Zwischen Kalvarja und Mariampol bezog das Regiment noch einmal

feste Stellung, die von preußischer Landwehr ausgebaut war. Ein

abscheulicher Fäulnisgeruch lag über den Lehmgräben, in denen trübes

Grundwasser immer in tiefen Lachen und Pfützen stand. Unter dem

Bodenbelag der Unterstände mußte das nachsickernde Wasser immer aufs

neue ausgeschöpft werden. Jenseits der Brustwehr lag der ausgeworfene

Schlamm in breiten, zähen Bächen. An der Luft und unter der Erde

wimmelte es von Ungeziefer. Das Fliegengeschmeiß sammelte sich um jeden

eßbaren Bissen in schwarzen Klumpen, und aus dem Deckbalkengefüge der

Unterstände warfen uns die unermüdlich wuselnden Mäuse den trocknen

Lehm auf Köpfe und Teller. Ernst Wurche, der in diesen Tagen seinen

dritten Zug an einen Kameraden mit älterem Patent abgeben mußte, teilte

mit mir ein enges Erdloch, in dem wir gerade auf zwei etagenförmig

übereinander gebauten Pritschen schlafen konnten. Gegen die Mäuse

eröffneten wir, wenn es zu toll wurde, mit unsern Pistolen von beiden

Pritschen her nächtliche Feuerüberfälle, die sich mitunter zu wütendem

Trommelfeuer steigerten. Wenn dann unsre Taschenlampen als Scheinwerfer

über den Kampfplatz spielten, beleuchteten sie ein wüstes Trümmerfeld

von Holzsplittern und Lehmbrocken, unter denen sich einmal sogar eine

Mäuseleiche begraben fand. Die Höhlenluft, in der wir schliefen, wurde

durch den Pulverschwaden, der das nächtliche Schlachtfeld deckte,

weder besser noch schlechter. Im übrigen mieden wir nach Möglichkeit

den Aufenthalt in dem unappetitlichen Loche, in dem wir uns trotz

der von Wurche besorgten pomphaften Türinschrift »Stabsquartier des

2. Zuges« nicht heimisch fühlten. Bei Nacht wanderten wir durch den

Graben und die Horchpostenlinie oder pirschten uns auf Patrouille an

die russische Feldwache heran. Bei Tage nützten wir jedes Stündlein

Sonne zum Faulenzen und Plaudern auf einer kärglichen Feldblumenwiese

hinter den Gräben. Die flache Wiese war der einzige saubere Fleck, der

uns in dem armseligen Lande, das sich um die »Leidensstadt« Kalvarja

dehnt, erreichbar war. Aber sie hatte den Nachteil, daß man sie nur

»liegend« bewohnen konnte. Vermaß man sich, aufrecht darauf zu wandeln,

so pfiffen einem vom Russengraben her die Salven um die Ohren. Aber es

war doch schön, sich auf dem blühenden Fleckchen zu strecken, die Hände

unterm Kopf zu verschränken und in den blauen, sonnenheißen Himmel

hinaufzusehen. Auf dieser Wiese haben der Freund und ich unsre letzten

Plauderstündchen gehalten, zum letzten Male habe ich mich hier seines

gedankenhurtigen und bildkräftigen Plauderns freuen dürfen ... Goethes

Lieder ließen uns die Armseligkeit der Umgebung vergessen, und oft rief

uns erst der Kugelsegen, der uns beim Aufstehen begrüßte, wieder in die

Wirklichkeit zurück.

In der ersten Frühe des 19. August hatte ich den Freund eben im

Nachtdienst abgelöst, als ich vom Kompanieführer den Befehl erhielt,

mit einer Patrouille die Stärke der feindlichen Grabenbesatzung nach

Möglichkeit zu erkunden. Die Kämpfe um Kowno machten die Stellung

des Gegners mit jedem Tage unhaltbarer, und es lag alle Ursache vor

aufzupassen, ob er nicht einmal freiwillig bei Nacht und Nebel die

Gräben räumte, um sich weiter rückwärts in günstigerer Lage aufs neue

festzusetzen.

