das Ziel des Philosophen ist, sie in ihrer wahrhaften Gestalt und
Allgemeinheit zu erfassen. Die Natur ist darunter gebunden, die
Vernunft nur mit Notwendigkeit zu vollbringen; aber das Reich des
Geistes ist das Reich der Freiheit. Alles was das menschliche Leben
zusammenhält, was Wert hat und gilt, ist geistiger Natur, und dies
Reich des Geistes existiert allein durch das Bewußtsein von Wahrheit
und Recht, durch das Erfassen der Ideen.«
In diesem Zusammenhange stellt sich das Geschick alles einzelnen, des
Individuums, eines Volkes, eines Zeitabschnittes, höchst eigentümlich
dar. Sie sind bloße Stücke der Bewegung, die durch sie hindurch sich
vollzieht, sie dürfen davon abgesondert nichts sein und bedeuten
wollen; über sie geht mit Unerbittlichkeit der Lauf des Ganzen hinweg,
eben in dem Augenblick, wo etwas seine höchste Reife erreicht, beginnt
sein Untergang; nachdem es sein Werk getan, hat es kein Recht weiter
fortzubestehen. So verknüpft sich Werden und Vergehen, und es wird das
Leben ein unablässiges Sterben. Aber dies Sterben ist keine völlige
Vernichtung, das äußere Verschwinden kein gänzlicher Untergang. Denn
was »aufgehoben« d. h. vernichtet wird in seinem besonderen Sein, das
wird »aufgehoben«, d. h. bewahrt als ein Stück und eine Stufe des
Ganzen, innerhalb seiner wirkt es zeitüberlegen fort. So brauchen wir
uns nur in das Ganze zu versetzen, um eine Auferstehung des Gestorbenen
zu erleben und in einen bleibenden Besitz zu verwandeln, was äußerlich
vorüberzog und scheinbar als Vergangenheit hinter uns liegt. So ist
die altgriechische Welt äußerlich untergegangen aber sie ist darum
nicht gänzlich erloschen, sie wirkt mit ihrer Wahrheit und Schönheit
innerhalb unseres eignen Lebens fort und ist ihm gegenwärtig zu halten,
sie ist die unentbehrliche und die beharrende Voraussetzung aller
weiteren geistigen Arbeit. So gewiß demnach die geistige Bewegung
innerhalb der Zeit verläuft, sie wird keineswegs der bloßen Zeit
ausgeliefert, sie erhebt sich immerfort über sie und erreicht eine
Betrachtung der Welt »unter der Form der Ewigkeit« (~sub specie
aeternitatis~).
* * * * *
[Randnotiz: Die Vernunft der Wirklichkeit]
Wie hier durchgängig ein fester Glaube an die Vernunft der Wirklichkeit
waltet, so wird zur Hauptaufgabe der Philosophie, diese Vernunft zu
voller Klarheit herauszustellen; sie soll nicht belehren, wie die Welt
sein soll, sondern sie soll sich in sie versetzen, die Dinge aus sich
selbst und ihren Zusammenhängen verstehen und dadurch eine Versöhnung
mit dem Ganzen der Wirklichkeit vollziehen. Das vor allem bildet die
Stärke der Hegelschen Art, die Welt mit ihrem Geschehen bei sich selbst
zu erfassen und in sich selbst zu vertiefen, überall geistige Inhalte,
eigne Triebkräfte, innere Notwendigkeiten aufzudecken, dem Menschen
durch das Teilgewähren daran eine Befreiung von kleinmenschlicher Art
und eine innere Größe zu verleihen, zugleich aber bei allem Ernst eine
feste und freudige Lebensstimmung zu erzeugen.
