Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
[Illustration]
Hermann Löns
Der letzte Hansbur
Ein Bauernroman aus
der Lüneburger Heide
Adolf Sponholtz Verlag, G. m. b. H. / Hannover
Als ich damit begann, die
Geschichte des letzten Hansburen
niederzuschreiben, war ich mir darüber
klar, daß es unmöglich sei, die Gespräche
plattdeutsch wiederzugeben, da eine Erzählung
nicht in zwei Sprachen geschrieben werden kann.
Ganz von selber kam ich dann dazu, den gesamten
Text in der Denk- und Sprechweise der Haidjer zu
halten, woraus sich, wie mir scheint, eine glückliche
Einheit zwischen dem Stoffe und der Form ergab. Diese
Darstellungsweise zwang mich, vielfach Worte und
Wendungen zu gebrauchen, die manchem Leser
ungewohnt sein werden, weswegen ich am
Schlusse des Buches die notwendigen
Erläuterungen gebe. / H. L.
[Illustration]
Copyright 1909 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H. Hannover.
[Illustration: Der Bullerborn]
Der Bullerborn.
Es war meist noch Nacht, da warf der Storch den Tau von sich und flog
los.
Mitten in der Heide lag ein klarer Pump, der Bullerborn geheißen; da
ließ er sich nieder.
Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar angebraust kam, und als
ein heller Wind über die Heide lief und sie bei Seite stieß, und als
die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf ansah, da gaben sie das
Tanzen über dem Bullerborn auf und machten, daß sie in das Bruch kamen.
Der Storch ging um den Born herum und nickte mit dem Kopfe. Fische gab
es nicht in dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche erst recht
nicht, denn dazu war es zu wild. Wer aber lange in den Born sah, in dem
das Wasser immer um und um ging, daß der weiße Sand nur so mülmte, der
wußte, was der Storch da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe
es auch einen Heidenschnack nannte, daß der Adebar aus dem Bullerborn
die Seelen für die kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten das
besser.
Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in den Born hineinsehen
konnte, nahm der Storch sich auf und flog über das Bruch und die hohe
Heide und die Felder, bis er da war, wo er hergekommen war, auf dem
Hehlenhof, der ganz allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß
man vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen, die hinter der
mächtigen Mauer aus Ortsteinen wuchsen, nichts von ihm sah, als den
Herdrauch.
Die Störchin stand auf, als der Storch kam; er aber flog über das
Hausdach fort und ließ sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause
nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und der Goldregen über den
Zaun hing. Er stand zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich um;
dann ging er bis zu der Ecke, wo das Fenster der Dönze offen stand.
Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß und einen Diener über den
anderen machte, drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte nicht
sehen, was der Adebar da machte, denn er war hinter einem der spitzen
Machangelbüsche, die rechts und links vor der Türe standen, kam aber
bald wieder heraus, ging bis mitten in den Garten und flog fort.
[Illustration]
[Illustration: Adebarstag]
Adebarstag.
In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin und in ihrem Arme der
Hoferbe und beide atmeten durcheinander.
Als der Storch fortflog, schlug das Kind die Augen auf und meldete sich.
Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich den Schweiß von der
Stirn, sah um sich und lächelte, als sie das Kind sah, das mit den
Händen nach ihrer Brust fühlte.
Sie legte es an und sah zu, wie es trank. Im Flett gingen bedächtige
Schritte, die Dönzentür ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen
herein.
Seine Augen lächelten, als er vor die Butze trat. Er strich mit seiner
großen Hand über die Backe seiner Frau und mit einer Fingerspitze über
den Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen braucht man ihn nicht.«
Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine große, breite Frau mit
schönem Gesicht stand in der Türe.
»Komm' man her, Großmutter,« sagte der Bauer, »ich muß jetzt nach den
Wiesen. Bei Uhre elfe bin ich wieder zurück.«
Er ging, aber in der Türe drehte er sich noch einmal um: »Es ist eine
wahre Pracht, wie er trinkt.«
Die Großmutter nickte und sah zu, wie das Kind trank, und als es die
Mutterbrust von sich stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus.
Sie lachte, als sie die breite Brust und die geraden Glieder des Kindes
sah. »Er ist fast zu schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie,
»so schier und eben. Und welche Masse Haare er hat, als wenn er sechs
Wochen alt wäre. Und hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht
wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?«
Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie das rechte Händchen des
Kindes zwischen ihre Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger, den
brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge, was brauchst du elf Finger?«
Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja wohl kein Unglück!
Wer lang hat, läßt lang hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf
gehabt.«
Die Großmutter machte eine krause Stirne: »Das ist es ja eben, das
mit dem Großvater. Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl
noch ein Enkelkind hüten können. Die alten vermuckten Beifinger! Alle
Hehlmanns mit überzähligen Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt. Aber
wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als wie es daliegt, mit Augen,
wie der liebe Himmel, dann sollte man meinen, daß das bloß ein dummer
Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in Gottes Hand; wir wollen uns
darüber keine Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt, macht sich zu
früh Sorgen.«
Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd, daß sie das Wasserwarmbier
bringe, und als die Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr
die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster der Fliegen wegen
dicht zu und mahnte: »So, nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig
wirst.«
In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute ganz anders aus den Augen,
als wie die Tage vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an, als
wenn er einen kennen täte. Gestern hatte er noch gar keinen Blick in
den Augen.«
Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt mich auch so. Aber
heute ist ja auch Adebarstag.«
»Heidenschnack«, warf die Großmutter lächelnd hin, und dann ließ sie
Tochter und Enkel für sich.