Mit einer Patrouille von zwei Gruppen fühlte ich vor. Es war schon

fast heller Tag, und zunächst glaubte ich nicht, daß wir weit kommen

würden. Denn gleich als wir uns über die Ausfallrampe der Brustwehr

schwangen, pfiffen uns von drüben ein paar Kugeln um die Ohren, die

uns bewiesen, daß noch Leben in dem Russengraben war, und zudem mußten

wir fast den ganzen Weg in voller Sicht des Feindes zurücklegen. Aber

sonderbar, je weiter wir vorgingen, desto zaghafter kamen die Schüsse

vom gegnerischen Graben. Daß wir längst bemerkt waren, daran war kein

Zweifel. Entweder hatten also die Russen in der Nacht die Stellung

geräumt und nur ein paar Leute zurückgelassen, die durch fleißiges

Schießen die Grabenbesatzung so lange wie möglich »markieren« sollten

und denen es nun angesichts unsres Vorgehens rätlich schien, keine

zu große Erbitterung in uns aufzuspeichern, oder aber man wollte uns

herankommen lassen und in die Falle locken. Um herauszubekommen,

welche der zwei Möglichkeiten wahrscheinlich sei, nahm ich mit

meinen zwei Gruppen auf einem flachen Hügel Stellung, schoß ein

paar Salven nach den russischen Gräben und ging dann im Kehrt ein

Stückchen zurück, als wenn ich wieder in die eigene Stellung wollte.

Ich sagte mir: wollten die Russen uns in die Falle locken und sehen

nun, daß wir doch umkehren, so werden sie jetzt mit allen Gewehren

feuern, um uns zusammenzuschießen, ehe wir ganz entkommen. Aber trotz

der Kehrtschwenkung blieb es bei ein paar Schüssen, die bald von

rechts, bald von links her über unsre Köpfe weggingen. Dadurch sicher

gemacht, gingen wir wieder energisch gegen die russischen Verhaue

vor. Gleichzeitig schickte ich einen Mann zurück an Leutnant Wurche,

er möchte mir mit einer Handgranatengruppe möglichst rasch folgen.

Ich wollte ihn in einem abgebrannten Gehöft kurz vor dem russischen

Hindernis erwarten, dann in den Russengraben einbrechen und uns im

Fall einer Überrumpelung mit den Nahkampfmitteln doch noch aus der

Falle herauskämpfen. Es ging alles glatt ab. Auf ein verabredetes

Zeichen brachen wir unter den verkohlten Bäumen vor und rissen die

spanischen Reiter des russischen Hindernisses auseinander. Im Nu hatten

die hartzupackenden Fäuste unsrer Leute eine Bresche gelegt, und wir

sprangen über die Brustwehrkrone in den feindlichen Graben hinein.

Im kritischen Augenblick des Vorbrechens schlug doch allen das Herz

schneller, das merkte man an der Art, mit der die Hände der Leute in

den Stacheldraht hineinfuhren. Im russischen Graben holte uns Ernst

Wurche mit seiner Handgranatengruppe ein. Ein russischer Sergeant gab

sich mit einer Gruppe gefangen. Wir schickten eine Gefechtsordonnanz

an die Kompanie zurück, entwaffneten die Russen und schickten sie mit

zwei Mann als Bedeckung dem vorauseilenden Melder nach. Einen Teil

der Leute ließen wir zur weiteren Durchsuchung der Unterstände zurück

und gingen mit dem Rest der Patrouille aufklärend gegen die zweite

Stellung des Gegners vor. Die Gräben auf der beherrschenden Höhe 130

fanden wir leer, und auch die Gehöfte weiter rückwärts waren verlassen.

Nur ansehnliche Batterien leerer Flaschen in den kahlen Stuben zeigten

deutlich, wo die höheren Stäbe quartiert hatten. Auch aus der zweiten

Stellung ging ein Melder an die Kompanie zurück. Wir selbst drangen

unbehindert noch mehrere Kilometer bis über die Szeszupa vor, schossen

uns mit einer Kosakenpatrouille herum und stellten fest, daß der Gegner

auch in den Gräben am Flußufer noch nicht wieder Halt gemacht hatte.

