Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen und darum stellen sich die

Jungens ihretwegen so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was ihm

früher dunkel geblieben war.

Auf einmal mußte er lachen: was wohl die anderen Jungens sagen würden,

wenn die das wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als wenn er sich

schämen müßte. Wie Wolf das wohl aufnehmen würde?

Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht hatte, als ihnen in

der Haide die beiden Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt

hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte Jungens! Fiken, was

meinst'e, das wären so'n paar Aeppel für'n Durst!«

Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und leise gesagt: »Pfui Deubel!«

Als er nach Hause kam, fand er im Flett ein Mädchen vor, das beim

Feuer kniete, so daß ihr Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er

eintrat, sah sie auf.

»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die Mutter; »das ist Meta

Dettmer. Vertragen werdet ihr euch wohl.«

Meta stand auf, wischte sich die Hand an der Schürze ab und streckte

sie Göde hin. Der wunderte sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände

waren heiß gewesen.

Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte sie ansehen, denn sie war

so flink und doch so ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen,

sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein langes, rotes Haar, das an

seinem Aermel hing, fort.

Und da steckte sich Göde rot an und ging schnell fort.

[Illustration]

[Illustration: Der Blumengarten]

Der Blumengarten.

Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am Toten Orte, sogar noch im Herbst.

»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines Abends, »du mußt anders flötjen.

Der Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der Wigelwagel noch

nicht fort ist.«

Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte Art. »Was für Stimmen

kannst du noch? Das beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz

hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht her ist, und abends

die Eule.« Sie machte den Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.«

Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß es ihm heiß über den

Hals lief: »Ich glaube, du flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun

schläft auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß mein Kammerfenster

aufzustoßen. Die anderen merken nichts, die schlafen alle nach vorne.

Komm' gleich heute Abend!«

Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er dachte daran, daß Miken um den

Bock wußte. Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich stahl er

sich wieder hinein.

»Junge, was hujahnst du in einem Ende?« fragte der Bauer, als sie bei

der Morgenzeit saßen.

»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die Mutter und sah ihm nach, als

er aufstand und dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der Vater.

Und ein ganz anderes Gesicht hatte er gekriegt. Ja, ja, aus Kindern

werden Leute!«

Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt auf dem Hofe stand

und mit Meta sprach, sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz

blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing ein rotes Haar von

Miken.

Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus dem Wege, und als sie

ihm beim Frühstück gegenübersaß, sah er, daß sie rote Augen hatte.

Er dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein Sinn war bei der

anderen.

Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner Dönze ging, sah er erst

seine Jacke nach, ob er nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort,

denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor Meta schämen müsse, wenn

sie wüßte, mit wem er sich abgab.

Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, mehr als vor Vater und

Mutter. Das Mädchen hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in der

Sonne über den Hof ging, so leicht und so schnell, dann mußte er immer

hinter ihr hersehen.

Meist war sie ernst und still, denn sie konnte es so leicht nicht

vergessen, daß sie in drei Tagen Vater und Mutter hatte wegsterben

sehen; wenn sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn die Sonne in

einen dunkelen Wald kam.

An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom Lichteloher Kruge, wo er

gekegelt hatte, nach Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er

eine große Unruhe in sich und dachte immer daran, daß es noch mehrere

Stunden hin wären, ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat ihm

wieder Meta vor die Augen; er ging schneller und hatte dabei das

Gefühl, als könne er die andere nicht mehr so gut leiden.

Wenn er sie sich genau besah, so war ihr Haar meist unordentlich und

Löcher hatte sie wohl immer in den Strümpfen. Meta war nun schon

einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal hatte er gesehen,

daß ihr Haar wild oder sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie

sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, und wenn sie auch beim

Schweinefüttern war.

Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich denken sollte, daß Meta bei ihm

im Busche längelangs auf dem Leibe liegen und an einem Reethalme kauen

könnte, und es war ganz unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den

Anfang machen werde, wenn sie einmal eine Liebschaft hätte.

Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über die Haide, die ganz grün

von dem jungen Birkenlaub war.

Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er gehört, was der Vater mit

der Mutter redete: »Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,«

hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf dem Hofe.«

Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine Meinung; eine bessere Bäuerin

kriegt der Hehlenhof nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge anderswo

was hat; ich wüßte bloß nicht wo. Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er

nichts.«

Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann meinte er: »In den Jahren ist

er. Aber wo sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, daß er im

Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen ist mir das aber noch nicht

weiter. Aber wenn aus ihm und der Meta was wird, ich könnte keine

größere Freude haben. Nach dem Alter passen sie gut zusammen und sonst

stimmt auch alles.«

Göde ging weiter. Nein, er wollte heute Nacht nicht nach der Mühle. Die

Geschichte mußte ein Ende haben.

Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so gut abgelaufen war, denn

wenn er sich denken sollte, daß er das rote Miken einmal freien müßte,

nein, das war keine Möglichkeit. Die als Bäuerin da, wo seine Mutter

war, das ging nicht.

Da hörte ein Mädchen von einem großen Hofe hin, nicht so eine wie

Miken, die das Magdsdenken nicht verlernen konnte, und die nur dann

arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu gekriegt wurde.

Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen, vorzüglich, wenn

er daran dachte, wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf dem

Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die im Dorfe im Quartier lagen.

Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm mit einmal nicht mehr

schmecken. »Morgen darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich

gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.«

Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. Da steckte etwas hinter.

Und wenn er es so recht besah, bald wollte sie dies und bald das,

heute Haubenspitze und morgen ein Fürtuch, und neulich hatte sie davon

gesprochen, was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel habe.

Es war ihm ja nicht um das Geld, aber es kam ihm doch wunderlich vor.

Und jetzt fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte Mal in der

Kirche umgehabt hatte, das hatte Krischan Holtmann für zwei Taler beim

Krämer erstanden, just als Göde Balkennägel geholt hatte. Er mußte rein

blind gewesen sein die ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem

Allermannslottchen nichts mehr wissen.

Er ging noch schneller; er wußte, daß außer Meta niemand auf dem Hofe

war, denn Vater und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, und die

Leute waren im Dorfe.

Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über das Stegel stieg. Die

Maisonne fiel durch das frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange,

der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen sang.

Göde schüttelte den Pferden Futter auf und gab ihnen zu trinken. Gerade

zog er die Stalljacke aus, da war es ihm, als wenn er einen Gesang

hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, daß es Meta war.

Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen hören und immer ganz leise

und bloß, wenn sie allein war. Heute aber war ihre Stimme klar.

Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem Hause, und das Lied, das sie

sang, war ein Lied, das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. Hell

kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie sein Herz unruhig wurde.

Er ging nach dem Blumengarten und sah Meta bei den weißen Lilien

stehen, die seiner Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und

las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete in der Sonne.

Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so stehen sah, so frisch und

sauber und so ruhig und bedachtsam.

Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose bewachsen, und so vernahm sie

es nicht, als er hinter sie kam, und erst als er den Arm um sie legte

und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« fuhr sie zusammen und wurde ganz

rot im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie schon wieder wie

sonst, nur daß ihre Augen noch blauer waren als gewöhnlich.

Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du nicht wieder in den Krug?«

Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, Meta, ich will hier

bleiben,« und dabei atmete er schwer.

»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr Brusttuch auf- und abging,

und sie bald rot, bald weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die

grüne Bank.

Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta sagte: »Das Moos muß auch

mal weg. Es sieht so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.«

Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, und sie lachte: »Was du für

eine Hand hast, Göde, als wie ein Heidbrink.«

Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht dagegen aus, wie das Kalb

neben der Kuh. Aber arbeiten kann sie deswegen doch.«

Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer auf der Diele gegangen.«

Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, faßte er sie um, zog sie

auf den Schoß, schlug seine Arme um sie und küßte sie ein über das

andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und sie stöhnte: »Göde,

Göde, nicht so wild; mir geht ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am

Kopfe aussehe!«

Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; du siehst immer fein aus.

