Ich wartete nur auf das Frührot. Dann jagte ich nach Posiminicze

hinüber. Zwei Stunden gab mir die Kompanie Urlaub. Dann mußte ich

zum Abmarsch zurück sein. Ohne Pferde war es unmöglich. Ich brachte

einen Leiterkarren auf, meine Leute holten ein paar Gäule von der

Weide. Der Bauer mußte anspannen. Aber er machte Schwierigkeiten.

Er hatte kein Lederzeug. Ich riß die Pistole heraus und drohte die

Gäule zusammenzuschießen. Der Bauer und die Weiber warfen sich auf

die Erde, rangen die Hände und heulten. Ich riß ihn hoch. »Stricke!«

Es waren keine Stricke da. Erst als ich auf die Pferde anschlug,

brachte ein halbwüchsiger Bursche Stricke aus einem Schuppen. Es war

keine Zeit zu verlieren. Ich mußte den Freund noch einmal sehen. Er

sollte durch eine Hand zur Ruhe gebettet werden, die ihn brüderlich

liebte. Die Gäule waren angesträngt. Ich sprang auf. Einen jungen

Kriegsfreiwilligen, der das Grab für die Eltern zeichnen sollte, nahm

ich mit. Vorwärts! Ich hieb auf die Pferde und jagte querfeld nach

Posiminicze hinüber.

Dann stand ich vor dem Toten und wußte nun erst: Ernst Wurche war tot.

In einer kahlen Stube auf seinem grauen Mantel lag der Freund, lag

mit reinem, stolzem Gesicht vor mir, nachdem er das letzte und größte

Opfer gebracht hatte, und auf seinen jungen Zügen lag der feiertäglich

große Ausdruck geläuterter Seelenbereitschaft und Ergebenheit in Gottes

Willen. Aber ich selbst war zerrissen und ohne einen klaren Gedanken.

Vor dem Hause, zur Linken der Tür, unter zwei breiten Linden hatte ich

die offene Grube gesehen, die die Leute der Feldwache ausgehoben hatten.

Dann sprach ich die Mannschaften, die am Abend mit ihm auf Patrouille

gegangen waren. Ernst hatte feststellen sollen, ob die Gräben der

Seensperre vor Simno noch von Russen besetzt wären. Im Vorgehen war

die Patrouille vom Feind mit Schrapnells unter Feuer genommen worden.

Es war unmöglich, unbemerkt an die zu erkundende Stellung mit der

Patrouille heranzukommen. Aber der junge Führer kehrte nicht um, ohne

seinen Auftrag restlos zu erfüllen. Nur seine Leute ließ er zurück.

Während sie in Deckung warteten, machte er einen letzten Versuch, sich

die Einsicht in den russischen Graben zu erzwingen. Gewohnt, immer

zuerst sich als den Führer einzusetzen, kroch er allein Meterbreite

um Meterbreite vor und arbeitete sich so noch weitere hundertfünfzig

Meter heran. Der Graben war nur noch von Kosakenposten besetzt, aber im

Vorkriechen wurde der deutsche Offizier von einem der Russen bemerkt,

der alsbald auf ihn feuerte. Eine Kugel drang ihm in den Leib, die

großen Blutgefäße zerreißend und den Tod in kurzer Zeit herbeiführend.

Seine Leute bargen ihn aus dem Feuer der flüchtenden Kosaken. Einer

fragte, wie sie ihn trugen: »Geht es so, Herr Leutnant?« Er antwortete

noch ruhig wie immer: »Gut, ganz gut.« Dann verließen ihn die Sinne,

und er starb still, ohne zu klagen.

Vor dem lettischen Gehöft, wo er als Feldwachhabender gelegen, auf den

Seehöhen vor Simno schmückte ich ihm das Heldengrab. Zwei Linden über

ihm als geruhige Grabwächter, das nahe Rauschen der Wälder und das

ferne Gleißen des Sees sollten ihn behüten. In den Bauerngärten umher

war eine blühende, schwellende Fülle von Sonne und Sommerblumen. Ein

Grab voll Sonne und Blumen sollte der sonnenfrohe Junge haben. Mit Grün

und Blumen kleidete ich die kühle Erde aus. Dann brach ich eine große,

schöne Sonnenblume mit drei golden blühenden Sonnen, trug sie ihm ins

Haus und gab sie ihm in die gefalteten Hände, die, fast Knabenhände

noch, so gerne mit Blumen gespielt hatten. Und ich kniete vor ihm, sah

wieder und wieder in den feiertäglich stillen Frieden seines stolzen

jungen Gesichts und schämte mich meiner Zerrissenheit. Aber ich rang

mich nicht los von dem armseligen Menschenschmerze um das einsame

Sterben des Freundes, in dessen Hand in der letzten Stunde keine andere

gelegen hatte, die ihn liebte.