Danach war unsre Aufgabe gelöst, und wir suchten wieder Verbindung

mit der Kompanie. Auf der Rückkehr zu unsern Gräben -- wir fuhren mit

einem für unser Gepäck requirierten Wagen zurück -- trafen wir zwischen

der ersten und zweiten Grabenlinie der Russen bereits aufklärende

Dragoner, die auf Grund unsrer Meldung vorgeschickt waren. Kurz danach

stießen wir auf Infanteriepatrouillen und marschierende Kolonnen, und

als wir persönlich dem Kompanieführer Meldung machten, gingen bereits

Teile der Feldartillerie auf Balkenbrücken über unsre Gräben vor. Die

ganze Division war in Bewegung. Unsre Leute strahlten. Die »Neunte«

hatte als erste Kompanie den Abzug des Gegners erkundet. Darauf

war jeder Mann der Kompanie stolz. Wir wurden mit einer Patrouille

nochmals vorgeschickt, um an der Szeszupa-Brücke den Flußübergang zu

decken. Aber die Brücke dröhnte schon unter marschierenden Kolonnen,

Pferdehufen und Rädern. Kavallerie- und Infanteriepatrouillen fühlten

bereits weit voraus vor. Wir warfen die Kleider ab, badeten im Flusse

und erwarteten das Bataillon. Es war für Monate unser letztes Bad.

Der gefangene Sergeant hatte ausgesagt, daß sein Regiment weiter

rückwärts an der Bahnlinie bei Krasna wieder feste Stellung bezogen

habe. Diese Angabe erwies sich als richtig. Die Rückzugsstraße des

Gegners, auf der wir alsbald vormarschierten, war von weggeworfenen

Patronen besät und stellenweise in ihrer ganzen Breite tiefaufgerissen

und zerstört, um das Vorankommen unsrer Geschütze und Fahrzeuge zu

hindern. Aber die Wälder längs der Straße hatten Stammholz genug,

um die Gräben im Augenblick zu überbrücken. Im Walde kurz vor dem

langgestreckten Dorfe Warthi krepierten die ersten russischen

Schrapnells über der Straße, auf der unser Bataillon marschierte.

Die Kompanien zogen sich in Gefechtsbereitschaft nach links in die

den feindlichen Stellungen vorgelagerten Waldstücke und erwarteten

den Angriffsbefehl. Unsere Artillerie fuhr auf und antwortete den

russischen Geschützen. Ein paar Gehöfte zwischen uns und dem Gegner

brannten wie Fackeln herunter.

Schon beim Abmarsch aus unsrer alten Stellung hatte Leutnant Wurche den

Regimentsbefehl erhalten, der ihn zur zehnten Kompanie kommandierte.

Während des Marsches war er noch mit mir zusammengeblieben, aber jetzt

als die Kompanien zum Gefecht auseinandergezogen wurden, eilte er mit

kurzem Händedruck davon, um sich bei seinem neuen Kompanieführer zu

melden. Während des Marsches war er einsilbig gewesen. Ich verstand ihn

ganz. Es wurmte ihn, +seinen+ Zug, +seine+ Leute aus der Hand geben zu

müssen. Darin fühlte er recht wie ein Künstler, der einen andern über

eine angefangene Arbeit gehen lassen muß. Er war Soldat genug, darüber

nicht viele Worte zu machen. Er wußte Großes und Kleines recht wohl zu

unterscheiden. Das Kleine, das ihn anging, nahm er darum nicht weniger

ernst, aber er sprach nicht darüber.

