Dem Bauern ging es viel näher. Nun war er so kahl wie ein Birkenbaum

vor dem Winter. Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; er hatte

einen Mund und Augen wie ein alter Mann. Zu keinem Menschen konnte er

sich aussprechen, und darum fraß es so an ihm.

Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an Meta. Er hatte das Korn

fortgeschüttet und das Kaff aufgehegt.

Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem Mädchen nieder. Er hatte es nicht

anders erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, und dann, weil

sie die ganze Zeit über so schlecht aussah.

»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er über die Haide ging, in der

die Birken so gelb wie Gold waren. Der Wind riß die alten Blätter von

ihnen ab und trieb sie über den Dietweg.

»Was habe ich von dem wilden Leben gehabt?« Miken, die

Piewittskrügerin, Trina und die anderen, er hatte jetzt nichts davon,

als einen schlechten Nachgeschmack.

Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die Zeit gewesen, wo er und

Meta Liebesleute waren. Er war dumm gewesen, mehr als dumm und schlecht

obendrein.

»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte er. »Eine Frau, die ich nicht

sehen kann, und keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind kam, das

wußte er, es würde auch ein Mädchen werden.

So wurde es denn auch. Zwei Jahre später war noch ein Mädchen da. Er

hatte es vorausgewußt, aber es war doch ein harter Schlag für ihn.

Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte Zeit immer stiller geworden;

sie hielt sich ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo sie

konnte. Sie hatte einmal mit anhören müssen, wie die Großmagd zu

Durtjen sagte: »Der Bauer kann einen dauern; was hat die Frau bloß aus

ihm gemacht!«

Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber ein Bild von Mensch. Wenn sie

mit hochgesteckten Röcken nach den Ställen ging, mußte der Bauer hinter

ihr hersehen.

Und sie sah hinter ihm her. Es war kein Mann auf dem Hofe, der gegen

ihn aufkam. Der erste Knecht war versprochen, der zweite gehörte zu den

Stillen im Lande und sah an jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte

zählten nicht mit.

Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine schöne Stimme. Wo sie ging

und stand, sang sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das bald

spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens Liebeslieder, und wenn sie dem

Bauern einen Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte: »Merkst du

was?«

Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; er wollte keine neuen

Heimlichkeiten, er hatte ganz genug an den alten; so wurde er von

Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich gleich und war immer

freundlich zu ihm, und wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte,

es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, denn trotz allem: er war

doch noch ein junger Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für den

Durst.

Er war aber immer gut zu ihr, denn sie tat ihm leid, und er sah, daß

sie alles tat, um ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie sich

zu stellen gewußt und die war froh, daß es jetzt sinnig auf dem Hofe

zuging.

»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß ihren Mann in die Rippen,

daß er vor Angst an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut du es

hast, daß ich dich genommen habe. Denk' mal bloß, du wärest der Bauer

und hättest diese Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man kann nicht

recht froh darüber werden. Es ist ein Kreuz und ein Elend, daß Meta

damals hier wegmußte.«

Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe gewesen; Durtjen hatte sie noch

einmal besucht und sie wohl und munter angetroffen. Sie hatte das Leit

in die Hände genommen und ihre Schwägerin, die immer noch nicht so

ganz in die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, und der Bauer war

froh, daß Meta das Regiment führte. Von früh bis spät war sie im Gange:

sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder an; bei der Arbeit

war sie über ihre Gedanken weggekommen und war wieder so hübsch, wie

früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden.

Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie hörte, war nicht danach,

daß sie Freude daran hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge

verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die ein ordentlicher Mann

hingehörte; dann hatte sie auch vernommen, daß er zu viel auf die Jagd

gehen sollte und oft mehr trank, als es gut war; und mit den Karten

befaßte er sich auch.

Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da wurde es ihr klar, warum

ihr Göde, wie sie ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn

gekommen war. »Freude kann er an der Frau nicht haben,« dachte sie;

»vorzüglich, wo er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.«

Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. Die beiden Kinder gediehen,

aber da es keine Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum.

In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil von da aus das Unglück

gekommen war; zudem verkehrten da jetzt meist nur Knechte und fremde

Völker.

Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; er ging nur mit der Büchse

los, wenn das Wild ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen

Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er an den Oberförster

verpachtet; er wollte damit nichts mehr zu tun haben.

Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn er in den anderen

Wirtschaften einkehrte, trank er, bis ihm die Augen klein wurden und

ging dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage schämte er sich.

Als er im Bruche Grummet auflud, nahm Anna ab. Es war ein

Hauptheuwetter an dem Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen

haben und das ganze Bruch voll von Lachen und Juchen ist.

Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof annahm, sah sie ihm in die

Augen. Der helle Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre Arme,

das war eine wahre Pracht, wie rund die waren und so schön braun.

Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr unter einer krausen Fuhre,

und es fiel ihm auf, wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß,

denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften hatte essen sehen, war es

ihm zuwider, wenn einer hörbar oder hastig aß.

Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein süßer?« fragte sie und sah

ihn aus kleinen Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte er die

Flasche hin und nahm sie in den Arm.

Hinterher war er es, der an die Folgen dachte, aber das hübsche Mädchen

lachte und sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten

mache; dafür kann ich dich viel zu gut leiden. Da hast du meine Hand

drauf.«

Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: »Es ist nicht wegen mir, aber

du bist zu schade dafür.«

Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist schade? Soll ich warten, bis

ich alt und kalt bin? Was sein muß, das muß sein.«

Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue Heimlichkeit nahm die alte

weg, und er hatte jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich

sprechen konnte.

Seitdem das erste Kind gekommen war, schlief er wieder für sich und so

war es ihnen leicht gemacht, zusammen zu sein.

Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die Bäuerin etwas merkte, aber sie

sagte nichts. Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam er sich

schlecht vor.

An einem Sonntag war er ganz allein mit Anna auf dem Flett und sie saß

auf seinen Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht auf die Zeit

gepaßt und so kam es, daß die Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte

sich sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh gleich mal nach, ob

Eier da sind; wir wollen Pfannkuchen backen.«

Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen hatte, nur daß sie den

ganzen Abend nicht aufsah.

Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen; er schämte sich vor seiner

Frau. Hätte sie Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht nicht so

aufgestunken.

Am Morgen ging er der Magd in den Stall nach. Sie schlug die Augen

unter sich, als er kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr ging es

nicht anders, als ihm.

»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun aufhören mit uns. Kommt es

rund, dann bist du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und dabei wies

er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, »das Herz nicht noch schwerer

machen. Sie trägt schon schlimm genug daran, daß wir keinen Jungen

haben. Du mußt fort von hier.«

Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging auf und ab und die Tränen

liefen ihr aus den Augen.

»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, »du weißt, ich kann dich

leiden; gerade deshalb mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer auf der

Welt und was ich dir an dem Tage beim Grummet sagte: du bist zu schade

für eine Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und nun nimm mir das

nicht vor übel: du bist ein armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle

und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse so viel für dich auf,

daß du eine gute Aussteuer und noch was in der Hand hast und das kannst

du abheben, so bald du einen ordentlichen Kerl findest. Schwer wird dir

das ja nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau auf und siehst

dich nach was anderem um.«

Er gab ihr die Hand, drehte sich um und ging lauten Schrittes durch den

Stall, denn wenn er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die Macht

über sich.

Am Abend ging er in den Krug, trank aber so gut wie nichts und ging bei

Dunkelwerden fort.

Es war der erste schöne Märzabend und die Mädchen gingen untergehakt

über die Straße und sangen eins von den Liedern, die der Pastor nicht

haben wollte.

Langsam ging er den Pattweg durch die Haide und dachte an die Nacht

nach dem Erntebier, als er mit Meta hier gegangen war. Wie lange war

das schon her! Damals sah er über die Fuhren weg; heute konnte er das

nicht mehr.

Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich um. Am Himmel stand der halbe

Mond und alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte vor ihm und

polterte in die Fuhren, und vom Hofe her rief die Eule; es war ganz so

wie an jenem Abend.

Das Herz wurde ihm schwer; nun war er wieder ganz allein. Aber es mußte

sein; zu sehen, wie sich seine Frau unter die Erde grämte, das ging

nicht. Wenn sie von Anfang an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er

mit ihr ein ganz gutes Leben haben können.

Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich auseinandergewöhnt. Seine

Schuld war es nicht, aber es traf ihn mit.

Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen die Deckenbalken. Sie waren

so angeordnet, daß es wie ein ~AH~ aussah, und dem Bauern fiel es ein,

daß das Mädchen eine Nacht, als es mondhell war, ihm zugeflüstert

hatte: »Kiek, da steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das barsch

verwiesen hatte.

Er seufzte tief auf und warf sich hin und her; das Lied, das die

Mädchen im Dorfe gesungen hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne:

Und du bleibst bei mir,

schläfst bei mir,

schläfst die liebe lange Nacht bei mir,

ju, ja, Nacht bei mir

im dustern Kämmerlein.

[Illustration: Der Blaurand]

Der Blaurand.

Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand aus, als sie der Bäuerin die

Hand gab.

Als das Mädchen aufsagte, meinte die Frau zu dem Bauern, ohne

aufzusehen: »Sie wird uns schwer abgehen, so fix wie sie bei der Arbeit

war.«

Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr Mädchen, die arbeiten können. Wer

fort will, den soll man nicht halten.«

Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als das Nötigste mit ihr

gesprochen.

Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann durch das Dorf. Als er

an dem braunen Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein: »Weißt

du schon, daß der junge Herr vom Gute sich umgebracht hat?«

Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?«

Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es eben erzählt; er hat es gestern

in Celle gehört. Es soll um das rote Miken gekommen sein. Mit der hat

er es immer noch gehalten, auch nachdem er schon befreit war, oder

vielmehr, das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem er zu

Gelde gekommen war, und da hat sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht.

Schade, es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah er ja meist was

still aus.«

Abends sah Trina ihren Mann immer von der Seite an, aber fragen mochte

sie nicht, denn sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich kam

er von selber mit der Sprache heraus und als wenn er zu sich selber

redete, sprach er vor sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das kommt

von den Heimlichkeiten; ein verheirateter Kerl muß klare Bahn um sich

haben, sonst tut das kein gut.«

Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in die Augen und brachte es

fertig, ihm die Kinder zu bringen und sich dicht bei ihm zu stellen,

wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es bei kleinem zwischen ihm und

ihr halbwege richtig.

Aber auch nur halbwege, denn die Liebe fehlte und das Vertrauen.

Hehlmann konnte es sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten

konnte, aber bei Trina brachte er es nicht fertig. So blieb er im

Grunde ganz für sich und war ärmer als der ärmste Knecht.

In der hillen Zeit merkte er davon wenig, wenn die Arbeit aber

nachließ, kam die Unruhe wieder über ihn und dann blieb ihm nichts

übrig als zu trinken.

Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug er einen gehörigen Stiefel

voll, aber unglücklich, wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier

und der Schnaps das Geblüt und wenn er seine Ladung hatte, dann stieg

ihm der Ekel über sich selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um und

dann warf er mit dem Gelde um sich und spielte bis in den hellichten

Morgen.

Am anderen Tage war ihm dann zumute, als müsse er sich in die Erde

verkriechen und ihm wurde nicht eher besser, als bis er von neuem

hinter dem Blaurand saß.

Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten Kruge, einen gefährlich

großen Wachtmeister mit doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen im

Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, wie der Hansbur sie hatte,

dazu gehörte, daß er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas stand

auf dem Bört über dem Tische, an dem er immer saß und kein anderer

durfte daraus trinken.

Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf dem zwischen zwei Palmblättern

zu lesen stand: Liebe mich allein oder lasse ganz es sein.

An einem schmählich kalten Dezemberabend war er nach der kalten Flage

gegangen, um auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der Jagd auch nicht

so viel mehr machte als vordem, er brachte doch den Abend damit hin,

denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen und nichts zu sagen;

denn außer über alltägliche Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in das

Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine Art hatte. Wenn sie sich

auch noch so viel Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte nicht

weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus.

So saß er denn in seinem Anstandsloche und sah auf den Schnee, bis es

ihm bunt vor den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind kam scharf von

Morgen, und um sich warm zu machen, nahm er ab und zu einen Schluck.

Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit der Kälte und da sich der

Wind auch gedreht hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter auf

die Sauen paßte, und deshalb ging er nach dem alten Kruge; da saß

schon der wilde Meyer, der rote Schmidt und der Müller.

Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde Meyer auf und hielt eine

Rede auf Hehlmann und dann brachte er ihm ein Horüdho nach alter Art

aus, daß ihm das Maul schäumte, und die anderen, die alle Jäger waren,

gaben Hals wie eine vollzählige Meute.

»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote Schmidt, »jetzt wird

Hatten Lena gespielt, daß die Haide wackelt.«

Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem fort gesungen wurde: »Hatten

Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen mal din

Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; un wenn du noch wat owar hest, so

lang man her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal

to'n Finster rut.«

Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein Krug, je nachdem, was

getrunken wurde, und da waren mit Kreide Striche angemacht, und wer

verspielte, mußte bis zu dem nächsten Striche trinken und ein Stück

Geld in die Pinke schmeißen.

Na, das ging dann nun los und es traf sich, daß Hehlmann fünfmal

hintereinander trinken mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept

vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen Schuß Wasser. So kam denn ein

großmächtiger Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht lange, da

hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, vorzüglich der Hansbur, der sich

in der kalten Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein doppeltes

Loch riß.

Als der Stiefel leer war, schrie der rote Schmidt, der mit Getreide

handelte: »Auf einem Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n Adebar

ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der ledig war, hieß es: »Aller

guten Dinge sind drei,« und der Krüger füllte von frischem auf.

Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür auf und der Sägemüller

Vodegel kam herein, derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule

Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen hatte, als sie noch Jungens

waren, und auf den dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die

Ohrfeige behalten mußte.

Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er hatte im braunen Roß eine

Wette mit vertrinken helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er

seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte.

Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so eigen mit dem Glase und dem Kruge

war, langte er sich den Blaurand und den Krug von dem Bört, schenkte

sich einen Schnaps und Bier ein und prostete die Gesellschaft an.

»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? Du weißt doch, daß das meins

ist!« rief der Hansbur ihm zu.

»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« antwortete der

Sägemüller, »das schadet dem Glase nicht und dir nicht.«

Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich sage, du stellst das Glas hin,

ich trinke nicht mit jedwedem aus einem Glase!«

Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl bloß Grog?«

»Das kann ich machen, wie ich lustig bin. Setz' das Glas hin!«

»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und überhaupt, befehlen lasse ich

mir von dir nicht.«

Damit setzte er das Glas an den Mund, aber ehe er zum Trinken kam,

schlug ihm der Hansbur das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs

auf den Estrich fiel.

Er stand aber gleich auf, wischte sich das Blut von dem Munde und ging

hinaus.

Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die anderen sagten nichts, denn

Hehlmann sah zu gefährlich aus, und als der Müller aufstand, gingen sie

alle.

Als der Hansbur allein war, lachte er vor sich hin; nun hatte er die

Ohrfeige bezahlt.

Je länger er aber ging, um so mehr schlug es in ihm um, denn die

scharfe Luft und der Grog hatten ihn zwischen sich und als er in

der Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee standen, war ihm

hundeelend zumute.

Wie ein Stromer hatte er sich benommen; ohne Not hatte er zugeschlagen,

und einen Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und dann sah er sich

da sitzen und saufen und bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn

so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte.

Da sah er, daß er das Gewehr bei sich hatte; es wurde ihm schwarz vor

den Augen, er nahm es von der Schulter, zog den Hahn über, stellte den

Kolben in den Schnee, hielt die Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit

der Stockzwinge den Abzug durch.

Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der hieß Widu und hing sehr an dem

Bauern. Der hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht, und als er

zurücklief, kam er unter dem Winde da vorbei, wo Hehlmann lag.

Er lief hin, roch an ihm herum, und als er das Blut spürte, heulte er

los und lief so schnell wie er konnte nach dem Hofe und bellte den

Knecht heraus.

Der verwies ihm erst das Bellen, als der Hund sich aber immer

gefährlicher anstellte, ging er hinter ihm her und fand den Bauern im

Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die anderen Knechte und auf einer

Wagenleiter trugen sie den Bauern in das Haus.

Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder zu sich; er hatte nur einen

Prellschuß über dem linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief bis

in den hellichten Tag hinein.

Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach und nach alles ein, was

sich begeben hatte, und er wünschte sich, daß er besser getroffen

hätte, so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die Leute an ein

Unglück glaubten und nicht daran dachten, daß er Hand an sich gelegt

hatte.

Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, wie das mit der Schlägerei

gekommen sei. »Der Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte er;

»er hat ein Maul wie ein Baumaffe!«

Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal abgehalten und folgender Spruch

gefunden: »Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er angefangen

hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung hat er nicht davongetragen.

Item: es ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu ziehen.«

Aus dieser Gefahr war der Hansbur also heraus; um so schlimmer ging er

mit sich selbst zu Gerichte.

Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so getroffen, wie er es

vorhatte, dann lebte der nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges

Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der Grog! Weswegen hätte er beinahe

Schimpf und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn er die letzte

Nacht das Gewehr anders gehalten hätte? Weil er angetrunken war! Warum

quälten Trina und er sich miteinander hin? Weil er damals beim Trinken

nicht hatte Maß halten können.

Es war ein Sonntag; der Wind trug das Kirchenläuten heran. Heute war

die Reihe an ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; aber so, wie er

aussah, konnte er dem Pastor nicht unter die Augen gehen. Eine Schande

war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so aufzuführen.

So dachte er, und als er allein war, schlug er die Beilade auf, um die

Bibel herauszulangen. Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt oft

darin. Aber das Hausbuch lag da und das nahm er sich und setzte sich

damit in den Backenstuhl hinter den Ofen.

Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, um die Todestage der

Eltern, seinen Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben;

jetzt las er es von oben bis unten und immer mehr wurde es ihm

sichtbar, daß er auf dem besten Wege war, einer von denen zu werden,

deren Namen in dem Buche nicht mit Ehren genannt werden konnten.

Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 durch den Branntwein

zum Mörder geworden war und dem der Henker den Kopf abgeschlagen

hatte; er stellte sich vor, wie es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe

ausgesehen habe, und er machte einen neuen Strich in sein Leben.

Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe war, hatte er stand gehalten, und

wenn ihm auch noch so blanke Augen gemacht wurden; und so wollte er es

hinfort auch mit dem Schnaps halten.

[Illustration: Herzbube]

Herzbube.

Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten meinte er, er müßte verrückt

werden, oder etwas Schlimmes anstellen, wenn er sich nicht ab und an

volltrinken könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem Leibe, die erst

wegging, wenn er in lustiger Gesellschaft war.

Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn Gewitterluft war oder das Wetter

umschlagen wollte oder Vollmond war; dann hatte er dunkle Augen und

einen unruhigen Blick und konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was

sonst nicht seine Art war.

Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt fort, und wenn er im Galopp

über die Haide ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, was er

damals bei der Verlobungsfeier in Hohenholte über sich gehört hatte.

Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, und als er hinter der

Hagebuchenhecke stand und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß

die Herren über ihn redeten.

»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister gesagt; »aber glücklich

ist er nicht. Der müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen kann.«

»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, als ob man einen von den

alten Longobarden sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, sich

die Lappen und Eskimos ansahen, die hier herumkrebsten, und sagten:

›So, nun willt wi erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen Betrieb

infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem Eroberer in sich.«

Es ist wahr, dachte er, als er so über die Haide ritt; Tag für Tag

dasselbe, heute säen, morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er nur

einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, wie ihm um das Herz war.

An Meta dachte er nicht; das war lange vorbei. Zum Piewittskruge ging

er nicht; da wollte der Mann sein Geld und die Frau, die war hübsch,

aber schlecht und dabei dumm. Takelzeug war es.

Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht gewesen, aber der hatte doch

Verstand für ihn gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte die jetzt

sein? Wenn er an den Morgen dachte, als er ihr im Stall sagte, sie

müsse vom Hofe, dann tat ihm das Herz weh.

Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, einen Menschen treu wie

Gold, und er hatte ihn fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand er

da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den die anderen vom Rudel

abgeschlagen haben.

Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte sich in die Bügel und sah

über das Bruch, das von dem blühenden Post rot und gelb war. Ihm war,

als müsse er da einen Feind sehen und ihn über den Haufen reiten.

Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide · 第 5 / 8 段