[Illustration]
[Illustration: Der Beifinger]
Der Beifinger.
Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah es an, bis daß der gelbe Vogel
draußen so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach dem Fenster sehen
mußte.
Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war rege und ein weißer
Nägelchenbusch ging immer auf und ab.
Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das alles noch kein mal
gesehen. Vier Tage waren es erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber
ihr war zu Mute, als wenn ein Jahr darüber hin wäre.
Noch kein mal war ihr das Weinlaub so schön vorgekommen und noch nie
hatte der Wigelwagel so süß in den Hofeichen gesungen.
Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die Augen gingen ihr über. Ihr
war so wunderlich, daß sie die Hände falten mußte.
Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann, und dann dieses Kind, so
schön und so gesund. Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen,
ein Morgenkind, ein Maikind, und darum war es wohl so schön.
Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge ganz andere Augen.
Detta lächelte und dachte an die Worte der alten Magd: »Am dritten Tage
bekommt ein Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm. Bis dahin ist es
nicht mehr, als ein unvernünftiges Vieh.«
Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben. Sie war manchmal nicht
ganz bei sich, die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges Leben
gehabt.
Sie war mit einem Großknecht versprochen gewesen. Da kam der Bonaparte
und nahm ihr den Bräutigam.
»Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte die alte Magd an Dettas
Ehrentage erzählt, »und da konnte ich nicht anders, als meinem Karl zu
willen sein. Und das ist mir heute noch nicht gereut.«
Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam nie wieder eine Kunde von ihm.
Sein Kind aber wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen Jungen heran
und kein Mensch trug es ihm nach, daß er ein lediges Kind war. Zwei
Jahre war er schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot.
Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah zu ihrem Kinde hinab. Das
rechte Händchen mit dem Beifinger lag auf dem Kissen.
Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die Augen. Der wilde Hehlmann
hatte er geheißen. Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen, die
einen hellen Blick hatten.
Der war auch mit zwölf Fingern auf die Welt gekommen und sein Haar
hatte im Nacken just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er nicht
mehr sehen sollte, denn er lag schon einige Jahre neben der Kirche.
Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren unter die Erde gekommen,
denn von Rechts wegen mußte er es auf hundert bringen. Aber seine
zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu wenig; er hatte immer den
Grenzstein in der Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und die
Heide braun war.
Als er wieder einmal im Königlichen jagte, hatten ihn die Förster
spitz gekriegt und mit dem Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der
alte Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es wintertags war, hatte er
sich nicht besonnen und war drei Male bis an die Brust quer durch die
Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine Katze im Bruch den Abend
abgewartet, ehe er auf Umwegen nach seinem Hofe ging.
Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf dem Schragen; eine
Lungenentzündung hatte ihn umgeworfen.
»Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod angegangen,« hatte die alte
Hermine erzählt. »Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht, noch
nicht, schrie er immer; es war schrecklich anzuhören. Schlecht war er
nicht, aber er gehörte hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie ein
adeliger Herr, und es war keine Frau und kein Mädchen, das ihm in die
Augen sehen konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen sprang. Gegen
Kinder und Hunde war er von Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten
gefährliche Augen, wenn die Rede auf ihn kam. Wo ein glattes Gesicht
war, da war er nicht weit; in seinem letzten Jahre mußte seinethalben
noch eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann für geruhige Zeiten;
es war ein Kerl, wie man sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange
sind.«
Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger ihres Jungen und der
Haarwirbel im Nacken wollten ihr nicht aus dem Sinne.
Und dann dachte sie an das, was man von dem Großvater des Großvaters
erzählte, von Hans Detel Hehlmann.
Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen. Er hatte den Hut
aufbehalten, als der adelige Herr vorüberging, denn er hatte einmal
einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte der Herr ihn mit der Peitsche
über den Hut geschlagen und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!« Und da
war der Bauer zugesprungen, und hatte den Ritter mit der baren Faust
totgeschlagen.
Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande gegangen und in dem Hausbuche
stehen hinter seinem Namen die Worte: »Es kam niemals wieder eine Kunde
von ihm. R. i. p.«
Dettas Augen wurden wieder heller. »Die Welt geht jetzt einen
geruhigeren Gang,« dachte sie. »Und ist der Junge auch an der Reihe,
daß das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und ich, wir wollen schon
dafür sorgen, daß es sich in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind
zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.«
Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs fast zu gut vorgekommen
war. Eines Tages jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem Forkenstiel
über das Maul geschlagen; da hatte der Bauer aber losgelegt; wie ein
Ungewitter polterten seine Worte über den Knecht her. Und da wurde der
Knecht frech und machte eine ausverschämte Redensart. Es sollte ihn
bald gereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und blank; mit einem Griffe
hatte er den Burschen bei der Brust, und ehe der es sich versah, lag
er im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam er wieder heraus, nahm
seinen Lohn, packte seine Sachen und machte, daß er weiter kam.
