Diese Scheu vor der Oberflächlichkeit konnte ihn je nach der Umgebung

einsilbig machen oder beredt. Und darum schien ihm das Zwiegespräch

mit Recht die schönste Unterhaltung; denn kein andres Gespräch vermag

so wie dieses ohne Sprunghaftigkeit ruhig in klare Tiefen zu steigen.

Manches liebe und nachdenksame Wort, in stillen Nachtstunden von

junger Menschenhand geschürft, ist mir seither ein Stück von der Habe

des Herzens geworden. Keins aber leuchtet heller nach als jenes, mit

dem er einmal an der Brustwehr seines Grabens ein nächtliches Gespräch

über den Geist des Wandervogels schloß: »Rein +bleiben+ und reif

+werden+ -- das ist schönste und schwerste Lebenskunst.«

Die Wandervogeljugend und das durch ihren Geist verjüngte Deutschtum

und Menschentum lag ihm vielleicht zutiefst von allen Dingen am Herzen,

und um diese Liebe kreisten die wärmsten Wellen seines Blutes. Ihm,

dem selber Leib und Seele frei und ebenmäßig zu natürlicher Schönheit

wuchsen, schien die beste Erziehung zu sein, den jungen Baum leicht

und geruhig wachsen zu lassen, sich seines Blühens zu freuen und ihm,

wenn's not tat, einmal die Blätter zu waschen. Er verschloß seine Augen

nicht vor häßlichen Auswüchsen der großen Jugendbewegung. »Aber«,

meinte er, »die meisten Auswüchse kommen von dem sinnlosen Betasten

und Beklopfen des jungen Holzes. Ein eingeschnürtes Stämmchen muß

unnatürlich wuchern, auch wo es nicht will. Rührte man nicht immer und

immer mit knöchernem Finger an das Feinste und Beste der werdenden

Seele, an ihre Unbefangenheit, so würde ihr schönster Schmelz, die

Bescheidenheit, nicht so oft zerstäuben. Wer die Kampflust der Jugend

reizt, macht sie hochmütig und laut, und wer sie ungeschickt anfaßt,

der macht sie häßlich. Natürliche Jugend ist immer bescheiden und gütig

und dankbar für herzliches Gewähren, aber wer sich, ohne Ehrerbietung

wecken zu können, ans Erziehen macht, soll sich nicht wundern, wenn er

Frechheit und Grausamkeit weckt.«

Den Kampf der deutschen Jugend um das gute Recht ihres natürlichen

Wachstums verfolgte er mit der gleichen inneren Leidenschaft wie das

Ringen der Völker, das ihn nun seit Monaten in seinem Strudel umtrieb.

Von seinem Leutnantsgehalt schickte er fleißig an die Wandervögel

daheim auf Schule und Hochschule. »Denn die Kriegskassen der Jugend muß

man füllen helfen,« lachte er. Und kamen dann Briefe mit ungelenken

Buchstaben und schrägen, drängenden Zeilen, oder es kamen die gelben

Hefte des »Wandervogels« mit ihren schwarzen Schattenbildern und bunten

Fahrtenbriefen, dann trat ihm beim Lesen die Seele in die Augen. Auch

seinen Geschwistern schickte er Geld »zum Wandern«, und immer wieder

zog seine Seele, frohherzig lauschend, dem fernen Klang der unter

einem Wirbel von Liedern wandernden Jugend nach. Er schaute lächelnd

dem Kahne nach, der seine Geschwister mit ihrem gastfreundlichen

Pfarrherrn durch den rosigen Abendfrieden der schimmernden Seebreite

trug und lachte sein leises, gutes Schelmenlachen, wenn die Posaune des

Pfarrherrn sich vor den gläubigen, jungen Augen zur Seele des zarten

Abendfriedens machte, einer gewaltigen Seele, die ihren leichten Körper

dröhnen und beben machte.

Es kamen auch andere Briefe, die ihn still und einsilbig machten und

ihm das Warten und Lauern hinter dem Drahtzaun zur Qual werden ließen.

