaren,

der sein Liebchen bis über den Tod hinaus liebt.

Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde Meta krank; sie hatte

sich schwer erkältet und wollte sich gar nicht wieder herausmachen.

Sie behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf den Füßen und die

Besinnung ließ zu Zeiten bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was

zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe gelebt hatte. Aber

sie war glücklich, vorzüglich, wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im Arm

hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst nicht warm wurde.

Gegen den Sommer wurde es besser mit ihr, so daß sie im Hause hin- und

hergehen und Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; des Abends

aber kamen ihr meist die Gedanken durcheinander und dann hatte sie

sich, als wenn sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn er sie zu

Bett brachte, lachte sie vor sich hin und sagte: »Nicht so laut, die

andern brauchen da nichts von zu wissen.«

Als die Birken gelb werden wollten, kam Göde eines Abends nach Hause

und fror; er hatte sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und

in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am anderen Tage ging es ihm sehr

schlecht und als es am dritten Tage nicht besser mit ihm werden wollte,

wurde nach dem Doktor geschickt.

Der machte eine krause Stirn und als er an dem Kranken herumgehorcht

hatte, sagte er: »Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir ihn

nicht durch; er hat eine ganz gefährliche Lungenentzündung.«

Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr Mann krank war, auf einmal ganz

gesund wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen.

»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke am sechsten Morgen. »Wir

haben doch noch schöne Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine

Hände, die ganz mager geworden waren in den Tagen, drückten ihren Kopf

an seine Brust.

»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er dann und ihr war, als wenn er

sie küssen wollte. Aber er schlief schon wieder ein.

Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, lag er tot im Bette und hatte

ein freundliches Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl neben

dem Ofen und schlief vor Schwäche.

Die Bäuerin schlug die Schürze vor das Gesicht und ging schnell über

die Deele und winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen aufhören,

denn sie sang wieder:

Es war einmal ein roter Husar,

Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr,

Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,

Die Liebe nahm kein Ende mehr.

[Illustration: Die beiden Tauben]

Die beiden Tauben.

Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen bestimmt, daß er ganz nach

der alten Art begraben werden wolle, denn damals war schon die Mode

aufgekommen, daß schwarz getrauert wurde.

Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, auch wollte er keinen hohen

Sarg haben und keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein Pfahl und

kein Kreuz zu stehen kommen.

Er wurde in das Notlaken eingenäht, das Meta aus selbstgesponnenem

Flachse gewebt und genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen

an den Sterbekittel und zog ihm die weiße Sonntagszipfelmütze über.

Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der Deele und war mit dem

Leichlaken zugedeckt, und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei alte

hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier springende Pferde waren.

Rechts von der großen Türe hingen die beiden Seelenlaken an der Wand

herunter, damit, wenn der Tote noch einmal zurückkäme, er doch einen

Platz für sich fände.

Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause die Fenster der

Schlafdönze nicht offen standen und daß das Bettstroh, auf dem der

Altvater gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt wurde, und

daß der Backenstuhl, in dem der Alte neben dem Ofen gesessen hatte,

umgestoßen wurde.

Durtjen warf die Waschschale, aus der der Tote gewaschen war, entzwei

und grub sie ein und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, denn Meta,

die von Detta in das Wohnhaus gebracht war, war so hinfällig, daß sie

an nichts denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der Dönze und sang

leise aus dem Gebetbuche, aber keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge.

Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken wurde herunter genommen.

Mit freundlichem Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, mit Rehmenruß

schwarz gemachten Sarge, Bibel und Gesangbuch unter dem Kinn.

Einer nach dem anderen von der Freundschaft ging über die Deele,

nickte dem Toten zu und ging nach der Dönze, wo das Frühstück stand.

Sie sprachen alle leise, die Männer, und die Frauen flüsterten. Es war

ihnen, als wäre dieses ein ganz besonderes Begräbnis.

Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl an der Zeit.« Da gingen sie

alle aus der Dönze; einer nach dem anderen trat an den Sarg und gab dem

Toten die Hand.

Detta und Sophie, von Kopf bis zu den Füßen in dem weißen Klagelaken,

weinten los, denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite und

schloß den Sarg.

Er wurde aus der großen Tür getragen und auf das Wagenstroh gehoben.

Durtjen reichte das Leichlaken her und Detta und Sophie, die hinter

dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß es rechts und links lang

herunterhing.

Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine Schale Wasser aus und lief dann

in die Dönze, um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel zuzuhängen.

Der Großknecht stellte sich an den Kopf des Sattelpferdes und die

Pferde zogen an und schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh

mußten, das der zweite Knecht ihnen vor die Füße warf.

Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, alle in weißen Trauerlaken,

gingen hinter dem Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die Männer,

alle im Kirchenrock und hohem Hute.

Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes Gotthard Georgius

Hehlmann, den letzten Hansbur, den Notweg fuhren. Die Birkenbäume

waren so gelb wie Gold und der Himmel war hoch und hell.

»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer zum roten Schmidt, »ein Tag,

der ihm passen konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen tiefen

Himmel.«

Der andere nickte und wischte sich den Schweiß unter dem hohen rauhen

Hute ab; er war recht alt geworden, und Meyer noch mehr und die Sonne

war ihnen beschwerlich.

»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte Schmidt; »weißt du noch den

Abend, als er dem Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug? Was

war das für ein Kerl! So einer kommt so bald nicht wieder.«

Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, trotz der alten

Feindschaft; das ist schön von ihm.«

Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, begab sich etwas, worüber

sich alle wunderten. Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In ihrer

Angst setzten sie sich auf das Leichlaken; der Stößer nahm die

schwarze Taube und flog mit ihr fort.

Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben wurde, flog die weiße Taube

auf; sie flog steil gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her.

[Illustration]

[Illustration: Das Seelenlaken]

Das Seelenlaken.

Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd

und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die

Magd räumte auf der Deele auf.

Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten

der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke

tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus.

Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre

Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und hielt

den Kopf hoch und horchte.

Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Frau sah aus, wie ein

seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell

und stetig.

Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht

davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die

sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde,

ich komme ja schon!«

Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller

bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah,

daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen

den Schreck drei Tage nicht los.

Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide · 第 7 / 8 段