Der Fink im Garten sang immer und immer wieder dasselbe Lied und der
Wigelwagel flötete in einem fort auf die gleiche Art. Und immer und
immer wieder gingen die grünen Blätter und die weißen Blumen hinter den
kleinen Scheiben auf und ab.
Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber mit einem Male seufzte sie
auf und sah wild um sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter dem
Traume her, der eben bei ihr gewesen war.
Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der Wiege gestanden. Die eine, die
mit dem braunen Gesicht und den Augen, so schwarz und blank, wie der
Ruß am Rehmen, war aus dem Moore gekommen, denn sie roch nach Post.
Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit Augen, so blau wie
Bachblumen, war über die Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam
der Geruch von Gras und Blumen.
Sie standen bei der Wiege und besahen das Kind. Die Frau mit dem gelben
Gesicht hatte gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.« Dann
machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde und war verschwunden.
Die andere Frau aber machte über dem Jungen das Zeichen, das die Bauern
vom Hehlenhofe seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke hatten, und
flüsterte: »Und dein Knecht sollst du sein.« Dann war sie nicht mehr zu
sehen.
Die junge Frau dachte nach. Träume sind Schäume, sagt der Pastor, und
dann fiel ihr die alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte, daß
sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte.
»Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll Sonntag bei ihm sein,«
hatte sie Freitag gesagt. Am Sonnabend Morgen lag sie tot im Bette.
»Wer hat recht?« dachte die junge Frau und sah nach dem Fenster. »Hat
der Pastor recht oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft, aber
das alte Mädchen hatte den Glauben.«
Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn, daß sie als Schulmädchen
ein Buch gelesen hatte, in dem die Geschichte von der guten und der
bösen Patenfee stand.
Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder eingefallen.
[Illustration]
[Illustration: Das Hausbuch]
Das Hausbuch.
»Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,« sagte der Hansbur.
Den ganzen Sonntag Nachmittag hatte er in der Dönze gesessen und in dem
Hausbuche gelesen.
Das war ein altes Buch in Schweinsleder gebunden und mit einem Schlosse
aus Messing. Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen: »De
Mensche van ejner Frouwen geboren leuet ejne Korte tidt unde is vull
vnrowe«.
Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten und Pest, Mord und Brand,
von hungrigen Zeiten und fetten Jahren.
Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet und alte Mittel, dem Vieh zu
helfen mit Kräutern und Besprechung.
Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus und bunt, bald
steif und steil; hier wie gestochen, und da krumm und schief, wie
Fuhrentelgen.
Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die Wölfe haben so gehecket,
dieweil keiner ist, der ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren
nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei Schafe weniger in
den Kaben zurückgekommen, als morgens herausgelassen waren. Das sind
siebzehn Stück in diesem Frühjahre.«
Hehlmann blätterte um, denn das war es nicht, was er suchte. Aber
dieses hier mußte er doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder im
Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche bei Zwanzig Leute abgestorben,
die mehrsten vor dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue
Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand über uns!«
Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen: »Des Herrn Wege sind
wunderlich. Johann Detel Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen
lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen für uns. Er hat
mit Bravour gegen die Türken gefochten und ist immer mehr geworden,
zuletzt ein hoher General und Anführer über viele Kriegsvölker. Der
Kaiser hat ihm große Güter gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht, so
daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt geheißen wird. Hier hatte er
nicht taugen wollen.«
Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs Finger an jeder Hand
gehabt und sein Haar ist in zwei Wirbeln gelegen.«
Hehlmann sah auf: das war der erste mit Beifingern und mehr als einem
Haarwirbel. Der hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht war
bald ausgestorben und die Güter waren wieder dem Kaiser zugefallen.
Ein Hehlmann hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht hatten aber
herausgefunden, daß die Verwandtschaft zu weitläufig war.
Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht heißen,« beschloß er bei
sich. »Drei Namen haben wir alle. Der erste ist immer der alte Name,
wonach die Bauern solange Hansbur hießen, bis die Regierung befahl,
daß sie sich nach einem Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten Namen
kommt es nicht an, aber auf den zweiten, denn mit dem wurden sie
gerufen. Und Detel war kein guter Name.«
Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand da und ein Kreuz dahinter
und die Worte: »Der Herr erbarme sich seiner armen Seele.«
Weiter stand nichts da, aber mit anderer Schrift war an den Rand
geschrieben: »Er hat im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann
mit dem Messer beim Kartjen erstochen. Am 8. Juni mit dem Schwerte zu
Zelle vom Leben zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht als
absonderliches Merkzeichen: Er hatte eilfen Finger.«
Hehlmann machte die Stirne kraus. Also Hinrich, das ging auch nicht.