Keine sieht so glatt aus als wie du,« und dann fing er wieder an, sie

zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem Male die Augen überliefen

und sie ihn umfaßte und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut ganz

wild machte. Und dann sprang sie auf und ging in das Haus.

Göde ging ihr nach und fand sie vor der Eimerbank stehen und aus der

Schöpfkelle trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er lachend; »ich

auch!«

Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. Aber dann faßte er sie wieder

um, küßte sie und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du glaubst gar

nicht, wie gern ich dich habe. Hast du mich auch so gern?«

Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel sie ihm um den Hals und ließ

sich von ihm küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen Willen, und er

fühlte, wie ihr Herz klopfte.

Sie fuhren auseinander; draußen gingen Schritte. Der Bauer und die

Bäuerin kamen zurück.

»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte die Mutter über die

Halbtüre; »das ist ja mal nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im

Kruge, Göde.«

Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau ihn schnell von der Seite

ansah, wußte sie, daß er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh

darüber war.

»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte ihr Sohn; »der Fuchs will

immer noch nicht so recht fressen. Wo ist denn der Wagen?«

»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« antwortete der Bauer. »Er ist

zu Meyers gerufen, die Altmutter ist schwer krank geworden; wir trafen

ihn gerade, als er auf dem Steinbrink war. Dem alten Mann wird der Weg

hin und her zu weit.«

Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, und als Göde sie anredete,

wurde sie über und über rot.

»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im Bette lag und dabei stieß er

seine Frau an, »ich glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh

gekommen.«

Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich erst beim Kopfe haben, das

andere findet sich. Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst auch

so ein Stoffel.«

Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als wie ich, wird der Junge sich

wohl nicht anstellen.«

Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du noch damals?«

Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: »Schweig bloß still; ich schäme

mich heute noch halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was willst

du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den Arm unter ihren Hals schob,

»wir sind doch reichlich alt genug für solche Dummheiten. Wenn das die

Kinder wüßten!«

Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, was die jetzt tun.«

Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem Bette; sie hatte die Hände

gefaltet und dachte weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn

habe!«

Nebenan in der Dönze warf sich Göde in seinem Bette hin und her und

wußte nicht, wo er den Schlaf hernehmen sollte.

Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, aber er scheute sich

davor, und so lag er mit offenen Augen da, drehte sich von einer Seite

auf die andere und hörte immer das Lied, das sie im Blumengarten

gesungen hatte:

Ick set woll up den Breedensteen

Un harr min Ogen so recht beweent.

De annern Dirns kregen all 'n Mann

Un ick müß sitten und seg dat an.

Ick müß min Hoor up den Puckel slahn

Un noch en Jahr as Jumfer gahn.

[Illustration: Die Eule]

Die Eule.

Zwei Heimlichkeiten waren von diesem Maitage an auf dem Hofe.

»Hier ist eine geheime Braut im Hause,« sagte die Großmagd eines Abends

zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.«

Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz an der Dönzenwand: »Das große

Brautlaken ist da auch schon.«

Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl wesen, Durtjen. Oder will Hermen

nicht so, wie er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!«

Meta hörte durch die offene Dönzentür das Gespräch und als sie in den

Spiegel sah, sah sie, daß ihr das Blut im Gesicht stand.

»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« hatte vor ein paar Tagen

der Rittmeister gesagt, als er sie in der Haide antraf.

»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah noch einmal in den Spiegel.

Ein Wunder war es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, wo sie

auch war, Göde hinter ihr stand und sie in den Arm nahm.

Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist etwas laurig aus und sah sie

an, als wenn er etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen.

Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, was ihm fehle.

Aber noch eine andere Heimlichkeit war im Hause. Als der Juli kam, ging

der Bauer mit seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld und trieb

seinen Roggen an.