In Flandern und Galizien legten fremde Hände seine besten Fahrtgesellen

ins Grab. »Ich habe so viele gute Freunde zu rächen --« stieß er einmal

ingrimmig hervor. »Rächen --?« fragte ich. »Würden Sie selber gerächt

sein wollen?« Er sah nachdenklich mit zusammengezogenen Brauen zu

den russischen Gräben hinüber und antwortete langsam und vor innerer

Bewegung an den Worten zerrend: »Nein. Ich nicht. Aber die Freunde ...«

Ich nicht, aber die Freunde -- da reckte sich Mensch neben Mensch in

+einem+ engen Herzen auf. Ich stand neben ihm und schwieg. Nach einer

Weile schob er seinen Arm in meinen und sprach, indem er mir nah und

fest ins Auge sah:

»Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,

Liegt still und blank zur Seite.

Stromüber gleißt, waldüber grüßt,

Feldüber lockt die Weite! --

Das +ist doch+ schön, nicht wahr, mein Freund!« Und so machte sein

junges Herz die heiße Eisenprobe auf das, woran es als gut und schön

glaubte. Und zugleich gab es Dank und Freundschaft an ein anderes Herz,

das ihm brüderlich nahe war ...

Seine Freundschaft ließ er mehr spüren, als daß er sie aussprach. Er

eröffnete sein und des andern Herz in dem gleichen, freien Vertrauen,

ohne Dringlichkeit und Überschwang. Das erste Exemplar meines

Kriegsbuches »Sonne und Schild« schenkte ich ihm, und als er's gelesen,

sagte er nichts als: »Ihre Mutter möchte ich kennen lernen, Flex. Ich

darf sie doch nach dem Kriege besuchen, nicht wahr?« -- -- --

* * * * *

Allmählich war der süßherbe Frühlingsgeruch alten Laubs und junger

Erde in den schwülen Brodem sommerheißer Sümpfe und den Dunst

abgeblühter Wasser übergegangen. Die jungen Krähen, die unsre Leute

aus den Horsten der Föhrenwipfel zur Kurzweil heruntergeholt hatten,

stolzierten längst groß, frech und struppig mit gestutzten Flügeln auf

der Brustwehrkrone unsres Grabens entlang, krakehlten mit den Posten,

hieben mit den dreisten Krummschnäbeln nach den blanken Mündungen

der Gewehrläufe oder revidierten die Kochgeschirre und Trinkbecher

bei den Ruhebänken der Mannschaften. Im heißen Sande sonnten sich

Kreuzottern und Kupfernattern, die den Fröschen auf der kühlen

Grabensohle nachstellten. Der wunde und ausgeholzte Wald strömte

starken Harzgeruch aus. Die Sumpfwiesen wucherten von fettem Grün, und

von den sonnentrocknen Moorbreiten schwelten rote Torfbrände durch die

weißen Juninächte. Die Luft glimmerte und zitterte tagsüber von Sonne,

und rasch heraufziehende Gewitter entluden sich krachend über den

schwankenden Föhrenkronen.

Von Galizien grollten die Donner neuer gewaltiger Kämpfe herüber,

und in die Riesenglieder der Hindenburgarmee, die in eiserner Ruhe

erstarrt schienen, kam ein Recken und Strecken, bis die endlose Front

von lärmendem Kampfgetöse erdröhnte. Wir lagen noch immer abwartend

hinter unsren Verhauen, aber wir lauerten nur noch auf den Befehl zum

Vorbrechen. Auf nächtlichen Streifzügen zum Feinde hatten wir schon

Papierfahnen mit der schadenfrohen Nachricht vom Fall Przemysls und

Lembergs an die russischen Drahtverhaue geheftet, und wir wußten, daß

diese Meldungen auch für uns heute oder morgen zu Angriffsfanfaren

werden mußten.