So kam es, daß wir in unser erstes Gefecht nicht Seite an Seite

vorsprangen. Zwei Züge der neunten Kompanie, darunter der meine,

wurden zuerst eingesetzt. Es war nicht viel mehr als eine gewaltsame

Erkundung. Gleich beim ersten Sprung unsrer hinter dem Waldrand

entwickelten Schützenlinie ins offene Gelände fegte der Hagel der

russischen Maschinengewehre ratternd gegen uns an und riß die ersten

Lücken. In drei Sprüngen arbeitete ich mich mit meinen Leuten bis zu

einer flachen Ackerwelle vor, die uns wenigstens gegen Flankenfeuer

Deckung gab. Der letzte Sprung kostete mich einen meiner braven

Gruppenführer, den Gefreiten Begemann, der noch am Morgen auf unsrer

Patrouille wacker und fröhlich unter den ersten in den russischen

Graben hineingesprungen war. In den Ackerfurchen hinter uns jammerten

Verwundete. Von unsrer kleinen Anhöhe aus konnten wir die russischen

Gräben überschauen. Es waren wochenlang ausgebaute schrapnellsichre

Gräben hinter tiefen, doppelten Drahtverhauen, eine meisterhafte,

schachbrettartige Anlage, die mit Maschinengewehren gespickt war

und den Angreifer an jedem Punkte in ein verheerendes Flankenfeuer

hineinzwang. Diese Stellungen waren von stürmender Infanterie ohne

starke Artillerievorbereitung nicht einfach zu überrennen. Mit ein

paar Gruppen dagegen anzulaufen, war unmöglich. Ich gab Befehl

»Spaten heraus!« und ließ meine Leute sich einschanzen. Dann schickte

ich Gefechtsordonnanzen mit Meldung zurück und erhielt Befehl, mich

bei Dunkelheit auf die Höhe der andern Kompanien zurückzuziehen. Als

es dämmerte, gruben wir dem Gefreiten Begemann, den ein Herzschuß

niedergestreckt hatte, in der vordersten Linie ein Grab. Die Kameraden

in der Schützenlinie knieten auf und entblößten das Haupt. Ich sprach

laut das Vaterunser. Ein paar russische Schrapnells barsten krachend

über dem offenen Grabe. Wir schlossen das Grab, legten Helm und

Seitengewehr auf den flachen Hügel und schickten drei Ehrensalven

darüber hin gegen die russischen Gräben. Dann zogen wir uns auf die

Höhe des Bataillons zurück. Hinter den niederbrennenden Bauernhöfen

hoben die Kompanien Gräben aus und erwarteten in Bereitschaftsstellung

den Morgen.

Auch der folgende Tag brachte noch keinen Angriffsbefehl. Wie es

hieß, wurde in aller Eile Artillerieverstärkung herangezogen, um die

feindliche Stellung sturmreif zu machen.

Am 21. August wurde nach zweistündigem Artilleriefeuer auf der ganzen

Linie angegriffen. Das Gefecht von Krasna und Warthi lebt als einer

der blutigsten Tage in der Geschichte der Brigade.

Hinter den kahlen Hängen vor Warthi entfaltete sich das Bataillon. Die

Kompanien zogen an den feuernden Batterien vorüber und entwickelten

sich aus den flachen Mulden gegen die Höhe, von wo der Angriff

vorgetragen wurde. Über diese Anhöhe lief zwischen den verbrannten

Höfen eine Straße, die beim Angriff überquert werden mußte und vom

Feinde rasend mit Maschinengewehren bestrichen wurde. Zugweise und

gruppenweise sprangen die Kompanien über den Todesweg. Ich sah Leutnant

Wurche mit seinem Zuge springen, Gewehr in der Hand, den Kopf im

Nacken. Links und rechts von ihm rissen die Russenkugeln Lücken.

Verwundete krochen zurück und taumelten hangabwärts zum Verbandplatz.

Neue Feuersbrünste flammten um Warthi auf und warfen schwelende

Rauchschwaden über das Schlachtfeld. Die Maschinengewehre hämmerten und

schütteten. Das Infanteriefeuer brodelte. Die Artillerien zerrissen

Luft und Erde. Die Schwarmlinien des Bataillons verschwanden im

Gelände, verschmolzen mit Feld und Acker. Hier und dort eine springende

Gruppe, die alsbald, wie von der Erde verschluckt, wieder verschwand.

Die starke Stellung des Gegners hatte durch unser Artilleriefeuer

nur wenig gelitten. Die Maschinengewehre waren nicht niedergekämpft.

Der tiefe Angriffsraum, der zudem von verschanzten Höhen aus mit

vernichtendem Flankenfeuer bestrichen wurde, kostete harte Verluste.

Teile des Bataillons drangen nahe an die russischen Hindernisse vor,

der Angriff gewann ein paar hundert Meter Raum, aber es war nicht

möglich, sturmkräftige Schützenlinien vor den feindlichen Verhauen

aufzufüllen. Die letzten Reserven wurden nicht mehr eingesetzt.

