Bäuerin aber fiel immer mehr ab und man hörte sie an einem Tage mehr
seufzen, als sonst in einem ganzen Monat.
Sie trug eine große Angst mit sich herum und wollte es keinen Menschen
merken lassen, vorzüglich ihren Mann nicht, der sich schon Sorge genug
um sie machte.
Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße geschwollen, und jede Nacht
hatte sie Atemnot und Herzspann.
Es war eine stürmische Nacht im Christmond, als der Bauer in die Dönze
seines Sohnes kam und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt nach
Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter ist mir eben weggeblieben.«
In diesem Augenblicke ging auch nebenan die Tür und Meta rief: »Ich
komme auch schon.« Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.«
Als sie in die Ehedönze kamen, war die Bäuerin schon wieder bei sich.
Meta machte ihr einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man in meinem
Bette schlafen; ich will hier bleiben. Ich weiß besser damit Bescheid.«
Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, dann schoß sie in die Höhe
und flüsterte: »O, Gott, was hab' ich für'n Herzspann!«
Meta machte ihr einen frischen Umschlag und rieb ihr die Füße, aber es
dauerte lange, ehe der Anfall fortging.
Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck das Licht wieder an, mir ist
im Düstern angst!« Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte ganz
hell.
Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich muß nun doch fort von euch.
Sei still, ich weiß es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt
hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr euch kriegt. Meta, du wirst ihm
eine gute Frau sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle Hehlmanns
mit elf Fingern und zwei Wirbeln waren so. Sie waren alle gut, bloß so
wild. Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.«
Sie sah mit Augen, die von der Erde fort waren, das Mädchen an. »Als
er drei Tage alt war, da träumte mir, es standen zwei Frauen bei der
Wiege; die eine gab ihm Böses in den Sinn, aber die andere wünschte
es weg. Sei geduldig mit ihm, auch wenn er über die Stränge schlägt.
Niemals schimpfen, das hat bei ihm keine Art; mit Güte kann man ihn
hinhaben, wo man will.«
Sie machte die Augen zu und lag eine ganze Zeit still da, bis ein neuer
Anfall kam. Als der vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich
glaube, er ist von der Art, die mehr als eine Frau brauchen. Eine Frau
muß nicht immer alles sehen. Sein Großvater war auch so, und seine Frau
hat immer gut mit ihm ausgekonnt.«
Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. Der setzte sich vor das
Bett, klopfte der Kranken die Backen und sagte:
»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn für Dummheiten! Sie sind zu
sehr aus der Gewohnheit gekommen. Das erste ist schon ein Mann und nun
kommt erst das zweite! Warten Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.«
Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver in eine Tasse und rief
Meta: »So, Kind, das gib ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er
bei: »Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem Dorfe fahren und
den Pastor und die Hebamme holen, aber schnell.«
Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist es so schlimm?«
Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: »Wissen kann man es nie. Da ist
etwas gänzlich aus der Kehr.«
Eine knappe Stunde war weggegangen, da kam der Wagen zurück. In
demselben Augenblicke, als der Pastor auf die Deele trat, wurde es so
hell wie der Tag und ein Donnerschlag kam hinterher.
Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in die Dönze. »Vielleicht ist
Ihnen nun besser, Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu ihr
nieder.
»Viel, viel besser,« flüsterte sie.
Der Doktor trat an die Tür und rief leise: »Hehlmann, Göde, kommt her.
Ruhig, ruhig, ihr dürft sie nicht erschrecken.«
Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr Atem ging.
Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah klar nach der Türe. »Meta,«
rief sie laut. Das Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!«
Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. Halte sie in Ehren. Sie hat
ein Herz von Gold!«
Sie drehte sich nach der Wand und atmete so ruhig, als wenn sie
schliefe.
Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile gab er Hehlmann die Hand:
»Es ist vorbei,« sagte er.
In demselben Augenblicke heulte draußen der alte Tyras auf und kratzte
an der Türe.
Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in den Spinnstuhl, daß der
Doktor erschrocken hinging. Er redete auf ihn ein, aber der Bauer sah
ihn ohne Verstand an.
Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine Hände und sprach ihm Trost
ein. Hehlmann gab einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, als
wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles vorbei.«
Dann fiel er wieder zusammen und sah in das Herdfeuer, ohne zu sehen
und zu hören, was vorging.
Am anderen Tage war er ganz vernünftig, bloß daß er aussah, als wäre er
aus dem Grabe genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, weil es ihm
eine fremde Stimme schien.
Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das die Frau erwartete, längst
tot gewesen sei, hörte er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das
seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem Schranke, schnitt
selbst den Namen aus dem Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem
Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten Notholze den Sarg
mache, und nach der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten mit wie
vordem.
Aber eins war allen sonderbar: als die Bäuerin aufgebahrt war, sagte
Meta: »Wie schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie lacht.«
Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; sie wird einen nachholen.«
In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem Schatten, gab der Toten die
Hand und sagte: »Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich bei
dir.«
Dabei sah er ganz zufrieden aus.
Als die Beerdigung vorbei war, ging das Leben auf dem Hehlenhofe wieder
seinen alten Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan hatte, Meta
übernahm.
Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. Einmal hatte der Tod
einen Schatten auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei ihnen,
seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie es um sie stand, etwas genommen,
und wenn der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, dann wehrte er ab
und Meta auch.
Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war aus der Vormundschaft heraus
und fand sich ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht.
Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte und ihm zusagen mußte,
einige Wochen zu ihm zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen, aber
sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im Stiche lassen, meinte sie.
Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe; es ging alles nach der
Reihe, weil eine ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte,
aber es fehlte die Sonne.
Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem die Frau tot war, wurde er
immer kleiner und lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen.
Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo es so still war, wie in
einer leeren Kirche. So lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus,
aber abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und ab und zu ging er nach
dem Krug, wo er doch wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu hören
bekam.
So ging der Sommer hin und der Herbst kam. Der Bauer fiel immer mehr ab
und hustete Tag und Nacht.
Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, hatte er gesagt: »Meta
bleibt aber lange fort.« Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht
abkommen, hat sie mich wissen lassen. Es ist da eine Luderwirtschaft
auf dem Hofe gewesen. Und ihr Bruder geht ihr doch vor.«
Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, ihr seid so gut wie Mann und
Frau. Und hier muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts für einen
jungen Kerl, das einschichtige Leben; davon wird das Geblüt hart. Wenn
Meta hier wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge gehen.«
Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« und von da ab war er nicht
mehr nach dem Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig war. Er lebte
stumpf vor sich hin und ging ab und zu auf die Jagd.
Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm selbst verwunderlich, wie wenig
bange ihm nach ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie glücklich er
mit ihr gewesen war, ehe daß die Mutter fortstarb.
Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er an sie dachte: wie ging es zu,
daß sie nicht guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er lieber mochte,
aber eine Frau, von der er keinen Hoferben haben sollte, das wollte ihm
nicht in den Sinn.
Als der Dezember kam, hustete der Vater immer hohler und eines Morgens
blieb er in der Butze.
Göde schickte nach dem Doktor, aber der Bauer sagte, der könne ihm doch
nicht helfen, und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht aus, wie ein
Krüsel ohne Oel; er hat keinen Willen zum Leben mehr.«
Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der Butze des Bauern und fraß
kaum mehr.
Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte Göde, er solle den Advokaten
holen lassen, und als der da war, verschrieb er Göde den Hof unter der
Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, solange Meta Dettmer
leben sollte, eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden und
verpflegen sollten, wie es einem Mädchen von einem großen Hofe zukam.
An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, heulte nach dem Kirchhofe und
ging nicht wieder in die Dönze, sondern legte sich auf seinen alten
Platz im Pferdestall; als der Großknecht ihm am anderen Morgen eine
Satte Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war.