Dabei erhält die Philosophie ein eigentümliches Verhältnis zur
Gesellschaft und zur Geschichte. Die Philosophie ist nicht das
Erzeugnis eines bloßen Individuums, sondern sie ist »ihre Zeit in
Gedanken gefaßt«; sie bildet in der Entwicklung der Zeiten nicht den
Anfang, sondern den Abschluß, »als der Gedanke der Welt erscheint
sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß
vollendet und sich fertiggemacht hat«. »Die Eule der Minerva beginnt
erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.« Ein aufrüttelndes und
erneuerndes Wirken wird der Philosophie damit abgesprochen, sie hat nur
zum Bewußtsein zu bringen und damit zu vollenden, was im Grundbestande
schon vorliegt. Wir dürfen sagen, daß das mehr dem Bilde der alten als
dem der neueren Philosophie entspricht.
Schon dies Wenige zeigt das Hegelsche System als ein gewaltiges Werk
von großer Kraft und Geschlossenheit, als eine geistige Bewegung,
welche die ganze Wirklichkeit ergreift und nach ihren Maßen gestaltet.
Ob die Größe nicht durch eine starke Einseitigkeit erkauft wird,
ja ob das Gesamtunternehmen nicht überkühn, nicht ein gefährlicher
Ikarusflug ist, das läßt sich sehr wohl fragen. Verkürzt nicht das
hier waltende Sehen aus dem Ganzen unbillig die Individualität der
einzelnen Bildungen? Ist es nicht eine Überhebung der Menschheit, ihr
Geistesleben ohne weiteres als absolutes zu behandeln? Ist Geistesleben
nicht weit mehr als Denken, ja kann das Denken lediglich aus eigner
Kraft überhaupt einen Inhalt erzeugen? Würde es nicht, streng auf sich
selbst beschränkt, in ein Reich bloßer Schatten und Schemen führen?
Und entgeht Hegel dieser Gefahr nicht bloß dadurch, daß den logischen
Größen unablässig und unvermerkt aus dem Reichtum der Überlieferung und
Umgebung Leben und Inhalt zuströmt?
Auch die Sprache Hegels verrät, daß seine Gedankenwelt verschiedene
Schichten enthält. Ihre durchgehende Art ist sehr abstrakt, bloße
Neutra »das Allgemeine«, »das Unendliche«, »das Einzelne« spielen z.
B. in ihr eine große Rolle, sie kann in solcher Abstraktheit ermüden,
ja zum Unwillen reizen. Aber dann kommen immer wieder Stellen, wo
kräftigere Töne aus dem Innern der Seele zum Durchbruch kommen, die
Gedanken erhalten dabei oft eine so anschauliche Verkörperung, eine
so treffende Zuspitzung, eine so durchschlagende Kraft, daß sie in
dieser Form zu weitester Verbreitung gelangt sind. Deutlich erkennen
wir hier, daß Hegels Gedankenwelt einen tieferen Hintergrund hat,
den sie selber nicht erklärt. -- Solche Bedenken seien nicht gering
genommen, aber sie lassen alle miteinander eine gewaltige Größe des
Mannes unangefochten. Sehen wir auch von den vielfachen Wirkungen ab,
die er auf das Ganze des Kulturlebens ausgeübt hat, seine energische
Verwandlung der ganzen Wirklichkeit in einen einzigen aus eigner
Kraft bewegten und weitergetriebenen Gedankenprozeß unternimmt eine
Lösung des Wahrheitsproblems, mit der sich jedes tiefergehende Streben
auseinanderzusetzen hat.
* * * * *
[Randnotiz: Der Staat]
Unsre Durchwanderung des hier gebotenen weiten Gedankenreiches muß sich
auf die Gebiete beschränken, wo die Stärke des Mannes liegt, und von wo
fruchtbare Anregungen auf das gemeinsame Leben ausgegangen sind. Dahin
gehört vor allem das geschichtlich-gesellschaftliche Zusammensein.
Zunächst ist es der Staat, der Hegel eine höhere Schätzung verdankt.