»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr alles wächst. Das machen die

Maigewitter. Mairegen bringt Wachstum.«

»Was hast du, Mutter?« fragte er dann, denn als er sich umdrehte, sah

er, daß sie heimlich lachte und bis in das Haar rot wurde. »Worüber

lachst du?« fragte er noch einmal.

Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« sagte sie, »mir fiel bloß

was ein.«

Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie sich nahe an ihn heran und

sagte leise: »Jochen, ich muß dir was sagen.«

Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so schüchtern und verwundert fragte

er: »Na, Dirn, was hast du denn? Ist dir nicht gut?«

Sie zog seinen Kopf an sich heran und flüsterte: »Mußt's aber auch

keinem wiedersagen, Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt du noch

den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, wie sie sich umgefaßt

hatten?«

Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein Unglück wäre das ja auch

nicht.«

Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: »Ach nee, Jochen, da

nicht, aber bei uns.«

Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf die Art! Ja, wer A gesagt

hat, muß B sagen. Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe ist

ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. Man schade, daß es sich so

versäumt hat, es konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.«

»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er dann; »denke ja nicht, daß

es mir nicht recht ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.«

Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die Augen und als sie immer

mehr an zu weinen fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, wie

ein Vater sein Kind.

Am andern Morgen aber, als er über den Hof ging, flötete er das

Brummelbeerlied. Die Großmagd sagte zum Großknecht:

»Was hat denn der Bauer? Den habe ich ja meinen Tag noch nicht flötjen

hören!«

Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich erst um Verlaubnis fragen?«

Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta eines Sonntags früh bei der

Bäuerin im Flett, als die Frau auf einmal weiß wie die Wand wurde, so

daß das Mädchen schnell zusprang, sie umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf

und ihr ein Glas Wasser gab.

Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta ihr den kalten Schweiß

von der Stirn wischte, zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf

die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber nichts.

Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im Blumengarten. Meta freute sich,

daß die Tante wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die Frau an:

»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich gedacht heute morgen, als

mir das zustieß?«

Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das kann ja wohl mal bei jedem

kommen.«

Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja doch wissen, darum will ich es

dir lieber gleich sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet kann

ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf freien Füßen bin, und du weißt,

große Hitze vertrage ich so schon schlecht.«

Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach Tante, das ist ja schön.

Bloß ein Kind, das ist auch viel zu wenig für einen großen Hof. Freust

du dich denn nicht? So spät, das ist doch ein doppeltes Gottesgeschenk!«

Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, faßte Meta um die Schultern,

drehte ihr den Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der Bauer gesagt

hat, als ich ihm sagte, daß hier im Hause was fällig ist?«

Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, zog ihren Kopf ganz dicht an

sich heran und flüsterte ihr ins Ohr:

»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne gehabt.« Und dann lachte

sie ganz unbändig.

»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, über und über rot; Tränen

standen ihr in den Augen.

Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie wieder neben

sich, nahm sie in den Arm und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du

und Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen.

Umsonst würd'st du nicht von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du man

so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. Na, uns ist es recht;

eine bessere Tochter wünschen wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid

ihr ja noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist. Also, wie ist

es mit euch?«

Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter der Frau und sagte:

»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.«

Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das ist schön, meine Tochter.«

Dann sah sie ihr listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann müssen

wir ja wohl eine neue Wiege machen lassen, denn eine haben wir man.

Na, na, schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor auch redet, das

ist sicher: zur Eingehung einer christlichen Ehe reicht der feste Wille

aus. Das hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei Monate nach der

Hochzeit da.«

»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, als das Mädchen weiß und rot

durcheinander wurde und ihm der Atem hin- und herging; »nu mal heraus

mit der Sprache! So schlimm wird es doch wohl nicht sein, daß du zu

liegen kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?«

Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, es ist nicht an dem. Ich

bin nicht anders, als ich aus der Schule kam.«

Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf diese Art! Darum sieht der

Junge so laurig aus. Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich nicht

oder was ist sonst?«

Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann sagte sie

nur: »Stell die Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, Meta!«

Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, willst du nicht nach Plesse hin,

da ist heute Erntebier?«

Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, was soll ich da?«

Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was gehört? Was er da soll?