Aber ehe uns der wachsende Strom des großen Kampfes erfaßte und in

seinen Strudeln fortriß, wurden uns noch ein paar klare, glückliche

Tage geschenkt, deren Bild aus der Vergangenheit herüberleuchtet wie

der Schimmer von fernen, schönen, hellspiegelnden Seen. Unsre Kompanie

wurde zu Anfang des Juli auf fünf Tage aus den Gräben gezogen und kam

unter Laubhütten und Zelten tiefer im Walde in Ruhestellung. Der Zufall

wollte, daß in diese Zeit mein Geburtstag fiel, und der Freund half

den Tag feiern, nicht mit vollen Gläsern und Liederlärmen, sondern in

seiner Art mit Sonne, Wald und Wasser und dem Ewigkeitsklang uralt

schöner Worte, die sich auf jungen Lippen verjüngten und beseelten.

Der waffenlose, wolkenlose Feiertag des sechsten Juli wurde ganz

ein Geschenk seines frischen Herzens an das meine. Als die Sonne am

höchsten stand, gingen wir aus dem Schatten der roten Föhren zu

den Nettawiesen hinunter. Die Sonne badete im tiefsten Blau des vom

Nachtgewitter erfrischten Himmels und überspiegelte mit feuchtem

Glanze die hellschimmernden Flußwindungen und den fern in stählernem

Blau aufblendenden Schild des Sajno-Sees. Das Licht troff durch das

vollsaftige Grün der strotzenden Pappeln und Weiden, und über dem

wuchernden Gras der weiten Koppeln flimmerte die Luft und zitterte

unter dem Atem der erwärmten Erde. Wir warfen die Kleider am Netta-Ufer

ab und badeten. Mit dem Strome trieben wir in langen Stößen hinab,

schwammen gegen den Strom zurück, daß sich uns das Wasser in frischem

Anprall über die Schultern warf und stürzten uns immer aufs neue von

der sonnenheißen Holzbrücke, die gegen die Sohlen brannte, kopfüber in

weitem Sprung in den Fluß. Auf dem Rücken trieben wir geruhig stromab

und liefen auf dem lauen Sande am Schilfufer zurück. Im buntwuchernden

Wiesenkraut ließen wir uns von Sonne und Wind trocknen, und die leisen,

zitternden Sonnenwellen rannen gleichmäßig durch Luft und Sand und

Menschenleib und durchgluteten alles Lebendige mit trunkener Kraft und

erschlaffender Freude.

Die Wiese schäumt von Blüten,

Der Wind singt drüberhin,

Den sonnenlichtdurchglühten

Leib bad' ich kühl darin.

Du freie Gottesschmiede,

Du lohe Sonnenglut,

Inbrünstiglich durchglühe

Leib, Seele, Herz und Blut!

Ins Glühen unermessen

Und Blühen eingewühlt

Will ich den Tod vergessen,

Der alle Erde kühlt.

Glüh', Sonne, Sonne glühe!

Die Welt braucht soviel Glanz!

Blüh', Sommererde, blühe,

Ach blühe Kranz bei Kranz!

Geschützdonner grollte von fern herüber, aber die Welt des Kampfes,

dem wir auf Stunden entrückt waren, schien traumhaft fern und unwahr.

Unsre Waffen lagen unter den verstaubten Kleidern im Grase, wir

dachten ihrer nicht. Eine große Weihe kreiste unermüdlich über der

weiten schimmernden Tiefe grüner Koppeln und blauer Wasser; an ihr,

deren schlanke Schwingen in weitem, prachtvollem Schwunge zu lässigem

Schweben ausholten, hingen unsre Blicke. War es der Raubvogel, der die

Seele des jungen Menschen neben mir emporriß in freier Gottesfreude?

Der Wandervogel, der einst in deutschem Gotteshause eingesegnet worden

war mit dem seiner Seele ebenbürtigen Spruch: »Die auf den Herren

hoffen, haben neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler!«, der junge

Gottesstudent fühlte seiner Seele die Schwingen wachsen von jener

ewigen Kraft, die »deinen Mund fröhlich macht, daß du wieder jung wirst

wie ein Adler,« und frei und leicht hob er sich und den Freund empor

über die hellen Tiefen der bunten Erde. Der junge Mensch stand schlank

und hell auf dem blühenden Grunde, die Sonne ging schimmernd durch

seine leichtgebreiteten Hände, und die Lippen, die so oft von Goethes

Liedern überflossen, strömten den uralt heiligen Wohlklang der Psalmen

Davids über den sonnentrunkenen Gottesgarten hin:

»Herr, mein Gott; du bist sehr herrlich!