Doch je länger ich kniete und in das reine, stolze Gesicht sah, desto

tiefer wuchs in mir eine angstvolle und unerklärliche Scheu. Etwas

Fremdes wehte mich an, das mir den Freund entrückte. Dann schlug

mir das Herz in aufwallender Scham. Er, der seinem Gotte so gerne

nahe war, wäre +allein+ gestorben? Ein Bibelwort fiel mir ein aus

Jeremias: »+Ich+ bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dir helfe.« Das

letzte große Zwiegespräch auf Erden, die Zweieinsamkeit zwischen Gott

und Mensch hatte kein Unberufener gestört ... Und ich klagte um ein

freundloses Sterben -- -- --

Nicht daß ich's in jener Stunde klar empfunden hätte, aber als Keim

senkte es sich damals in meine Seele, der in später Erinnerung heller

und heller aufblühte. Großen Seelen ist der Tod das größte Erleben.

Wenn der Erdentag zur Rüste geht und sich die Fenster der Seele, die

farbenfrohen Menschenaugen verdunkeln wie Kirchenfenster am Abend,

blüht in dem verdämmernden Gottestempel des sterbenden Leibes die Seele

wie das Allerheiligste am Altar unter der ewigen Lampe in dunkler Glut

auf und füllt sich mit dem tiefen Glanze der Ewigkeit. Dann haben

Menschenstimmen zu schweigen. Auch Freundesstimmen ... Darum forscht

und sehnt euch nicht nach letzten Worten! Wer mit Gott spricht, redet

nicht mehr zu Menschen.

Hätte ich's doch klarer empfunden in jener Abschiedsstunde! Ich ließ

den Freund hinaustragen und half ihn in das grünausgekleidete Grab

unter den Linden senken. In seiner vollen Offiziersausrüstung bettete

ich ihn zum Heldenschlafe mit Helm und Seitengewehr. In der Hand trug

er die Sonnenblume wie eine schimmernde Lanze. Dann deckte ich ihn mit

der Zeltbahn. Über dem offenen Grabe sprach ich ein Vaterunser, zu dem

mir nun freilich wieder die Worte in Tränen versagten, und warf die

ersten drei Hände Erde auf ihn, danach sein Bursche, dann die andern.

Dann schloß sich das Grab, und der Hügel wuchs. Eine Sonnenblume steht

darauf und ein Kreuz. Darauf ist geschrieben: »Leutnant Wurche. I. R.

138. Gefallen für das Vaterland. 23. 8. 1915.« Der Stahl, den der

Waffenfrohe blank durch sein junges Leben getragen, liegt ihm nahe am

Herzen, als ein Gruß von Erde, Luft und Wasser der Heimat, aus dem

Marke deutscher Erde geschmiedet, in deutschem Feuer gehärtet und mit

deutschem Wasser gekühlt.

Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,

Liegt still und blank zur Seite.

Stromüber gleißt, waldüber grüßt,

Feldüber lockt die Weite ...

Die Verse, die er im Leben geliebt, lebt er im Tode.

Über das Kreuz hing ich zum Abschied einen aus hundert flammenden

farbigen Bauernblumen gewundenen Kranz, für den seine Leute alle

Gartenbeete der lettischen Bauern geplündert hatten. Weichsamtene

Levkojen und rotgoldene Studentenblumen, Nachtschatten und

Sonnenblumen, der ganze reife Sommer blühte über dem Grabe des

Jünglings, als ich schied.

Durchs Feldtelephon kam der Marschbefehl. Ich mußte im Galopp zu

meiner Kompanie zurück. Das Bild des Grabes, das der Kriegsfreiwillige

gezeichnet, in der Brieftasche, brach ich zur weiteren Verfolgung

des Feindes auf. Wir marschierten den Weg, den er so treu mit seiner

Patrouille unter Hingabe seines Lebens aufgeklärt hatte.