Die vorgedrungenen Schützenlinien hatten sich auf dem Gefechtsfeld

eingegraben. In der Dämmerung kam Befehl an die Kompanien, sich

in +einer+ Höhe in durchlaufenden Gräben einzuschanzen. Es wurde

dunkel. Leuchtkugeln stiegen. Spaten und Beilpicken klirrten. Von

den überstürmten Äckern kam ein Stöhnen und Rufen. Die Krankenträger

gingen vor und zerstreuten sich mit Bahren übers Feld. In den rasch

aufgeworfenen Gräben saßen die Gruppen beisammen, schnitzten Kreuze und

machten Kränze aus Wacholder und Fichtenzweigen. Aus der dunklen Erde

wuchsen Gräber und schlossen sich über den Toten von Warthi. Brände

verschwelten. Ab und zu ein prasselndes Zusammenstürzen ausgebrannter

Häuser und Scheunen. Und immer wieder irgendwo ein Wimmern, ein

messerscharfes Schreien. Ablösende Posten gingen zu zweien und dreien

ins Dunkel vor. Patrouillen streiften durch die Postenkette zu den

Russengräben hinüber. Die ganze Nacht hindurch ging das Suchen und

Fragen und stille Finden ...

Ernst Wurche lag mit seinen Leuten in der vordersten Linie. Da sein

Kompanieführer gleich zu Beginn des Gefechts ausfiel, hatte er

mitten im Sturm die Führung der zehnten Kompanie übernommen. Seine

Fernsprecher hatten Verbindung nach rückwärts gelegt. Mitten in der

Nacht rief mich der Freund durchs Feldtelephon an. Nach jedem einzelnen

Mann seines alten dritten Zuges fragte er. Ich hatte die Verluste der

Kompanie zusammengestellt. Auch in den dritten Zug hatte der Tag seine

Lücken gerissen. Nach jedem der Verwundeten fragte er mehr, als ich

antworten konnte. Von seinem eignen Erleben sprach er nicht. »Alles

Gute für morgen!« »Gute Nacht!« Ich hing den Hörer ab. Dann ging ich

zum dritten Zuge und brachte den Leuten die Grüße des Freundes. Der

Morgen ging blaß über Gräben und Gräbern auf ...

Der neue Tag verging unter Wachen und Schanzen. Es hieß, daß schwere

Artillerie im Anmarsch sei. Aber in der nächsten Nacht wichen die

Russen weiter ostwärts auf Olita zurück. In der Frühe des 23. August

drängten wir nach. Mein Zug hatte während des Marsches die Spitze. An

unsern Kolonnen vorüber zogen auf dem ganzen Wege zwischen Nowewloki,

Warthi und Solceniki die endlosen Flüchtlingszüge der von den Russen

mitgeschleppten lettischen Bauern, die mit einem Troß armseliger

Karren voller Betten und Hausrat, mit dem Rest ihrer Herden und

Pferde ihren verlassenen Höfen hinter den deutschen Linien wieder

zustrebten. Nur selten flog ein Zuruf, ein Gelächter hin und her

zwischen den grauen Kolonnen der marschierenden Soldaten und der armen

Herde bündelschleppender Frauen, schreiender Kinder und hastig die

Kappen und Pelzmützen rückender Männer. Die Dörfer und Höfe, zu denen

die Vertriebenen zurückwanderten, lagen in Asche unter verkohlten

Fruchtbäumen und niedergetretenen Zäunen. Der ferne Widerschein ihrer

brennenden Dörfer hatte durch Tage und Nächte den Heimatlosen in die

Augen gebrannt und ihren Glanz stumpf gemacht. Abseits der Straße irrte

blökendes Vieh über die zertretenen Felder, barfüßige, schreiende

Jungen mit Stöcken und kläffende Hunde sprangen dazwischen herum.

Vorüber an der Völkerwanderung der Abgehausten ging unser Marsch,

ging durch menschenöde Dörfer aus altersschwarzen Holzhütten mit

tiefhängenden, moosverfilzten Strohdächern und geplünderten Obstgärten,

vorbei an frischen Gräbern und vorbei an den gespenstisch-verwahrlosten

lettischen Kirchhöfen, die mit ihren schwarz und riesenhaft über einen

Wall von rohen Felsblöcken emporstakenden Holzkreuzen geheimnisvollen

Schädelstätten glichen, öden, verlassenen, von allem Lebendigen

gemiedenen Richtplätzen. Pferdekadaver und verlassene Wagen, zerfetzte

Uniformstücke und verstreute Patronen überall auf Weg und Feld,

zerfahrene und zertretene Ernten zur Seite ...