Du bist schön und prächtig geschmückt!

Licht ist dein Kleid, das du anhast!

Du breitest aus den Himmel wie einen Teppich.

Du wölbest es oben mit Wasser.

Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen

und gehest auf den Fittigen des Windes.

Du machst deine Engel zu Winden und deine Diener zu

Feuerflammen, der du das Erdreich gründest auf

seinem Boden, daß es bleibt immer und ewiglich.

Die Ehre des Herrn ist ewig.

Der Herr hat Wohlgefallen an seinen Werken.

Er schauet die Erde an, so bebet sie ...

Ich will dem Herren singen mein Leben lang und meinen Gott

loben, solange ich bin.

Meine Rede müsse dem Herrn wohlgefallen. Ich freue mich

des Herrn!«

Das ewige Preislied Gottes aus seiner Schöpfung ging über die reife,

in ihren Tiefen erwärmte Erde hin. Der Wohlklang der jungen Stimme

umlief wie ein tönendes Kristall den klaren Wein der ewigen Worte. Der

ebenmäßige Mensch in seiner jungen Schlankheit stand selbst wie ein

Dankesmal der Schöpfung in dem hellprangenden Gottesgarten, und von

seinen frischen Lippen ging ein Hauch religiösen Frühlings über Erde

und Menschen hin.

Über die weiten Koppeln hin stob der übermütige Galopp sattelloser

Pferde. Stuten und Fohlen weideten auf den Nettawiesen. Im Wasser und

an den grünen Ufern des Flusses wimmelte es von den hellen Leibern

badender Soldaten, die lichten Breiten der Netta schäumten von Wasser,

Sonne und ausgelassenem Lachen. Die ewige Schönheit Gottes prangte über

dem weiten Gottesgarten und leuchtete als Sonne und Schild über dem

hellen Bilde des Jünglings ...

Über den Lärm und Glanz aller Kämpfe und Siege hin glänzt das Bild

dieser Stunde in mir nach als der stärkste Eindruck, den ich mit Seele

und Sinnen im Leben empfangen habe.

Aber am Abend des Tages stand derselbe Mensch im grauen Waffenrock

neben mir auf dem dunklen Hochstand im Wipfel einer Doppelfichte,

von wo tagsüber unsre Baumposten das Kampfgelände mit Ferngläsern

absuchten, und ließ spielend den roten Mond im hellen Stahl seines

breiten Seitengewehrs spiegeln. Seine rechte Hand glitt in leiser

Unruhe prüfend an der Schneide entlang, und Auge und Hand freuten

sich, wie so oft, an der römischen Form der blanken Waffe. Mit leicht

vorgestrecktem Kopfe horchte er nach dem Dunkel der russischen

Gräben hinüber, über denen die wachsamen Leuchtkugeln stiegen und

sanken. Hinter den schwarzen Holzhütten von Obuchowizna glomm die

rote Glut eines Torfbrandes, und schwarzer Ruß flockte in Wolken über

den fackelhellen Himmel. Wir sprachen, ins Dunkel der Riesenfichte

geschmiegt, von den Kämpfen, denen wir entgegengingen. »Einen echten

und rechten Sturmangriff zu erleben,« sagte der junge Leutnant neben

mir, »das muß schön sein. Man erlebt vielleicht nur einen. Es muß

+doch+ schön sein.« Und schwieg wieder und blickte auf den breiten

Stahl in seinen Händen nieder. Mit einmal legte er mir den Arm um

die Schulter und rückte das helle Schwert vor meine Augen: »Das ist

+schön+, mein Freund! Ja?« Etwas wie Ungeduld und Hunger riß an den

Worten, und ich fühlte, wie sein heißes Herz den großen Kämpfen

entgegenhoffte. Lange noch stand er so, ohne sich zu rühren, mit leicht

geöffneten Lippen im heller werdenden Mondlicht, das über die breite

Klinge in seinen hellen Händen floß, und schien auf etwas Fremdartiges,

Großes und Feindseliges zu lauschen, das im Dunkel verhohlen war.

