die Mordhaide führte; da war es kahl und leer wie in einer Bettlerhand.
Er gab dem Fuchs die Eisen und der ging in voller Fahrt erst über das
blanke Haidfeld und dann durch die Machangeln, die vor den Bruchwiesen
standen.
Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte und ging zurück. Er gab
ihm ein über das andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der Fuchs den
Kanal, sprang aber zu kurz, trat mit den Hinterfüßen in das Wasser und
warf den Bauern über sich fort.
Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß das Pferd das Gesicht
hatte, was sie annehmen, wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die
Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich aus. Es lag mit dem
Hinterleibe im Kanal, schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke und
schrie.
Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut war und als er näher ging,
fand er, daß der Fuchs sich einen Pfahl, um den altes Reet stand, tief
in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, wenn er schnob, flog ihm das
Blut hellrot aus Maul und Nase.
Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen war. Er faßte nach der
Hosennaht, aber er hatte das große Messer nicht bei sich und das
Klappmesser dünkte ihm zu klein.
Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, wie der Fuchs sich zu Tode
quälte. Er überlegte einen Augenblick, dann trat er dicht hinter das
Tier, holte aus und schlug es mit der vollen Faust gegen den linken
Schlaf, und so wie der Schlag gefallen war, ließ es den Kopf hängen.
Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als müsse er sich über seine
Kraft freuen. Dann nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs die
Schlagader am Halse durch und blieb so lange dabei stehen, bis er
abgeblutet war.
Einen Augenblick schämte er sich; er hatte das schöne Tier unnütz in
den Tod gejagt. Aber dann bekam er blanke Augen; es war doch einmal
etwas anderes, und wie er so dastand und das tote Tier ansah, das
halb auf dem Ufer und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie
einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, wenn der Himmel über dem
Walde rot wird, langsam über das Schlachtfeld zu reiten und auf die
hinzusehen, die steif und kalt neben ihren toten Pferden lagen.
Das war denn doch noch ein Leben; wenn man auch selbst dabei vor die
Hunde ging, das machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte auch so
gedacht. Der alte Pastor war beinahe umgefallen, als er Wolf fragte:
»Was ist ein seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet hatte:
»Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, und Salve über dem Grabe.«
Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch anders als er sich das dachte,
aber eine Salve nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner jungen
Frau auf sein Totenhemd; nun lag er in der Erde und fror, weil die
Tränen nicht trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm und steif
über den Hof und konnte nicht mehr lachen.
Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann warf den Kopf in den
Nacken: was man belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur etwas
belebt. Und er wollte etwas beleben, koste es, was es wolle.
Miken war jetzt wieder in Celle; der rote Schmidt hatte sie da
getroffen. Er hatte Lusten, sie einmal wieder lachen zu hören. War es
auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man bei ihr nicht sein.
Hehlmann überlegte. Von hier bis zum Piewittskruge war es eine kleine
Viertelstunde. Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn nach Celle
fahren und auf dem Hehlenhofe Bescheid sagen lassen.
Mit großen Schritten ging er durch das Bruch; die Postbüsche sahen
in der Abendsonne so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf und
ab und schrieen, in der Luft waren der Bewerbock zu Gange und die
Birkhähne balzten, daß es eine Art hatte.
Rund und rot kam der Mond hinter der Wohld in die Höhe; Hehlmann
meinte, so groß und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen. Die Enten
strichen hin und her, die Rehe standen im Nebel, und in der hohlen
Grund rief der Moorochs.
Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein schwarzer Strich und
darunter noch einer, und auf einmal waren es zwei Augen und Nase und
Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das lachte. »Das sieht ja
putzwunderlich aus,« dachte er und dann trat er über die Straße und
stieß die Türe zum Piewittskruge auf.
Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war da und der wilde Meyer und
Pohlmann und Schwen und Scheele und Drewes und Lühner auch. Sie saßen
um den runden Tisch, tranken Wein und spielten Karten.
Die Krugwirtin machte blanke Augen, als der Hansbur eintrat. Sie rückte
ihm den großen Stuhl hin und daneben noch einen für ihre Nichte, ein
hübsches Mädchen mit grallen Augen.
Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in seinem Fahrwasser; er
bestellte vom besten, was im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf
den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie große Männer spielen und
nicht um Bohnen und Pfennige!«
»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde Meyer, und das Spiel ging los.
Als sie eine Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein ganzes Geld
los. Er hatte viel getrunken, denn die Aufregung mit dem Pferd und das
schnelle Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er dem Wirt, der
auf einen Augenblick in die Stube kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib
mal 'ne Hand voll Taler her!«
Das tat der liebendgern, denn es war eine Ewigkeit her, daß der Hansbur
sich dort hatte sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er ihm
gefällig sein konnte.
Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; Hehlmann aß, wie er
lange nicht gegessen hatte. Da die Wurst scharf und der Käse alt war,
so trank er tüchtig dabei und es dauerte nicht lange, da hatte er die
Alma auf dem Schoße sitzen.
Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar sie noch jung war, verstand
sie doch schon gut mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur ganz
vergaß, daß er nach Celle zu Miken fahren wollte. Er nannte sie seine
Coeurmadam und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als er ihr ins
Ohr flüsterte: »Wenn die anderen man erst weg wären.«
Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, aber sie gingen erst, als er
auch das Geld, das er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, und da
saß er denn mit der Alma auf der Faulbank, bis die Frau in den Keller
ging, um Wein zu holen.
Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, plinkte sie ihrer Nichte
zu, und die verstand und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis eine
Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand.
Als Hehlmann einige Tage später zum Piewittskruge ging, um seine Zeche
glatt zu machen, die alles in allem so fünfzig Taler ausmachte, gefiel
ihm die Alma kein bißchen mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre
Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb darum auch nicht lange und
ließ sich nicht wieder sehen.
Er hatte sich den anderen Tag weiter keine Gedanken gemacht, wie
damals, als er Vodegel den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, denn
er sagte sich: Geschehen ist geschehen! Aber er sagte sich auch, daß er
bei den Leuten keine Achtung mehr haben würde, wenn es herumkäme, wie
er es getrieben hätte.
Als seine zweite Tochter ihn eines Abends in den Arm nahm und ihm einen
Kuß gab, da fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das Frauenzimmer
im Piewittskruge geküßt hatte und die Wirtin auch; und die waren für
jeden da, der Geld auf den Tisch warf.
So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß in den Krug zu setzen und
hielt Wort.
Das wurde ihm nicht schwer, denn eines Abends kam der wilde Meyer
zu ihm und sah ganz begossen aus; über den Piewittskrug war ein
Donnerwetter heruntergegangen; der Krüger war wegen Hehlerei und wegen
Duldens von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei nach
Celle gebracht.
Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf dem Leibe, daß er als Zeuge
vor Gericht müsse.
Acht Tage später kam ein Mann auf den Hehlenhof und wollte den Bauern
sprechen; da er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz nach. Es war
Almas Vater; er war Lohndiener in der Stadt und sah wie nichts Gutes
aus.
Er redete erst lange hin und her und das Ende vom Liede war, daß der
Bauer noch einmal fünfzig Taler herausrücken mußte, denn wie der Kerl,
der sich groß beleidigt anstellte, sagte, war seine Tochter noch keine
sechzehn alt und unbescholten.
Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was er getan hatte, und
eigentlich nicht wußte, was Reue war, machte hinter dem Manne ein
Gesicht, als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war ebenso scheußlich
zumute wie damals, als er mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische
gestohlen hatte und die beiden auf die lange Bank mußten.
Noch dümmer aber kam er sich vor, als er nach der Gerichtsverhandlung,
in der der Piewittskrüger zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis
verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, daß die Alma erstens über
achtzehn Jahre alt war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den roten
Schmidt und nicht minder Scheele und Drewes ebenso geleimt hatte wie
ihn, und er dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt geblieben war,
Zeuge spielen zu müssen.
Als er hinterher eines Abends in Celle aus dem Ratskeller kam, wo
er mit dem Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen
Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken daherkommen.
Sie war in Sammet und Seide und sah noch viel schöner aus als früher,
aber er trat schnell hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser
Sorte Weibervolk.
Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote Schmidt, daß er das
Mädchen in Hamburg gesehen hatte; wie der halbe Tod hatte sie
ausgesehen und ihn um Gottes willen um einen Taler angesprochen, weil
sie am Verhungern war.
Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze war, schüttelte sich und
sagte: »Ich gab ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr lange
machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, und wenn sie hustete, kam ihr
das helle Blut in den Mund.«
Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf einmal kein Bier mehr. Er sah
sie vor sich, wie sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war Tanz
gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, und sie hatte mit ihrer
lustigen Stimme durch die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen an
zu schrecken fingen.
Was konnte sie küssen und lachen und wählig sein! Und nun war sie
elendiglich zugrunde gegangen.
Ihm wurde erbärmlich zumute.
[Illustration: Die Moosbank]
Die Moosbank.
Das elendigliche Ende Mikens gab dem Bauern viel zu denken; sein Herz
hatte er nicht an sie gehängt, aber es lief ihm kalt über, wenn er
daran dachte, wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er einmal über die
Haide ging und eine Schnucke husten hörte, schudderte es ihn.
In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener werden und in einem Falle
ein Urteil abgeben, das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter von dem
Halbmeier Scheele, mit dem er so manches Mal bei Bier und Karten lustig
gewesen war, saß auf der Armensünderbank; er war durch das Kartjen
in Bedrängnis gekommen und hatte einen Meineid geschworen. Er wurde
schuldig gesprochen und erhängte sich in der Nacht darauf.
Das ging Hehlmann nahe, aber noch schlimmer traf ihn die Rede, die der
Staatsanwalt gehalten hatte, denn der hatte gesagt: »Leider können wir
die Hauptschuldigen nicht fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes
Leben schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben verführt und
ins Unglück gebracht haben.«
Das ging auf den wilden Meyer und den roten Schmidt. Mit einem Schlage
standen die beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich hielt, ging
ihnen aus dem Wege.
Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt Recht geben. Daß er
damals Vodegel das Glas in die Zähne schlug und hinterher Hand an sich
legte, und daß er wegen des liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in
den Mund der Leute gekommen war, die beiden hatten die mehrste Schuld
daran.
Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor Heuer, der ihn ab und
an besuchte. Der Mann gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine
Mördergrube machte. Als er sich einmal den Hansburhof angesehen hatte,
meinte er: »Hehlmann, Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da hatte der
Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: »Was hilft mir der ganze Kram, wo
ich keinen Hoferben habe!«
Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; so etwas war dem
Bauern noch keinmal vorgekommen, seitdem er kein Junge mehr war.
Ein Wort war es besonders, das ihm zu denken gab: »Ein Mann wie Sie
nimmt sein Leben fest in die Hand, mag da kommen, was da will.«
Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei gesunde Töchter haben
Sie! Und ich? Mein gesundes Kind wurde mir genommen, das krüpplige
blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? Man muß nicht an das denken,
was man wünscht, sondern an das, was man hat. Sie sind doch kein
Schwächling! Jedem kann es der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die
wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, was man hat.«
Mit dem Pastor kam er von da ab öfter zusammen; der baute nicht, wie
der alte Pastor, eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, sondern
hielt freundschaftlichen Verkehr mit den Bauern. Obzwar sie erst den
Kopf darüber schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen ließ und
sein Glas Bier trank, ohne viel danach zu fragen, wer bei ihm saß, mit
der Zeit leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile gut war, denn
wenn der Pastor da war, ging es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb
langweilig wurde, denn er war von lustigem Gemüt und es kam ihm selbst
auf eine quante Redensart nicht an.
Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde Sinn für etwas anderes
hatte, als bloß für Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die holte er
sich so bei kleinem zusammen.
Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf gespielt; mit der Zeit
blieben die Karten vom Tische, es wurde über Politik und andere Dinge
geredet, und zuletzt wurde so eine Art Verein daraus, in dem der Pastor
oder der neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung hatte als der
alte Mackentun, der schon einige Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus
den Büchern vorlas.
Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, der auf diese Art von seiner
Unruhe abgelenkt wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher hatte, so
lehnte Hehlmann sich Bücher über Reisen oder Kriegsgeschichten und kam
dadurch über seine dummen Stunden fort.