Gewiß war er nicht der einzige und nicht der erste, der nach dieser
Richtung gewirkt hat, die Abwendung von dem bloßen Rechtsstaat, der das
Wirken des Staates auf den Schutz der individuellen Kreise beschränkte,
den Lassalle später als einen »Nachtwächterstaat« verspottet hat, lag
im Zuge der Zeit. Aber Hegel hat diesen Zug energisch vertieft und aus
dem Ganzen einer Gedankenwelt begründet; es wirkte dahin namentlich
seine Überzeugung von der unmittelbaren Gegenwart des Geistes in
unserer Welt. Auf das Staatsleben zunächst bezieht sich sein Wort, daß
das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich sei; so hat er
hier diese Überzeugung auch mit besonderer Gründlichkeit durchgebildet.
* * * * *
Mit großer Entschiedenheit verwirft er die übliche Neigung, am Staate
herumzumäkeln und einzelne mißliebige Erscheinungen sein Gesamtbild
bestimmen zu lassen, das dann natürlich arg verzerrt wird. Dem setzt
er die Erwägung entgegen: »Der Staat ist kein Kunstwerk, er steht
in der Welt, somit in der Sphäre der Willkür, des Zufalls und des
Irrtums, übles Benehmen kann ihn nach vielen Seiten defigurieren. Aber
der häßlichste Mensch, der Verbrecher, ein Kranker und Krüppel ist
immer doch ein lebender Mensch; das Affirmative, das Leben, besteht
trotz des Mangels, und um dieses Affirmative ist es hier zu tun.« Wir
verkennen das Große, was der Staat für uns bedeutet, leicht deshalb,
weil »die Gewohnheit das unsichtbar macht, worauf unsre ganze Existenz
beruht«. Um gerecht gegen einen Staat zu sein, müssen wir seinen
Gesamtcharakter zu erfassen suchen und von ihm her die einzelnen
Äußerungen als notwendig verstehen, nicht aber unsere Sondermeinungen
und Sonderwünsche das Urteil bestimmen lassen. Der Staat ist es nach
Hegel, in dem sich der Geist zu wirklicher Gestalt und Organisation
entfaltet, in ihm erst kommt die sittliche Idee zur Wirklichkeit, er
erst gewährt einen festen Boden für geistige Kultur, für Wissenschaft,
Kunst usw. So kann es nicht befremden, wenn Hegel verlangt, man solle
den Staat wie ein »Irdisch-Göttliches« verehren.
* * * * *
Hegels »Grundlinien der Philosophie des Rechts« entwickeln den
Grundgedanken bis ins einzelne hinein und stellen die Verhältnisse
überall in ein eigentümliches Licht. In sicher aufsteigendem Zuge führt
das Werk von Stufe zu Stufe bis an den Punkt, wo der einzelne Staat ein
Glied der weltgeschichtlichen Bewegung wird. Auch dieses Gebiet zeigt
eine Bewegung durch den Gegensatz hindurch, im besonderen hat bei Hegel
hier wie auch in der Behandlung der Geschichte der Gedanke größten
Einfluß, daß der Ausgangspunkt der Entwicklung eine noch ungeschiedene
Einheit von Subjekt und Objekt zeige; auf der zweiten Stufe reißt das
Subjekt sich los und stellt sich dem Objekt entgegen; auf der dritten
wird eine Versöhnung erreicht, indem das Objekt selbst in die geistige
Tätigkeit aufgenommen und aus ihr gestaltet wird.
* * * * *
[Randnotiz: Das Recht]
Als die Hauptstufen des gemeinsamen Lebens unterscheidet Hegel Recht,
Moralität, Sittlichkeit. Das Recht steht im Dienste der Freiheit, es
gibt dem freien Willen zuerst ein Dasein, aber es gibt ihm das im
Bereich des Äußeren und enthält daher die Möglichkeit eines Zwanges.
Beim Strafrecht hat namentlich Hegels Versuch, die prinzipielle
Berechtigung des Strafens zu erweisen, viel Beachtung gefunden, obwohl
er mehr in der Form als in der Sache Neues bringt. Hegel bezeichnet
die Strafe als die Negation der Negation, der Verbrecher hat die
Rechtsordnung negiert, nun negiert diese ihn durch die Strafe und
stellt dadurch ihre erschütterte Macht wieder her.