Wie er so wach und durstig in eine nahe, waffenklirrende Zukunft

hineinhorchte, schien er mir wie das lebendig gewordene Bild des jungen

Knappen, der in der Nacht vor der Schwertleite ritterliche Wacht vor

seinen Waffen hält.

An diese seltsame, dunkle Stunde wurde ich erinnert, als ich vor

Weihnachten die Mutter des gefallenen Freundes in seiner Heimat

besuchte. Nach einer Weile des Schweigens fragte sie mich leise: »Hat

Ernst vor seinem Tode einen Sturmangriff mitgemacht?« Ich nickte mit

dem Kopfe. »Ja, bei Warthi.« Da schloß sie die Augen und lehnte sich

im Stuhle zurück. »Das war sein großer Wunsch,« sagte sie langsam, als

freue sie sich im Schmerze einer Erfüllung, um die sie lange gebangt

hatte. Eine Mutter muß wohl um den tiefsten Wunsch ihres Kindes wissen.

Und das muß ein tiefer Wunsch sein, um dessen Erfüllung sie noch nach

seinem Tode bangt. O, ihr Mütter, ihr deutschen Mütter! -- --

Wißt ihr nun, ihr, die ihr diesen Tag nacherlebt habt, von dem ich

redete, wißt ihr nun, was es heißt, Wandrer sein zwischen beiden

Welten? ...

* * * * *

In den letzten Tagen des Juli löste uns ein Landwehrregiment in den

Gräben vor Augustow ab. Mit übermütig vollen Herzen lasen wir den

Ablösungsbefehl. Wenn auch das Marschziel geheim gehalten wurde, so

wußten wir doch, es ging ins Gefecht, es wurde Ernst. Aber wir wollten

nicht klanglos aus den liebgewordenen Wäldern marschieren. Auf einer

ausgelassenen Abschiedspatrouille sagten wir nächtlicherweile den

russischen Muschiks Lebewohl, mit denen wir so lange feindnachbarlich

zusammen gehaust hatten. Mit roten und blauen Papierlaternen aus

unsern Unterständen und langen Hakenstangen schlichen wir im Dunkel

über den Kolnobach und krochen an die feindlichen Verhaue an. Dort

schafften wir uns mit den flinken Handspaten im lockern Sande eine

Kugeldeckung, hingen die bunten Lampen an die Stangenhaken und zündeten

sie in tiefen Wühllöchern gleichzeitig an. Auf ein leises Kommando

schwebten die hellen Laternen, rot und blau aufleuchtend, über den

russischen Verhauen empor und standen dort festlich und feierlich

still. Zugleich erhob sich, von einem Dutzend frischer Stimmen

gesungen, die Wacht am Rhein und schwoll über die Russengräben hin.

Die aus dem feindlichen Dunkel knatternden Salven taten den Sängern

hinter ihren guten Sandhaufen wenig, nur daß hie und da einer lachend

den Sand aus den Zähnen spuckte, den die über die Deckung streifenden

Kugeln in den offenen Mund peitschten. Die blaue Lampe erlosch und

fiel, von ein paar Kugeln zerfetzt, von der Stange. Aber die roten

Laternen hielten sich um so wackerer, nur daß sie eben ein paarmal im

Kugelwind schwankten und flackerten. Mählich wurde, während Gesang und

Gelächter unbekümmert fortklangen, der ganze Russenwald rebellisch,

aber je wütender aus den Gräben geschossen wurde, desto sichrer

wußten wir, daß keine stärkere Patrouille gegen uns vorging, um den

nächtlichen Unfug an den Stacheldrähten zu bestrafen. Leuchtkugeln

flogen steilauf, hielten sich ein Weilchen flackernd in schwebender

Helle, sanken nieder und erloschen blakend neben uns im Sande; sie

wurden mit Hallo als Bereicherung des nächtlichen Feuerwerks begrüßt.