Am Abend lagen wir wieder vor dem Feinde. Die Schrapnells und Granaten

russischer Feldgeschütze fuhren gurgelnd und krachend, wirbelnde

Luftschleppen hinter sich herreißend, gegen die Gehöfte, hinter denen

wir Deckung suchten. Ich saß auf einem Tornister und schrieb auf

ein paar Meldekarten an die Eltern des Freundes. »Glauben Sie mir:

Sie tun ihm die letzte Liebe, wenn Sie seinen Tod so tragen, wie es

seiner würdig ist und wie er es wünschen würde! Gott lasse seine

Geschwister, an denen er so brüderlich hing, aufwachsen, ihm gleich an

Treue, Tapferkeit und Weite und Tiefe der Seele!« Aber ach, wie fern

war ich selbst, während ich dies schrieb, von solcher Ergebung und

Herzenstapferkeit, die ich andere lehrte! --

* * * * *

Und weiter Märsche und Gefechte, Gefechte und Märsche ... Olita fiel.

Bei Preny gingen wir über den Njemen. Vor Zwirdany zerbrachen wir

in nächtlichem Sturm die Russensperre am Daugi-See, nachdem wir am

Tage die Höhenstellungen bei Tobolanka erstürmt hatten. Am Ufer der

Mereczanka, vor dem brennenden Orany, lagen wir im Feuer. Und zogen

der Wilia entgegen in neue Schlachten. Allabendlich flammten und

schwelten Dörfer und Scheunen am Horizonte als Brandfackeln, die dem

rückflutenden Russenheere meldeten, wie weit die deutschen Heeressäulen

vorgedrungen waren. Verstörte Einwohner huschten mit Kindern, Bündeln

und Packen schattenhaft auf unsern Wegen um zerschossene Wohnstätten

und zertretene Gärten. Hunde jaulten um verlassene und zerstörte

Höfe. Vieh und Pferde tauchten auf und verschwanden. Gleichgültig

und mit müden Augen sahen wir all die schattenhaften Bilder, die wie

Sonnenaufgang und Untergang sich täglich und stündlich wiederholten,

stumpf und schlafhungrig hörten wir den Wirrwarr lauter Befehle und

Zurufe, das »Germanski, Germanski!«-Jammern der verwundeten Russen in

Wald und Feld -- -- Schlafen! nur schlafen!

Das Zwielicht eines baufälligen Stalles von Winknobrosz schied mich

von der scharfen, grauen Helle eines Septembermorgens voll Sturm und

Regen. Die Strohschütten, auf denen ich unter meinem grauen Mantel

lag, strömten faden, süßlichen Fäulnisgeruch aus und erfüllten die

regen- und schlammschweren Kleider mit dunstfeuchter Wärme. Von den

braunen Leibern der zwei müden Kompaniepferde, mit denen ich den

dumpfen, zugigen Raum teilte, stieg farbloser Schweißdunst auf und

stand als grauer Nebel in den durch die Löcher der Holzwand und die

Risse des Strohdachs hereinbrechenden grellen Lichthaufen. Durch die

klaffenden Sprünge und Spalten der rohen Holztür, die das armselige

Wohngelaß des polnischen Dorfschmieds von uns schied, quoll der

unruhige Lärm der Telephonisten und Offiziersburschen, untermischt

mit weinerlichem Polnisch und dem stoßweisen Wimmern eines Kindes,

das in der Schwebewiege durch den Armeleutebrodem des überfüllten

Raumes schaukelte. Der Summer des Telephons klöhnte und klöhnte ...

Alles wie an jenem Abend in Zajle. Warum traten Menschen und Dinge

immer wieder zu dem quälenden Bild der Erinnerung zusammen und taten

Gespensterdienst und schafften alle Nächte zu Todesnächten um? Heute

und morgen -- wie oft noch?

Aus den klammen Falten des Mantels über meinen Knien schimmerten im

Halbdunkel zwei wandernde leuchtende Punkte, die Radiumzeiger einer

flachen, kleinen Stahluhr, auf der die Stunden des Ruhetages nach

wochenlangen Kämpfen und Märschen träge und müde abliefen, eine um die

andere.