Vom Rechte, das als strenges Recht nicht nach dem Grundsatze und der
Absicht des Handelnden fragt, scheidet Hegel die Moralität, welche die
Frage nach der Triebfeder des Willens wie nach dem Vorsatze stellt;
sie bringt eine Schätzung des Wertes des Menschen nach seiner inneren
Handlung. Damit entsteht das Recht der subjektiven Freiheit, ihr
Hervortreten bildet nach Hegel den Wendepunkt zwischen Altertum und
moderner Welt. »Dies Recht in seiner Unendlichkeit ist im Christentum
ausgesprochen und zum allgemeinen wirklichen Prinzip einer neuen Form
der Welt gemacht worden.« Es entsteht aber auf der Stufe der bloßen
Moralität die Gefahr, daß das Subjekt sich dem Objekt entgegensetze und
in der Absonderung seine Befriedigung suche, auch sein eigenes Vermögen
überspanne; auch das liegt hier nahe, große Taten der Weltgeschichte
aus bloß subjektiven Beweggründen zu erklären und sie damit
herabzuwürdigen; über dem Subjektiven das Substantielle zu übersehen,
das sei die Ansicht »der psychologischen Kammerdiener, für welche es
keine Helden gibt, nicht weil diese keine Helden, sondern weil jene nur
die Kammerdiener sind«.
Die Probleme des Gewissens und der Pflicht, auch des Bösen und der
Schuld werden hier mit weitem Blick und aus großer Tiefe behandelt.
* * * * *
[Randnotiz: Die Sittlichkeit]
Eine Einigung des Guten im subjektiven und im objektiven Sinne bringt
die Sittlichkeit, Form und Gehalt des Willens stimmen hier zusammen,
hier erst erreicht das Leben einen festen Grund. »Das Rechtliche und
das Moralische kann nicht für sich existieren, sie müssen das Sittliche
zum Träger und zur Grundlage haben, denn dem Rechte fehlt das Moment
der Subjektivität, das die Moral wiederum für sich allein hat, und so
haben beide Momente für sich keine Wirklichkeit.« In der Sittlichkeit
wird die Stufe erreicht, wo die Freiheit zu fester Gestaltung gelangt,
das Leben beharrende Zusammenhänge bildet und dadurch den Menschen
sicher über das kleine Ich hinaushebt; solche Zusammenhänge sind aber
Familie, Gesellschaft, Staat. Bei der Familie findet Hegel zum Preise
der Liebe hohe Werte, sie sei ein Gewinnen des Selbst in einer anderen
Person, die wiederum dasselbe in mir erreicht. Damit erscheint die
Liebe als der »ungeheuerste Widerspruch, den der Verstand nicht lösen
kann«, aber wie das Hervorbringen, so ist sie auch die Auflösung des
Widerspruchs, dieses aber als sittliche Einigkeit. Gesellschaft und
Staat hat Hegel mit aller Deutlichkeit voneinander geschieden, jene
erscheint als der Inbegriff der Verhältnisse, welche die einzelnen im
gegenseitigen Verkehr zueinander ausbilden können; fiele der Staat
mit der bürgerlichen Gesellschaft zusammen, so wäre das Interesse der
einzelnen als solcher der letzte Zweck. Der Staat dagegen enthält eine
feste Organisation des gemeinsamen Willens und hat damit seinen Zweck
in sich selbst. Er baut sich in den Stufen des inneren Staatsrechts,
des äußeren Staatsrechts, der Weltgeschichte auf. In der inneren
Verfassung verficht Hegel die konstitutionelle Monarchie, da in der
Person des Monarchen die Persönlichkeit und Souveränität des Ganzen
erst voll zum Ausdruck komme und hier die notwendige Umsetzung des
gemeinsamen Strebens in bestimmte Willensentscheidung erfolge. Auf die
Individualität des Monarchen komme es dabei weniger an. »Es ist bei
einer formellen Organisation nur um die Spitze formellen Entscheidens
zu tun, und man braucht zu einem Monarchen nur einen Menschen, der