Am Morgen darauf lag der Bauer tot in seiner Butze. Sein Gesicht war
ernst und streng. »Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, als sie
ihn in das Notlaken einnähte.
Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns hatten eine weitläufige
Freundschaft, und die Hohenhölter waren da und sogar der Droste.
Unter den Klageweibern, die in ihren weißen Notlaken bei dem Sarge
saßen und nebenher gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an der
Lungensucht.
Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte sich, wie wenig traurig ihm
zu Mute war. Er hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, aber in
dem letzten Jahre war dieser immer mehr von ihm abgerückt.
Es war ihm so, als wenn der alte, kranke Mann, der jetzt den Notweg
fuhr, ein ganz anderer war, als der, der bis zum Tode der Mutter auf
dem Hofe war, und als bei der Trauerrede des alten Pastors ihm eine
Träne über die Backe lief, da weinte er nicht um den Vater, da weinte
er der Mutter nach und den hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe
kamen und gingen.
Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. Mit düsterem Gesicht ging er
durch das Dorf. Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei ihm wäre.
[Illustration]
[Illustration: Doppelte Liebe]
Doppelte Liebe.
»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die den Großknecht geheiratet
hatte und jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, »denn setzt er sich
noch was in den Kopp!«
Hermen brummte; er war kein Freund vom vielen Reden, aber er nickkoppte
wenigstens, damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, ihn in die
Rippen stieß und sagte: »Junge, sei nicht so faulmäulsch!«
»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme Frau und setzte sich ihrem
Manne auf den Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm beinahe die
Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist doch schrecklich, wenn ein Mensch so
allein ist.«
Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm einen Kuß, worüber er brummte,
als wenn ihm das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber gern, nur kam
ihm das immer etwas dumm vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau
hatte.
»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du Dössel,« lachte Durtjen
und kitzelte ihn, daß er prustete wie ein Maikater; »aber es ist
doch besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal was, du oller
Schrapenpüster, oder ich kitzele dich, bis du das Elend kriegst!«
Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor ihn hin und tat so, als
wenn sie ihre Worte wahr machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit
und je näher sie ihm mit ihren runden Armen kam, um so brummiger wurde
sein Gesicht, bis er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt,
wie ein Bär, seine junge Frau um den Hals faßte. Und als er erst im
Zuge war, da wurde er ganz rechtschaffen zärtlich.
Durtjen huschelte sich ganz fest an ihn heran: »Siehst du, du Hanns
Taps, du bist grade so, wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das nicht
mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt es nicht an. Aber nun wollen wir
mal wie vernünftige Leute reden: was ist das mit dem Bauern? Man möcht'
ja beinahe laut losheulen, wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal
lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er die Hunde ansieht, wo er doch
früher immer mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. Nu rede
doch mal, du Hammel!«
Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal warm geworden war, versuchte
er, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen.
Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher noch Zeit zu. Weißt du was:
sobald ich kann, fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will doch mal
sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege. Ich möchte bloßig wissen,
was mit den beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz einig.«
Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann horchte sie auf. »Just
kommt er!« sagte sie, »ich glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie
den Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause vorüber.
»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem Kruge,« sagte die Frau. »Gut
ist das auch nicht, aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.«
Als sie nachher neben ihrem Manne lag, stieß sie ihn an: »Hermen, hast
du all gehört, Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen, wie
eine Gräfin. Vor Jahren soll der Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als
er noch ein halber Junge war.«
Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht was vorgehabt? Er war der
erste nicht, und er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte
er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den ganzen Tag Mist
umgewendet.
Am anderen Tage ging der Bauer nach der Hehlenhaide, um nach seinen
Pflanzfuhren zu sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte
nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl abgestorben waren.
Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel getrunken; der Schnaps
steckte ihm noch im Geblüte und machte ihn übermütig, und darum ließ
er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel dreimal pfeifen und
schreien, aber dann lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf.