Ich sah auf das bißchen Glanz, das inmitten von so viel Armseligkeit

schimmerte, und mühte mich, das Ticken der kleinen Uhr zu hören. Ich

hob sie auf und glaubte wieder das unermüdliche Gangwerk zu spüren wie

den Pulsschlag von etwas Lebendigem. Ich redete mir so gerne ein, daß

es ein Stücklein Leben wäre, das mir gut und treu nahe sei. Denn dieses

leise pulsende Treiben war noch von der Hand in Gang gebracht worden,

die mir vor andern Menschenhänden lieb war und die nun still über dem

kühlen Stahl des Schwertes im Grabe ruhte. Ernst Wurches Uhr, die mit

mir durch die Kämpfe der Njemenschlacht und der Schlacht bei Wilna den

Weg zu den Eltern in der schlesischen Heimat suchte ... Als ich in der

Frühe des Unglückstages, der seiner Sterbenacht folgte, an die Seite

des Toten eilte, schwiegen Lippen, Puls und Herz des Freundes seit

Stunden, aber als mir die kleine Uhr in die Hand hinüberglitt, erspürte

ich das leise, behutsame Pulsen des Werkes, das +er+ noch in Gang

gesetzt, wie ein Stücklein Leben von seinem Leben, und ich hatte und

hegte einen Augenblick lang das törichte Leidgefühl, als hielte ich das

liebe Herz meines Freundes in Händen.

Durch Stunden und Tage mühte ich mich, die kleine unermüdliche Stimme,

die mich seitdem durch Märsche und Gefechte begleitete, besser zu

verstehen. Und sie redete zu mir und sprach auch heute: »Du lebst die

Lebensstunden meines toten Herren, deines Freundes, die Gott ihm als

ein Opfer abforderte. Denkst du daran? Du lebst seine Zeit, wirke seine

Arbeit! Er schläft, du wachst, und ich teile dir die Stunden deiner

Lebenswache zu. Ein rechter Kamerad wacht für den andern, wache du für

ihn! Sieh, ich hüte treu das Amt, das er mir zugeteilt, sei ihm treu

wie ich, du Mensch, der mehr ist als wir toten Dinge, deren Leben von

euch stammt!« ... Die leise kleine Uhr sprach und sprach, und ihre

Stimme sickerte mir tiefer und tiefer ins Herz ... Ich wollte gehorchen

und mich über den Schmerz emporreißen. Und schrieb im Halbdunkel:

»Im Osten, von wannen die Sonne fährt,

Ich weiß ein Grab im Osten,

Ein Grab vor tausend Gräbern wert,

Drin schläft ein Jüngling mit Fackel und Schwert

Unter des Kreuzes Pfosten.

Als Fackel trägt er in weißer Hand

Eine goldene Sonnenblume,

Auch loht von des Heldenhügels Rand

Eine Sonnenblume wie Feuersbrand,

Eine Fackel zu seinem Ruhme.

Das Schwert, so oft beschaut mit Lust,

Glüht still in eig'nem Glanze.

Es deckt des Sonnenjünglings Brust

Als Sonnenwappen der Blütenblust

Der gold'nen Blumenlanze.

Er war ein Hüter, getreu und rein,

Des Feuers auf Deutschlands Herde.

Nun blüht seiner Jugend Heiligenschein

Als Opferflamme im Heldenhain

Über der blutigen Erde.

Die Fackel, die seinem Grabe entloht,

Soll Jugend um Jugend hüten,

Bis unter Morgen- und Abendrot

In Friedensträumen und Schlachtentod

Die letzten Deutschen verblühten.

Ein Flammenengel des Weltgerichts

Schläft still in schimmernden Waffen.

Einst wird er, zerstäuben die Welten in Nichts,

Die blühende Lanze voll schwellenden Lichts

Von seinem Grabe raffen.