›Ja‹ sagt und den Punkt auf das i setzt; denn die Spitze soll so sein,
daß die Besonderheit des Charakters nicht das Bedeutende ist.« So
erscheint auch hier die Geringschätzung des Individuellen, die Hegel
eigentümlich ist; überhaupt erklärt er für das politische Gebiet den
öffentlichen Zustand für um so vollkommener, »je weniger dem Individuum
für sich nach seiner besonderen Meinung zu tun übrig bleibt«. Es stimmt
dazu die Art, wie Hegel das Verhältnis des großen Mannes zu seiner
Umgebung faßt. Daran zweifelt er nicht, daß die großen Wendungen
der Weltgeschichte keine Wirkungen der Masse sind, sondern sich in
einzelnen hervorragenden Individuen vollziehen, aber diese Individuen
sind groß nicht durch das, was sie an Besonderem haben, sondern durch
das, was sie an Bewegungen der Gemeinschaft zum Bewußtsein bringen. »In
der öffentlichen Meinung ist alles Falsche und Wahre, aber das Wahre in
ihr zu finden, ist Sache des großen Mannes. Wer, was seine Zeit will,
anspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der große Mann der Zeit.«
Hegel will eine Volksvertretung, aber sie soll weniger in den Gang
des Staatslebens eingreifen als dahin wirken, es auf eine höhere
Stufe des Bewußtseins zu heben. Sein Ideal ist die Herrschaft der
Intelligenz, und eine solche scheint ihm in unserer Zeit am ehesten ein
philosophisch gebildetes Beamtentum zu bieten. Augenscheinlich schweben
ihm dabei die damaligen Verhältnisse des preußischen Staates vor, die
er in verklärendem Lichte sah, gemäß seiner Neigung, das Wirkliche als
ein Vernünftiges zu verstehen.
* * * * *
[Randnotiz: Der Krieg]
Bei den äußeren Verhältnissen verteidigt Hegel mit großer
Entschiedenheit den Krieg, das aber in engem Zusammenhang mit seiner
philosophischen Grundüberzeugung. Er versteht die Weltgeschichte
als in unablässiger Fortbewegung begriffen, und das Hauptmittel des
Fortschritts ist ihm der Kampf; das gilt nicht nur für das geistige
Schaffen, sondern auch für das staatliche Leben. Jedes einzelne Volk
ist nur ein Teil des Ganzen, im Ganzen aber verschiebt sich unablässig
die Kraft des Lebens und verlegt sich von einem Volk in ein anderes;
das kann nicht ohne Zusammenstoß und harten Kampf geschehen, so wird
der Krieg ein Mittel, das Leben in frischem Fluß zu halten und seinen
Fortgang zu befördern, »er hat die höhere Bedeutung, daß durch ihn
die sittliche Gesundheit der Völker in ihrer Indifferenz gegen das
Festwerden der endlichen Bestimmtheiten erhalten wird, wie die Bewegung
der Winde die See vor der Fäulnis bewahrt, in welche sie eine dauernde
Ruhe, wie die Völker ein dauernder oder gar ein ewiger Friede versetzen
würde.« Zur Ausführung fügt er hinzu: »Im Frieden dehnt sich das
bürgerliche Leben mehr aus, alle Sphären hausen sich ein, und es ist
auf die Länge ein Versumpfen der Menschen; ihre Partikularitäten werden
immer fester und verknöchern.«
In engem Zusammenhang mit dieser Stellung zum Kriege steht die
Hegelsche Fassung des Verhältnisses von Moral und Politik. So wenig er
die Politik aus der Moral herausfallen lassen möchte, so meint er, daß
beim Staate mit seinen eigentümlichen Aufgaben die Moral selbst eine
andere werde als in den privaten Verhältnissen. Das Wohl des Staates
habe eine ganz andere Berechtigung als das Wohl der einzelnen, und zwar
habe der Staat sein Recht in seiner »konkreten Existenz«, und es könne
»nur diese konkrete Existenz, nicht einer der vielen für moralische
Gebote gehaltenen allgemeinen Gedanken Prinzip seines Handelns und
Benehmens sein«.