Und einen neuen Namen wollte er nicht haben für den Jungen.
Er schlug weiter um. Über die Frauennamen las er weg. Aber bei dem
einen blieb er doch hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb. 13.
Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich weggeschmissen.«
Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am Rande: »Wir wollen
keinen Stein auf ihr werfen. Sie soll ausnehmend schön gewesen sein
und ist nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes ehelich Weib
geworden. Gotth. H. Hehlmann, P.«
Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und schrie hinterher ganz
unmäßig. Hehlmann war es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie.
»Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen für meinen Jungen,« dachte
er, »so scharf und spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß
sein, daß er in sich selbst Bestand hat.«
Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard Hinrich Hehlmann, Pastor
zu Lichtelohe. Sein Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein
frommer Knecht des Herrn.«
Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich an, ruhig und sinnig.
Das ist ein Name, der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer
Rock.«
Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard Antonius. Er war ein Mehrer des
Hofes und hat ihn aus den Schulden herausgebracht.«
Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen zwei leere Seiten, dann vier
Seiten mit frommen Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann
stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist über achtzig geworden
und hatte noch alle Zähne und solche Kraft, daß er das junge Volk bei
der Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann einen Rat und ein
trostreiches Wort und wurde in allen Nöten des Leibes und der Seele um
Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in Abrahams Schoß.«
Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb: »Johannes Gotthard«,
dann besann er sich eine Weile nach einem dritten Namen und schrieb
»Georgius«, denn so hieß der nächstverwandte Hehlmann, Ohm Jürn, der
die Schnucken unter sich hatte.
Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute ihn auf die Schrift,
las noch einmal, was er geschrieben hatte und sprach vor sich hin:
»Johannes Gotthard Georgius«, und nach einer Weile: »Gotthard Hehlmann«.
Dann schlug er das Buch zu und legte es in die Beilade.
[Illustration]
[Illustration: Das Osterfeuer]
Das Osterfeuer.
Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard nahm ihnen zuviel Zeit.
Der Junge wuchs, daß es ein Staat war. Er hatte einen ansehnlichen
Vater und seine Mutter war das glattste Mädchen weit und breit gewesen.
So war es kein Wunder, daß der Junge rundumher als das schönste Kind
galt.
Und gesund war er und kernfest, wie die Eichen auf dem Hofe. Er hatte
Licht und Luft und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging, hatte
sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten.
Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen Zwirn über den Hals gehängt, nie
einen Faden abgebissen, niemals die Leinwand gerissen.
Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte, daß sie guter Hoffnung war,
war der Viehhändler Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte ihn nie
so recht leiden können. Als er ihr auf so wunderliche Art die Hand
gab, sie mit Augen ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen, und
sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge Frau, hat der Adebar schon
geklappert?« da hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine Mutter
ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht bei der Wahrheit.
Aber das mochte nur wieder so ein Schnack sein von Mutter Griebsch, die
der jungen Frau sagte, was sie tun dürfe und was nicht.
Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz viel, denn zuoft hatte der
Pastor dagegen von der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege
aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin lag, damit sie nicht
taub hin und her ging und der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür,
daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren, und nahm nicht die Schere,
wuchsen dem Kinde die Nägel über.
Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn durch die Zwille einer
jungen Eiche, und als der Finger trotzdem nicht zurückging, band sie
ihn mit einem weißen Faden ab und tat den Saft von Jesuwundenkraut
darauf, und es blieb nichts zurück, als eine kleine rote Stelle.
Die große bunte Wiege von Eichenholz, die seit 1564 auf dem Hofe war,
wurde zu kurz, als Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der Junge.
Durchschnittlich war er ein freundliches Kind, aber einmal, als seine
Mutter sich verjagt hatte, als das Wetter in eine von den großen Eichen
schlug und die ganze Deele voll von blauem Feuer war, mußte ihr wohl
die Milch hart geworden sein, denn als der Junge trinken wollte, hatte
er schnell losgelassen und ganz falsch mit der Hand nach der Brust
geschlagen. »Du Untier,« hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr
und schon schlägt er zu, wie ein Alter.«
Sonst war er aber gutartig, lachte immer und wenn man ihn mitten aus
dem Schlafe aufnahm. Er konnte drei Stunden allein liegen und mit
seinen Füßen spielen oder lauthals über den Schatten juchen, den seine
Hände gegen die Wand warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so wie
einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder.
Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit ihm zu sprechen oder ihn auf
den Arm zu nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu schreien, und
Hehlmann lachte und sagte: »Eine Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.«
So blieb er auch; immer war er lustig und nie verzagt. Als er vier
Jahre alt war, schnitt er sich zwei Finger bis auf den Knochen durch
und kam mit Tränen in den Augen ganz still an und sagte: »Mutter,
Lappen ummachen.« Mit sieben Jahren griff er den Marder, der in das
Tellereisen getreten war, und brachte Marder und Eisen lachend in das
Haus, und dabei hatte ihn das Tier durch den Daumennagel gebissen.
Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen, als wenn er schon ein Kerl
von zwanzig Jahren wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war, mußte
ihm untertänig sein, aber nie ging er hart damit um, außer, wenn eins
nicht so wollte, wie er.
Dann aber wurden seine Augen blank und seine Stimme war wie ein
Peitschenklappen, und der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten
enge Lippen und die Mutter rief über den Hof: »Göde, prahl nicht so!«
Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm geworden. Die Kinder hatten
sich ein Osterfeuer gemacht und waren über die Flammen gesprungen, Göde
immer vornweg.
Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge, wollte nicht, denn er war
bange. Da war Göde an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel
gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen, das heißt, nur halb,
denn weil Ludjen sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle beide
in dem Feuer.
Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen um so mehr, und als
Mutter Wehmeyer auf den Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, da
hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei.
Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre gerufen: »Doch hat er
schuld, ich hab' es gesehen!«
Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen und gesagt: »Warum
bleibst du mit der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich das für
einen Bauernsohn? Wie kann ich dir glauben, wenn du einmal gelogen
hast? Und damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche nicht mit
in das Bruch.«
[Illustration]
[Illustration: Im Ruhhorn]
Im Ruhhorn.
Das war ein harter Spruch.
Schön war es auf dem Hofe unter den tausendjährigen Eichen; da flogen
die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und es sah putzwunderlich aus,
wenn sie die kleinen Wagen zogen, die Göde ihnen machte.
In dem alten Burgfried, der im Giebel noch drei Kugellöcher aus der
Schwedenzeit aufwies, hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war
rein zum Lachen, wenn Göde kam; denn dann machte sie sich ganz lang
und wackelte just so wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er einen
Schnaps zuviel hatte.
Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken und wenn man sich still
verhielt, liefen sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse.
Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest und machte eine furchtbare
Schande, wenn ein Mensch in die Nähe kam.
Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen hatte, die lauter
Dummerhaftigkeiten im Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte
oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie verrückt in ihre Ketten
gingen und die Hühner für unklug unter das Holz liefen.
Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke oder Kiekebusch, die beiden
jungen Bracken, die der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem
Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so lange in das Untier
hineinbissen, daß ihnen der blanke Schaum vor den Schnauzen stand.
Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu jagen, und das brachte etwas
ein, denn für jede gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte Göde zum
Rattenpassen keine Lust, dann nahm er das Pusterohr und wartete in
der Laube, bis es im Kirschbaume knackte, und es war selten, daß die
Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen die Zwiebeln warf.
Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen und an die Birnen gingen,
hielt Göde mächtig im Schach, und manch einen holte er mit der Pistole
herunter.
Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn es in die Wildnis ging.
Was gab das für ein Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier,
Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! Heraus, Kreih!«
Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so wurden Strom und Pollis und
Widu hinterhergeschickt. Dann war Göde auf der Höhe, wenn er drei,
vier Jungens, die Hunde und das Vieh unter sich hatte, und alle ihm
gehorchen mußten, selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange
Peitsche hinkam, da zog es Blasen.
»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte der Bauer, »ich habe das
mit vierzehn Jahren noch nicht so gekonnt.«
Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke des Hehlenbruches, wo die
schnelle Bullerbeeke mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, denn da
brauchte er nicht so viel aufzupassen, weil das Vieh nicht durch das
Wasser ging.
Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das schönste Teil von dem ganzen
Bruche.
Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken, die vor der Beeke
lagen, Eichen und Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten und
Birken in Masse, und darunter wuchsen Machangeln, Hülsen und Haseln und
wer weiß was alles. Erdbeeren gab es da die schwere Menge und später
Bickbeeren, Brombeeren und Kronsbeeren.
Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke und manchmal auch ein
wildes Schwein. Der Habicht baute da und der Rabe und der schwarze
Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der Beeke und im großen
Moore gingen die Kraniche auf und ab, klappten mit den Flügeln und
bliesen wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt.
Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der Mücken und Gnitten und blinden
Fliegen und der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen Forellen, und
wer sich darauf verstand, konnte sie leicht kriegen; in der Wittbeeke
standen Hechte und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie es ihm
Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, die Kleinknechte, beigebracht
hatten.
Er ging nicht gern mit den Knechten, denn dann mußte er tun, was die
wollten, und das war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er hinter
den Kühen, weil er dann allein das Wort hatte.
Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten eine andere Arbeit
hatte, mußte er mit den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes
einzige Mal etwas Neues.
Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen Setzangeln, Hein Gird aber
stokelte überall herum und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern
an, bald mit einem jungen Reh, und in der Schummerstunde brachte er das
dann nach seiner Mutter.
Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, der Förster, sie
dabei packte. Da mußten sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen
heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache herauskam und sagte, daß
Tönnes und Hein Gird ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und
viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein junges Reh nach Hause
geschleppt hatten.
Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild gesehen: »Junge,« hatte
er gerufen und war ganz rot unter den Augen geworden, »machst du mir
solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie ein Vagabunde, der an
fremder Leute Eigentum gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken
ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du kannst heilsfroh
sein, daß ich mit dem Droste gut stehe, sonst geht es dir, wie den
beiden Unduchten, dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder zu zehn
Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie heute Abend zurückkommen, sag'
ihnen, sie sollen dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine
Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist nun aus. Vom Montag ab
gehst du zum Pastor in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch
her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.«
Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. Daß er nicht mehr in das
Bruch durfte, das war schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht
gern, und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht nichts; aber
wenn er daran dachte, daß jetzt beim Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf
der langen Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit dem Haselstocke,
daß es nur so brummte, da wußte er: wäre es ihm so gegangen, er
hätte sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde Döbke, der
Schneider, als er unter das Schnapsverbot kam.
Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu Ohm Jürn, der auf der Heide
bei den Schnucken stand und an einem Strumpfe knüttete. Der freute
sich, als er den Jungen kommen sah, über sein ganzes altes faltiges
Gesicht, das so braun wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede,
eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist sprach er überhaupt
nicht, höchstens brummte er so vor sich hin.
»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen, Kind, sagte die Kuh, als
sie mit dem Kalb durch die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm.
Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein Umgang für einen Hoferben.«
Das sah Göde denn auch ein, und das Herz tat ihm gar nicht weh, als
abends die Jungens mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und lauthals
sangen.
[Illustration]
[Illustration: Die Grenze]
Die Grenze.
Die Vormittagsschule war lange nicht so schlimm, wie Göde sich das
gedacht hatte.
Der alte Pastor Rotermund sah nur von weitem so gefährlich aus, weil er
so lang war und so dünn und weil ihm das weiße Haar über den Rockkragen
hing.
So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar er sich da nicht so
fühlte, als wie in der Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf
dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und anständig zu, aber bei dem
Pastor war es, als wenn jeden Tag Sonntag war.
Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter war und Schultern hatte,
wie ein Mannsbild und meist Beiderwand oder Blauleinen trug und vor
keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas an sich, daß Göde jedesmal rot
wurde, wenn er sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm.
Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht die erste Violine spielte,
wie in der Übermittagsschule bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, der
Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es zwar an Kräften mit ihm auf, aber
er hatte eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für den Tod nicht
ausstehen konnte.
Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren die beiden
aneinandergekommen.
Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er noch nicht einmal wußte, wer
Pipin war, denn wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, Schreiben,
etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche und Gesangbuchverse
beigebracht hatte, das schien ihm schon reichlich für einen Bauern-
oder Häuslingsjungen.
Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, wieviel Vieh sein Vater
habe, und ihn ausgelacht, als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen keins;
wir sind keine Mistbauern.«
Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer schickt, muß dein Vater
ihm für einen Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch beim
Kinderholen helfen«, und das hatte den Doktorsjungen so falsch gemacht,
daß er Göde eins hinter die Ohren schlug.
Göde wurde es heiß und kalt; es war der erste Schlag seit seinem
fünften Jahre; es wurde ihm rot vor den Augen und es war, als hielte
ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er aus, daß Walter die Bank
zwischen sich und ihn brachte.
Es war aber auch die höchste Zeit, denn Göde, der an einem Stocke
geschnippelt hatte, zischte wie eine Adder und stürzte mit dem blanken
Messer auf Walter los.
Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der auch beim Pastor in die
Schule ging, laut auf und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein
Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen Gliedern und der Schweiß
stand ihm auf der Stirn.
In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau bei ihnen und sagte: »Kommt
mal alle mit!« Und als sie in der Waschküche standen, fragte sie: »Was
war das mit euch? Erzähle mal, Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er
immer gelassen blieb.
Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen Worten ihr Benehmen und ließ
sich von allen Dreien in die Hand versprechen, daß keiner darüber reden
solle. »Mein Pastor regt sich sonst zu sehr darüber auf und bekommt am
Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu.
Nach der Schule rief sie über den Hausflur: »Komm' mal her, Göde, du
kannst deiner lieben Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der Junge
in der Wohnstube stand, machte sie die Türe zu, legte ihm beide Hände
auf die Schulter, sah ihm freundlich in die Augen und sagte:
»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, aber einen lütjen Satan
hast du in dir. Denke bloß, was du hättest anrichten können. Es war
sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das Messer nehmen, mein
Kind, das ist denn doch nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt
sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; besser ist es aber, er
läßt den Zorn nicht über sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn,
er hat schon einen Hehlmann in das Unglück gestürzt und Schande auf
euren Namen gebracht.«
Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, streichelte ihm die
Backen und erzählte ihm die schreckliche Geschichte von Hinrich
Hehlmann, der im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub
über die Heide roch, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht
wurde, wie es in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom Hansburhof
aufgezeichnet war. Und sie redete so gut mit ihm, daß Göde die Augen
überliefen.
Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: »Unter uns bleibt die Sache;
ob Walter schweigt, soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade so
gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!«
Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, dem er bisher etwas albern
vorgekommen war, weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und immer
einen Abstand zwischen sich und den andern hielt, obzwar jeder wußte,
daß der alte Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich und seine
sieben Kinder mit seiner geringen Pension auf dem kleinen Gute, von dem
in schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft waren, durchzuschlagen.
Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner Armut geneckt hatte, da
hatte dieser ruhig gesagt: »Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch
hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte er sich umgedreht und
Christian stehen lassen, der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn
wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er aus dem Wendischen war,
hing ihm überall nach, und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu
sein, als der reiche Müller.
Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage nie mehr sprach und Walter
ihm auch nicht gefiel, so schloß er sich an Göde an, zumal sie beide
denselben Weg hatten, denn Hohenholte lag hinter dem Hehlenhof nach
Ohlendorp zu.
Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, so machte es sich von
selber, daß er Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges Wetter
niederging, nahm er die Einladung der Bäuerin an und blieb zum Mittag
da.
Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte auf den Hof geritten. Die
Bäuerin fütterte gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel sprang.
»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er über den Hof, »Sie sollen auch
vielmals bedankt sein, daß Sie gestern meinen Bengel beherbergt und
verpflegt haben.«
Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: »O, da nicht für, Herr
Rittmeister! Es war uns eine Freude.«
Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort gab das andere und der Bauer
lud den Freiherrn ein, sich das Vieh anzusehen.
Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer länger, als er die Pferde, das
Vieh und die Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um und fragte:
»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« denn überall zwischen den
Eichen sah man einen Stall, einen Speicher oder Schuppen.
»So alles in allem an fünfundzwanzig«, meinte Hehlmann.
»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister, »und alles wie aus dem
Ei gepellt! Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch so hätte.
Aber mein seliger Großvater konnte die Finger nicht zusammenhalten, dem
gingen die Füchse immer durch.«
Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein macht es nicht, Herr
Rittmeister, der Name ist auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren
und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter gewesen wären, dann
wären nicht so tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten nicht
dafür sorgen können, daß der Bonaparte zum Teufel gejagt wurde. Das
soll ihnen unvergessen sein. Und Hohenholte kann noch einmal wieder
werden, was es war.«
Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und als der Bauer ihm sagte:
»Ja, Herr Rittmeister, ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl;
ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte er und nahm an.
Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen Besamungen zeigte, sagte
dieser: »Junge, du kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst,
zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist ein kleines Königreich.
Und kein Deubel hat dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.«
Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im Kopfe herum, denn wenn er auch
schon seinen Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, das wurde
ihm jetzt erst klar und er sah den Hof und sich nun mit ganz anderen
Augen an.
Deshalb hielt er sich von den Lichteloher Jungens immer mehr zurück,
denn das ging wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn und
Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte und Prügeleien, weil einer
sich immer besser dünkte als der andere.
Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich nicht mehr ab, denn wenn er
sie mit Wolf verglich und mit seinen Eltern, dann kamen sie ihm zu
minne vor.
Auch als Göde schon aus der Schule war und als Kleinknecht auf dem
Hehlenhofe arbeitete und Wolf auf der Militärschule war, blieben die
Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so still und so sinnig war,
hatte bei dem Bauern einen dicken Stein im Brette.
»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, er kommt morgen wieder,«
sagte Hehlmann zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte er hinzu, als
er sah, daß der Junge dunkele Augen bekam. »Weißt du einen?«
»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. Der beste Bock ging am
Totenort, aber den wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe geht ein
guter Sechser; er steht bei westlichem Winde schon bei hellichtem Tage
draußen,« sagte er.
»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl der Bauer.
Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit Tange, der hirschroten
Teckelhündin, los.
Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, die rund um den Brammelkamp
lagen, und sich bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten,
dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat aus der Fuhrendickung
und gleich darauf der Bock.
Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als er sah, wie Wolf den Hahn
überzog und das Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den Sinn, den
Bock fortzuwinken.
Aber da krachte es schon, der Bock machte kehrt und floh in die Dickung
zurück.
Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das Jagdfieber, zumal er
meinte, daß er daneben gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat
die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir wollen ihn erst krank
werden lassen und dann soll Tange ihn arbeiten.«
So vesperten die Jungens denn über den Daumen und als eine Stunde um
war, wurde Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens durch die
Dickung, über die hohe Haide bis an die Ohlendorper Grenze.
Am Grenzgraben machte Göde einen langen Hals und dann rief er: »Da
liegt er!«
So war es; zehn Schritte über den Graben lag der Bock vor einer rauhen
Fuhre.
»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn holen.«
Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht über den Grenzgraben!«
Der andere sah ihn verwundert an: »Die paar Schritt? Und es ist doch
unser Bock! Und dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, und
überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es schon gar nicht so genau mit
der Grenze.«
Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern ging nach Ohlendorp und kam
mit dem Vollmeier Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick besann,
dann aber Wolf das Gehörn gab.
Als Göde dem Vater die Sache erzählte und meinte, Wolf sei ein bißchen
dumm gewesen, sah ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, was
recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie sollte es wohl auf der
Welt werden, wenn einer des anderen Eigentum nicht achtet!«
Und dabei dachte er an seinen Vater, den es das Leben gekostet hatte,
weil er das Grenzrecht nicht gewahrt hatte.
Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte zu erzählen, aber er
konnte es nicht, da es sich um seinen eigenen Vater handelte.
[Illustration]
[Illustration: Am toten Ort]
Am Toten Ort.
Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch mit vielen frischen Quellen, der
an der Grenze der Hehlenheide über der Hover Mühle lag, die dem Müller
Beckmann zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe Pfeife Tabak bis
dahin.
Der Ort war verschrien, denn es ging die Sage von ihm, daß zu
Kriegszeiten die Bauern von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen
dort ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten und ihrer dreißig
erschlagen hätten.
Die Heide bis zu dem Busche gehört noch dem Hehlenhofe, der Busch
selber aber war des Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd
verpachtet hatte.
Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem großen Bocke her, der im
Toten Ort seinen Hauptstand hatte und manchen tauben Gang hatte er ihm
zuliebe gemacht.
An einem schönen Maitage in der Unterstunde schlumpte es. Göde saß noch
keine Viertelstunde, da trat der Bock aus und stellte sich breit und
blank vor ihn hin.
Der Junge nahm dem Bocke das Maß und sah, wie er im Feuer stürzte; als
er ihn aber gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und sprang in den
Busch.
Göde trat an die Grenze und hörte, daß der Bock nicht weit von ihm noch
ein paar Male schlug.
Der Junge sah sich um; es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Bei
der Mühle krähte ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein
Buchfink schlug und laut spielten die Quellen.
Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, sah sich noch einmal um
und trat in den Busch. Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte
sich, als der Markwart ihn anmeldete.
Aber dann schlich er vorwärts auf dem Schmoorboden, der laut quatschte,
wenn Göde den Fuß aus dem Schlamme herauszog.
Auf einmal wurden seine Augen groß; da lag der Bock vor einem breiten
Hülsenbusch. Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, feuerrot in
der Sonne vor dem dunklen Busche.
Er zog ihn bis an den Rand des Busches, ging dann zurück und deckte
jeden Tropfen Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm er den Bock auf
und ging damit über die Grenze bis hinter einen breiten Machangelbusch.
Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, stand ein Mädchen da und
lachte ihn an.
Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, die angenommene Tochter des
Müllers, ein über ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste von
allen, die in die Lichteloher Schule gegangen waren und von der es
damals schon hieß, daß sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als
andere Mädchen, die schon längst aus der Schule waren.
Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte: »Na, hast'n endlich
dot? Ich habe dich schon manchen Tag hier gesehen.«
Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, was er machen sollte.
Hatte Miken gesehen, daß er den Bock aus dem Busche geholt hatte? Aber
was wird das Mädchen wissen, wo die Grenze geht, dachte er und brach
den Bock auf.
Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig zu. Göde sah sie von
der Seite an und ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht war
eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm gewesen.
Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, und kraus war es und
leuchtete, wie eitel Gold. Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz
anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was sie für einen roten Mund
hatte.
Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn an eine Fuhre gehängt hatte,
wusch er sich die Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer Schürze
ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie so dicht bei ihm stand und seine
Hände rieb und ein Schudder lief ihm über die Brust.
»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit kleinen Augen an. »Wollen
uns noch was erzählen. Hier kommt meistens kein Mensch her.«
Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich wundert bloß,« sagte sie
und sah ihn verliebt an, »daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist,
so groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du meist schon achtzehn
wärst.«
»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust herunter und an den
weißen Armen, die kaum ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist
für achtzehn gelten.«
Das Mädchen lachte eitel. »Was du für schönes Haar hast,« sagte
sie dann und ging ihm mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie
Haberstroh.«
»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie fort und rückte immer
näher an ihn heran, daß ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das
Blut in die Backen sprang.
»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich was sage,« flüsterte sie; »dem
Müller ist es gleich, wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll ihn
nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal weggejagt. Der tut so, als
wenn ich gar nicht auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen.
Hier ist es so langweilig. Lauter alte Leute!«
Sie seufzte und schummelte sich immer dichter an ihn heran und sah ihm
in die Augen.
»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, »solche habe ich meinen Tag
noch nicht gesehen. Grün und braun durcheinander.«
Und dann ging er mit seiner Hand über ihren Arm, und wie Feuer lief es
ihm über die Brust.
Das Mädchen warf ihm die Arme um den Hals: »Komm, Junge, sei nicht
dumm, du bist so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen Jungen
bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.«
Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang Göde nach einer Weile auf;
es sauste und brauste ihm in den Ohren und seine Brust flog.
Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann kommst du wieder? Komm morgen.
Ich mache dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen gehen. Und wenn
du kommst, dann brauchst du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das
kannst du doch? Paß' auf!«
Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der Pfingstvogel und gab auch
das Kreischen wieder. »So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell
hintereinander und dann das olle Schreien hinterher. Dann weiß ich,
daß du da bist. Du kommst doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter
mir her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. Ich hab'
schon immer nach dir ausgesehen.«
Als Göde über die Haide ging, den Bock über den Nacken geschlagen,
wußte er nicht, ob er sich freuen oder schämen sollte.