Tanzen sollst du und lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt

jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die Taschen voll Taler

und laß die Musiker spielen, bis ihnen die Arme runterfallen, und

trinke eine Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken kommst! Und nimm

Meta mit, der tut es auch mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr

werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so krumm und schief wie die

Machangeln auf der Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder nicht?«

Das Mädchen stand vor dem Fenster und bückte sich, als wenn sie etwas

verloren hätte, damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht aussah.

»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann.

»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir zumuten, du solltest

heute am heiligen Sonntag den Schweinestall ausmisten,« rief die

Bäuerin lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an und denn zu! Als

ich noch Mädchen war, brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen. Ich

glaube, heute noch nicht!«

Und dann lachte sie verlegen, denn Meta hatte ihr ein paar Augen

gemacht, als wenn sie sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst,

dann sage ich, was ich weiß!«

Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe ankamen, war der Tanz

schon im Gange und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen konnte

man kaum die Musik hören.

Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta ankam, denn Göde machte

sich seit dem Mai rar und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten,

trotzdem sie besser tanzen konnte als die meisten Mädchen.

Aber heute konnte sie gar nicht zugange kommen, weil ihr unfrei zu

Sinne war, und Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in die

Dönze und tranken ein paar Glas Wein.

Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde warf den Musikanten

einen Taler hin und bestellte einen Bunten, und hinterher einen

Kontrazweitritt, und als sie erst einmal im Gange waren, kamen sie aus

dem Tanzen nicht mehr heraus, und sogar Meta sang die Tanzlieder mit

und trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller.

Es war schon Nacht, als sie nach Hause gingen. Der halbe Mond stand am

hellen Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. Die Luft war weich

und warm und kein Lüftchen rührte sich.

Eng aneinandergedrückt gingen die beiden Liebesleute über die Haide,

einer den Arm um die Lenden des anderen und die Hände ineinander.

Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: »Wie schön war es heute und

wie schön ist es noch!«

Göde drückte sie noch fester an sich und sagte: »Und wird noch schöner

werden, Meta,« und voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf noch

mehr gegen seine Schulter lehnte.

Schweigend gingen sie weiter; Göde streichelte ihre Hand und flüsterte

ab und an: »Meta, meine liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen.

Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen hatte, schreckte laut. Das

Mädchen fuhr zusammen.

»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was hätte ich mich sonst

verjagt. Letzte Nacht, als die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der

kalten Angst.«

Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der diesigen Luft wird die Eule

heute Nacht wohl wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl besser, ich

komme in deine Kammer mit, damit du dich nicht wieder so verjagst. Soll

ich, Meta?«

Das Mädchen legte den Kopf gegen seine Brust und nickte.

Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie stöhnte und sagte nur: »Meta!«

Und von da ab trug er sie mehr als daß sie ging, denn ihr war, als wenn

sie keine Kraft in den Beinen hätte.

Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam, sah seine Mutter mit einem

Blick, daß er anders war als am Tage vorher. Als sie dann nachher Meta

allein in der Dönze traf, nahm sie sie in den Arm, gab ihr einen Kuß

und sagte: »Hör' mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er seit

Wochen nicht getan.«

Göde aber ging über den Hof, hatte blanke Augen und ein schieres

Gesicht, wie lange nicht, und flötete wie ein Scherenschleifer den

Walzer, den er gestern mit Meta getanzt hatte.

Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: »Hermen, hör bloß, was er

flötjet!«

Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich hin, denn sie war gestern

mit dem Großknecht auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer die

heimliche Braut im Hause war.

Der Großknecht aber brummte nur so vor sich hin, denn das Lied, das die

Magd sang, lautete:

Eija, poleija, wo weihet de Wind!

Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding,

Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been,

Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn.

[Illustration: Der Notweg]

Der Notweg.

Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide · 第 2 / 8 段