* * * * *
[Randnotiz: Die Weltgeschichte]
Das Leben des einzelnen Staates mündet nach Hegel ein in die
Gesamtbewegung der Weltgeschichte. Denn nach seiner Überzeugung ist
immer ein einzelnes Volk der Träger der jeweiligen Entwicklungsstufe
des Ganzen. Dieses auf der Höhe befindliche Volk hat dann ein absolutes
Recht gegen andere, freilich nur insofern es der allgemeinen Bewegung,
der »Idee des Weltgeistes« dient. Hegel meint, daß eine solche Höhe
einem Volk nur ein einziges Mal beschieden sei.
* * * * *
Die nähere Fassung des weltgeschichtlichen Prozesses bildet eine der
Höhen der Hegelschen Gedankenarbeit; seine immanente Art, die Welt
zu betrachten, findet hier einen besonders großartigen Ausdruck. Mit
fester Energie weist Hegel diejenigen ab, welche in respektierender
Betrachtung nützliche Lehren aus der Geschichte ableiten möchten; er
verurteilt das mit den Worten: »Was die Erfahrung und die Geschichte
lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus
der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen
gewesen wären, gehandelt hätten. Jede Zeit hat so eigentümliche
Umstände, ist ein so individueller Zustand, daß in ihm aus ihm selbst
entschieden werden muß und allein entschieden werden kann.« Eine
Voraussetzung allerdings hat die Philosophie an die Geschichte als
ihre denkende Betrachtung heranzubringen, die Voraussetzung, daß eine
Vernunft in ihr walte, daß es auch in der Weltgeschichte vernünftig
zugegangen sei; nur wenn wir Vernunft in ihr suchen, kann sie uns
Vernunft offenbaren; »wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht
sie auch vernünftig an; beides ist in Wechselbestimmung.« Zugleich
bekämpft er sowohl diejenigen, welche zwar an eine Vorsehung für die
einzelnen Individuen glauben, nicht aber an eine solche für das Große
und Ganze, sowie auch diejenigen, welche sich bei dem allgemeinen
Gedanken einer weltgeschichtlichen Vorsehung begnügen und nicht eine
nähere Ausführung dieses Gedankens wagen. »Wir können nicht bei jener,
sozusagen, Kleinkrämerei des Glaubens an die Vorsehung stehen bleiben
und ebensowenig bei dem bloß abstrakten, unbestimmten Glauben, der nur
zu dem Allgemeinen, daß es eine Vorsehung gebe, fortgehen will, aber
nicht zu den bestimmteren Taten derselben. Wir haben vielmehr Ernst
damit zu machen, die Wege der Vorsehung, die Mittel und Erscheinungen
in der Geschichte zu erkennen, und wir haben diese auf jenes allgemeine
Prinzip zu beziehen.«
* * * * *
[Randnotiz: Der Kern der Geschichte]
Hegels Lösung der großen Frage nach dem Sinn und dem Verlauf der
Geschichte ist aber folgende: Den Kern der Geschichte bildet die
Bewegung des Geistes, das Wesen des Geistes aber ist die Freiheit,
Freiheit im Sinne des Beisichselbstseins, nicht im Sinne einer
Wahlfreiheit, »Freiheit ist nur da, wo kein anderes für mich ist, das
ich nicht selbst bin«. Das Bewußtsein einer solchen Freiheit aber hat
der Geist erst zu erringen, und dies eben ist es, was in der Geschichte
erfolgt. »Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der
Freiheit«; ja als der Endzweck der Welt erscheint damit »das Bewußtsein
des Geistes von seiner Freiheit«.