Dann leuchtet sein Leib aus der Toten Chor,

Ein Blitz aus wogender Wolke,

Dann bricht er mit Fackel und Schwert hervor

Und leuchtet durch der Ewigkeit Tor

Voran seinem deutschen Volke.«

Die Pulse flogen mir. Ich stand auf und ging hinaus. Freie und Frische

wehten mich an. Das Herz wallte mir leichter als seit langem. Da --

ein Rauschen in den Lüften, ein scharfes Schreien, ein Näherbrausen,

ein wanderndes Gänseheer rauschte hoch über Winknobroscz hin nach

Süden. Ihre Schatten flogen über mich hin. Eine Erinnerung drückte auf

mich wie eine lastende Hand. Wie lange war es her, daß das Gänseheer

wandernd nach Norden rauschte über die kriegswunden Wälder vor Verdun

hin, über den Freund und mich?

»Rausch' zu, fahr' zu, du graues Heer!

Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!

Fahrt ihr nach Süden übers Meer --

Was ist aus uns geworden?

Wir sind wie ihr ein graues Heer

Und fahr'n in Kaisers Namen,

Und fahr'n wir ohne Wiederkehr,

Rauscht uns im Herbst ein Amen!«

Aus Frühling und Sommer war Herbst geworden. Die Graugänse wanderten

nach Süden. Fernhin rauschte ihre Fahrt über das einsame Grab auf den

stillen Höhen über dem Simno-See ... Ich schaute dem wandernden Heere

nach, doch nicht lange. Wie eine Hand lag mir's im Nacken, die mich

duckte. Da ging ich zurück in die polnische Schmiede und warf mich ins

Stroh.

Tiefer und tiefer hinein in russisches Land ging der Vormarsch.

Moskauer und Petersburger Garden warfen wir aus verschanzten Wäldern,

setzten auf Pontons über die Wilia und lagen in der Hölle des

brennenden Porakity, über dessen Trümmer die Flut der Russengeschosse

hinging, während wir wehrlos, von siedender Helle übergossen, durch

mörderische Stunden warteten. Wir schanzten uns vor Ostrow ein und

hörten das Geheul der durch das brennende Uljany vorbrechenden und

wieder zurückgeworfenen Russenhorden.

Wir stoßen unsre Schwerter

Nach Polen tief hinein.

Die Hand wird hart und härter,

Das Herz wird hart wie Stein.

Die Lust ist uns bestohlen.

Wer nahm uns Glück und Glut?

Das macht im Sand von Polen

Das viele stille Blut.

Wir tragen unsre Fahnen

Still in die Nacht hinein,

Das Blut auf unsern Bahnen

Ist unser Frührotschein.

Durch Polen möcht' ich traben,

Bis mir das Blut erglüht.

Das kommt vom Gräbergraben,

Das macht die Hände müd'.

Bei Schwertern und bei Fahnen

Schlief uns das Lachen ein.

Wen schert's! -- Wir soll'n die Ahnen

Lachender Enkel sein.

Das Hin und Her der Märsche und Gefechte ging weiter. Aber der Krieg

brannte nieder. Aus der Schlacht bei Wilna führte ich zuletzt die Reste

zweier Kompanien heraus hinter die Kette der litauischen Seen, an denen

wir uns einschanzen sollten.

... Und wieder vor der Kompanie

Tappt meines Fuchsen müder Schritt.

Durch Wald und Nachtwind führ' ich sie,

Und hundert Füße rauschen mit.

Der Wald ist wie ein Sterbedom,

Der von verwelkten Kränzen träuft,

Die Kompanie ein grauer Strom,

Der müde Wellen rauschend häuft.

Der graue Strom rauscht hinter mir,

Durch Sand und Schnee, durch Laub und Staub,

Und Well' um Welle dort und hier

Wird Sonnenraub, wird Erdenraub.

Es schwillt der Strom und ebbt und schwillt ...

Mein Herz ist müd', mein Herz ist krank

Nach manchem hellen Menschenbild,

Das in dem grauen Strom versank.

Die Welt ist grau, die Nacht ist fahl,

Mein Haupt zum Pferdehals geduckt,

Träum' ich, wie hell durchs Todestal

Mein Strom einst klang lichtüberzuckt ...