Am Wegekreuz vor Zajle erhielt ich durch Zuruf der Verbindungsrotten

Befehl zu halten. Der Bataillonsstab kam zur Spitze vorgeritten, saß ab

und studierte im Straßengraben die Karte. Meldereiter brachten Befehle.

Der Vormarsch fand an der Seensperre vor dem Gilujicie- und Simno-See

für heute sein Ende. Die Kompanieführer wurden nach vorn gerufen und

empfingen die Befehle für die Nacht. Der Stab bezog mit zwei Kompanien

Quartier im Gutshof von Ludawka, die neunte und zehnte Kompanie

sicherte mit Feldwachen und Vorposten zwischen den Buchciánski-Sümpfen

und dem Simno-See. Über Karte und Meldeblock gebückt, standen die

Offiziere um den am Grabenrand sitzenden Major. Auf der Straße von

Zajle her kam eine Sicherungspatrouille mit einer Rotte heftig

redender und gestikulierender Bauernburschen; es waren großgewachsene,

strohblonde Kerle, die ohne Kleider in den Betten gelegen hatten, nur

die Soldatenhemden hatten sie verraten.

Unter dem hochragenden Wegekreuz von Zajle sah ich den Freund noch

einmal. Er hatte den Weg nach Posiminicze erkundet, wo er mit einem

Zuge Feldwache beziehen sollte. Wir sprachen über die Toten von Warthi.

Ich redete von diesem und jenem, den ich in seinem ersten Gefechte

fallen sah, nachdem ein frischer und herzlicher Führerwille durch lange

Monate unermüdlich an ihm gearbeitet hatte. Ein Sprung und Sturz --

tot! Und für diesen +einen+ Schritt so viele Mühe und Liebe -- »Nicht

für diesen +einen+ Sprung,« unterbrach mich der Freund, »sondern

dafür, daß er ihn mit hellen und beherzten Augen, mit +Menschen+augen

tat! Und sollte das nicht genug sein?« Ich sah ihn an und schwieg.

Schwieg aus Freude und nicht aus Widerspruch. Aber er schien's dafür zu

nehmen und schob seinen Arm unter meinen. »Haben Sie denn vergessen,

was Sie Ihren alten Klaus von Brankow in der einen Bismarcknovelle

sagen lassen?« Und er holte die Worte aus seinem frischen, jungen

Gedächtnis: »Umsonst --? Es mag enden, wie es will -- Ihr werdet Euer

Brandenburg, Brandenburg! nicht umsonst gejubelt haben. Hat nicht

der tote Begriff Vaterland lebendige Schönheit und Taten gezeitigt?

Haben nicht tausend junge Menschen durch tausend Stunden menschlichen

Lebens nicht an Leichtes und Leeres und Arges gedacht, sondern sind mit

warmen und festen Herzen durch Tage und Nächte gegangen? Kann eine Zeit

umsonst sein, die aus dem sprödesten der Stoffe, aus dem menschlichen,

Kunstwerke gemacht und sie auch denen offenbart hat, die sie wie

Barbaren zertrümmern mußten?« --

In diesem Augenblick wurde ich zum Kompanieführer gerufen und erhielt

Befehl, zur Sicherung der Postenaufstellung mit meinem Zuge bis

Dembowy Roq vorzugehen und dort Stellung zu nehmen. Ich sprang noch

einmal, während meine Leute unter Gewehr traten, über den Graben und

drückte dem Freunde die Hand. »Ich habe für die Nacht Feldwache in

Posiminicze,« sagte er, »kommen Sie doch auf eine Stunde herüber!« »Das

geht nun nicht, ich liege selbst auf Vorposten.« »Ja dann -- aber es

ist schade!« Ich ließ seine Hand und sprang über den Graben zurück.

»Gewehre in die Hand!« Ich marschierte mit der Spitzengruppe ab, der

Rest des Zuges folgte auf kurzen Abstand. Unter dem hohen, schwarzen

Kreuze von Zajle stand die schlanke, aufrechte Gestalt des Freundes.

»Auf Wiedersehen!« rief ich ihm zu. Er stand still unter dem Kreuze und

hob die Hand zum Helmrande ...