Hier besonders kommt zur Geltung, daß der Aufstieg nicht in ruhigem
Fortgang, sondern durch schroffe Gegensätze und härtesten Kampf
hindurch erfolgt. »Die Entwicklung, die in der Natur ein ruhiges
Hervorgehen ist, ist im Geist ein harter unendlicher Kampf gegen sich
selbst. Was der Geist will, ist seinen eigenen Begriff zu erreichen,
aber er selbst verdeckt sich denselben, ist stolz und voll von Genuß
in dieser Entfremdung seiner selbst.« »Die Entwicklung ist auf diese
Weise nicht das harm- und kampflose bloße Hervorgehen, wie die des
organischen Lebens, sondern die harte unwillige Arbeit gegen sich
selbst.«
* * * * *
[Randnotiz: Große Menschen]
So gewiß die Träger dieser Bewegung die Menschen sind, sie dient nicht
ihrem Befinden, und nicht ihre Absichten sind es, welche den Weltlauf
bestimmen. Vielmehr sind die Menschen nur Mittel und Werkzeuge der
Bewegung des Geisteslebens, sie dienen ihm auch dann, wenn sie nur
ihre eignen Zwecke zu fördern glauben. »Sie vollbringen ihr Interesse,
aber es wird noch ein Ferneres damit zustande gebracht, was auch
innerlich darin liegt, aber das nicht in ihrer Absicht lag.« »Die
Leidenschaften zerstören sich gegenseitig, die Vernunft allein wacht,
verfolgt ihren Zweck und macht sich geltend.« So spricht Hegel auch von
einer »List« der Idee. Aus dem allgemeinen Getriebe aber heben sich
als große Menschen solche hervor, welche die allgemeine Notwendigkeit
zu ihrer eignen Lebensaufgabe machen. »Dies sind die großen Menschen
in der Geschichte, deren eigne partikularen Zwecke das Substantielle
enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist. Dieser Gehalt ist ihre
wahrhafte Macht.« Diese Menschen aber kommen nach Hegel eben zu
der Zeit, welche ihrer bedarf. »Wir müssen überzeugt sein, daß das
Wesen die Natur hat durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen, und
daß es nur erscheint, wenn diese gekommen, und deswegen nie zu früh
erscheint noch ein unreifes Publikum findet.« Wie Hegel in dem allen
der weltgeschichtlichen Bewegung eine Überlegenheit gegen die Zwecke
der Individuen zuerkennt, so verlangt er auch für ihre Beurteilung
einen anderen Standort als den der privaten Moral. »Die Weltgeschichte
bewegt sich auf einem höheren Boden, als der ist, auf dem die Moralität
ihre eigentliche Stätte hat, welche die Privatgesinnung, das Gewissen
der Individuen, ihr eigentümlicher Wille und ihre Handlungsweise ist;
diese haben ihren Wert, Imputation, Lohn und Bestrafung für sich.«
»Die Taten der großen Menschen, welche Individuen der Weltgeschichte
sind, erscheinen so nicht nur in ihrer inneren bewußtlosen Bedeutung
gerechtfertigt, sondern auch auf dem weltlichen Standpunkte. Aber von
diesem aus müssen gegen welthistorische Taten und deren Vollbringer
sich nicht moralische Ansprüche erheben, denen sie nicht angehören. Die
Litanei von Privattugenden der Bescheidenheit, Demut, Menschenliebe
und Mildtätigkeit muß nicht gegen sie erhoben werden.« Gewiß liegt in
solchem Gedanken eine Wahrheit, aber die Art, wie Hegel ihn überspannt,
enthält augenscheinlich die Gefahr, die Moral der geistigen Kraft
gänzlich unterzuordnen; er sah in der Moral nicht wie Kant die Quelle
einer neuen Welt, sondern nur die subjektive Gesinnung des einzelnen,
und daß diese nicht die bewegende Kraft der Weltgeschichte bildet,
daran läßt sich nicht zweifeln. Wie hier, so ist überhaupt die Größe
Hegels eng mit starker Einseitigkeit verquickt; wer ihn richtig
beurteilen will, hat beides miteinander gegenwärtig zu halten.