Mein Fuchs geht immer gleichen Tritt

Voran, entlang dem grauen Zug,

Und graue Reiter reiten mit,

Die er vor mir im Sattel trug. --

Bei Nacht zogen wir uns hinter die natürliche Verteidigungsstellung

der Seensperre zurück, hoben in größter Eile Gräben aus und ließen

den Gegner anlaufen. Tag und Nacht schanzten unsre Leute. Rings um

die Seen brannten die Russendörfer nieder, rotlodernde Leichenfackeln

des sterbenden Krieges. Und wieder monatelanges Stilliegen in

Schützengräben wie einst auf den Maashöhen vor Verdun und in den

Wäldern vor Augustow. Und doch alles anders. Wie ein ferner, schöner

Traum lagen die lauen Sommernächte hinter uns, die wir singend und

plaudernd durchwacht hatten. Jetzt türmten sich Schneewälle um unsre

Erdhöhlen. Schneidende Ostwinde fegten das graue Eis der Seen und

peitschten nadelscharfe Kristalle gegen die wachtmüden Augen. Dreizehn

und vierzehn Stunden dauerte das nächtliche Horchen und Lauern der

Wacht im Osten.

Eisgrauer See,

Mondheller Schnee ...

Wie lang' noch soll ich schreiten

Das kalte Schwert zur Seiten?

Wie lang' währt Mord und Streiten?

Weh', Russenerde, weh' --!

Einsame Wacht,

Schneekühle Nacht.

Es knarrt der Frost im Eise,

Der Sturm singt harsche Weise,

Der Friede, den ich preise,

Der ist in Bann und Acht.

Brandhelle loht!

Mord, Haß und Tod,

Sie recken ob der Erde

Zu grauser Drohgebärde,

Daß niemals Friede werde,

Schwurhände blutigrot.

Was Frost und Leid!

Mich brennt ein Eid.

Der glüht wie Feuersbrände

Durch Schwert und Herz und Hände.

Es ende drum, wie's ende --

Deutschland, ich bin bereit.

Die Zeit schlich durch die Winternächte hin so träge wie eine Flamme,

die sich schwelend durch feuchte Buchenkloben frißt ...

Die Lücken, die der Bewegungskrieg gerissen, schließen sich durch

Ersatz aus der Heimat. Frisch ausgebildeter Landsturm und junge

Rekruten. Der Graben füllt sich mit fremden Gesichtern und neuen grauen

Röcken, die seltsam von den verwitterten, erdfarbenen Kleidern der

alten Leute abstechen. Und wieder Wochen und Wochen des Schanzens und

Lauerns, und in Schnee und Regen sind alle Röcke sich gleich geworden.

Es gibt keine fremden Gesichter mehr im Graben. Aber die fehlenden

kommen nicht wieder. Nur in den langen, grauen Nächten kommen sie und

reden. Der Verkehr mit den Toten macht einsilbig und still ...

Ich liege erst zwischen den Seen, dann fünf Monate hindurch mit meiner

»Sechsten«. Schanzen und Wachen, Wachen und Schanzen. Alle Nächte sind

tief und dunkel wie Abgründe und voll unfaßbaren Lebens. Die Tage sind

fahl und kurz und sind nichts als bleierner Schlaf und verworrener

Traum. Die Nächte sind ein verhohlenes Leben in Erdhöhlen und dunklen

Gräben, ein Auf- und Abwandern an starrenden, grauen Drähten in

aufflackernder und verwehender Helle, ein Lauern über Brustwehren und

Schießscharten und ein Hocken am Feldtelephon ... Und aus jeder Nacht

hebt sich dunkel und bedrückend vor den überwachen Sinnen die eine

verschollene Nacht, die Nacht von Zajle ... Der Summer im Feldtelephon

klöhnt. Die stille Fläche des Simno-Sees schimmert auf. Ferne

Schüsse knattern. Der Posten geht auf und nieder ... O, ihr Nächte,

ihr Totenbeschwörer! Traum und Trug sind die Tage, die wie Blätter

verwehen, und in jeder Nacht erneut sich das Dunkel der Sterbenacht

über dem Simno-See. Ich sitze zusammengekauert vor der flackernden

Kerze im Unterstand und lausche den Stimmen der Nacht und hadere.

Jede Nacht erlebe ich dein Sterben, Freund! Du und ich, wir beide in

+einem+ brennenden Hause, die Habe unseres Volkes zu retten, durch

dünne Wände geschieden, du und ich. Und du, mein Bruder, verbrennst

in der Kammer neben mir, und ich darf dir nicht helfen ... Ich sitze

zusammengeduckt und hadere. Und fühle doch deine Nähe. Du bist bei mir

und schwichtigst. Ich höre deine gute, junge Stimme.