»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da hinter ihm, und als er sich
umdrehte, sah er Miken da stehen.
Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er hatte noch nichts davon
gehört, daß sie wieder da war.
Er sah an ihr herauf und herunter. Das war ja eine vornehme Dame
geworden! Sie trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und hatte ein
Kleid und Schuhe an, wie er es nur in Celle bei den herrschaftlichen
Leuten gesehen hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker hatte sie.
Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen sollte. Sie aber nahm ihn
ohne Umstände an die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann lachte
sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein Junge! Früher sahst du viel
graller aus den Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen großen Hof,
keine Schulden, was willst du denn noch mehr? Du mußt sehen, daß du
eine Frau kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. Aber
hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß uns in den Schatten gehen!«
Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da, wo die weißen und gelben
Blumen durch den blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin.
Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume ab und warf sie in den
Quellbach, der vor ihnen dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die
gelbe trieb fort.
»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn an, und er sah, daß sie noch
dieselben bunten Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß in die Welt
und der andere bleibt da, wo er ist.«
Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, daß ihr rotes Haar nur
so leuchtete, lachte und sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?«
und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an seiner Brust lag, und
ihre Augen wurden klein wie an dem Tage, als er hier den großen Bock
geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt wurde.
Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er andere Augen als am Tage vorher,
so daß Durtjen über das ganze Gesicht lachte.
Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, daß die ganze Deele
schwamm, mußte sie so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank
fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch Hermen sein Lachen
vernehmen, das sich anhörte, als wenn der alte Schnuckenbock hustete.
»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« sagte Durtjen zu ihrem
Manne; »es wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben geht, und
wenn du Ungetüm nicht mithältst, dann schmier dir man deine Rippen.«
»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« schrie sie ihn an und ging
mit spitzen Fingern auf ihn los.
Aber Hermen machte, daß er in den Stall kam, und da kratzte er sich
hinter den Ohren und sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht in
Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die Frauensleute!«
Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, hörte man ihr helles Lachen,
bald im Stall, bald auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause.
Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein gewöhnliches Gesicht machte,
ging es ihm hundeelend, denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der Atem
stehen blieb, so daß er vor lauter Angst zuletzt immer gleich an zu
lachen fing, wenn sie ihn bloß ansah.
Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine noch schwerere Arbeit ansah,
als das Reden, kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm eines Tages
sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, denn ansonsten verpaßte
er die besten Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm her
lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus der Dönze kam und mitlachen
mußte. Und ehe Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im Arme und
küßte sie auf den Mund.
Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich den Mund ab und sagte:
»Ach nee, Hansbur, das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl vor
Hermen bestehen?«
Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man bloß Spaß, Durtjen, und
Freude, daß es auf dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang. Und
damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, komm her, ich habe da
was hingelegt,« und er gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine
Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen Durtjen die Tränen
aus den Augen; aber sofort lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das
man nicht noch gereut! Aber dann kannst du es ja von uns lehnen.« Und
nun lachten sie beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen.
So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal wieder sein altes Gesicht
hatte, lange hielt es nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war
noch keine Woche dahingegangen, da hatte Hehlmann wieder das Gesicht,
das er von dem Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier gewesen
war.
Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit flog ihm nur so von der
Hand, und die Hunde gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn er nach
Hause kam.
Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von Hohenholte eines Tages
angeritten kam. Der ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel
sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an zu prahlen, denn der
Leutnant hatte seinen feuerroten Rock an.
Er war nicht mehr der stille Junge, sondern ein forscher Kerl geworden.
»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte mal wieder von deinem
Schinken essen und Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen feiere
ich meine Verlobung; da mußt du bei sein. Sträub' dich man nicht wie
ein Borgfarken! Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich mir den Schinder
wieder zwischen die Hosen und du siehst mich sobald nicht wieder.