Bislang war auf dem Hehlenhofe in der Ackerwirtschaft alles nach der
alten Art gegangen und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine neue
Einrichtung einführte.
Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher über Landwirtschaft und
Viehzucht und dadurch bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen,
und auf die Art kriegte er wieder Freude an seiner Wirtschaft.
Er beschaffte sich Edelreiser und besserte seinen Baumgarten auf,
bepflanzte den Mergelbrink, der sich an der Bullerbeeke entlang zog,
mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, wie sie gediehen, er
ging zur Gründüngung über und konnte mehr Land bestellen als mit der
Stalldüngung, und schließlich ging er sogar an den künstlichen Dünger
und brachte es auf geringem Boden bald zu guten Erträgen.
Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um so weniger hatte er unter der
inneren Hitze zu leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den Krug
trieb, spürte er kaum mehr. Er machte sich mit den Gutsbesitzern in der
Umgegend und den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen allerlei ab. Bei
kleinem sprach es sich rund, daß er ein Bauer war, der mit der Zeit
ging, und es ging keine Woche hin, daß er nicht Besuch von Bauern oder
Landwirten bekam, die sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten.
So machte es sich ganz von selbst, daß er Beisitzer im Vorstande des
landwirtschaftlichen Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden
hatte, ergriff er bei den Besprechungen oft das Wort und schließlich
ließ er sich von dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, über
seine Versuche auf der Hauptversammlung einen Vortrag zu halten.
Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte nicht, ob er imstande war,
einen vernünftigen Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete ihm
seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine Uebersicht auszuarbeiten und
riet ihm so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so fuhr
er getrost los.
Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, als er in den großen Saal kam
und die vielen Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das Wort hat
jetzt unser zweiter Vorsitzender, der Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,«
und über vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte er, daß er ganz
wo anders war, und als er aufstand, hatte er erst einen roten Kopf;
aber dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine Hände auf die Lehne
und fing an zu sprechen.
»Meine lieben Freunde, ich bin man ein einfacher Bauer und kann meine
Worte nicht so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« fing er
an, und da wurden die vielen Gesichter auf einmal lachend und das gab
ihm Mut.
Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst nach der Väter Art
gewirtschaftet hatte, wie ihm das langweilig geworden war, und wie er
dann seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, sondern in den Büchern
gelassen habe und bei kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung zu
der anderen gekommen war.
Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von selber zuflogen, und alle
Augenblicke klappten die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen
durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart gemacht hatte oder einen
Vergleich, der zwischen seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner
Birkenbaum auf brauner Haide.
Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne daß er auch nur einen Blick
auf die Ausarbeitung warf, die er sich gemacht hatte, und als er mit
den Worten schloß: »Wenn sich einer aus meiner Rede etwas entnehmen
sollte, was ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große Freude
sein,« da gab es ein solches Händeklappen und Füßegetrampel, daß die
Fensterscheiben beberten.
Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand und hielt eine Rede, in der
er ihm im Namen der Versammlung den Dank für den Vortrag aussprach und
also schloß: »Doch das Wichtigste, was uns der Vortrag unseres Freundes
gelehrt hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das alles hat er ganz
aus sich selbst heraus!«
Ueber die Besprechung des Vortrages ging noch eine Stunde hin und
mehrere Male mußte Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der Wirt nicht
gemahnt hätte, daß das Essen fertig wäre, dann hätte man noch länger
verhandelt, so viel Anregung hatte die Rede gegeben.
Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem ersten Vorsitzenden und dem
Ehrenvorsitzenden Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im Trinken
zurückhielt, hatte er doch bald einen roten Kopf, denn von allen Seiten
wurde ihm vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich wegen der
vielen Ehre freuen oder schämen sollte.
Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, wo er es heimlich mit
Meta hielt, noch nicht wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam vor
Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, wie es ihm gegangen war, und
sie sah zu ihm auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel.
Die größte Freude aber hatte sie, als erst das Kreisblatt mit einem
Bericht über die Rede und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit
der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte es ihr auf das Herz, wie
wenig sie neben einen solchen Mann paßte.
Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, und weil die Sonne nun wieder
durch die Hofeichen schien, gediehen die Leute, und die Frau wurde
wieder meist so ansehnlich, wie sie als Mädchen gewesen war, als sie
sich noch um die Mannsleute Mühe gab.
Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen die Leute nicht mehr
von ihm zu ihr und meinten: »Na, er ist da auch man so dran hängen
geblieben.« Auch bei den Mädchen war sie in Ansehen gekommen, seitdem
sie das Schimpfen aufgegeben hatte.
Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine Zufriedenheit fand, gewöhnte
er sich auch mehr an die Kinder heran, auf die er früher wenig acht
gegeben hatte.
Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter schlachtete,
hatte an Hausarbeit und Blumen Freude.
Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von Mutterseite artete, war mehr
für den Gemüsegarten und das Federvieh.
Die eine freute sich über alles, was glatt und hübsch war, die andere
hatte ihre Freude an dem, das etwas einbrachte.
Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta war ein Mutterkind, Sophie hing
sich an den Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie an den
Masern zu liegen kam.
Kaum war sie wieder auf den Füßen, da legte sich die älteste und die
Bäuerin kam durch das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und als auch
Detta wieder in der Sonne sitzen konnte, mußte sich die Bäuerin legen,
denn sie hatte sich angesteckt.
Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß der Doktor jeden Tag
kommen mußte, aber er konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug
zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde.
Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal klar im Kopfe, sah den
Bauern freundlich an und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte.
Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber als sie nicht mehr da war,
merkte er doch, daß sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte.
Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn Detta, die sich um ihre Mutter
sehr grämte, machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie schließlich
zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen große Stücke hielt.
Sophie aber kam bald über den Tod der Mutter weg; sie ging dem Vater
überall zur Hand und konnte so besinnlich über das, was sie in den
landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, reden, daß er sich abends
keinmal mehr allein vorkam.
Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen Verein, nahm
er sie immer mit, und es war ein harter Schlag für ihn, als sie sagte,
sie wolle gern eine Zeit auf ein großes Gut gehen, um mehr zu lernen.
Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen seinen eigenen Weg ging, denn
sie war die erste Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter lernte,
als sie schon aus der Schule war. Und da Detta jetzt wieder im Hause
war und er viel um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin.
Als er zum ersten Male wieder mit den beiden Mädchen zur Kirche
fuhr, war er ganz stolz, so glatt sahen sie aus, eine ganz anders
als die andere und beide doch so, daß die jungen Leute mehr nach der
Hansburbank als nach der Kanzel sahen; und wenn sie abends zusammen
in der Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, dann ging ihm
nichts ab.
Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste der Vorsteher zu ihm
sagte: »Hansbur, den Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und
deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, werden sie bald genug
beschrieen sein. Und in die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.«
Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, die sich besser auf ihn
verstand, wenn auch Sophie mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was
hast du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.«
Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden sollte, wenn die Mädchen
heirateten. Wenn auch Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt,
denn dann kam doch ihr Mann in erster Reihe.
Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit sich herum; am Sonntag aber
sattelte er den Rappen und ritt nach dem Mittag los.
Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen konnte; die Haide war
abgeblüht und sah aus, als ob Silber darauf lag. Die Birken waren
über und über gelb und brannten in der Sonne wie Flammen und der
Altweibersommer hing in allen Fuhrenzweigen.
Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide in die Möte kam, war die
Jungmagd vom Voßhofe, ein Mädchen so schier und eben, daß ihm das Herz
im Leibe lachte. »Das ist ein guter Vorspuk,« dachte er und rief ihr
ein lustiges Wort zu.
Als er über den Knüppeldamm ritt, standen an die hundert Störche im
Bruche: »Auch nicht schlecht!« dachte er wieder.
In den Wiesen sah er einen Hasen von links nach rechts laufen. »Heute
geht nichts verkehrt,« sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg
entlang, daß es nur so mülmte, und als drei Handwerksburschen ihn um
einen Zehrpfennig angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden.
Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe ankam. Der Hof sah
schnicker und ordentlich aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett
und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« und auf dem Torbalken
war zu lesen: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf der
Deele wurde ein geistliches Lied gesungen.
Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das Singen auf und der Diesbauer
ging auf ihn zu. Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er
hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, und obzwar er damals selber
kein leeres und kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer mochte er
darum doch nicht leiden. Dieser Mann hier aber war ein anderer geworden.