»Leutnantsdienst tun heißt seinen Leuten vorleben, das Vorsterben

ist dann wohl einmal ein Teil davon.« Ich hebe die Augen und suche.

Gestalt und Stimme verwehen. Ich schlage den Mantelkragen hoch und

trete ins Freie. Und die russische Nacht durchfrostet mich wieder.

Vor den Gräben und Horchlöchern wandre ich auf und nieder. Von der

Höhe über den verkohlten Dorftrümmern ragen gespenstisch die hohen,

schwarzen Kreuze des lettischen Friedhofs. Wie oft sind wir im Morgen-

und Abenddämmern an diesen kahlen Todesstätten mit den müden Kompanien

vorübergezogen! Sie gleichen sich wie Schatten, einer wie der andere.

Und doch weht von keinem so kühler Schauer wie von dem Sonnengrabe über

dem Simno-See. Ich starre auf die Kreuze. Eine blasse Helle sickert aus

dem Wolkendunkel im Osten. Es ist Zeit, schlafen zu gehen.

Alle Nächte sind eine Totenklage. Nachtstürme rütteln heulend an

meine Hütte aus Lehm und Brettern. Mein Herz ist eine Scheune voll

wilder Pferde, eine Scheune, die in Brand geriet. Rosse stampfen,

Halfterketten klirren ...

Stille Nächte schleichen dahin wie Gespenster. Morgenkühle weht auf,

mit übernächtigen Augen sehe ich in den fahlgewordenen Kerzenschimmer

und lösche das Licht. Alle Nächte sind eine Totenklage. Der Morgen ist

von Nebeln überfallen, und sein Glanz ist dahin! Der Winter ist da,

und sein Frost macht die Scheiben blind. Meine Seele ist kalt wie ein

kahler Raum. Die Scheiben sind gefroren. Kein Strahl der vertrauten

Welt dringt von außen in mich hinein. Ich sitze einsam hinter

gefrorenen Fenstern, mein Freund, und starre auf deinen Schatten, der

den Raum füllt ... Und hadere. Aber draußen wächst das Licht. Und

wieder bist du mir nahe und schwichtigst. »So laß sehen, ob ich nicht

lebendiger bin als du! Sieh', ich trete an die Fenster und lege die

Hand auf das Eis. Es taut mir unter den Händen. Der erste Sonnenstrahl

bricht hell herein. Ich hauche lächelnd über das kalte, blinde Eis --

sieh', wie es hinwegtaut! Wälder, Städte und Seen schauen herein, um

die wir gewandert sind, liebe Gesichter schauen von draußen herein.

Willst du ihnen nicht rufen? Sind wir nicht immerdar Wanderer zwischen

beiden Welten gewesen, Gesell? Waren wir nicht Freunde, weil dies unser

Wesen war? Was hängst du nun so schwer an der schönen Erde, seit sie

mein Grab ist, und trägst an ihr wie an einer Last und Fessel? Du mußt

hier wie dort daheim sein, oder du bist es nirgends ...« Der Tag ist

mächtig geworden, und mein Herz will hell werden und gläubig.

Alle Nächte sind eine Totenklage. In grauem Mantel lehne ich an der

verschneiten Brustwehr und sehe auf zu den bleichen Sternen der

Winteröde. Und mein Herz hadert. »Wir sind alt geworden an unsern Taten

und alt an unsern Toten. Der Tod war einmal jung und verschwenderisch,

aber er ist alt und gierig geworden.« Aber der Freund ist neben mich

getreten, still, ich weiß nicht woher, und ich frage nicht. Sein Arm

liegt in meinem wie in den Waldgräben vor Augustow. Und er schwichtigt:

»Ihr glaubt zu altern und werdet reif. Eure Taten und eure Toten machen

euch reif und halten euch jung. Das Leben ist alt und gierig geworden,

der Tod bleibt sich immerdar gleich. Weißt du nichts von der ewigen

Jugend des Todes? Das alternde Leben soll sich nach Gottes Willen an

der ewigen Jugend des Todes verjüngen. Das ist der Sinn und das Rätsel

des Todes. Weißt du das nicht?«

Der Wanderer zwischen den Welten: Ein Kriegserlebnis · 第 4 / 6 段