Allmählich ließ das Schießen nach, und es war wohl an der Zeit, die

kleine Patrouille zurückzunehmen, ehe sie von stärkeren russischen

Kräften ausgehoben würde. Denn Verluste durfte der nächtliche Unfug nun

einmal nicht kosten. Aber kaum wollte ich den Befehl zum Rückzug geben,

da wälzte sich ein junger Kriegsfreiwilliger im Sande blitzschnell mit

dem Gesicht nach mir herum und bettelte: »Herr Leutnant -- Musketier

sein's lust'ge Brüder!« Und eh' ich noch antworten konnte, fielen zehn

Stimmen und mehr, sich vor Übermut überschlagend, in den Text des

braven Soldatenlieds ein. Dagegen war nichts zu machen. Ich fügte mich

und beschränkte mich darauf, die Augen wachsam spazieren zu lassen,

während die guten Kerls Vers um Vers heruntertobten. Das neueinsetzende

russische Feuer beruhigte mich zudem; die Russen schienen keine Lust

zu haben, der frechen Gesellschaft, die ihnen vor der Nase lärmte,

handgreiflich auf den Pelz zu rücken. Das längste Lied nimmt einmal

ein Ende, auch ein Soldatenlied. Aber meine Hoffnung erwies sich als

trügerisch, denn nach dem »lustigen Musketier« schien meinen grauen

Jungs das Lied von der »finstern Mitternacht« als unabweisliches

Bedürfnis. »Herr Leutnant -- Steh' ich in finstrer Mitternacht!

--?« Mochte vernünftig sein, wer wollte, angesichts solcher

Schuljungenlustigkeit nach zwölf Kriegsmonaten! Ich blieb bäuchlings im

Sande liegen und lachte, während meine Kerls immer wütender sangen und

Sand spuckten. Zwei rote Papierlaternen hielten sich unvergleichlich

trotz alles Flackerns und Baumelns. Aber alles muß einmal ein Ende

nehmen, und so setzte ich allen weiteren Programmvorschlägen ein

eisernes Nein entgegen und ließ die Leute einzeln bis zur nächsten

Wiesenschlenke zurückkriechen, wo wir uns in Deckung sammeln konnten.

Nach weitern hundert Metern sprangen wir auf und machten, daß wir

über den Bach zurückkamen. Gottlob, es bekam keiner etwas ab trotz der

Abschiedsgrüße, die fleißig hinter uns dreinpfiffen. In unsern Gräben

mußten wir noch einmal über das sorgenvolle Gesicht des Kompanieführers

lachen, der bereits dem Unterabschnittskommandeur telephonisch das

Auftauchen roter Signallichter in der russischen Stellung gemeldet

hatte und nun etwas verdutzt unsre Patrouillenmeldung entgegennahm.

Viel Zweck hatte der übermütige Streich nicht, aber es war doch ein

hübsches Zeichen für den Geist, mit dem unsre Leute nach wochenlangem

Stilliegen in den Bewegungskrieg gingen.

Andern Tags erwarteten wir die Ablösung. Noch einmal streiften wir

zu zweit, den Mückenschleier unter der Feldmütze, durch den würzigen

Harzduft und schweren Torfgeruch der Sumpfwälder und schlenderten

bis zu den Nettawiesen. Am Waldrand im heißen Sand gelagert, hörten

wir die Schnaken singen und die Spechte hämmern. Das keifende

Geschwätz der Eichelhäher lärmte uns zu Häupten, und die schillernden

Blauspiegel ihrer Flügel leuchteten blank zwischen den sonnenroten

Stämmen auf, wie sie in ungeschicktem Schlingerflug von Lichtung zu

Lichtung herauf- und hinunterstoben. Die papageienbunten Mandelkrähen

schwangen sich über das dunkle Grün der Fichten und ließen die Sonne

in ihrem farbigen Gefieder aufblenden. Fern hinter dem breiten

Stahlschilde des Sajno-Sees verdämmerten im Sonnendunst des Horizonts

violette Zichorienfelder und die weißen Teppiche üppig blühender

Margaretenwiesen. Die blaue Netta gluckte leise aus prangendem Grün und

buntem Schaumkraut herüber.