Die Feldwachen und Posten waren aufgestellt, und ich war mit

meinem Zuge nach Zajle zur Vorpostenkompanie zurückmarschiert. Ich

saß am Tisch einer Bauernstube und schrieb Briefe nach Haus. Der

Kompanieführer schlief auf einer Strohschütte. Die Bauernfamilie lag

in einem riesigen Holzbett unter grellbunten Kissenbergen. In einer

Stubenecke zwischen Tornistern und Gewehren hockten die Fernsprecher

um ein Lichtstümpfchen am Apparat. Ab und zu klöhnte der Summer, eine

ferne quäkende Stimme gab Meldungen durch, die der Telephonist halblaut

wiederholte und niederschrieb. Das menschenüberfüllte Zimmer war voll

verbrauchter Luft. Ich stand auf und öffnete ein Fenster. Zögernd und

blaß traten die Sterne aus dem Himmel. Vor dem Hause klang der Schritt

des Postens. Hinter mir tönte ab und zu das verschlafene Wimmern eines

kleinen Kindes, das in der lettischen Wiege, einem an rußschwarzen

Stricken von der Decke herabschwebenden Holzkasten, lag. Leise und kühl

wehte die Nachtluft mich an.

Wieder klöhnte der Summer des Telephons aus der Stubenecke. »Herr

Leutnant --!« »Ja, was ist?« Ich wandte mich ahnungslos um. Der

Fernsprecher hielt mir den Hörer entgegen. Der Summer hatte dreimal

lang angerufen. Das ging mich nichts an. Irgend jemand sprach mit dem

Bataillon. Aber ich nahm doch den Hörer, den der Fernsprecher mir mit

kurzem Ruck aufdrängte. Warum sah mich der Mann so an? Ich hörte das

Gespräch ab. »Meldung von Feldwache in Posiminicze: Leutnant Wurche

auf Patrouille am Simno-See schwerverwundet. Bitte um Wagen zum

Transport.« ...

Es war ganz still im Zimmer. Der Mann am Fernsprecher sah mich an. Ich

wandte mich ab. Die Gedanken flogen mir durcheinander. Ich wollte aus

dem Zimmer stürzen und nach Posiminicze laufen ... Aber ich lag ja auf

Vorposten. Und draußen verblutete vielleicht der Freund. Ich durfte

nicht fort. »Ja dann -- aber es ist schade.« Das Abschiedswort unter

dem Kreuz von Zajle ging plötzlich durch die Stille. Ich biß die Zähne

aufeinander. Immer wieder hörte ich das Wort, das halb gleichgültige,

sinnlose Wort, das mich höhnte. »Es ist schade ... Es ist schade ...«

Und draußen verblutete der Freund.

Da nahm ich den Hörer wieder und rief die zehnte Kompanie an. Der

Summer schrillte. Die Kompanie meldete sich. Aber es war keine neue

Meldung von der Feldwache eingelaufen. Der Verwundete lag noch draußen.

Ein Wagen war nach Posiminicze unterwegs. Das war alles. »Sobald neue

Meldung kommt, rufen Sie mich an!« »Jawohl, Herr Leutnant.« Alles

dienstlich, ruhig, gleichgültig, müde wie immer. Ich saß und wartete.

Ich stand auf und ging auf und nieder. Der Mann in der Ecke folgte

mir mit den Augen. Ich ging aus dem Zimmer und war allein. Von Stunde

zu Stunde rief ich durchs Feldtelephon an. »Keine weitere Meldung,

die Leute sind noch draußen.« Immer dasselbe. Und ich saß kaum eine

Wegstunde fern und durfte nicht zu dem Freunde eilen. Ich stand auf

der dunklen Straße von Zajle, starrte in die Finsternis nach Südosten

hinüber und kämpfte mit mir und war meiner nicht mehr Herr.

Das Fenster klang. »Herr Leutnant!« Ich stürzte ins Zimmer und faßte

den Hörer. »Hier Leutnant Flex!« »Hier zehnte Kompanie! Leutnant Wurche

ist tot.«

Ich gab den Hörer aus der Hand, ohne Antwort. »Schluß!« rief der

Fernsprecher in den Schalltrichter. Sinnlos, sinnlos war das alles ...

Wieder stand ich unter dem blassen Himmel. Die Häuser um mich her als

drohende, schwarze Klumpen. Und die Stunden schlichen weiter, eine nach

der andern.

Der Wanderer zwischen den Welten: Ein Kriegserlebnis · 第 3 / 6 段