Donner, hier ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den Juni
kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, und wenn es nicht anders
ist, bin ich auch mit zweien zufrieden.«
»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist wohl von 'ner alten Kuh
gebissen? Hat der Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich wohl,
einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer Bauer, als wie du bist. Häh?
Und das ist ja wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen Ehestande?
Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß ich was zu essen kriege! Ich bin mit
ledigem Leibe heute früh von Celle losgeritten.«
Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der Bauer ließ auftragen, was
im Hause war, holte den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus
dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge vom Bört und nahm die
hohen Gläser mit dem Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus der
Schatull, denn so hatte er sich lange nicht gefreut.
Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner roten Uniformjacke mit der
Narbe in der Backe, die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, ganz
prachtvoll aussah.
Und lustig war er! Als er sich die Ställe ansah, während der Bauer mit
einem Manne verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es überall
Lachen und Quietschen, und die hübsche Lütjemagd, die Wolf in dem
Haidschauer antraf, hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und
konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen.
Am nächsten Tage nahm sich der Bauer doppelt so viel Zeit beim
Bartabnehmen, zog sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte.
Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen alt geworden war, freute
sich über sein ganzes Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die
Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau habe und fragte, ob sie
sich nach einer für ihn umsehen sollte.
Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie ein Tannenbaum, und mit
Backen, wie Rosen so rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie
sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte.
So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der Bauer merkte gar nicht, daß
er nicht unter seinesgleichen war.
Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften schlafen, der Leutnant
blieb mit seiner Braut in der Fensternische sitzen und die Herren
gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die große Laube.
»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, »eine Braut, wie man
sie nicht alle Tage findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne
Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten auch. Sie haben es sich
sauer werden lassen.«
Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der Qualm ihm um die Ohren schlug
und drehte sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover Mühle ist jetzt
ein Gerenne, als wenn da eine heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das
rote Miken ist wieder da.«
Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, antwortete: »So? Na, dann
kann Wolf sehen, daß er ihr nicht in die Quere kommt; das Frauenzimmer
hat den dreifach destillierten Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß
er sich mit der Personage abgeben konnte. Jung waren wir alle einmal,
aber Hohenholte ist doch aus den Jahren heraus, wo man nicht danach
fragt, wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie müssen das Besteck ja
doch auch kennen, Herr Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.«
Der Bauer antwortete nicht und machte sich mit seiner Zigarre zu
schaffen, aber er dachte bei sich: »Also so eine ist das! Darum die
feine Kleedage!«
Die anderen aber redeten weiter. Als ein dürrer, langer Mensch von
mittlerem Alter, der Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten
rauchte und ein viereckiges Glas mit einem goldenen Rande im Auge
hielt, sagte: »Aber schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,«
da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja, Rasse, ja, Feuer, ja,
aber ein Saumensch ist sie darum doch und von Rechts wegen gehörte
sie an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln vor die Hunde gegangen?
Weshalb mußte der dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen diesem
Frauenziefer!«
»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als er das hörte; es war ihm nicht
so ganz sauber zu Mute.
Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß er das Lachen wieder
lernte, und es tat ihm doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war.
Als er gegen Abend über die Haide ging, fiel ihm Meta ein, und er sagte
sich, daß es Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe.
Aber dann hatte er das zu tun und dann das, und so verblieb es, zumal
er allerhand Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da im Kruge
saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder sonst was Glattes anzutreffen war,
und dann hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut vom Dieshofe
fort könne, weil ihre Brudersfrau sich von den Wochen gar nicht
erholen konnte.
»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie aus,« erzählte Durtjen, »als
wenn sie zehn Jahre älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja auch vor
Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder kartjet, die Frau liegt, du lieber
Himmel, ich war froh, als ich da wieder weg war.«
Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein Unglück; davon hatte er in
den letzten Jahren mehr als genug zu schmecken bekommen.
Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, und an Gelegenheit mangelte
es ihm nicht.