Am Spätabend rauschte und klirrte der Marsch der ablösenden

Landwehrkompanie durch den stillgewordenen Wald. Mit den Unterständen

und Gräben zugleich übernahmen die Landwehrleute von unsern Musketieren

das lebendige Erbe der zahmen Krähen und halbflüggen Blauraken.

Gute Wünsche herüber und hinüber, dann rückte die Kompanie ab. Im

Waldesdunkel intonierte die Kompaniekapelle, deren Instrumente zumeist

sehr sinnreich aus Blechbüchsen und Telephondraht hergestellt waren,

das »O Deutschland, hoch in Ehren!«, und Gruppe um Gruppe fielen die

Mannschaften ein. Unter Lachen und Singen ging es der ungewissen

Zukunft entgegen.

Die Nacht verbrachten wir auf Stroh in den Russenkasernen von

Augustow. In den nächsten Tagen ging's über Suwalki nach Kalvarja

weiter. Auf diesen ersten Märschen, die den im monatelangen

Stellungskrieg eingerosteten Knochen der Leute recht sauer wurden,

erwies sich der junge Wandervogel als frischer Helfer. Ohne viel

Ermahnen, Schelten und Antreiben wußte er durch ein rasches Scherzwort

hier und dort einen niederhängenden Kopf zu heben, während er mit

leichtem, festem Schritt an der marschierenden Kolonne herauf- und

herunterging. Bot ihm einer der berittenen Offiziere während des

Marsches ein Pferd an, so schlug er's aus; als Zugführer marschierte

er mit seinen Leuten. Von einem Gaul herunter, der ihm nicht zustand,

die müden Gruppen anzutreiben, das lag ihm nicht. Etwas Festes und

Festliches war immer in seinem Gang, das jeden gern nach ihm hinschauen

ließ. Unweit Kalvarja wurden die Marschkolonnen des Bataillons von

der russischen Artilleriebeobachtung bemerkt, und über die auf

kurze Strecke eingesehene Straße fegten krachend die Sprengladungen

berstender Schrapnells. Hart neben den ziehenden Kolonnen schleuderten

einschlagende Granaten die schwarze Erde baumhoch empor und wühlten

mächtige Trichter auf. Die Kompanien wichen dem Feuer in den

Sumpfbruch rechts der Straße aus und zogen abseits außer Sicht im

Wiesengrunde weiter den Türmen von Kalvarja entgegen. Noch sehe ich

Ernst Wurche durch den Granatensegen von Kalvarja schreiten mit

demselben geruhigen und aufrechten Gang, mit dem er die Steilhänge der

Côtes Lorraines hinab, an ostpreußischen und polnischen Seen entlang

und singend an der Spitze der zum Baden ziehenden Kompanie durch die

Sonnenwälder von Augustow gezogen war. Dieser Gang wurde um nichts

hastiger. Das ruhige, feste, gleichsam befehlende Ausschreiten des

jungen Leutnants geleitete die Kompanie in guter Ordnung durch die

Feuerzone und verhinderte ein Auseinanderlaufen der Kolonnen in dem

unbekannten und gefährdeten Gelände. Nach stundenlangem, erschöpfendem

Marsch durch morastige Gründe und unwegsame Hänge bog die Kompanie

wieder auf die große Straße ein. Neben dem triebhaften Vorwärtsziehen

der müden grauen Masse klang der lebendige Schritt des jungen Führers

über das Steinpflaster von Kalvarja.

Der Wanderer zwischen den Welten: Ein Kriegserlebnis · 第 2 / 6 段